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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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XI

Der kleine, gedrungene Mann mit dem kurzgeschnittenen, ergrauten Vollbart und den scharfen Augengläsern, hinter denen zwei wunderschöne, gute und gescheite Augen hervorblitzten, empfing Lobositz mit ehrlicher Freude.

»Na, also, da wären wir ja wieder! Sapperlot, haben Sie sich aber gehalten! Von weitem könnte man glauben, Sie wären Ihr eigener Sohn – nur in der Nähe merkt man schon ein bißchen den Schwindel. Aber immerhin: Respekt! Rasse bleibt Rasse!«

Lobositz schüttelte dem kleinen Rechtsanwalt mit Herzlichkeit die Hand. Er hatte ihn aus mancher bösen Patsche herausgerissen, in die ihn Jugend, Leichtsinn und sorglose Noblesse hineingeritten hatten. Er hatte ihm auch in den schweren Tagen seines Zusammenbruches mit seiner Mischung von Derbheit und Herzlichkeit beigestanden, wo ihm Quittierung des Dienstes, Liebestollheit, Elterntorheit und eigenes Temperament das Leben nahezu wertlos erscheinen ließen: »Europa ist ein verkrachter Kadaver und nicht die Welt. Sehen Sie doch zu, daß Sie in die wirkliche Welt kommen, wo man sich rühmen und was leisten und was werden kann. Danken Sie Gott, daß Sie da heraus kommen, aus diesem unmöglichen Staatenkonglomerat, das schon in allen Fugen kracht. Wenn hier eines Tages der große Kladderadatsch losgeht, werden Sie von drüben vergnügt und bequem zusehen können – und lachen, wenn uns das Haus überm Kopf zusammenbricht, weil das ewige Lavieren nichts mehr hilft. Alles ist morsch und faul. Wer klug ist, geht beizeiten davon. Wir werden zur Zeit von Narren, Degenerierten und Lumpen gelenkt. Gewerbsmäßige Hetzer, die Geschäfte machen wollen, schüren – die Satten sind unersättlich und das Volk geduldig –, aber wie lange noch? Und was Ihre Schmerzen anbelangt, diese Liebesgeschichte und diese Familienkalamitäten – lachen werden Sie einmal darüber, ganz gemein lachen, daß Sie das je einmal ernst genommen haben ...«

Das alles schoß Lobositz durch den Kopf, als er jetzt wieder seinem alten Freund und Nothelfer gegenüberstand.

»Na, was habe ich gesagt?! Herr Graf, lachen wir jetzt zusammen? Sie sind ein reicher Mann, weil Sie fortgegangen sind – weil man Sie, Gott sei Dank, hinausgeworfen hat – im richtigen Moment ... und ich bin ein Schnorrer, weil ich dableiben mußte und weiter herumkrabbeln auf dem alten Misthaufen Europa, der zum Himmel stinkt wie die Pest. Wann gehen Sie wieder zurück in Ihr Paradies?«

Lobositz lächelt.

»Sie stellen sich die Welt da drüben auch anders vor. Es ist eine Hölle der Arbeit – ich bin das Paradies suchen gekommen.«

»Da werden Sie wenig Glück haben«, meint Doktor Kafka trocken.

»Vielleicht wenigstens das Paradies meiner Kindheit – oder das der Jugend. Eines hat mir Europa schon gebracht ...«

Und er erzählte Doktor Kafka, wer mit ihm von Berlin nach Wien gekommen war.

»Na«, meinte Doktor Kafka mißbilligend, »Sie sind da drüben auch nicht gescheiter geworden. Und was wollen Sie da mit dem jungen Ding anfangen? Heiraten vielleicht?«

»Warum nicht?!«

»Ihnen ist nicht zu helfen. Von Zeit zu Zeit, scheint es, müssen Sie eine Dummheit machen, sonst ist Ihnen nicht wohl!

Na, Sie werden schon zu mir kommen, wenn die Sache schief geht.«

»Die Tochter ist anders als die Mutter – ich liebe sie – sie liebt mich ...«

»Möglich! Warten wir's ab! Und was haben Sie mit Ihren böhmischen Gütern vor? Sie sind doch nicht nach Wien gekommen bloß um glücklich zu sein!«

»Eigentlich wollte ich hinfahren, dort bleiben, Bauer werden – von der Welt nichts mehr wissen. Aber unterwegs hat es mich von einer anderen Seite gepackt. Ich will in die Welt mit dem Mädel zusammen. Sie soll sehen lernen, sich entwickeln, eine Dame werden – und schließlich meine Frau. In den böhmischen Wäldern geht das doch nicht ...«

»Sehr richtig! Und dann kommt noch etwas dazu. Sie selbst haben wahrscheinlich die Sache nicht recht ernst genommen, das war nur so eine romantische Grille. Aber noch eines – es geht mich zwar nichts an, aber besprechen möchte ich es doch mit Ihnen –: was soll denn mit Ihrer Schwägerin und ihren drei Mädchen geschehen, wenn Sie sie hinauswerfen – Bargeld ist so gut wie keines da. Lösen Sie das Majorat auf und schenken Sie Ihrer hochgeborenen Schwägerin die ganze Sache. Die setzt sich drei Schwiegersöhne hin und das lebt sein Kaninchendasein weiter, frißt seinen Kohl – schwärmt von den guten alten Zeiten der Monarchie, wo man noch wer war, wenn man auch niemand war – und schimpft auf die Republik und die neue Zeit, die den Adel abgeschafft – und degeneriert langsam, aber sicher. Apropos – eigentlich sind Sie jetzt weder ein Fürst noch ein Graf, sondern nur Herr Lobositz schlechtweg – wenigstens bei uns und in der Republika Czesko-Slovenska. Im Ausland können Sie sich natürlich nennen, wie Sie wollen. Da fragt kein Mensch nach solchen Kindereien ... Also was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Fort mit dem Plunder?«

»Jawohl. Ich unterschreibe Ihnen die Vollmacht. Ich schenke das Majorat meiner Schwägerin, respektive ihren Töchtern. Ich beantrage überhaupt die Auflösung des Majorats. Führen Sie das alles durch. Ich bin natürlich amerikanischer Staatsbürger – wir müssen auch zum amerikanischen Konsulat oder zur Gesandtschaft, wenn die Beglaubigung von dort nötig ist. Ich will frei sein – wirklich frei ... auch von der Vergangenheit. Es scheint übrigens, daß einem das Leben sehr schwer gemacht wird – sowohl in diesem Torso Österreich als auch in der neuen Republik Tschechien. Ich habe heute schon einmal eine bittere Klage gehört.«

»Ja«, meinte Doktor Kafka, »wenn die republikanischen Gewalthaber schon reich wären, wäre es ja vielleicht ganz gut – aber vorläufig müssen sie erst reich werden, was bei der allgemeinen Verarmung keine Kleinigkeit ist. Und dann der Machtkitzel, der sie aufstachelt – es sind ja lauter Zufallsgrößen. Leute, die von der Welle hochgetragen wurden – Konjunkturmenschen ohne Wissen, ohne Bildung – ohne Talentproben von früher. Das Amt ist gekommen – und der Verstand hält nicht Schritt! Es ist eine scheußliche Übergangszeit voller Dummheit und Unmenschlichkeit, voller Gewalt und Unreife. Seien Sie froh, wenn Sie aus diesen unausgegorenen Staatsgebilden hinauskommen. Fort von hier, wo die Hähne auf dem Mist sitzen und Diktator spielen.«

Lobositz unterschreibt die Vollmacht für Doktor Kafka:

»Hier bitte – die Sache ist erledigt. Ich bleibe in der nächsten Zeit erreichbar – vielleicht daß ich in die Schweiz gehe oder nach Paris – keinesfalls so rasch nach Brasilien zurück. Ich will ausspannen und glücklich sein! Das ist mein einziges Lebensprogramm, das ich mir für die nächsten Monate gemacht habe.«

»Ich wünsche Ihnen, daß es gelingt. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«

Als Lobositz hinunterkam, hatte der Regen aufgehört.

Er schickte das Auto fort und beschloß zu Fuß zu gehen. ›Eigentlich ist dieser Doktor Kafka ein unerhört feinfühlender Mensch‹, – dachte er, ›trotz seiner Derbheit. Wieder einmal hat er es erfahren ... Die Schwägerin kennenlernen? Onkel aus Amerika spielen? Aristokrat der alten Schule, der er nicht mehr ist? Erinnerungen und Schmerzen auffrischen? Er, der im Begriff ist, ein neues Leben zu beginnen mit Jugend und Schönheit an seiner Seite! Oh, er wird es zwingen! Der Doktor soll ihn nicht unterschätzen. Er hat auch drüben das Leben bezwungen und es sich dienstbar gemacht!

In der freien alten Schweiz wird er sich eine Villa bauen ... am Genfer See ... Dort wird er mit Lilith hinfahren ... Ein freier Mann auf freiem Grund – der es nicht erst seit heute ist und die Kinderkrankheiten längst überwunden hat ...‹

Langsam schlendert er die alten wohlbekannten Gassen entlang.

Mein Gott, wie eng! Wie verwahrlost! Wie armselig ... und welche Gestalten! Vertrocknete Figuren in schäbiger Eleganz bilden die Mehrzahl. Merkwürdig, wie grau das Bild ist! Freilich, die Uniformen fehlen – das ist es. Erst jetzt merkt er es.

Er bleibt vor den Auslagen stehen. Er bewundert schöne und geschmackvolle Sachen.

In der Tür steht der Besitzer.

Im Lokal ist niemand.

Vor ihm gehen zwei und reden laut:

»Na, was soll ich tun, wenn mir alle Leute schuldig bleiben – muß ich auch schuldig bleiben. Ist nur die Frage, wer länger aushält, von nichts zu leben. Pleite gehen wir alle. Der eine früher – der andere später. Anschluß oder Aufteilung ... Es gibt keine Arbeit – es gibt keinen Verdienst ...«

Lobositz hat genug gehört und beeilt sich weiterzukommen.

In Berlin sind sie auch nicht auf Rosen gebettet – aber so hoffnungslos sieht es doch nicht aus ... Dort wird gearbeitet und nicht verzweifelt.

Mehr und mehr regt sich in Lobositz das Gefühl: in einer solchen Umgebung kann ich nicht bleiben, die drückt mich selber herunter und nimmt mir Kraft und Mut. Ich kann nicht glücklich sein, wenn rund um mich soviel Kummer ist. Es ist grausam – aber ich muß wohin, wo man nicht auf Schritt und Tritt die Spuren des Weltkrieges bemerkt, wo die Welt noch nicht so verblutet – verarmt und entblößt ist, wo es noch Freude gibt.

So hat er sich die Heimkehr nicht vorgestellt ...

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