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Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten!

Felix Dörmann: Machen Sie mich zu Ihrer Geliebten! - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleMachen Sie mich zu Ihrer Geliebten!
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectidf6150f95
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IX

Lobositz fuhr im offenen Auto durch den herandämmernden Aprilmorgen an fahlbrennenden Lichtern und müden Nachtschwärmern vorbei durch die köstliche Frische des einsamen Tiergartens ins Hotel zurück.

Er war lange nicht so ruhig wie Lilith. In ihm war Sturm und Erwartung und das süße Brausen des Frühlings, der über ihn gekommen war – von außen und von innen ...

+++

Es war neun Uhr morgens, als Lobositz und Lilith vom Anhalter Bahnhof hinausrollten in die weite Welt ihrer Erwartungen und ihrer ersehnten Seligkeiten.

Alles hatte geklappt. Kein Hindernis hatte sich ihnen entgegengestellt.

Spät abends sind sie in Wien eingetroffen und im Hotel Imperator abgestiegen.

Lobositz liebt das vornehme, alte Haus noch aus seinen feudalen Zeiten her.

Er erkennt es in der neuen Aufmachung kaum wieder.

Sie beziehen ein Appartement, bestehend aus einem Salon, an den sich rechts und links je ein Schlafzimmer anschließt.

Lobositz läßt einen seiner Reisekoffer zu Lilith hinüberstellen, um zu verbergen, daß die keinerlei Reisegepäck mitbringt. Tatsächlich führt sie nur das allernötigste Nachtzeug mit sich, das sie in der Aktentasche, mit der sie täglich ins Bureau ging, unterbringen konnte. Arm und blank wie eine Kirchenmaus ist sie von Berlin durchgebrannt. Zwischen Entschluß und Reise lagen nur die paar Nachtstunden, so daß ihr Lobositz nicht einmal ein Reisenecessaire kaufen konnte.

Ein leichtes Souper wird im Salon genommen.

Die Meldezettel werden als Graf Lobositz und Sekretärin ausgefüllt.

Nach dem Souper zieht sich Lobositz – so schwer es ihm fällt – diskret zurück; er will Lilith nicht in Toiletteverlegenheiten bringen. Morgen wird alles anders sein!

Die vorige Nacht verging schlaflos in der Berliner Diele, tagsüber eine ermüdende Fahrt – die Nacht gehört der Erholung.

Man wird sich erst gegen zehn Uhr, nach dem Bade, beim Frühstück treffen.

Noch einmal preßt Lobositz Lilith an sich. Ein heißes:

»Auf morgen«, und er eilt hinaus – wie vor sich selbst und seiner späten Leidenschaft fliehend.

Lilith bleibt allein.

Zum erstenmal allein seit ihrer Flucht aus Berlin. Der große Schritt liegt hinter ihr – die Brücke ist zerstört.

Rasch entkleidet sie sich, schlüpft ins Bad und dann ins Bett, todmüde – und schläft ein –, sie hat so viel nachzuholen ...

Lobositz duldet es nicht im Zimmer.

Er tritt vor das Hotel auf die Ringstraße und läßt sich einen Korbsessel hinausstellen, um noch eine Viertelstunde in der frischen Abendluft zu sitzen und alles zu überlegen, was überlegt werden muß.

Von einem plötzlichen, durch Familienereignisse ausgelösten Heimweh nach Europa erfaßt, ist er herübergekommen ... In den Frühling seiner Heimat wollte er fahren, auf die Scholle seiner Kindheit, in die böhmischen Wälder ... und mit einemmal steckt er tief drinnen in einer Liebesaffäre, in einem Wirbel, an den er nie gedacht.

Aber er bereut nichts. Nach den toten Jahren ist dieses plötzlich heiße Leben, zu dem er erwacht, von einem beseligenden Zauber.

Über die grünen Alleen der Ringstraße flutet das weiße Licht der Bogenlampen. Drüben über der Straße liegen beleuchtete Kaffeehäuser, sitzen die Menschen – Reihe um Reihe – an den Tischen. Hier herüben ist es einsam ...

Seit zwanzig Jahren zum erstenmal an diesem Platz!

Aber es hat sich nichts geändert – wenigstens äußerlich. Vielleicht sieht das bei Tageslicht alles anders aus. Doch bis jetzt hat er den Eindruck: Hier steht die Zeit.

Morgen vormittag wird er Lilith ausstaffieren. Nachmittags wird er zu seinem Anwalt gehen und nach seinen Angelegenheiten sehen. Weiter will er nicht denken – dann später, wenn er Lilith ... wenn er sein Glück endlich in den Armen gehalten hat –, dann ist es immer noch Zeit, Entschlüsse zu fassen.

Er nippt an seinem Whisky, den er sich kommen ließ, lehnt den Kopf zurück und schließt die Augen halb ...

Endlich darf er sich den Luxus gönnen, auszuspannen, Gefühlen und Launen nachzugeben ... Brasilien ... das Geschäft ... die Plantagen ... Azulena – sekundenlang tauchen Visionen vor ihm auf –, aber er scheucht die Bilder weg wie lästige Fliegen. Ihm ist so wohl, so leicht – so übermütig ...

Das Glück ist gekommen ...

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