Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Theodor Baargeld >

Lyrik und Prosa des Zentrodada

Johannes Theodor Baargeld: Lyrik und Prosa des Zentrodada - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/baargeld/zentdada/zentdada.xml
typefiction
authorJohannes Theodor Baargeld
titleLyrik und Prosa des Zentrodada
publisherSteinmeier Verlag Nördlingen
editorWalter Vitt
year2001
isbn3927496863
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090206
projectiddb9c69ba
Schließen

Navigation:

Ich lobe die Vergewaltigung

Das menschliche Auge und ein Fisch, letzterer versteinert, 1920

Dem Geburtshelfer des Proletkultes, Genossen Lunatscharski

Bald ist es so weit.
Bald haben wir Alles mit uns versucht.
Die Städte hast du aufgewühlt. Vergeblich. Du
            hast dich in ihre Falten gewühlt, wo der
            Zerfall brodet und düngt. Vergeblich.
Als in den Vorortschenken die Gier den Wartenden
            zerfraß, nie warst du zuversichtlicher.
Als zwischen Aborten und Freudenhäusern dich
            Schnaps und Garküchengestank präservierten.
Ob du jemals dem Andern, dem Einen näher warst?
In Minoturis sahst du sein Gesicht. Von Texas
            bis Idianopolis folgtest du seinen Spuren wie
            ein Hund dem Hunde.
Du kanntest seinen Geruch, ohne ihn zu kennen,
            du wußtest seinen Arm, der gleichgültig den
            Gruß schlägt, ohne ihn selbst zu wissen.
Du wußtest mit jedem Schritt mehr, mit jedem
            Schritt fiel dir ein Weiteres über ihn zu.
Ich traf dich auf den Straßen, die wir tausendmal
            aufgegeben und wieder aufnehmen, damals,
Und du spucktest aus, du höhntest dich: Am
            Niederrhein wart ihr die Straßen getrottet,
            du und er,
In den schweren Städten des Flachlandes habt
            ihr getrunken und gebrüllt. Du und er. Ihr
            habt euch gefaßt, mit Gewalt euch gewollt;
Und ihr gingt wieder eures Wegs. Auf der Suche!
            Ich lache! Du nach dem Einen – Er nach
            dem Einen.
Und jetzt sahst du sein Gesicht wieder, diesen
    Kübel deiner dünnen Bedürfnisse. Jawohl,
    du kennst seinen Geruch, ohne ihn selber zu kennen,
Und so, so muß sein Arm sein, der gleichgültig
    diesen Gruß schlägt, – und endlich,
Endlich schreist du: Hier, in Texas, in Minoturis,
    in den Städten des schweren Niederrheins, war
    ich dies immer?
Ich höre dich. Ja, du warst dies, nur du warst
    dies; ich antworte es deiner Gewalttätigkeit, die
    sich Liebe nennt.
Ich antworte es aller Gewalt, die flucht, daß sie
    Gewalt auch gegen sich findet. Aber wir
    dürfen uns noch nicht lieben . . .
Doch bald ist es so weit.
Bald haben wir alles mit uns versucht und wir
    werden es wissen.
Die Meere kämpfen untereinander, bis der Pacific
    sie alle in sich ersauft. Auch dies haben wir
    schon gesprochen und Andre spielten früher
    damit.
Doch es soll geschehen, derweil ihr eurem
    Spielen flucht. Wir werden euch zwingen,
     zwingen, selbst wo ihr klein beigebt.
In ozeanischem Tal sind schon die transatlantischen
    Dampfer zusammengerollt.
Doch wir nehmen euch mehr, wir versprechen
    wenig, und auch dies werden wir halten oder nicht.
Schönheit und Edles schlagen wir aus eurer Welt.
    Wie wollt ihr denn von Welt sprechen, die
    ihr zu haben seid wie die Weiber.
Die Himmelsfarbe ist längst in Europas leere
    Fabrikschlote ausgelaufen.
An den Türmen der Kathedralen reibt sich das
    farblose Firmament wie ein Hund.
Im Osten ruft keiner mehr zum Gebet. Die
    Minarets des Ostens haben sich gesenkt.
Die Kuppeln des Ostens kullern auf dem Rücken.
    Im Osten packten sich Luft und Erde!
Wir machen kein Hehl aus der Gewalt, wir sind
    die rechten Vergewaltiger!
Wo wir gingen, kann bloß Neues
    wachsen, da blieb nichts Altes, das
        wir schonten.
Ja, bald ist es so weit.

(1919)

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.