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Gutenberg > Robert Byr >

Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 8
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8

Hoch im schönen Appenzeller Ländli, an dem nordöstlichen Ausläufer des schneebedeckten Säntis, ragt oberhalb des vom Schwendibach durchflossenen Tales eine mächtig steile Felswand auf. Keine Kante so breit, um nur den Fuß darauf zu setzen, läuft, wenn man von unten hinaufblickt, daran hin, und dennoch sieht man dort mitten in dem senkrechten Absturz, wie durch ein Wunder hingetragen, Hütten kleben. Ein Kreuz ragt in einer Höhlung des Gesteins, ein Türmchen spitzt sich über einem der Dächer und die dünne Stimme eines Glöckleins bimmelt ihren frommen Ruf weit vernehmlich in die Berge.

Das ist das Wildkirchli. Heutzutage ein vielbesuchter und berühmter Ausflugspunkt für die Touristen, einst wohl der nur wenigen bekannte Zufluchtsort des von Feinden bedrängten Hirtenvolkes und erst in späterer Zeit auch seinen religiösen Andachtsübungen geweiht. Ein roher Blockbau, fast noch im selben Zustande, wie er um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gestiftet worden, dient zur 339 Kapelle, am Rande der einen Höhle; das Häuschen am Eingange der zweiten, zu welcher ein schwindelnder Pfad über den furchtbaren Abgrund hinführt, war einst die Wohnung der hier hausenden Eremiten. Hinter ihr aber schließt sich die Grotte nicht ab, wie die der Kapelle, sondern zieht sich in den Berg hinein, durchsetzt denselben und bildet so den Zugang zu einer schönen grünen Matte, die sich sanft hinanhebt bis zur Krönung der gewaltigen Felsen, in welche das Waldkirchli eingebettet ist. Die Fläche da oben, fast fünftausend Fuß über dem Meere, ist die Ebenalp.

Nach Osten sieht man von da nur hinab auf den Seealpsee, hohe Gebirgsstöcke – Alpsiegel, Marwies, der Hundstein – sperren, wie im Süden der Säntis, die Aussicht, aber schier unermeßlich weit dehnt sich dieselbe gegen Westen und Norden. Das ganze Appenzell, das Land von St. Gallen, der Thurgau liegen da ausgebreitet, scheinbar eine grüne, wellige Ebene voll fruchtbarer Triften und wohlhabender Ortschaften, die sich über die blaue Fläche des Bodensees hinaus fortsetzt bis dahin, wo die fernen Schwabengaue von zartem Duft verhüllt unter den Horizont sinken.

Ein Bild von lachender Schönheit, um so überwältigender, da es sich dem Auge bietet, nachdem die Dunkelheit des unterirdischen Ganges und der rotgelbliche Fackelschein es besonders empfänglich für Tageslicht und Farbenpracht gestimmt. Kein Wunder, wenn ein Jubelruf der hochaufatmenden Brust entsteigt, sobald man heraustritt aus der bedrückenden 340 Nacht, der feuchtkühlen Enge in die sich unabsehbar weitende Welt voll Lebenslust und Sonnenschein, den zahllose Wasserflächen in der Tiefe blitzend wiederspiegeln.

Und auf all diese Herrlichkeit blickte Lydias Auge kalt und teilnahmlos hin, während sie auf einer grasigen Böschung ganz nahe an dem Ausgang der Höhle saß und mit ihrem Sonnenschirme spielte; freilich wurde ihr auch der beste Teil der Aussicht durch eine ziemlich umfangreiche Gestalt versperrt, die sich wie ein dunkler Schirm vor dieselbe geschoben. Es war Graf Marchegg, der in steirischem Jägerkostüm erhitzt und ermüdet an seinem Bergstock lehnte.

Der Hut mit dem Gemsbart war ein wenig in den Nacken geschoben, und langsam wischte er sich mit seinem Tuche den immer wieder ausbrechenden Schweiß von der geröteten Stirne.

»Und so gibt es kein Mittel – kein Mittel?« fragte er mit einem grotesken Seufzer.

»Folgen Sie meinem Rate,« sagte Lydia trocken. »Wenden Sie ihre Aufmerksamkeit etwas ausschließlicher als bisher Edith Boswell zu. Ihr Vater ist, wie ich bestimmt weiß, ein kleiner amerikanischer Eisenbahnfürst. Derlei Prinzessinnen sind nicht abgeneigt, sich in europäische Gräfinnen zu verwandeln. Da haben Sie, was Sie brauchen: eine junge zweite Frau – mit Geld.«

»Oh, wie zermalmend Sie das aussprechen!«

»Durchaus nicht,« fiel sie rasch ein. »Ich weiß Ihnen ja Dank für Ihre Aufrichtigkeit und gehe Ihnen sogar freundschaftlichst an die Hand, das kann 341 Sie beruhigen, mein Lieber, daß ich mich nicht enttäuscht fühle.«

»Schade, schade!« rief er seufzend, was bei ihr aber nur ein kurzes, spöttisches Lächeln weckte.

»Geck, der Sie sind! Begreifen Sie nicht, daß mir ihre finanziellen Verhältnisse total gleichgültig sind?«

»Leider, leider, und das bringt mich eben in Verzweiflung. Ich werde mich Gero anschließen, den Säntis besteigen und mich in einem unbewachten Augenblick irgendwo hinunterstürzen –«

»Aber vorsichtig und möglichst so, daß Sie gerade vor Edith sanft zu knieen kommen. Lassen Sie sich nicht aufhalten.«

»Ewig – ewig schade!« seufzte der Graf noch einmal, als er, dem deutlichen und nachdrücklichen Winke Folge leistend, schon um den Felsblock schritt, den Vorangegangenen auf dem Wege zu folgen, der zu der kleinen Wirtschaft der Ebenalp führt.

Dort hatte sich nun alles wieder zusammengefunden, nachdem sich die Gesellschaft unterwegs nach Laune und Leistungsfähigkeit in einzelne Gruppen gelöst hatte. Eine ziemliche Anzahl von Gästen des Freihofs war an der Partie beteiligt, aber auch andre hatten sich angeschlossen, als erst der Plan des Ausflugs bekannt wurde. Eine Verschiebung hatte er allerdings erlitten, denn die Angaben des Barometers waren nicht ganz zuverlässig oder doch etwas voreilig gewesen, und es war Fräulein Olga Platow noch beschieden, die Besiegten vollends entweichen zu sehen, nachdem dieselben ihrem Abzuge erst eine ganz 342 besondere Motivierung gegeben hatten. Sowohl Frau Rodek als auch einige andre Bekannte wurden nämlich ins Vertrauen gezogen, daß es zwar zum Teil die doch sehr seltsam und abenteuerlich zusammengewürfelte Gesellschaft sei, welche den Damen Schneppe einen längern Aufenthalt verleide, im ganzen aber noch eine Reihe wichtiger andrer Gründe den Wechsel desselben empfehle. Es ließ sich nicht leugnen, gestand Mama Schneppe mit sorgenvoller Miene, daß das Klima von Heiden Wilma nicht recht anzuschlagen scheine, auch die Kost habe so etwas Erkünsteltes und ermangle der Nährkraft, es müsse doch im Regime gefehlt sein, und es mache sich auch immer mehr und mehr eine Reaktion gegen die bisherige Behandlung gewisser Zustände geltend, die mit der körperlichen Entwicklung zusammenhingen. Namentlich gegen Blutmangel werde eine ganz der bisherigen entgegengesetzte Methode angewendet und zwar mit dem allergünstigsten Erfolge. Eine natürliche Lebensweise, das sei die Hauptsache, und nun, da sie schon so viel darüber gehört und sie sich von den eklatantesten Wirkungen selbst überzeugt habe, wäre es doch eigentlich eine sträfliche Versündigung, wenn die Mutter ihr Kind nicht gleichfalls, zur Probe wenigstens, an diesen Urquell der Gesundheit führe, zumal sich ohnehin schon eine gewisse Vorliebe für eine weniger substantielle und raffinierte Kost bei der zarten Patientin äußere. Kurz, ein Versuch sei wenigstens zu machen, der könne nichts schaden – im Gegenteil, es sei alles davon zu hoffen – ja mit Gewißheit das Beste vorauszusehen – und überhaupt müsse die ganze 343 Menschheit ihr Ernährungssystem auf einer andern Grundlage aufbauen – der Vegetarianismus sei die einzig rationelle Diätetik – eine Bürgschaft für halbe Unsterblichkeit – ja, sozusagen die Religion der Zukunft.

Diese urplötzlich aufgeschossene Begeisterung für das Pflanzenreich hatte durch einige indiskrete Andeutungen des kleinen Studenten über propagandamachende Professoren und dergleichen eine eigentümliche Beleuchtung erhalten und den Stoff für allerlei übermütige Scherze geliefert, welche über die beiden nachfolgenden trüben Tage leidlich hinweghalfen. Dann endlich war die Sonne wieder Meisterin geworden, hatte die Wolken verflüchtigt, den Boden getrocknet und die so lange ins Freie Sehnenden von ihrer Zimmerhaft erlöst.

Eine heitere Fahrt durch den klaren Morgen in mehreren Wagen hatte die Teilnehmer an der Partie nach Weißbad gebracht. Nach kurzem Imbiß war man von dort wieder aufgebrochen, ein paar der älteren Herren und Damen und Baron Sarnberg zu Pferd, die Mehrzahl aber zu Fuß, auch für Lydia und ihre Schwester waren Reittiere bereitgestanden, die erstere aber hatte es verschmäht, sich auf eines dieser lebensmüden, unlenkbaren Knochengerüste zu schwingen, obwohl Graf Marchegg schon eine schwungvolle Anrede an den einäugigen Schimmel hielt, dem auf seine alten Tage noch ein solches Glück beschieden sei, Brunhild auf seinen Rücken zu nehmen. Diese aber hatte eine solche Grane ihrer unwürdig erklärt und Gero lebhaft beigestimmt. Bald genug fand er 344 Gelegenheit, es zu bereuen, denn nun fiel ihm die Aufgabe zu, Jenny den Arm zu reichen, und diese nahm es ziemlich ernst mit ihrer Stütze, denn sie war lange nicht so gut zu Fuß wie ihre Schwester, dazu kam noch, daß sie schon nach der ersten Stunde Wegs und noch eine ziemliche Strecke vom Ziele entfernt, den nur in leichtem Schuhwerke steckenden Fuß an einem Steine verletzt hatte und nun immer mehr zurückblieb, bis sie endlich nach längerer Weigerung den Antrag ihres Gatten annahm, ihr sein Pferd abzutreten. Er allein hatte an der Seite seiner Frau ausgehalten, während die übrigen Reiter weit voraus waren. So hatte sich der Tausch vollzogen, und nun ging es auch verhältnismäßig schneller vorwärts, denn Baron Sarnberg hielt sich überraschend wacker, was Jenny, nachdem sie die ersten Selbstvorwürfe glücklich abgetan hatte, wieder Anlaß gab, ihm triumphierend vorzuhalten, wie sehr sie immer mit ihren Mahnungen im Recht gewesen, daß er sich viel zu wenig zutraue.

Das war auch die Erwiderung, welche sie auf die Vorwürfe ihrer Schwester bereit hatte, als diese ihres erhitzt einherschreitenden Schwagers ansichtig wurde und über die Unvorsichtigkeit schalt, die den von schwerer Krankheit erst langsam Genesenden einer solchen Anstrengung ausgesetzt hatte. Er selbst aber hatte gelächelt und frohen Muts erklärt, es scheine wirklich nur auf den ersten Schritt anzukommen, wie bei einem rehen Pferde, das ja auch bloß warm werden müsse. Er sei selbst überrascht, wie wenig Beschwerde ihm das Steigen verursache. In dem freudigen Lobe seiner Frau, in ihrem glückseligen 345 Lächeln fand er reichen Lohn und die Anspornung zu weiteren Wagestücken. An Übermüdung war ja nicht zu denken, da für den Heimweg ein in der »Wirtschaft zum Escher« bereitgehaltener Tragsessel benutzt werden konnte.

Schon waren einzelne ungeduldig nach dem Wildkirchli hinübergeeilt, ihre jauchzenden Rufe vervielfältigte das Echo der Berge, wieder und wieder wurde es herausgefordert, und das Spiel begann von neuem, während sich die Nachzügler anschickten, auf der schmalen, steinigen Kante der Felswand zu folgen. Hier versenkten sich einige in den grausigen Blick, der schwindelnd zum Abgrund zog, dort musterte man neugierig die Einrichtung der Höhle und der Kapelle. Der romantischen Stimmung wurde ihr Recht durch Zitate aus dem »Ekkehard« und wieder andre scherzten mit der Andacht, indem sie auf die als Betschemel dienenden Bäume niederknieten, oder wohl auch in rascher Vermummung den Klausner vorstellten. Alles war Lust und Frohsinn und kein Wölkchen trübte den Sonnenschein am blauen Mittagshimmel.

Und als nun die Wanderung durch das Innere des Berges angetreten wurde, da gab es Gnomen und Erdgeister, die ihre Stimmen laut werden ließen und in seltsamen Gestalten vor den einander folgenden Gruppen auftauchten, bald erstickte ein leiser Schreckensruf in übermütigem Kichern, bald kam ein längst bereitgehaltener Arm einem strauchelnden Füßchen zu Hilfe. Lachen und Schäkern verstummte in der schwarzen Nacht, um in der nächsten Sekunde wieder überlaut anzuheben, wenn ein fahlroter Lichtschein einmal 346 heller an der Wand hinglitzerte und die darunter weghuschenden unheimlichen Schatten in bekannte Formen auflöste. So ging es munter vorwärts, bis der wachsende helle Punkt sich plötzlich zur weiten, herrlichen Rundschau auftat und die Welt in ihrem reichen, farbigen Kleide dalag vor dem entzückten Blick.

In diesem steten Wechsel der Gruppen hatte niemand des einzelnen geachtet, der noch in der Höhle zurückgeblieben war. Langsam schreitend und im Stehenbleiben bald hier, bald dort mit der qualmenden Fackel näher leuchtend, hatte Werner den Zug geschlossen. Entgegen seinem ursprünglichen Vorsatze, war er doch von seiner Mutter noch überredet worden, den Ausflug mitzumachen. Die kräftige Bewegung hatte ihm nach dem mehrtägigen, gezwungenen Stillesitzen wohlgetan, das Innere der Grotte ihn besonders interessiert, und nun, nachdem er sich schon eine geraume Zeit in derselben verweilt und seine Taschen mit verschiedenen Steinen gefüllt, schickte auch er sich an, das kühle Gewölbe zu verlassen.

Doch während der weggeworfene Kienspan in einer kleinen Pfütze knisternd erlosch, glaubte er plötzlich Stimmen zu vernehmen, er tat einen Schritt vor, hielt dann aber unwillkürlich an. Es war Lydia, welche auf eine Frage des Grafen antwortete. Beide konnten nur wenige Schritte von der Höhle entfernt sein, deren Mund ihre Stimmen wie ein Schallrohr auffing.

Indes er noch zögerte, schlugen weitere Worte an sein Ohr. Es war ein seltsamer Rat, der da erteilt 347 wurde. Dann kam eine Widerrede, eine Entgegnung, abermals eine und ein sarkastischer Schluß. Darauf wurde es stille, die beiden mußten sich entfernt haben, ehe der unfreiwillige Lauscher noch einen Entschluß über sein Verhalten gefaßt. Nun brauchte er wenigstens nicht umzukehren; er wartete nur noch eine Weile, um den sich Entfernenden einen genügenden Vorsprung zu lassen, und trat dann vollends aus der Grotte.

Für die Aussicht aber, die sich ihm bot, würde er kaum ein Auge gehabt haben, auch wenn ihn diesen Moment nicht eine Woge andrängender Gedanken beschäftigt hätte, denn beim ersten Schritt ins Freie fiel sein Auge auf die Gestalt derjenigen, welche er hier zu treffen nicht mehr erwartet hatte.

Auf der Rasenkante saß Lydia mit zurückgelegtem Leibe, die Arme erhoben, die Hände hinter dem Kopf verschlungen und so ein Kissen für denselben bildend auf dem rauhen Fels, an den er sich lehnte. Wie in Ermüdung entschlummernd, hielt sie sich regungslos, und auch die geschlossenen Augen stimmten dazu, aber unter den gesenkten Lidern sah Werner mit Erstaunen zwei schwere Tränen hängen.

Dieser Anblick war so überraschend, daß davor selbst der Eindruck der in dieser Stellung zu besonderer plastischer Wirkung gelangenden Formschönheit der edeln Gestalt zurücktrat. Einer Regung der Teilnahme nachgebend, redete Werner das weinende Mädchen an, ohne lange zu erwägen, ob seine Anwesenheit wirklich oder nur absichtlich ignoriert werde.

»Sie leiden?« sagte er. »Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

348 Jetzt tat Lydia die Augen auf, aber bei dem ersten Blick in die düster leuchtenden Sterne erkannte er, daß nicht Schmerz oder Wehmut, sondern nur der Zorn diese noch immer an den Wimpern blitzenden Tränen erpreßt hatte.

»Nein,« entgegnete sie mit abweisender Kürze. »Wozu fragen Sie?«

»Wie Sie wünschen – ich kann auch weitergehen. Ich war nur betroffen, als ich Sie hier so fand. Sie konnten ja ohnmächtig sein.«

Er nickte leicht und war wirklich im Begriff weiterzugehen, aber sie schwieg nicht, wie er erwartet hatte.

»Ich war nie ohnmächtig in meinem ganzen Leben, und hätte nicht gedacht, daß man mir derlei Zimperlichkeiten zutraut.«

»Aber Sie hatten die Augen geschlossen –«

»Dürfen das nur die Katzen in der Sonne?«

»Und dann hatte ich zuvor schon gesehen, wie Sie drüben neben der Kapelle am Geländer lehnten – wo keine Sonne hinschien – wie wenn ein Unwohlsein, ein Schwindel über Sie gekommen wäre.«

»Ein Schwindel?« Ihre Lippe warf sich verächtlich auf und der ironische Ton ihrer Stimme verschärfte sich bis zur Bitterkeit. »Eine Anwandlung, die ich ebensowenig kenne als Ohnmachten. Das ist das Privilegium nervöser, feiger Stubenhocker.«

Werner wiegte leicht lächelnd den Kopf.

»Wir Leute vom Bau sind just keine Stubenhocker und haben, wie Sie vielleicht wissen, ziemlich oft auf hohen Gerüsten zu tun, die nicht immer ganz gefahrlos sind. Wer nun nicht so glücklich ist wie Sie, 349 schwindelfrei zu sein, und dennoch hinaufgeht, den darf man doch wohl kaum feig nennen, und was seine Nerven betrifft, so muß sein Wille sie ganz beherrschen, sonst könnte er bei einem solchen Wagnis verunglücken.«

Sie hatte wohl verstanden, daß er von sich selbst sprach, ihr Auge suchte auch den Boden, doch unterließ sie es, ihren beleidigenden Ausspruch zurückzunehmen. Ihre Arme hatte sie sinken lassen, und ihren Oberkörper vorneigend, nahm sie das Spiel mit dem Sonnenschirm wieder auf.

»Ich sah in die Tiefe, weil es für mich einen unbeschreiblich bestrickenden Reiz hat,« erklärte sie. »Ich dachte mir, wie es sein müßte, da hinunterzustürzen. Glauben Sie, daß dies ein schmerzhafter Tod wäre? Der Einsiedler, von dem uns der Führer erzählte, muß die Besinnung verloren haben, lange bevor er unten zerschmetterte.«

»Und das nennen Sie einen schwindelfreien Kopf, durch den solche Gedanken ziehen?« Der finstere, trübende Zug, der ihrem stolzen Antlitze fast etwas Dämonisches verlieh, stieß Werner viel weniger ab, als ihre gewöhnliche Zuversichtlichkeit, die sie sonst so hochmütig zur Schau trug. Er empfand sogar etwas, das am besten noch als unwilliges Mitleid bezeichnet werden kann. Der Scherz lieh nur eine Maske dafür, und hätte sie aufgeblickt, so würde sie in seinen Augen etwas ganz andres gelesen haben, als sie aus seinen Worten herauszuhören meinte.

Sie sah trotzig vor sich hin zur Erde, und heftig, kampfbereit entfielen ihr auch die Worte:

350 »Der Tod hat nichts Furchtbares, außer für den Furchtsamen. Sterben ist leichter als leben.«

»Eben darum wählt der tapfere Geist auch das Schwerere.«

»Warum?«

»Der Kampf ist Mannesart.«

»Ah, da prahlt schon wieder einmal der Mannesdünkel,« höhnte sie unmutig. »Nun denn, ich bin nur ein Weib, das hat wohl keine Tapferkeit zu üben!«

»Doch auch – in der Ergebung.«

»Die alte Formel der Sklavenmoral; sie wird uns von Kindheit an gepredigt, Aber was ist denn so Kostbares an diesem Leben, daß wir uns an dasselbe klammern sollen?«

Sie hatte jetzt die Augen gehoben und sah, wie er lächelnd die Achseln zuckte. Aber was er sprach, klang doch ernst.

»Es ist das Feld für unsre Entwicklung und Betätigung. Wer den Tod wählt, vernichtet Willen und Kraft.«

»Sie würden sich also nie für denselben freiwillig entscheiden? Sagen Sie aufrichtig und ehrlich: – nie?«

»So lange wenigstens nicht, als ich noch selbst das Leben zu gestalten vermag.«

Sie blickte in die Ferne, aber von all den Schönheiten, die sich dem Auge hier boten, gewahrte sie nichts, sie sann dem nach kurzer Zögerung mit solch nachdrücklicher Bestimmtheit gegebenen Ausspruche nach. Plötzlich, ohne jeden vermittelnden Übergang, als wäre das Vorhergegangene völlig abgetan, fragte 351 sie Werner, woher er komme. Er erklärte, warum er in der Höhle zurückgeblieben, und deutete auf seine gesammelten Steine.

»Ob sich ein Schatz dabei findet oder bloß Hexengold, muß sich erst zeigen. Ich glaube selbst kaum, daß Petrefakte darunter sind, aber Fingerzeige wenigstens betreffs der Zusammensetzung und Verwitterungsverhältnisse der Gesteinarten. Selbst über die Konstruktion kann man immer wieder Aufschlüsse finden und neues lernen. Wir Architekten müssen uns ja überall umsehen und etwas abzulauschen suchen, da dürfen wir schon auch bei der großen Meisterin Natur in die Schule gehen. In ihrer Bauhütte gibt es noch manches Geheimnis zu erkunden.«

»Also auch hier forschen, trachten, arbeiten, überall das emsige Streben, nicht einen Augenblick Ruhe – selbst das Vergnügen, der Genuß wieder verwandelt in Arbeit – unausgesetzt Arbeit!«

»In irgendeiner Form allerdings – das gehört eben zur Gestaltung des Lebens – des meinigen wenigstens.«

Wohl war ihm der wegwerfende Ton nicht entgangen, doch das gab seiner Erwiderung nur noch mehr Ruhe und Festigkeit. Sie blieb nicht ohne Eindruck.

Aufmerksam sah Lydia in dies Gesicht voll Geist und Verstand, das den Stempel ernster Willenskraft trug. Aus ihren eignen Zügen war allmählich die grollende Verbitterung gewichen, wenn auch ein Rest von Herbheit noch immer nachhielt.

»Setzen Sie sich daher,« sagte sie, »abermals das 352 Thema fallen lassend, ohne weiter darauf einzugehen, und deutete dabei auf einen Felsblock, in dessen Ritzen sich zartes Moos angeklammert hatte und sogar einige zierliche Steinbrechblüten sproßten. »Ein wenig ermüdet werden Sie doch wohl auch sein, das heißt, wenn Sie nicht darauf erpicht sind wie die andern, ein paar Meter noch höher zu steigen, wo die Aussicht wahrscheinlich nicht viel anders ist als hier. Oder sind Sie auch einer von jenen, die jede Kirchturmspitze, die sie mehr sehen, gewissenhaft in Rechnung bringen und sich um so größer dünken, auf je mehr Gipfeln sie gestanden haben?«

»Jeder summiert eben seine Leistungen,« entgegnete er lächelnd. »Auf dem Gipfel stehen, ist immerhin eine schöne Sache, doch richtet sich meine Ambition nicht auf diesen hier. Aber was wird man sagen, wenn wir uns so zu einem Tete-a-tete absondern?«

»Das gilt mir gleich. Nein, da oben hinauf! Da wenden Sie der Sonne den Rücken und mir kommt Ihr Schatten zugut.«

»Da will ich den Platz doch lieber Ihrem Sonnenschirm abtreten – der wird sich der ehrenhaften Aufgabe viel besser entledigen. Oder Ihnen einen geeigneteren Stellvertreter herabsenden, der sich glücklich schätzen wird.«

»Darauf verzichte ich. Setzen Sie sich meinethalben wohin Sie wollen, wenn Sie so empfindlich sind, aber bleiben Sie da. Ich will lieber mit einem gescheiten Menschen im Sonnenbrand plaudern, als den unerquicklichen Schatten eines einfältigen genießen.«

353 »Sie wissen Ihre Mittel zu wählen,« sagte er. Und nun schwang er sich doch auf den ihm angedeuteten Sitz und richtete sich so ein, daß er Lydia gegen die heißen Strahlen deckte. Der einmal angeregte Humor begehrte aber noch weitere Genugtuung. »Sie hätten das unfehlbarste Ihrer Mittel nur nicht früher verraten sollen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun – es ist wohl wider Ihren Wunsch, daß man die Worte wie Fangbälle einander zuspielt, aber man kommt, ob man will oder nicht, auf alles zurück, was unerledigt blieb und gerade darum Eindruck machte, weil es innerlich weiter arbeitete. Ähnlich ergeht es mir gegenwärtig mit einer Ihrer Äußerungen. Ich denke unwillkürlich, daß Sie jetzt bei mir den Versuch der ›Schmeichelei‹ machen, ›welcher kein Mann widersteht‹.«

»Und wozu täte ich das?«

»Wie, wenn ich Ihnen ebenfalls ›die Eifersucht auf alle – Männer‹ vorhalten wollte?«

Sie hatte geringschätzig die Achseln gezuckt, aber das Herabneigen ihres Hauptes konnte ihm ihr flüchtiges Erröten nicht ganz verbergen. Seine Worte mochten sie verdrießen, doch konnte er ihr das nicht ersparen, denn sie sollte wissen, daß dies stets erfolgreiche Mittel bei ihm nicht verfing.

»Nicht daß Ihnen der einzelne etwas gelten würde,« setzte er nach kurzer Pause schärfer hinzu. »Sie mögen nur keinen an Ihrem Triumphwagen missen.«

»Oh! – Das ist es ja gerade, was mir an Ihnen gefällt,« entgegnete sie, ihren Blick offen zu ihm 354 erhebend und mit temparementvoller Lebhaftigkeit, »daß Sie sich nicht gleichfalls vorspannen zu müssen glauben – als ob wir in unsern eignen Augen nur nach dem Verhältnis der – Pferdekräfte wüchsen, welche uns zur Verfügung gestellt sind.«

»Kein sehr schmeichelhafter Vergleich.«

»Genau der passende. Welchen Vergleich braucht man für uns? Was hält man von einem Mädchen, das man nur mit faden oder dreisten Lobeserhebungen füttert und für untauglich zu jedem tieferen Gedanken und jedem ernsteren Gespräch erklärt? Sollen wir etwa entzückt sein über die zartsinnige Ausschließung von jeder zeitbewegenden Frage, die man uns mit geringschätziger Sorgfalt angedeihen läßt, indem man uns von der Kinderstube an einredet, wir dürfen nicht wir selbst, sondern nur jene niedlichen Puppen sein, für die man den Normalzuschnitt nun einmal fertig hat. Uns Verstand, Selbstbewußtsein, Mut, Kraft zuzutrauen, hält jeder Mann unter seiner Würde – seiner männlichen Würde natürlich. Welches Entzücken für uns, wenn man uns nur Zuckerplätzchen zu naschen gibt! Kaum daß sich einer dieser Herren die Mühe nimmt, eine besonders zierliche Düte dafür auszuwählen. Kann es doch nichts Beglückenderes geben, als zu hören, daß er uns schön, reizend, unwiderstehlich findet, und möge das Wesen des Mannes mit noch so viel Jämmerlichkeit gepaart sein, möge seine Begeisterung noch so zahm sich den kläglichsten Verhältnissen anpassen, möge jede Versicherung selbst eine Beleidigung sein. Ich könnte die Männer hassen, wenn ich sie nicht verachtete!«

355 »Die Männer?« fragte Werner mit besonderer Betonung.

Sie antwortete nicht, sondern führte einen Schlag mit dem Schirmstocke nach einem harmlosen hellgelben Schmetterlinge, der, voll Lust am goldnen Sonnenschein, an ihr vorüberflatterte.

Daß dieser Zornausbruch in knappstem Zusammenhange mit jenem Gespräche stand, dessen Schluß er mit angehört, hatte Werner sofort erkannt, sich auch scharfsinnig genug die Empörung der stolzen Mädchenseele über ein schwachmütiges und bedingungsweises Gelüsten, das vor gewissen praktischen Erwägungen mit gemeiner Klugheit zurücktrat, dennoch aber aufdringlich geäußert wurde, gedeutet, ja sogar eine gewisse Genugtuung darüber empfunden, daß sich so klar die Unwahrheit jener böswilligen Verleumdungen erwiesen, an die er keinen Augenblick geglaubt und die er doch nicht hatte vergessen können; – trotz alledem aber vermochte er diesen Erguß nicht mit vollem Ernst aufzunehmen, und mit der Teilnahme die sich vielleicht in ihm regen wollte, zu beantworten.

»Was hat Ihnen der arme Apollo getan, daß Sie ihn züchtigen wollen?« fragte er scherzend. »Den Falter meine ich, der so heißt. Ja so, wohl gerade darum. Auch Apollo war ein Mann.«

»Und um nichts besser als die andern. Auch Sie haben nur Spott und keine Rechtfertigung zur Hand. Einer solchen Ehre, die Waffen mit uns zu kreuzen, werden wir nicht für wert gehalten, und doch fragt sich's, ob Sie dieselben besser führen. Auch in Wirklichkeit, nicht nur bildlich genommen. Wieviel tun sich die Männer 356 auf ihre Kraft und Gewandtheit, auf ihre Ausdauer und Kenntnis zugut, als ob sie allein Meister in all den Dingen wären! Ein Frauenauge visiert ebensogut den Schuß, es regiert das Ruder die Frauenhand mit derselben Geschicklichkeit; ob wir nicht ebenso gründlich die Chancen einer Jagd oder eines Rennens erwägen, über Dressur der Pferde, Zweckmäßigkeit einer neuen Schlittschuhverbesserung, Eindringlichkeit eines Wahlmanifestes oder Zugkraft einer neuen Oper urteilen dürften. das möchte ich noch auf eine Probe ankommen lassen. Und worauf gründet sich denn dies Hochgefühl der Männer, wenn sie nicht mehr vermögen als ein Mädchen auch? Mit welchem Rechte wird uns die Freiheit verkümmert und die demütige Rolle des lebenslang Unmündigen zugewiesen? Warum dürfen wir es nicht in allem gleichtun den Männern?«

»Den Männern?« wiederholte Werner im gleichen Tone wie zuvor, doch war kein Zug von Ironie mehr in seinem Antlitze. Trocken, fast hart klang seine Rede. »Sie begehen wohl eine Verwechslung, mein Fräulein. Was Sie da angeben, läuft auf Ihre Unterhaltung hinaus, ist nutzloses Zeug, weiter nichts als Zeitvergeudung und gerade das, was diejenigen Männer treiben, die Sie darum verachten. Sie tun es dem ›Kavaliere‹ gleich und nicht dem ›Manne‹.«

Beide schwiegen. Sie konnten das Summen der Käfer hören, und durch die stille Luft kam das leise Klingen der Kuhglocken von den Alpenweiden herüber.

Aus längerem Nachsinnen auftauchend, warf Lydia, wie wenn sie ihn weniger tadeln als entschuldigen wollte, die Bemerkung hin:

357 »Sie sind Demokrat.«

»Ja, das bin ich!« lautete das überzeugungsvolle Bekenntnis.

»Was hat Ihnen der Adel getan?«

Werners Wangen röteten sich, und seine Augen leuchteten in düsterer Glut auf. Welche Herausforderung in dieser Frage gerade aus ihrem Munde – aus dem Munde der Tochter jenes Mannes, durch den seine Familie so viel gelitten und an den er von Jugend auf mit Zorn und Haß denken gelernt! So sehr er sich auch Mühe gab, ruhig zu bleiben und den ganz im allgemeinen berührten Punkt nicht ins Persönliche zu ziehen, klang doch der Groll so vernehmlich aus seiner Stimme, daß die harmlose Fragestellerin verwundert aufblickte.

»Ich könnte Ihnen die Weltgeschichte weisen,« sagte er, »dort würden Sie umständlich Antwort finden, wenn Sie sich die Mühe geben wollten, irgendein historisches Werk zu lesen, das nicht ad usum delphini präpariert ist. Aber derartige Bücher behält man ja den Söhnen und Töchtern Ihres Standes weislich vor. Ein solches Studium würde Ihnen wohl auch rasch begreiflich machen, daß es keiner besonderen Anlässe bedarf, um einen Mann zum Gegner überlebter und ausgearteter Institutionen zu machen. Doch Sie wenden sich an mich als einzelnen, und da will ich Ihnen denn zugeben, daß ich allerdings noch einen besonderen Anlaß habe. Meine nächsten Angehörigen haben durch einen Gewissenlosen aus jenen Kreisen schwere Unbill erfahren, ja, ich beklage sogar zwei teure Menschenleben, die seiner Schuld und dem aristokratischen Vorurteile zum Opfer gefallen sind.«

358 »Das ist traurig,« gestand sie leise zu, doch der teilnahmsvolle Ton wich sogleich einem kampflustigeren. »Nur meine ich, daß die Grausamkeit von jeher nicht bloß auf einer Seite war. Oder ist das Volk von aller Schuld frei, finden sich bei ihm nur Tugenden? Hat es nicht auch schon unzählige Opfer gefordert und konnte, was Sie durch einen einzelnen erlitten, nicht auch einen seinesgleichen von einem Gegner treffen? Jede Partei schreibt ihre Geschichte für sich, das ist selbstverständlich, und wer ist so vorurteilsfrei, unfehlbar zu beurteilen, welche mehr Glauben verdient? Ich begreife nicht, wie man das Volk lieben kann, da ich nirgends seine Vorzüge zu erkennen vermag.«

»Was hat Ihnen das Volk getan?« gab er nun ihre eigne frühere Frage abgeändert zurück.

Sie zuckte die Achseln, und ihr Mund verzog sich zur unschönen Grimasse.

»Es ist mir unsympathisch. Ich möchte sagen, es greift mir die Nerven an – wenn ich an Nerven glaubte. Es hat keine Erziehung.«

»Wo man ihm keine gibt. Wieviel große Männer – Leuchten der Menschheit – sind aus seinem Schoße hervorgegangen!«

»Das bestreite ich nicht,« versetzte sie, den Kopf von einer Seite zur andern wiegend. »Es kann jemand sehr gescheit, sehr gelehrt, ja sogar sehr gut erzogen sein, ohne doch zu besitzen, was man Erziehung nennt, die gute Lebensart meine ich. Ich glaube, man kann die Menschen in solche mit und ohne Manschetten teilen. Der Mensch, der Erziehung hat, trägt am Ende lieber schmutzige, als keine Manschetten.«

359 Sie lachte über ihren Einfall, der ihr selbst bizarr erschien, brach aber plötzlich und errötend ab, denn was sie bisher vollkommen übersehen hatte, bemerkte sie jetzt.

Werner, der für die Bergpartie nur ein weichwollenes Touristenhemd trug, erklärte kaustisch:

»Da darf ich Ihnen nicht länger die Nerven angreifen, denn auch ich trage keine Manschetten.«

»Wenn ich Sie hätte beleidigen wollen,« beeilte sie sich entschuldigend zu erklären, »würde ich Sie nicht aufgefordert haben, mir Gesellschaft zu leisten.«

»Wer weiß. Das wäre erst noch die raffinierteste Weise.«

Werner sagte das halb lachend, er hatte auch nicht einen Augenblick Miene gemacht, seinen Sitz wirklich aufzugeben. Im ganzen schien er ihn doch nicht unbehaglich zu finden.

»Warum müssen gerade wir beide uns immer streiten?« fragte sie.

»Weil Sie nicht dulden wollen, daß jemand andrer Meinung ist. Das gehört mit zu den männlichen Eigenschaften Brunhildens.«

Der Scherz fand jedoch kein Echo bei ihr.

»Nennen Sie mich nicht auch so. Der Vergleich ist beleidigend. Eine Unselige, die liebt, wo sie verspottet wird.«

»Aber auch dafür tötet. Und das könnten auch Sie.«

»Vielleicht!« Es war ein rascher, wild aufflammender Blick, der das Wort begleitete, doch alsbald wieder erlosch. Den Arm aufs Knie, die Wange in die Hand gestützt, sah sie ernst und trüb zur Erde.

360 »Was kann ich dafür, daß ich nicht anders bin?« begann sie wie in einem Selbstgespräch. »Mein Vater ist schuld daran, wenn nicht die Natur allein. Er wollte einen Buben haben. Zwei Mädchen waren schon vor mir da, nun kam ich, abermals ein Mädchen, und doch hatte man einen Erben gewünscht.

»Zwei Jahre später wurde der Wunsch erfüllt, aber wie wenn wir vertauscht worden wären, hatte ich die Kraft und Gesundheit, die meinem Brüderchen fehlte; das arme Kind sollte abgehärtet, gestählt werden, es war so abhängig, zur Aneiferung sollte es einen Kameraden haben. Das Los fiel mir zu. Als ob sich mein Vater in eine Enttäuschung hineinleben wollte, hatte er mir auch Knabenkleider gegeben. Ich habe sie getragen, bis ich fast erwachsen war. Die zwei kleinen Bürschchen wurden gleich gehalten, empfingen die gleichen Lektionen, trieben dieselben Spiele und Übungen; kein Mensch tat Einsprache – meine Mutter war tot, auch eine der Schwestern, und Jenny im Institute. Nur wir beide wuchsen miteinander auf, und mein Vater hatte seine Freude daran, wenn wir um die Wette jagten, ritten und kletterten – der arme Fritz – er war so zart und sanft – ich glaube wirklich, er hätte besser zum Mädchen getaugt. Er hat es nicht dazu gebracht, ein Mann zu werden. Als er starb, war Papa außer sich, daß das Majorat an Gero fallen sollte. Warum war ich, sein Liebling, kein Knabe? – Nun lag es höchstens in seiner Hand, mir durch ein Arrangement den Mitbesitz zu sichern. Als sein Sohn hätte ich meine Zukunft frei in Händen gehabt. So war nur 361 der Knabensinn und Knabenwille mit mir groß geworden, aber des Mannes Vorrecht ist mir in dieser von Männern für sich geordneten Welt nicht zugestanden. ›Brunhilde‹ spottet man mich. Warum? Nun bin ich einmal so – kann ich anders sein? Weiß Gott – oft hab' ich es selbst gewünscht, wenn ich andre Mädchen sah, wie glücklich sie waren, wie heiter und sanft sie sich in fremden Willen schmiegten oder mit kleinen, schlauen Kniffen den ihrigen durchsetzten. Ich kann es nicht. Ich verachte sie und doch beneide ich sie, die Glücklichen! Ihr höchster Wunsch ist: heiraten, eine gute Partie machen, als Frauen ihren Platz in Haus und Gesellschaft einnehmen. Willkommen, wer ihnen dazu behilflich ist. Fromm ergeben nehmen sie den ihnen von der göttlichen oder irdischen Vorsehung zugewiesenen Herrn und Gebieter an und sind tränenselig und dankbar für – Ah! ein Mann sein oder ein Weib – aber ganz!«

Die heftige Unterbrechung kam trotz der vorangegangenen Steigerung so unvorbereitet, so plötzlich, daß der überraschte Zuhörer sich davon tief betroffen fühlte. Er sah sich mit einemmal ungefragt ins Vertrauen gezogen, wiewohl er die ihm angebotene Freundschaft mit verletzender Gleichgültigkeit zurückgewiesen, und stand seltsam ergriffen dieser leidenschaftlichen Offenbarung gegenüber.

»Sie sind beklagenswert,« murmelte er.

Unberechenbar aber war diejenige, zu der er sprach, und in deren Fühlen und Denken er nun doch einen Einblick gewonnen zu haben meinte. Dies erste Wort der Teilnahme fand keineswegs den Weg zu ihrem 362 Herzen, es hatten im Gegenteile seine spöttischen, zurückhaltenden, ja selbst rauh abweisenden Bemerkungen bisher noch keinen schärferen Rückschlag hervorgerufen, als diese einem weicheren Gefühle entsprungene Annäherung.

Krankhafte Reizbarkeit des Stolzes und frevlerische Menschenverachtung äußerten sich in der höhnenden Weise, wie sie jedes Entgegenkommen ablehnte.

»Beklagenswert?« Ihre Lippen krümmten sich hochmütig. »Meinen Sie, ich hätte von diesen Dingen gesprochen, um mich beklagen zu lassen? Nur weil es eben heraus wollte, mochte es einmal laut werden. Was lag daran, ob's jemand hörte oder nicht? Beklagen? Warum verlachen Sie mich denn nicht lieber? Was haben Sie für ein Urteil über das, was in mir vorgeht? Die Männer stehen fest auf ihrem Sockel, den sie sich aufgerichtet, sie halten ihn für unerschütterlich, wie ihre ganze Weltordnung, und vermögen sich gar nicht in eine Änderung hineinzudenken, noch weit weniger in die Seele dessen, der sich in das Selbstverständliche nicht fügen mag. Von Helfen kann da keine Rede sein. Das ohnmächtige Rebellieren kann man nur verlachen oder beklagen. Aber die Klage ist nicht ehrlich, das Lachen steckt dahinter. Lachen Sie doch! – und lachen Sie offen!«

»Ich tue das, wozu ich mich gedrängt fühle.«

»Doch nicht zum Mitleid?« entgegnete sie rasch und sah ihn dabei einigermaßen erstaunt an. Noch war sie erregt, aber ihr Spott nahm etwas Frostiges an. »Das dürfen Sie für jene Armen sparen, die es durch ihr hartes Los verdienen, für die vielen, welche 363 alleinstehen, verhöhnt, verleumdet, umlauert, die sich entweder von allem auf Erden isolieren oder ihren Ruf preisgeben müssen, die Zahllosen, die unerlöst in Not und Elend verschmachten.«

»Das muß niemand, der arbeiten will.«

»Und wenn er es nicht kann? Wollten Sie mir etwa empfehlen, zu nähen, zu waschen, in die Fabrik zu gehen? Warum dazu leben? Beklagen Sie die, die es müssen

»Ich achte jene, welche es wollen

Sie zuckte leicht die Achseln. Bitter aber, wie des Streites müde, erwiderte sie:

»Die Welt denkt anders. Sie beugt sich vor dem Erfolg, sie beneidet die Glücklichen und nennt dasjenige Mädchen glücklich, das jener rauhen Notwendigkeit enthoben ist, dem sich die Hand eines reichen Mannes bietet, zumal wenn er ein guter Junge ist und der Frau dereinst die Regierung nicht schwer macht. Herrschaft und Reichtum, das ist die Befriedigung der Wünsche, die Macht des Willens, in gewissem Maße wohl auch Freiheit. Damit gestaltet sich das Leben am Ende in jedem Verhältnisse erträglich; darüber vergißt sich auch mit der Zeit der Zwang, gegen den sich der stolze Sinn wohl einmal aufbäumt.«

»Der aber viel zu wohlerzogen ist, um es ernst zu meinen und sich nicht schließlich doch zu fügen.«

Es war Werner unmöglich gewesen, diese sarkastische Bemerkung zurückzuhalten. Mehr als alles, was ihm noch bisher Aufreizendes in dem Wesen dieses Mädchens entgegengetreten, hatte ihn die fast 364 ohne Übergang aus jenem überraschenden Ausbruch sich entwickelnde Apathie – ja Frivolität – verletzt.

Und aus dieser schien sie nicht einmal mehr aufzurütteln, denn nicht zornig wie sonst, eher mit dem Ausdruck spöttischen Erstaunens sagte Lydia:

»Sie selbst predigen doch die Tugend der Ergebung.«

»Sie aber wollen ja kein Weib sein, sondern es dem Manne gleichtun.«

Ein Blitz flammte in ihren Augen auf, doch ihre Lippen preßten sich fest aufeinander, und es blieb unentschieden, ob eine Antwort beabsichtigt war oder nicht, denn dies ungestörte Zusammensein hatte ein Ende.

Eilige Schritte kamen näher. Stimmen wurden vernehmbar. Gero, von zwei Führern gefolgt, tauchte auf.

»Holla! Bist du da?« rief er. »Wir wollen schnell zurück, einen Tragsessel holen. Odo ist unwohl geworden. Dacht es wohl, hat ihn zu stark angegriffen. Echauffiert, dann die kalte Höhle – ist zu wenig abgehärtet gegen Temperaturwechsel, der arme Bursche. Sollte mehr Abreibungen vornehmen.«

Er war bereits in der Grotte verschwunden.

Der kleine Schreck ging rasch vorüber. Als die beiden Nachzügler bei der Gesellschaft anlangten, hatte sich Herr von Sarnberg unter des angehenden Doktors Olga Platow Assistenz bereits von der leichten Ohnmacht erholt. Er sah blaß und leidend aus, trat aber selbst am eifrigsten der Meinung seiner Frau bei, daß es nichts zu bedeuten habe. Sie war um so lebhafter, als sie sich zuvor »durch den unbedeutenden Schwächeanfall ganz unmotiviert aus der Fassung hatte bringen lassen«.

365 »Das ist nur so hier und da ein Wetterleuchten nach abziehendem Gewitter – ein leise mahnender Rückfall in der Rekonvaleszenz. Ich glaube wirklich, Odo, du spielst nur ein bißchen Komödie, um mich zu ängstigen. Du willst sehen, wie lieb ich dich habe. Du böser Mensch! Wenn ich nun Revanche nehmen wollte – mit meinem Fuß – und weißt du, der tut mir sehr weh! Wenn ich mich nicht so beherrschen würde –«

Und sie leistete darin Bewundernswertes. Es schien fast, als hätte sie ihren großen Schmerz ganz vergessen, so munter schritt sie an ihrer Schwester Arm einher, als die Gesellschaft nach der kurzen Störung wieder in bester Laune den Rückweg antrat.

Graf Marchegg war Lydias Weisung gefolgt, aber während er Edith seine Dienste weihte, flog immer wieder ein Blick, ein Seufzer zu jener hin, die sagen sollten:

»Du willst es – es muß so sein – aber wie schade! Jammerschade!«

 

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