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Gutenberg > Robert Byr >

Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 6
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Lange genug hatten die neuesten Artikel der Chronique scandaleuse nun Frau Schneppe auf der Zunge gebrannt. Nur die Rücksicht und Neugierde auf eine neue Bekanntschaft, über die man sich doch vorerst instruieren mußte, hatte ihr bisher Schweigen auferlegt – jetzt, wo das im allgemeinen wenigstens so ziemlich in Ordnung war und sie den Professor in eine von Wilma selbst herbeigeführte eingehende Darlegung der Fundamentalsätze der naturgemäßen Lebensweise gründlich vertieft sah, vermochte sie ihrer Mitteilungslust nicht länger mehr Zügel anzulegen.

Das Töchterlein war gut aufgehoben; vielleicht entwickelte sich da auf naturgemäßem Wege sogar ein lebensfähiges Pflänzchen, das mit sorgsamer Pflege zu üppiger Vegetation gebracht werden konnte, da durfte man das zarte Emporsprießen nicht stören. Von Werner, den die sorgsame Mutter, wie jeden jungen Mann, bei seinem Erscheinen anfänglich ins Auge gefaßt, war denn doch nichts zu erwarten. Eine Woche hatte genügt, die stille Hoffnung vollkommen zu zerstören. Auch er hatte sich nicht vertrauenswürdiger erwiesen als die andern, ja sein 291 Ausweichen war sogar recht auffallend geworden, während er sich gerade jenen Kreisen, vor denen sie ihn mit so uneigennützigem, mütterlichem Wohlwollen gewarnt, immer mehr zu nähern begann. Wenigstens verkehrte er beinahe täglich mit derjenigen, welche ihr der größte Dorn im Auge war, und deshalb gönnte sie auch gerade ihm das bißchen Mißvergnügen, das ihm vielleicht ihre Auffassung und Darstellung der Dinge bereiten konnte.

»Na, was sagen Sie dazu, Herr Rodek?« begann sie mit boshafter Freude. »Sie müssen es ja auch mit angesehen haben, und Sie hatten es so recht aus nächster Nähe. Ob sich nicht ein anständiges Mädchen schämen muß, wenn es die Herren und Damen nur in solcher Toilette sieht, geschweige denn, wenn es sich selbst andern so zeigen und öffentlich allen Blicken aussetzen sollte. In England mag es immerhin so Mode sein, aber hierzulande – inmitten einer gesitteten, deutschredenden Bevölkerung – es ist unerhört! Es sind aber auch Äußerungen gefallen – ich würde nur denjenigen, denen sie gegolten, wünschen, daß sie ihnen selbst zu Ohren gekommen wären.«

»Dafür können Sie ja noch Sorge tragen und so Ihren Wunsch erfüllen.«

»Meinen Sie – meinen Sie wirklich?« überlegte sie sich den unmutig und sarkastisch hingeworfenen Rat, indem sie dabei Werner, der äußerlich so kalt erschien, mißtrauisch anblickte. »Aber nein, ich liebe keinen Klatsch und keine Zuträgereien. Wenn ich nur für mich selber weiß, woran ich mich zu halten habe, und guten Freunden gebe ich dann auch gern einen 292 Wink; aber was jene Gesellschaft betrifft, die geht mich gar nichts an, und meine Sache ist es nicht, sie Anstand und Sitte zu lehren. Es ist verletzend für jemand, der darauf hält, wenn er so etwas sehen muß.«

»Aber ich an Ihrer Stelle, meine Gnädige, hätte mir das erspart und mich der Möglichkeit, verletzt zu werden, ferne gehalten.«

»Wer konnte denn voraussehen, was da kommen werde? Schon seit einer Woche hört man immerfort von der Ruderpartie, welche arrangiert wird, Herr von Wingerode ist alle Augenblicke in Rorschach, alles erzählt sich von der Regatta – Graf Marchegg behauptete sogar, es werde ein vollständiges Gondelfest, eine italienische Nacht, mit Lampions, Feuerwerk, bengalischer Beleuchtung, Musik, Maskerade, weiß Gott, was noch alles geben.«

»Aber für heute war das doch nicht alles angesagt. Davon müßte ich ja auch wissen.«

»Es war alles geheim gehalten. Eine Generalprobe. Das Stubenmädchen verriet es uns, daß ein Gesamtausflug hierher für heute nachmittag projektiert sei. Nun, man möchte doch auch ein bißchen hinter die Kulissen blicken. Wenn man schon so viel gehört hat – und dann hatten wir ohnedem einiges zu besorgen. Oben findet man ja rein gar nichts, man hat wirklich seine liebe Not, wenn man nicht ganze Koffer und Kisten von Toiletten mit sich herumführt, um sich überall als Modedame zu zeigen. Ich und meine Tochter, wir lieben die Einfachheit, aber da wird es dann eben nötig, hier und da einmal nachzuhelfen, denn wie die Vogelscheuchen zum Ärgernis der Welt will 293 man doch nicht umherlaufen. Es ist zu lächerlich, in welchem Aufzuge man heutzutage manche Person einhergehen sieht – wirklich zu lächerlich! Finden Sie nicht auch?«

Werner hatte den deutlichen Wink und Seitenblick nach der hinter ihm stehenden Reisenden wohl verstanden, ließ es jedoch bei einem Murmeln bewenden, aus dem nur einzelne Worte deutlichen Zusammenhang gewannen, es war etwas von der Nutzlosigkeit der Erfindung des Spiegels, man sehe das eigne Bild nie, wie er es zeige.

»Ja, nicht wahr, es ist abscheulich, wie sie verzerren,« fiel Frau Schneppe ein. »Auch in unserm Zimmer ist ein so abscheuliches Glas, es färbt alles grün und zieht in die Länge. Gerade einen Spiegel wollten wir hier auch kaufen. Das war der Hauptzweck, weshalb wir herabfuhren. Nun, bei dieser Gelegenheit konnten wir gleich den Spektakel mit ansehen. Erst wollten sie ein Bad nehmen; nun, meine Wilma schwimmt auch prächtig, und da hörten wir die ganzen Verhandlungen. Es war ihnen nicht recht, daß sie nicht mit den Herren zusammen schwimmen sollten. Ich bitte Sie! Das sei langweilig. Was sagen Sie dazu? Und nun verschoben sie das Bad bis auf den Abend, da wollten sie mit Kähnen hinausfahren in den See und draußen erst hineinspringen. Ja, was man alles erlebt! Und das wird so ganz offen verhandelt, als verstünde sich alles von selbst und wäre gar nichts Besonderes daran. Nun sollte das Wettfahren beginnen. Da waren zwei Boote, in jedem zwei Herren, die sahen zwar wie die Seiltänzer aus, aber es machte sich ganz hübsch. Dann waren 294 ein paar Jungen da, die mußten einzeln miteinander kämpfen, in kleinen Seelentränkern, der eine wäre beinahe umgekippt. Unterdes war aber Fräulein Wingerode mit ihren Hofdamen verschwunden, und auf einmal kamen sie in einem Boote daher, das sie in der Badeanstalt bestiegen hatten. Du lieber Himmel, wie die aussahen! Miß Mary und Miß Edith, die sind so mager, daß es nichts verschlug – die waren nur wie behangene Kleiderrechen. Auch bei der kleinen Sally ging's noch an, aber Fräulein Lydia mit ihrem Kolossalbau und den gerundeten Formen – Ein Skandal – ein Skandal! Nicht um tausend Gulden möchte ich meine Wilma so sehen!«

»Ich auch nicht,« murrte Werner.

»Nicht wahr? Na, sehen Sie, da sind wir der gleichen Anschauung, und das freut mich, denn die Herren haben sonst darüber eine ganz andre Meinung. Die meisten geraten ja förmlich in Entzücken über solche Extravaganzen. Das wissen die Koketten gar schlau für sich zu benutzen, und man darf ja nicht glauben, daß die sogenannten Emanzipierten über die Kunstgriffe der Koketterie erhaben sind. Im Gegenteile, das sind die allerärgsten. Die setzen sich über alles hinweg, um unter dem Schein, als sei ihnen an den Männern nichts gelegen, ihr Spiel mit ihnen zu treiben und sie durch Anziehen und Abstoßen ganz verrückt zu machen und recht unzerreißbar an sich zu fesseln. Man könnte wirklich das ganze Rezept ablernen, so offen legen sie ihre Netze aus; man kann die gar nicht bedauern, die blindlings hineingehen, wie dieser Herr von Wingerode –«

295 »Wollten Sie mir nicht von den Wettrudern erzählen?« unterbrach sie Werner ziemlich rücksichtslos. Frau Schneppe wollte jedoch die Andeutung nicht verstehen, sie gab nur für einen Moment nach und steckte den bereits auf dem Bogen liegenden Pfeil vorläufig noch in den Köcher zurück.

»Ja, Sie sind neugierig, wie es weiterging – ich begreife es. Aber das hängt ja alles zusammen. Wir kamen vor Erstaunen gar nicht zu uns, wie Sie sich denken können. Die niedliche Matrosenequipage war wirklich erschienen, um ein öffentliches Schauspiel zu geben. Es ist unglaublich, wie man sich so exponieren kann! Mit diesen jungen Herren wettfahren! Vielleicht wollte man nur die muskulösen Arme sich ein wenig in der Nähe besehen, denn im Ernste konnte man sich doch nicht mit ihnen in einen Wettkampf einlassen. Nun, die Herren waren recht galant und ließen das zarte Geschlecht vorausfahren – das zarte Geschlecht, das mit dieser Muskulatur um die Palme ringen wollte! Es ging auch danach aus. Die Herren sind im blinden Eifer beinahe unter das Schiff geraten – ganz recht wäre ihnen geschehen, und die Seefräulein, als sie sich nicht mehr zu helfen wußten, um ihre schmähliche Niederlage zu beschönigen, stießen an des Grafen Boot, daß in der Konfusion dann niemand mehr wußte, was geschah.«

»Eine eigne Auffassung für einen Zufall.«

»Ein Zufall? Warum nicht gar. Zufall war es bloß, daß der Graf ins Wasser fiel, da zeigte sich's aber auch deutlich genug, wie die Sachen stehen. Wie schnell sie bei der Hand war! Ebenso zufällig hätte 296 auch Herr von Wingerode in den See fallen können – einen Zoll näher ans Dampfschiff und das Malheur wäre fertig gewesen – aber nicht einmal umgeschaut hat sie sich nach ihm. Für Graf Marchegg jedoch setzte sie sich selber der Gefahr aus.«

»Das finde ich natürlich. Wer Schuld an einem Unfall trägt, muß ihn auch gutzumachen suchen.«

»Besonders, wenn er dem passiert, welchen man nicht gerne verlieren möchte. Der Geschmack ist eben verschieden, und Graf Marchegg hat immer Glück bei den Damen gehabt, aber derartige Beziehungen gar so offen affichieren, ist denn doch ein bißchen stark, muß ich sagen.«

»Und ich muß Sie bitten, Frau Schneppe, über diesen Gegenstand abzubrechen,« sagte Werner mit ernster Bestimmtheit.

»Sollte das etwa auch nur eine Auffassung sein?« versetzte sie mit boshafter Beharrlichkeit und spöttischem Achselzucken. »Sie nehmen natürlich gleichfalls Partei für diese verführerische Seejungfrau, die es Ihnen gleichfalls angetan hat. Ja, ja, leugnen Sie es nur nicht,« und schadenfroh kichernd setzte sie hinzu: »Übrigens werde ich Ihnen kaum etwas Neues sagen. Jeder, der Augen hat, kann ja sehen, wie die Dinge stehen. Nur Herr von Wingerode sieht und hört nichts. Der arme Mensch tut mir sehr leid, es ist doch nicht recht, sich so lustig über ihn zu machen und ihn zu mißbrauchen. Man muß Teilnahme für ihn haben, und ich weiß nicht, ob man ihm nicht eigentlich einen kleinen Wink geben sollte. Am Ende würde er es einem wohlwollenden Warner auch noch übelnehmen 297 und die Tatsachen für weiter nichts als eine ›eigne Auffassung‹ erklären. Als ob man die Verhältnisse nicht kennte! Fräulein Wingerode hat nichts, da muß der Vetter und Majoratsherr eben geheiratet werden, den lieben Graf Marchegg aber nimmt man als Hausfreund mit in die neue Menage.«

Die Plötzlichkeit, mit welcher sich Werner in seiner Entrüstung erhob, brachte die Schwätzerin doch endlich zum Schweigen. Das Geschoß war ja auch abgesendet und saß nach ihrer Meinung. Vor einer Zurechtweisung war ihr nicht bange; sie pochte darauf, daß sich ein Herr der Dame gegenüber gewisser Rücksichten nicht ganz entschlagen könne. Mit ein paar Worten ließ sich dann alles wieder in den Scherz ziehen, doch hierin irrte sie diesmal, und mit Schreck sah sie urplötzlich einen Gegner vor sich stehen, auf den sie nicht gefaßt war, und zwar niemand andern als eben jene »Person«, über deren »Aufzug« sie sich so besonders lustig gemacht hatte.

Die Erscheinung nahm sich aber auch jetzt ganz eigentümlich aus mit der trotzig in die Hüfte gestemmten Linken, mit dem etwas zurückgeschobenen Hut, der eine geniale Locke auf die Stirne hervorquellen ließ, und den herausfordernd blitzenden Augen unter derselben, für welche die Rechte eben den Kneifer wieder zurechtsetzte. War's doch vielleicht ein junger Bursche? Aber nein! Ein halbwüchsiger Knabe hätte sich doch nie mit dieser Impertinenz vor eine fremde Dame hingepflanzt. – Frau Schneppe hatte nicht so unrecht mit ihren Erfahrungen über das starke Geschlecht – nein, es war in der Tat ein Mädchen, allerdings über das schüchterne Backfischalter schon hinaus.

298 »Bisher hab' ich ruhig zugehört,« begann es, »teils ging's mich nichts an, teils lag nichts daran, was irgendein Maulwurf für Morast ausschaufelt. Jetzt aber ›stop!‹, sag' ich, oder es gibt was!«

»Und darf ich fragen, was es Sie jetzt angeht, mein Fräulein?« warf Frau Schneppe, die bleich geworden war, der Sprecherin kalt und höhnisch entgegen. Es wollte ihr aber nicht gelingen, hoheitsvoll dabei auszusehen.

Der Professor unterbrach bestürzt seine Ausführungen, und Wilma machte sich bereit, Stellung an der Seite ihrer Mutter zu nehmen, wobei sie auch den Professor hereinzuziehen trachtete, indem sie die Hand wie hilfesuchend auf seinen Arm legte. Noch hatten beide keine Ahnung, um was es sich handle, sie starrten die ihnen wie verrückt erscheinende Fremde an. Diese hatte indes die an sie gerichtete Frage beantwortet.

»Auf meiner Freundin laß ich nichts sitzen. Lydia Wingerode ist meine Freundin, und was da über sie geäußert wurde, ist Tusch, Madame. Stände ich einem Manne gegenüber, würde ich dem Verleumder und Ehrabschneider meine Karte schicken; verstanden!«

»Mein Fräulein!«

»So aber ist's freilich nichts,« fuhr die Angerufene, ohne sich daran zu kehren, mit souveräner Verachtung fort. »Nur duld' ich weiter an meinem Tische keine Insulten. Das ist's, was ich Ihnen sagen wollte, Madame. Mein Name ist Olga Platow, ich bin Student der Medizin an der Universität von Zürich, wenn Sie es wissen wollen, und das ist mein Platz, 299 und hier steht mein Bier, und jetzt ›Prosit! auf recht angenehme Gesellschaft‹!«

Dabei hatte der junge weibliche Student sein Glas vom Tische genommen und trank es gewissermaßen Frau Schneppe zu, die, zitternd vor Erregung, zwischen dem deutlich erkennbaren Wunsche, den Zweikampf, nur allerdings auf unter Männern ungebräuchliche Waffen, wirklich anzunehmen, und der Furcht schwankte, endlich doch in einer öffentlichen Skandalszene den kürzern zu ziehen. Dies Bedenken überwog auch, denn bis jetzt hatte der Vorfall noch kein großes Aufsehen erregt. So burschikos das Auftreten der dreisten jungen Dame auch war, sie hatte es vermieden, ihre Stimme besonders zu erheben, an andern Tischen dagegen wurde laut gesprochen, und so sah nur hier und da einer der Nähersitzenden herüber. Frau Schneppe zog es vor, nicht auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise hierher zu lenken.

»Man ist allen Beleidigungen ausgesetzt, wenn sich die Herren nicht als Beschützer unser annehmen,« wollte sie weinerlich vorwurfsvoll einen Wall vor sich aufwerfen, doch stockte sie noch vor dem letzten Worte betroffen. Sie hatte unter einem Gewirr von Stimmen eine einzelne erkannt, und sich rasch umsehend, erblickte sie eine Gesellschaft von Herren und Damen, welche eben auf die Terrasse heraustrat.

Es waren die Teilnehmer der Wettfahrt. Die Siegerinnen hatten sich vollständig umgekleidet und nur ihre gutlassenden Matrosenhüte beibehalten, auch die Geschlagenen staken wieder in ihren nonchalanten Sommerkostümen. Herr von Wingerode führte am 300 lautesten das Wort. »Fünf Bootlängen – der Damencrew war wundervoll – not in training – unvergleichlich! Vierzig Strocks, bei Gott!« Er schien ganz in Enthusiasmus zu sein, insoweit es die seinen Vorbildern, den Engländern, abgelauschte breitruhige Weise erlaubte.

Auch Lydia war von der energischen Verteidigerin ihrer Ehre sofort erkannt worden, und es wurde nun ein bißchen lebhaft das Wiedersehen gefeiert. Das Erscheinen der Ruderer hatte wohl auch bei andern Beachtung gefunden, aber da unten ertönte das kleine Horn des Bahnwächters, der Zug schob sich rasselnd heran, die Glocke schallte, eine Reihe von Ortsnamen, aus voller Lunge rezitiert, rief die Passagiere für die Rheintallinie ab, und dazwischen gellte wieder ein Pfiff. In all dem Lärm und Gedränge ging das freudige Geplauder spurlos unter, die Gruppe löste sich, und als die Wogen sich verlaufen hatten, da waren auch die beiden Damen Schneppe verschwunden. Werner erinnerte sich, etwas von »weiteren Besorgungen« und »Zeit benutzen« gehört zu haben, was wohl den einigermaßen beschleunigten Rückzug decken sollte, hatte aber zu viel mit seinem nervenlosen Freunde zu tun, der plötzlich nervös geworden schien und dem er wiederholt die Versicherung geben mußte, daß dies noch lange nicht der Zug nach St. Gallen sei und in ganz entgegengesetzter Richtung gehe, ehe sich das Eisenbahnfieber wieder legte.

Statt der ihnen abhanden gekommenen Gesellschaft fanden sie fast ebenso unversehens eine neue. Fräulein Olga Platow hatte die Freundin natürlich an ihren 301 Tisch geführt, und Werner stand mit Professor Köchle wie gefangen mitten in ihrem Gefolge. Der Letztere bemerkte jetzt erst, daß er seine geduldige Zuhörerin verloren hatte, und gab seiner Regung des Bedauerns Ausdruck, indem er dem Freund die jedenfalls verspätete Frage vorlegte:

»Meinst du nicht, ich hätte den Damen doch Adieu sagen sollen? Sie werden mich jetzt für recht unhöflich halten und – es war ein so nettes Mädchen.«

Es blieb ihm aber nicht viel Zeit für seine Reueanwandlung; als Werners Freund war er bald mit den andern bekannt und in das Gespräch hineingezogen. Alle Chancen des Bootrennens wurden noch einmal durchgenommen, unterdrücktes Lachen und lautes Bedauern mischten sich, als der Katastrophe Erwähnung geschah, welcher Graf Marchegg zum Opfer gefallen.

»Ei was!« meinte Herr von Wingerode. »Ob er früher oder später sein Bad nimmt, bleibt sich ja gleich.«

»Pfui Gero,« strafte ihn lächelnd Baronin Sarnberg. »Aus dir spricht die Schadenfreude. Du verrätst dich. Wie, wenn nun Odo an seiner Stelle gewesen wäre?«

»Und das hätte leicht geschehen können,« sagte der Genannte achselzuckend zu seiner Frau, »wenn ich deinem Schmollen nachgegeben hätte.«

»Oh, dann wäre ich beim Crew gewesen und hätte schon acht gegeben, daß mir kein Tropfen Wasser an mein Zuckermännchen komme.«

»Das schlimmste ist,« beklagte der junge Huxley 302 den Grafen, »daß er jetzt im Bett liegen muß, bis seine Kleider trocknen.«

»Wie langweilig wird er es haben!« rief ein andrer junger Mann. »Champagner und Zigarren ersetzen doch nicht die Gesellschaft der Damen.«

»Ihn bedauern?« ließ sich hüstelnd einer der bleichen Molkentrinker vernehmen, die zu Lydias Schatten gehörten. »Wie süß muß es sein, zu versinken, um von dieser Hand gerettet zu werden. Der Glückliche!«

So gingen die Ansichten auseinander und wie in dem einen Falle auch anderwärts. Neben der allgemeinen Debatte hatte sich auch eine besondere zwischen dem Professor und Gero entsponnen, die nach einigen lose hingeworfenen Äußerungen in einander Gleichgesinnte gefunden zu haben meinten und sich demgemäß zu engerem Anschlusse und völliger Verständigung anschickten.

»Glorioser Einfluß auf die Muskelentwicklung,« sagte Gero, indem er beistimmend nickte. »Naturgemäße Lebensweise und Abreibungen. Bin auch sehr dafür.«

»Aber die Abreibungen reizen doch etwas zu sehr die Hauttätigkeit.«

»Ganz recht. Ich habe dafür eine neue Art Patentfrottierhandschuhe.«

»Wir sollen aber mehr belebend auf die Nerven wirken,« suchte der Professor seinen Einwurf zu begründen. »Taubäder, indem man barfuß über die Wiesen geht, sind da ganz unübertrefflich.«

»Wie alles kalte Wasser, aber Sturzbäder sind weit ausgiebiger.«

»Bäder, ja, aber durchaus nicht zu kalt, das erzeugt zu rasche Kontraktionen – eher lau.«

303 »Bah! Laues Wasser erschlafft die Muskeln, und die müssen, wie der Atem, geübt werden.«

»Ja, das Letztere ist unerläßlich. Körperliche Bewegung ist ein Hauptaxiom.«

»In training setzen.«

»Wir treiben Gymnastik –«

»Well!«

»Sägen Holz.«

»Holz? Oh, das ist nicht gentlemanlike. Aber tut nichts, es ist doch Kraftverbrauch, Muskelübung; auf den Ersatz kommt es an. Kräftige Nahrung. Fleisch, Fleisch und wieder Fleisch!«

»Der Himmel bewahre uns! Fleisch? – Fleisch erhitzt und erregt.«

»All right!«

»Nein – Obst, Gemüse und Grahambrot.«

»Grahambrot? Oh, Grahambrot ist sehr gutes Futter für die Pferde, in der Tat.«

»Ich rede aber von den Menschen. Es ist die zuträglichste Nahrung.«

»Für den Menschen? Wie wollen Sie denn da Muskel erzeugen? Mindestens siebenhundertundfünfzig Gramm Fleisch per Tag. Sehen Sie sich die Engländer an. Die Wettgeher, die Ruderer, die Boxer nehmen noch mehr.«

»Rechnen Sie diese Beschäftigungen vielleicht zu den gentlemanliken?«

Der Professor, so sehr gegen alle Erhitzung eingenommen, hatte sein kaltes Blut früher eingebüßt als sein Widersacher.

»Gewiß,« entgegnete dieser, »jeden Sport.«

304 »Und das nennen Sie naturgemäße Lebensweise, wenn man den Organismus mit Stickstoff übersättigt? Ich bin ein Mann, der mit dem Kopfe, nicht mit den Fäusten arbeitet, und brauche Gemütsruhe. Ich sage Ihnen, die Menschheit wird sich aus ihrem nationalökonomischen Elend erst befreien, wenn sie sich den gesundheitsunschädlichen Nahrungsmitteln zuwendet.«

»Und ich bin Landwirt und sage Ihnen, daß wenn die Menschen einmal kein Fleisch mehr essen, auch keines gezüchtet wird. Dann fällt der Dünger weg und ohne den wächst auch kein Getreide, Gemüse und Obst mehr, dann kann die Menschheit naturgemäß Luft schnappen.«

»Über die veraltete Landwirtschaft sind wir längst hinaus. Für die Zusammensetzung der Pflanzennahrung hat die Chemie ganz bestimmte Formeln aufgestellt.«

»Ganz recht – bestimmte Formeln – die Chemie – für die Ernährung des Organismus, und die Engländer halten sich strenge danach. Sie sind das rationellste Volk der Erde. Für den Mann siebenhundertundfünfzig –«

»Äpfel im Jahre.«

»Nein, Gramm Fleisch im Tage; für das Pferd vier Kilo Hafer und vier Kilo Heu; für das Schaf –«

»Meinetwegen mögen die Schafe fressen, was sie wollen!«

»Nein, was sie müssen. Nach den wissenschaftlichen Feststellungen der englischen –«

»Diese wissenschaftlichen Feststellungen werden 305 aber durch die Erfahrungen, welche dem Vegetarianismus zugrunde liegen, umgestoßen.«

»Der Vegetarianismus ist Unsinn.«

»Und die Engländer sind Narren.«

Das war das Ende der gesuchten Verständigung, und die scheinbaren Gesinnungsgenossen trennten sich als erbitterte Gegner.

Es gibt Tage, wo der Widerspruch in der Luft liegt, diese selbst scheidet sich in Wasserstoff und Sauerstoff und vereinigt sich nur wieder zu Knallgas. Jeden Augenblick gibt es eine Explosion.

Am Eisengeländer, fast an derselben Stelle, wo zuvor das krakeelsuchende Studentlein gestanden, lehnte jetzt Werner. Er blickte auf den See hinaus, sah aber weder dessen zunehmende Bewegung noch die ganz sachte im Westen emporsteigende Wolkenwand, die sich aus schwellenden und übereinandergeschobenen Baumwollballen aufzubauen schien. Er hatte aber auch gar nicht die Absicht, Wetterbeobachtungen anzustellen, und seine Absonderung nur den Zweck, sich dem Gespräche der andern zu entziehen, das interesselos für ihn war, wie er sich vorsagte, in Wahrheit aber seine Verstimmung immer mehr steigerte. War es doch, als ob er zwischen jedem Satze das Kichern heraushöre, mit dem Frau Schneppe ihre spitzen Reden zu begleiten liebte, dieses häßliche widerwärtige Kichern der öffentlichen Meinung, der landläufigen Banalität, das sich ebensowenig unterdrücken ließ. Ein drohendes Entgegentreten konnte es verscheuchen, ja – aber zum Verstummen bringen? – nein! Es ließ sich nur an 306 einem andern Orte hören. Ein Mädchen sollte sich hüten, es herauszufordern.

Der Unmut kehrte sich gegen die, welche Anlaß gegeben, und es machte die Sache keineswegs besser, daß sie jetzt plötzlich neben ihm stand und die Arme gleich ihm auf das Geländer legte. Warum ließ sie ihn nicht allein, da sein Verhalten doch deutlich den Wunsch zu erkennen gegeben? In den letzten Tagen waren sie freilich in eine Art freundschaftlichen Verkehr zueinander getreten. Wenn auch Frau Schneppes Anspielungen übertrieben waren, eine Annäherung zwischen den beiden, die sich anfänglich so schroff entgegengetreten, hatte tatsächlich stattgefunden. Aus dem ersten Plauderstündchen am Lehnstuhle der alten, halberblindeten Frau waren mehrere geworden. Die Vorleserin hatte sich in eine Zuhörerin verwandelt, die es nicht duldete, daß Werner seine Lektüre unterbrach, wenn sie herzukam und so freundlich bat, sie nicht auszuschließen, daß man sie nicht gehen heißen konnte. Viel hatte Werner nicht mit ihr gesprochen, aber er wich ihr wenigstens nicht mehr vorsätzlich und auffallend aus. Es war mehr seiner Mutter als sein Umgang, aber seine Worte klangen, wenngleich kühl, doch nicht unhöflich, wenn er ihr begegnete.

Diesmal war es ihm fast unmöglich, denselben Ton zu bewahren. Er hatte das Vorgefühl, daß er hart werden könnte, und blieb darum lieber karg mit dem Wort, auch als sie – nicht wie er erwartet, mit einem Triumphe – sondern mit einer Erinnerung an seine Mutter begann, die sich recht allein fühlen werde.

307 »Aber es waren ja auch gewissermaßen Pflichten, die Sie fortriefen, und Ihre gute Mama wird sich in Gedanken mit Ihnen freuen, so recht in ihrer Seele,« fuhr Lydia, sich über sein Schweigen hinwegsetzend, fort. Sie sah so heiter aus, als ob die Sonne sich in ihren Augen spiegle, wie es sonst nicht in ihrer ernsten, stolzen Art lag. War es die Freude am errungenen Siege? Einen Moment lang meinte Werner es, aber war denn ein so leichter Sieg des Jubels wert? Einen Fingerzeig auf den Ursprung ihrer Stimmung gaben ihre weiteren Mitteilungen. »Wie seltsam, daß uns beiden heute die Freude zuteil wird, alte Freunde wiederzusehen! Sie haben sich Ihren Professor abgeholt und ich mir meinen Studenten. Aber für mich war es eigentlich eine Überraschung, denn Olga zeigte mir ihren Besuch wohl an, aber nicht Tag und Stunde. Wir haben uns vor ein paar Jahren bei meiner verstorbenen Tante in Riga kennen gelernt, wo sie zu Hause ist. Ein originelles kleines Geschöpf, nicht wahr? Wie gefällt Ihnen meine Freundin?«

»Ich liebe diese Gattung Frauen nicht,« entgegnete Werner mit ablehnender Kälte.

»Ach, Sie beurteilen sie nach ihrer Erscheinung.« Lydia sah sich um und warf einen musternden Blick auf ihre Freundin, die sich mit den Herren in eine lebhafte Diskussion eingelassen. Ein Lächeln spielte um ihren Mund. »Es ist wahr, ihr Anzug ist ein wenig übertrieben.«

»Finden Sie? Er ist doch noch lange nicht so bizarr als derjenige, in welchem sich uns vor kurzem vier junge Damen zeigten.«

308 Werner hatte ruhig und zurückhaltend bleiben wollen, aber der Tag – die Luft – das Knallgas –

Die Anzüglichkeit weckte jedoch mehr die Lachlust, als daß sie gereizt hätte.

»Sie sind heute wieder tadelsüchtig,« sagte Lydia. »Was mißfiel Ihnen an unsrer Ausstattung? Sie setzen dieselbe mit Olgas Kleidung in Parallele, aber das ist falsch. Die ihrige ist ganz willkürlich, nicht aber notwendig oder auch nur nützlich, sie könnte auch eine andre, geschmackvollere wählen. Das Flanellkleid hingegen, wie man es in England und Amerika zum Turnen, Rudern, Lawn-Tennis und allen derartigen, ein wenig anstrengenden Spielen und Übungen anlegt, ist zweckmäßig und der Gesundheit zuträglich.«

»Wir sind aber nicht in England oder Amerika.«

»Sondern in einem Land voll von Vorurteilen. Statt einem Kompliment – denn ich entnehme Ihren Äußerungen, daß Sie Zeuge unsers kleinen Match waren – und statt sich zu entschuldigen, daß Sie uns mit Ihrem großmächtigen, eingebildeten Dampfer einen solchen Streich spielten, kritisieren Sie unsre schlichte, aber praktische Toilette. Das ist recht unliebenswürdig. Aber man ist dergleichen an Ihnen gewohnt. Ich will lieber Gnade für Recht ergehen lassen, Sie sind doch unverbesserlich. Wie ist es – Sie bleiben doch den Abend noch hier? Es wird sehr hübsch werden. Wir wollen gemeinsam hier auf der Terrasse soupieren und zuvor beim Mondschein baden.«

»Und was soll ich dabei?« Die Frage klang scharf, so daß ihn Lydia verwundert ansah.

309 »Nun, mittun, uns Gesellschaft leisten.«

»Um auch bei dieser Gelegenheit die – Zweckmäßigkeit der Tracht und Ihre – Gewandtheit in jeder Art Sport bewundern zu können?«

»Was haben Sie dagegen?« stellte sich endlich Lydia, welcher die kurzen, aber bedeutungsvollen Pausen und der spöttische Ton nicht entgangen waren, mit ernsterem Willen zum Widerstand. »Sie werden doch nicht auch bei Rudern und Schwimmen den Vorwurf der Unschicklichkeit erheben wollen? Das möchte Ihnen schwer werden.«

»Die Beschäftigungen mögen harmlos sein, aber die Art wie man sich ihnen hingibt, dürfte manchem nicht so erscheinen.«

Sie zuckte geringschätzig die Achseln.

»Läßt diese also das empfindsame weibliche Herz vermissen?«

»Vielleicht etwas nicht minder Kostbares – die Züchtigkeit.«

»Sagen Sie die Prüderie,« fiel sie auf dies mit rauher Unumwundenheit vorgebrachte Wort des Tadels rasch, aber mit verächtlicher Kälte ein. Von ihren Wangen war ein wenig Farbe gewichen, aber keine Regung der Verlegenheit oder Scham brachte ihren festen Blick zum Niederschlagen. »Jene angelernte Sittsamkeit der engherzigen, kleinbürgerlichen Strickmaschine, die ganz unbefangen den roten, gänsehäutigen Arm nackt trägt, aber um alles in der Welt nicht den mißgeformten, mit Leichdornen besäten Fuß; das andressierte Wohlanständigkeitsgefühl der geistlosen Modepuppen, die heute bedecken, was sie gestern 310 entblößten, und morgen wieder sorgfältigst jedermann ins Auge rücken, was heute ängstlich verhüllt wird. Die es unanständig finden, die Spitze des Schuhes sehen zu lassen, wenn es ihr geschriebenes und streng eingehaltenes Gesetz des Tages so fordert, und auf dasselbe Gebot auch unbedingt in der Dekolletierung einer Indianersquaw erscheinen. Ich möchte Sie fragen, strenger und unbestechlicher Richter, was soll uns da leiten in solcher Konfusion der Paragraphen und ihrer Ausleger?«

»Der feinfühlige Kompaß, den die Frau in sich trägt.«

»Sie meinen den Takt – er ist doch nur Erziehungsresultat.«

»Nein, ich meine nicht dies Kunstprodukt, sondern den natürlichen, niemals irrenden weiblichen Instinkt für die Sitte, auf den man nur zu horchen braucht.«

»Die Sitte!« sagte sie und lächelte dabei mit überlegenem Hohn. »A well bred duck should waddle so. Sie sind wohl nie in Biarritz gewesen? Dort zum Beispiel ist es Sitte, daß der Strand von beiden Geschlechtern gemeinsam benutzt wird. Kein Mensch nimmt Anstoß daran. Sie können dort jeden Tag die Frauen in Badekostüm und Sandalen ungeniert mit den Herren Konversation machen sehen und alles bildet in bunter Reihe eine Kette, um dem Wellenschlag lachend und plaudernd entgegenzugehen.«

»Das mag in Frankreich Sitte sein –«

»Ganz recht,« fiel sie ihm ins Wort. »Sie ist eben ein Produkt des Landes und der Zeit, wie ihre Schwester, die Mode. Hat je ein Krittler es unsittlich 311 gefunden, wenn ein Bauernmädchen barfuß geht, oder, bloß mit ihrem Hemde angetan, ihre Feldarbeit verrichtet?«

»Geben Sie acht, daß das befremdliche Wort nicht von den Damen vernommen wird, in deren Kreis Sie gehören.«

»Diese Rücksicht wird mich ebensowenig verhindern, zu sprechen, wie ich denke, und zu tun, was mir gefällt, als irgendeine andre.«

»Ein stolzer Ausspruch.«

Werner mußte sich gestehen, daß dies Mädchen ganz danach aussah, denselben zur Wahrheit zu machen, aber er war zu sehr gereizt, um nicht, was er als Ausdruck geraden Sinnes bei einem Knaben gebilligt hätte, hier als Selbstüberhebung zu tadeln. Lydia fühlte das recht wohl heraus, sie verschmähte es aber, ihrem Worte noch mehr Nachdruck zu geben, in ihr war nur der Wunsch rege, zu widerlegen, und in demselben hatte sie sich ereifert.

»Gerade Ihre eigne Bemerkung,« wollte sie ihn überweisen, »spricht für meine Auffassung. Soll ich mich daran kehren, was in dem einen oder andern Diktionär einer lächerlichen Zimperlichkeit für verfemt gilt?«

»Und doch würde es die Dame sehr übelnehmen, wenn man ihr Wort, Tracht und Benehmen nach der Bauernelle zumäße.«

»Sie sind unleidlich!« rief sie ärgerlich. »Wie wenn ich nun statt zu schwimmen auf einem Ball tanzen wollte? Wäre der Unterschied so groß? Was sagten Sie dann?«

312 »Nichts. Sie haben mich ja belehrt, daß Sie nur Ihren Gefallen als Richtschnur nehmen. Ich kann Sie also auch nicht verhindern, Ihre Reize in dieser oder jener Weise den Blicken Ihrer Bewunderer preiszugeben.«

»Und was tut das Ihnen?«

Werner schien es darauf angelegt zu haben, sie tödlich zu verletzen; wenn er aber erwartet hatte, sie mit seinem rücksichtslos gewaltsamen Mittel auch nur zum Erröten zu zwingen, so sah er sich enttäuscht. Sie senkte das Auge nicht, glatt ging sie über die brutale Andeutung hinweg und nur trotziger hob sich ihr Haupt bei der Frage, auf die er beinahe verwirrt schweigen mußte, weil er eben keine Antwort fand.

Es klang wie Ironie und doch lag dabei kein spöttischer Ausdruck in Lydias Zügen, als sie nach einer kleinen Pause fortfuhr:

»Verfallen Sie doch nicht in ebendieselbe Prätension wie alle Männer: eifersüchtig auf jede Frau zu sein. Bewahren Sie das für jene, die Sie lieben.«

»Und weshalb soll ich eine Ausnahme machen?« fragte er, nun selbst den Sarkasmus wiederfindend. »Wenn die Prätension allen Männern gemeinsam ist, was liegt daran, ob einer mehr oder weniger?«

»Weil – weil –« sie stotterte ein wenig, aber mit überraschender Heftigkeit brach es nun los, »weil Sie anders – sein wollen als die andern. Weil Sie sich hoch erhaben dünken über –«

Sie hielt plötzlich inne und kehrte sich von Werner, der sie erstaunt und überrascht ansah, ab, ohne daß sich bestimmen ließ, ob sie selber nicht weitersprechen 313 wolle oder nur durch das Herantreten ihrer Freundin gestört worden war.

»Holla! da gibt es Streit!« rief lachend der kleine Student. »Bin auch dabei, wenn du allenfalls einen Sekundanten brauchst«

Lydia zuckte die Achseln.

»Das wäre auch des Kampfes wert!« warf sie hochmütig hin und verließ zürnend den Platz.

Auch Werner ging, indem er sich flüchtig empfahl.

Was war das gewesen? Eigentlich hatte ihm so manches Wort nicht übel gefallen, das sie gesprochen, aber im ganzen verdroß ihn diese trotzige Eigenwilligkeit, die sich nicht niederringen lassen wollte und doch von falschen Voraussetzungen ausging. Er eifersüchtig auf sie? Lächerlich. Mochte sie tun und lassen, was sie wollte, was focht es ihn an! Warum sollte denn der Weg, den sie ging, immer über ihn hinwegführen? Künftighin sollte sie ihn nicht auf demselben finden; gewißlich nicht. Wie der kluge Steuermann wollte er es machen, als er das Boot, scheinbar von Tollhäuslern geführt, auf sich zukommen sah. Das Dampfschiff konnte keinen Schaden leiden, aber doch wich er mit demselben aus.

Neben dem Grübelnden schritt der Freund einher, der seine vielgepriesene Gemütsruhe auch noch nicht wiedergefunden.

»Das reine Muskeltier!« grollte er mehr als seinem Gegner noch der ungeheuerlichen Auffassung des Begriffes »natürliche Lebensweise«, und in einer einfachen Ideenverbindung tauchte daneben ein andres Bild in ihm auf. »Aber sollt' ich nicht noch den 314 Damen Adieu sagen, meinst du nicht? Vielleicht begegnen wir ihnen noch. Wirklich ein recht nettes Mädchen – voll aufgeweckten Verständnisses und häuslichen Sinnes – da müßte der Vegetarianismus Wunder wirken.«

Auf eine Antwort hatte der Professor gar nicht gewartet. Höflich erwiderte er den Gruß, der eigentlich Werner geboten wurde. Dieser sah erst nach dem melodiösen »Recht guten Abend!« auf, mit dem er angeredet wurde.

Die singende Stimme kam ihm bekannt vor. In der Tat, das war ja das breite, lächelnde Antlitz mit dem seltsam leuchtenden Flaschenkürbis. Ein paar Schritte weiter stand auch die ahnungsreiche Ehehälfte des freundlichen Tuttlingers.

»Da wäre mer wieder,« sagte derselbe vergnügt nickend. »In Zürich sind mer auch g'wese, aber der Bodasee ischt halt der Bodasee.«

Er wollte sich auf eine Kiste niederlassen, die da am Hafen zur Verladung bereit stand. Doch seine Gattin wehrte ihm mit einem ängstlichen Schrei.

»Wenn jetzt Dynamit da drinnen wär'!«

Erschrocken trat der alte Herr zurück.

»Ja, ja, schön wär's Reisen schon,« meinte er, »wenn's nur nicht so viel Gefahren hätt'. Aber jetzt geht's wieder nach Friedrichshafen. Reisen Sie vielleicht auch mit? Sie sind wohl nicht aus Württemberg? Hab' mir's wohl denkt. Hörst, hörst, Alte? Sie läuten schon auf 'm Schiff.«

»Ach Gott, wenn wir nur schon lebendig daheim wären!«

315 Von dem Stoßseufzer belustigt, riefen die Freunde dem davoneilenden ergötzlichen Paare noch ein »Glückliche Reise!« nach, und mit wohlgefälligem Lächeln des Erkennens wies der Anhänger des Vegetarianismus auf die in großen Lettern, welche sein Finger liebkosend nachzeichnete, auf dem Deckel jener von der unheilwitternden Dame so scheu gemiedenen Kiste angegebene Aufgabestation »Cham«.

Unwillkürlich nickte Werner. Er gedachte des erbitterten Gesprächs von vorhin. War es ihm dabei nicht vielleicht ähnlich ergangen?

Wo die erregte Phantasie eine gefährliche, ruchlose Sprengladung gesehen, fand der nüchterne, ruhige Blick weiter nichts als – fromme kondensierte Milch.

 

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