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Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 4
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4

Über Nacht hatte sich der Himmel trüb umzogen, nur hin und wieder kam die Sonne zwischen den grauen Wolken hervor, als ob sie sich umsehen wollte, was denn da unten vorginge. Es war auch nicht wie alle Tage.

Von Zeit zu Zeit wurde die tiefe Ruhe des Tales durch einen scharfen Knall gestört, der sein Echo an den Hügellehnen fand. Es mußte irgendwo ein 250 Scheibenschießen sein, denn für eine Jagd, selbst wenn in der ersten Hälfte des August an eine solche zu denken wäre, fielen die Schüsse in zu langen und zu regelmäßigen Intervallen. Und doch war es etwas Dergleichen, eine Unterhaltung, die beide Vergnügen in sich vereinigen sollte. Die kleine Schützengesellschaft, die sich ziemlich weit vom Orte – denn der Lärm war eigentlich nicht kurgemäß – an der Ecke eines dünnen Gehölzes versammelt hatte, gab sich nicht mit einem feststehenden Ziele zufrieden, sondern benutzte lebendige Objekte. Ein junger Mann in hohen Ledergamaschen und sonst auch ausgerüstet, als ob er geradeswegs in einen amerikanischen Urwald auf Jaguare oder in die Prärie auf Büffel auszuziehen gedenke, stand an einem dichtverhängten Käfige von der Größe einer Kiste. Er hatte eine Schnur in der Hand, und so oft er an derselben zog, öffnete sich eine Klappe und eine Taube flog aus dem Schlage empor. Verwirrt, geblendet und doch glücklich, der finsteren Haft entflohen zu sein, schwirrte das arme Tierchen zum Himmel auf, doch ehe es noch recht zu sich gekommen war, krachte ein Schuß, und dann war's mit der Freude und dem Leben zu Ende.

Zuweilen freilich traf die Reihe, auf dem Brette zum Schusse anzutreten, auch einen minder Geübten, dann wurde das Ziel verfehlt, und der geängstigte Vogel war gerettet. Eiligst suchte er das Weite, während man den Ungeschickten verlachte.

Und an der Heiterkeit wie am Beifall beteiligte sich auch die liebe Jugend aus dem Orte und den Bauernhöfen, die ihre Schulferien dazu benutzte, das 251 Tun und Treiben der fremden Gäste zu beobachten, daraus ihre kindlichen Schlüsse zu ziehen und sich in lukrativer Dienstfertigkeit zu üben. Wenn man nicht Kegelbube sein durfte, konnte man zur Abwechslung wohl einmal Jagdhund spielen und die erlegte Beute apportieren. Für Publikum brauchten die Hauptakteure also nicht Sorge zu tragen. Wo in diesen Gegenden ein Gewehr knallt, stellen sich die Zuschauer schon von selber ein; alles, was mit dem Schützenwesen zusammenhängt, findet die regste Teilnahme, hier kam noch die Neuheit der Sache und die ungewöhnliche Erscheinung von Damen mit dem Feuerrohr in Händen dazu. – Eben nahm wieder eine an dem markierten Punkt ihre Aufstellung. Graf Marchegg überreichte ihr das von ihm selbst geladene Gewehr.

»Nicht zu hastig, Miß Mary!« mahnte er. »Aber solange sie noch in geradem Aufsteigen ist, da brauchen Sie nur einen Gedanken höher zu halten.«

»Das beste ist, Sie legen gleich auf eine bestimmte Höhe an und warten mit dem Abziehen, bis die Taube beinahe den Punkt erreicht hat!« rief der junge Mann, der an dem Käfige stand und das ganze Amüsement zu dirigieren schien, herüber.

»So schweig doch, Gero! Auf diese Weise macht ihr die Arme noch ganz irre!« wies Lydia den Sprecher zurecht.

»Was soll ich nun tun?« fragte auch in der Tat Miß Mary, völlig unschlüssig geworden. Ihre vorquellenden wasserhellen Augen wandten sich hilflos von einem zum andern.

»Tun Sie nur, wie ich Ihnen sagte,« nahm wieder 252 der Graf das Wort. »Ich mache es immer so und wette, daß ich dreihundertfünfundsiebzigmal nacheinander treffe. Courage!«

»Fertig?« fragte Gero.

»All right!«

»Go free!«

Die Falle öffnete sich. Ein weißes Täubchen flog auf. Ein Schuß, und es rückte ganz eigentümlich, während ein paar Federn stoben. Dann nahm es mit ungleichem Flügelschlag, bald sinkend, bald sich hebend, die Richtung gegen den Berg.

»Sie haben gewiß nicht vorgehalten!« tadelte der Graf.

»Hätten Sie meinen Rat befolgt und ruhig abgewartet,« gab Gero seine Meinung ab.

»Aber sie ist ja getroffen! Sie ist verwundet!« wurden andre Stimmen laut. »Sie sinkt! Sie fliegt!« Lachen und Rufen klang durcheinander.

In dem Momente krachte abermals ein Schuß, und die schon weit entfernte Taube fiel, auf den Tod getroffen, schwer wie ein Bleiklumpen zur Erde. Ein halbes Dutzend Buben setzte sich jubelnd in Wettlauf über die Wiesen Jeder suchte dem andern das zahme Wildbret abzujagen.

»Ein Meisterschuß!« rief Gero.

»Unerhört! Eine Freikugel!« Graf Marchegg.

»Ganz wunderbar! Eine verblüffende Sicherheit!« ließen sich die andern jungen Herren vernehmen. Alle wandten sich Lydia zu.

Sie hatte das Gewehr, gleich nachdem Miß Mary es abgefeuert, derselben abgenommen. eine der 253 bereitliegenden Patronen in den Lauf geschoben und es nun selbst in Anschlag gebracht. So rasch sie es gehandhabt, war aber doch ein Zeitraum darüber verstrichen, der das flüchtige Tier in Sicherheit gebracht hätte, wenn ihm eben der volle Gebrauch seiner Schwingen geblieben wäre. Immerhin war es weit genug entfernt, um den Erfolg des Schusses zweifelhaft und das stolze Lächeln Lydias erklärlich zu machen. Sie freute sich, nahm aber die überschwenglichen Glückwünsche gelassen entgegen.

»Ich sagte euch ja, daß dieser Lefaucheux eine größere Tragkraft habe,« lehnte sie die Schmeicheleien ab, doch niemand wollte das gelten lassen. Am wenigsten ihr Vetter Wingerode.

»Ganz gleich!« rief er eifrig »Es ist heute noch kein solcher Schuß getan worden. Im wagerechten Fortstreichen und obendrein bei der Unstetheit der Bewegung, da sie geflügelt war.«

»Eine Taube ist immer noch keine Schnepfe – und dann war sie weiß, das überseht ihr alle. Die hob sich ja ganz scharf von dem grauen Himmel ab. Da war es keine Kunst.«

»Einen grünen Bruch, einen grünen Bruch! Wir müssen eine Schützenkönigin haben!« frohlockte der Graf.

Er eilte bereits dem Wäldchen zu, so rasch seine Figur es ihm erlaubte. Zwei blasse junge Herren mit schmächtigen Schultern suchten ihm den Vorsprung abzugewinnen, auf die Gefahr hin, den Atem aus ihrer schwachen Brust zu verlieren, der zuliebe sie hier oben Molken tranken. Auch Lydia hatte sich jetzt 254 umgewendet, vergaß jedoch ihre Absicht, einen Einhalt zu gebieten, als sie Werner erkannte.

Er lehnte unter einem der vordersten Bäume mit verschränkten Armen und schien, von den Schüssen angelockt, dem Treiben der heiteren Gesellschaft schon eine Weile zugeschaut zu haben.

»Sie auch hier, Herr Rodek?« rief sie ihm zu. »Es ist hübsch. daß Sie sich ebenfalls einfinden, an unserm Vergnügen teilzunehmen.«

»Das ist keineswegs der Grund meines Hierseins,« entgegnete er, leicht an den Hut greifend. »Der bloße Zufall hat mich hierhergeführt.«

»Dann danken Sie es demselben, daß er zur guten Stunde Ihr Wegweiser war. Seien Sie uns willkommen!«

Sie winkte ihm mit der Hand einen freundlichen Gruß zu, der ihm gewissermaßen die Erlaubnis erteilte, näherzutreten. Ein eigentümliches Lächeln glitt dabei um seine Lippen, wie es sich durchaus nicht für einen Untertanen schickte, dem seine Herrin huldvoll in ihrer Nähe zu weilen gestattete. Einer solchen gleich stand sie da, und Werner mochte sich gestehen, daß diese hohe Gestalt, wie sie, stolz auf die Büchse gestützt, blitzenden Auges um sich sah, trotz des etwas amazonenhaften Aufzuges etwas Königliches an sich hatte. Selbst der dunkle Männerhut stand zu dem edeln Bug der Nase gut und erhöhte den kräftigen Eindruck der ganzen Erscheinung, die besonders das Wohlgefallen derjenigen erregen mußte, deren Natur zur Unterordnung neigt. Ein Mann von seinen Anschauungen freilich konnte sich durch das, 255 was manchem andern imponierte, nur abgestoßen fühlen.

War es, daß seine Zurückhaltung sie reizte, denn als Schüchternheit konnte sie dieselbe nach den gemachten Erfahrungen doch wohl nicht deuten, oder empfand sie, durch sein Benehmen aufmerksam gemacht, die Unzukömmlichkeit, ihm nach dem Vorgefallenen nur so kurzweg wie einem alten Bekannten zu begegnen, sie tat ein paar Schritte auf ihn zu und suchte das Versehen durch eine verbindliche Frage nach dem Befinden seiner Mutter wieder gutzumachen.

»Ich danke,« antwortete er gemessen. »Wir waren zwar gestern abend verhindert, in den Speisesaal hinabzukommen, und auch meinen Spaziergang muß ich heute allein machen, aber die leichte Anschwellung am Knöchel wird sich bald wieder geben.«

»Dann mache ich mir auch kein Gewissen daraus, Sie bei uns zurückzubehalten. Erlauben Sie, daß ich Sie der Gesellschaft vorstelle.«

Ohne auf seine Zustimmung zu warten, nannte sie ihn, der nun doch vorzutreten gezwungen war, und hinwieder die Namen ihres Vetters, des Grafen und einiger andrer Herren. Er richtete seine förmliche Verbeugung hauptsächlich gegen die Damen. Unterdessen hatten sich alle beflissen und mit fröhlichen Zurufen um sie und die mit dem grünen Tannenreisig Zurückgekommenen in einem Halbkreise herangedrängt.

»Sie haben wirklich den glücklichsten Moment getroffen,« wandte sich Graf Marchegg an Werner. 256 »Die Krönung des Gebäudes, um mich architektonisch auszudrücken. Sie können der Schützenkönigin ihr Kompliment darbringen. Es war ein brillanter Schuß, nicht wahr?«

»Ich weiß, daß das Fräulein scharf zu zielen versteht. Unter der Anerkennung so vieler Fachmänner wird die meinige aber kaum von Wert sein.«

Lydia warf ihm einen Blick zu, der deutlich ihren Unmut verriet, derselbe kehrte sich aber seltsamerweise gegen die Huldigenden.

»Genug mit den Torheiten!« entschied sie, die ihr zur Auswahl dargebotenen Zweige insgesamt abweisend. »Der Preis wird erst verteilt. wenn die Bewerbung zu Ende ist. Ehe der letzte Schuß gefallen, kann niemand wissen, wer sich als der Würdigste zeigt. Vorwärts, Gero! Laß das Feuer nicht stocken und bestimme die Nummer für den neu in unsre Schützengarde Eingereihten.«

»Well!« entgegnete der Arrangeur und rief den Nächsten auf seinen Posten, während der Graf das Gewehr aus Lydias Händen empfing.

Sie selbst tat anfangs ein paar Schritte, den übrigen zu folgen, dann wendete sie sich aber plötzlich wieder zu Werner zurück und streckte ihm, einer raschen Eingebung folgend, die Hand entgegen.

»Sie zürnen mir und zwar mit Recht,« sagte sie freimütig. »Ich sehe schon, ich muß mir auch Ihre Verzeihung erbitten. Bei Ihrer engelsguten Frau Mama hatte ich es freilich leichter.«

Er nahm die Hand, aber durchaus nicht mit dem Eifer der Galanterie, wie sie es wohl gewohnt sein 257 und daher auch diesmal vorausgesetzt haben mochte. Es schien mehr, als genüge er einer Form damit, obwohl er es nicht eben in steifer Weise tat. Er lächelte sogar und auch in seinen Worten lag Humor.

»Dort war aber auch die Absichtslosigkeit erwiesen.«

Es zuckte wie ein durchbrechendes Lächeln in ihren Zügen.

»Nun ja, und Ihnen gegenüber habe ich sie nie zu erweisen gesucht.«

»Vielleicht war es Ihnen der Mühe nicht wert.«

»Ich könnte es bejahen, da Ihnen so sehr daran gelegen scheint, das Gegenteil zu hören. Das ist so Männerart, die ja von Eitelkeit weit entfernt sein soll. Ich aber will darum nicht in Weiberart verfallen. Ich sehe keinen Grund, unwahr zu sein. Offengestanden, Sie hatten mich geärgert, Sie waren unartig mit mir. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie hätten immerhin galanter sein können; nicht weil ich Wert darauf lege, im Gegenteil, ich weiß die Galanterie gar nicht zu schätzen.«

»Nun also?«

»Aber die Unart verdrießt mich. Sie ist eine Mißachtung.«

»Auch wenn sie Gleiches mit Gleichem vergilt?«

»Damit gestehen Sie ein, daß Sie die Revanche lieben. Ich liebe sie auch. Da wären wir quitt und hätten uns nichts vorzuwerfen.«

»Was die Absichten betrifft – anders aber steht es mit den Folgen.«

Sie blickte unsicher zu Boden und wurde in ihrer allzu energischen Art ein wenig schwankend.

258 »Es war ein leichtsinniger, unüberlegter Streich,« gestand sie ein. »Ich wollte Sie nur ein wenig strafen, mich an Ihrem Schreck oder Ihren Sprüngen ergötzen; daß es so schlimm ausfiel, hat mir selbst am meisten leid getan. Ich war es, welche die Angst ausgestanden.«

»Und somit wären auch Sie es, welche von mir eine Bitte um Verzeihung erwarten dürften. Ist das nicht am Ende doch Frauenart?«

Ihr durch seine ersten Worte hervorgerufenes Lächeln verschwand bei der Schlußwendung, und ein wenig verächtlich warf sie den Kopf zurück.

»Sie brauchen auf die Ihrige keineswegs so stolz zu sein,« sagte sie selbst mit merklichem Hochmut. »Oder halten Sie dieselbe gleich der ganzen Männerwelt für unerreichbar?«

Ein Herr hatte unterdes geschossen, ohne daß sie beide hingeblickt hätten; jetzt trat Graf Marchegg mit der frischgeladenen Büchse heran.

»Die Reihe ist an Ihnen, Fräulein Lydia,« sagte er.

»Ich schoß ja soeben.«

»Das gilt nicht. Es war eine Extratour. Ein außergewöhnliches Stück in jedem Sinne. Ich habe mit besonderer Sorgfalt diesmal – ich möchte sagen, mit Liebe geladen.«

»Da wollen wir nur hoffen, daß Sie Ihr Pulver nicht verschwendet haben,« entgegnete sie, ohne sich auch nur das Ansehen zu geben, als sei der Doppelsinn von ihr überhört worden. »Das wird sich sofort zeigen. Herr Rodek, wollen Sie diesmal meine Stelle einnehmen. Als Neueingeschriebener gebührt Ihnen der Vortritt.«

259 Werner griff jedoch nicht nach der Waffe, die ihm der Graf auf Lydias gebieterischen Wink zögernd anbot.

»Ich danke,« lehnte er ab. »Sie werden mich von der Liste wieder streichen müssen.«

»Wie, Sie wollen nicht schießen?« fragte sie erstaunt.

»Es ist nicht mein Geschäft.«

»Geschäft ist es auch bei uns nicht,« versetzte sie, durch den trockenen Ton leicht gereizt und nicht ohne einen Anflug von Ironie. »Wir treiben es nur zum Vergnügen. Aber Sie sind wohl mit der Handhabung dieses Werkzeugs nicht vertraut.«

»Nehmen wir's einmal an; ich bin gewohnt, wenigstens in der Regel – nützlichere zu verwenden. Aber selbst wenn ich mit diesem Schießzeuge umzuspringen verstünde, müßte ich es doch von mir weisen, mich an dem geschäftsmäßigen Töten dieser armen Tiere zu beteiligen. Ich meinesteils finde kein Vergnügen daran, den zu Tod geängstigten Flüchtling, welcher der minder geschickten Hand, die ihn nur gestreift hat, glücklich entkommen ist, noch aus der gesicherten Ferne herunterzuholen.«

»Aber das war eben ein ganz unübertrefflicher Triumph,« bemühte sich der Graf ihm klarzumachen.

Lydias Augen hatten sich verdüstert. Eine drohende Falte schob sich zwischen ihre Brauen.

»Lassen Sie, lieber Graf,« unterbrach sie diesen. »Ich hätte wahrscheinlich besser getan, den Qualen der angeschossenen Taube nicht so rasch ein Ende zu machen. Herrn Rodeks Mitleid hätte sie unter Schmerzen langsam verbluten lassen.«

260 Diesmal fühlte sich Werner ein wenig unsicher, doch nur einen Augenblick. Die Regung, welche er empfand, konnte unmöglich durch diesen einzelnen Fall, welcher auch nur gegen eine abseits liegende irrige Ausdeutung sprach, berichtigt werden.

»Die Alternative fiele ganz und gar weg,« entgegnete er, seine Anschauung festhaltend, »wenn man statt nach aufgelassenen Tauben nach emporgeworfenen Glaskugeln, wie anderswo, oder sonstigem Spielzeug schösse.«

»Aber wenn die Bestimmung der Tauben nun einmal das Gebratenwerden ist,« warf Graf Marchegg lachend ein, »kommt es meiner Meinung nach auf eins heraus, ob sie dieselbe auf dem Wege des Erschießens oder Abstechens erreichen. Zu Pulver und Blei ist sogar das ehrenhaftere Todesurteil.«

»Zu dessen Vollstreckerin sich aber nicht gerade eine zarte Frauenhand zu machen braucht.«

»Sondern nur die weniger sensationsscheue, ›die Samstags ihren Besen führt‹,« ergänzte der Graf mit der Grimasse eines Fauns.

Lydia entgegnete auf Werners nachdrucksvollen Ausspruch gar nichts, sie zuckte nur trotzig die Achseln, nahm dem Grafen das Gewehr ab und trat in den schon unruhig harrenden Kreis.

Die Falle hob sich, die Taube schwirrte auf, überstürzte sich unter dem Schuß und fiel, wie vom Blitz getroffen, senkrecht zur Erde.

Während neuerliche Jubelrufe diese Probe der Gewandtheit begrüßten, schweifte das scharfe Auge der Jägerin zu der Stelle hinüber, wo der eigensinnige Tadler gestanden. Er war verschwunden.

261 Zornig wallte das Blut in ihr auf. Was dachte sich dieser ungebildete, dünkelhafte Mensch, daß er das Recht zu haben meinte, sie wie einen seiner Arbeiter abzukanzeln? Durch die Umstände verleitet, war sie ihm freundlicher entgegengekommen, als dies wohl sonst ein Mann aus seiner Sphäre erwarten konnte, und nun nahm er sich heraus, sie in seiner trockenen, handwerkermäßigen Emporkömmlingsart zu behandeln, als ob er mit Kelle und Meißel irgendeinen widerspenstigen Quaderstein lotrecht einzufügen habe. Das waren wohl seine Werkzeuge, auf die er sich so breitspurig steifte! Aber ganz recht war ihr geschehen, warum ließ sie sich mit solchen Leuten ein! Wozu ein Unrecht gegen sie eingestehen und ihnen so den Tadel noch mundgerecht machen? Kein Wunder, wenn sie dann daran Geschmack fanden und ihn immer und überall anbringen zu dürfen meinten. Und wenn diesmal noch ein Anlaß dazu gewesen wäre! Aber nein, sie war es, der Unrecht geschehen, deren tatsächliche Begründung der beschränkte Männerhochmut gar nicht gelten lassen wollte. Was fragte sie nach ihm? Sie tat von jeher, was ihr gefiel, und so sollte es gehalten bleiben, jetzt und allezeit.

Und dennoch warf sie das Gewehr fast unmutig von sich, daß es Graf Marchegg nur mit Mühe auffing.

»Ich mag heute nicht mehr,« erklärte sie. Es war die Wahrheit. Der Ärger hatte ihr das Vergnügen verleidet. Mit Widerwillen wendete sie sich ab, und alles Bitten und Bedauern der übrigen half nichts. »Es soll sich niemand stören lassen,« befahl sie. »Ich 262 will sehen, wo meine Schwester heute bleibt, und zu Mittag erwarte ich Rapport, Gero, wer die meisten Treffer hat.«

»All right!« versetzte der junge Athlet und blickte dabei noch einfältiger unter dem lichten blonden Haar hervor, das durch den kunstvollsten Schnitt dem Ideal, einer Perücke zu gleichen, aufs täuschendste nahe gebracht war und von seiner niedern Stirn nur zwei sehr unansehnliche Winkel zu beiden Seiten frei ließ, die aber als Zuflucht für seinen Verstand wohl ausreichend genügten.

Abermals klatschte er in die mächtigen Hände und nach wie vor ertönte sein avertierendes: »Go up!« dem jedesmal ein Büchsenknall folgte.

Dies währte noch die ganze Stunde hindurch, welche Werner, der den Weg wieder durch das Wäldchen genommen, zur Fortsetzung seines Spaziergangs verwandte, und er glaubte sogar noch den fernen Schall zu hören, als er den Freihof betrat; um so mehr mußte er einer Augentäuschung unterworfen zu sein glauben, als er in einer Türe des Korridors, der zu den von ihm und seiner Mutter bewohnten Zimmern führte, eine hohe, schlanke Gestalt verschwinden sah, die er zu erkennen meinte. Und dennoch war es so, das Stubenmädchen bestätigte es ihm – die Türe, welche er bezeichnete, führte die Nummer des kleinen Appartements, das Baron Sarnberg mit seinen Damen inne hatte. Sie waren beinahe unmittelbare Nachbarn, und es war in der Tat Lydia gewesen, die er gesehen.

Wie kam das? Sie schien doch auf »das 263 Vergnügen« noch so erpicht, als sie sich trennten. Weshalb war sie vor den andern zurückgekehrt? Die Frage beschäftigte ihn mehr als es wert schien.

Die Mutter war nicht auf ihrem Zimmer, er fand sie nach einer Weile im Damensalon. Mutter und Tochter Schneppe an ihrer Seite im eifrigsten, doch hauptsächlich nur durch sie genährten Gespräche. Von ihnen wurde er auch auf das lebhafteste empfangen.

»Sie haben viel versäumt.«

»Aber das Bedauern war wohl mehr anderseits.«

»Natürlich ist es bloß Ihretwegen geschehen.«

»Widerspenstige müssen mit außergewöhnlichen Mitteln an den Triumphwagen geschmiedet werden.«

»Es tut mir nur leid, daß wir nicht auch das Vergnügen genossen haben.«

»Und den ›Tell‹ gar! Schale, daß sie ihn nicht gesungen hat.«

Die alte Frau glaubte nun doch das Kreuzfeuer durchbrechen zu müssen, das ihr allzu scharf schien.

»Nein, gewiß, Frau Obersteuerinspektor, es war mir in der Tat ein Vergnügen. Ich war so allein, und da lenkt man immer so allerlei Gedanken nach. Die Gesellschaft hängt doch von diesen egoistischen Träumereien ab, und nun gar die schönen Worte unsres großen Dichters –«

»Ach, wenn wir nur eine Idee davon gehabt hätten, daß Sie so verlassen sind, wir wären nicht so lange auf dem Zimmer oben geblieben. Meine Wilma hätte die größte Freude daran gehabt, Ihnen vorzulesen.«

»Sicherlich! Unsre Briefe hätten ja auch warten können.«

264 »Und sie liest herrlich. Als Mutter sollt' ich es eigentlich nicht sagen. Sie hat eine ganz dramatische Deklamation und hat sogar schon einmal Theater gespielt.«

»Bst, bst! Mama, sonst hält man mich noch für eine fahrende Theaterprinzessin, und ich möchte nicht gern mit andern Damen hier verwechselt werden.«

»Als ob das möglich wäre!« fiel hier Werner, dem das bewegliche Fräulein mit geziert boshaftem Lächeln einen feurigen Blick zugeworfen hatte, in der zweideutigsten Weise ein, worauf Mutter und Tochter nach einem abermaligen raschen Aufblick die Augen mit befangenem Erröten niederschlugen. Sie zweifelten beide nicht an der Ehrlichkeit des Kompliments.

Mama Schneppe fühlte sich zuerst gedrungen, die entstandene Pause auszufüllen. Sie fragte, ob es den Herrschaften nicht gefällig sei, eine kleine Promenade zu machen, bedauerte, daß Frau Rodek ihrem Fuße nicht recht traue, erbot sich, ein anderes Mal ihr Gesellschaft zu leisten und bat, es Wilma nur ja sagen zu lassen, wenn eine kleine Vorlesung erwünscht sei, lud Werner ein, sie zu begleiten – ein paar Augenblicke müsse man doch noch vor Tisch Luft schöpfen, und gerade jetzt begegne man allen Kurgästen – da sehe man auch die Neuankommenden – die Post von Rheineck lange gegen Mittag an – und es wäre doch schade, daß der Herr Baumeister seinen Morgenspaziergang schon gemacht – doch es sei begreiflich, daß er der Frau Mama die Langeweile vertreiben helfen wolle – nun, da wollten sie nicht länger stören – aber auf fröhliches Wiedersehen an der Mittagstafel.

265 »Na, da sei der Himmel für!« murmelte Werner, als sie zur Türe hinaus waren. »Der Mensch aber soll selber sorgen, auf daß ihn der Himmel nicht im Stich lasse, und heute setzt mich unser Herr Obersthofmeister nicht wieder dahin, wo er will. An das allerunterste Ende wird uns aber hoffentlich dies edle Paar des schönen Geschlechts nicht folgen. Ja, wenn sie frei flattern könnten, wie die andern Fliegen! Doch apropos, Mutter, was haben denn alle diese spitzen Pfeile, die da so reichlich verschossen wurden, zu bedeuten? Ich habe von dem ganzen Durcheinander von Anspielungen und Ausfällen kein Wort verstanden.«

Frau Rodek lächelte. Sie schien sich diesmal die Einwendung gegen seinen eignen Ausfall nicht ungern abschneiden zu lassen; ihr Eifer in der Verteidigung dieser neuen Bekannten hatte sich seit gestern merklich vermindert.

»Ich weiß eigentlich nicht, was die Damen gegen das Mädchen haben,« gestand sie. »Mir ist dasselbe recht lieb, gutmütig und anspruchslos erschienen.«

»Von wem sprichst du?«

»Nun, von – Fräulein Lydia –«, der Name kam ein wenig gezwungen und verzögert hervor. Man konnte sehen, daß es der alten Frau nicht ganz leicht wurde, ihn auszusprechen. Sobald es aber getan war, erzählte sie fließend weiter. »Sie traf mich hier allein und erkundigte sich so aufmerksam und teilnehmend nach meinem Befinden, daß man merken konnte, wie es ihr von Herzen kam.«

»Und du hast mit ihr gesprochen?«

266 »Wie sollte ich anders? Ich konnte ihr doch unmöglich sagen, ich wolle mit ihr nichts zu tun haben. Du hättest nur hören sollen, mit welch' aufrichtigem Bedauern sie sich abermals über ihren Leichtsinn und den dadurch herbeigeführten Unfall aussprach, da wäre es ja mehr als unfreundlich gewesen, sie nicht zu trösten. Und wie hätte ich ihre warmen Dankesworte zurückweisen sollen? Wir sprachen über dies und jenes, und ich hätte nur gewünscht, daß Frau Schneppe und ihre Tochter sie gehört und sich ein Beispiel daran genommen hätten. Sie ist hart und bisweilen fast herzlos in ihren Urteilen, das ist wahr, aber da kommen keine Persönlichkeiten zur Sprache.«

»Weil ihr dieselben wohl zu untergeordnet sind. Der gewöhnliche aristokratische Standpunkt. Da gilt nur das eigene Ich und was dazu in Beziehung steht. Man kennt das.«

Die Mutter protestierte gegen diese herbe Aburteilung nur mit einem leisen Wiegen des Kopfes.

»In allem haben wir uns auch nicht verstanden, aber sie hatte eine so freundliche und zutunliche Art, daß es gleichwohl nie zu ernstem Widerspruche zwischen uns kam. Vielleicht wollte sie dem auch ausweichen, denn sie zog es dann vor, mir vorzulesen.«

»Sie hat dir vorgelesen?«

»Gewiß. Ich hatte das Buch da bei mir liegen, weil ich dachte, daß du bald wieder zurückkommen würdest. Das sah sie, schlug es beim eingelegten Zeichen auf, und fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn sie ein bißchen lese. Ich wollte erst protestieren, aber sie sagte, daß es ihr selbst Freude mache, den 267 ›Tell‹ hätte sie schon einmal im Theater gesehen, aber die Dichtung noch nie in Händen gehabt. Das sei etwas Neues für sie, und als sie erst begonnen hatte, wollte sie gar nicht mehr aufhören. Es interessiere sie so sehr. Sie hat weit über eine halbe Stunde gelesen, bis Frau Schneppe kam.«

»Aha, nun verstehe ich auch die Kritik.« Mit wachsendem Staunen hatte Werner zugehört. Er war während des Restes seines Spazierganges keineswegs so mit sich zufrieden gewesen, als unmittelbar nach seiner starren Zurückweisung der im Grunde freundlich an ihn ergangenen Einladung. Es wollte ihm vorkommen, als habe er mit seinem Verdammungsurteil doch einigermaßen über das Ziel hinausgeschossen, nur um die Blöße zu decken, die er sich mit seiner ad absurdum geführten Anschauung, das Töten der verwundeten Taube betreffend, gegeben, und nun schien sich auch widerlegen zu wollen, was er darauf, seine unwirsche Stimmung zu rechtfertigen, an Vorwürfen gegen Lydia zusammengehäuft. Noch jetzt war er nicht abgeneigt, in derselben Weise fortzufahren, und nahe genug daran, auf Frau Schneppes Äußerungen Gewicht zu legen, wären ihm dieselben nicht allzu einfältig erschienen. Nein, so eitel zu sein, das plötzliche Zurückziehen vom Schießplatz seinem eindringlichen Worte und dies überraschend freundliche Verhalten gegen die Mutter dem Wunsche, ihn zu fesseln, zuzuschreiben, wäre doch geradezu lächerlich gewesen. Aber was war sonst der Anlaß? Welch' seltsame Gegensätze fanden sich in diesem Mädchen? Doch was brauchte er sich den Kopf darüber zu 268 zerbrechen! Mit wegwerfendem Lächeln klappte er das Buch auf und zu und sagte dabei spöttisch: »Muß auch ein rechter Genuß gewesen sein. Schade, daß er mir entging!«

»Man hörte es ihr wohl an, daß sie Gedichte nicht zu lesen gewohnt ist. Aber sie hat doch Verständnis,« erwiderte Frau Rodek.

»Weil von Jagd und Scheibenschießen darin die Rede ist.«

»Du bist doch recht bitter, Werner.«

»Es muß eben ein Gegengewicht für deine allzu große Milde geben.«

»Wenn du sie näher kennen lernst, wirst du sie freundlicher beurteilen.«

»Ich trage gar kein Verlangen nach dieser näheren Bekanntschaft. Übrigens laufe ich schwerlich Gefahr, denn ich glaube kaum, daß sie die Laune anwandeln wird, sich auch mir zur Abwechslung einmal anzuschmeicheln.«

»Nein, nein, so sollst du nicht von dem lieben Kinde reden, Werner. Launenhaft, das weiß ich nicht, dazu kennen wir uns zu kurz; aber von Schmeichelei ist in diesem Wesen keine Spur, das glaube mir – um das zu sehen, sind meine Augen noch gut genug. Mag es sonderbar scheinen, daß sie sich zu mir alten Frau setzt und ein Stündchen widmet, ich vermag nur Gutmütigkeit darin zu erkennen. Ein warmes Herz – das begreife ich.«

Werner lachte auf.

»Ein warmes Herz, wie es Erbteil in ihrer Familie ist. Die Gutmütigkeit, die wir kennen gelernt!«

Es waren dies mit mehr Unmut als Hohn und 269 beinahe heftig hervorgestoßene Worte, die aber bei der Mutter keinen Anklang fanden.

»Warum willst du mir den günstigen Eindruck ausreden, den ich empfangen? Was kann dir daran liegen, mich mißtrauisch zu machen gegen mein eignes Gefühl?« fragte sie.

»Weil du doppelt bitter empfinden wirst, wenn es dich täuscht.«

»Das fürcht' ich nicht.«

Dies zuversichtliche Lächeln und Kopfschütteln drängte Werner über die letzte Rücksicht hinweg. Besser jetzt vorgebeugt, als daß hinterher eine Enthüllung kam, die für die Mutter, wie er deren Gesinnungen kannte, im höchsten Grade peinlich werden mußte.

»Du weißt eben nicht, wer sie ist,« sagte er, und hielt einen Moment aus. »Eine Wingerode.«

Zu seinem Erstaunen nickte die Mutter nur ruhig.

»Die Tochter des Landrats. Sie hat mir selbst ihren Namen genannt,« sagte sie fast ohne Zeichen tieferer Bewegung. »Es hat mich ein bißchen erschreckt, nachher aber ist es mir förmlich lieb geworden, daß ich ihr begegnete. Es war doch töricht von mir, dem ausweichen zu wollen. Ich meine fast, ich habe an ein Verhängnis geglaubt.«

»Ein Glück wenigstens kann ich darin nicht sehen.«

Die sanfte Stimme der alten Frau nahm nun sogar etwas Feierliches an.

»Die Kinder tragen keine Mitschuld an der Versündigung ihres Vaters – das hast du selbst mir vorgehalten. Erinnere dich jetzt daran.«

270 Er erwiderte nichts. Wie sonderbar klang ihm diese Mahnung aus der Mutter Mund zurück! Leute traten ein und störten die Fortführung dieses Gesprächs.

 

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