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Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 3
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3

Indessen geleitete Werner Rodek die Mutter langsam den Weg entlang, der am Kamme der Anhöhe hin gegen die Kirche führt. Hier strich ein erquickendes Lüftchen, von welchem unten in dem nach allen Seiten geschützten Kessel kaum etwas zu merken war, und ein herrlicher Ausblick über den Nordabhang der Berge bis zum blauen See hinunter tat sich dem Auge auf. Ruhig, wie ein sanft schlummerndes Kind lag der leichtgereizte, jähzornige Bodan in seinem 235 grünen Bette. Des Riesen Haupt und Füße waren in leichte, duftige Schleier gehüllt, und über denselben ragten sonnbeschienen die mächtigen Eckpfosten, welche vom Pfänder bis zum Hohentwiel die azurne Decke gespannt trugen, an der, wie aufgenommene Vorhänge des Himmelbetts, schneeigweiße, im Rokokostil gebauschte Wölkchen hingen. Und jenseits lag, wie ein weicher, moosiger Teppich, das hügelige Vorland unabsehbar ausgebreitet.

Die geschwächten Augen der Matrone vermochten sich zwar nicht an der ganzen Schönheit zu laben, doch zeigte sich alsbald die günstige Einwirkung von Luft und Sonne in dem sicheren Schritte, der kräftigerem Haltung. Sie atmete ein paarmal tief auf, und jetzt erst sprach ihr der Sohn, der ihr absichtlich so lange Zeit gelassen, mit gedämpfter Stimme herzlich zu.

»Ruhe, Ruhe, liebes Mutterchen. Du weißt ja, was Doktor Gräfe dir heute gesagt hat. Du sollst dir keine Sorgen machen und jegliche Aufregung vermeiden, nur wenn du ganz unbekümmerten und friedlichen Gemütes bist, kann die Operation vorgenommen werden, die dein linkes Auge davor behütet, in weitere Mitleidenschaft gezogen zu werden. Also beherrsche die Bewegung und verscheuche jede Unruhe.«

»Ihr habt gut reden,« entgegnete sie leise nickend, »der Kummer wächst innerlich, und den kann man allenfalls zur Ergebung in Gottes Willen verwandeln. Die Freude und der Gedanke an das Glück, das uns geblieben, trinkt ihn ja auch hinweg, wie die Sonne den Nebel, und ich müßte undankbar sein, wenn ich mich dessen nicht erinnern wollte, was ich an dir habe, 236 mein lieber Sohn. Gegen dies wiegt es wohl nichts, ob ich ganz erblinde oder nicht. Du läßt es mich ja nicht fühlen, daß ich die alten, müden Augen nicht mehr brauchen kann, und so will ich denn gerne sorglos hinnehmen, was mir der Himmel beschert. Aber mit der Aufregung ist es ein andres; die kommt von außen her, und wie kann ich die abwehren? Es ist nun schon so lange her – aber wenn der Name genannt wird – und so unversehens –«

»Ja, das war freilich ein Fehler von mir, und ich hätte vorbeugen sollen, solange es noch Zeit war, später, als ich dich fortführen wollte, da kam die Vorsicht schon zu spät.«

»Wußtest du denn überhaupt –«

»Bei Tisch erst hab' ich es erfahren. Ich konnte mir es wenigstens denken, als ich das Wappen auf dem Siegelringe der Nachbarin erkannte. Mich überraschte es selbst, als ich das springende Pferd der Wingerode erblickte. Aber der Ring konnte ja am Ende auch in andrer Weise in ihren Besitz gekommen sein – geradeso wie der, den wir zu Hause haben, in den unsrigen. Sie mußte darum noch nicht zur Familie gehören; am wenigsten war ich aber darauf gefaßt, eine Tochter jenes Wingerode – freilich, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten Miniaturbilde ist da – in dieser Hinsicht haben die beiden Klatschbasen nicht übertrieben.«

»Und nun sollen wir im selben Hause miteinander wohnen. O Werner, ich möchte am liebsten abreisen!«

»Und das Feld räumen, wie jemand, der ein böses Gewissen hat? Nein, Mutter, daraus wird nichts. 237 Wär alles offen und klar in der Welt, nicht wir hätten die Augen zu senken. Und nun sollen wir vor der eignen Erinnerung an erlittenes Unrecht das Haupt beugen? Diejenigen, vor denen wir flüchten würden, wissen wohl gar nichts von der Vergangenheit, und wär's dennoch der Fall und brächten sie's in Zusammenhang mit unsrer Abreise, sie triumphierten zuletzt gar noch, uns verjagt zu haben. Das war von jeher Pflicht und Schuldigkeit des gemeinen, gedrückten Volkes, wenn es unbequem wurde, sich aus dem Wege zu machen. Nein, dazu erhältst du meine Zustimmung nicht.«

»Aber wir könnten doch wenigstens in einen andern Gasthof – –«

Der Sohn, dessen Miene und Stimme den verhaltenen Ingrimm nicht verbergen konnten, fiel ihr, eingedenk des eignen Rats, der sie vor jeder Aufregung gewarnt, Ton und Ausdruck mäßigend, ins Wort.

»Darüber können wir ja noch beraten, obwohl es am Ende auf eins hinausläuft. Daß wir einander nicht wieder allzusehr in die Nähe geraten, dafür brauchen wir gar nicht Sorge zu tragen; das richten sie schon selber so ein, glaube mir. Zudem ist ja der Landrat tot, und die Töchter haben kein Teil an der Schuld des Vaters, insofern ist auch eine Begegnung, jetzt, nachdem die erste vorüber ist, vollkommen gleichgültig. Ganz ließe sich dieselbe in dem engen Orte doch nicht vermeiden, selbst wenn wir das Haus verließen. Und das hatte ich mir auch überlegt, als ich nach dem vergeblichen Versuch, es zu verhindern, die 238 Erwähnung des Namens schließlich herankommen ließ. Der konnte ja auch an jedem andern Orte genannt werden, und es war vielleicht um so besser, je früher es geschah; da störte es doch nicht zur Unzeit, und es blieb dir Muße, deine Ruhe wiederzufinden. So ließ ich denn die häßlichen Plappermühlen ihr Korn schroten.«

Die Mutter antwortete diesmal nicht, sie hing ihren Gedanken nach, und Werner wollte sie darin nicht stören. Sie kamen auch eben an einer der Bänke vorüber, die da oben der Aussicht wegen angebracht sind, und diese war besetzt.

Es schien ein zärtliches Liebespaar, das sich darauf niedergelassen hatte, als der Vorüberwandelnde aber aufmerksamer hinblickte, erkannte er Herrn von Sarnberg, der müde in dem Schatten lehnte, indes seine Frau, ihren Arm in den seinen geschlungen, die Wange zärtlich an seine Schulter schmiegte. Unbekümmert um das Geräusch der nahenden Schritte, vielleicht auch dasselbe überhörend, setzte sie halb schmollend und halb lachend den kleinen Sermon fort, in den sie sich vertieft hatte.

»Du wirst mich auch noch recht erzürnen, Odo, wenn du diesen hypochondrischen Anwandlungen so nachgibst. Es hat lange genug gedauert, ehe es endlich die Wendung zum Bessern nahm. Nun aber darfst du auch nicht mehr zweifeln und deiner eignen Natur mißtrauen, du mußt sie unterstützen und sie durch Übung wieder zum Bewußtsein ihres Vermögens bringen. Du kennst ja doch die Geschichte von dem Kranken, der vorgab, nicht auf seinen Füßen stehen zu können bis der Arzt ›Feuer!‹ rief und sein Patient 239 aus dem Bette sprang und gesund, wie in seinen besten Tagen, davonrannte. Geradeso geht es mit dir. Aber gib nur acht, ich weiß schon ein Mittel, auch dich auf die Beine zu bringen. Eines Tages suche ich mir Gero, oder wenn der zu stark bei Lydia beschäftigt sein sollte, Graf Marchegg oder sonst jemand aus und bin, ehe du dich versiehst, mit ihm bei Nacht und Nebel verschwunden. ›Feuer!‹ ruft da die Eifersucht, und dann gibt es einen Wettlauf – ob du mich einholst – ich werde dir's nicht gar so leicht machen. Oder würdest du nicht eifersüchtig sein, sag' mir's – liebst du dein kleines Frauchen nicht mehr genug, um eifersüchtig zu sein?«

»Wie kannst du nur so sprechen, Jenny, selbst im Scherze? Oh, selbst im Scherze sollte dir der Gedanke nicht kommen können, mir eine Qual zu bereiten. Fühlst du denn nicht, wie manchmal mich die peinigende Sorge beschleicht, daß deine Neigung zu dem kranken Manne allmählich einschlummern muß – du, das blühende Leben, die Jugend, die strotzende Gesundheit – ach!«

Der Seufzer des Kranken wurde durch eine leidenschaftliche Umarmung seiner Frau erstickt.

»Odo, Odo, du böser Mann, wie häßlich denkst du von mir!« rief sie mit den gedämpften Lauten einer girrenden Taube. »Was ist es denn, als Liebe, die aus mir spricht? Ich dich verlassen? Dann wär' es nur, um mich da in den See hinabzustürzen. Das hatte ich mir schon damals in Vevey gelobt, als du so übel daran warst, aber Gott hat mein Gebet erhört, er mußte ja auch, er wäre sonst zu grausam gewesen!«

240 »Ich danke dem Himmel, daß er dich nicht beim frevelnden Worte genommen.«

Sie scherzte aber seinen Ernst hinweg, und unter ihren zärtlichen Küssen röteten sich die bleichen Wangen und begannen seine matten, krankhaft großen Augen wieder lebensmutig zu leuchten.

Im langsamen Vorüberwandeln war Werner mit seiner Mutter unterdes wieder außer Gehörweite gelangt. Er hatte den größten Teil dieses Dialogs ohne sein Zutun mit angehört und verriet die nur der Mutter gegenüber niedergehaltene gereizte Stimmung in der spöttischen Bemerkung, die er über diese Unbefangenheit, intime Gefühle also öffentlich vor aller Welt zu verhandeln, fallen ließ.

»Es ist doch eigentlich eine beleidigende Mißachtung der andern Menschen in einer solchen Ignorierung derselben von dieser Klasse Damen, denen ja auch ihr Bedienter nicht als Mann zählt, wenn er Zeuge mancher Toilettengeheimnisse wird,« setzte er dann hinzu.

Die alte Frau, von den schmerzlichen Gedanken, welche sie selbst zuvor beschäftigten, ein wenig abgelenkt, tat sanft Einspruch. In ihrem wohlwollenden Herzen hatte das Zwiegespräch der beiden jungen Gatten ein ganz andres Echo als bei ihrem Sohne gefunden.

»Und ist es denn eine Schande, sich Mut einzusprechen und sich zu sagen, daß man sich liebt? Soll denn immer nur der Haß laut werden? Und was sind wir ihnen denn schließlich? Sie kennen uns wohl gar nicht, sowenig als wir sie, und da kann man ihnen doch nicht verargen, wenn sie wegen ein paar Vorübergehenden sich keinen Zwang auferlegen. Es tut ja 241 am Ende so wohl, ein wenig Zärtlichkeit zu sehen und zu hören, wo man in der Regel nur Ehepaaren begegnet, die es für besonders vornehm und wohlanständig halten, sich recht gleichgültig, ja eisig kalt gegeneinander zu stellen. Das ist in meinen Augen eine häßliche Maske.«

»Wenn du wüßtest!« hatte Werner sie unterbrechen wollen, doch noch beizeiten Einhalt getan. Das Paar war von dem schwachen Auge der Mutter nicht erkannt worden, sie hatte es wohl schon bei Tisch nicht recht gesehen, warum sollte er jetzt wieder auf den abgetanen Gegenstand zurückkommen? Doch so ganz konnte er sich einer ironischen Erwiderung nicht enthalten. »Nun, immerhin mag das Taubenpärchen von Glück sagen, daß es ein so harmloses und wenigstens bei der einen Hälfte für alles eine Entschuldigung findendes Publikum gehabt. Es hätte ebensogut den beiden moralischen Giftmischerinnen in die unbarmherzigen Hände fallen können, die nun wahrscheinlich uns der Reihe nach ebenso zerfasern, wie zuvor zu unsrer möglichst gründlichen Information ihre übrigen Opfer.«

»Bist du nicht wieder ungerecht?«

»Ich sage es ja, du hast auch für sie eine Entschuldigung,« scherzte er, aber es klang ein wenig scharf. »Du kannst doch unmöglich Gefallen an diesem Zerfleischen nur um der Lust am Zerfleischen willen gefunden haben!«

»Gewiß nicht, selbst wenn es Leute betrifft –« sie sprach nicht aus.

»Nun denn, dann möchte ich dein Plädoyer für die beiden Hyänenweibchen einmal hören.«

242 »Du bist heute wieder bei deiner Jägerlaune,« sagte sie mit weichem Lächeln, das dem Tadel jede Spitze nahm, »und nicht gerade behutsam in der Wahl deiner Pfeile. Und du nimmst andern den gleichen Fehler übel? Es liegt etwas von dem raschen, unbedachten Temperament deines Vaters in dir!«

»Mein Vater –« wollte Werner lebhaft erwidern, doch hielt er auch diesmal das jähe Wort zurück, gerade als ob er sich selbst eine Probe von dem Gegenteil des mütterlichen Urteils geben wolle.

»Du weißt, wie ich ihn achtete und ehrte,« fuhr sie fort, »und darum ist's eigentlich kein Scheltwort, das dich trifft. Aber im Mißmut erwägst du nicht lang und, man sollte doch keine Entscheidung übereilen und immer Nachsicht üben.«

»Auch gegen diese Schneppes? Ich denke, Gerechtigkeit ist das oberste Gesetz, und das lautet: Dir wie mir.«

»Das ist ein hartes Gesetz,« meinte sie kopfschüttelnd, dann aber nahm sie ihn beim Worte mit einer kleinen, unschuldigen List, die ihrem schönen und sanften alten Gesicht eigentümlich wohl ließ, »doch halte dich daran. Die beiden Damen sind uns recht freundlich entgegengekommen, und es tut so wohl, wenn man in der Fremde freundliche Menschen findet, die uns leicht Anschluß gewähren.«

»Weil sie selber einen brauchen,« ergänzte Werner heiter lachend den Satz. »O Mutterchen, was hast du dir für ein liebes, vertrauendes Herz bewahrt! Man könnte dich darum beneiden! Ja wahrlich, aber das Mißtrauen der Weltklugheit hat sich zu tief eingefressen in unser verdorbenes Gemüt, und man hält 243 sich gläubig nach ihrer Maxime: ›Nimm die Hand, die dir gar so rasch geboten wird, mit Vorsicht an. Wer dir die Annäherung allzu leicht macht, von dem wirst du Mühe haben, wieder loszukommen.‹ – Don Gracian war ein alter Pessimist, und seine füchsische Schlauheit ist mir sonst zuwider – freilich bin ich auch zum Hofmann gründlich verdorben –, aber einen seiner Ratschläge, meine ich, darf man sich doch hinter das Ohr schreiben.«

»Und wie heißt der?«

»Nicht leicht glauben und nicht leicht lieben.«

»Als ob das von dir abhinge,« sagte sie leise nickend, und ihre feinen Lippen lächelten dazu. »Dein Wille tut gar nichts dabei zur Sache. Du wirst glauben, wenn du kannst, und lieben – wenn du mußt.«

»Du bist ja die reine Fatalistin, Mama.«

»Wenn dein berühmter Ratgeber keine praktischeren Regeln weiß –«

Ein Ruf unterbrach sie, und eine Bewegung ihres Sohnes hinderte sie, fortzufahren.

Werner hatte sich, über die wiedergewonnene Ruhe und Heiterkeit der Mutter erfreut, so sehr ins Gespräch vertieft, daß er erst in den letzten Augenblicken der kleinen Gesellschaft ansichtig geworden war, die sich auf dem Rasenplatze vor der Pension Seefeld, bei welcher die Straße von dem Kamme der Anhöhe sich abwärts gegen den Friedhof wendet, eifrig mit Kricketspielen beschäftigte.

Hier wohnte wohl die eine der beiden englischen Familien, welche Frau Schneppe unter der wohlklingenden Firma der »Oxles und Boxles« 244 zusammenwarf, und gemeinsam gaben sie sich auch Zeitvertreiben hin, nur Lydia hatte sich ihnen noch angeschlossen, und sie war es auch, die eben an dem Balle stand.

Noch hielt ihn die Spitze des schlanken Fußes, von dem sie ihr Kleid gehoben, als sie Werners Blick traf. Sie mußte den Nahenden, welcher sich der auf seinen rechten Arm gestützten Mutter zukehrte, schon früher gesehen haben, ehe er noch den Kopf wendete, und einen Moment schien sie auch zu zaudern, denn die Kugel mußte gerade die Richtung nach dem Wege nehmen, auf dem die beiden daherkamen. Sofort schien jedoch der Übermut den Sieg davongetragen zu haben. Der warnende Zuruf eines der jungen Leute aus dem Kreise der Mitspieler bewirkte genau das Gegenteil. Statt zurückzuhalten schien er anzuspornen; es erfolgte nur ein unsäglich geringschätziges Achselzucken darauf, und gleich danach fiel der Schlag mit augenscheinlicher Heftigkeit. Die Kugel rollte durch den nächsten Bogen, und dann in scharfem Laufe weit über das Ziel hinaus und schnurstracks auf die beiden friedlichen Spaziergänger zu. Wohl hob Werner rasch den Fuß und suchte sie mit der Sohle zu fangen, durch den Umstand aber, daß er den Arm nicht frei hatte, in seinen Bewegungen einigermaßen gehindert, vermochte er dem schweren Holzball nicht unmittelbar Einhalt zu tun; derselbe machte, im gewaltsamen Anpralle abgelenkt, einen kleinen Sprung und traf so den Fuß der alten Dame, die einen Schrei ausstieß, wankte und am Zusammensinken nur durch den raschen Eingriff ihres Sohnes verhindert ward.

245 Mit blitzschneller Bewegung hatte er den Arm um sie geschlungen und ließ sie, als sie sich auf dem gestreiften Fuß nicht mehr zu halten vermochte, langsam auf die ganz in der Nähe stehende Bank niedergleiten.

Das unvorhergesehene Ereignis hatte die kleine Spielgesellschaft in keinen geringen Schrecken versetzt. Die Mädchen standen alle wie an den Fleck gebannt, und selbst ihre jungen Gefährten wußten sich im ersten Augenblicke nicht zu raten und sahen bestürzt und unbehilflich herüber. Die Schuldige allein verlor ihre Fassung nicht, aber es war kein Triumph, der sich auf ihren blaß gewordenen Wangen malte. Das höhnische Lachen war verschwunden, statt daß sie jedoch der Schrecken wie die andern gelähmt hätte, trieb er sie im Fluge der Gruppe auf dem Wege zu. Im Nu stand sie neben der auf der Bank Ruhenden.

»Ist dein Fuß verletzt, Mutter?« fragte Werner besorgt.

»Ein wenig, ja,« lautete die leise Antwort. »Es stieß mir etwas gegen den Knöchel –«

»Oh, es tut Ihnen gewiß recht weh!« ließ sich da eine von Teilnahme bewegte Stimme vernehmen, und Werner erblickte jetzt erst die Herangekommene.

Verwunderung und heißer Unwillen mischten sich in seinem Gefühle.

»Ihre Kugel liegt dort, mein Fräulein,« sagte er hart.

Lydia ließ sich jedoch nicht fortweisen, obwohl sie das Auge unter seinem zürnenden und strengen Blicke senkte. In dem Tone ernster, aus dem Herzen kommender Abbitte wandte sie sich an die Verletzte.

246 »Wie leid, wie leid ist's mir, wenn Sie Schmerzen empfinden! Es war mein Ball, der Sie gestreift hat, und ich beklage diesen unglücklichen Schlag. Leiden Sie sehr? Soll man nicht einen Tragstuhl holen, damit rasch geholfen werde? Quick! run James!«

Frau Rodek gab sich Mühe, ihren Schmerz zu verbergen.

»Ich danke Ihnen, liebes Fräulein,« sagte sie freundlich und zwang sich dabei zu einem Lächeln, das ihr hart genug ankommen mochte. »Es ist nichts – es wird bald vorübergehen. Es war wohl mehr der Schreck. Sie dürfen sich nicht beunruhigen meinetwegen. Es ist so liebenswürdig von Ihnen, sich um mich zu bekümmern.«

»Beschämen Sie mich nicht so tief, gnädige Frau. Sie sind so gütig und hätten doch das Recht, mir gar sehr zu zürnen. Wenn es nun eine ernstliche Verletzung ist!«

»Nein, nein, das ist es gewiß nicht. Seien Sie nur nicht ängstlich, mein liebes Kind. Es hat nichts zu bedeuten. Sie dürfen sich auch keine Vorwürfe machen. Wie leicht nimmt solch ein Ball eine falsche Richtung oder läuft zu weit! Sie haben uns im Eifer des Spiels gewiß gar nicht gesehen, keinesfalls aber ahnen können, was geschah. Ich bin ja nicht so einfältig, jemand einen Zufall entgelten zu lassen. Gewiß nicht. Quälen Sie sich nur selbst nicht, mein gutes Fräulein, es trifft Sie ja keine Schuld.«

Die milden, entschuldigend en Worte trieben eine tiefe Purpurwolke in Lydias Antlitz. Schuldbewußt fühlte 247 sie sich von dieser Seelengüte niedergedrückt. Auch wenn die halberblindeten Augen den wirklichen Vorgang nicht wahrgenommen hatten, blieb noch so viel selbstloses Wohlwollen in dem Benehmen der ihre Schmerzen verleugnenden alten Frau, daß auch ein verhärtetes Herz dadurch der eignen Lieblosigkeit innewerden mußte. Lydia neigte verwirrt die Stirn und erwartete den Einspruch des besser unterrichteten Zeugen und seine vernichtende Anklage.

Als dieselbe aber nicht erfolgte, da hob sie scheu das Auge. In seinem verächtlichen Blick und seinem ironischen Lächeln konnte sie seine Absicht lesen, den ihr zugute kommenden Irrtum hingehen zu lassen und sie zu schonen, ohne ihr darum zu verbergen, was er selber dabei dachte.

»Komm, Mutter, willst du nicht versuchen, ob du dich auf dem Fuße erhalten kannst, nur bis zum Hause?« redete er ihr sanft zu.

Frau Rodek tat nach seinem Wunsche, sank aber ächzend auf ihren Sitz zurück.

»Es geht noch nicht,« sagte sie leise, und zu Lydia setzte sie dann hinzu: »Sie werden mich für recht empfindlich halten.«

Das war aber für diese nur das Stichwort, ihrem Zagen ein Ende zu machen. Der kurze innere Kampf war zu Ende, und die stolze Wahrheitsliebe hatte die momentane Anwandlung von feiger Passivität überwunden.

»Ich wollte, ich dürfte eine recht harte Strafe erdulden für das, was ich herbeigeführt,« bekannte sie sich in demütigem Tone, aber mit fester Stimme zu 248 ihrem Verschulden, »sie würde mir leichter zu tragen sein, als das Gefühl des Unrechts, das Ihre milden Entschuldigungen nur verstärken. Ich habe keine für mich, nicht einmal die der Absichtslosigkeit.«

»Sie wollten mich doch nicht treffen und mir wehe tun? Nein, nein!«

»Ihnen?« Unwillkürlich beugte sich Lydia über die ihr entgegengestreckte Hand, und dem plötzlichen inneren Drange nachgebend, küßte sie dieselbe. »Nein, das wollte ich nicht, gewiß nicht!« murmelte sie dumpf.

»Was tun Sie, mein Kind?« rief Frau Rodek bewegt und verlegen.

»Verzeihen Sie mir!«

»Aber es ist ja doch gar nicht der Rede wert. Ich fühle schon, wie der Schmerz nachläßt. In ein paar Minuten kann ich wieder gehen. Es ist nur eine ganz leichte Berührung gewesen, und nur weil ich eine so schreckhafte alte Frau bin – wenn man schlecht sieht, fürchtet man sich auch gleich vor allem – – Nun erweisen Sie mir aber auch den Gefallen und lassen Sie sich in ihrem Spiel nicht weiter stören. Ich bitte Sie darum.«

»Meine Mutter hat recht,« nahm nun auch Werner wieder das Wort zur Entscheidung. Im Ausdruck seines Antlitzes lag nichts mehr von Spott und Zorn, und selbst seine Stimme klang versöhnlich, wenn auch ernst und so, daß man daraus deutlich den festen Willen, jede weitere Erörterung abzuschneiden, heraushören konnte. »Sie hat Ihnen nichts zu verzeihen, da kein böser Wille gegen sie vorhanden war, wie ich überzeugt bin.« Er betonte diesen Satz und fuhr dann 249 mit einer mehr wohlwollenden als strengen Mahnung fort: »Gedankenloser Mutwille hat zwar auch oft üble Folgen, aber man darf Damen nicht allzusehr dafür verantwortlich machen. Es ist gut, wenn sie zuweilen etwas zu bereuen haben; sie gewinnen dabei an Milde und Anmut. – Doch nun, Mutter, wird's gehen; da kommt ja auch schon eine Equipage.«

Der junge Engländer, der auf Lydias Wink sofort hinabgeeilt war, kam jetzt mit einem Tragstuhl. Deren stehen, wo so viel Kranke sind, immer bereit. Zwei kräftige Männer fanden an der alten Frau eine leichte Last.

Werner hatte sich mit einem höflichen Gruße von Lydia empfohlen, doch diese ließ sich nicht abhalten, nach dem Gasthofe zu folgen, und gab sich erst zufrieden, als ihr Werner, wie sie es erbeten, durch das Stubenmädchen die Versicherung mitteilen ließ, daß in der Tat keine ernstere Verletzung stattgefunden habe und die Kontusion einfach durch kaltes Wasser in ein paar Stunden geheilt sein werde.

 

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