Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Byr >

Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 12
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

12

Über den See zog das schlanke Dampfboot seine lange, gerade Rauchzeile in die klare Abendluft. Unten zerfloß das aufstäubende Wasser hinter dem stetigen Schaufelschlag in eine weithin glitzernde Doppelspur, und auf und nieder zwischen den beiden Fährten schwangen sich in graziösem Fluge die Möwen, welche eine freigebig Brot ausstreuende Hand zu ausdauernden Begleitern geworben. Sie folgten dem Schiffe schon von dem Momente an, wo es sich von der Landungsstelle im Rorschacher Hafen gelöst.

Hüte, Hände hatten vom Lande her Abschiedsgrüße gewinkt, die weißen Tücher wehten noch eine Weile, dann war die letzte Verbindung zwischen den Zurückbleibenden und Davonziehenden vollends zerschnitten, und in gänzlicher Auflösung hatte sich die schluchzende junge Witwe an die Schulter ihrer Schwester gelehnt, durch die Trennung von all diesen lieben Menschen war ihr frischer Schmerz zu erneutem Ausbruch gebracht worden.

Da keine eigentliche Leichenfeier stattgefunden, denn der Verstorbene sollte ja in der Gruft seiner 430 Ahnen zur letzten Ruhe gebettet werden, hatten fast alle Bekannten dem trauernden Schwesternpaare bei der nun so plötzlich hereingebrochenen, mit Hast betriebenen Abreise das Geleite bis herab an den See gegeben, und manches Zeichen herzlicher Teilnahme war den Scheidenden noch geworden, welches ihnen, so wohl es sonst dem Gemüte tat, die Stunde doch nicht erleichterte.

Nachdem Jenny einen Strom von Tränen vergossen, gab sie endlich dem milden Zuspruche Lydias und des Arztes nach. Der alte Herr hatte sich erboten, die beiden Damen auf der Heimreise unter seinen Schutz zu nehmen und so, da er dem Toten nicht mehr helfen konnte, wenigstens den Lebenden zu nützen. Auch hatte die Baronin in der Tat seines ärztlichen Beistandes bedurft; sie war unmittelbar nach dem Unglücksfall wie von Sinnen gewesen – ihre kräftige jugendliche Gesundheit hatte zum Glück den Stoß überwunden.

»Oh, und hier, hier!« stöhnte sie jetzt, umherblickend und das nasse Auge zuletzt auf die entschwindende Hafenmauer gerichtet. »Wie waren wir noch so heiter! Wer mir das damals gesagt hätte!« Ein neuer Tränenguß erstickte ihre Stimme. Erst nach einer Pause konnte sie fortfahren: »Gero hätte auch daran denken können, früher an Sie zu telegraphieren, Herr Medizinalrat, wenn Sie gleichwohl sagen, es hätte nichts genutzt, aber zu meiner Beruhigung würde es gedient haben. Nur das eine ist mein Trost, daß ich weiß, ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, meinen armen Odo zu kräftigen und zu erheitern. 431 Ich habe ihm jedes Opfer gebracht und war immer nur auf sein Wohl und seine Gesundheit bedacht. Ach, wenn er mir folgen und sich wie Gero hätte abhärten wollen! – Du hast doch geschrieben, Lydia? Er wird bestimmt kommen – nicht wahr? Wir haben ja jetzt niemand, so gar niemand mehr auf der Welt. Ach, wie ist es traurig, grenzenlos traurig – warum bin ich nicht selbst auch gestorben! Oh, am liebsten läge ich im Grabe!«

»Sie müssen sich fassen, gnädige Frau, kommen Sie, setzen Sie sich.«

Sie war schon im Begriffe, der Aufforderung des Doktors zu folgen, doch ein rasch über das Deck hinfliegender Blick zeigte ihr das Verdeck mit Passagieren besetzt, und sich rasch abwendend erklärte sie hastig:

»Nein, nein, ich muß mit meinem Schmerz allein sein! – Ich kann mich so verweint nicht sehen lassen. In der Kajüte unten, da bin ich ungestört.«

Lydia hielt sie nicht zurück. Träumerisch lehnte sie an der Hinterwand der in den Radkasten eingebauten Kapitänskabine. Ihr bleiches Gesicht trug den Ausdruck tiefer Trauer, schmerzlich blickte sie hinab auf die gepeitschte Flut, die zu ihren Füßen rauschte und einzelne Tropfen bis herauf sprühte, welche dann wie Tränen auf der grünen Brüstung glänzten. Ihre Augen aber blieben trocken und wandten sich wieder dem immer ferner – ferner zurückgleitenden Ufer zu, als könnten sie jetzt noch unter der Gruppe abschiedwinkender Freunde die eine Gestalt suchen, die nicht darunter gewesen.

So überhastig drängend, so verwirrend war alles 432 gekommen, daß selbst dieser an ruhiges Denken und Beherrschung der Umstände gewöhnte Geist nicht Zeit gewann, die letzten Eindrücke vollends zu ordnen; hatte Lydia doch kaum mehr Gelegenheit gehabt, den mancherlei Beziehungen, die sich während der letzten Wochen geknüpft, auch nur äußerlich gerecht zu werden. Von Werners Mutter war sie dennoch nicht ohne einen letzten Besuch, ohne ein zärtliches Abschiedswort gegangen. Wie Mutter und Kind hatten sie sich einen Augenblick in den Armen gelegen, und ihre Herzen, die einander schon so nahe gekommen, vereinigten sich in dem ängstlich beschleunigtem Takte der Schläge. Das Lebewohl aber hatte auch dem Sohne gelten müssen, denn seit der einen Begegnung, wo er sich darauf beschränken mußte, in wenigen Worten sein Beileid auszusprechen, hatte er sich nicht mehr gezeigt. Die Gründe seiner Zurückhaltung, wo alles sich beeiferte, mit Teilnahme, Trost, Ratschlägen und ebenso unerbetenen Dienstanerbietungen sich heranzudrängen, glaubte Lydia zu verstehen; daß er aber auch jetzt nicht gekommen war, nicht einmal zu diesem letzten, allgemeinen Abschiede, das tat ihr weh, daß sie weinen hätte mögen, wenn nicht ein Rest des alten, sogar von dem Gefühle der Nichtigkeit alles Menschenwollens und Erdenglücks beim Anblicke des Toten nicht völlig niedergebeugten Trotzes die Tränen zurückgehalten hätte. Selbst der Schmerz war nur eine unwürdige Schwäche, von dem sie sich nicht übermannen lassen durfte. Was galt dieser Mann ihrem Herzen, er, der ihr immer nur hart, tadelnd, widersprechend begegnet und sie jetzt nicht einmal eines 433 Blickes, eines Händedrucks mehr für wert erachtet hatte? Und doch ließ sich dies bange, herzbrechende Gefühl nicht bannen – ein Grauen der Verödung, das die Seele mit seiner ganzen Trostlosigkeit erfüllte.

»Ja, ja, wenn wir Menschen solche Schwingen hätten,« sagte Doktor Brunner, der Meinung, auch sie folge mit der gleichen Aufmerksamkeit wie er den in der Höhe weißschimmernden Vögeln, die mit ausgespannten Flügeln die Luft durchschnitten, in sachter Wendung heranschwebten, kaum die Wasserfläche berührten, um den schwimmenden Bissen aufzulesen, und dann wieder im scharfen Strich emporzogen zu weiten, anmutigen Kreisen. »Zu locken sind wir ebenso leicht. Ich will sehen, ob es mir nicht gelingt, ein paar der Schweiz abtrünnig zu machen und Deutschland zuzuführen. Immerhin ein Gewinst. – Aber, wie ich sehe, haben wir da ja noch andre Reisegefährten. Wo haben Sie sich denn versteckt gehalten, Meister? Recht so, recht so, daß Sie uns bis Lindau begleiten wollen.«

Noch hatte kein Laut ihr Ohr erreicht und doch wußte Lydia, wer da hinter ihr stand. Es war eine Ahnung wie ein Blitzstrahl, der mit seiner mächtigen Helle alles plötzlich erleuchtete, im eignen Innern sowohl als ringsum nach außen und tief in die fremde Seele hinein, wo die undurchdringlichsten Schatten lagen. Doch war es freilich nur das blendende, sofort wieder erlöschende Licht des Blitzes.

Das edle Gesicht zeigte kein Erstaunen, als Lydia sich umwendete und in Werners Augen blickte, aber ein Schein zagender Freude flog darüber hin, der 434 diesen Zügen eine ihnen sonst fremde Lieblichkeit verlieh, so bleich sie blieben. Alles Blut drängte in heißer Welle zum Herzen.

»Ein Zwischenfall beim Bau erfordert meine persönliche Intervention,« erklärte Werner auf des Doktors Bemerkung seine Anwesenheit, indem er Lydia begrüßte. »Ich werde also noch eine Strecke weiter das Vergnügen haben, Ihr Reisegefährte zu sein, bis unsre Wege sich trennen.«

»Ein dringender Zwischenfall?«

Die Frage des Doktors setzte Werner ein wenig in Verlegenheit. Leise Röte trat in seine Wangen.

»Es haben mich auch noch andre Gründe bestimmt,« entgegnete er.

»Und sonst also hätten wir uns nicht mehr gesehen?« Ohne daß Lydia es beabsichtigte, verrieten ihre Worte die Enttäuschung, welche Werners Angaben in ihr hervorgerufen. Der Vorwurf aber wirkte auf ihn wie ein elektrischer Funke.

»Glauben Sie, daß ich Sie ohne Abschied hätte ziehen lassen?« fragte er, und vor seinem sprechenden Blick senkte sich scheu der ihre.

Werner wartete auch nicht auf eine Antwort, er holte zwei Gurtensessel herbei und bereitete in der windsichern Ecke einen behaglichen Platz, auf dem sie, entfernt von den übrigen Passagieren, völlig isoliert waren, nur hin und wieder stürmten ein paar das Schiff nach allen Richtungen durchstreifende Kinder in der Nähe vorüber, und Doktor Brunner ging und kam, bald auf dieser, bald auf jener Seite den sein ganzes Interesse in Anspruch nehmenden Möwen Brotkrumen zuzuwerfen.

435 »Ihre Mama habe ich noch gesehen,« erzählte Lydia, »leider nur auf einen Augenblick. Es drängte noch so viel.«

»Dennoch haben Sie sie nicht vergessen!« entgegnete Werner warm. »Das war lieb und freundlich von Ihnen. Sie sind ihr ans Herz gewachsen – trotz allem, was zwischen uns liegt. Sie besitzen einen Zauber, der unwiderstehlich scheint, denn auch mir ist es ja um nichts besser ergangen.«

»Trotz allem?« sagte sie leise. Es war so wunderlich, ihn diesen Ton anschlagen zu hören. Er sprach ganz anders als je zuvor. Aus seinem Munde war sie nur Widersprüche und Sarkasmen gewöhnt oder doch rauhe Offenheit, nun klangen seine Worte nicht gerade wie Spott, doch auch nicht wie das Lob der Begeisterung. Zu einer bloß formalen Galanterie aber hatte Werner bis jetzt doch auch nicht die geringste Anlage gezeigt.

Auf die Frage wurde er noch ernster und herzlicher.

»Sie wissen nun alles – nicht mit meinem Willen – andre haben es Ihnen zugetragen. Es wird Ihnen klar sein, warum ich Ihnen fern bleiben wollte. Zwischen uns beiden gab es, meiner Ansicht nach, keine Gemeinschaft. Es ist vielleicht manches verletzende Wort gefallen, das ich sonst zurückgehalten hätte. Aber alles ist anders geworden. Sie haben den Gegner Schritt für Schritt an sich herangezogen und ihr Wesen, ihre Eigenschaften erkennen gelehrt. Und nun hätte ich Sie gehen lassen sollen, ohne Ihnen das zu sagen? Das wäre unmöglich! Mir erschien es undenkbar, daß wir nur einmal im Leben mit 436 kühlem Gruß aneinander vorübergegangen sein sollten, um uns dann nie wiederzusehen und zu vergessen wie irgendeine flüchtige Eintagsbekanntschaft von der Reise. Vielleicht vermöchten Sie es – ich kann das nicht! – Was ich schätze, was mir nahe getreten und lieb geworden, das soll auch in meinem Leben einen Platz finden – das darf nicht wieder daraus verloren gehen, denn es verleiht ihm Fülle und Wert. – Das – ja, das muß ausgetragen werden, ehe wir uns trennen. Sie dürfen nicht nach Zürich, Paris oder Gott weiß wohin entschwinden und sich in eine Welt stürzen, die Sie verschlingt. Ich weiß wohl, Sie werden sich in ihr nicht verlieren – Sie nicht; aber es ist nicht die Welt, in der Sie Befriedigung und Glück finden werden. Sie meinen es vielleicht, aber ich weiß es besser, denn ich sah ja den Entschluß reifen, und nicht ein innerer Beruf, eine unwiderstehliche Neigung, nicht der Drang nach Wissen und Wirken eben in diesem und keinem andern Bereiche treibt Sie auf jene Bahn, sondern äußerliche Rücksichten – die Not.«

Mehrmals, während er sprach, hatte sie die Augen zu heben versucht, dieselben aber jedesmal wieder niedergeschlagen. In das knappe Gefüge der einander drängenden Sätze vermochte sie auch nicht das kleinste Wörtchen einzuschalten. Von dem Wendepunkt an, wo er auf ihre Zukunft überging, begann sich ihr Kopf aufzurichten. Das war die Sprache eines Freundes, der es treu und gut meinte, aber bei aller Herzlichkeit doch mit gebieterischer Gewaltsamkeit Einfluß begehrte, und dagegen lehnte sich ihr 437 Stolz, mehr aber noch die Überzeugung von der Richtigkeit ihres Entschlusses auf.

»Sie legen dem Zwange zu viel Gewicht bei,« sagte sie. »Es ist mein Wille, der mich leitet.«

»Aber Ihr Wille ist durch die Erwägung der Umstände bestimmt. Er nimmt den Weg für das Ziel und ist doch hauptsächlich auf dieses gerichtet.«

»Ja, auf die Unabhängigkeit, die Freiheit.«

Er nickte. Seine Voraussetzung war bestätigt, und erwartungsvoll fragte er:

»Selbst wenn dieses Ziel nur durch ein Hinwegsetzen über die Traditionen Ihres Standes, Ihrer Familie zu erreichen ist?«

»Die werde ich nie verleugnen.«

»Sondern ihr lieber Menschenopfer bringen, wie es der Ritus dieses Molochs einmal verlangt,« fiel er mit einer Heftigkeit ein, die nach dem Vorhergegangenen ziemlich unvorbereitet kam, aber ein bedeutsames Zeichen für die hohe Spannung war, die sich unter seinem ruhigen Äußere verbarg. Eine dunkle Röte hatte sich auf seine gefaltete Stirn gelagert; er stand auf und war im Begriffe, Lydia, die befremdet nach dem Anlasse eines solchen scharfen Ausfalls suchte, ohne ein weiteres Wort zu verlassen, als diese selbst auf den Ruf der Schwester sich erhob.

Die Baronin war in der Luke der Kajütentreppe erschienen und hatte ihre früheren Worte offenbar schon wieder ganz vergessen.

»Wie unliebenswürdig von dir, mich so allein zu lassen!« klagte sie. »Es ist da unten einsam wie in einer Gruft. Man könnte sterben vor Traurigkeit.«

438 Finster sah Werner der dem Rufe Folgenden nach, und zwischen den zusammengepreßten Zähnen stieß er harte Worte hervor.

»Herzlos ist sie wie ihr Vater. Hochmütig und starr. Das Erbteil ihres Blutes, ihrer Rasse!«

Doktor Brunner, der schon vor einer Weile wieder auf diese Seite herübergekommen und Zeuge der letzten Wechselreden geworden war, schüttelte jetzt unwillig den Kopf.

»Erbteil des Blutes – ja freilich! – Herzlos – natürlich. – Ich kann das nicht hören!« sagte der kleine, lebhafte Mann mit den weißen Locken. »Diese Vorurteile und Irrtümer, die nun schon in der zweiten Generation fortwirken, sind ja ebenso schlimm als das vegetabilische Gift, das man gegen das arme Kind verspritzt hat. Zum Glück ist es ein ganz kräftiges Kind, das sich leidlich zu helfen weiß und nicht gleich an einer Dosis Morphium oder Strychnin zugrunde geht. – Da setzen Sie sich mal zu mir her und seien Sie nicht ebenso obstinat, als es Ihr Herr Vater – sonst meinen Respekt vor dem Ehrenmann – weiß Gott, und besonders in diesem Falle gewesen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Werner betroffen, leistete aber doch der Aufforderung des Arztes Folge.

»Daß Sie mich ein wenig anhören sollen – aber mit Ruhe und Aufmerksamkeit, wenn Ihnen das möglich ist. Ich kenne alle Ereignisse von damals genau und, was mehr ist, auch die Beweggründe. Ich habe die Sache kommen sehen und in ihren einzelnen Phasen verfolgen müssen, ich war Zeuge, wie warm 439 und redlich es der Landrat gemeint, wie sehr er litt, als er sich entschließen sollte, die Verbindung abzubrechen, und ich bin es gewesen, der dazu raten mußte.«

»Das danke Ihnen –«

»Gemach!« unterbrach Doktor Brunner mit der Gelassenheit des Weisen den heftigen Ausruf. »Das Urteil müssen Sie sich auf den Schluß versparen, sonst könnten Sie leicht zum Revozieren gezwungen werden, und das bleibt immer fatal. Wenn ich sage, ich mußte von der Verbindung abraten, so heißt das so viel als – meine Pflicht als Arzt gebot es mir. Es ist mir wahrlich nicht leicht geworden, und ich habe lange genug geschwankt, vielleicht zu lange, eben weil ich sah, wie sehr die beiden Menschen einander zugetan waren. Das Mädchen war ein Engel an Schönheit und Güte – wiewohl ich sonst nicht viel an Engel glaube – und der Landrat ein Mann, der noch gar manches Frauenherz in Flammen zu setzen vermochte – zu deren Leid, denn der Sinn für Frauenreiz war gestorben bei ihm an dem Tage, wo die arme Sophie ins Grab gelegt wurde. Treuer hat noch kein Mann eine Liebe im Herzen getragen, der Beweis ist, daß er nicht mehr geheiratet, so sehr er auch wünschte, männliche Nachkommen zu haben, die an die Stelle des siechen Knäbleins hätten treten können. Ich will nicht sagen, daß dieser Wunsch allein den Ausschlag bei dem Entschlusse, eine zweite Ehe einzugehen, gab, jedenfalls aber half er mit, jene Bedenken zu überwinden, die ihn vielleicht doch von einer Verletzung der Traditionen seiner Familie und seines Standes – wie Sie das nennen – abgehalten 440 hätten, wäre damit bloß seiner persönlichen Neigung genug getan worden, denn Herr von Wingerode war in der Tat ein strenger Mann – vor allem streng gegen sich selbst. Daß er dem ›Moloch‹ aber nicht sein und andrer Menschen Glück aufzuopfern bereit war, das zeigte er ja eben durch die Absicht, ein armes Mädchen bürgerlicher Abkunft, die Gouvernante seiner Kinder, zu heiraten. Und dazu wäre es sicherlich gekommen ohne meinen Einspruch, glauben Sie mir; der Landrat war nicht der Mann, sich an die gewöhnlichen Hindernisse zu kehren, wenn bei ihm einmal etwas überdacht und festgesetzt war. Ich aber meinte meine warnende Stimme erheben zu müssen, gerade weil ich seinen Wunsch kannte. Ich mußte ihm die Hoffnung auf einen Stammhalter, auf einen gesunden, kräftigen Erben nehmen; das Erbe, das den Kindern aus dieser Ehe zuteil werden mochte, konnte nur ein trauriges sein, der Keim einer Krankheit, der ihnen schon im Mutterschoße mitgeteilt worden wäre. Die Arme war schon damals dem heimtückischen Siechtum verfallen, an dem sie starb.«

»Das also war's?« murmelte Werner, doch verlor er sich nicht lange in Nachdenken. Sein Auge erhob sich vielmehr vorwurfsvoll, und strafend sagte er: »Mir will scheinen, als hätten Sie da einen unverantwortlichen Eingriff begangen. Hat nicht das Leid erst eine Krankheit entwickelt, für welche das Glück vielleicht Heilung gebracht hätte? Gibt es denn nicht auch Kinder, welche frei bleiben von der Krankheit der Eltern? Für solche verhängnisvolle Erbschaft gibt es kein unumstößliches Gesetz.«

441 »Das letztere will ich nicht bestreiten, wiewohl die Chancen ungünstig sind. Man muß sie in vielen Fällen hinnehmen, aber herausfordern soll man sie denn doch nicht. Hier aber handelte es sich nicht nur um die ungeborenen Kinder, sondern zunächst um das Wesen selbst, das ihnen das Leben geben sollte, und das einer solchen schönen, aber auch schweren Aufgabe nicht mehr gewachsen war. Brust und Lunge waren schon so sehr angegriffen, daß sich keine Aussicht auf Rettung mehr bot, sowenig das bei derartigen Kranken gar oft täuschende Aussehen davon ahnen ließ. Diese Ehe war eine Unmöglichkeit, denn sie hätte das Herannahen der Katastrophe nur beschleunigt.«

»Und tat das der Kummer nicht auch?«

»Lange nicht in dem Maße,« widerlegte der Doktor kopfschüttelnd den schon nicht mehr so herb klingenden Einwurf. »Die Patientin war still und sanft ergebener Natur. Was man für Gram hielt, war das natürliche Schmachten der welkenden Blume – oder ohne poetische Umschreibung gesagt: ein Symptom des Krankheitsstadiums. Die größte Gefahr drohte ihr in der Erkenntnis ihres Zustandes, die mußte verhütet werden. Was meinen Sie, hätten Sie es über das Herz gebracht, der geliebten Braut zu sagen: ›Wir können nicht Mann und Frau werden, denn du leidest an einer unheilbaren Krankheit‹? Diese furchtbarste aller Erschütterungen wollte der Landrat um jeden Preis verhüten, selbst um den seiner eignen Rechtfertigung. Zu dem kam, daß er – so tief ihn der Schlag getroffen – dennoch nicht recht an das Schlimmste glauben und alle Hoffnung aufgeben 442 wollte. Auf seinen Wunsch sollte die Kranke in ein milderes Klima gebracht werden, um dort Genesung oder doch Erleichterung zu suchen. Aber die Summe, die er dazu bestimmte, wurde mit Entrüstung zurückgewiesen. ›Ein Schandgeld‹, ›eine Abstandszahlung‹, so nannte sie Ihr Vater. Ihm allein hatte man die Wahrheit nicht verhehlt, er aber war leberleidend, mißtrauisch und von einer krankhaften Empfindlichkeit für alles, wo er seine Ehre beleidigt glaubte; er nahm die vertrauten Mitteilungen, die ich ihm selbst machte, als einen leeren Vorwand und verkehrte so in seinem Vorurteil zur Folge, was doch eigentlich die traurige Ursache war. Wie Sie, meinte auch er, die Krankheit – dieser langwierige und in seinen Anfängen weit zurückdatierende Naturprozeß – sei erst aus dem Kummer entsprungen, verstand, wie alle Laien, natürlich mehr vom Organismus und seinen Zuständen als der Arzt und schlug aus reiner Wohlmeinung die zwei bedauernswerten Menschen, mit denen er Mitleid hätte haben sollen, noch härter, denn er verhinderte das einzige, was für die arme Kranke noch getan werden konnte, um ihr Leben zu verlängern, und verleumdete den Landrat, gegen den er alle Welt aufzuhetzen sich die beste Mühe gab.«

»Man hätte meinen Vater aufklären, überzeugen sollen.«

»Überzeugen Sie einen, der nicht überzeugt sein will. Sie sind ja ein erwachsener Mann, der die Wahrheit ertragen können muß. Bei aller Pietät für Ihren Vater werden Sie doch so urteilsfähig sein, um entscheiden zu können, ob ein solches Verhalten, 443 wie ich es schildere, bei seinem Temperament und Charakter möglich war oder nicht. Der cholerische, in sich zurückgezogene Mann ist gewiß zeitlebens nicht leicht zu behandeln gewesen, später, als die Galle bei ihm eine größere Rolle spielte, hat er sich wohl am meisten selbst weh getan. Immer tiefer bohrte er sich in die vorgefaßte Meinung hinein, kehrte seinen ganzen Haß gegen den Unschuldigen und lud ihm – während er selbst alles tat, sich zu schaden – die ganze Verantwortung dafür auf. Sie waren nicht da und wissen nicht, wie es zuging, ich aber stand an Ort und Stelle. Nicht genug, daß er den Landrat zum Zweikampf forderte, schleuderte er öffentlich alle möglichen Schmähungen gegen ihn. Ermahnungen und Zurechtweisungen vom Präsidenten fruchteten nichts, er kehrte seine Angriffe jetzt nur auch gegen diesen, als den Freund und Bundesgenossen des Landrats. Zuletzt trieb er es so weit, daß die Regierung dies aufreizende und allen Respekt zerstörende Treiben eines renitenten Beamten nicht mehr dulden konnte. Es ward die Entlassung beantragt. Sie erfolgte nicht und wurde in eine Versetzung verwandelt, wie sie der Beamte sich alle Tage gefallen lassen muß, und wenn Sie fragen wollen, wem dies zu danken war, so kann ich Ihnen erwidern: einzig und allein der Verwendung des Landrats. Er, dem es schwer genug gefallen sein mag, sich bei den Beleidigungen zurückzuhalten, ja selbst den Vorwurf des aristokratischen Hochmuts und der Feigheit auf sich ruhen zu lassen – denn nichts wurde ihm erspart –, er war es, der seinen ganzen Einfluß zum Besten seines Gegners geltend machte. 444 Meinen Sie nicht, daß ihm oft genug der Gedanke nahe gelegen sein mag, durch eine Erklärung mit der verlassenen Braut all den Anfeindungen ein Ende zu machen? Nicht ein einziges Mal hat er ein Wort fallen lassen, ja sogar nicht gewollt, daß öffentlich widersprochen wurde. ›Es könnte der Armen zu Ohren kommen,‹ sagte er und trug den Schein der Zweideutigkeit weiter. ›Meine Schultern sind stärker als die ihren,‹ erklärte er, und als die Gehässigkeiten immer weiter gingen, da zog er es vor, selbst den Platz zu räumen. Sollte er den kranken, verblendeten Mann, der nie im Leben eine Pistole in der Hand gehabt, auch noch über den Haufen schießen und ihn seiner Familie rauben? Ohnedem war er im herben Schmerz über den tiefen Riß in seinem Leben abgestumpft gegen die Eindrücke der alltäglichen Umgebung. Er wollte dieser unablässigen Erinnerung entfliehen und reiste darum ab.«

Immer tiefer war Werners Haupt gesunken, je klarer er in diese traurige Verkettung von Irrtum, Mißtrauen, Leidenschaftlichkeit und schweren Schicksalsschlägen zu schauen begann. Noch wollte er sich der niederdrückenden Erkenntnis nicht ergeben. Seine Liebe und Verehrung zu dem toten Vater suchte nach einem Lichtstrahl, und jetzt glaubte er ihn gefunden zu haben.

»Warum aber blieb Herr von Wingerode nicht lieber, wenn sein Herz so an meiner Tante hing, und erhielt sie bis zu ihrem Ende in dem süßen Wahn, seine geliebte Braut zu sein? Es wäre ein trauriges, ein schweres – aber ein edles Spiel gewesen.«

445 »So war's beschlossen,« entgegnete Doktor Brunner nickend, »und wäre sicher bis zum Ende durchgeführt worden, hätte Ihr Vater nicht, taub gegen alle Gründe, die seinen Verdacht nur schürten, gewaltsam auf Einhaltung des festgesetzten Hochzeitstages gedrungen. Jedes Hinausschieben erklärte er für eine Entehrung des Verhältnisses, und den Bräutigam, der sein Wort zu halten zögerte, nannte er rundweg einen Verführer und verbot ihm das Haus. – So war's und so hat sich alles verhängnisvoll gedrängt. – Sie möchten mir noch immer nicht glauben? – Ich nehm' es Ihnen nicht übel; aber Ihre Zweifel kann ich heben, sobald ich nach Hause komme. Noch habe ich einige Briefe aus jener Zeit aufbehalten – die will ich Ihnen zusenden, und aus denen werden Sie ersehen, auf welcher Seite die Vorurteile, die Animosität und Rücksichtslosigkeit waren und wie selbstlos, zartfühlend, großmütig und wahrhaft edel dieser Edelmann gehandelt. Vielleicht reden Sie dann anders vom Erbteil des Blutes und der Rasse. Sehen Sie, es hat mich noch niemand für einen Anhänger der Aristokraten erklärt, ich halte es politisch sogar gegen sie, aber ich bin viel im Leben mit ihnen zusammengekommen und muß sagen: wenn sie nicht besser sind, so sind sie doch auch nicht schlechter als andre Leute. Eine Institution, die auf das Prinzip gegründet ist, sich über das Niedrige und Gemeine zu erheben – wie krankhaft und verkehrt auch einzelne Auswüchse sein mögen –, ist am Ende doch nicht so verwerflich in einer Zeit, wo leider alles bald nur noch nach den materiellsten Interessen jagt.«

446 Er hielt inne. Es kam kein Widerspruch, keine Zustimmung – längst folgte Werner seinen Ausführungen nicht mehr, aber er fuhr wie aus dem Traum gerüttelt auf, als er Lydias Stimme vernahm.

»Die Herren debattieren, darf ich da auch dabei sein? – Jenny hatte Zerstreuung gefunden. Sie nimmt sich zweier allerliebsten Jungen an, die auf ihren Streifzügen die Kajüte entdeckt haben. Ich finde es unerträglich dumpf unten und muß Luft schöpfen.«

Werner war aufgesprungen. Er beachtete nicht, daß Lydia mit absichtlich leichtem Ton über die zwischen ihnen eingetretene Spannung hinwegzugehen suchte. Noch ganz in das eben Gehörte versunken und mächtig von der dadurch hervorgerufenen Umwälzung erfaßt, sagte er gedrückt und verlegen:

»Wie stehe ich vor Ihnen?«

Ein Blick auf ihn und dann auf den Doktor und sie hatte die Ursache dieser peinlichen Bewegung erkannt.

»Oh, Sie haben doch geschwatzt, Herr Medizinalrat!« äußerte sie in sichtlicher Mißstimmung. »Das war unrecht. Kann man sich so wenig auf Ihr Wort verlassen?«

»Ich habe nur versprochen, die alte Geschichte ruhen zu lassen,« verteidigte sich der Getadelte. »Wenn man aber meinem hochverehrten Freunde noch nach Jahren in sein Grab hinein Dinge zur Last legt – na, da schweige, wer kann. Ein Tag muß doch auch für die Wahrheit kommen. – Übrigens habe ich darüber meine Möwen ganz vernachlässigt. Nur noch 447 zwei. Echte Kosmopoliten; sie drohen sofort mit Abfall, wenn die Brotfrage nicht baldige Erledigung findet. Da muß ich sehen, ob ich bei der Köchin meine Vorräte erneuern kann.«

Er war gegangen und Lydia und Werner standen sich allein gegenüber.

»Sie beschämen mich,« sagte dieser. Sein Auge hing voll Zärtlichkeit an ihr und doch mit ernstem Vorwurfe.

Langsam trat sie an das Bollwerk vor, ihr Antlitz den Bergen im Osten zuwendend, auf denen der rosige Schein der scheidenden Sonne lag.

»Haben Sie nicht ebenso gehandelt?« lautete dann die Antwort. »Auch Sie schwiegen, und ich ging unbefangen neben Ihnen her, indes ich Ihnen keine Unbekannte war.«

»Hier jedoch handelte es sich um eine Aufklärung, um eine Richtigstellung. Sie haben dieselbe verschmäht,« und da sie den Kopf schüttelte, setzte er nachdrücklich hinzu: »Aber Sie haben doch dem Doktor verboten zu sprechen. Aus Stolz taten Sie es.«

»Vielleicht,« ein weiches Lächeln glitt flüchtig wie ein Hauch um ihre Lippen; »dann war es aber nur der Stolz, der meinen Vater einst zum Schweigen verurteilte. Sollte ich Ihrer Mutter Frieden nach so langen Jahren stören, das über das Grab hinaus bewahrte Vertrauen und die Zuversicht in ihres Gatten Recht und Überzeugung erschüttern? Sollte ich des Sohnes Glauben an die Unfehlbarkeit seines Vaters – – Und gerade ich? Nein, von mir sollte der Schmerz nicht ausgehen, von mir nicht. 448 ›Unrecht leiden ist besser als unrecht tun,‹ ›Stark ist, wer des Schwachen schont!‹ das waren die Lieblingsworte meines Vaters. Das sind die Traditionen, denen ich Treue bewahren will – was Sie mir so sehr verdenken.«

»Und ich, ich konnte meinen –« rief er, sie entzückt betrachtend; »Sie betonten dies Wort in besonderer Absicht – mich vor einer Übereilung zu warnen – mich abzuschrecken.«

»Wovor?« Ihr großes dunkles Auge richtete sich erstaunt auf ihn, aber es war nicht der gewöhnliche ruhige Blick. Die sprühenden Lichter in der Tiefe gaben Kunde von der mächtigen Erregung der Gefühle.

»Ich war im Begriffe – zu werben,« erklärte er, und als sich ihr Kopf jetzt senkte, fuhr er eifriger und nachdrücklicher fort: »Die Freiheit und Unabhängigkeit suchen Sie auf dem Weg, den Sie einschlagen wollen. Aber Sie werden weder frei noch unabhängig sein, denn die Mittel, durch welche Sie es erreichen wollen, werden sich als Ketten erweisen, die Sie sich selbst angelegt. Wie so viele werden auch Sie weiter nichts als ein Sklave ihres Standes sein. Man muß ihn lieben, wie man den Gatten liebt, man muß mit ihm eins sein wie in der Ehe – nur dann ist man frei in der Gebundenheit. Sie dürfen nicht in eine falsche Stellung geraten, wo sie ihrem Geist in irrtümlicher Auffassung nicht Arbeit, sondern Tagelöhnerdienste zuweisen, statt seinen Bedürfnissen entgegenzukommen ohne jeden andern Zweck als eben nur seine Entwicklung. Und das Mandat, ihn so zu aller Freiheit zu geleiten, das müssen Sie einem Gatten erteilen.«

449 »Doch nicht etwa –«

Sie sprach nicht aus, und rasch wendete sie sich wieder dem Farbenspiel auf dem gekräuselten See zu. In seinem Blick hatte sie ihren Irrtum sogleich erkannt.

»Nein, nein, ich bin kein Siegfried. Nicht für einen andern – ich werbe für mich,« sagte er lebhaft und warm, ihr die Hand entgegenstreckend.

Die ihrigen aber blieben auf dem Geländer liegen. In sich versunken, von stürmischen Empfindungen bewegt, lehnte sie sich über dasselbe, während er in aufgeregter Erwartung auf das leise Zittern ihrer Hände, das Zucken ihrer Lippe und ihres Augenlids und das Wogen ihrer tief atmenden Brust achtete.

»Machen Sie mich in meinem Entschluß nicht irre,« sagte sie endlich nach langem Schweigen, »lassen Sie mich meinen Weg gehen, wohin er auch führe.«

»Weshalb?« fragte er mit aussetzendem Atem.

»Sie wollen mich auf einen sichern Platz in der Gesellschaft heben? Sie wollen mir bittere Erfahrungen ersparen? Sie tun es aus Mitleid und Sie wissen, daß ich dem nichts verdanken will. Lassen Sie mich meinen Vorsatz durchführen. Was später wird, das bleibe Gott anheimgestellt. Wir beide aber wollen Freunde sein, jetzt können wir es ja sein.«

»Das kann ich nicht!« stieß er rauh hervor und wies die Hand, die sich ihm entgegengestreckt hatte, heftig zurück.

»Warum nicht?«

Eine gebieterische Leidenschaftlichkeit brach wie ein Glutstrom aus seinem Innern.

450 »Weil ich nicht Freund dessen bleiben kann, der mein Glück vernichtet!«

Das war nicht Geros mattherzig flehende Entsagung. sondern das jähe Ungestüm eines Herrscherwillens, der rücksichtslos jegliches Hindernis niederbricht. Was sich darin aussprach, war wohl alles andre eher – als Mitleid.

Die so unversehens emporschlagenden Flammen erhellten alles Dunkel und erfaßten auch sie.

Eine Sekunde stand sie wie eine Säule starr, dann ging ein Zittern durch sie, eine Erschütterung wie von einem Erdbeben, und plötzlich stürzten unaufhaltbar heiße Tränen in Strömen über ihre Wangen. Das war ein seltsamer Anblick. Im nächsten Moment aber hatte sie schon den Schleier herabgezogen und eilte hinweg, der Kajütentreppe zu.

Mit wenigen Schritten hatte er sie auf den obersten Stufen eingeholt, wo sie schluchzend an der Wand lehnte. –

»Lydia! Sie weinen!« rief er, sie stürmisch umfangend. »Sie können weinen. Sie haben ein Herz!«

Aller Widerstand war hinweggeschmolzen. Regungslos lag sie an seiner Brust. Unter Tränen lächelte sie ihn glücklich und doch zugleich wehmütig an. Es war ein leiser Seufzer.

»Und so bin auch ich nur ein schwaches Weib.«

»Aus dieser Schwäche aber erwächst deine Kraft,« erwiderte er mit den innigsten Lauten des Entzückens, »die Macht, vor der du dich beugst, geht wieder aus von dir. Die Liebe ist's – in der wir eins sind – die allmächtige Liebe!« –

451 Als sie nach einer Weile, verscheucht von einem Geräusch, Arm in Arm wieder auf Deck heraustraten, da lag auf der stahlgrauen Fläche des unbeweglichen Sees die Sonne als ein großer gelber Ball; die fernen Hügelreihen, wie die Wolken darüber von goldenen Streifen durchzogen, leuchteten in violettem Purpur, und durch den schimmernden Duft im Süden trat die Ahnung der kaltgrauen Berge mit ihren schneeigen Gipfeln immer deutlicher aus dem tiefen Hintergrunde. In einzelnen Häusern von Bregenz, dort zur Linken, scheint Feuer aufgegangen zu sein und bricht flammend aus den spiegelnden Fenstern. Ganze Fronten entzünden sich – von der alten Bergstadt loht ein Brand, der launisch an der aufleuchtenden Mauer hingleitet und von Turm zu Turm überspringt, um im nächsten Moment jäh zu verlöschen. Schärfer wird das Weiß des Schnees, glühender das Gold des Gestirns, an dem jetzt die scharf umrissene Silhouette eines Kahnes mit zwei Ruderern wie eine acherontische Fähre vorübergleitet. Nun ist sie vorbei und versinkt im Schatten – nichts regt sich, und der Glutball ist versunken, und immer kleiner wird der verglimmende Kreis des Widerscheins. – Es ist Nacht.

Dort aber, wohin der Bug des Schiffes weist, glänzt ein Stern auf und sendet seine leitenden Strahlen weithin über den See. Es ist das Licht vom hohen Leuchtturm des Hafens – dem Endpunkt der heutigen Fahrt, aber auch der Ausgangspunkt auf neuem Weg in die Welt und das Leben.

 


 

 << Kapitel 11 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.