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Gutenberg > Robert Byr >

Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 10
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10

»Warum schließest du die Türe, Gero?« fragte Lydia ihren Vetter. »Ich höre dann nicht, wenn Odo etwas verlangt.«

»Er schläft. Für alle Fälle ist ja die Wärterin bei ihm,« lautete die Antwort. »Ich aber habe mit dir zu sprechen.«

Es war ein paar Tage nach der nächtlichen Störung. Der Schlaganfall war ohne die gefürchteten äußersten Folgen geblieben, nur die Lähmung wollte nicht ganz weichen. In der Krankenstube herrschte schwüle Dämmerung, durch die herabgelassenen Vorhänge erzeugt, welche die blendende Nachmittagsonne möglichst ausschließen sollten. Die Wärterin selbst konnte sich der einschläfernden Wirkung dieses Halbdunkels nicht ganz 382 entziehen. Lydia hatte sich darum auch in das anstoßende Gemach zurückgezogen, das, zwischen den beiden Schlafzimmern liegend, als Wohnraum benutzt wurde, und hier am offenen Fenster las sie, bis sie durch das Erscheinen Geros gestört wurde.

Er hatte seinen Ausflug nach dem Säntis und einigen andern Höhen programmäßig beendigt und war tags zuvor endlich, zur großen Erleichterung der sich nach seinem Beistande sehnenden jungen Frau, wieder in Heiden angelangt, wo er den Bericht über das Vorgefallene mit sehr nachdenklicher Miene aufnahm. Zunächst schien natürlich die projektierte Fahrt zum Schützenfeste in St. Gallen gestört, aber auch in bezug auf andre Pläne war nun ein unliebsames Hindernis eingetreten, und das mußte überlegt und ins reine gebracht werden.

Nach vierundzwanzig Stunden war auch sein Entschluß gefaßt, und jetzt gerade ergab sich eine günstige Gelegenheit, sich darüber mit Lydia auseinanderzusetzen. Er trat zu ihr ans Fenster, ließ sich mit dem Rücken gegen dasselbe halb auf das Parapett nieder und begann eine Zigarette zu wickeln.

Darin aber wurde er durch seine Cousine gestört. Der Rauch könnte den Kranken belästigen, erinnerte sie ihn, und er fügte sich gutmütig dem Verbot. Mit irgend etwas aber mußte er seine Hände beschäftigen, so nahm er denn das Buch vom Fensterbrette, in welchem sie eben gelesen, und blätterte darin.

»Ha, Geschichte der Zivilisation – Buckle. Famoses Werk! Habe schon davon gehört, aber noch keine Zeit gehabt zum Lesen. Echt englisch! Stimme ihm ganz 383 bei, was er von der Nahrung und ihrem Einfluß sagt. Vollkommen recht hat er, sehr viel kommt auf die Fütterung an, sehr viel. Das wäre etwas für den verrückten Professor mit seinem Apfelmus und Grünklee, da soll er lernen! Ich habe es immer gesagt: bei den Engländern muß man in die Schule gehen; das sind Praktiker und da deckt sich die Theorie mit der Erfahrung. Ein bißchen einseitig aber ist Buckle doch. Viel kommt auf die Fütterung an, aber nicht alles, nein, nicht alles – ohne Train geht es nicht, die Muskeln, die Nerven müssen geübt werden. Und Methode gehört dazu, Diät und Train. Werner Rodek – das ist also vom Baumeister? Merkwürdig! Liest der Englisch? Scheint ein anständiger Kerl zu sein, So, so, Buckle. Das flößt mir Vertrauen in sein architektonisches Talent ein. Was meinst du, wenn wir ihm den Umbau des rechten Flügels in Malowitz übertrügen?«

»Da wirst du beizeiten anfragen müssen, denn er scheint sehr gesucht zu sein,« sagte Lydia, indem sie ihm ruhig das Buch aus den Fingern nahm. »Und es ist sehr zweifelhaft, ob er auf deine Ideen eingeht.«

»Meinst du? Aber es sind ja die deinigen. Du sollst volle Freiheit dabei haben, und wenn du sie ihm auseinandersetzest –«

Eine leichte Röte, die rasch zu ihrer Stirn emporstieg, verschwand wieder ebenso schnell. Zur Seite blickend, meinte sie in seltsam herbem Tone: »Ich glaube nicht, daß ihn gerade das williger machen würde.«

»Pah, wenn er ein gutes Honorar zu erwarten hat.«

384 »Nicht alles, mein Freund, ist mit Geld zu erkaufen.«

»Aber bei dieser Gattung von Leuten. Denen gilt ja doch das Geschäft alles.«

Diesmal färbte eine dauerndere Röte ihr Antlitz, und mit einem Blick des Unmuts verwies sie dem Zweifler seine geringschätzige Ansicht.

»Dir scheint der Reichtum eine Garantie gegen unedle Gesinnung, ich aber meine, daß weder Besitz noch Rang dagegen sichert. Den Gentleman macht nicht der Stand, sondern die vornehme Denkungsweise, und dieser kann man, wie dem Talente, öfter vielleicht als im Staatsfracke, der nur zu oft die banale Mittelmäßigkeit deckt, in der Arbeitsbluse begegnen.«

Überrascht von der Lebhaftigkeit, mit der sie gegen ihn eintrat, sah er sie verwundert an.

»Gewiß, gewiß!« gab er gutmütig zu, und entschuldigend fügte er bei: »Aber ich glaubte, du könnest ihn nicht ausstehen? Du hast also dein Urteil geändert. Freilich, wenn er Buckle liest und englisch obendrein. – Wo hast du denn mit einemmal die revolutionären Anschauungen her?«

»Aus diesem Buche,« versetzte sie ausweichend und lächelte ein wenig schalkhaft dazu, indem sie sich an seiner Verblüffung weidete.

»Aber man sagte mir doch –«

»Laß es sein, guter Gero,« unterbrach sie mitleidig sein Stammeln. »Mit der Jagd nach Büchern und deren Inhalt hast du dich nie viel beschäftigt, das ist ein Sport, den du andern überläßt.«

»In der Tat – man kann nicht alles treiben,« 385 suchte er sich ebenfalls lächelnd zu rechtfertigen. »Ich befasse mich mit dem Realen. Wenn man den ganzen Tag tätig war, sich geregt hat, da ist man abends müde – da will man ausruhen, die Muskeln müssen ihren Ersatz haben, den möcht' ich sehen, der da noch ans Lesen denken kann.«

»Es scheint doch solche Männer zu geben.«

»Na, mir recht – ich gönne es ihnen. Aber was ich sagen wollte –« Er machte hier eine Verlegenheitspause. Während derselben zog er abwechselnd einen Stift aus den Ösen des kleinen silberbeschlagenen Notizbuches, das er aus der Tasche geholt, und steckte ihn wieder zurück. »Glaubst du, daß Odos Rückfall ernst ist?«

»So ernst, daß ich nicht begreife, weshalb Jenny es wieder hinausgeschoben hat, den Medizinalrat hierherzuberufen, wie sie doch anfangs selbst willens war. Ich möchte ihr von Herzen wünschen, daß ihre zuversichtlichen Hoffnungen nicht unberechtigt seien, immerhin aber wäre es gut, wenn Doktor Brunner ihn sähe. Er hat Odo von Anfang an behandelt, kennt dessen Natur – und seine früheren Ratschläge waren so erfolgreich –«

Sie stockte und Gero schüttelte teilnehmend den Kopf.

»Der arme Teufel! Nun, wo er schon so gut wie gesund war und wir alle auf die Heimkehr im Herbste zählten! Ein recht fataler Fall! Es stört mir auch mein ganzes Programm. Ich hatte mir vorgenommen, heuer noch die Ostschweiz zu absolvieren. Da habe ich für die nächsten Wochen noch eine ganze Reihe 386 angesetzt. Den Stulsergrat, das Tinzenhorn, den Piz Albula, den Piz Ott und Languard, überhaupt die Berninagruppe, dann Piz d'Err, Piz Griatschouls, Piz –«

»Und so weiter,« fiel Lydia lachend ein und schnitt die aus dem Notizbuch vorgenommene Vorlesung damit ab. »Laß dich nicht stören, sie alle gewissenhaft abzutun.«

»Ich hatte aber ein wenig auf deine Gesellschaft gerechnet; im vergangenen Jahre –«

»Diesmal wirst du dein Pensum allein fertigbringen müssen.«

»Ja aber – da wird die Zeit ganz knapp reichen – dann kommen die Herbstrennen –«

»Bei denen du ebenfalls nicht fehlen darfst, versteht sich.«

»Aber – wenn sich nun Odos Krankheit in die Länge zieht – am Ende soll er für den Winter abermals nach dem Süden und nächsten Sommer – dann wird es schwer werden –«

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Nun, Chamouni, die Montblancgruppe, Matterhorn und Berner Oberland hab' ich schon durchgemacht.«

»Das soll dir auch zum zweitenmal erlassen bleiben.«

Die immer mehr zunehmende Verlegenheit, aus der ihm selbst die kleine Feile nicht zu helfen vermochte, mit welcher er sorgsam seine Nägel kürzte und glättete, war nun mit einem Male gehoben. Freudig aufblickend rief er:

387 »Du willst also? Oh, das ist recht! Ich telegraphiere sogleich, lasse alles in Ordnung bringen, und so kann die Trauung unmittelbar nach den Rennen stattfinden – wenn es dir recht wäre, so –«

»Nein, Gero, es ist mir nicht recht,« unterbrach sie ihn ernst.

»Du sagtest doch –«

»Davon, soviel ich weiß, kein Wort.«

»Aber nun kommt ihr den ganzen Winter nicht heim und ich soll wieder warten.« Die Aussicht bereitete ihm merkbaren Verdruß, denn er schob die kleine Feile mit Heftigkeit in die Westentasche.

»Nein, das sollst du auch nicht,« entgegnete Lydia ruhig, aber fest. »Es verlangt das kein Mensch von dir.«

»Es ist ungerecht, nachdem ich schon so lange gewartet –«

»Ein triftiger Grund, diesem unbequemen Zustand ein Ziel zu setzen – nur nicht durch unsre Heirat.«

»Sie ist ja doch abgemacht, ob also früher oder später –«

»Du erlaubst mir einzuwerfen, daß eine solche Abmachung zwischen uns beiden nie stattgefunden hat.«

»Du weißt aber, daß dein Vater –«

»Ja, das weiß ich allerdings. Mein Vater jedoch konnte nur einen Wunsch äußern, nicht aber das Wort für mich geben. Es ist wahr, du hast mir wiederholt Andeutungen gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte, aber du wirst mir auch zugeben, daß 388 meine Erwiderung immer deutlich genug die Bitte ausdrückte, du mögest mich nicht drängen, sondern alles der Zukunft anheimstellen.«

»Ja, warten, warten, warten! Auf diese Art könnte es bis ans Weltende gehen, und endlich muß ich mich vor allen meinen Nachbarn und Bekannten schämen, daß ich mich so lange an der Nase herumführen lasse. Nein, mir bricht die Geduld, und ich sage dir, ich mag nicht weiter vertröstet werden.«

»Da tust du ganz recht. Es liegt aber auch gar nicht in meiner Absicht, dich auf später zu verweisen. Im Gegenteil, du bist vollkommen frei – dich bindet gar nichts.«

Der Sportsmann war über diese kühle Erklärung nicht wenig erschrocken. Alle Ungeduld, aller Ärger waren verflogen.

»Du meinst doch nicht im Ernst, daß wir – daß wir – daß wir gar nicht heiraten sollen?«

»Das ist genau das, was ich sagen wollte.«

»Aber Lydia – ich begreife dich nicht – was ist denn geschehen? Alles ließ sich so schön an – wir stimmten so gut zueinander. Hast du etwas gegen mich? Sei aufrichtig!«

»Ich kann deine Frau nicht werden. Mehr kann ich dir nicht sagen. Ich werde gar nicht heiraten.«

Ihr Blick wich dem seinen aus und suchte den Boden. Kopfschüttelnd schlang er die Finger ineinander. Die Weigerung fand ihn ratlos.

»Du solltest den Mitgenuß der Güter haben – unsre Kinder – es ist ja das einzige vernünftige Arrangement. Du kannst doch nicht immer bei 389 Sarnbergs leben? Siehst du, ich habe mir alles so schön ausgedacht. Malowitz sollst du ganz nach deinem Geschmack umbauen, wenigstens den einen Flügel. An den Ställen, an der Jagd teilen wir ja die Freude, da werden wir uns schon verstehen – die Rennpferde freilich – aber auch da magst du disponieren, wenn du Lust hast – ich will dir gar keine Schranken setzen. Wenn du nicht in Malowitz wohnen magst, können wir ja auch in die Stadt ziehen. Graf Lehnburg möchte sein Haus im Berliner Tiergartenviertel verkaufen, wie ich höre, da könnte ich ja einmal hinhorchen. Auf mich brauchst du gar keine Rücksicht zu nehmen; wenn du dich in Berlin unterhältst, bleibe dort, solange es dich freut, während ich auf den Gütern allenfalls nachsehe. Willst du reisen – im Sommer an die See oder in die Schweiz – du weißt, ich bin kein unbequemer Mensch, gehe meinem Sport nach und gönne jedem seine Freiheit. Sage mir, warum wir nicht Mann und Frau werden sollen? Wir würden prächtig miteinander auskommen – es würde uns gar nichts fehlen.«

»Als die Liebe,« ergänzte sie leise, aber sein feines Ohr hatte es doch vernommen.

»Liebe!« wiederholte er, sich unruhig am Fensterbrette hin und her schiebend. »Zu Extravaganzen habe ich freilich keine Anlage. Ich kann nicht, wie der blonde Rießheim, Gedichte machen, und werde dir auch nicht, wie Chevalier de Jéroncourt in Vevey, drohen, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen, wenn du mir nicht Gehör schenkst – nein, aber das kann ich dir sagen, daß ich alles – wenn du meine 390 Frau wirst – daß ich alles tun werde, um dir das Leben angenehm zu machen – ja, das werde ich, bei Gott!«

Der stramme Muskelmann war ganz weich geworden, und auch Lydia blieb nicht ungerührt.

»Du bist ein guter Mensch, Gero,« sagte sie herzlich, indem sie ihm die Hand reichte. »Aber es kann doch nichts daraus werden. Ich hoffe, daß du einmal noch recht glücklich werden und es mir dann Dank wissen wirst.«

Vergeblich suchte er sie zu überreden, sie beharrte bei ihrer Antwort, und endlich mußte er sich entschließen, zu gehen.

»Ich kann nicht hierbleiben, wenn wir so zueinander stehen,« sagte er noch im Scheiden. »Aber vielleicht bedenkst du dich anders. Ich wollte vom Engadin aus über Tirol geradeswegs nach Hause, aber am Ende – ich könnte ja auch durchs Prätigau und die Silvrettagruppe bei der Gelegenheit mitnehmen – den Piz Albuin – da komme ich dann wieder hier vorüber – überleg es. Vielleicht geht's doch!«

Lydia sah ihm nicht ohne eine gewisse Bewegung nach. Zu lange war sie mit dem Gedanken an eine gemeinsame Zukunft – wenn auch hin und wieder mit demselben hadernd – vertraut gewesen, als daß sie sich leicht von ihm getrennt hätte. Ohne ihren Entschluß darum zu bereuen, fand sie in ihm, neben der Befriedigung ihres stolzen Willens, doch eigentlich nicht die Wohltat der Befreiung, ja, ihr Gefühl war sogar geneigt, sich in Bitterkeit gegen die Ursache 391 dieser Wendung zu kehren, obgleich sie die Notwendigkeit derselben klar erkannte.

War auch der Zwang nur ein innerer, er führte auf die Beweggründe und von diesen auf den Urheber zurück. Nicht ihm wurde das Opfer gebracht, sondern der eignen Überzeugung, aber ohne sein Dazwischentreten wäre die Erkenntnis vielleicht nie erwacht – »oder auch zu spät,« fügte eine flüsternde Stimme in leiser Mahnung hinzu, und wieder kamen ihr die Worte des Gesprächs in den Sinn, das zwischen ihr und Olga geführt worden war, als dieselbe – noch war es keine Stunde her – ihre Absicht, Heiden wieder zu verlassen, kundgegeben und dabei mit naiver Aufrichtigkeit, die fast ans Zynische streifte, den Mangel an amüsanten jungen Männern als Grund angab.

»Es ist niemand da, der des Kokettierens wert wäre,« sagte sie achselzuckend, »als etwa Rodek. Er ist geistreich – und hübsch. Aber er ist zu herrisch, zu rücksichtslos, als daß er mir gefallen könnte.«

»Und möchtest du einen Schwächling zum Manne?« war die Gegenrede.

»Natürlich, den beherrscht man.«

»Indem man ihn verachtet.« Warum war ihr das Blut dabei so heiß ins Antlitz geschossen? Warum hatte Olga gelacht?

Es blieb Lydia nicht lang Zeit, ihren Empfindungen nachzuhängen. Die Schwester kam – sie abzulösen, wie sie sagte. Sie brachte frische Farben und ein glänzendes Auge von ihrem Ausgange zurück, fragte nach dem Kranken und ließ sich nicht abhalten, ein wenig durch die Türspalte zu lauschen.

392 »Findest du nicht, daß Odo recht gut aussieht?« sagte sie. »Er erholt sich doch wieder recht rasch. Wie ungelegen, daß er gerade jetzt diesen Anfall hatte! Nun können wir morgen nicht zum Schützenfeste. Aber wenn er sich zusammennimmt, könnte er doch vielleicht in einem Fahrstuhle mitkommen.«

Sie dachte nur noch an das Nächstgelegene, seitdem sie mit dem ganzen Optimismus ihrer Natur wieder an die Besserung glaubte, und war wirklich erstaunt und gekränkt, als ihr die Schwester den Vorwurf des Egoismus machte.

»Ich egoistisch? Und ich denke doch nur an ihn! Man muß ihn aus dem Krankenzimmer bringen, die frische Luft, die Zerstreuung werden ihm gut tun. Er war immer ein Freund von derlei Volksbelustigungen. Du wirst sehen, wie er sich für die Schießresultate interessiert. Es ist schade, wir hätten daran denken sollen, Doktor Gräfe zu konsultieren. Er soll ja heute wieder eine brillante Operation ausgeführt haben. Olga kann nicht genug erzählen von dieser Ruhe, dieser Sicherheit –«

»Aber sein spezielles Fach sind ja eben Augenkrankheiten.«

»Was tut das?« rief Jenny lachend. »Man kann jemand doch auch aus den Augen absehen, wie es mit ihm steht – wir Frauen wenigstens.«

Auf eine so leichtfertige Beseitigung des Einwurfs gab es keine Antwort, aber in Lydias Miene zeichnete sich deutlich ein Zug von momentaner Abneigung, als sie sich fortwendete.

Sie setzte nur noch in ihrem Zimmer den Hut auf 393 und trat dann auf den Korridor hinaus. Als sie an Werners Türe vorüberkam, da zögerte ihr Fuß ein wenig, doch meinte sie Geräusch zu hören und suchte nun rasch vorüberzueilen, während ihr unwillkürlich gesenktes Antlitz in dunkle Glut getaucht schien. Fort, nur recht bald fort aus diesem Hause, von diesem Orte! Nur nicht immer und immer wieder diese Stelle passieren, an der es ihr jedesmal sein würde, als müsse sie in die Erde versinken. Wenn er jetzt heraustrat und sie ansah – mit denselben Augen ansah – fort, fort!

Die Minute war aber dem Ausweichen nicht günstig. Ehe sie noch vollends vorbei war, tat sich die Tür auf und Werner erschien ebenfalls zum Ausgange bereit. Jetzt weitereilen hätte ausgesehen wie eine Flucht – nein, dazu hatte sie keine Veranlassung.

Auch Werner war betroffen stehengeblieben und zog den Hut zu achtungsvollem, stummem Gruß. Er wagte es nicht, sie anzusprechen, ja, er hatte in den letzten Tagen jede Begegnung sogar absichtlich vermieden; mehr als einmal hatte er sich seit jenem Zusammentreffen in der Nacht Vorwürfe über sein Benehmen gemacht.

»Ein Trunkener warst du,« sagte er sich rücksichtslos, »der sich in seinen eignen Halluzinationen berauschte und ein zu Tode erschrecktes und geängstigtes Mädchen, das bei dir, alles vergessend, Hilfe suchte, aufs tiefste beleidigte. Unwürdig hast du dich gezeigt des Vertrauens, das sich gerade an dich wandte in der Not. Ungerecht ist dein Haß, töricht deine Sittenstrenge, und was du tatst, war eine Roheit.«

394 Das wirkte nun auch in seinem Verhalten gegen sie nach. Fast schüchtern stand er ihr gegenüber, als sie sich gewaltsam fassend zu ihm wendete und mit jener selbstüberwindungsvollen, freundlichen Ruhe, wie sie nur den Frauen zu Gebote steht, als wenn nie etwas vorgefallen wäre zwischen ihnen, die Frage nach dem Befinden seiner Mutter stellte.

»Hat sie sich schon erholt? Es muß doch auch das Gemüt tief angreifen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich freute, als ich von dem glücklichen Verlauf der Operation hörte.«

Es ging ihr vom Herzen, Werner fühlte das, und er hätte ihr dankbar die Hand drücken mögen, wenn ihn sein schlimmes Gewissen nicht daran verhindert hätte. Er selbst sah, obgleich körperlich ein wenig abgespannt, doch freudig gehoben aus und erzählte jetzt, während er an Lydias Seite den Korridor entlang und die Treppe hinabschritt, von der vor einigen Stunden erst stattgehabten Operation, welche nach der Hoffnung des Arztes wenigstens das Licht des einen Auges ungetrübt erhalten sollte. Der Schnitt war gelungen, der beste Erfolg zu gewärtigen, nur die bei solchen entscheidenden Vorgängen natürliche Aufregung mußte sich noch legen und die Kranke in Geduld einige Tage in wohltätigem Dunkel verbringen.

Werner war erst von ihrem Lager gewichen, als sie endlich in einem leichten Schlummer Ruhe gefunden. Auch er bedurfte wie Lydia des Aufatmens in freier Luft und stand gleich ihr im Begriffe, sich ein wenig Bewegung zu machen. Es ergab sich daher beinahe von selbst, daß sie beisammen blieben, auch 395 nachdem sie das Haus verlassen hatten. Langsam gingen sie die schräg am Abhange sachte hinanführende Allee entlang.

Das Gespräch hatte sich dem andern Patienten zugewendet, und Werner drückte die Zuversicht aus, auch Herr von Sarnberg werde sich nun rasch wieder erholen.

»Glauben Sie daran?« unterbrach sie ihn ernst. »Sie sowenig wie ich.«

»Die arme Frau, es wäre fürchterlich für sie,« sagte er teilnehmend und gab damit zu, daß Lydia seine Gedanken richtig erraten hatte.

»Auch das ist nicht Ihre wirkliche Überzeugung. Ihren Mann langsam an ihrer Seite hinsterben zu sehen, jahrelang an ein hinfälliges Wesen gefesselt zu sein, sich in jeder Bewegung gehemmt zu fühlen, das wäre fürchterlich für sie. – Nicht mitzukönnen, wo dies jugendfrische, lebenslustige Naturell sich hingerissen fühlt, und dagegen seinerseits nur ab und zu den knapp zugemessenen Moment mit unstillbarem Durste wiederkehren zu sehen, wo der flüchtige Schmetterling, von einer Laune, einem kleinen Gewissensbiß getrieben, auch einmal an den Krankenstuhl herangeflattert kommt, um alsbald wieder unaufhaltbar zu entwischen, und dies mit den Qualen einer ohnmächtigen Eifersucht erdulden, das wäre fürchterlich für ihn. Die Natur wird mit beiden Erbarmen haben.«

Immer wieder fühlte sich Werner von diesem kalt verständigen, herben Urteile peinlich überrascht. Vielleicht nur, weil das Zutreffende unverhüllter kam als sonst aus mildem Frauenmunde.

396 »Ist es möglich, daß Ihnen weibliche Hingebung so ganz undenkbar erscheint? Wer die wilde Verzweiflung Ihrer Schwester sah, mußte doch aufs tiefste den unheilbaren Schmerz mitempfinden, den ihr ein solcher Verlust bereiten würde. Es ist fast unbegreiflich, wie zwei Schwestern so grundverschieden sein können!«

»Und doch ist es so.« Lydia empfand den Vorwurf, wenn er auch bei weitem nicht so schroff als bei früheren Gelegenheiten ausgesprochen wurde, und ihre stolze Ruhe litt einigermaßen unter der wieder aufsteigenden Bitterkeit, die auch ihre Rede färbte. »Und eben weil wir verschieden organisiert sind, zum Teil auch durch unsre Erziehung uns verschieden entwickelt haben, hege ich die angegebenen Bedenken. Jenny war immer in weiblichen Händen – die sanftmütige Mutter und ihre liebe, seelengute Sophie, und selbst das Institut zuletzt haben ihr einnehmendes Wesen nicht strenge eingeengt. Sie ist weich geblieben, gutmütig und heiter. Dabei sanguinisch und dem Einflusse des Moments unterworfen, scheint sie wie zum Glücke geschaffen. Sie könnte aber auch sehr unglücklich werden. Meinen Sie, daß solche zärtliche, ungeduldige, sonnenscheinbedürftige Frauen gute – Krankenwärterinnen abgeben? Ich will nicht sagen, daß sie ihren Mann getötet hat, aber – sie würde ihn töten und ihm die Seele aussaugen.«

»Sie sind hart.«

»Nein, denn ich wünsche ja ihr Glück. Und sie wird es finden. Nach heftigem Schmerze, aber doch bald – rascher, als wir dies heute vielleicht voraussehen.«

397 »Wie können Sie dies mit solcher Sicherheit prophezeien? Sie verfügen über ein Vermächtnis zu Lebzeiten des Erblassers.«

»Und geschieht das so selten in der Welt?« entgegnete sie mit traurigem Lächeln. »Wer weiß, ob es Jennys eignes Herz nicht schon unbewußt getan. Wo sie in der Not eine Stütze sucht, das ist ein Zeichen. Sie und Gero sind auch wie füreinander geschaffen.«

Bei Geros Namen zuckte Werner auf. Lebhaft erinnerte er sich der schmerzlichen Rufe nach dem Abwesenden, welche die junge Frau in ihrem ratlosen Leid ausgestoßen, zugleich aber fühlte er auch ein heftiges Zurückströmen des Blutes nach seinem Herzen.

»Ihr Vetter Gero? Herr von Wingerode?« fragte er, und vor Erstaunen stockte seine Stimme. »War nicht das Majorat – für Sie – –«

»Es wird Jenny notwendiger sein als mir. Ich habe darauf verzichtet.« Sie suchte das leichthin zu sprechen, konnte aber dabei ein leises Erröten nicht unterdrücken. Um es zu verbergen, ging sie mit erzwungener Unbefangenheit auf einen andern Gegenstand über. »Sie haben da neulich ein Buch in Odos Zimmer liegen lassen. Verzeihen Sie, daß ich es Ihnen nicht sogleich zurückstellen ließ. Aber es interessierte mich, und ich habe hier und da etwas daraus gelesen.«

»Es interessierte Sie also,« wiederholte Werner, ohne eigentlich zu wissen, was er sagte, denn noch war er innerlich ganz und gar mit der vorhergegangenen Mitteilung beschäftigt. Er hatte das Buch völlig geistesabwesend an sich genommen und seine eisigkalt 398 gewordenen Finger blätterten darin, bis sein Auge an einer Stelle, wo ein Zeichen eingelegt war, zufällig auf eine Randglosse traf. Er begann unwillkürlich zu lesen, während Lydia noch ihre Meinung dahin aussprach, daß der Verfasser alles in sein System einzupassen suche und dadurch manchem Gewalt antue oder wohl gar in Irrtümer verfalle.

»Hier zum Beispiel scheint Ihnen ein solcher vorzuwalten – denn dies Fragezeichen stammt nicht von meiner Hand,« sagte er noch immer ein wenig zerstreut, doch schon aufmerksamer geworden. »Was bedeutet es bei dem Satze: ›Die Halle der Wissenschaft ist der Tempel der Demokratie‹?«

»Meinen Zweifel eben. Denn meiner Ansicht nach ist sie im Gegenteil der Tempel der Aristokratie – des Geistes nämlich. Sie sehen, ich lasse mir in Dingen der Überzeugung selbst von Buckle nicht imponieren. Ich bleibe einmal eine Gegnerin der Egalitätstheorie.«

»Und kehren, wie ich merke, seine eignen Waffen gegen ihren Widersacher,« nahm er ihren lächelnd, aber bestimmt gegebenen Ausspruch ebenfalls in heiterem Ton auf, und wundersam berührt durch die Wahrnehmung, daß auch hier wieder – mit einer stillschweigenden Substituierung des Autors – der Kampf vor allem gegen ihn geführt werde, las er sofort geläufig und mit der besten englischen Aussprache, die des Sportsmanns Hochachtung sicherlich noch erhöht hätte, die weiterfolgende Stelle: »›Wer zu lernen wünscht, bekennt seine Unwissenheit, legt seine Überlegenheit einigermaßen ab und fängt an zu begreifen, daß die Größe der Menschen nichts mit dem Glanze ihrer 399 Titel und mit der Würde ihrer Geburt zu tun habe, daß sie nicht von ihren Wappen, ihren Schildern, ihren Ahnen, rechten oder linken Helmbüschen, ihren Sparren, ihren Verschlingungen, ihren blauen und goldenen Feldern und dem andern Plunder der Heraldik abhänge, sondern von der Größe des Geistes, von der Stärke der Einsicht und von der Fülle der Kenntnisse.‹ – Was Ihre Bleifeder zu dem triumphierenden Beisatze verlockte: Also doch keine Gleichheit! q. e. d.«

»Und ist das eine Unrichtigkeit?«

»Nein. Nur erstreckt sich dies stolze Quod erat demonstrandum auf unsre damalige Diskussion und den von Ihnen verfochtenen Standpunkt nicht. Denn Unterschiede habe ich nie geleugnet, sondern einzig und allein unbegründete Vorrechte bekämpft.«

»Es fragt sich, ob nicht doch eine Begründung nachzuweisen wäre.«

»Auch mit der Spitzfindigkeit des Juristen schwerlich,« entgegnete Werner, über die Hartnäckigkeit lächelnd. »Schade, daß Sie nicht Advokat werden können!«

»Daran bin ich nicht schuld.«

»Sondern der schnöde Brotneid der Männer, ich weiß. Aber wollen Sie Ihren Scharfsinn nicht weiter an Buckle üben? Das Buch ist gut, trotz mancher gewagten Behauptung und nicht recht klappenden Beweisführung. Es trägt eben nur irrtümlich den Titel einer Geschichte der Zivilisation, denn es ist eigentlich eine Philosophie der Geschichte oder vielmehr der Versuch einer Physiologie der Menschheit.«

Sie lehnte dankend ab.

400 »Ich würde in nächster Zeit kaum die Zeit dazu finden,« setzte sie erklärend hinzu, »da ich jede Minute zu Rat halten muß, wenn ich mein Ziel nicht selbst hinausschieben will. Diese Lektüre würde mich nur von der nötigen Vorbereitung zur Prüfung abziehen.«

»Zur Prüfung?« fragte Werner mit ein wenig spöttischer Verwunderung.

»Ich muß mich doch einer unterwerfen, wenn ich zur Universität zugelassen werden will.«

»Sie wollen Student werden?« rief er verblüfft aus. Aber es bedurfte nicht erst ihrer Bestätigung, um seinen Unglauben zu beseitigen. An ihrem ernsten Blick, an ihrer ruhigen Festigkeit ließ sich erkennen, daß hier kein Scherz, auch keine Laune, sondern ein unerschütterlicher Vorsatz das Wort führe. Er war stehengeblieben, und da dies an einer der in jener Allee verteilten Bänke geschah, so setzte sich Lydia. Es lag etwas in dieser Bewegung, worin sich gewissermaßen der Wunsch aussprach, über den berührten Punkt nicht weiter zu verhandeln. Werner jedoch nahm den Anlaß, sich zu verabschieden, nicht wahr. Der heitere, scherzhafte Ton, der eben bei ihm durchzubrechen begonnen, wich plötzlich einem in ihm aufschießenden, durch nichts gerechtfertigten Eifer. »Oh, Sie wollen es eben in allen Dingen dem Manne gleichtun!« rief er, und es klang scharf. »Der Ehrgeiz treibt Sie.«

»Ja, ich besitze Ehrgeiz,« sagte sie gemessen, »und ich werde ihn – einmal in der Bahn – auch zu befriedigen trachten, aber er ist es nicht, der meinen Entschluß bestimmte.«

401 »Und was sonst?«

Sie zögerte einen Moment, dann aber, als das Hindernis überwunden war, kam auch wieder jene eigentümliche, unbefangene und gewinnende Vertraulichkeit, die Werner das erstemal so sehr befremdet, ja gereizt hatte, die aber heute eine ganz andre Wirkung auf ihn übte.

»Die Notwendigkeit,« beantwortete Lydia seine Frage. »Mein Schwager wird wohl sterben, vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber er erholt sich nicht mehr. Dann gehen die Güter an die Erben und meine Schwester bleibt mit einem kleinen Wittum zurück, sie, die nicht gewöhnt ist, sich Einschränkungen aufzuerlegen. Sie wird schließlich wieder heiraten. Ich aber kann ihr nicht immer zur Last fallen – ich mag es nicht. Ich mag nicht mein ganzes Leben wie ein unflügges Ding an meine Beschützerin angeklebt sein, von ihr durch die Salons geschleift werden oder mich in einen Winkel verbannen, um der Welt kein Ärgernis zu geben und mich dort für die Rolle der guten alten Tante vorzubereiten, die doch noch der Begleitung ihrer Nichtchen auf dem Spaziergange bedarf, um übler Nachrede zu entgehen. Ich will in der Welt leben. Nun aber fehlen mir die Mittel, mir einen eignen Hofstaat zu halten wie eine Prinzessin. Ich bin arm. Heißt es da nicht: Arbeite? Haben Sie es mir nicht selbst zugerufen? Wohlan, ich bin bereit. Aber niemand vermag seiner Natur Gewalt anzutun. Gouvernante oder Gesellschafterin kann ich nicht werden, ich besitze nicht die Geduld und Fügsamkeit dazu, auch zum Telegraphieren und Buchhalten tauge ich nicht. 402 Soll ich zur Bühne oder schriftstellern? Warum nicht, wenn ich genügendes Vertrauen in mein Talent hätte? Aber das Ziel, welches ich mir gesteckt, das hoffe ich zu erreichen.«

»Es ist ein ungeheures Opfer, das Sie der Schwesterliebe bringen,« sagte er, den barschen Ton in Erinnerung an die bereute Brutalität mäßigend.

»Ein Opfer?« Sie schüttelte den Kopf und sah von ihm weg und sinnend zur Erde. Es währte eine Weile, ehe sie das Antlitz wieder hob, dann aber sagte sie mit beinahe feindseliger Herbheit: »Ich will geachtet sein!«

Wie ein Blitz traf ihn der Ausspruch, diese Andeutung des Ursprungs einer so vollständigen Umkehr.

»Mein Wort also treibt Sie?« rief er in großer Erregung. »Mein Wort –«

»Nein – meine eigne Erkenntnis. Es soll niemand glauben, mir seine – Mißachtung zeigen zu dürfen.« Ehe er sprechen und sich gegen die wohlverstandene Anklage verteidigen konnte, der durch eine Abbitte zuvorzukommen ihn bisher nur die Furcht, von neuem zu verletzen, abgehalten hatte, fuhr sie gelassener fort: »Ich will mir eine Stellung schaffen, ich will arbeiten, aber – nach meinem Sinn. Das darf ich wohl verlangen, oder ist auch das schon zuviel Selbständigkeit und Unweiblichkeit?«

»Sie haben meinen Einwurf falsch aufgefaßt – nur auf die Schwierigkeiten wollte ich hinweisen.«

»Es haben sie auch andre überwunden. Mein Latein, das ich dem Bruder zulieb lernen mußte, wird 403 mir zustatten kommen. Auch die übrigen Vorprüfungen hoffe ich zu bestehen.«

»Das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten. Erst in Zürich werden sie Ihnen entgegentreten.«

»Zürich oder Paris gilt mir gleich. Ich werde dorthin gehen, wo sich mir die günstigeren Chancen bieten, und davon wird auch meine dereinstige Etablierung als Arzt abhängen.«

Das alles war ein vorbedachter und, wie sich zeigte, mit der versierteren Freundin wohl durchgesprochener Plan.

»Und haben Sie denn auch die Kraft für Ihre Aufgabe?« wendete Werner mit ernstem Nachdruck ein. »Ich wünschte, Sie hätten das Beispiel der Selbstüberschätzung mitangesehen. Fräulein Platow wird es Ihnen schwerlich erzählt haben. Sie gab ja so lang nicht Ruhe, bis man ihr erlaubt hatte, der Operation – zwar nicht, wie sie es gewünscht, als Assistent, aber doch als Zuschauer anzuwohnen. Im Anfang war sie gar heldenmütig und großsprecherisch, als aber meine arme Mutter auf dem Tische lag und die Stahlklammer ihr Augenlid spreizte – da war es mit des künftigen Doktors Tapferkeit vorüber. Er kann kein Blut sehen – das Fräulein lehnte bleich an der Wand, hatte eine Ohnmachtsanwandlung und weinte, als ich es hinausgeleitete. Das Herz ist braver als die Nerven.«

»Darum also die so schleunig angesetzte Abreise? Ohne Sorge! Ich kann Blut sehen. Ich weine nicht und werde nicht ohnmächtig.«

Sie erhob sich hastig und schritt den die Allee 404 herabkommenden Damen entgegen. Graf Marchegg, der Miß Edith Boswell am Arme führte, grüßte von weitem mit fröhlichem Zuruf. Werner aber wandte sich nach der entgegengesetzten Seite. Jetzt fühlte er nicht mehr das Verlangen, die er so schwer beleidigt, um Verzeihung zu bitten. Ihre letzten Worte hatten es getilgt. Unmut regte sich wieder in ihm, aber Unmut, gemischt mit einem tiefaufquellenden, nicht mehr zurückzustauenden Gefühl. Weit mächtiger als der Unmut war – die Bewunderung.

 

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