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Lydia

Robert Byr: Lydia - Kapitel 1
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorRobert Byr
yearca. 1905
firstpub1883
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleLydia
pages251
created20101115
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

Die große Glocke im Freihofe zu Heiden hatte schon vor einer Weile zur Table d'hote gerufen, und in dichten Scharen kamen die Gäste in den großen Speisesaal geströmt, dessen hohe Bogenfenster auf der Westseite gegen die grelle Mittagsbeleuchtung leicht geblendet waren.

Manche leidensvolle, gebeugte Gestalt hatte ihren gewohnten Platz an den langen Tischen gesucht, mancher, den der grüne Augenschirm als einen der Patienten des großen Spezialisten bezeichnete, der hier seinen Sommersitz alljährlich für einige Wochen aufzuschlagen pflegte, tastete unsicher und schamhaft beflissen, die traurige Schwäche möglichst zu verbergen, nach dem Gedecke, manches bleiche, müde Gesichtchen, auf das Bergluft und Molken die verlorenen Rosen noch nicht zurückgezaubert hatten, neigte sich mit einem bald wieder erlöschenden Lächeln zu den Nachbarn; aber es gab unter den vielen kranken, sachte dahinschleichenden Erscheinungen doch auch eine ganz erhebliche Anzahl von Gesunden. Recht behäbig gerundete und stattliche Matronen, zum Teil mit goldenen Ketten, Armbändern und sonstigem Schmuck reich behangen, wie es Emporkömmlinge zumal lieben, die ohne eine alljährliche Badekur kein vergnügliches Leben führen zu können vermeinen; lebhafte alte Herren, viel redseliger als die trotz der Sommerhitze in schwerem von handgroßen Kameen geschlossenen Seidenkleidern gleich 204 Hohepriesterinnen um einen Opfertisch herumsitzenden Damen; fröhliche, hungrige Kindergesichter; hier und da ein vornehm tuender und den blasierten Touristen herauskehrender junger Herr, und zwischen all dem strotzenden oder halbwelken Blattwerk, wie Blumen zur Augenweide eingestreut, die jugendfrischen Gestalten schlanker Jungfrauen und mädchenhafter Mütter, die in ihren hellen, heiteren Sommergewändern dem schweren Ernst des so feierlich beginnenden Versammlungsmahles glücklicherweise erheblich Eintrag taten.

Das Stühlerücken, das Grüßen nach rechts und links und all die sonstigen Vorbereitungen waren so ziemlich beendigt, die Reihen bis auf wenige Lücken geschlossen, und jene feierliche Stille war eingetreten, die den Beginn des Festspiels bezeichnet, währenddessen nur flinke Kellner und die zur Aushilfe herbeigezogenen Stubenmädchen mit dampfenden Suppentellern die Tische umschweben und der Oberkellner mit seiner Tablette gemessen die Runde macht, die auf das Getränk bezüglichen Wünsche der Gäste herablassend entgegenzunehmen. Nur wenige Nachzügler suchten noch möglichst rasch ihre Plätze zu gewinnen, und unter diesen auch ein offenbar erst neuangekommenes Paar, wie sich aus der Unsicherheit schließen ließ, mit welcher der große, ernstblickende Mann, die alte Frau an seinem Arm, nach dem Eintritt einen Moment lang zurückhielt, während sein Auge den Saal durchflog, bevor sich beide weiter nach dem leeren Ende der nur zur Hälfte besetzten dritten Tafel bewegten.

205 Auf halbem Wege jedoch kam ihnen schon einer der Kellner entgegen und geleitete sie eilfertig in ganz andrer Richtung zu zwei in der vollen Reihe leer gebliebenen Plätzen. Die Matrone, deren blasses Antlitz unter dem leichten Schatten eines grünen Augenschirms recht krankhaft erschien, aber doch noch immer die Spuren großer Schönheit erkennen ließ, hatte eben mit schüchterner Hand die Lehne des Sessels ergriffen, als sich ihr die junge Dame, deren Nachbarin sie werden sollte, ein wenig barsch zuwendete und mit kühlem Hochmut erklärte, der Platz sei nicht mehr frei.

»Warum führen Sie uns also hierher?« fragte der Begleiter der erschrocken Zurücktretenden mit ruhiger Stimme, deren voller Brustklang sich aber nicht zum Flüstern dämpfen ließ, den Kellner. »Sie hätten uns am unteren Ende anschließen sollen, wie ich es wollte.«

»Bitte, es ist Platz hier,« entgegnete der dienstfertige Jüngling und wandte sich dann gegen den erhobenen Einwurf: »Der Herr Baron haben für heute mittag ausdrücklich abgesagt und der Herr Justizrat sind bereits abgereist.«

»Ich weiß,« lautete die Antwort in demselben kühlen, beinahe verletzenden Tone wie die zuvor gemachte Einwendung, »das hat aber gar nichts zu sagen.«

Dem Verlegenen erschien Rettung von seiten des Oberkellners, der den kritischen Augenblick für gekommen hielt, wo er mit seinem ganzen Aplomb zur Aufrechterhaltung der Ordnung des Hauses einzutreten hatte. Er tat das mit der höflichsten Verbeugung gegen die schöne, stolze Meuterin.

206 »Entschuldigen, gnädiges Fräulein,« sagte er leise und mit einem sachten Versuch ehrerbietigen Lächelns, »es ist strenge Regel, keine Lücken zu lassen, des Servierens wegen – und zum Zurücken wäre es für heute doch schon zu spät; die Herrschaften wollen zudem ihre Nachbarn behalten.«

»Auch ich will mir keine neuen aufzwingen lassen.«

Unschlüssig wiegte der Oberkellner das Haupt. Bei aller Unparteilichkeit war er nahe daran, der schönen Eigensinnigen den Willen zu tun, doch der neue Gast schien nicht gerade der Mann zu sein, der sich geduldig von einem Ende der Tafel zum andern hin und her schieben ließ. Fest legte er die Hand auf den bestrittenen Stuhl.

»Für diesmal werden wir dableiben,« sagte er mit einer Bestimmtheit, die keinem weiteren Einwurf zugänglich schien und alles Parlamentären kurz abschnitt; »Mutter, komm hier auf diese Seite,« setzte er freundlicher hinzu. Seine Hand geleitete die alte Dame, er schob ihr den Sessel zu, und der kleine Zwischenfall war vorüber, doch nicht ohne von der nächsten Umgebung wenigstens bemerkt worden zu sein. Man konnte sogar ein leises spöttisches Kichern hören, das eine dunklere Welle in die rosigen Wangen der energischen Verteidigerin ihrer Unnahbarkeit trieb.

Nicht wenig schien sich das alte Männchen gegenüber, dessen ungeheure rote Nase schwer über dem zahnlosen Munde hing, an dem kleinen Vorgange ergötzt zu haben.

»Ja, ja, man setzt sich halt, wo's grad kommt,« murmelte er lächelnd und nickte dabei dem jungen 207 Manne beifällig zu, was mit einer kurzen freundlichen Kopfneigung, die aber zu einem Gespräche eben nicht ermunterte, erwidert wurde. Die behäbige Gefährtin des Alten, die mit sichtlichem Vergnügen ihre Suppe verzehrt hatte und sogar auf der Rückseite ihres Löffels keinen schmackhaften Rest zurücklassen zu wollen schien, seufzte zuerst tief, daß sich die Riesenbrosche auf ihrem Busen wiegte wie eine Schildkröte auf einer mächtigen Brandungswelle des Schwarzen Meeres, und beschränkte dann die ihr etwas zu allgemein erscheinende Äußerung des Freundes der Gleichheit mit vorsichtiger Mahnung.

»Weißt, Männle, zusehe sollte man doch. Man könnte am Ende wo ins Unrechte hineinsitze, wie der eiserne Jungfernstuhl, wo wir auf der Kyburg g'sehe habe, weißt?«

»Just deswegen. Selbiges hab' ich auch gemeint.«

Den alten Herrn freute das Kichern, das hauptsächlich von den beiden Damen gegenüber, neben der Matrone, ausging, die ja eben zuvor an einen solchen gefährlichen Sitz gerührt zu haben schien. Der ihn jetzt einnahm, konnte sich selbst eines leichten Lächelns nicht erwehren; er vermied es aber gerade deshalb, dem verständnisvollen Blicke des schlau schmunzelnden alten Herrn zu begegnen.

»Sind Sie auch dagewesen? Ach nee! Nicht wahr, es ist da ganz ungemein interessant,« wurde die friedfertige Warnerin, die keine Ahnung von der boshaften Spitze ihrer Bemerkung hatte, von ihrem Nachbar zur Rechten, einem freundlichen, glattrasierten Herrn, der auf den ersten Blick für einen Landpastor genommen werden durfte und in seiner vergnügten Gemütlichkeit 208 den Sachsen so wenig als in der Sprache verleugnete, ins Gespräch verwickelt. Auch er hatte keinen Doppelsinn in ihren harmlosen Worten gefunden, wie ihn andre herausgehört.

Zunächst diejenige selbst, welche von der unbeabsichtigten Anzüglichkeit betroffen wurde. Eine Wolke jagte über ihre Stirne, und verdrossen kehrte sie sich ab. Ihre großen braunen Augen begegneten finster dem scherzhaften Blicke aus dem blühenden Antlitz voll sonnigen Lachens, das ihr von der andern Seite des blassen, kränklichen Mannes, der ihr zur Rechten saß, herübernickte. Ein wenig rückte sie mit dem Kopfe, zog gelassen ihre langen rehfarbenen Handschuhe von den schöngeformten, aber großen und kräftigen weißen Händen und lehnte sich dann, die Suppe verschmähend, mit der Hoheit einer verletzten Herrscherin auf ihrem Throne zurück.

»Willst du mit mir den Platz wechseln?« fragte der Bleiche leise, doch immerhin verständlich genug, daß es dem Zuletztgekommenen nicht entging.

»Nein,« entgegnete sie. »Aber es ist rücksichtslos von Gero, auszubleiben, ohne uns zuvor zu benachrichtigen.«

»Er wird wieder trainieren,« erhob sich eine Stimme von der andern Seite des Tisches, die in ihrem lauten und festen Klange der ganzen Erscheinung des Lebemanns entsprach. Man hätte sich zur Not diese wohlgerundete Weste mit der dicken Goldkette, die leuchtende Glatze, das Grübchen im Kinn zwischen den braunen Bartwülsten, den Nasenzwicker und die lebhaft gestikulierenden, beringten runden Hände auch im Finstern 209 dazu denken können. »Er wollte mich anfangs auch zu seinem Crew pressen; ich dankte aber dafür, ich habe das Ding einmal mitgemacht vor ein paar Jahren am Traunsee, da ruderte ich täglich vierzehn Stunden, auf Ehre! Nach vier Wochen war ich zweiunddreißig Pfund leichter geworden, aber ich hatte eine Hornhaut an den Händen, ein einziges großes Hühnerauge, das eigentlich aus fünfen bestand, einen Hühneraugenkönig. Es war so, daß ich ein Glas zerdrücken konnte, ohne mich zu schneiden, und meine Frau wollte mir gar nicht mehr die Hand geben, weil ich sie wund rieb; zuletzt war es mir aber doch zu unbequem, ich scheuerte jeden Handschuh durch, und mein Vorstehhund verlor alle Haare an der Stelle, wo ich ihn gewöhnlich streichelte; da mußte ich die Alligatorenhaut operieren lassen. Das nützte aber gar nichts, bis ich endlich selbst auf die Idee kam, die Hände täglich eine halbe Stunde lang in den Sprudel zu halten – wir waren von Gmunden nach Karlsbad gegangen –, da versteinerte das Gebilde allmählich, und man konnte es dann förmlich mit der Laubsäge wegschneiden.«

»Aber die Haut an der Oberseite, Graf!« wandte die junge Frau mit demselben Lachen wie früher ein.

»Die Haut an der Oberseite?«

»Nun ja, beim Eintauchen in den kochenden Sprudel.«

»Die war durch ein chemisches Präparat geschützt, meine gnädige Baronin. Haben Sie nie von den Ordalien des Mittelalters gehört, von den Bädern in siedendem Öl, den glühenden Pflugscharen?«

»Wie die, über welche Königin Emma dahinschreiten mußte?«

210 »Ganz recht, lieber Sarnberg,« nickte der Sprecher seinem bleichen Gegenüber zu. »Ihr Beichtvater hatte ihr ein ganz kleines Hausmittelchen an die Hand gegeben, oder vielmehr an die Füßchen, da ließ sich der Spaziergang schon wagen. Ich habe die Tugendprobe ebenso siegreich bestanden. Dank den enormen Fortschritten der modernen Wissenschaft ist das keine Hexerei mehr, man muß nur eben darauf vorbereitet sein. Es muß das ein sehr barbarisches Zeitalter gewesen sein, wo man zarte Damen zwang, über glühendes Eisen zu wandeln, und ich finde es ganz gerechtfertigt, wenn den einfältigen Ehemännern, welche ihr Mißtrauen so weit trieben, dafür eine Nase gedreht wurde.«

»Oh, uirklich?«

Die Baronin war ein wenig verlegen geworden bei dem dreisten Scherze, mußte aber über die naive Frage ihrer Nachbarin zur Rechten doch unwillkürlich lachen. Sie gab sich Mühe, beides so gut als möglich zu verbergen, indem sie einen Ausfall gegen den etwas schrankenlosen Redeeifer des Erzählers machte.

»Sie müssen ihm nicht alles aufs Wort glauben, Miß Mary. Zum Glück für Graf Marchegg gibt es keine Wahrheitsprobe heutzutage, es würde ihm sonst übel genug ergehen, wenn er uns so in das volle, von ihm geschmähte Mittelalter versetzt und selber trotz seiner famosen Sprudelkur als hörnerner Siegfried uns die saftigsten Schnitten irgendeines von ihm erlegten Lindwurms auftischt.«

»Mit Remoladensauce würden sie gewiß ganz exquisit schmecken,« nahm der Angegriffene den Spott ohne alle Empfindlichkeit auf. »Allenfalls wie der Lachs 211 hier, nur etwas fester, denke ich mir, etwas mehr nach Hummer; was meinen Sie. Fräulein Lydia? – Sie sind noch immer mit dem Deserteur unzufrieden? Lassen Sie ihn nur Ihre Ungnade recht fühlen, er verdient sie. Wenn er noch darauf ausgegangen wäre, uns ein paar solcher Prachtexemplare einzufangen! Der Bodensee soll einzelne bis zu vierzig Pfund als zeitweilige Passagiere beherbergen. Nicht wahr, kolossal, unglaublich! Ja, wir hätten ein Fischessen arrangiert – ganz wie an der untern Donau, Hechte bis zu einem Zentner – wahre Riesen – Zigeunerlager – große Feuer, Kessel darüber – süperb, was, meine Damen? – Ich hatte mich ihm dazu als Begleiter nach Rorschach hinab angetragen. Er sagte aber, Fischen tauge ihm nicht, nur das nicht, zu jedem andern Sport sei er bereit – Fischen mache Spleen.«

»Und es ist doch so aufregend!« meinte verwundert Miß Mary. Sie gehörte zu einer größern Familie mit langen, nichtssagenden Gesichtern voll Sommersprossen und glatten, rötlichblonden Haaren – alle von derselben Künstlerhand stümperhaft aus demselben Stück Teig geknetet. Dort zog sich das Gespräch hinüber.

Es schien eine abgeschlossene Clique der Gesellschaft, die sich an diesem Ende des Tisches ständig zusammenfand und welcher die Neuhinzugekommenen durch einen Zufall oder vielmehr durch die Laune des Kellners nicht nur absichtslos, sondern sogar wider Willen angehängt worden waren. Das Mißvergnügen über die aufgedrungene Nachbarschaft konnte bei der jungen Dame, die zu seiner Rechten saß, kaum größer sein, als bei 212 ihm selbst. Und doch hätte sich so mancher andre an seiner Stelle glücklich geschätzt, denn das Mädchen, welches von Graf Marchegg »Lydia« genannt worden war, durfte in jeder Hinsicht zu den ungewöhnlichen Erscheinungen gezählt werden. Groß und von kräftigem Bau, hatte sie doch die biegsame Schlankheit einer Tanne, der stolz getragene Kopf zeigte die anmutigste Rundung, das volle dunkelbraune Haar legte sich in kunstloser Anordnung, ja sogar in rebellischen Bauschungen um die breite, ernste Stirne und um die Schläfen, und die dunkle Schattierung des Antlitzes erhielt durch das lebhafte Inkarnat der Wangen und die feingeschwungenen, obwohl ein wenig zu fest zusammengepreßten Lippen, wie durch die starken schwarzen Brauen und Wimpern einen Schmelz, der auf keinem der mitunter recht hübschen Gesichtchen im Saale weiter zu finden war. Der Gesamteindruck wirkte nicht eben gewinnend, dazu sprach sich zu viel männlicher Wille in Blick, Haltung und dem ganzen Wesen aus, aber er fesselte.

Der unwillkommene Nachbar mochte das wider Willen empfinden, denn sein Blick streifte wiederholt das kühne Profil, wiewohl es keineswegs den Anschein hatte, als schenke er der neben ihm Sitzenden besondere Beachtung. Er widmete sich seiner Mutter und sprach nur zuweilen mit dieser ein paar leise Worte. Nach der andern Seite wandte er sich bloß, wenn ihn eine der bei solchen gemeinsamen Mahlzeiten unvermeidlichen Handreichungen dazu nötigte.

Er stieß sich im Anfange nicht an dem passiven Widerstande, der ihm auch selbst hierin entgegentrat. Die Fischsauce ging von einem zum andern, aber sie 213 stockte plötzlich, nachdem sich Fräulein Lydia bedient; er mußte, nachdem er eine Weile gewartet, den Kellner zitieren, das hinderte ihn jedoch nicht, schon die Beigaben zum Roastbeef mit aller kühlen Höflichkeit, die er einer Dame gegenüber zu beobachten hatte, an dieselbe weiterzugeben. Ihr schien selbst das leise Neigen des Hauptes zu viel. Sie wollte nicht danken und griff daher lieber erst nach den Platten, wenn er sich längst wieder abgewandt hatte. Bei dem nächsten Gange, der wieder die umgekehrte Richtung nahm, wiederholte sie ihr Manöver. Ihr Nachbar war gezwungen, abermals den Kellner zu Hilfe zu rufen, da er sie nicht mahnen mochte, aber es kam auch für ihn die Gelegenheit zur Revanche, und er war ungroßmütig genug, sich dieselbe nicht entgehen zu lassen.

Die gleich anfänglich rasch geleerten Schalen mit Eis machten jetzt um die Mitte des Mahles, frischgefüllt, von neuem die Runde, und diesmal reichte er die an ihn gelangte nicht weiter, sondern stellte sie in die Mitte des Tisches, nachdem er gelassen das größte Stück ausgewählt und in sein eignes Glas geworfen. Nun hatte er die sehnsüchtigen Blicke seiner Nachbarin, als das Eis zuvor schon auf der andern Seite vorüberging, vielleicht nicht bemerkt, vielleicht auch nicht, daß sie sich von dem Baron das Glas schon in Erwartung halb voll hatte schenken lassen, doch unmöglich konnte ihm jetzt die Bewegung der Ungeduld entgehen, die sie veranlaßte, sogar die Hand ein wenig nach der aus ihrem Bereich gerückten Kristallschale auszustrecken. Nichtsdestoweniger tat er gar 214 nichts, den leicht zu erratenden Wunsch der nach einem frischen Trunke Schmachtenden zu befriedigen. Er mußte auch wahrnehmen, wie sie sich vergeblich nach einem der dienstbaren Geister umsah, von denen aber keiner um die Wege war. Doch auch das bewog ihn nicht, von seiner Grausamkeit abzulassen. Der Lechzenden blieb das Labsal vorenthalten, und er selbst schien ganz vertieft in die Mitteilungen seines Gegenüber.

Der Herr zwinkerte so freundlich über seine Nase hinweg, als freue er sich ungemein ihrer herrlichen Entwicklung, und es hätte ein Felsenherz dazu gehört, seine unermüdlich wiederholten Anschmiegungsversuche auf die Dauer zurückzuweisen.

»Wir sind aus Tuttlingen daheim,« erzählte er eben, »und sind noch gar nie an dem Bodensee gewesen. Meine Frau fährt nicht gern auf der Eisenbahn.«

»Es geschehen aber auch gar so viel Unglücksfälle, und ausgeraubt kann man auch noch werden, weißt, wie der Engländer, wo aus dem Coupé hinausgeworfen worden ist.«

»Da setzt man sich drum auch hin, wo's recht viel Leut hat; schon wegen der Ansprach. Sie sind gewiß auch zum erstenmal am Bodensee, nicht wahr? Ist das eine Pracht, und die Menge Wasser! 's ist unsre goldene Hochzeit gewesen – man sollt's meiner Frau nicht ansehen, so gut konserviert ist sie noch, nicht wahr? Hab mer aber auch Müh gebe; hahaha! Na, laß dir's nur schmecken, Alte, so schönes Geflügel haben wir zu Haus doch nie. Also, daß ich sag, zur goldenen Hochzeit sind wir herg'fahre. Einmal in die 215 fünfzig Jahre kann man sich wohl so was antun, und schön ist unser Schwabenmeer – schon eine wahre Pracht, und Schiff drauf, ganz Württemberg könnte man drauf verlade.«

»Ja, und nachher ist so eine Thomasuhr am End drunter, weißt, wie in Bremen. Ich muß sage, ich hab alleweil gezittert und bei jedem Stoß von der Maschine hab ich gemeint, jetzt geht's los und wir fliege alle in die Luft. Ich bin voller Angst.«

Was sie aber durchaus nicht hinderte, dem Rate ihres Gatten zu folgen und die allzu zierlichen Entenflügel bis auf die Knochen säuberlichst abzukratzen.

»Ja, unheimlich ist's schon ein bißle, aber bei uns ist's mit der Gefahr nicht wichtig. Erlauben Sie, Sie sind wohl nicht aus der Gegend?« So begann ihr Mann wieder, doch unterbrach er sich selbst in seinem Examen. »Ach ja, das Eis – die Dame wünscht – bitte, wollten Sie nicht –« machte er nun den Säumigen aufmerksam.

Dieser gab sich die Miene, von der Unruhe, welcher sogar ein Anruf des Grafen gefolgt war, nichts bemerkt zu haben. Er sah überrascht auf, und sich der Schale versichernd, wandte er sich langsam zu seiner Nachbarin.

»Wie? Noch mehr Eis?« sagte er verwundert. »Ich glaubte bereits einen ausreichenden Vorrat zwischen uns aufgestapelt – sonst hätte ich gewiß nicht die allergewöhnlichste Pflicht der Höflichkeit vernachlässigt.«

Um den frischen, vom dunkelblonden Bart nicht ganz verhüllten Mund zuckte ein Lächeln kaum bemerkbarer und im Grunde auch nicht boshafter Ironie. Die Worte waren nur ganz leicht pointiert, nicht mit 216 der verwundenden Schärfe der Rachsucht, sondern eigentlich recht unbefangen gesprochen; es lag im Grunde ebensowenig etwas Verletzendes in ihnen, als sie um Beifall warben, wie es des Witzes und selbst eines geistreichen Ausfalls Absicht schönen jungen Damen gegenüber zumeist ist, auch wenn er sich noch so bärbeißig anstellt.

Hier aber klang nichts davon an, das war keine verkappte Huldigung und darum vielleicht die Wirkung nur noch größer, denn etwas dergleichen war, den finster und abweisend zusammengezogenen Brauen nach, von der Schönen beim Erklingen der ersten Worte augenscheinlich erwartet worden. Sie mochte einen Angriff ganz andrer Art abzuschlagen bereit sein; nun zeigte sich die gewaltige Rüstung unzulänglich und sogar der hochmütig vernichtende Blick, der jegliches Wagnis in die allertiefsten Herzkammern zurückscheuchen sollte, ging wie ein verfehlter Schuß vorbei. Und einen zweiten hatten diese dunkeln, leidenschaftlichen Augen diesmal nicht zu versenden. Sie senkten sich rasch auf die dargebotene Schale, und hinter der Hast, mit der die Hand nach dem Löffel griff, verbarg sich wohl etwas Verwirrung.

Wer im Menschenantlitz zu lesen versteht, konnte auch leicht die Zeichen der Beschämung und eines daraus entspringenden Zorns entziffern. Derjenige aber, der beide hervorgerufen, hatte diese kleine Genugtuung, wenn er sie überhaupt gesucht, nicht mehr, er sah ebensowenig das Lachen der sich vorneigenden Baronin wie das beifällige Schmunzeln, mit dem ihm Graf Marchegg von drüben her zunickte, sein 217 Blick war auf die weiße Hand gefallen, die jetzt so eifrig beschäftigt schien, das schlüpfrige Eis zu fangen, und an der ein ziemlich großer Amethyst blitzte. Mit einer plötzlichen unwillkürlichen Bewegung neigte er sich ein wenig herab, und sein Auge, das sich scharf auf den Siegelring gerichtet hatte, erlitt sofort eine Trübung.

Sein Kopf richtete sich mit einem Rucke ebenso rasch wieder auf, und von diesem Momente an schien er wie durch eine unsichtbare Mauer von seiner Nachbarin getrennt. Er nahm nicht einmal Notiz von der Wirkung der scherzhaften kleinen Lehre, die er ihr zuvor erteilt, unberührt blieb der Teller mit Backwerk, das zum Cremepudding herumgereicht und diesmal pünktlich an ihn weitergegeben wurde, neben ihm stehen, bis er durch Winke des wohlmeinenden Tuttlingers daran erinnert wurde. Und desgleichen achtete er, da er sich schließlich erhob und die Zunächstsitzenden begrüßte, nicht der Nachbarin zur Rechten, die doch diesmal zu keinem andern Zwecke ihm das Angesicht zugewandt haben mochte, als um ihm, wenn auch kalt, doch höflich für den Gruß zu danken, der – wider alles Erwarten zuletzt ausblieb.

Das hieß nun wohl seinerseits die allergewöhnlichste Pflicht gar arg vernachlässigen. – Geschah es absichtlich, um so schlimmer, vielleicht unterblieb es auch nur in der Sorge um die Mutter, der er den Stuhl rückte und den Arm bot.

Auch die andern brachen auf.

»Ischt's schon gar?« fragte mit einer Mischung von Bedauern und Verwunderung die Dame mit der Schildkröte.

218 »Ja, mer meint, mer müßt grad wieder anfange,« pflichtete der Gatte ihrer Auffassung bei.

»Wie in einem Hungerturm ischt es, weißt, wo wir vom Ugolino g'lese habe.«

Der Graf hatte gleichfalls seine letzte Mandel geknackt und sein Glas geleert.

Vergnügt mischte er sich in die scherzenden Vorwürfe der Baronin.

»Diesmal hat Fräulein Brunhilde ihren Meister gefunden,« erklärte er, sich die dicken Hände reibend. »Soll ich ihn fordern? Es wäre mein siebenunddreißigstes Duell. Wie Sie befehlen, hohe Dame, denn unartig war er am Schlusse doch.«

»Wie man es von Leuten, die es nicht besser verstehen, nicht anders erwarten kann. Das sind eben die unangenehmen Seiten der Table d'hote.«

Die Worte waren weit lauter gesprochen worden, als es für den kleinen Kreis der Bekannten nötig gewesen wäre, auch der Ton war ein auffällig scharfer, verletzender. Verwundert blickte der Graf zuerst die Sprecherin an, und dann kehrte er sich rasch um. Er nickte mit dem Kopf und pfiff leise durch die Zähne.

Da stand richtig noch wenige Schritte entfernt der, dem es galt – er mußte jedes Wort gehört haben.

Lachend wandte sich Graf Marchegg wieder der stolzen Dame zu.

»Ich sehe, Sie wollen die Sache persönlich abmachen, wie es einem Kavalier geziemt,« sagte er. »Falls Sie einen Sekundanten brauchen, stehe ich zu Diensten. Hoffentlich geht's nicht auf Leben und Tod.« 219

 

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