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Luise Aston: Lydia - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Neuntes Kapitel

Etwa acht Tage nach den oben erzählten Scenen standen zwei tiefverhüllte Gestalten an der langen Mauer, welche die eine Seite der Anhalt-Straße bildet und blickten aufmerksam nach der Bel-Etage eines der reizenden Häuser dieser schönen Straße hinüber. Ein dichter feiner Regen verdüsterte die Luft und schien selbst den hellerleuchteten Gaslaternen ihren flammenden Athem zu benehmen. Eben schlug es eilf Uhr; ein langanhaltendes immer stärker werdendes Pfeifen durchschnitt die Luft. Es war das Ankunfts-Signal des letzten Zuges der Anhaltischen Eisenbahn. Mit unverwandten Blicken schaueten die Beiden hinüber nach den Fenstern. Endlich sagte die kleinere, dem Anschein nach weibliche Gestalt:

»Was nützt es, daß wir hier im Regen stehen und uns ennuyiren? Lassen Sie uns nach Hause gehen! Ich leide ohnehin an Rheumatismus.«

Ein tiefer krampfhafter Seufzer war die Antwort. – Nach einer Pause erwiederte eine männliche Stimme:

»Gehen Sie immer hin, Sie Glückliche, die Sie noch nicht verlernt haben sich zu langweilen.«

Das tragische Pathos, mit dem diese Worte gesprochen wurden, mußte etwas Komisches enthalten, denn Jene lachte, als sie mit demselben pathetischen Accent erwiederte:

»Sie Glücklicher, der Sie verlernt haben, sich zu langweilen« – und fuhr dann mit verändertem Tone fort: »Aber ernsthaft gesprochen: Sie sind ein Narr, daß Sie sich so selber quälen, nehmen Sie mir den Ausdruck nicht übel. – Apropos. Wie weit sind Sie mit Laura gekommen?« – Es lag ein solcher Ausdruck von boshafter Schadenfreude in der Art, wie diese Frage gethan wurde, daß der Andere zornig, aber mit leiser Stimme erwiederte:

»Sie sind ein wahrer weiblicher Mephisto, Cornelia; Sie verstehen sich vortrefflich darauf, den moralischen Henkersknecht zu spielen.« –

»Mäßigen Sie sich, theurer Freund, den ich gern meinen Faust nennen würde, wäre er nicht ungeschickt genug gewesen, sich sein Gretchen fortschnappen zu lassen.« – Sie lachte über ihren vortrefflichen Witz und wollte fortfahren, als er ihr in's Wort fiel:

»Schweigen Sie und reizen Sie mich nicht zum Aeußersten! Ich bin gerade in der Stimmung, um Sie dahin zu schicken, wohin Sie eigentlich gehören: in die Hölle.«

»Das werden Sie bleiben lassen, Berger,« erwiederte sie ruhig. »Wer würde dann den gutmüthigen Narren spielen, der seine Pfote hergiebt, Ihnen die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen?«

»Es ist wahr!« – erwiederte er, ohne daran zu denken, welche arge Beleidigung er damit sagte.

Als Erwiederung für seine Aufrichtigkeit setzte sie höhnisch hinzu: – »Aber nicht eher, mein Freund, nicht eher stecke ich die Pfote in's Feuer, als bis die Kartoffeln tüchtig gebraten und gar sind. Ha, ha!«

»Weib!« – rief er zähneknirschend, indem er sie wüthend an der Schulter packte. – »Bringe mich nicht zum Rasen, sag' ich. Ich möchte bei Gott vergessen, daß – –« die Wuth erstickte seine Stimme.

»Daß ich Dich noch gebrauchen kann« – ergänzte sie ruhig. »Meinten Sie nicht das? – Nun gut; ich will schweigen, unter der Bedingung, daß Sie diesen verdammt langweiligen Ort verlassen.«

»Einen Augenblick noch« – bat er, indem er seine Aufregung bekämpfte. »Sehen Sie« – setzte er zitternd hinzu. »Die Lichter werden schon ausgelöscht.« –

In der That nahm die Helligkeit drüben sichtbar ab. Endlich schien nur noch ein Licht in dem Zimmer zurückgelassen zu sein. Da trat ein Mann an's Fenster und blickte hinaus.

»Er ist es« – flüsterte Berger, den Athem anhaltend.

Jetzt wandte sich der Mann oben um, als spräche Jemand zu ihm. Gleich darauf wurde eine weibliche Gestalt sichtbar. Sie lehnte sich an ihn an, er drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn.

»Hölle und Teufel« – knirschte Berger halblaut.

Der Mann am Fenster schien etwas gehört zu haben. Denn noch einmal lehnte er sich aus dem Fenster und blickte forschend auf die Straße. Aber der Nebel war zu dick, auch hatte sich Berger mit Cornelien hinter die Gaslaterne postirt, deren Schein ihn blenden mochte. Er zog den Kopf zurück und schloß das Fenster. Jetzt schien er, zu der jungen Dame gewendet, etwas zu sprechen. Denn plötzlich fiel sie ihm um den Hals und verbarg ihren Kopf an seiner Brust. – Gleich darauf verschwanden sie von dem Fenster und das Licht verlosch.

Berger starrte noch immer zu dem Fenster empor, als sei er überzeugt, daß es sich noch einmal erhellen müsse. Aber er wartete vergeblich. – Wie aus einem schweren Traum erwachend, fuhr er sich über die Stirn und sagte mit gebrochener Stimme:

»Sie hatten doch Unrecht, Cornelia, als Sie mich davon abhielten, ihn zu ermorden.« –

»Morgen werden Sie das Vernünftige meines Raths selbst einsehen.«

Sie ergriff ihn beim Arm und führte ihn fast willenlos fort.


Es war der Hochzeitstag Landsfelds und Lydia's. Sie hatten ihn ganz in der Stille gefeiert, weil Lydiens Mutter noch zu schwach war, um das Geräusch und die Aufregung, welche eine große Gesellschaft stets mit sich bringt, ertragen zu können. Nur der Hofrath und eine Jugendfreundin der Forsträthin, welche zugleich als Zeugen der Trauungsceremonie beigewohnt hatten, waren bei diesem Feste zugegen gewesen, hatten sich jedoch bald nach zehn Uhr von der Forsträthin und dem jungen Paare verabschiedet.

»Ich bin ermüdet, liebe Kinder« – sagte Frau von Dornthal, welche in einem bequemen Lehnsessel mehr lag als saß – »und werde mich zur Ruhe begeben.«

Landsfeld, welcher fühlte, daß er in diesem Augenblick die beiden Frauen einander überlassen müsse, stand auf und ging in das Nebenzimmer, in welchem er die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis auf's letzte auslöschte und, dann an's Fenster tretend, auf die Straße hinabsah. Lydia folgte ihm nach einigen Minuten.

»Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen« – sagte sie, sich an ihn schmiegend. – »Sie grüßt Dich herzlich.«

»So laß uns auf die unseren gehen« – erwiederte er, sie umfassend. – »Komm, Geliebte, komm, jetzt gehören wir ganz einander an. Verstehst Du, Lydia, was das heißt?« –

Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn an seine Brust.

Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam, und leise den Kopf schüttelnd; dann führte er sie mit sich fort, indem er das letzte Licht auf dem Tische mit sich nahm.

Das Schlafzimmer der Neuvermählten lag nach dem Garten heraus. Es war einfach aber höchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet. Durch ein schmales Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf- und Arbeitszimmer Landsfelds, nach der andern von dem Speisesaal getrennt, aus dem eine Thür nach dem ebenfalls mit seinem Arbeitszimmer zusammenhängenden Wohnzimmer Lydiens, die andere nach den auf der anderen Seite liegenden Gemächern der Forsträthin.

Um die Mutter nicht zu stören, gingen sie, statt direkt durch den Speisesaal, durch das Arbeitszimmer Landsfelds.

»Geh', Geliebte« – sagte Landsfeld, sie mit Innigkeit umschlingend, nachdem sie das letztgenannte Zimmer betreten. – »Geh', laß Dich von Gertrud entkleiden.« –

Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirthschafterin in den neuen Hausstand mit eingetreten. –

»Bist Du nicht allzu müd', mein Herz, so komme ich noch auf ein paar Minuten mit Dir zu plaudern.«

Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin. Vielleicht hoffte er, daß sie ihm antworten werde, aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter schamhaftem Erröthen und eilte schnell zur Thüre hinaus.

Er blickte ihr lange sinnend nach, als suche er den Grund von Etwas, das er sich nicht erklären könne.

»Wer mir doch Gewißheit geben könnte« – sagte er vor sich hin. »Zwar erstaunte sie nicht über das, was ich ihr sagte, sie schien es ganz natürlich zu finden – aber warum erröthete sie denn? – Und endlich frage ich: Kann eine solche Unschuld, wie sie sie zu haben scheint – vielleicht nur scheint – möglich sein bei einem Mädchen von 19 Jahren? Ist es denkbar, daß der Zufall sie vor jedem zweideutigen Worte, vor jeder verschleierten Anspielung, vor jedem –« Bilde, wollte er sagen, aber er sprach das Wort nicht aus, sondern schloß mit einem bittern Lachen, da ihm einfiel, daß man sich durch dergleichen Fragen in der keuschen Residenz, dem züchtigen Berlin – nur lächerlich machen könnte. Und dennoch that er ihr durch diese Zweifel unrecht.

Lydiens Phantasie war in der That völlig rein und fleckenlos. Noch hatte sie keine Ahnung – oder doch gewiß keine Vorstellung von einer anderen als wie geistigen und gemüthlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten. Vielleicht war es nicht klug gehandelt von der Forsträthin, daß sie ihre erwachsene Tochter über die Ehe nie aufgeklärt hatte. Aber sie konnte es nicht über's Herz bringen, den Kindeshimmel dieses reinen Gemüths zu zerstören. Daß Lydia durch andere zufällige Anlässe zu einer Kenntniß in dieser Beziehung kommen könnte, ohne daß es von dem mütterlichen Auge wahrgenommen würde, hielt sie für unmöglich. Denn sie wußte, daß, wenn ein jungfräuliches Herz seine Reinheit so lange ungefährdet erhalten hat, es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede Verunreinigung besitzt und daß übrigens, sollte doch ein unvorhergesehener Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern, seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und groß sein würde, als daß es ihn vor dem Scharfblick mütterlicher Liebe verbergen könnte. Die Bedenken, welche Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege erhielten, und welche nur bewiesen, daß er von der wahren Reinheit des weiblichen Gemüths keinen Begriff hatte, ließen sich sämmtlich durch die einfache Thatsache widerlegen, daß Lydiens Ohren und Augen über solche Anspielungen und Anschauungen entweder theilnahmlos fortglitten, weil sie sie nicht verstand, oder aber – waren sie zu deutlich und folglich zu kraß – sie von ihnen, ohne sich eigentlich des Grundes bewußt zu werden, nur einen unangenehmen, wiederwärtigen Eindruck erhielt, den sie so schnell wie möglich wieder los zu werden suchte. Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im Geringsten dadurch, höchstens wurde ihr Geschmack beleidigt. Aber jetzt war sie in einer ihr selbst unerklärlichen tiefen Bewegung. Der Gedanke, jener von den Mädchen eben so ersehnte als gefürchtete Augenblick, welcher die Grenze zwischen dem Jungfrauen- und Frauenleben bildet, sei jetzt gekommen, setzte sie vielleicht in desto größere Spannung, und ließ ihren Busen vielleicht um so ängstlicher auf- und abwogen, je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner wahren Bedeutung hatte.

»Ach, Gertrud« – sagte sie zu ihrer Amme, »sag' mir nur, warum mir so angst ist. – Fühl' einmal, wie mir das Herz schlägt.« Bei diesen Worten nahm sie die trockene, harte Hand Gertruds, welche sie bereits entkleidet hatte und eben im Begriff war, ihr das Nachtkleid überzuwerfen, und legte sie unter ihre linke jugendliche Brust.

»Laß nur gut sein, Lydchen« – erwiederte Gertrud lächelnd, welche das Recht hatte, ihre junge Herrin noch als ihr Pflegekind zu behandeln. – »Laß nur gut sein. Ich kenne das, bin auch mal jung gewesen und habe gezittert und gebebt, als sie mir in der Kammer den Brautkranz aus dem Haare nahmen. Aber 's giebt sich halt mit der Zeit.« – Sie seufzte. »Aber sag' mir, Kindchen, warum willst Du denn noch aufbleiben, warum legst Dich nicht in's Bettchen?« –

»Richard kommt ja noch zu mir; Gertrud!« –

»Kommt er noch!« – erwiederte Gertrud, wie verwundert über diesen Grund, mit fast ironischem Tone.

»Freilich, Gertrud. Er hat es mir ja versprochen« – sagte Lydia treuherzig.

»Hat er wirklich?« – fragte Gertrud wie vorhin, indem sie den Kopf schüttelte.

»Nun ja. Was fällt Dir dabei auf, Gertrud? – ist er nicht mein Mann?« – Sie erröthete, als sie mit schamhaftem Lächeln von ihrem »Manne« sprach. Die Alte schüttelte noch immer fort.

»Du bist ja heut' ganz wunderlich, Gertrud. – Geh' nur – Richard wird gleich kommen.«

Gertrud drückte sie mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Feierlichkeit an das Herz; – zündete dann die in einer Glocke von rosafarbenem Glase hängende Nachtlampe an und entfernte sich langsam und leise auftretend durch den Corridor nach ihrem Schlafzimmer neben dem Zimmer der Forsträthin.

Lydia hatte sich in die Ecke des kleinen mit weißseidenem Zeuge überzogenen Sopha's geworfen, und saß, den schönen Kopf in die Hand gestützt, in Gedanken versunken da, als ein leises Pochen an der Thüre sie emporschreckte.

»Er ist's« – sagte sie fast athemlos zu sich, indem sie beide Hände über den ungestüm wallenden Busen legte, als fürchte sie, die Bewegung möchte ihre Brust zersprengen. Sie hatte weder die Kraft, zu rufen, noch einen Schritt zu thun. Ein zweites stärkeres Klopfen gab ihr endlich ihre Kraft zurück.

»Richard« – rief sie mit bebender Stimme.

Landsfeld trat herein. Er war mit einem einfarbigen grünen sammetnen Morgenrock bekleidet, welcher durch eine dicke Seidenschnur von gleicher Farbe um den Leib gehalten, bis auf die feinen Morgenstiefel herabfiel. Sein Hals war frei und nur mit einem weißen Hemdkragen umgeben, der sich leicht und glatt über den Shawlkragen des Morgenrocks legte.

»Du schliefst schon, Geliebte« – sagte er lächelnd, auf sie zu tretend, indem er einen langen aber sanften Kuß auf ihre Stirn drückte.

»Ach nein, Richard, ich schlief nicht. Dein Klopfen – ich weiß nicht warum – nahm mir die Kraft – die Stimme versagte mir.« – Er sah ihr tief, tief in das glänzende Auge, welches sie mit offner Liebe zu ihm aufgeschlagen hatte.

»Komm', setze Dich zu mir,« – sagte er dann hastig, indem er sie zum Sopha führte.

Er umschlang sie mit der einen Hand und zupfte mit der andern an den Bändern des zierlich gestickten Nachthäubchens, welches Lydiens Haar gefangen hielt. »Ich liebe das nicht« – flüsterte er kosend – »ist nicht die Natur überall schöner als die Kunst, besonders wenn diese dazu dienen soll, die erstere zu verhüllen.« Ohne ein Wort zu erwiedern, löste Lydia die Bänder und warf das Häubchen von sich. Voll und glänzend fielen wie ein dunkelgoldiger Strom die entfesselten Locken über ihre Schultern und ihren Nacken.

»Wie weich und elastisch ist Dein Haar, Lydia!« – Er ließ es spielend durch die Finger gleiten. »Weißt Du, wie schön Du bist? Sag' mir das, Lydia!«

»Welche Frage, Richard! Wie schön man ist, das kann man wohl nicht wissen, sollte ich denken. Daß ich manchmal, wenn ich vor dem Spiegel gestanden, mich darauf angesehen, ob ich hübsch bin, will ich nicht läugnen – aber« –

»Nun?« –

»Aber ich that es doch immer im Gedanken an Dich. Ich dachte dann: kann er Dich wohl hübsch finden? Und dann freute ich mich; denn Richard, ich will es Dir nur gestehen, ich antwortete dann gewöhnlich ganz leise: Ja. – Meinst Du nun, daß ich eitel bin, Richard?«

Es lag eine solche Kindlichkeit und Harmlosigkeit in dem, was Lydia sagte, daß ein Mann von so eisernem Willen und so titanischer Selbstüberwindung, wie Landsfeld, dazu gehörte, um dem einmal gefaßten Entschluß, das höchste Glück sich zu versagen, so lange treu zu bleiben, bis durch längere Beobachtung seine Ueberzeugung von der Wahrheit dieses weiblichen Herzens eine unerschütterliche Festigkeit erreicht hatte. Je mehr er gerade jetzt geneigt war, zu glauben, desto mehr fühlte er gegen sich die Verpflichtung, sich nicht eher diesem Glauben hinzugeben, als bis jede Möglichkeit von Zweifel verschwunden war. – Aber diese Entsagung wurde ihm schwerer, als er es geahnt hatte. Wäre Lydia ein Weib wie Laura gewesen, so würde er eine Art egoistischen Triumphs darin gefeiert haben, ihre Sehnsucht ungestillt zu lassen. Denn die Macht sinnlicher Reize, obwohl er selbst feurigen und leidenschaftlichen Temperaments war, konnte doch die Energie seines Geistes, seinen Stolz nicht erschüttern. Aber sie war keine solche Macht, die ihn nur zum Widerstande hätte reizen können. Ein seiner Reize selbst unbewußtes, sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es, was nicht des eigenen Genusses wegen, sondern aus Liebe zu ihm, sich ihm überließ, auf seinen leisesten Wunsch lauschte, um ihn, kaum ausgesprochen, erfüllen zu können. – Darauf war er nicht gefaßt. – Seine Stimme zitterte fast, als er auf ihre Frage erwiederte: »Ich glaube, daß Du ein gutes Kind bist, Lydia.«

»So hältst Du mich also nicht für eitel?« – sagte sie heiter lächelnd, ohne Ahnung von dem Sturme, der in diesem Augenblick seine Brust durchwühlte. »Das freut mich, Richard. Denn ich glaube, daß Du das besser wissen mußt, als ich selbst.« Nachdenklich fuhr sie fort: »Man weiß wohl eigentlich selten, wie es im Grunde hier aussieht; meinst Du nicht auch, Richard?« – Sie legte den Zeigefinger auf dieselbe Stelle, auf der vorhin Gertruds Hand gelegen. So stürmisch es damals dort pochte, so ruhig war es jetzt.

Landsfeld wußte nur noch zwei Mittel, um den künstlichen Damm, welchen er um seine Empfindung gezogen hatte, vor dem Durchbruch zu bewahren. Das eine war schleunige Flucht. Aber er schämte sich vor sich selber, als er daran dachte. »Ich will's wagen« – sagte er zu sich, das andere Mittel erwägend.

»Das ist der ewige Widerspruch im Menschen« – sagte er ernst. »Die Gegenwart ist gerade das, wovon man am wenigsten weiß. Daher fürchtet man sich vor der Gefahr und selbst, nachdem sie schon verschwunden ist, in der Erinnerung weit mehr, als in dem Moment, wo man mitten darin ist. Wie mit der Furcht, so ist's auch mit der Hoffnung, mit der Erwartung überhaupt, sei's des Glücks und der Seligkeit, sei's des Schmerzes und der Trauer. Wie war Dir, Lydia, vor jenem Augenblicke, wo ich an Deine Thüre klopfte? Jetzt bist Du ruhig, warst Du es damals auch? – Bist Du es jetzt, da Du daran denkst?«

»Es ist wahr, Richard« – sagte sie erglühend. »Welches Gefühl es war, welches es auch jetzt ist, ich weiß es nicht, ich kann es nicht beschreiben – unnennbar, – überwältigend – tief beseligend – angsterfüllend. – – 

Richard!« – Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden, zugleich hingebenden Tone.

Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen. Mit der Linken zog er die Busennadel, welche ihr Nachtkleid über der Brust zusammenhielt, heraus. – »Bist Du nicht mein Weib?« – flüsterte er, sich fester an sie schmiegend, mit jenem Vibriren der Stimme, das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen im Stande ist. »Fühlst Du nicht selber Sehnsucht, mein zu sein, Lydia – ganz mein zu sein?« –

Mit ängstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge, beobachtete er jede Muskel ihres Gesichts, während in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der eigenen Leidenschaft fortwühlte.

Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken, aber es war nicht jenes verschwimmende, in eigener Gluth erstickende Feuer des Verlangens, nein, es war eine reine Thräne, die das ungewisse Bangen der Jungfräulichkeit, die Angst der mädchenhaften Schüchternheit ihr entpreßte.

»Bin ich nicht ganz Dein« – sagte sie bebend – »Dein Weib? Kann ich es mehr sein, als ich es bin? Gehöre ich nicht ganz Dir, bist Du mir nicht Alles, mein Himmel, meine Seligkeit?« Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und preßte sein Haupt an ihren Busen. Landsfeld fühlte sein Wogen, er hörte die verdoppelten Schläge ihres Herzens, und er konnte zu sich sagen:

»Ist das nur Liebe? Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestümen Pochen sprechen?« – Der Gedanke machte ihn kalt.

Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben. – Sanft löste er ihre Arme und schaute sie lange, lange an.

»Nicht wahr, Lydia,« – sagte er – »Du gewährst mir Alles, warum ich Dich bitte – und gern?«

»Alles, mein Geliebter, Du weißt es ja. Was hätte ich Dir zu versagen?« –

»Und gern?« – fragte er dringend.

Eine flüchtige Ahnung durchflog ihre Seele, daß sie noch mehr gewähren könnte, als was sie schon gewährt hatte. Unter tiefem Erröthen senkten sich ihre Blicke. –

»Und gern?« – fragte er noch dringender. –

»Und gern« – antwortete sie kaum hörbar, ohne recht zu wissen, was sie damit sagte. –

Er erblaßte, ein Zweifel stieg wieder in ihm auf. Aber er wollte Ueberzeugung. Seine Hand zitterte, als er leise die ihrige faßte, womit sie die keusche Brust bedeckte, deren stürmische Wellen das entfesselte Nachtkleid fortgeschoben. Sie zögerte. Aber ein Blick aus seinem Auge, worin eine tiefe innige Bitte glänzte, zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben. Sie nahm die Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge. Er beugte sich nieder und drückte einen langen, glühenden Kuß auf ihren Busen. Eine nie geahnte Seligkeit durchzuckte ihn. Er hätte weinen mögen vor unnennbarer Lust. Und was er nie sich geträumt, vielweniger erlebt: es mischte sich in dieses Gefühl, das ihn bis in seine innersten Tiefen erschütterte, keine unreine Empfindung, kein sinnliches Verlangen. Wie geläutert durch diesen Kuß, aber vor unsagbarer Wonne erbebend, blickte er empor. Eine edle Freude lag in seinen Zügen, denn ihm war, als sei er selbst wieder zum reinen Jünglinge geworden.

Und Lydia? –

Als sie seinen heißen Athem auf ihrem Busen fühlte, durchrieselte ein Fieberfrost ihren ganzen Körper. Sie war sich keines bestimmten Gefühls bewußt, sie fühlte auch seinen Kuß nicht mehr – nur eine Empfindung hatte sie, die eines anhaltenden, ihr ganzes Wesen erschütternden Schauers. Als er aufblickte, lag noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften einige brennende Thränen. Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte herabzog, erschrak er über ihre Blässe. Mit einem halblauten Schrei sank sie an seine Brust.

»Was ist Dir, Lydia?« – fragte er weich. –

»Jetzt bin ich Dein« – antwortete sie endlich, unter Thränen zu ihm aufblickend. »Keine Macht der Erde, keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir reißen, Richard! – O Richard, sag' mir, welche geheime Macht in Dir ist, die mich so Dir zu eigen machen kann? Geliebter, weißt Du, welchen Wunsch ich in diesem Augenblick habe?«

»Nun?« – fragte er, ihre Locken aus dem Gesicht streichend, erwartungsvoll. Wieder that der Zweifel einen Griff nach seiner Brust.

»Mit Dir, an Deiner Brust zu sterben« – sagte sie leise, indem sie schwärmerisch lächelnd zu ihm aufblickte.

»Und weißt Du« – sagte er athemschöpfend – »welchen Wunsch ich habe?«

»Vielleicht denselben?« –

»Im Gegentheil: Mit Dir, an Deiner Brust zu leben« – erwiederte er, sie küssend. – »Jetzt aber« – setzte er schnell hinzu, als sie lächelnd die Augen niederschlug, als fürchte er in dem Kampfe, in dem er diesmal glücklich Sieger geblieben war, zu erliegen: »Jetzt wollen wir uns trennen. Vorher aber muß ich doch die Ordnung, die ich selber gestört, wieder herstellen.« Er versuchte, das Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken.

»O – Du stichst mich ja, Unartiger« – rief sie, ihm auf den Finger klopfend. »Siehst Du, wie es blutet?«

Sie öffnete jetzt selber mit rührender Unbefangenheit das Kleid. In der That quoll an der Stelle, worauf sein Mund so lange geruht, ein Purpurtropfen.

»Laß ihn mich ausküssen« – bat er. Sie erlaubte es lächelnd, indem sie sein Haupt umschlang und einen Kuß darauf drückte.

»Gute Nacht, Geliebter« – sagte sie endlich, ihn fortdrängend.

Noch einen Blick warf er auf sie. Dann entfernte er sich schnell und eilte nach seinem Zimmer.

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