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Luise Aston: Lydia - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Achtes Kapitel

In einem kleinen, aber mit orientalischer Pracht ausgestatteten Zimmer finden wir nach einer Stunde Landsfeld wieder. Er saß auf einem niedrigen Divan, an der Seite Laura's, die in reizendem, aber ziemlich ungeordneten Negligée darauf ausgestreckt lag, und spielte mit ihren seidenen Locken. Ihr voller und blendend weißer Arm ruhte unter ihrem Haupte, das in träumerischem Ermatten zurückgesunken war.

»Sie sind schläfrig, Laura« – sagte Landsfeld. – »Es wird Zeit sein, daß ich Sie verlasse.«

Sie öffnete die halbgeschlossenen Augen und lächelte. »Noch einen Kuß, mein Geliebter« – sagte sie leise, ihren linken Arm um seinen Hals legend. Er bog sich zu ihr nieder und küßte sie. »Dein Athem ist glühend wie das Wehen des Sirokko, Geliebter,« sagte sie, indem ein neuer Wonneschauer durch ihren Körper bebte. Er sprang empor und warf den Mantel um sich. Sie richtete sich ebenfalls auf.

»Sagen Sie mir nur noch Eins, Baron. – Aber die Wahrheit. Trieb Sie nur die Lust dazu, über Berger einen Sieg davon zu tragen, daß Sie mir Ihre Begleitung anboten?« – Sie sah mit ihrem großen Auge tief in das seinige.

Nach einer Pause erwiederte er: »Ich will aufrichtig sein, Laura. Anfangs allerdings. Aber es war nicht der einzige Grund. Ich hatte Sie gekränkt, absichtlich gekränkt, und dazu hatte ich kein Recht. Deshalb näherte ich mich Ihnen. Später aber war es weder das Erste, noch das Zweite, sondern Etwas, was ich seit langer Zeit nicht mehr gekannt: Wärme der Empfindung. Ich bin Ihnen dankbar dafür, Laura, daß Sie mich wieder mit der Liebe versöhnt haben.«

Sie lächelte. »Es ist gut, daß Sie aufrichtig waren. Mehr hiefür, als für die Wärme, als deren Urheberin Sie mich darstellen wollen, will auch ich mich dankbar erweisen.« – Mit geheimnißvoller Stimme fuhr sie fort: »Nehmen Sie Lydia in Acht!«

Er erschrak. Wie kam dieser Name in dieses Zimmer?

»Es ist etwas im Werke gegen sie.« – »Wer?« – Seine Stimme bebte, als er dies Wort sprach.

»Berger! und noch Jemand, den ich nicht kenne.«

Landsfeld sann einen Augenblick nach. Dann küßte er herzlich ihre Hand und sagte mit einer Innigkeit, zu der ihn die schöne Sängerin durch ihre süßesten Liebkosungen nicht hatte bringen können: »Das vergesse ich Ihnen nie, Laura. – Leben Sie wohl.«

Sinnend ruhte ihr Blick noch einige Minuten auf der Stelle, wo er gestanden. »Ich möchte das Mädchen kennen lernen, das einen solchen Mann so erfüllen kann« – sagte sie halblaut, indem sie aufstand, um sich zur Ruhe zu begeben.

Landsfeld eilte nach dem Gasthofe. »Wenn es nur nicht zu spät sein wird« – dachte er. »Sollte Alice wirklich so niedrige Gesinnung haben? Ich kann es nicht glauben. So wenig Herz sie hat, so viel Edelmuth und hohen Sinn traue ich ihr zu. – Aber wer sollte es sonst sein? – Berger fürchte ich nicht. Doch diese Frauen führen selbst den Teufel an, wenn sie es darauf anlegen.«

Während dieses Selbstgesprächs hatte er den Gasthof erreicht. Schnell ließ er sich den Schlüssel zu seinem Zimmer geben. Jede Begleitung zurückweisend, nahm er dem Kellner das Licht aus der Hand und ging allein die Treppe hinan. Er öffnete vorsichtig die Thüre von Nr. 20. und verriegelte sie eben so vorsichtig, nachdem er eingetreten war. Als er sich in großer Stille entkleidet, setzte er sich auf ein Sopha, das neben der Zwischenthüre stand.

»Sollten sie ein anderes Zimmer gewählt haben?« fragte er sich, weil sich nicht das geringste Geräusch hören ließ. »Oder sollten sie mein Kommen gehört haben?«

Nach einiger Zeit schien es, als ob in dem Nebenzimmer eine weibliche Stimme flüsterte. Landsfeld behielt ruhig seinen Platz.

»Ich begreife Deine Verzweiflung vollkommen« – sagte die Stimme, »und finde sein Betragen grausam und unedel obendrein. Aber giebt Dir das ein Recht, auch grausam und unedel zu sein? Und gegen wen? Gegen ein Wesen, das an der ganzen Sache völlig schuldlos ist. Nein, Arthur, das ist Deiner unwürdig.«

»Nenne mir ein anderes Mittel« – erwiederte eine dumpfklingende männliche Stimme – »so will ich es mit Freuden ergreifen. Wo ist dieser Mensch zu verwunden? Ich kenne keine Stelle als diese. Und dann, ist sie gegen mich nicht auch grausam gewesen? Hat sie mich nicht von sich gestoßen, als ich verzweifelnd zu ihren Füßen lag?«

»Warum wirfst Du nicht alle Schuld auf mich?« – fragte sie traurig. »O, es ist mein Schicksal, überall den Saamen des Unheils und des Verderbens auszustreuen, wo ich beglücken wollte. Alle, denen ich bisher meine Liebe geschenkt, sind dadurch elend geworden. Auch an Deinem Unglück bin ich schuld.«

Eine lange Pause trat ein. Dann sagte die männliche Stimme: »So willst Du also nicht die Hand dazu bieten?«

»Nein!« –

»So leb' wohl! – Doch noch Eins. Du wirst uns nicht verrathen?«

»Uns?« –

»Mich – wollt' ich sagen.«

»Das hängt von den Umständen ab. Aber ich werde Euern oder Deinen Plan vereiteln.« –

Er schlug ein lautes Gelächter auf: »Gieb Dir keine Mühe. Es wird Dir zu Nichts helfen. – Leb' wohl!« –

Landsfeld hörte eine Thüre öffnen, schließen und von Innen verriegeln. Männliche Schritte erschallten auf dem Korridor – die Treppe hinab – die Hausthüre öffnete sich – dieselben Tritte tönten von der Straße herauf – dann ward's still. –

Landsfeld erhob sich und öffnete einen Kleiderschrank, der an derselben Wand stand. Er war leer. Seinen Mantel fest um sich schlagend, so daß er nur die rechte Hand frei behielt, stieg er ganz in den Schrank hinein und tastete wie suchend an der Hinterwand desselben umher. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte. Denn wie durch ein Zauberwort öffnete sich plötzlich die Wand, welche eine verborgene Tapetenthüre war, und ließ Landsfeld einen Blick in das andere Zimmer thun. Es rührte sich nichts darin. Er öffnete sie so weit, daß sein Körper gerade hindurch konnte und schloß sie dann mit derselben Behutsamkeit von der andern Seite. Dieses ganze Experiment war so geräuschlos vollbracht worden, daß die Inhaberin des Zimmers, in welchem Landsfeld jetzt war, noch nichts davon merkte, als er schon vor ihr stand. Sie lag auf dem Sopha, den Kopf nach der anderen Seite gewandt und schien zu schlafen.

»Alice« – sagte er sanft.

Erschreckt hob sie den Kopf und sprang, als sie die verhüllte männliche Gestalt erblickte, mit einem Satz empor, indem sie einen raschen Griff in ihren Busen that.

»Laß ihn stecken, Alice« – er meinte den Dolch, den Alice stets bei sich zu tragen pflegte – »hast Du den Ton meiner Stimme schon vergessen?« – »Du bist's, Richard! Wie bist Du hereingekommen?«

»Das will ich Dir ein anderesmal erzählen. Jetzt hab' ich etwas Wichtigeres. Berger war bei Dir. Was beabsichtigt er?«

»Wenn Du weißt, daß er bei mir war, so wirst Du auch wissen, was er mir davon gesagt hat.« –

»Nein, ich bin erst vor wenigen Minuten zurückgekommen und habe nur das Ende Eures Gesprächs gehört. – Was beabsichtigt er? – Warum antwortest Du nicht?« –

»Weil ich nicht will. Du täuschest Dich in mir, Richard, wenn Du glaubst, ich sei ein Weib, wie andere Weiber, und zu lenken, wie sie. Habe ich Verpflichtungen gegen Dich? Hast Du noch Ansprüche auf meine Erkenntlichkeit? – Ich sage Nichts.« –

Darauf hatte Landsfeld nicht gerechnet; und doch war es ihm klar, daß er um jeden Preis das Geheimniß erfahren mußte; aber durch welche Mittel? Durch Furcht war Alice eben so wenig als durch Versprechungen zu gewinnen, und an seine Liebe würde sie nicht glauben.

»Warum willst Du es mir nicht sagen, Alice?« fragte er endlich.

»Ich habe keinen Grund für das Gegentheil, lieber Richard. – Es thut mir leid, daß ich weder einfältig noch gutmüthig genug dazu bin, mich als Mittel brauchen zu lassen; und etwas Anderes würde ich Dir nie sein können. Du achtest mich – ob mit Recht oder Unrecht, mag dahin gestellt sein – zu wenig, um mich Deines Vertrauens würdig zu halten. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, obschon es mir wehe thut, weil ich fühle, daß ich besser bin als Du glaubst. Mich aber zu den vielen Nullen zählen zu lassen, zu denen Du die Eins bildest, dazu, Richard, bin ich zu stolz. – Unterbrich mich nicht! Ich freue mich, daß einmal der Augenblick gekommen, wo ich mich offen hierüber gegen Dich aussprechen kann. Richard, ich halte Dich nicht blos für einen unglücklichen, sondern auch für einen thörichten Menschen, weil Du nach Liebe umherspähest, ohne zu bedenken, daß man selber der Liebe fähig sein muß, wenn man sich in der Liebe Anderer befriedigt fühlen will. Nur so viel Gefühl man selbst in ein Verhältniß hineinträgt, so viel Glück und Freude trägt es ein. Wärst Du nur Egoist, Richard, so wäre nichts dagegen zu sagen. Jeder schafft sich seine eigene Welt. Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben, so würde auch dies noch passabel vernünftig sein. Aber Du willst nicht blos Egoist sein, und geliebt werden, sondern auch wahrhaft glücklich sein, durch diese Liebe: das, Richard, nimm es mir nicht übel, ist einfältig – denn es ist eine Unmöglichkeit.«

Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken, aber er antwortete Nichts. Alice fuhr fort:

»Sieh, Richard, das ist der Grund, weshalb Du auch mich nicht verstanden hast. Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt; Du begriffst nicht, daß mir die Persönlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Träger meines Liebeideals sein konnte. So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein, als ich fand, daß Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest, also die unbedingte ausschließliche Liebe, welche Du fordertest, nicht verdientest. Berger, wie er damals war, sein reines, kindliches Gemüth zog mich gerade durch den Gegensatz zu Dir an. Und dennoch hätte ich an Dir festgehalten, wärst Du nicht kleinlich genug gewesen, auf ihn eifersüchtig zu sein. Schon deshalb war es ein Akt der Humanität, ihn glücklich zu machen. – Daß ich es ohne Dein Wissen und Willen that, daran warst Du selbst schuld. Du zwangst mich dazu durch Deine despotische Eifersucht, denn – unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einräumen. –

Doch ich will darüber schweigen, denn die Zeiten sind vorbei. Jetzt lieb' ich weder Dich noch Berger mehr. Aber eben darum wirst Du begreifen, warum ich Keinen dem Andern aufopfern kann. – Ich bitte Dich aufrichtig, keine Bitte an mich zu verschwenden. Die Versagung würde Dich nur gegen mich erbittern, und das würde mir leid thun. Denn ich halte Dich noch immer hoch und werth.«

Diese mit völlig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes Gemüth. Er fühlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenüber, der, an Selbstständigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt, ihm ein unwillkührliches Gefühl der Achtung abzwang. Er glaubte merkwürdiger Weise diesmal an die Wahrheit dessen, was er so eben gehört, und grade diesmal wurde er, wenn auch nicht ganz, so doch theilweise getäuscht. Alice liebte ihn wirklich noch, und vielleicht glühender als je; aber mit jenem Scharfblick, der nur Frauen eigenthümlich ist, hatte sie den einzigen möglichen Weg, auf dem sie sein Vertrauen, und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte, richtig erkannt und mit großer Selbstverläugnung eingeschlagen. Nur dadurch, daß sie eine völlig unbefangene, selbstständige Stellung ihm gegenüber einnahm, war es möglich – das fühlte sie – ihn zur Verlassung der seinigen, und zur Annäherung an sie zu bewegen. Sie wurde allerdings hierin durch ihren natürlichen Edelmuth, von dem er sich selbst durch Anhörung jenes Gesprächs überzeugt hatte, so wie durch den Zufall, der sie in den Besitz eines ihm wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte, von dem sie übrigens weniger wußte, als er glaubte, bedeutend unterstützt; aber alle diese Vortheile hätten ihr nichts genützt, wäre sie schwach genug gewesen, ihm ihre vom Erlöschen noch sehr ferne Liebe zu ihm ahnen zu lassen.

»Ich kann Dich nicht zwingen, Alice« – sagte er mit einer Art von Resignation, die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmuth verlieh, welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlägen trieb. »Doch noch habe ich selbst Kraft genug, um mein Heiligthum vor Entweihung zu schützen. Wehe dem, der es wagt, Lydia mit einem Worte zu verletzen. Wehe auch denen, die schwiegen, als sie reden konnten.«

»Reden werd' ich nicht, Richard. Aber daß ich nicht handeln wollte, wenn's Zeit dazu ist, habe ich Keinem versprochen. – Jetzt lasse mich allein, der Morgen dämmert schon.« Sie reichte ihm die Hand, er drückte sie herzlich.

Landsfeld eilte in den Hof hinab, bestieg sein Pferd, und trabte, gefolgt von seinem Bedienten, durch den grauen Herbstnebel, welcher sich dicht auf die noch menschenleeren Straßen gelagert hatte.

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