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Luise Aston: Lydia - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Siebentes Kapitel

Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Blätter von den Platanen und Linden, welche in zwei Doppel-Reihen jene berühmte Straße Berlins, die vom Opernplatz bis zum Brandenburger Thor sich erstreckt, in eine dreifache Allee verwandeln. Nur wenige Fußgänger ließen sich in der großen Mittelallee erblicken, welche auch sonst meist nur von Spaziergängern und Obstverkäuferinnen betreten zu werden pflegt. Dagegen drängt es sich auf den an beiden Seiten der Häuser hinziehenden Trottoirs von geschäftig Eilenden aller Art, und die Wagen rasselten daneben.

Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstläden unter den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger versammelt, die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder bekrittelten. Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem, eingefallenem Gesicht, welches von einem niedrigen, breitkrämpigen Hute fast ganz beschattet wurde. Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehüllt und starrte mit ausdruckslosem, kaltem Blick auf eine kleine Landschaft, die ziemlich unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien.

»Das muß sie gemalt haben« – murmelte er vor sich hin. – »Ich kenne ihre Manier. Es ist das Haus unter den Kastanienbäumen mit der Aussicht auf die Berge. Kein Zweifel, daß sie es gemalt hat. So ist sie also wirklich wieder in Berlin. Ich muß suchen, ihre Wohnung zu erfahren.« Er sprach die letzten Worte ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen.

»Wenn Sie Fräulein von Dornthal meinen, so kann ich Ihnen vielleicht dazu behülflich sein« – redete ihn plötzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit höchst geistvollen und charakteristischen Zügen an. –

Jener fuhr zurück, als hätte er auf eine Schlange getreten. Seine Hand griff krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser Wuth malte sich in seinem Gesicht. – Ein Paar Secunden starrte er so in die lächelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern, der mit gekreuzten Armen vor ihm stand, um seine Antwort zu erwarten. Eben öffnete er die zitternden Lippen, aber als besänne er sich eines Bessern, hüllte er sich rasch noch tiefer in seinen Mantel und stürzte fort.

»Armseliger Thor« – sagte Landsfeld, dem Forteilenden nachblickend, vor sich hin. »Wage es, den Löwen in seinem Lager aufzusuchen.« – Festen Schrittes ging er nach der entgegengesetzten Seite der Straße hinab. Als er das Opernhaus erreicht hatte, blieb er vor dem unter dem Portal ausgehängten Theaterzettel stehen, um zu sehen, was gegeben wurde. »Othello, der Mohr von Venedig.«

Indem er diese Worte in halb fragendem, halb sinnendem Tone langsam vor sich hin sprach, klopfte ihn Jemand auf die Schulter.

»Guten Abend, lieber Baron.« Es war ein hübscher, mit kleinen schwarzen Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann, von ungefähr 40 Jahren. »Sie überlegen, wie ich sehe, ob Sie in's Theater gehen sollen. Nun, der Mühe lohnte sich's schon, besonders heute, wo die Rolle der Desdemona und des Mohren – da fällt mir ein, daß heute Salon bei Cornelien ist. Sie wissen, daß ich sonst nie hingehe. Aber wenn Sie von der Partie sind, möchte ich wohl einmal in den sauern Apfel beißen.«

»Halten Sie einen solchen Charakter für möglich?« – fragte Landsfeld, der, die Worte des Andern überhörend, an Desdemona und Lydia dachte.

»Freilich, es gehört einige Menschenkenntniß dazu, um diese seltsame Person ganz zu ergründen. Ich habe einen gewaltigen Respect vor ihr, obwohl oder vielmehr weil sie mir leider vorzugsweise gewogen ist.«

»Von wem sprechen Sie denn eigentlich, Schattenfrei? Ich verstehe kein Wort davon.«

»Nun von wem anders, als von Cornelien, zum Henker« – setzte er hinzu, als Jener ihn noch immer verwundert anschaute. »Werden Sie nicht auch heute Abend ihren Salon verherrlichen helfen?« – Landsfeld machte eine abwehrende Bewegung. »Schämen Sie sich, Sie fangen wohl auch an, den Sentimentalen zu spielen?«

»Wer wird denn dort sein?« fragte Landsfeld, um doch Etwas zu sagen. Seine Gedanken waren noch bei Desdemona und Lydia.

Schattenfrei nahm seinen Arm. »Ich werde Ihnen das unterwegs erzählen. Kommen Sie nur. Zuerst« – fuhr er fort, nachdem es ihm gelungen war, Landsfeld in Bewegung zu setzen – »Frau von Rosen – fällt Ihnen das auf? Sie ist ja die vertrauteste Freundin von Cornelien.

Sodann Salomo nebst seinem Waffenträger; die Sängerin G----z mit ihrem Geliebten, dem Assessor Tieftrunk; der junge Berger; ferner –«

»Berger?« – fragte Landsfeld, durch diesen Namen aus seiner Träumerei emporfahrend. »Wissen Sie das gewiß?«

»Nun ich denke, das versteht sich von selbst, wenn Alice von Rosen da ist.« –

»Weiter haben Sie zu Ihrer Vermuthung keinen Grund?«

»Auch sagte er es mir selbst vor ungefähr einer halben Stunde, als ich ihm im Thiergarten begegnete.« –

»Wahrhaftig?« – lachte Landsfeld höhnisch. »Nun vielleicht hat er seine Meinung bis dahin geändert.« – Er sah nach der Uhr. »Leben Sie wohl,« – fuhr er fort, sich halb mit Gewalt losreißend. – »Ich habe noch vorher einen nothwendigen Gang zu thun.«

»So werde ich Sie doch aber sicher dort treffen?«

»Ja. Aber ich bitte Sie, Nichts davon zu erwähnen. Vielleicht komme ich erst etwas spät.«

»Der ist in kurioser Laune« – sagte Schattenfrei, dem Forteilenden nachblickend. »Er hat alle Anlage dazu, den Salon heut' zu einem der interessantesten Cirkel zu machen.« Sich die Hände vor Vergnügen reibend, stieg er in eine Droschke: »Lindenstraße Nr. 45« – sagte er zum Kutscher, indem er gemächlich die Marke in die Westentasche steckte. Landsfeld verfolgte indeß seinen Weg zu Fuß. So sehr er es in jeder andern Beziehung vermied, den Sonderling zu spielen, so konnte er sich doch nur schwer dazu entschließen, in einen Wagen zu steigen, wenn er eilig war. Denn ihm war nichts unerträglicher als körperliche Unthätigkeit, wenn sein Geist von dem Verlangen, irgend ein Ziel schnell zu erreichen, bewegt war. Kam es ihm dagegen weniger auf Schnelligkeit an, dann benutzte er schon ein Fuhrwerk. Am liebsten jedoch ritt er, schon deshalb, weil das Reiten die beiden Vortheile des Gehens und Fahrens, nämlich eigene Thätigkeit und Schnelligkeit, vereinigt. Nach einer starken Viertelstunde, während der er mit gleicher Eile durch mehrere Straßen und über verschiedene Plätze geschritten war, hatte er den Platz vor dem Potsdamer Thor erreicht, der in fünf verschiedene Straßen, einen halben Stern bildend, auseinander geht. Landsfeld schlug die mittelste ein, in der er nach wenigen Minuten vor einem kleinen Sommerhause stehen blieb, das sich durch einen eleganten leichten Balkon, so wie durch einen geschmackvoll angelegten kleinen Garten auszeichnete. Er öffnete die Gartenthür durch einen Schlüssel, den er bei sich trug und begab sich auf einem Seitenwege nach der Hinterfront, wo er an eins der niedrigen Parterrefenster anklopfte. Als es sich öffnete, erschien das gutmüthige Gesicht Carls, seines Bedienten. »Du mußt mir sogleich den Fuchs satteln, Carl, ich muß noch hinaus. Von neun Uhr an hältst Du Dich ebenfalls bereit. Du sollst mich dann noch in die Stadt begleiten.« Bei diesen Worten sprang der Baron aufs Pferd. Carl öffnete das Thor. Landsfeld schlug den Weg nach Schönberg ein. Obgleich er in scharfem Trabe ritt, so dunkelte es doch schon ein wenig, als er sein Ziel erreichte. Auf der Spitze des Hügels, von dem sich die lange Straße dieses reizenden Sommeraufenthalts herabzieht, stieg er vom Pferde und band es an den Gartenzaun des Hauses, dessen Perron er alsbald mit schnellen Schritten hinaufeilte. Eben wollte er die Klingel ziehen, welche sich neben der Glasthüre des Balkons befand, als sein Blick in das Innere des Zimmers fiel, und er, die schon ausgestreckte Hand zurückziehend, einige Augenblicke wie in tiefe Betrachtung versunken stehen blieb.

An einem mit verschiedenen Zeichenmaterialen bedeckten Tischchen, das ganz in der Nähe der Balkonthüre stand, saß, dem Baron halb den Rücken zugekehrt, ein junges Mädchen, das, wie es schien, eifrig mit Zeichnen beschäftigt gewesen war, denn eben legte sie den Zeichnenstift nieder, lehnte sich zurück an den Sessel und ließ den Kopf ein wenig auf die Brust sinken. Doch konnte er nicht erkennen, ob sie die Zeichnung auf diese Weise besser betrachten, oder ob sie sich ihren Gedanken überlassen wollte.

»Könnte ich doch in ihr Herz sehen« – dachte Landsfeld. »Was gäb' ich darum, kennte ich den Gegenstand ihres Nachsinnens.« Er sah jetzt, daß die Balkonthüre nur angelehnt war. Er öffnete sie leise und trat hinein. Das junge Mädchen schien ihn nicht zu bemerken.

»Du wirst Dir die Augen verderben, Lydia« – sagte er mit sanfter Stimme.

Wie von freudigem Schreck erbebend, war sie beim Ton seiner Stimme aufgefahren. Abwechselnd erblassend und erröthend, vermochte sie noch nicht zu antworten. Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf.

»Du bist's, mein Richard?« – Sie flog an seinen Hals und preßte einen glühenden Kuß auf seinen Mund. Aber als schäme sie sich selbst wegen ihrer Leidenschaftlichkeit, fuhr sie, einen Schritt zurücktretend, mit vor Bewegung zitternder Stimme fort: »Wie kannst Du mich so erschrecken, Richard! Du weist ja, wie mich das angreift.«

»Sei nicht böse, mein liebes Kind« – erwiederte er liebevoll, indem er sie an seine Brust zog und, die Locken, welche über ihr Gesicht gefallen waren, von der Stirn streichend, einen langen Kuß darauf drückte. Wie vor innerer Wonne schauernd, ließ sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen.

»Aber ich bitte Dich, Lydia« – fuhr er fort – »nicht mehr so spät zu zeichnen. Du mußt Deine Augen mehr schonen – für mich« – setzte er leise hinzu. »Versprich es mir!«

»Ich verspreche es Dir, Richard. – Ich war so sehr einsam und wußte nicht, was ich anfangen sollte. Denn wenn ich spiele, werde ich immer traurig und möchte weinen.«

Landsfeld zuckte mit der Hand. Er dachte an Berger, mit dem Lydia oft zusammen gespielt und gesungen. Er war zu stolz zur Eifersucht – wenigstens glaubte er es zu sein. – Aber in solchen Augenblicken tauchten alle Zweifel wieder in seiner Seele auf und machten ihn hart und ungerecht gegen die Geliebte. Ja er freute sich selbst über diese Härte, denn sie war ihm Bürge dafür, daß er seine Selbstständigkeit noch nicht eingebüßt. Seine Stimme hatte ihre Sanftheit ganz verloren, als er, Lydia zum Sopha führend, sagte: »Traurig? Warum bist Du traurig? Du hast Anlage zur Sentimentalität, glaube ich.«

Nichts schärft den Instinkt der Beobachtung mehr, als wahrhafte, tiefe, leidenschaftliche Liebe. Lydia erschrak über die Veränderung im Wesen Landsfelds, aber sie zwang sich zu lächeln:

»Du magst Recht haben, Richard, ich bin ein thörichtes Mädchen. Aber wenn ich erst immer mit Dir lebe, dann werden diese albernen Launen, die Dich ärgern, ganz verschwinden.«

Landsfeld verstand entweder den Zwang, den Lydia sich anthat, um heiter zu scheinen und den er wohl herausfühlte, wirklich anders, oder er wollte ihn gegen seine bessere Ueberzeugung anders verstehen, weil sie doch möglicherweise einen andern Grund dazu haben konnte. Dem äußern Anschein nach, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, in der That aber, um jenem Grunde nachzuspüren, sagte er in gewöhnlichem Conversationstone: »Rathe einmal, wem ich heute begegnet bin? Ein alter Bekannter von uns, besonders von Dir.« –

Sie sann vergebens nach.

»Der junge Berger« – fuhr er in demselben Tone fort, indem er Lydien forschend ansah.

»Berger!« – stammelte sie erschreckt, indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Warum erschrickst Du darüber so?« –

Lydia antwortete nicht, aber ein krampfhaftes Schluchzen, das sie vergebens zu unterdrücken sich bemühte, wühlte in ihrer Brust.

»Antworte mir, Lydia« – bat er mit seinem frühern sanften Ton, indem er sie näher zu sich zog. »Was fürchtest Du von ihm?«

»Ach, Richard« – sagte sie weinend – »Wenn ich nur wüßte, woher dieser fürchterliche Widerspruch in Dir. Du ahnst nicht die Qualen, welche mich verzehren, wenn Du so anders bist, als sonst, so fremd Deinem eigenen Wesen. Mir ist zuweilen, als zweifeltest Du an meiner Liebe. Mein Gott, Richard! Du weißt ja, daß ich nur Dir gehöre, Dein Geschöpf bin, denn Du hast mein ganzes Inneres wie durch ein Zauberwort umgeschaffen.« Wie selbst erschreckend vor dem, was sie jetzt sagen wollte, fuhr sie leise fort: »Manchmal glaube ich sogar, daß Du mich nicht liebst. Denn wie könntest Du sonst zweifeln an meiner Liebe?

Richard, wäre das nicht schrecklich? – Aber nein, nein, verzeih mir, Geliebter. Ich glaube an Deine Liebe. Denn glaubte ich nicht mehr daran« – – Sie riß sich aus seinen Armen los und sprang auf.

»Nun?« – fragte er, über ihre fast drohende Stellung erstaunt.

»Dann würde ich an Nichts mehr glauben, denn ich müßte Dich verachten. Und dann, Richard, könnte ich nicht länger leben.«

Sie sprach diese Worte mit vollkommener Ruhe.

Landsfeld war von der tiefen Wahrheit, welche in dieser Ruhe lag, tief erschüttert. Mit schwer verhaltener Leidenschaft ergriff er ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. – Mit einem seelenvollen Lächeln blickte sie auf ihn herab. Die Gewißheit seiner Liebe kehrte wie ein neuer Frühling in ihre Brust ein.

»Du bist ein böser Mann, Richard,« sagte sie, sich wieder an seine Seite niederlassend. »Warum quälst Du mich so grausam?« –

Er antwortete nicht. Mit einer Heftigkeit, die sie an ihm noch nicht gekannt, zog er sie an sich. Sie war zu glücklich, als daß sie seinen Küssen, deren Glut sie auf ihrem Nacken und auf ihrem Gesichte fühlte, zu wehren versucht hätte, aber sie zitterte in seinen Armen.

»Richard,« – stammelte sie endlich mit leisem Vorwurf: »Dein Athem fiebert.« – Als er, seine Gefühle niederkämpfend, wieder ruhiger geworden war, fuhr sie fort:

»Ist es wirklich wahr, daß Du Berger begegnet bist, Richard?«

»Ja, es ist wahr. Ich traf ihn vor Deinem Bilde, das er aufmerksam zu studieren schien.«

Er erzählte ihr sein Zusammentreffen mit ihm und fuhr dann fort: »Aengstige Dich nicht, theures Kind. Er ist viel zu feig, um wirklich Etwas zu wagen.«

Lydia schien worüber nachzusinnen. Endlich sagte sie: »Erkläre mir, Richard, woher es kommt, daß der Gedanke an ihn mich immer wieder mit einer mir sonst ganz fremden Bitterkeit erfüllt, obwohl es mir doch schon damals, als ich Dich im Park erblickte, klar war, daß ich ihn nicht liebte, weil ich erst in jenem Augenblicke überhaupt zu ahnen begann, was Liebe sei. Also woher noch immer jenes Gefühl der Bitterkeit, wenn ich seinen Namen höre?« Sie sah bei diesen Worten offen und mit kindlichem Vertrauen zu ihm empor.

»Vielleicht daher, daß er Dir durch seine Verirrung den Glauben an die idealen Träume der Jugendzeit geraubt.«

»Ich weiß nicht, ob das der Grund ist. Vielleicht kommt es auch daher, weil mir sein ganzes Wesen zu wenig männlich und energisch erschien. Denn glaube mir, Richard,« fuhr sie mit wichtiger Miene fort, »ein liebendes Weib läßt sich von einem selbstständigen Mann lieber quälen, als von einem unselbstständigen liebkosen.«

»Du bist eine kleine liebenswürdige Philosophin, Lydia« – lächelte Landsfeld gutmüthig, indem er einen sanften Kuß auf ihren Mund drückte, »aber ich glaube, es wird Zeit sein, daß Du Licht anzündest. Es ist dunkel.«

»Mein Gott, wie konnt' ich das vergessen« – rief sie erschreckt, indem sie, schnell aufspringend, der Aufforderung Genüge leistete. »Du weißt noch nicht, Richard,« fuhr sie darauf von ihrer Mutter sprechend fort, »daß der Arzt die beste Hoffnung giebt. Sie ist heute wieder aufgestanden und ein wenig im Garten spazieren gegangen, so lange die Sonne schien. Jetzt ruht sie in ihrem Zimmer. Ich will gleich einmal nachsehen.« Sie hatte indeß die Lampe angezündet und schlich; leise die Thür zum Nebenzimmer öffnend und die Hand vor das Licht haltend, damit der Schein nicht so blendend sei, auf den Zehen hinein. – Bald kam sie zurück.

»Sie schläft noch« – sagte sie flüsternd, indem sie die Lampe auf den Tisch vor dem Sopha stellte. »Ich will Dir nun auch zeigen, wie fleißig ich gewesen bin.« Mit diesen Worten trug sie aus ihrem Pult ein Paar Mappen herbei und öffnete sie.

»Jetzt muß ich aufbrechen« – sagte Landsfeld, nachdem er eine geraume Zeit ihre Zeichnungen besehen, gelobt und getadelt hatte.

»Schon?« – fragte Lydia kleinlaut. »Es ist noch nicht spät, denke ich.«

»Es ist halb zehn Uhr, – Lydia. Hast Du« – fuhr er nach einer Pause fort, »mit Deiner Mutter gesprochen?«

Sie erröthete leicht. »Sie will durchaus, daß es in nächster Woche sein soll; ihr Unwohlsein sei zu gering, um ein Hinderniß abzugeben, meint sie; und der Gedanke, daß sie dadurch unser Glück verzögere, mache sie nur noch kränker.«

»Du hast eine vortreffliche Mutter, Lydia« – sagte Landsfeld.

»Ach, ich weiß es, Richard. Sie ist unendlich gut; ich verdanke ihr und Dir Alles, was ich bin.« Als wolle sie ihre Rührung verbergen, fuhr sie, durch die Thränen lächelnd fort: »Ich überlasse es Dir, Richard, den Tag zu bestimmen. Ich bin, Du weißt es ja, bereit zu Allem.« Sie umschlang seinen Hals.

»So werde ich Dich Morgen abholen, mein Herz, um Dir unsere neue Wohnung zu zeigen.«

»Ach, wie freue ich mich auf unsere Wohnung, Richard« – sagte sie, das Wort mit einem gewissen Pathos wiederholend. – »Leb' wohl, mein Richard. Leb' wohl.« Sie begleitete ihn noch bis zum Pferde, das ungeduldig den Boden mit den Hufen aufscharrte. Er schwang sich auf und sprengte im Galopp davon.

Als er an seiner Wohnung anlangte, schloß sich ihm Carl an, der schon seit einer Stunde gewartet hatte. In schnellem Trabe ritten sie durch das Thor in die Stadt ein und hielten nach einer Viertelstunde vor einem großen Hause in der Lindenstraße still.

»Führe die Pferde zum Hôtel d'Angleterre und bestelle das Zimmer Nr. 19., oder wenn das besetzt sein sollte, Nr. 20. für mich« – befahl er. »Wenn es geschehen, so benachrichtige mich davon.« Nach diesen Worten sprang er schnell die Treppe hinauf.

Fräulein Cornelia von Hohenhausen empfing ihn im höchsten Staate und mit aufrichtiger Freude, da sie in einen Gedanken alle die Verwicklungen und Verwirrungen zusammenfaßte, welche das Erscheinen des Barons hervorbringen konnten.

»Ich habe eben eine heftige Philippika gegen Sie gehalten, mein Verehrtester. Sie werden sich über die verlegenen und erstaunten Visagen wundern, die Ihnen sogleich entgegen treten werden.«

Sie wandte sich an die Gesellschaft. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen meiner ältesten und vertrautesten Freunde vorstelle. Es ist der Baron von Landsfeld.«

In der That malte sich ein allgemeines Erstaunen in den Gesichtern. »Wie falsch!« – »Diese Heuchelei übersteigt allen Glauben.« So flüsterte man einander zu, denn bei einem Gespräch, dessen Gegenstand Landsfeld gewesen war, hatte Niemand mehr Böses von ihm zu sagen gewußt, als gerade Cornelia.

Der sogenannte Salon, in den Landsfeld hiermit wieder eingeführt war, bestand aus zwei aneinanderstoßenden elegant möblirten Zimmern, von denen das erstere größere durch ein Paar schöne Astrallampen sehr hell erleuchtet war, während das zweite vermittelst einer rothen Ampel in ein magisches Halbdunkel versetzt wurde. In Beiden hatten lebhafte Conversationen stattgefunden, die durch das Erscheinen des Barons ein paar Minuten unterbrochen, aber nicht gestört wurden.

Landsfeld warf einen raschen Blick über die Gesellschaft und wandte sich dann an eine Gruppe, aus jüngeren und älteren Männern bestehend, die sich um den Ofen postirt hatten.

»Und worin finden Sie die Unsittlichkeit, ich bitte Sie? Etwa darin, daß sie die Ehe nur als etwas Aeußerliches betrachtet, da sie einmal officiell dazu gezwungen ist?« – sagte ein Mann von etwa 35 Jahren mit interessanten, aber verlebten Zügen.

»Gewiß« – antwortete sein Gegner, in dem Landsfeld seinen Freund Schattenfrey erkannte. »Ist nicht ein solches Verhältniß, bei dem der Mann nur eine Nebenrolle spielen darf, ein durchaus widerwärtiges und unästhetisches. Eben weil es unästhetisch ist, finde ich es unsittlich. Denn die Sittlichkeit des Weibes liegt mit in seiner Grazie. Verletzt es diese, so hilft ihm alle Keuschheit Nichts, bewahrt es sie, so kann es sich gar Manches erlauben, was man ihm fast mißdeuten würde.«

»Unter der Bedingung, daß sie nach ihrem Instinkt handelt und in ihrer Empfindung Wahrheit ist« – fügte Landsfeld hinzu.

»So wäre Ihr Ideal etwa eine Isabella oder Lola?« – fragte Jener.

»Ob das mein Ideal wäre, ist gleichgültig« – sagte Landsfeld kalt. »Aber für sittlicher, als manche andere, über sie die Nase rümpfende, halte ich die Beiden allerdings. Ich möchte noch mehr behaupten« – fuhr er, seine Stimme erhebend, fort. – Denn er hatte in einer Fensternische des bald dunklen Nebenzimmers zwei Gestalten bemerkt, deren eine er als Cornelia erkannte, während die andere große Aehnlichkeit mit Berger zu haben schien. »Alle Gegensätze sind reiner und tadelloser, als die sogenannten Mittelstraßen, mit denen sich nur die Dummen oder die Heuchler begnügen können. So ist's beim Mann, so beim Weibe. Sich von solcher Halbheit zu emanzipiren, gleichviel in welches Extrem man dabei geht, darin besteht die wahre Emanzipation. Vergleichen wir zum Beispiel einen durchaus ehrenfesten Mann, der in seiner Ehrenhaftigkeit ehrlich und vor allen Dingen konsequent ist, mit seinem Gegensatz, einem Menschen, der die Ehre für ein bloßes Vorurtheil hält und nun aus Prinzip in seiner Unehrenhaftigkeit eben so ehrlich und konsequent ist, wie Jener in seiner Ehrenhaftigkeit, so sagt mir das Letztere doch nimmer noch mehr zu, als ein Mensch, der zur konsequenten Ehrlichkeit sowohl, so wie zur konsequenten Unehrlichkeit zu feig ist. Nichts ist erbärmlicher, als ein Mann, der von Gewissensbissen geplagt wird. Was sagen Sie dazu, Cornelia?« – Die Letztere war eben, durch den lauten Ton Landsfelds aufmerksam gemacht, aus der Fensternische, in der sie mit Berger gestanden, hervorgetreten.

»Sie wissen, theurer Freund, daß wir in allen Dingen sympathisiren.« – Sie lachte. Landsfeld ebenfalls und fuhr fort:

»In der weiblichen Natur findet dasselbe Verhältniß statt.«

»Wollen Sie dies Verhältniß nicht durchführen?« – bemerkte die Sängerin G----z, eine feine Kokette, welche sehr glänzendes schwarzes Haar, sehr glänzende Augen, sehr schwellende Lippen und einen sehr schönen Wuchs hatte.

»Von Herzen gern. Nur müssen Sie mir eine böse Angewohnheit zu gute halten, die nämlich, daß ich zuweilen stark individualisire.«

»So wird Ihre Vergleichung desto pikanter werden« – erwiederte sie muthig.

Landsfeld lächelte. »Es giebt manche Frauen, bei deren erstem Anblick man bewundernd ausruft: Es giebt nichts Schöneres, nichts Verführerisches. Aber eine Schönheit, die verführt, ist keine reine, ist eine Unnatur. Es liegt allerdings etwas Dämonisches, darum Unwiderstehliches in diesem prunklosen Glanz, in dieser flammenden, eleganten Einfachheit, in dieser frivolen Bescheidenheit und raffinirten Unschuld. Eine simple jugendliche Landdirne, deren Herz jungfräulich ist, und deren Gedanken keusch sind – und eine Priesterin der modernen Mylitta mit unverhülltem Busen und kurzem Rock –. Das sind Extreme, es ist wahr; aber jede zeigt wenigstens, was sie ist, sie verheimlichen nichts, die Eine, weil sie nichts zu verheimlichen hat, die Andere, weil sie nichts verheimlichen will. Denn auch das Verbrechen hat seinen Stolz. Es ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in Beiden. Engel und Teufel. Gut, aber wenn der Teufel – um christlich zu reden – seinen Huf und Schweif nicht in moderne Pantalons und Fracks verbirgt, sondern offen zur Schau trägt, so ist er ohne Gefahr, sollte man meinen. – Wenn nun aber das Aeußere nicht der Spiegel des Innern ist, wenn sich unter dem harmlosen lieblichen Bilde einer züchtigen Jungfräulichkeit die Verderbniß des Innern versteckt, wenn fromme Tauben-Augen Mühe haben, die unreine Begierde nicht in einem unvorsichtigen Strahl zu verrathen« – die Sängerin schlug vor dem Blicke Landsfelds die ihrigen zu Boden – »wo zarten frischen Lilienwangen die Vorstellung einer unkeuschen Umarmung zu einer reizenden Schamröthe verhelfen muß« – die Sängerin erröthete – »und auf dem rosigen Munde nur der Gedanke eines buhlerischen Kusses ein bezauberndes Lächeln hervorruft – das Herz aber kalt ist und besudelt – ein Engel von Außen, ein Teufel von Innen; und zwar ein Teufel unter der Hülle eines sanften fühlenden Kindes – – – – entschuldigen Sie, ich bin aus der Konstruktion gefallen, und schließe daher mit folgender Definition« – fügte er, seinen pathetischen Ton plötzlich in den gewöhnlichsten Conversationston umwandelnd, hinzu –: »Ein kokettes Weib, das seine Kunst versteht, ist weich anzufühlen wie eine Katze, die die Klauen einzieht, wenn man sie streichelt, aber nach Blut lechzt, wenn sie kosend zu schnurren scheint.«

Landsfeld hatte durch diese Standrede sich vielleicht ein Paar Feinde mehr in der Welt erworben, aber er machte sich nichts daraus. Indessen war eine dampfende Bowle aufgetragen worden. Man sammelte sich um den ovalen Mahagonytisch, der vor dem mit dunkelgrünem Sammet überzogenen geschmackvollen Rockokosopha stand. In diesem Augenblicke wurde Landsfeld abgerufen. Es war Carl, der ihn von der Ausrichtung seines Auftrags unterrichten wollte. Als Carl ihm referirte, daß Nr. 19. schon bestellt gewesen sei, sagte Landsfeld zu sich: »Ich dachte es mir wohl, – aber Nr. 20.« –

»Ist für Sie reservirt.« –

Als der Baron wieder eintrat, war bereits die ganze Gesellschaft um den Tisch versammelt. Auch Berger hatte seine Fensternische verlassen, und neben Alicen Platz genommen. Der junge Musiker sah geisterhaft bleich aus. Seine frühere Frische der Farbe und jugendliche Fülle war fast ganz verschwunden. Landsfeld machte ihnen, als er bei ihren Plätzen vorbeikam, eine höfliche Verbeugung, die von Seiten Alicens durch ein unbefangen freundliches Nicken, von Seiten Bergers durch eine halb verlegene, halb zornige Wendung des Kopfes erwiedert wurde. Er rückte sich einen Stuhl neben das Sopha, dessen Ecke die Sängerin eingenommen hatte, weil es ihm stets großes Vergnügen machte, grade Diejenigen, welche er kurz zuvor absichtlich auf's tiefste gekränkt und gedemüthigt, mit der zuvorkommendsten Artigkeit zu behandeln, um sich an ihrer Verlegenheit zu weiden. Zugleich bot ihm dieser Platz den Vortheil dar, daß er das Gespräch zwischen Berger und Alicen, von denen er absichtlich halb abgewendet saß, hören konnte.

»Herr Assessor Tieftrunk ist, wie ich mit Bedauern bemerkt habe, heute nicht hier« – sagte er mit einschmeichelndem Tone. »Oder kommt er vielleicht noch später?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen,« – erwiederte sie kalt, aber freundlich. – »Ich glaube jedoch nicht.«

»Darf ich in diesem Falle um die Erlaubniß bitten, Sie nach Hause zu geleiten?« fragte er mit Herzlichkeit.

Sie erröthete. »Sie sind zu gütig, Herr Baron. Ich habe mich bereits versagt.« Fast hätte sie hinzugesetzt »leider«, aber ein halber Blick auf Berger setzte ohnehin den Baron sogleich von der Lage der Sache in Kenntniß. Er beschloß einen neuen Sieg über seinen ehemaligen Gegner zu feiern. Doch gab es noch einen andern tiefer liegenden Grund, welcher ihn dazu bestimmte. Es hätte ihm in jedem andern Falle völlig gleichgültig sein können, ob Berger der Günstling dieser ihm gänzlich indifferenten Dame sei oder nicht. Aber daß Jener sie gerade heute nach Hause begleiten wollte, kam ihm deshalb höchst ungelegen, weil er darauf gerechnet hatte, heute Nacht den Plan, welchen Berger, wie er überzeugt war, mit Alicen gegen ihn oder Lydia angesponnen, zu ergründen. Aus früherer Zeit wußte er nämlich, daß Alice nach dem Schluß des Salons selten noch nach ihrer weitgelegenen Wohnung sich begab, sondern es vorzog, die Nacht in einem Zimmer des nächsten Gasthofs zuzubringen. Sie hatte zu diesem Zweck die Einrichtung getroffen, daß ihr an den Salontagen stets ein bestimmtes Zimmer – es war Nr. 19. – reservirt wurde. Landsfeld war diese Einrichtung sehr wohl bekannt, aber er war ungewiß, ob es jetzt noch dasselbe Zimmer sei. Deshalb gab er seinem Bedienten den Auftrag, gerade dies Zimmer für ihn zu bestellen und, im Falle es besetzt sei, das Nebenzimmer, aus dem, da es nur durch eine dünne Bretterwand von jenem geschieden war, man sehr deutlich verstehen konnte, was im erstern vorging und gesprochen wurde. Wenn nun aber Berger nicht Alicen begleitete, sondern die Sängerin, so war sein Plan vereitelt. Er mußte also vor allen Dingen dahin zu wirken suchen, daß die Sängerin Bergers Begleitung ausschlug.

»Sie werden mich für verwegen halten« – fuhr er mit leiser Stimme, aber mit einer Intensität im Tone, die ihre Wirkung auf das erregbare Temperament der schönen Sängerin nicht verfehlte, fort, indem er seine Hand, an der ein feuriger Rubin strahlte, auf die Sophalehne legte – »wenn ich dennoch die Ueberzeugung ausspreche, daß Sie mich zu Ihrem Begleiter erwählen werden.«

Es lag eine solche Sicherheit in dem, was er sagte, und zugleich eine solche Zartheit in dem, wie er es sagte, daß sie einen Augenblick in Verlegenheit gerieth. Vielleicht trug selbst der Umstand, daß er ihr zu trotzen gewagt, dazu bei, ihm seinen Sieg zu erleichtern. Eben öffnete sie die Lippen, um ihm zu antworten, als Alice, ihr bis zum Rande gefülltes Glas erhebend, die Gesellschaft folgendermaßen anredete:

»Meine Herren und Damen! Es ist so vielfältig und auch heute in unserm Kreise schon öfters von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen worden, ohne daß man, wie es mir schien, eigentlich darüber klar gewesen, weder wozu die Emanzipation diene, noch wozu man darüber spricht. Erlauben Sie mir hierbei die Bemerkung, daß gerade der männliche Theil der Gesellschaft sich diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint, das heißt, am meisten darüber spricht, vielleicht weil er am wenigsten davon begreift. Mich will es bedünken, als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden, daß man sich vom Hin- und Herreden darüber emanzipirt. Zwar hat auch die Emanzipation des Worts ihr Recht und man muß dafür kämpfen, ich gebe es zu, aber die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der That. – Meine Herren und Damen! Wir wollen keine Worthelden werden, hoffe ich; geistreich zu sprechen und frei zu denken, ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Thun. Giebt es nicht Manche auch unter uns, die hinter dem freien Wort die praktische Impotenz verstecken? Man schlage an seine Brust und frage sich, ob z. B. die Furcht vor der Polizei für uns Alle schon eine überwundene Kategorie ist? Man schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich. Ich aber erhebe mein Glas und rufe mit gutem Gewissen: Die Emanzipation der That soll leben!« –

Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem melancholischen Pathos, der Alice eigen war, vorgetragenen Worten. Nachdem der Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war, fuhr sie in demselben Tone fort:

»Ich hoffe, daß Sie mir nicht den Vorwurf machen werden, als sündige ich gegen mein eigenes Prinzip, indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche. Es wäre eine Beleidigung, die ich nicht verdiene, denn ich habe, wie gesagt, ein gutes Gewissen. Meine Herren und Damen, ich glaube mir praktisch das Recht erworben zu haben, über Emanzipation zu sprechen. Oder sollte Jemand einen Zweifel dagegen erheben?« – Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher. Eine feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreise. »Gut« – fuhr sie fort – »ich sehe, daß Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich über Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:«

»Des Weibes Glück ist die Liebe,
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!«

»Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es würde mir ein Vergnügen machen, diesen Satz zu vertheidigen, wenn sich ein Angreifer fände.« Sie setzte sich. Nach einigen Sekunden, während welcher die bisher beobachtete Stille nicht unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen, in dessen Gespräch mit Schattenfrey sich Landsfeld gemischt hatte.

Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes deutlicher beobachten. Es war ein Gesicht, von dem man sagen konnte, daß jeder Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor gestorbener Hoffnungen war.

»Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, daß das Weib nur wahrhaft lieben kann, wenn und in so fern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist, wenn es liebt.«

»Ja; – doch unter der Bedingung, daß Sie unter der Freiheit nicht blos Freiheit, das heißt Unbeschränktheit in der Empfindung, sondern Freiheit überhaupt, sociale Freiheit begreifen.«

»Was nennen Sie sociale Freiheit?«

Alice dachte einen Augenblick nach: »Freiheit der Individualität« – sagte sie endlich. »Vergessen Sie nicht, daß wir von der Emanzipation der Frauen sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, läßt sich diese Erklärung rechtfertigen. – Das wahrhaft Menschliche muß überall triumphiren. Daß es nicht so ist, liegt in der Verkehrtheit unserer socialen Verhältnisse.«

»Vielleicht läßt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der Forderung, die weibliche Individualität zu emanzipiren, ein Widerspruch zu liegen.«

»So meinen Sie also, daß das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu schmachten, die ihnen Willkühr und Herrschsucht der Männer angelegt.«

»Nicht Herrschsucht der Männer, sondern die Natur« – erwiederte er ruhig.

»Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe. Freilich, die Männer möchten es gern so darstellen.«

»Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fällen führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.«

»Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis. Denn daß diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.

Alle Schranken können, wenn auch nicht überwunden, so doch durchbrochen werden, auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister des Kunstwerks, wenn er es zerschlägt?«

»So beantworten Sie mir die Frage, woher es kommt, daß gerade die edelsten gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten vernachlässigen? Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen, wenn es ›die Pflichten der Gattin und Mutter‹ nur recht treu erfüllte, und den Kochlöffel und das Waschfaß zu regieren verstände, das höchste Ideal eines Weibes. Ich wünsche aufrichtig, daß dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht werde.«

Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem, welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte.

Denn Frauen können im Streite mit Männern nur dann siegen, wenn sie entweder auf ihr »Gefühl« sich berufen oder aber, wenn sie hierzu zu stolz sind, ihren Gegner lächerlich machen. Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste, weil diese Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner allerdings zum Schweigen gebracht; aber ein kaltes, bitteres Lächeln, woraus neben dem Bewußtsein seiner Ueberlegenheit noch die Ironie über die Art seiner Niederlage hervorleuchtete, schwebte auf seinen Lippen, als er, sich tief verbeugend, sprach: »Ich erkenne mich für überwunden.«

»So werde ich Ihren Kampf fortsetzen« – sagte plötzlich Landsfeld, der bisher mit der schönen Sängerin beschäftigt, der Unterhaltung gar keine Aufmerksamkeit gewidmet zu haben schien.

»Und ich den Ihrigen« – nahm Berger, zu Alicen gewendet, das Wort.

»Dann muß ich meinen Vorsatz aufgeben, denn mit ungleichen Waffen schlage ich mich nicht mehr« – erwiederte Landsfeld kalt.

Berger erblaßte. »Wie verstehen Sie das, Herr Baron?« fragte er in leidenschaftlicher Aufregung?

»Ich fürchte einen Kampf mit Ihnen.« – Er lächelte zweideutig. »Sie müssen das aus Erfahrung wissen. Ich bitte Sie, mich zu schonen, schon aus Gegengefälligkeit.«

Berger schwieg, aber die ohnmächtige Wuth, welche, im Gegensatz zu Landsfelds kalter Ruhe, aus seinem krampfhaft verzogenen Gesicht sprach, hatte die ganze Gesellschaft hinlänglich über die tiefe Feindschaft, welche zwischen diesen beiden Männern herrschte, aufgeklärt, und eine allgemeine Verstimmung hervorgebracht. Man theilte sich wieder in Gruppen.

»Sie sind ein fürchterlicher Mensch« – sagte die Sängerin, welche mit Erstaunen diesem kurzen Wortwechsel zugehört. »Was hat Ihnen der arme Mensch gethan, daß Sie ihn so demüthigen?«

»Er hat es gewagt« erwiederte Landsfeld ausweichend, mit verführerischem Lächeln ihre Hand küssend – »seine Blicke auf Sie zu werfen. Das verdient noch weit härtere Züchtigung.«

»Sie sind ein Heuchler« – sagte sie halb zornig, halb geschmeichelt.

Berger war wieder zu Cornelien getreten. »Still« – sagte diese – »wir sprechen darüber weiter. Wollen Sie sie wirklich noch nach Hause begleiten?«

»Ich weiß es nicht. Es ist ein göttliches Weib. – Aber dieser Mensch, ist er nicht mein böser Genius? Tritt er mir nicht überall in den Weg, wo ich im Begriff bin, mein Ziel zu erreichen? Auch Alice« –

»Lassen wir das ruhen. Sie wissen, daß ich ihn Ihretwegen hasse, mehr als je. – Wann werden Sie zurück sein?«

»Kann man das Glück nach Minuten berechnen? Ich weiß es nicht.«

»Wenn Laura nun aber ihre Meinung geändert hätte? Wenn Landsfeld –« fragte sie leise.

»So ermorde ich ihn in ihren Armen,« sagte er flüsternd, aber vor Wuth zitternd.

»Das werden Sie nicht thun. Auch hülfe es uns nichts. Kennen Sie keine süßere Rache? denken Sie an Lydia?« –

»Sie haben Recht. Ich werde mich bezwingen. – Betrachten Sie diese Koketterie, diese lüsternen Blicke« – fuhr er fort, mit dem Blicke auf Landsfeld deutend, der zwei Schritte weit von ihnen sich auf die Lehne des Sessels stützte, worauf Laura in verführerischer Stellung saß.

»Jetzt ist der Augenblick gekommen« – flüsterte Landsfeld, indem er von ihrem Stuhle zurücktrat und sich zu einer andern Gruppe gesellte, die das Gespräch über Emanzipation fortsetzte, theils die Ansicht Alicens, theils die ihres Gegners vertheidigte.

Die Sängerin wandte ihren schönen Kopf nach Berger um und winkte ihn zu sich. Er setzte sich neben sie. »Sie werden böse sein, Arthur« – sagte sie leise – »aber ich fordere vor Allem Vertrauen von Ihnen.« – Er schwieg. »Sie können mich heute nicht begleiten,« – fuhr sie, durch sein Schweigen in Verlegenheit und durch diese Verlegenheit in Zorn gesetzt, fort. Er wollte aufstehen. »Bleiben Sie. Sein Sie kein Thor, Berger. Ich habe wirklich einen triftigen Grund, den ich Ihnen morgen mittheilen werde.«

»Ich zweifle nicht an der Triftigkeit Ihrer Gründe« – sagte er bitter. »Laura« – fuhr er nach einer Pause, seinen Ton verändernd, fort – »seien Sie barmherzig, haben Sie Mitleid mit mir! Sie werden mich zur Raserei bringen.«

Sie zog den Shawl, der ihr von den Schultern gefallen war, fest zusammen.

»Es hilft Ihnen nichts« – flüsterte Berger, der diese unwillkührliche Bewegung verstand. – »Ein Blick aus Ihrem Auge ist hinreichend, um mich in eine Hölle von Sehnsucht und Verlangen zu stürzen.« Er ergriff ihre Hand. »Laura, wollen Sie mich in dieser Hölle lassen? Sprechen Sie!« – Seine Stimme zitterte. – Sie schwankte einen Augenblick, aber ein ironisches Lächeln, das sie auf den Lippen Landsfelds, welcher, von Berger ungesehen, keinen Blick von ihr verwandte, sich zusammenziehen sah, machte ihrem Schwanken schnell ein Ende. Sie erröthete über ihre Schwäche.

»Es kann nicht sein, Arthur, wirklich nicht. – Glaubst Du denn, daß es mich keine Ueberwindung kostet, zu entsagen?«

Berger ließ in tiefer Muthlosigkeit den Kopf sinken. »Wohl« – sagte er, wie zu sich selbst sprechend – »es wäre auch zu viel Seligkeit gewesen. Ein Wahnsinniger nur konnte das für möglich halten.«

Sie hatte wirkliches Mitleid mit ihm, aber die Wurzeln, welche das Mitleid in ihr trieb, verdrängten die, welche die Leidenschaft für den jungen Mann darin geschlagen hatten. Jetzt hatte sie nur noch ein Gefühl von peinlicher Befangenheit, und den Wunsch, dieser unangenehmen Scene bald ein Ende zu machen.

Landsfeld ahnte ihre Stimmung. Mit großer Leichtigkeit und liebenswürdiger Courtoisie trat er heran und bot ihr seinen Arm. »Wenn's Ihnen jetzt gefällig ist, mein Fräulein, so gehen wir« – sagte er, ohne Berger eines Blickes zu würdigen.

»Gern, lieber Baron. Ich werde mich sogleich fertig machen.« Sie stand auf und begab sich in das Nebenzimmer.

Cornelia nahm ihre Stelle ein.

»Nun, habe ich Recht gehabt?« fragte sie leise.

Berger saß noch immer in der zusammengeknickten Stellung, als hätte er die Entfernung Laura's gar nicht bemerkt. Durch den Ton Corneliens aufgeschreckt, blickte er sie plötzlich wild an, und flüsterte ihr in's Ohr: »Und ich darf ihn wirklich nicht ermorden?«

»Und Lydia?« – fragte sie in derselben Weise.

»Sie haben Recht!« er stand auf und wollte forteilen, als Alice auf ihn zutrat mit der Frage, ob er sie begleiten wolle.

»Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen« – sagte sie. Er zeigte sich bereit. »So komm!«

In wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft den Salon verlassen, um sich nach Hause zu begeben.

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