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Luise Aston: Lydia - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Fünftes Kapitel

Als der Baron nebst seiner Begleiterin die Spitze des Berges erreicht hatte, trafen sie das andere Paar, das, um nicht Lydiens Wohnung passiren zu müssen, von der entgegengesetzten Seite heraufgestiegen war, schon wartend.

»Entschuldigen Sie unser längeres Verweilen« – sagte Landsfeld, nachdem er mit seinem Gegner eine stumme Begrüßung gewechselt. »Wir vermutheten nicht, daß Sie uns zuvorkommen würden. – Darf ich Sie bitten, mir zu folgen« – fuhr er fort. – » Wir müssen noch einige hundert Schritte weiter in den Wald hinein, wenn wir ungestört sein wollen.«

Schweigend folgten ihm die Andern. Der Thau lag voll und glänzend auf dem buschigen Haidekraut, das sie durchwaten mußten, und drang durch die Schuhe und Strümpfe der beiden Damen. Landsfeld schien es nicht zu bemerken. Mit langen Schritten vorausgehend drang er immer tiefer in den Wald ein, bis sie endlich einen hellen, länglichschmalen Platz erreicht hatten, der den allgemeinen Beifall der Theilnehmer an diesem sonderbaren Spaziergange zu haben schien, da er völlig trocken und eben war.

»Wir sind zur Stelle« – sagte Landsfeld. Er nahm dem nachfolgenden Diener die Waffen ab und legte sie vorsichtig auf einen umgestürzten Baumstamm, der den Platz der Länge nach durchschneidend, ihn in zwei fast gleich große Hälften theilte. »Du kannst jetzt gehen, Carl« – wandte er sich an diesen, indem er mit ihm einige Schritte bei Seite trat. »Hier ist ein Brief, den Du sogleich an seine Adresse abzugeben hast; aber mit Vorsicht, daß es nicht zu sehr auffällt.«

»Und soll ich nicht wieder herkommen, Herr Baron?« – fragte der treue Mensch, seinen Herrn mit ängstlichen Blicken ansehend.

»Wenn ich in einer halben Stunde nicht zu Hause bin, dann bittest Du den Brunnenarzt sich hierher zu bemühen und bestellst zugleich einen Wagen. Adieu, Carl, und daß Du nichts auf Deinen Kopf hin thust.«

»Da ein doppelter Kampf stattfinden wird« – wandte sich Landsfeld an die Andern, »so bleibt uns noch zu bestimmen übrig, welche Partei den Anfang machen soll, die männliche oder die weibliche.« – »Wir wollen loosen« – bemerkte Cornelia. Diesem Vorschlag wurde allgemein beigestimmt. Landsfeld nahm zwei Grashalme von verschiedener Länge als Symbol der verschiedenen Waffenart und bat Alice zu ziehen. Sie that es mit fester Hand. Sie hatte den längeren Halm gezogen. Der Baron nahm die Rappiere, trocknete sie ab und überreichte sie den modernen Amazonen. Sie warfen ihre Mäntel ab; Cornelia erschien in der feinsten Toilette, Alice, wie sie vorausgesagt, in der phantastischen Männerkleidung, in der sie die vergangne Nacht den Baron besucht hatte. Sie stellten sich einander gegenüber. Berger, der bisher stumm und scheinbar theilnahmlos dagestanden, trat seiner Geliebten zur Seite.

»Ich werde das Zeichen geben« – sagte der Baron. »Wenn ich das Tuch schwinge, macht Fräulein von Hohenhausen den ersten Ausfall. –

Auf die Mensur, meine Damen« – rief er kommandirend. Die beiden Gegnerinnen kreuzten die Rappiere.

»Los« – rief der Baron das Schnupftuch schwingend. In demselben Augenblicke flog die Spitze von Alicens Rappier in die Höhe.

Die Klinge ihrer Gegnerin streifte die linke Seite ihres goldenen Gürtels.

»Deine Absicht war solid und gut, theure Freundin« – rief Alice, die blitzschnell ihre Waffe wieder gesenkt hatte. Die Lust des Kampfes brannte jetzt in ihren Augen, auf ihren Wangen. Corneliens Gesicht zeigte seine gewöhnliche Kälte. Nur in den halbgeschlossenen Augen, aus denen zuweilen eine unheimliche Glut hervorblitzte, und in dem fest zugekniffenen Munde lag eine starre Entschlossenheit. Mit großer Geschicklichkeit schlug sie einen auf ihre Brust gerichteten Stoß Alicens ab, wobei die Spitze ihres Rappiers sich in den Falten des Aermels ihrer Gegnerin verwickelte. Ehe sie das unvorhergesehene Hinderniß überwinden konnte, sah sie Alicens Rappier abermals nach ihrer Brust gerichtet. Da riß sie, ihre ganze Kraft anwendend, ihre Waffe an sich, mit einer Wendung, wodurch die verhängnißvolle Spitze von ihrer Brust abgeschlagen werden sollte. Wie durch einen Zauberschlag fuhren die beiden Gegnerinnen jetzt auseinander. In der That mußte der jetzt sich darbietende Anblick von der eigenthümlichsten Art sein, da er auf die beiden Zuschauer in doppelter Rücksicht ganz entgegengesetzte Wirkungen hervorbrachte. Der besonnene und seiner selbst so mächtige Landsfeld erbleichte sichtlich, während Berger in ein Gelächter ausbrach, das in diesem Augenblick ganz ungerechtfertigt schien.

Durch die gewaltsame Art, mit der Cornelia ihr Rappier aus dem Aermel ihrer Gegnerin herausgerissen, hatte sie denselben von der Schulter an bis zum Knöchel aufgeschlitzt; zugleich aber bemerkte Landsfeld, daß der weiße Arm, welcher jetzt völlig entblößt war, einen langen blutigen Streifen zeigte.

Berger, der, auf der andern Seite stehend, die Verwundung Alicens nicht bemerken konnte, hatte sein Auge auf Cornelien geheftet. In dem Augenblicke, als es ihr gelungen war, die Spitze ihres Rappiers frei zu machen, war die Waffe ihrer Gegnerin bereits einige Zoll tief in ihre rechte Brust gedrungen. Als sie daher durch die erwähnte Wendung die Klinge Alicens fortschlug, trennte ein langer Schnitt, der sich von rechts nach links über die ganze Brust der Unglücklichen erstreckte, ihr Kleid auf, aus dem nun zwar kein Strom warmen Blutes – – aber eine Menge Watte hervorquoll. Ein Schrei, als hätte sie Alicens Klinge im Herzen gefühlt, entfuhr ihrem Munde, indem sie zwei Schritte zurücksprang. Mit erneuter Wuth wollte sie jetzt von Neuem auf ihre Gegnerin sich werfen, als Landsfeld mit eigener Lebensgefahr zwischen die Kämpferinnen sprang.

»Genug,« – rief er mit gebieterischer Stimme. »Jetzt kommt die Reihe an uns. Sie haben beiderseits Wunden empfangen und gegeben. Sie können befriedigt sein.« Halb mit Gewalt nahm er Cornelien das Rappier aus der Hand. »Fassen Sie sich, Cornelia, und verderben Sie mir solcher Lappalien wegen das Spiel nicht. Wer weiß, was noch in der Zukunft Schooße schlummert,« flüsterte Landsfeld seiner wüthenden Freundin zu, indem er einen besondern Nachdruck auf die letzten Worte legte. Er warf ihr den abgeworfenen Mantel um, und bat sie, sich ruhig auf den Baumstamm zu setzen.

Berger hatte indeß, so gut es gehen wollte, die Wunde Alicens, welche durchaus unbedeutend war, da eigentlich nur die Haut geritzt war, mit einem leinenen Taschentuche verbunden.

»Sehen Sie, meine Herrn« – sagte sie, als auch der Baron zu ihr trat, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen – »sehen Sie dort die trauernde Maria auf den Trümmern Carthago's. Ist es nicht ein tragisches Schauspiel?« Sie zeigte auf Cornelien.

»Spotte nicht, Alice« – sagte Berger, während Landsfeld die Pistolen aus dem Kästchen nahm. Er untersuchte die beiden Doppelläufe jedes Gewehrs noch einmal sorgfältig und setzte auf den Piston jedes derselben ein Kupferhütchen. Darauf maß er in der Mitte des Platzes eine Strecke von dreißig Schritten ab, deren äußerste Enden er durch einen langen Querstrich bezeichnete. Sodann theilte er diesen Zwischenraum in drei gleiche Theile, welche er auf dieselbe Weise bezeichnete. Nachdem er dies Geschäft beendet, kehrte er zu dem eben verlassenen Paare zurück.

»Wählen Sie!« sagte er zu Berger, indem er ihm die Waffen verkehrt entgegen hielt. Statt einer Antwort begab sich Berger auf das eine Ende. Alice näherte sich dem Baron. Sie hielt den Arm in einer improvisirten Binde und sah sehr bleich und angegriffen aus.

»Was gedenkst Du zu thun?« – fragte sie leise den Baron.

»Ich habe Dir schon erklärt, daß Du es sehen wirst. Doch da Dir die Aufregung schaden könnte, so richte Deinen Blick auf jenen Knorren.« Er zeigte auf einen Baum im Rücken Bergers. »Das ist mein Ziel.« Berger sah anscheinend theilnahmlos auf die Beiden herüber. Aber in seinem Innern erwachte jetzt plötzlich wieder ein Verdacht, der ihn schon heute Nacht, als er Alicen verließ, durch die Seele gezogen war, ohne jedoch länger, als einen Augenblick, darin gehaftet zu haben. Dieß gab ihm mit einem Male die Sicherheit und Bestimmtheit zurück, welche ihn seit dem Gespräch mit dem Baron fast ganz verlassen hatte.

»Ist's gefällig, Herr Baron?« – sagte er mit einer ruhigen Kälte, die Landsfeld auffiel.

»Ich bin bereit, mein Herr« – antwortete dieser, auf seinen Platz eilend. Er stellte sich ihm so gegenüber, daß er den Knorren, auf welchen er Alicen aufmerksam gemacht hatte, über der linken Schulter Bergers, etwa fünf Zoll von seinem Ohr, erblicken konnte.

Langsam, aber mit festen Schritten, näherte sich Berger dem zweiten Strich, während Landsfeld nur einen Schritt ihm entgegen trat. Fast in demselben Augenblicke richteten Beide ihre Waffen auf einander. Berger feuerte zuerst. Er war noch achtzehn Schritte von seinem Gegner entfernt. Der Baron stand unverrückt. Jetzt ging dieser bis zur äußersten Grenze vor. Nur zehn Schritte lagen zwischen ihnen. Berger kreuzte die Arme.

Landsfeld drückte los. Alice blickte nach dem Knorren. Er war verschwunden. Nur einige Holzsplitter zeigten die Stelle, an der die Kugel in den Baum gedrungen war. Die beiden Kämpfer begaben sich auf ihre Plätze zurück. Abermals schritten sie langsam auf einander zu. Berger schien warten zu wollen, bis der Baron gefeuert hätte. Dieser aber wünschte gleichfalls den letzten Schuß zu haben. So hatten sich Beide der Grenze genähert. Endlich entschloß sich Berger zum Feuern. Landsfeld wankte einen Augenblick, faßte sich aber sogleich wieder. Sein rechter Arm hing schlaff herab, das Pistol war auf den Boden gefallen. Er ergriff es mit der linken Hand. Da er aber mit dieser jenes Kunststück nicht zu wiederholen wagte, aus Furcht, seinen Gegner zu treffen, was gänzlich außer seinem Plane lag, so schoß er es in die Luft ab und warf es dann von sich. Berger, der sich diese Schonung nicht erklären konnte, blieb erstaunt und verwirrt auf seinem Platze stehen. Alice eilte auf den erbleichenden Landsfeld zu und führte ihn zu dem umgestürzten Stamm. Er ließ sich darauf nieder.

»Es ist nichts Bedeutendes« – sagte er – »wenn's nur nicht der rechte Arm wäre. Verdammter Zufall.« Er riß die Weste und das mit Blut befleckte Hemd auseinander. Die Kugel hatte die innere Seite des Arms gestreift und, wie es schien, eine Sehne zerschnitten. Die Wunde blutete stark. Alice, die ihrer eigenen Verwundung wegen ihm wenig Dienste leisten konnte, rief Berger. Aber jener schien, obwohl unverwundet, gänzlich unfähig, irgend wie hülfreiche Hand anzulegen. Wie im Traum trat er näher und blickte theilnahmlos auf den Sitzenden. Landsfeld stopfte sich sein Taschentuch unter den Arm und drückte es fest an, um eine Verblutung zu verhindern.

»Wenn nur der Arzt bald käme« – sagte er.

Cornelia hatte die ganze Zeit über, in ihren Mantel eingehüllt, lautlos dagesessen. Jetzt sprang sie plötzlich auf. »Ich werde ihn zur Eile antreiben!« – rief sie dem Baron zu, indem sie forteilte.

»Ich begleite Sie, Fräulein!« – rief Berger ihr nach.

»So kommen Sie schnell!« antwortete sie, ohne ihre Schritte zu hemmen. Sie verließen den Platz und eilten, so schnell sie konnten, den Berg herab.

»Können Sie mir darüber Aufklärung geben, Fräulein von Hohenhausen,« – sagte Berger – »aus welchen Motiven der Baron mich beim zweiten Schusse hat schonen wollen?« –

»Beim zweiten? – bei beiden, Verehrtester. Haben Sie nicht bemerkt, daß er nicht nach Ihnen, sondern nach dem hinter Ihnen stehenden Baume zielte?«

»Und Alice wußte es, wahrscheinlich. – Daraus kann ich mir auch ihre Ruhe erklären. – Ich habe ihr also doch Unrecht gethan, als ich es für Theilnahmlosigkeit hielt.«

»Er mag's ihr wohl heute Nacht gesagt haben« – bemerkte Cornelia, indem sie mit Freude die Wirkung dieser Worte beobachtete.

»Heute Nacht?« – Der junge Mann erbleichte. – »Das ist nicht wahr« – sagte er drohenden Tones.

»Sie müßten das besser wissen, meinen Sie« – fuhr Cornelia mit einer Mischung von verhaltener Wuth und cynischer Ironie im Ton fort. »Den Gegenbeweis, mein Herr, wenn ich bitten darf!«

Berger zögerte einen Augenblick. Darauf sagte er ruhig: »Ich selbst bin bei ihr gewesen.«

»Ich weiß es, mein Herr, um 2 Uhr. Doch müssen Sie am besten wissen, ob Sie Grund haben, damit zu renommiren. Das Rendezvous war kurz, so viel ich weiß.«

»Martern Sie mich nicht!« – bat Berger. – »Sagen Sie es heraus: hat der Baron Alicen heute Nacht besucht?«

»Nein!« –

»Nun also!« Der junge Mann athmete tief auf.

»Aber sie ist bei ihm gewesen« – schloß Cornelia. –

Das war ein fürchterlicher Schlag. Berger schwankte. Jetzt konnte er sich den Widerstand Alicens erklären. Von innerem Schmerz fast vernichtet, stieg jetzt nicht mehr der leiseste Zweifel an der Wahrheit des eben Gehörten in ihm auf.

»Kommen Sie! wir dürfen uns nicht aufhalten.« – halb mit Gewalt zog sie seine Hände nieder, mit denen er die Augen bedeckt hatte. »Mein Gott! so ermannen Sie sich doch. Wollen Sie ein Zaubermittel, das Ihren Schmerz lindern und Ihnen die Kraft zurückgeben wird?«

»O, für mich giebt es kein Heilmittel mehr!« stöhnte Berger.

»Doch, doch« – versicherte sie. »Ein Wort wird Sie kuriren. Dieß Wort heißt« – sie näherte ihren Mund seinem Ohre, indem sie leise, aber mit energischem Accent sagte: »Rache!«

Berger fuhr empor. Seine Augen rollten. Krampfhaft ergriff er den Arm Corneliens, so daß diese fast aufgeschrieen hätte vor Schmerz. »Sie haben Recht. – Rache! Rache!« –

Er sprach dies Wort langsam und mit Nachdruck, als wolle er den Wohllaut jedes einzelnen Buchstaben genießen. –

Mit beschleunigten Schritten eilten sie jetzt den Berg hinab. Da erblickten sie den Wagen, welcher eben gemächlich den Berg hinanfuhr.

»Der Baron ist verwundet!« – rief Cornelia dem Diener Landsfelds zu, als sie den Wagen erreicht hatten, in dem sich der Arzt befand, der nun dem Kutscher befahl, die Pferde zu größerer Eile anzutreiben. Bald war der Wagen ihren Blicken entschwunden. Als sie in's Bad kamen, trennten sie sich. »Auf Wiedersehen!« – sagte Cornelia beziehungsvoll beim Abschiede, indem sie ihrem neuen Gefährten die Hand gab. »Vor allen Dingen lassen Sie sich zu keiner unüberlegten Handlung verleiten.« Berger eilte nach Hause, um sich zum Spaziergange mit Lydien umzukleiden. Jetzt, wo er sich von Alicen hintergangen glaubte, und so seine Leidenschaft zu ihr gleichsam in sich selbst zurückgeworfen wurde, fiel ihm mit einem Male das ganze Gewicht seines Unrechts gegen das liebe, harmlose Kind auf die Seele und drückte sie so noch mehr darnieder. Vielleicht war es dieses Uebermaß von innerer Qual, das ihm jede Energie, seinem Schmerz in gewaltsamen Ausbrüchen Luft zu machen, nahm. Eine trübe Ruhe lag auf seinen Zügen, als er in sein Zimmer trat. Die beiden Briefe, welche er an seine Mutter und an Lydia geschrieben, lagen vor ihm auf dem Tische. Er erbrach sie und las sie noch einmal durch, als kenne er ihren Inhalt noch gar nicht. Darauf warf er sich in dumpfer Verzweiflung auf einen Stuhl und starrte gedankenlos vor sich hin. Eine grauenvolle Stille herrschte in ihm und um ihn, so daß einen Augenblick die fixe Idee sich seiner bemächtigte, er sei gestorben und liege im Grabe. Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als durch eine rein mechanische Verbindung seiner Ideen ihm der Gedanke an den Spaziergang mit Lydia wieder einfiel. Er stand auf und begann seine Toilette. Als er vor den Spiegel trat, wurde plötzlich durch den Anblick seiner mehr erschlafften als entstellten Züge sein Bewußtsein wieder erweckt und die Erinnerung an die letzten Scenen trat mit voller Gewalt und so furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele, daß seine Kniee fast unter ihm zusammenbrachen und seine Hand nach der Stuhllehne griff, um sich daran zu halten.

»O, ich bin unsagbar unglücklich« – jammerte er, sein Gesicht mit den Händen bedeckend, während er in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. – »Warum hast Du mir das gethan, Alice? Hast Du mich nur so hoch erhoben, um mir den Sturz in die Tiefe desto fühlbarer zu machen?« –

Wenn ein geistiger Schmerz sich in Thränen auflöset, so wird die Seele milde gestimmt. Auch Berger fühlte bald den wohlthätigen Einfluß solcher Thränen auf seine Stimmung. Er wurde still und resignirt. Rasch beendete er jetzt seinen Anzug und schritt langsam dem Hause unter den Kastanienbäumen zu.

Auch hier war unterdessen der Schmerz eingekehrt, aber ihm fehlte das bitterste, das qualvollste Element: das Bewußtsein der eigenen Schuld. Lydia lag auf dem Sopha ausgestreckt. Ihre Züge waren durch den plötzlichen Schreck blaß und angegriffen, aber ruhig.

Als sie jenen Brief, der ihr auf der Promenade zugestellt wurde, erhielt, war sie zuerst durch die Gleichheit der Schriftzüge mit denen des Zettels, den sie heute Morgen zwischen den Blumen gefunden hatte, überrascht worden. Schnell hatte sie die Adresse abgerissen und, von böser Ahnung getrieben, einen durch die Angst unsicher gemachten Blick hineingeworfen. Sie sah nur, daß von ihrem Verlobten und einem Duell die Rede sei. Da fielen ihr die Schüsse ein, welche sie mit ihrer Mutter gehört hatte. Krampfhaft, als wollte sie ihren Raub bewahren, ballte sie den Zettel zusammen, denn sie fühlte plötzlich einen brennenden Stich im Herzen, der ihr das Bewußtsein raubte. In diesem Zustande hatte sie die Mutter getroffen. Als sie, zu Hause angelangt, das Bewußtsein völlig wieder erhalten hatte, hatte die Forsträthin nichts Eiligeres zu thun, als sie über ihren Irrthum aufzuklären, was sie durch die Vorlesung von Landsfeld's Brief bewirkte. Doch hatten alle diese verschiedenen Eindrücke ihre Seele so erschüttert, und ihre Körperkraft so erschöpft, daß sie zur gänzlichen Sammlung ihres Geistes nothwendig einige Stunden ungestörter Ruhe bedurfte. Indeß warteten ihre Mutter und der Hofrath vergeblich auf den Besuch des Badearztes, welcher ihnen, als sie nach Hause fuhren, versprochen hatte, in einer kleinen halben Stunde ihnen zu folgen, um sich nach dem Befinden des armen Kindes zu erkundigen, und vielleicht ein beruhigendes Mittel für sie zu verschreiben. Endlich kam er.

Er war ein kleiner, runder Mann, dessen breites, gutmüthiges Gesicht, dem ein Paar kluge graue Augen und ein lebendiges Mienenspiel keinen uninteressanten Ausdruck verliehen, in diesem Augenblicke dunkelroth glühte. Mit kurzen hastigen Schritten trat er in das Zimmer und ging, ohne sich durch Grüße aufhalten zu lassen, sogleich auf das Sopha zu, ergriff Lydiens Hand, um ihren Puls zu fühlen, und sagte nach einer halben Minute, zu ihrer Mutter gewandt:

»Vortrefflich. Hier ist Alles auf gutem Wege. – Indeß kann's immerhin nicht schaden, wenn wir dem Kinde ein kühlendes Tränkchen verordnen. Haben Sie Papier und Dinte, gnädige Frau?« – Er sah mit bezeichnendem Blicke auf die Thür des Nebenzimmers. Die Forsträthin verstand ihn.

»Wollen Sie sich hier herein bemühen« – sagte sie, die Thüre öffnend.

Der Hofrath stellte sich an's Fenster und trommelte mit dem Finger auf die Scheiben.

»Sie werden mich entschuldigen, gnädige Frau« – sagte der Arzt – »daß ich nicht früher gekommen. – Ich bin dort oben gewesen.« Er wies mit dem Finger auf die Berge, welche sich auf dem blauen Hintergrunde des Himmels scharf abzeichneten.

»Ich dachte es mir« – erwiederte die Forsträthin. – »Sprechen Sie, erzählen Sie! Wenn ich mir auch alle Einzelheiten nicht erklären kann, so bin ich doch über den Zusammenhang im Allgemeinen nicht mehr zweifelhaft.«

»Sie wissen also, mit wem sich Berger geschlagen hat? – Mit dem Baron von Landsfeld« – fuhr er fort, als Jene mit dem Kopfe schüttelte.

»Und der Grund?« – fragte die Forsträthin zögernd.

»Wegen einer Frau von Rosen, die der Baron früher, glaub' ich, gekannt und in Berger's Gegenwart gestern auf der Promenade beleidigt hatte. Die nähern Umstände sind mir unbekannt.«

»Also doch« – sagte Frau von Dornthal vor sich hin. »Fahren Sie fort.«

»Das Wichtigste ist, daß Berger völlig unverwundet geblieben. Ja, aus einer Andeutung von Frau von Rosen –«

»Sie war auch dort?«

»Ein merkwürdiges Frauenzimmer« – brummte der Arzt, den Kopf hin und her wiegend. »Sie hat sich auch geschlagen, und zwar auf Stichwaffen.«

»Sie scherzen« – bemerkte die Forsträthin mit halb erstaunter, halb ungläubiger Miene.

»Nichts weniger, als das« – erwiederte er seufzend. »Sie hat eine lange Schramme über den Arm bekommen. Ein merkwürdiges Frauenzimmer, hm! Ein sehr merkwürdiges Frauenzimmer.« –

»Aber mit wem hat sie sich duellirt? Mit dem Baron natürlich.«

»Nein, mit einer anderen emancipirten Dame, – einem Fräulein von Hohenhausen. Aber, was ich sagen wollte – ja, aus einer Andeutung von Frau von Rosen schloß ich sogar, daß der Baron mit Willen fehlgeschossen.«

»Das war mir nicht unbekannt« – erwiederte sie zum großen Erstaunen des Doctors. »Lesen Sie hier« – fuhr sie fort, ihm den Brief Landsfelds reichend.

»Hm, hm« – sagte er, seinen Kopf wiegend – »ein merkwürdiger Mensch. Es wäre Schade um ihn gewesen.«

»Wie?« – rief Frau von Dornthal erbleichend, indem sie ängstlich die Hand des Arztes faßte. – »Er ist verwundet?«

Der Doctor wollte eben antworten, als der Hofrath an die Thüre klopfte.

»Berger kommt eben die Straße herab,« sagte er, als er auf das »Herein« der Forsträthin eingetreten war.

»Mein Gott!« – rief diese – »was ist da zu machen? Rathen Sie, helfen Sie mir! Lydia darf er nicht sehen.«

»Ruhig, ruhig, gnädige Frau. Uebereilen Sie nichts. Wir kennen die tieferen Motive bei diesem ganzen Vorfall nicht hinlänglich, um von einer eigentlichen Schuld des jungen Mannes sprechen zu können. Ueberlassen Sie es mir, darüber in's Klare zu kommen. Ist es eine bloße jugendliche Verirrung, die ihn zu diesem extremen Schritte verleitet, so dürfen Sie nicht zu strenge gegen ihn sein; vorausgesetzt, daß Lydia an seinem Gefühle nicht irre, und in dem ihrigen nicht schwankend geworden. Wenn sie stark genug ist, um ihn jetzt sehen zu können, so möchte ich Sie bitten, einer solchen Zusammenkunft nichts in den Weg zu legen. Dabei wird die Wahrheit am ersten an's Licht kommen.« Nach diesen Worten begab sich der Doctor, ohne eine Antwort abzuwarten, zu Lydia. Die Andern folgten. In demselben Augenblicke klopfte es an die Thüre. Der Hofrath warf einen fragenden Blick auf den Doctor, der sich neben Lydia gesetzt hatte, welche sich indeß aufgerichtet.

»Das ist Arthur,« sagte sie, indem eine flüchtige Röthe über ihre Wangen flog. »Es ist gut, daß er kommt. Ich habe Manches mit ihm zu reden.«

Ein bittender Blick auf die Mutter sagte dieser, daß sie allein mit ihm zu sein wünschte. Auch der Doctor hatte den Blick verstanden. Er bot der Forsträthin, welche einen Augenblick zögerte, den Arm und führte sie in das andere Zimmer. Der Hofrath folgte.

Der junge Mann öffnete die Thüre und blieb, von innerer Bewegung überwältigt, einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Lydia hatte sich erhoben. Im entscheidenden Augenblicke war ihre volle Besonnenheit zurückgekehrt.

»Du hast Dich geschlagen, Arthur« – sagte sie, einen Sessel neben das Sopha stellend, indem sie ihn einlud, sich zu setzen. Jetzt erst sah sie die Verstörtheit in seinen Zügen. Wieder durchflog eine Ahnung von einem großen Unglücke, wovon sie sich keine Rechenschaft geben konnte, ihre Seele.

»Sag' mir, Arthur,« bat sie mit sanftem Ton, indem sie seine Hand ergriff, die eiskalt war, »warum?«

»Du weißt also Alles?« – fragte er mit zu Boden geschlagenen Augen.

»Nichts weiß ich, Arthur, und würde auch nichts haben wissen wollen, als was Du mir sagen konntest. Nicht wahr, Du wirst mir Alles erzählen, Alles aufklären? Ein Paar Worte werden genügen, um mich zu beruhigen.«

»Lydia, ich bin dieses Vertrauens nicht werth. – Verzeihung,« stammelte er, indem er vor ihr auf die Kniee sank und die Hände Lydiens mit Thränen und Küssen bedeckte.

»Was soll ich Dir verzeihen?« – sagte sie bebend, indem sie unmuthig ihre Hand zurück zog. Diese Sprache erschien in ihren Augen, wenn nicht als Zeichen eines Schuldbewußtseins, so doch der Unmännlichkeit.

Er sprang auf. »Nein, Du kannst mir nicht verzeihen. Ich fühle es – Lebe wohl, Lydia.« –

»Bleib' Arthur!« – rief das arme Mädchen, deren Angst zunahm. »Beruhige Dich doch! Was ist denn Grausiges geschehen, daß Du es mir nicht sagen kannst. – Hast Du ihn getödtet?« – fragte sie mit bebender Stimme.

»O, hätte ich« – Er sprach nicht aus. Aber der Ausdruck von Unmuth, welcher plötzlich über sein Gesicht flog, ergänzte das Uebrige. – Lydia schauderte, denn sie dachte an den Edelmuth seines Gegners.

Eine ungewohnte Kälte zog durch ihre Brust. Sie, die so warm und innig mit jedem Menschen empfand, fühlte mit einem Male die Möglichkeit, daß sie hassen könnte. Stolz und fremd war ihr Ton, als sie mit entschiedener Ruhe sagte:

»Noch einmal, Arthur, frage ich Dich, ob Du mir den Grund sagen willst?«

»Ich habe Dich hintergangen« – erwiederte er, wie von unsichtbaren Gewalten gezwungen, mit tonloser Stimme. »Ich habe Deine Liebe zu mir entheiligt.«

Lydia fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Einen Augenblick schwankte sie.

»Unsere Freuden sind wie die Stäubchen, die von den Rädern des Lebenswagens fliegen, um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln« – sprach sie leise vor sich hin, indem eine Thräne in ihrem Auge glänzte.

»Verzeihung, Lydia, Verzeihung!« – rief Berger mit flehender, gebrochener Stimme, indem er abermals zu ihren Füßen sank und ihre Kniee umklammerte.

Dies gab dem jungen Mädchen ihre ganze Kraft zurück. Sich losreißend und vom Sopha aufspringend, trat sie einen Schritt zurück. Eine dunkle Röthe bedeckte Stirn und Wangen; als sie, sich hoch aufrichtend, mit fester Stimme zu dem Unglücklichen sprach: »Mein Herr, wir haben hinfort Nichts mehr mit einander zu thun.«

Berger wurde durch die Kälte in dem Ton Lydiens noch mehr, als durch die Worte vernichtet. Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht. Vergeblich rang er nach Worten. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut wurde hörbar. Als könne er den Anblick Lydiens nicht mehr ertragen, stürzte er aus dem Zimmer.

Die Forsträthin trat, besorgt über die plötzliche Stille, hinein. Der Hofrath und der Doctor folgten. Lydia war noch in derselben stolzen Stellung, den großen kalten Blick auf die Thüre gerichtet. Als sie aber den ersten Laut ihrer geliebten Mutter hörte, knickte sie zusammen. Ein Thränenstrom entstürzte ihren Augen. Stumm sank sie an die mütterliche Brust.

»Beruhige Dich, mein theures, mein geliebtes Kind« – sagte diese, das junge Mädchen nach dem Sopha geleitend. Dem Jünger Aeskulaps, welcher das ganze Gespräch mit angehört, standen die Thränen in den Augen. »Ein merkwürdiges Mädchen« – bemerkte er, den Kopf schüttelnd, indem er näher trat. »Lassen Sie sie nur weinen« – fuhr er laut zur Forsträthin gewendet fort. »Das erleichtert ihre Brust. – Kommen Sie, Verehrtester, begleiten Sie mich zu meinem neuen Patienten. Ein merkwürdiger Mensch – der! – ein höchst merkwürdiger Mensch!« Er nahm den Hofrath ohne Weiteres beim Arm und wollte ihn mit sich fortführen.

Lydia machte eine Bewegung, als wollte sie sprechen. Der Arzt wandte sich wieder zurück.

»Ist er verwundet?« – fragte sie leise. Der Doctor verstand sie wohl.

»Allerdings. Ich werde meine Noth mit ihm haben. – Das heißt« – verbesserte er sich, da er Lydiens Bewegung wahrnahm – »die Wunde ist nicht gefährlich, kaum eine Wunde zu nennen. Eine Schramme, weiter nichts, aber am rechten Arm, das ist freilich fatal. Aber wenn er sich hübsch ruhig hält, ein Paar Tage, nicht länger. – Nun, kommen Sie, Freund, ich versichere Sie, ein höchst merkwürdiger Mensch. Es thut mir wahrhaftig leid, daß die Kur so kurz sein wird. Ah, bah, wenn er aufhört, mein Patient zu sein, ist er unterdeß mein Freund geworden. Da wette ich Zehn gegen Eins.«

Auf diese Weise schwatzte der Mann fort, bis Beide in's Zimmer des Barons traten. Sie fanden ihn auf dem Sopha sitzen, den verwundeten Arm in der Binde.

»Nun?« – fragte Langhals, dies war, wie durch einen ironischen Zufall, der Name des kugelrunden Doctors – »wie stehts? Sind wir hübsch munter. – Merkwürdiges Mädchen! – Was sagen Sie dazu, Hofrath?«

»Wer ist ein merkwürdiges Mädchen?« – fragte Landsfeld.

»Wer wird's sein, als die kleine Lydia« – fuhr der redselige Doctor fort, der erfreut über die Frage des Barons war, weil sie ihm Gelegenheit zum Antworten gab. »Eine Freude war's, wie sie den winselnden Jungen zu ihren Füßen – hm, ja so. Sie haben Recht, Hofrath, das gehört nicht hieher.«

Die plötzliche Unterbrechung hatte ihren Grund darin, daß der Hofrath, aus Furcht vor der Indiscretion des Doctors, ihn leise am Rockschoß gezupft hatte, um ihn zum Schweigen zu bewegen. Indeß konnte er ihn doch nicht davon abhalten, das Resultat der Reflexionen und Bemerkungen, die er in Begriff gewesen war, von sich zu geben, mitzutheilen, was er mit den Worten that: »Na, der wagt auch nicht mehr, den Fuß auf ihre Schwelle zu setzen.«

Ein Lächeln der Siegerfreude flog über das Gesicht des Barons.

»Ich bitte Sie, meine Herren, der Frau von Dornthal nebst ihrer Fräulein Tochter meinen innigsten Kummer darüber mitzutheilen, ihnen so viel Sorge und Unruhe verursacht zu haben. Sobald ich es im Stande bin, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie persönlich deshalb um Verzeihung zu bitten.«

»Gut« – sagte Langhals. »Sie werden wissen, was Sie zu thun haben. Aber der Berger macht mir Sorgen« – wandte er sich zum Hofrath. »Ich dächte, wir suchten ihn auf. Er wird am Ende sonst des Teufels ganz und gar. – Nachmittag bin ich wieder hier, lieber Baron. Leben Sie wohl.«

Arm in Arm schritten die beiden Freunde zur Thüre hinaus.

Die kurze, runde Figur des Doctors nahm sich neben dem langen, hagern Hofrath so eigenthümlich aus, daß Landsfeld sich eines Lachens nicht erwehren konnte.

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