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Luise Aston: Lydia - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Viertes Kapitel

Als Alice von Rosen nach dem früher geschilderten Gespräch mit dem Baron in jener Nacht in ihre Wohnung zurückgekehrt war, warf sie hastig die Männerkleidung von sich und rief ihrem Mädchen.

»War Jemand hier, Marie?« –

»Nein, gnädige Frau« – antwortete das junge Mädchen, indem sie ihrer Herrin das Nachtkleid überwarf.

»Desto besser« – sagte Alice zu sich selbst. – »Bringe mir ein Glas recht kühles Wasser und eine Cigarre, dann kannst Du zu Bett gehen.«

Als sie allein war, ging sie mit schnellen, aber ungleichen Schritten im Zimmer auf und nieder. Die düster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf die Wand, an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr.

»Sollte ich mich diesmal getäuscht haben« – sprach sie vor sich hin. – »Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen können? Es darf nicht sein! – O, verschmäht, verschmäht von ihm! Jetzt fühl' ich, was es heißt, den Strom der Sehnsucht zur Umkehr nach der Quelle zu zwingen. –

Er war kalt, kalt wie Eis. Er kann kein Herz haben, dieser Mann – Herz?« – Sie lächelte bitter. »Hab' ich denn ein Herz? – Aber Du täuschest Dich, Richard, wenn Du meinst, daß ich den Kampf schon aufgegeben.« – Sie richtete sich stolz auf bei diesen Worten. Ihre Augen blitzten und eine flammende Röthe bedeckte ihr Gesicht. – Nach einer Pause, in der sie einigemal durch das Zimmer geschritten war, blieb sie plötzlich stehen, als hätte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregt. »Es ist Berger« – sagte sie langsam, indem eine Falte des Unmuths auf ihre Stirn sich lagerte. »Du wählst eine unpassende Zeit, lieber Freund.«

Sie warf sich, wie in dumpfer Resignation, auf das Sopha und bedeckte die Stirn mit der Hand.

Berger öffnete leise die Thür. Er sah blaß und niedergeschlagen aus. Erstaunt blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen, als Alice ihm nicht entgegen kam.

»Bist Du krank, theure Alice?« – fragte er besorgt, indem er näher trat. »Dein Gesicht ist erhitzt, Dein Puls fliegt. Was fehlt Dir? Sprich. O, sprich doch!« bat er ängstlich, indem er auf das zu ihren Füßen stehende Tabouret niederkniete und ihre Hand von der heißen Stirn halb mit Gewalt niederzog und sie mit Küssen bedeckte.

»Es ist nichts, Arthur; beruhige Dich. Ein wenig Kopfschmerz – die Aufregung vom Morgen.« Sie machte eine Anstrengung, um die verlorene Besonnenheit wieder zu erlangen. – »Weißt Du, was ich in Deiner Abwesenheit gethan?« fragte sie plötzlich mit heiterem Ton. »Ich habe Cornelien gefordert.« Sie fing an zu lachen.

»Du hast sie wirklich gefordert? Und darüber lachst Du?«

»Warum soll ich nicht darüber lachen? Ich freue mich schon im Voraus auf einen Gang mit ihr. Uebrigens führt sie eine gute Klinge und ist fürchterlich erbittert auf mich. Ach, wenn wir nur erst auf der Mensur ständen« – fügte Alice mit der gewöhnlichen melancholischen Weichheit im Ton hinzu, den ihre Stimme gerade dann am meisten annahm, wenn der Inhalt ihrer Worte ganz entgegengesetzter Natur war.

»Du bist ein Heldenweib, Alice!« – sagte Berger, mit einer Art von schwärmerischer Andacht zu ihr aufblickend. »So groß, so herrlich, wie nie ein Weib auf Erden war. Wie bin ich stolz auf Deine Liebe. Nicht wahr, Du liebst mich, Alice? O, sage es mir, daß Du mich liebst, denn ohne Deine Liebe bin ich nichts mehr. An sie glaube ich, denn sie ist meine Seligkeit, meine Ewigkeit, meine Religion. – Alice, ich liebe Dich unaussprechlich!«

Er verbarg seinen Kopf in ihrem Schooße. Alice sah mit einer Mischung von Freude und Mitleid auf ihn herab, wie man auf ein gutes Kind herabsieht. Unmerklich schweiften ihre Gedanken zu Landsfeld; sie verglich seine Kälte und Zurückhaltung mit der tiefen Wärme und Hingebung Bergers. Wunderbar. Ein Gefühl von Haß und Verachtung durchzuckte ihre Seele, aber dieser Haß traf nicht den, der sie gekränkt, sondern den hingebenden, in Liebe für sie aufgehenden Schwärmer, der zu ihren Füßen lag.

Als Berger wieder aufsah, fuhr er erschreckt empor über den Ausdruck von unheimlicher Kälte in ihren Zügen.

Er erblaßte.

»Laß mich« – sagte sie halb abgewandt und sich aufrichtend. »Ich bin erschöpft. – In einigen Stunden gehen wir auf die Berge. Du wirst mich abholen, Arthur, nicht wahr?« Sie zwang ihre Stimme zu einem freundlichen Accente. »Um fünf Uhr werde ich bereit sein. Und jetzt ist schon die zweite Stunde nach Mitternacht vorüber. Laß uns scheiden, Arthur, wir bedürfen Beide noch der Ruhe.«

»Wir bedürfen Beide noch der Ruhe« – wiederholte er mit tonloser Stimme. »Du hast Recht, Alice. Ruhe! O, wer zur Ruhe käme! – Wohl« – sagte er dann mit stiller Resignation. »In drei Stunden werde ich bei Dir sein. Lebe wohl.«

Er sprang auf und wollte forteilen.

»Arthur!« – rief Alice, die über seinen tiefen Schmerz bekümmert war. Sie breitete die Arme nach ihm aus. Weinend stürzte er hinein. Sie drückte einen heißen Kuß auf seinen Mund.

Da brach seine ganze bisher verhaltene Ruhe in lichte Flammen aus. Mit starkem Arm umfaßte er sie. Sein Athem glühte, sein Blut stürmte durch die Adern. Immer fester umschlangen sie seine Arme, immer glühender brannten seine Küsse auf ihren Wangen, auf ihrem Halse, auf ihrem Busen.

»Arthur!« – zürnte sie, heftig gegen seine Leidenschaftlichkeit ankämpfend. »Bist Du so wenig Mann, so wenig Herr Deiner Gefühle, daß Du Dich nicht beherrschen kannst, wenn ich Dich um Schonung bitte. – Arthur, ich bitte Dich, laß ab – laß ab – zwinge mich nicht, Dich zu verachten.« Sie sprang auf und winkte ihm, wie zum Abschiede. – Er stürzte hinaus.

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