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Luise Aston: Lydia - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Dreizehntes Kapitel

Wieder waren mehrere Monate vergangen. Lydia hatte indeß die langwierige Krankheit überstanden, welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter, der ihr nicht verheimlicht werden konnte, eine gefährliche Höhe erreicht hatte. Der Winter hatte bereits den milden Lüften des erwachenden Frühlings weichen müssen. Draußen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft, während auf den Straßen Berlins die weiße reinliche Schneedecke mit ihrem Schlittengeläute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammüberzug, in dem sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten, ersetzt worden war.

Als Lydia sich stark genug fühlte, bezog Landsfeld auf Anrathen des Arztes mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schönberg, das sie am Ende des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte. Die frische Luft, so wie der wohlthätige Einfluß, den die Natur besonders im beginnenden Frühlinge auf jedes kranke Gemüth und jeden leidenden Körper ausübt, stärkten auch Lydia sichtlich von Tage zu Tage. Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf, wenn sie das früher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat, aber ihre Thränen flossen sanfter und ihr Schmerz verlor allmählig an Herbe und Schärfe. Landsfeld widmete sich ihr ganz. Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemüths ganz kennen gelernt, weihte er ihr seine volle Liebe. Ueber jene Scene in Potsdam hatte er noch nicht mit ihr gesprochen, theils weil er glaubte, daß die Aufregung, in die sie dadurch nothwendigerweise gesetzt würde, bei ihrem noch nicht ganz befestigten Gesundheitszustande gefährlich sein könnte, theils weil er voraussah, daß die Erklärung jener Auftritte andere Erklärungen aus seinem eigenen Leben und über seine eigene Stellung zu ihr herbeiführen müßten, an die er jetzt nur mit einem innern Zagen dachte. Denn er fühlte wohl, daß dieser Punkt ein Wendepunkt in seinem Verhältniß zu Lydia, und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben werden mußte.

Vielleicht hätte er noch länger geschwiegen, obwohl er fühlte, daß jede Verzögerung hierin die Schwierigkeit, diesen von ihm selbst geschürzten Knoten zu lösen, nur vergrößerte, ja am Ende eine friedliche Lösung desselben gar unmöglich machte, wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre, der ihn halb wider Willen dazu zwang, den Versuch der Lösung zu wagen, wenn er der Gefahr eines gewaltsamen Zerreißens vorbeugen wollte.

Gegen Ende des Maimonats war ihre Freundin Therese in Begleitung ihres Gemahls von Potsdam zum Besuche herübergekommen, um sich nach langer Trennung persönlich von dem Befinden ihrer Jugendfreundin zu überzeugen. Es war natürlich, daß Lydia jener unglücklichen Fahrt nach Potsdam gegen Niemand, am wenigsten aber gegen die schuldlose Theilnehmerin an jenem Complott, die leiseste Erwähnung gethan hatte, und auch fest entschlossen war, darüber zu schweigen. Indessen konnte sie die tiefe Aufregung, in die sie durch den Anblick Theresens gesetzt wurde, weil ihr plötzlich jene Scene lebendiger in die Erinnerung zurückkehrte, vor den Blicken der Freundin schwer verbergen. Therese deutete aber den halb traurigen, halb forschenden Blick, den Lydia auf sie warf, ganz anders. Sie erwartete in zwei Monaten ihre Niederkunft und glaubte daher den schmerzlichen Ausdruck im Auge Lydiens aus dem Umstande erklären zu müssen, daß sie selbst sich dieser Hoffnung noch nicht hingeben köne. Mit jener offnen, fast rücksichtslosen Herzlichkeit, die bei gutmüthigen Naturen nicht selten mit einem Mangel an Zartgefühl verbunden ist, suchte sie daher, sobald die beiden Frauen allein waren, das Gespräch auf diesen Gegenstand hinzulenken, um einen in ihrem Sinne wohlgemeinten Trost zu spenden. Da Lydia nicht blos von ganz anderen Gedanken erfüllt war, sondern auch jene Veränderung an ihrer Freundin, wie diese mit Bestimmtheit voraussetzte, gar nicht bemerkt hatte, so konnte sie anfangs ihre Andeutungen gar nicht verstehen, trotzdem, daß sie ziemlich unverholen und ungeschminkt waren. Lydiens Erstaunen rief Seitens Theresens eine nicht minder große Veränderung hervor, bis die Letztere endlich, nachdem alle ihre Mühe, sich deutlich zu machen, an der vollkommenen Unwissenheit Lydiens gescheitert war, begriff, daß das, was sie ehemals für bloße »Prüderie« – gehalten hatte, wirkliche baare Wahrheit war. Ihr Schreck, ja ihr Zorn gegen Landsfeld erreichte, als ihr über das eigentliche Verhältniß zwischen den Gatten kein Zweifel mehr übrig blieb, einen so hohen Grad, daß sie, jede Rücksicht vergessend, nicht nur in laute Vorwürfe gegen ihn ausbrach, die Lydia zuerst mit Befremdung anhörte, dann aber mit Entrüstung zurückwies, weil sie sich selbst in der Seele ihres Gemahls beleidigt und gekränkt fühlte, sondern auch, um ihre Heftigkeit selbst zu rechtfertigen, es unternahm, in kurzen, aber nicht mißzuverstehenden Worten den Schleier herabzureißen, der bisher Lydiens kindlichen Sinn bedeckt hatte.

Aber Lydia war weit entfernt davon, Alles, was sie eben gehört, für Wahrheit zu halten, theils weil die Weise, in der es ihr vorgestellt wurde, ihr reines Gefühl zu sehr beleidigte, theils weil, wäre es ihr auch in ,anderer zarterer Weise dargelegt worden, sie nie hätte glauben können, daß Richard, ihr Richard, dem sie sich mit so grenzenlosem Vertrauen hingegeben, wirklich so hätte handeln können, wie es ihre indiskrete Freundin sie glauben machen wollte.

Mit vor edlem Zorn hochroth gefärbten Wangen sprang sie von der Bank auf, auf der sie neben Theresen auf dem Balkon gesessen hatte.

»Schweige, ich bitte Dich ernstlich und zum letzten Male« – rief sie. »Willst Du, daß unsere Freundschaft bestehen soll, so darf ich nie wieder ein derartiges Wort von Dir hören, Therese!«

»Armes verblendetes Kind« – entgegnete diese, sie mitleidsvoll betrachtend. – »Doch ich will schweigen, wenn Du es verlangst. Denn Du hast vielleicht jetzt mehr als je meine Freundschaft nöthig. Aber –« In diesem Augenblicke kehrten die Männer aus dem Garten zurück. Als Landsfeld näher getreten war, bemerkte er die tiefe Verwirrung in Lydiens Zügen. Wie von einer Ahnung der Wahrheit durchbebt, erbleichte er. Ein zweiter Blick auf Therese sagte ihm deutlich, daß er sich nicht geirrt. Seine eigene Unvorsichtigkeit, die beiden Frauen allein zu lassen, und die indiskrete Schwatzhaftigkeit Theresens verwünschend, ging er auf Lydia zu, die ihn mit starren, fast zweifelnden Blicken ansah. »Was fehlt Dir, Lydia?« – fragte er, seine Angst niederkämpfend, indem er ihre Hand ergriff, die eiskalt war.

»Laß uns hineingehen, Richard« – sagte sie zitternd. »Es wird schon kühl draußen.«

Es konnte hierin eine indirekte Mahnung an ihre Gäste liegen, daß es Zeit sei, sich zu entfernen. Wenigstens wurden die Worte Lydiens so verstanden. Denn Therese brach augenblicklich auf, um nach Hause zurückzukehren.

Als die beiden Gatten allein waren, herrschte eine lange Pause. Lydia rang vergeblich nach Worten, in denen sie ihr Gefühl hätte ausdrücken können; und Landsfeld wagte es nicht, diesem Gefühle, dessen Grund und Wesen er wohl kannte, Worte zu geben, aus Furcht, daß dadurch Lydiens Schmerz nur vergrößert werden würde, wenn sie sähe, wie gut sie verstanden werde.

Denn wurde sie verstanden, so hatte auch ihre Freundin Recht und dann – sie schwindelte vor dem Abgrunde zurück, der bei dem Gedanken, Landsfeld könnte sich nicht aus Liebe mit ihr verbunden haben, vor ihren Füßen aufgähnte. Um das peinliche Schweigen zu durchbrechen, was wie ein Alp auf ihm lastete, sagte endlich Landsfeld:

»Meine theure Lydia, ich glaube, es wird gut sein, wenn Du Dich bald zur Ruhe legst, Du scheinst sehr angegriffen. Ob es der ungewöhnlich lange Besuch war, der Dich so aufgeregt, oder ob Dich etwas Anderes beunruhigt hat, darüber wollen wir morgen sprechen.« Landsfeld stand bei diesen Worten auf und rief Gertrud, der Lydia auch sogleich fast willenlos in ihr Schlafgemach folgte. Landsfeld ging mit gesenktem Haupte auf und nieder. Bald wollte er Theresen nacheilen, um Sie zu fragen, was sie mit Lydia gesprochen, bald legte er die Hand auf den Griff der Thüre, die zu Lydiens Zimmer führte, um sie aus dieser tiefen Niedergeschlagenheit durch die Versicherung seiner unwandelbaren Liebe herauszureißen und in einer vollständigen innigen Versöhnung jeden Nebel, der sich am Horizonte ihrer gegenseitigen Liebe zu lagern drohte, zu verscheuchen, und die Morgenröthe der vollen ganzen Einheit wahrhafter Gattenliebe heraufzuführen. – Aber dann dachte er sich wieder, wie Lydiens zarte Organisation von langer Krankheit und vielfacher Gemüthsbewegung ohnehin in ihren Grundfesten erschüttert, den plötzlichen Ausbruch voller Leidenschaftlichkeit nicht würde ertragen können, und er trat von der Thüre zurück und schritt von Neuem, sinnend über das Benehmen, das er nunmehr zu beobachten habe, auf und nieder. Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu haben. Er konnte das Bewußtsein, kein beruhigendes Wort gesprochen zu haben, nicht aushalten. Ein solches wollte er, wie der Augenblick es ihm eingeben würde, noch sagen, und das Uebrige auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben. Als er in Lydiens Zimmer trat, fand er sie, den Kopf in die Hand gestützt, nachdenklich auf dem Sopha sitzen. Schweigend setzte er sich neben sie und ergriff ihre Hand.

»Nicht wahr?« – sagte er – »Du hast Vertrauen zu mir, Du glaubst an meine Liebe?«

»Gewiß, gewiß – Richard« – rief sie, ihn umschlingend. »Den Glauben kann mir Niemand rauben, als Du selbst.«

Beruhigter fuhr er fort: »Und hat ihn Dir Jemand zu rauben versucht, Lydia?«

»Sage mir nur Eins, mein Richard – ich frage nur, um mit dem einen Worte, das Du mir sagen wirst, alle die Angst, die mich durchzittert, entschwinden zu machen. Richard, bin ich Deine Gattin, Dein Weib im vollsten Sinne des Worts?«

»Wie kommst Du auf diese Frage?« – fragte er ausweichend.

Sie schüttelte den Kopf, und verbarg das Gesicht in die Hände.

Landsfeld wünschte der Wiederholung jener Frage zuvor zu kommen, da er begreiflicherweise sie weder bejahen, noch verneinen konnte, weil er in dem einen Falle die Schranke zu einer ewigen gemacht, im andern ihr mit einem Worte den Glauben an ihn zerstört hätte. Er umfaßte sie mit tiefer Innigkeit und preßte einen heißen Kuß auf ihre Lippen. »Lydia, konntest Du je an meiner Liebe zweifeln?«

»Verzeih, verzeih, Richard!«

»Als ich Dich kennen lernte, Lydia« – fuhr er fort, da er jetzt die Unmöglichkeit einsah, die Erklärung, welche er ihr nothwendigerweise einmal geben mußte, aufzuschieben, um jenen Zweifel ganz zu ersticken. – »Als ich Dich kennen lernte, hatte ich den Glauben an weibliche Reinheit und Liebe verloren. Ich war in meinen liebsten Hoffnungen getäuscht, in meinen theuersten Wünschen betrogen und alle meine Ideale hatten sich als leere Schattenbilder erwiesen. Da sah ich Dich – und – verzeih' mir, denn jene Zeit des Zweifels liegt jetzt hinter mir – wollte mich überreden, daß auch Du vielleicht nur ein Scheinideal seiest, das mich in neue Träume von Glück einzuwiegen mir erschienen war. Da schwur ich, Lydia, nicht eher an Dich zu glauben, nicht eher meiner bereits erwachten Neigung zu Dir mich ganz zu überlassen, als bis ich eine feste unumstößliche Ueberzeugung von der Wirklichkeit, von der Wahrheit Deiner idealen Erscheinung gewonnen hätte.«

Er schwieg.

Lydia hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, denn Landsfeld hatte sich über sein Inneres, über die Kämpfe, die früher darin getobt hatten, nie gegen sie so aufrichtig und klar geäußert.

»Du warst wohl recht unglücklich damals, Richard« – sagte sie liebevoll.

»Sehr unglücklich, ja, das war ich – ja, ich bin es theilweise noch. Denn – mißdeute mich nicht, – ich habe ein Unrecht gegen Dich, oder vielmehr gegen mich zu büßen; dies Unrecht war, daß ich mich gegen jene Ueberzeugung zu lange gesträubt habe, daß ich fast aus Furcht, mein Ideal wieder zu verlieren, dagegen angekämpft habe; dies Unrecht lastet auf meiner Seele und läßt mich noch heute mein Glück nicht vollständig genießen.«

Das schwere Wort war gesprochen. Ob es verstanden war, das war eine andere Frage. Seine angstvollen Blicke ruhten auf dem Gesicht Lydiens, die über den Sinn seiner Rede nachzudenken schien.

»Aber als Du nun jene Ueberzeugung erlangt hattest, Richard, da sträubtest Du Dich doch nicht mehr gegen sie? Wie hättest Du sonst Dich entschließen können, Dich mit mir zu verbinden, wenn nicht jene Ueberzeugung in Dir schon feste Wurzel geschlagen?«

Diese, den eigentlichen Kern der Immoralität ihrer bisherigen Ehe berührende Reflexion, welche unmittelbar aus Lydiens reinem natürlichen Gefühl stammte, machte Landsfeld zittern. Gerade diesen Punkt war er zu verdecken bemüht gewesen, und nun wurde er mit Gewalt zur Entscheidung getrieben. Jetzt blieb ihr nur noch ein Ausweg, um zum Ziele zu kommen, und das war gerade jener, den er am meisten gescheut hatte: der Weg der Leidenschaft.

»Lydia« – rief er, aus tiefster Brust aufathmend, indem er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute. Seine Stimme versagte ihm fast, als er, halb vor Verzweiflung, halb aus wirklicher, tiefer, überströmender Liebe, endlich in die Worte ausbrach: »Du weißt nicht, wie unendlich, wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist.«

Der zitternde Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden, setzte ihre Seele in eine Schwingung, der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war; sie stieß einen leisen aber tiefen Seufzer aus, in dem sich ihre ganze noch nicht überwundene Beklemmung verhauchte. Ihr schöner Kopf sank auf die Sophalehne herab und ein überaus seelenvolles Lächeln umspielte ihren reizenden Mund. Landsfeld beugte sich über sie und küßte ihre Augen, die sie geschlossen, als wolle sie einen entzückenden Traum, in den sie durch Landsfelds Wort und Blick versenkt war, festhalten. Ihre Wangen, noch kurz zuvor so bleich, färbten sich unter seinen Küssen tiefer und tiefer, die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in ihrer Brust entzündeten. Landsfeld selbst war von seiner Empfindung übermannt; er fühlte es, daß der Augenblick kommen werde, in dem seine Willenskraft vor der Gewalt der Leidenschaft werde ohnmächtig zusammensinken. Zagend davor, und sich doch danach sehnend, schwankte er einige Minuten zwischen glühendem Verlangen und zitterndem Bangen hin und her, indem er, bald kühner werdend, Lydiens sich an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte, bald, wie vor seiner eigenen Kühnheit erbebend, die sie umschlingenden Arme sinken ließ. Als er aber sah, daß in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut, die wie ein Lavastrom durch seine Adern rollte, gefallen war, der, weiter und weiter glimmend, bald in leuchtende Flammen ausbrechen mußte, so setzte er, jede Bangigkeit und Unentschiedenheit vergessend, dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen Damm mehr entgegen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure, ihr ganzes Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschütternde Umwandlung vor, indem plötzlich die Erinnerung an jene furchtbare Scene mit Berger in ihr auftauchte. Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrösteln ihre Glieder, als der Gedanke in ihr lebendig wurde, daß – Therese Recht gehabt habe. Ihr Herz durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit, die sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte. »Er hat Dich nicht geliebt« – so tönte es wieder und immer wieder in ihrer Seele. »Du bist Ihm nichts gewesen als eine Puppe, mit der er gespielt, als ein Instrument, mit dem er kalte und berechnende Versuche angestellt.« Sie fühlte sich erniedrigt, gedemüthigt, bis im innersten Lebenskeime verwundet, und das unnennbare Weh' betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust. Hätte sie die physische Kraft gehabt, so würde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft Fortgerissenen von sich gestoßen haben. Aber sie vermochte es nicht. Ihr weiblicher Zartsinn war empört über seine Angriffe, ihr edler Stolz krümmte sich wie ein ohnmächtiger Wurm unter der grausamen Hand, die den Schleier von dem Allerheiligsten ihrer Jungfräulichkeit zerriß: aber sie vermochte es nicht, ihm den geringsten Widerstand zu leisten. Wie der Ertrinkende im Todeskampfe vergeblich die Hände emporstreckt, so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat, aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemächtigt, wenn die Gewißheit, keinen Boden mehr unter seinen Füßen und keinen Strohhalm zum Anklammern zu haben, seinen Geist überwältigt und vernichtet, so kämpfte sich auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das blinde Verlangen ungezähmter Leidenschaft in ihr durch – bis zum Wahnsinn.

Hätte sie widerstehen können, wäre ihr Stolz hinlänglich durch ihre physische Kraft unterstützt worden, um seine Empörung wenn auch nur durch den Versuch eines Widerstandes bethätigen zu können, dann würde ihre verrathene Liebe sie vielleicht einem frühen Tode zugeführt haben. Aber da Landsfeld, theils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war, theils weil Lydia seinem Ungestüm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte, besonders aber durch ihre anfängliche Hingebung getäuscht jene entsetzliche Umwälzung in ihr gar nicht bemerkte, vielmehr in ihrer jetzigen, an Apathie grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzückens zu sehen glaubte: Jetzt mußte ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen. Es war ein furchtbarer Augenblick. – Ein vierfacher Mord: – an ihrer Unschuld – ihrer Liebe – ihrem Stolze – ihrer Vernunft. Die vier Elemente ihrer innern Welt, sie zerfielen mit einem Schlage in Trümmer und der Genius ihrer reinen Seele löschte klagend die Fackel in seinen Thränen.

Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend, den Kopf erhob und sein liebender Blick den ihrigen suchte, war er durch die fahle Blässe und ausdruckslose Schlaffheit ihrer Züge überrascht. Ihr Auge war weit geöffnet, aber ohne lebendigen Glanz, ohne jene Bestimmtheit der Richtung und Sehweite, welche man Blick nennt, starrte es empfindungs- und gedankenlos in ein leeres Nichts. – »Lydia« – sagte er sanft und innig. Sie hörte nicht – »Lydia« wiederholte er ängstlich flehend. – Vergebens. Dieser Ton, der sie einst aus der tiefen Bewußtlosigkeit geweckt, in welche sie Angst und Abscheu in den Armen Bergers versenkt hatte, er hatte seine Zauberkraft auf immer für sie verloren. Landsfeld sprang auf – sie rührte sich nicht. Da zuckte plötzlich der Gedanke ihres Todes durch seine Seele. »Ruhig« – sagte er leise zu sich selbst – »sie wird erwachen, sie muß erwachen – solch überteuflischer Gedanke kann in keiner Hölle erfunden werden.« Er stand vor ihr, den kalten, sinnenden Blick auf sie gerichtet. Es war einer jener Augenblicke, in denen der Gedanke an die Möglichkeit einer ungeheuren That jede Empfindung, jede Bewegung des Innern in der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslöscht. Er durfte nur die Hand auf das Herz legen, um sich davon zu überzeugen, ob sie lebe. Aber er that es nicht. Er klammerte sich an die in jeder Möglichkeit liegende Hoffnung vom Gegentheil an, denn er fühlte, daß er jetzt nicht die Kraft habe, diese Hoffnung vor seinen Augen in Nebel zerfließen zu sehen.

»Schrecklich wär's« – fügte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach einer Pause hinzu, »in dem Moment, wo das Glück beginnen soll, den Tod im Arm zu halten. Ich will Wahrheit« – schrie er, den Arm ausstreckend – sein Finger zuckte – mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens – – –

Da erhob sich Lydia. Als hätte er einen Geist erblickt, so trat Landsfeld einen Schritt zurück, denn Lydia war aufgestanden und schritt, ohne Landsfeld anzublicken, auf die Thüre zu. –

»Lydia« – rief er. Sie zuckte einen Augenblick zusammen, aber sie ging weiter. Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen. Ein herzzerreißender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und löste sich endlich, als Landsfeld sie noch heftiger umfaßte, in lautes Schluchzen auf. »Mutter, Mutter« – rief sie mit einer Stimme, die die höchste Angst ausdrückte – »Hülfe« –

Gertrud, die den ängstlichen Hülferuf gehört hatte, eilte vor Schrecken bleich herzu. Mit übermenschlicher Kraft riß sich Lydia aus der Umschlingung Landsfelds und stürzte in die Arme ihrer alten Amme. »Mutter« – rief sie weinend, indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte – »rette, rette mich vor ihm!«

Jetzt faßte Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager zurück. Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt, um den Arzt herauszuholen.

Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder Bewegung, jedem Athemzuge der Unglücklichen gelauscht. Was in dieser Stunde in seiner Seele vorging, welche Angst, welche Ahnungen in ihm stürmten, kann man nicht in Worten ausdrücken. Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer Ohnmacht erwacht. Mit aufmerksamen, aber wirren Blicken betrachtete sie den noch immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden, dann stieß sie abermals jenen dumpfen, erschütternden Schrei aus. Sie wollte aufspringen, und verlangte, als sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Kräfte daran verhindert wurde – immer wieder nach ihrer Mutter.

Während eines solchen Kampfes war es, als der Arzt eintrat. Sobald sie ihn erblickt hatte, stürzte sie auf ihn zu, und rief ihm flüsternd und geheimnißvoll ins Ohr: »Er hat mich nie geliebt. – Ich bin entehrt.«

Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hände, und sank verzweiflungsvoll auf einen Stuhl.

Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betäubung. »Sie armer Mann!« – sagte der Arzt, »Ihre Frau ist wahnsinnig.« –

Lautlos stürzte Landsfeld zu Boden.

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