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Luise Aston: Lydia - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Eilftes Kapitel

»Ich habe der Gesellschaft eine kostbare Ueberraschung bereitet« – sagte der Major von Maienberg, in dessen Wäldern die Jagd stattfinden sollte, zu dem eben angekommenen Landsfeld. »Ich verlasse mich auf Deine Diskretion, wenn ich Dir das Geheimnis mittheile. – Frau von Rosen« setzte er leise hinzu – »wird an unserer Jagd Theil nehmen. – Sie hat zugesagt und mich wundert nur, daß sie noch nicht hier ist.«

Landsfeld war es nicht unlieb, Alicen, die er lange nicht gesehen, – einmal wieder zu sprechen, und seine Freude, die er über dies »Geheimniß« zu erkennen gab, war diesmal aufrichtig.

»Eure Liaison ist wohl ganz aufgehoben;« – fuhr Jener fort. »Du warst einmal verteufelt vernarrt in sie.«

Landsfeld lachte. »Wir denken Beide an diese Kinderei nicht mehr.«

»Nun, desto unbefangener wird Euer heutiges Zusammentreffen sein.«

Indessen hatten sich die übrigen Theilnehmer an der Jagd nach und nach eingefunden. Nur Alice fehlte noch. Nachdem Herr von Maienberg zwei volle Stunden auf sie gewartet hatte, gab er, an ihrem Kommen überhaupt zweifelnd, das Zeichen zum Aufbruch. Als die Sonne ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte, sammelten sich die Jäger zu einer kurzen Rast auf einem zuvor dazu bestimmten Platze und nahmen ein für die Umstände ziemlich glänzendes Frühstück ein. Nach einigen Minuten hörte man ein deutliches Pferdegetrappel, das sich dem Sammelplatz zu nähern schien.

»Sie ist's« – flüsterte der Major Landsfeld in's Ohr.

Er hatte sich nicht geirrt. Im schwarzen Amazonenkleide, den Hut keck in die Locken gedrückt, sprengte Alice, von einem Reitknecht gefolgt, auf die Gesellschaft zu. Ihr Gesicht glühte und alle ihre Bewegungen verriethen eine ihr sonst ungewöhnliche fieberhafte Hast.

»Ist der Baron von Landsfeld hier?« war ihre erste Frage an Herrn von Maienberg, nachdem sie die erste Begrüßung seitens der Gesellschaft leicht und mit Grazie erwiedert hatte.

»Sehen Sie dort an jenem Baume, Verehrteste. Er ist eben im Begriff aufzusteigen.«

Alice trat rasch auf Landsfeld zu.

»Ich habe Dir einst gesagt, daß ich handeln würde, wenn's Zeit ist, Richard. Die Zeit ist da.«

»Was ist geschehen, sprich!« – fragte er, sich zur Ruhe zwingend.

»Lydia wird oder ist vielleicht schon entführt.«

»Entführt?« – fragte er in einem Tone, als verstünde er die Bedeutung des Worts gar nicht.

»Ja, sie ist durch einen untergeschobenen Brief, der sie zu einer Freundin nach Potsdam einlud, fortgelockt worden.«

Landsfeld schwieg, aber die fahle Blässe, welche sein Gesicht bedeckte, und das Zittern, welches durch seinen ganzen Körper bebte, kündeten hinlänglich seine innere Bewegung an.

»Höre mich ruhig an, Richard« – fuhr Alice fort, »denn nur durch Ruhe ist hier Abhülfe möglich zu machen. Du warst gestern mit Deiner Frau auf der Hochzeit bei Krengs. Dort waren, außer Rebenstocks und andern Bekannten Deiner Frau, auch einige Freundinnen Corneliens, wovon die eine, zuvor instruirt, das Geschäft übernahm, jedes Gespräch Lydiens zu belauschen. So erfuhr Cornelie, daß Du heute auf der Jagd seiest. Schnell wurde in Theresens Namen ein Brief geschrieben, der Lydia nach Potsdam einlud. Sobald sie sich auf die Eisenbahn setzt, folgt ihr Cornelia; am Bahnhofe steht ein Wagen, den sie in der Eigenschaft einer Gesellschafterin der Frau von Rebenstock, als die für sie bestimmte Equipage ausgeben wird, und der sie in eine Wohnung führen wird, wo Berger sie erwartet.«

Landsfeld stieß einen dumpfen Seufzer aus.

»Noch ist nichts verloren, Richard. Jetzt ist es Mittag. Um zwei Uhr kannst Du zu Hause sein. Dann kommst Du noch zur rechten Zeit. Sollte sie jedoch schon fort sein, so komme gleich zurück, dann reiten wir zusammen nach Potsdam; ich habe eine Vermuthung, wo sie dort sein könnte, aber es ist zu weitläufig, jetzt alles Einzelne auseinanderzusetzen. Bist Du in vier Stunden nicht wieder hier, so nehme ich an, daß Du Deine Frau noch getroffen hast. Eile, eile so schnell Du kannst.«

Aber Landsfeld gehorchte nicht. Stumm und mit gebeugtem Haupte stand er neben Alicen. Seine Kraft schien völlig gebrochen.

»Richard« – rief Alice ängstlich – »hörst Du nicht. Deine Frau, Lydia, wird entführt, wenn Du zögerst.« Sie rüttelte ihn am Arme. »Berger« – rief sie ihm in's Ohr.

Als hätte ein Blitz vor ihm in den Boden geschlagen, so fuhr Landsfeld bei diesem Namen in die Höhe. Mit einem Ruck riß er sein erschrecktes Pferd herum, drückte tief die Sporen in seine Weiche, daß es sich zuerst hoch bäumte und sprengte dann in rasender Carriere durch den Wald.

Lange sah ihm Alice nach, ein tiefer Seufzer drängte sich aus ihrer Brust empor. Dann wandte sie ihr Pferd nach der entgegengesetzten Seite und ritt langsam auf der Spur, welche die Jagdgesellschaft auf dem Schnee zurückgelassen hatte, weiter.

Nach drei Stunden schon war Landsfeld zurück. Dieser Zwischenfall wäre von der übrigen Gesellschaft gar nicht bemerkt worden, wenn nicht die furchtbare Veränderung in Landsfelds Zügen und sein schweißtriefendes Pferd Zeugniß abgelegt, daß ihm irgend etwas Bedeutendes zugestoßen sein mußte.

»Was Teufel ist Dir begegnet?« – fragte der Major von Maienberg.

»Nichts« – erwiederte er mit harter heiserer Stimme. Ein ander Mal werde ich Dir ausführlich Rede stehen. Jetzt gieb mir ein frisches Pferd. Das meinige hält sich kaum noch auf den Füßen.

Nachdem Landsfeld die Pferde gewechselt, suchte er Alice auf.

»Ich bin zu spät gekommen. Sie war bereits auf den Bahnhof gefahren, wo ich gerade zur rechten Zeit anlangte, um den Zug abfahren zu sehen. – Jetzt löse Dein Versprechen, Alice.«

»Ich bin bereit« – erwiederte sie, ihre Reitgerte brauchend und ihr Pferd umwendend.

In der ersten halben Stunde wechselten sie kein Wort. Nur das Schnauben der galloppirenden Rosse, so wie der regelmäßige Aufschlag ihrer Hufe auf den harten, nur mit einer dünnen Schneekruste bedeckten Boden unterbrachen die sonst lautlose Stille.

»Wie erfuhrst Du es?« unterbrach endlich Landsfeld das Schweigen.

»Berger war gestern Abend bei mir nebst einigen andern jungen Männern, die ich zum Thee eingeladen, als gegen Mitternacht Cornelie in's Zimmer trat und Berger einen so siegestrunkenen Blick zuwarf, daß ich Verdacht schöpfte, der späterhin noch dadurch verstärkt wurde, daß Beide in eine Fensternische traten und ein eifriges, aber leises Gespräch mit einander führten. Wie ich seinen Inhalt erfahren, Richard, darüber lasse mich schweigen; nur das Eine will ich Dir sagen, daß ich mich diesmal in mehr als einer Rücksicht gedemüthigt, vor Cornelien, vor Berger, am meisten – vor mir selbst.« Alice zitterte, als sie diese Worte sprach, und warf einen trüben Blick zu Landsfeld hinüber. –

»Nur das Eine wußte Berger nicht, wohin Lydia durch Cornelie gebracht werden sollte. Indessen habe ich, wie schon gesagt, eine Vermuthung, die mich diesmal wahrscheinlich nicht täuschen wird. Cornelie hat nämlich eine Cousine in Potsdam, die dort ein einsames Landhaus besitzt, welches ohne Zweifel jetzt leer steht. Dorthin wird sie gebracht sein. Ist dies aber der Fall, dann müssen wir die größte Vorsicht anwenden.«

»Rede nicht von Vorsicht und Klugheit, Alice. Jetzt habe ich nur noch Einen Gedanken, die Nichtswürdigen in meine Gewalt zu bekommen.«

»Wenn's an der Zeit ist, magst Du handeln. Willst Du aber Alarm schlagen und Deine Frau zum Stadtgespräch machen?«

»Wahr, wahr!« – erwiederte Landsfeld.

»Du mußt mich allein gehen lassen. Mich werden sie nicht zurückweisen, theils weil ich einmal um das Geheimniß weiß, theils weil sie mich fürchten.«

Landsfeld reichte Alicen die Hand. »Du bist anders, als ich gedacht habe,« sagte er mit herzlicher, aber gebrochener Stimme.

»Verzeihe mir.« Eine Thräne glänzte in seinem Auge.

Alicens Hand bebte in der seinigen. »Mich frierts« – sagte sie, sie zurückziehend – »laß uns eilen, die Sterne stehen schon am Himmel.«

»O Gott,« rief Landsfeld, »wenn's nur nicht zu spät ist – das arme, arme Mädchen.«

»Mädchen?« – fragte Alice erstaunt. »Von wem sprichst Du?«

»Von meiner Frau« – gab er rasch zur Antwort. »Es ist die gerechte Strafe für meinen Unglauben! – Und doch – es wäre fürchterlich.«

»Besinne Dich, Richard, Du sprichst im Fieber.«

Er schüttelte den Kopf. »Sie ist rein, und unentweiht wie ein ahnungsloses Kind.«

Der Ausdruck der Wahrheit, welcher in diesen Worten lag, erschütterte Alicen auf's tiefste.

»Und der Grund?« – fragte sie.

Er lachte bitter. – »O, der triftigste – ich wollte den Grad ihrer Weiblichkeit kennen lernen.«

Jetzt verstand ihn Alice vollkommen.

Nach einer kurzen Pause sagte sie mit kaltem, ruhigem Ton: »Du bist ein Narr, Richard, ich habe es Dir schon einmal gesagt.«

»Ich weiß es« – erwiederte er in derselben Weise, und schweigend ritten sie weiter.

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