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Luise Aston: Lydia - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Zehntes Kapitel

Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird, desto energischer ist natürlich auch der Enthusiasmus, desto lebendiger das Interesse für dieselbe, aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urtheil über dieselbe. Denn Unpartheilichkeit im Urtheil ist selten ein Beweis von Energie und Interesse, wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen, kraftvollen Charakters ist, und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen solchen vor dem Extrem darin bewahren. Kälte und Klarheit des Urtheils stehen sehr häufig in Wechselbeziehung, daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus dazu, alle Gegenstände, selbst diejenigen, welche uns selbst alteriren könnten, in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten, damit sie nicht verhältnißmäßig zu große Dimensionen annehmen.

Landsfeld war Egoist, aber sein Egoismus war von der Art, daß er den Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte, sondern daß er mit ihm völlig zusammenfloß. Alle Siegeszeichen, die er in dem Kampfe für die Idee erworben, hing er in dem Tempel auf, in welchem sein eigenes Ich als Gott thronte. Seine Schwärmerei für Lydia – denn es war noch bloße Schwärmerei, was ihn zu ihr hinzog, noch keine Liebe – hatte indessen seit jener ersten Nacht nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen, daß er selbst fühlte, wie das Verhältniß, in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt hatte, auf dem Punkte stand, sich umzukehren, so daß nämlich in Kurzem er nicht mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl, sondern vielmehr dieses der Idee zum Opfer darbringen werde: kurz er war auf dem besten Wege, dem Glauben, dem Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen. Von Tage zu Tage wurde sein Benehmen gegen Lydia aufrichtiger, herzlicher und wärmer, obschon er es vermied, Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen. Ja, er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs, wenn er, seinem Plane gemäß, zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ, um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen. Lydia hing mit einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl.

Die völlig inmaterielle Liebe, welche das Wesen dieses unnatürlichen Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte, übte indeß einen Einfluß auf ihr Gemüth aus, der demjenigen aus Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt war. Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus, welche eine natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war, zur Ruhe, zur Einheit mit sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde, versetzte der feine Aether jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel nervöser An- und Abspannung, der zuletzt nachtheilig auf ihre Gesundheit wirkte. Ihre Gesichtsfarbe wurde allmählich bleicher, der frische Glanz ihres schönen Auges schwächer: ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres eigenen Ursprungs unbewußten Schwermuth, die sich in unbewachten Augenblicken zuweilen sogar in Thränen Luft machte.

Frau von Dornthal beunruhigte sich nicht allzusehr über diese Veränderung in Lydiens Wesen, da sie sie aus ganz natürlichen Gründen sich erklärte, und Lydia überdies, wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde, ob sie sich glücklich fühle, stets von Verehrung und Liebe für Landsfeld überströmte. Landsfeld hätte wohl am ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden können, in so fern er darin einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld hätte finden können. Allein er fühlte selber zu sein, um sich nicht sagen zu müssen, daß, wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten dürfte, Lydiens Wesen ein ganz anderes hätte sein müssen. Denn es lag weder unwilliges Erstaunen darin, noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken, wodurch er zu der Vermuthung hätte veranlaßt werden können, sie habe ein klares Bewußtsein, ja nur eine unbestimmte Ahnung über die Art seiner Vernachlässigung. Vielmehr blieb ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und rührende zutrauensvolle Hingebung zu ihm nicht blos gleich, sondern nahm täglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu. Und fragte er sie zuweilen, ob sie sich unwohl fühle, daß sie so bleich und niedergeschlagen aussähe, so pflegte sie nur lächelnd und seufzend zu erwiedern:

»Es muß wohl sein, weil ich Dich zu sehr liebe, Richard. Es ist mir manchmal, als ob diese Liebe von meinem Herzblut sich nähre.« – »Sollte man an Liebe sterben können, Richard?« – fragte sie einmal, statt auf seine Frage zu antworten. »So ist mir zuweilen.«

Landsfeld machte ihr den Vorschlag, häufiger in Gesellschaften zu gehen.

»Vielleicht wird Dich das etwas zerstreuen« meinte er.

Da sie in Alles willigte, was er über sie bestimmte, so hatte sie auch hiergegen Nichts einzuwenden. Aber das Uebel nahm dadurch nur eher zu als ab. Selbst ihre Freundinnen aus der Pension, von denen einige ebenfalls verheirathet, und ein »Haus« machten, konnten in ihr die frühere Sympathie nicht wieder erwecken. Häufig ereignete es sich auch, daß sie Abends, wenn sie mit Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war, noch in sich gekehrter erschien als gewöhnlich. Wenn er sie dann fragte, was der Grund ihrer nachdenklichen Stimmung sei, so antwortete sie entweder ausweichend oder sie bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen.

»Was ist Dir begegnet, Lydia?« – sagte er, in ihr Schlafzimmer tretend, als sie einmal von der glänzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen zurückgekehrt waren. »Du bist heute wieder so einsylbig und niedergeschlagen.«

»Ich weiß es nicht – und suchte eben selbst darüber klar zu werden. – Hilf mir, Richard. Ich verstehe mich selbst nicht mehr und die Andern noch weniger.«

»Die Andern?« – »Ja, ich komme mir zuweilen recht albern vor. Ist denn die Welt eine andere geworden, oder habe ich mich nur so verändert?« –

»Erkläre Dich deutlicher, Lydia. – Ich verstehe Dich nicht.« –

»Das ist's ja eben, was mich drückt. Aber Du, Richard, solltest mich doch eigentlich verstehen.« –

Sie blickte ihm fast bittend in's Auge. Er verstand sie recht gut, aber sie über sich selbst aufzuklären, wagte er kaum noch. Mit einer wahren Angst hatte er schon oft daran gedacht, wie er in der Schranke, die er willkührlich zwischen sich und Lydia gesetzt, sich eine Macht geschaffen, deren Besiegung ihn vielleicht noch größeren inneren Kampf bereiten würde, als ihm ihre Aufstellung gekostet hatte. War er vor drei Monaten – so lange waren sie jetzt verheiratet – in Verlegenheit um die Mittel gewesen, seiner eigenen Leidenschaftlichkeit zu widerstehen, so war er es jetzt vielleicht noch mehr um die Mittel, diesen Widerstand, der für ihn fast zu einem moralischen Zwange geworden war, auf geeignete Weise aufzuheben. Und gerade diese ganze Umkehrung der Verhältnisse hatte seiner allmählig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine Intensität gegeben, die ihm jene Schranke zu einer drückenden Fessel umschuf. Landsfeld war in der That unglücklicher noch als Lydia.

»Sprich, mein theures Kind« – sagte er, sich wie an jenem ersten Abende an sie schmiegend – »sprich, ist Dir irgend etwas aufgefallen heute Abend, hast Du irgend etwas gesehen oder gehört, was Dir ein peinliches Gefühl erregt hätte, oder was Dir auch nur unklar geblieben wäre?«

»Das ist's Richard – ja, unklar geblieben ist mir Manches, schon früher, aber ich habe es immer meiner eigenen Unwissenheit zugeschrieben; und da es meistens Dinge betraf, die ich nicht gut – die ich möglicherweise ganz falsch verstanden – um die ich Dich nicht fragen wollte, aus –«

»Nun? aus ––«

»Aus Furcht, etwas Unpassendes zu sagen, Richard.«

»Daran hast Du unrecht gehandelt, Lydia. – Wie kannst Du so etwas fürchten bei mir? Ich weiß ja, daß Du Vertrauen zu mir hast, nicht wahr?« –

»Unbegrenztes, mein Richard.«

»Nun, also –«

»Heute zum Beispiel – ich sprach mit Theresen über unsere häusliche Einrichtung – Du erinnerst Dich wohl, daß sie ungefähr eben so lange verheirathet ist, als ich, etwas länger noch – da sie jetzt in Potsdam mit ihrem Manne wohnt, so hatte ich sie seitdem nicht gesehen – heute also fragte sie mich, ob – ob – –« sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust.

Landsfeld erschrak. »Es ist die höchste Zeit« – dachte er. – »Wenn eine indiskrete Freundin den Schleier lüftet, den ich selbst noch nicht gehoben, dann ist mein ganzes Werk vernichtet.« –

»Warum solltest Du mir nicht sagen können, was eine Freundin zu Dir zu sagen wagte?« – fragte er laut.

»Mißverstehe mich nicht, Richard; Therese meinte es gewiß nicht böse. – Sie fragte, ob – wir ein und dasselbe Zimmer bewohnten?« – Eine flammende Röthe überdeckte ihr Gesicht, als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese Worte herausgebracht hatte.

Landsfeld athmete etwas freier.

»Und was weiter?« – fragte er mit einem Lächeln, das ihr neuen Muth gab.

»Als ich ihr mein Mißfallen über das Unzarte ihres Benehmens zu erkennen gab, erwiederte sie: das wäre bloße Ziererei und ich thäte gerade so, als ob ich noch ein Mädchen wäre. Das kränkte mich, Richard, da ich nicht begreifen kann, warum eine Frau weniger Zartsinn haben sollte, als ein Mädchen; ich stand auf und verließ Theresen, um mich zu ihrer älteren Schwester zu setzen. – Aber diese war mir gefolgt und trug nun wie zu ihrer eigenen Rechtfertigung unser ganzes Gespräch mit einer mir räthselhaften Unbefangenheit ihrer Schwester vor. Letztere hörte aufmerksam zu und meinte dann, als ich die Wahrheit der Erzählung bestätigt hatte: entweder sei ich selbst ein kleiner Schelm, oder mein Herr Gemahl – wie sie sich ausdrückte – ein großer. – Was sagst Du dazu, Richard?« –

»Sie mag wohl nicht ganz unrecht gehabt haben – doch lasse sie reden und kümmere Dich nicht darum« – setzte er schnell hinzu. – »Sie haben sich wohl nur einen Scherz machen wollen.«

»Das dachte ich auch anfangs, aber ––« Lydiens Stimme drückte von Neuem eine so mädchenhafte Zaghaftigkeit aus, daß Landsfelds Besorgniß wieder rege wurde.

»Noch mehr?« fragte er aufmerksam.

Lydia wollte eben antworten, als sie plötzlich, nach dem Fenster zeigend, ausrief:

»Mein Gott, was ist das? Sollte die Mutter kränker geworden sein? Was bedeutet das Licht auf dem Korridor?«

»Bleibe hier, liebe Lydia« – sagte Landsfeld, sie sanft zurückdrängend, da sie das Zimmer verlassen wollte. »Du bist so leicht bekleidet. Ich werde selbst nachsehen.«

Bei diesen Worten verließ er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab. Am Ende desselben traf er Gertrud, welche eben im Begriff war, das Zimmer der Forsträthin zu öffnen.

»Was giebt's, Gertrud?« fragte er.

»Ach, gnädiger Herr – 's steht gar nicht gut mit der Frau Mutter, glaub' ich.« –

»Still, Gertrud – wir wollen dem Himmel nicht vorgreifen. Und vor allen Dingen lassen Sie meiner Frau nichts von Ihren Befürchtungen merken!« –

»Behüte der Himmel, gnädiger Herr.«

Landsfeld kehrte zu Lydia zurück, die in ängstlicher Spannung am Fenster seiner harrte. Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte, drang er von Neuem in sie, ihre Mittheilungen fortzusetzen.

Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer früheren Stimmung gebracht, als daß sie seiner Bitte mit der nöthigen Unbefangenheit hätte genügen können.

»Morgen« – sagte sie bittend.

»Wie Du willst, liebes Kind. Morgen Abend dann; ich reite schon früh fort und werde nicht zu Tische kommen. Du weißt, daß ich morgen zur Jagd geladen bin.« – Er drückte einen warmen Kuß auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer.

Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gemäß gegen fünf Uhr an die Thüre seines Herrn klopfte, fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem Siegeln eines Briefes beschäftigt.

»Dies Billet« – sagte er – »giebst Du an Gertrud, um es meiner Frau zu überreichen, sobald sie aufgestanden.«

»Sehr wohl, Herr Baron.«

»Jetzt hole mir das Frühstück und dann mach' Dich selbst und die Pferde fertig.«

Als der Diener das Zimmer verlassen, nahm Landsfeld das Licht vom Tische und begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens. Behutsam öffnete er die Thüre und schloß sie eben so. Es rührte sich nichts. Dann stellte er das Licht auf die Console, und verdeckte es durch einen Lichtschirm, um seinen hellen Schein etwas zu dämpfen.

Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin, und versank in eine lange und stumme Betrachtung.

Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein. Ihr linker Arm hing unbedeckt über die Bettlehne heraus, während der andere eine Hand breit unterhalb ihres Busens ruhte. Der kleine weiße Fuß von vollendeter Schönheit hatte die rothseidene Bettdecke von sich gestoßen. – –

Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmuth auf diesen Reizen, ohne daß sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte. Fast schmerzlich war der Ausdruck seines Gesichts, als er, in tiefes Sinnen verloren, vor dem Lager stand. Plötzlich wurde er aufmerksam. Lydia bewegte die Lippen. Er bog sich sanft über sie.

»Richard« – sagte sie leise. – »Geliebter! warum fliehst Du mich?« –

Vielleicht war es nur im Traume, ohne Bezug und deutungslos. Und dennoch veränderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht; ein freudiges Lächeln erheiterte seine düsteren Züge.

»Diese Qual soll enden« – sagte er halblaut theils zu sich, theils zu Lydia. – »Ja, Lydia, ich werde Dich nicht mehr fliehen. Denn ich glaube an Dich mit voller Brust, in tiefster Seele. – Nein, unter diesem schönen Busen kann kein unreiner, kein falscher Gedanke geboren werden.«

Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz gelegt. Sie zuckte einen Augenblick zusammen. Dann zog ein lächelndes Erröthen über ihre Wangen und Lippen.

»Ich wußte es ja« – sprach sie im Schlafe fort – »Du konntest mich nicht verlassen.«

Landsfeld war niedergekniet und drückte einen Kuß auf ihr Herz. Dann stand er leise auf, hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht über den schönen Körper der holden Schläferin. Auch den herabgesunkenen Arm legte er vorsichtig auf die Decke und verließ dann, nachdem er noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt hatte, eben so behutsam, als er gekommen war, das Zimmer. – Rasch verzehrte er sein Frühstück und eilte, als ihn Carl benachrichtigte, daß Alles bereit sei, hinunter. Es war ein kalter, aber heller Dezembermorgen, obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten. Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee, welcher sich über Nacht mit einer leichten, frischen Flockenschicht bedeckt hatte. Er schwang sich auf's Pferd und ritt, gefolgt von seinem Diener, dem Anhaltischen Thore zu.

»Hier ist ein Brief vom gnädigen Herrn, Lydchen« – sagte die alte Gertrud, als sie einige Stunden später in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat, die eben die Augen aufgeschlagen.

»Gieb schnell« – sagte diese, mit der Hand sich über das vom Schlaf geröthete Gesicht fahrend – »was mag er mir schreiben? Er ist wohl schon lange fort, Gertrud?« – fragte sie, mit dem Eröffnen des Briefes beschäftigt.

»Was schreibt er Dir denn, Lydchen?« fragte die neugierige Alte.

»Daß er erst spät wiederkommen werde, wahrscheinlich erst morgen. Ich möchte mich deshalb nicht ängstigen und die Zeit benutzen, einige Besuche zu machen, die ich mir schon lange vorgenommen. Sonst nichts von Bedeutung. Was macht die Mutter, Gertrud? hat sie gut geschlafen? – Ich will gleich hinüber zu ihr. Wir wollen zusammen frühstücken.«

Gegen Mittag, als Lydia mit ihrer Mutter plauderte, trat Gertrud wiederum mit einem Briefe in der Hand, der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet war, herein.

»Er ist von Theresen« – sagte die letztere, zu ihrer Mutter gewendet. Sie durchflog das, wie es schien, eilig geschriebene Blatt und sagte dann: »Sie bittet mich, heute nach Potsdam zu kommen. Sie sei unwohl und sehne sich sehr nach mir. – Was soll ich thun, liebe Mutter? Das geht doch unmöglich; auch habe ich seit gestern alle Lust verloren, unser früheres Freundschaftsbündniß zu erneuern.«

Auf die Frage der Forsträthin, was der Grund dieser plötzlichen Kälte sei, erwiederte Lydia ausweichend und im Allgemeinen, sie habe ihr gar nicht mehr gefallen; denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklärlichen Scheu nicht überwinden, ihrer Mutter das Gespräch mitzutheilen, dessen Anfang sie sogar ihrem Gatten nur mit großer Selbstüberwindung erzählt hatte.

»Glaubst Du denn, daß es Landsfeld nicht angenehm sein würde, wenn Du allein hinführest?« fragte die Forsträthin. »Du kannst ja Gertrud mitnehmen.«

»O, ich fürchte mich nicht, liebe Mutter. Und Richard hat mich ja selbst zu Besuchen aufgefordert. Auch schreibt mir Therese, daß am Bahnhofe ihr Wagen mich erwarten werde, und daß sie darauf rechne, daß ich die Nacht bei ihr bleiben werde. Aber gerade das möchte ich nicht gern.«

»Ich sehe wirklich keinen Grund, warum Du diese freundliche Bitte ablehnen willst, liebes Kind. Ich bin ganz wohl, wie Du siehest, Landsfeld kommt auch erst morgen.« –

»Wahrscheinlich« – verbesserte Lydia.

»Nun, das heißt wohl diesmal so viel als bestimmt. Es ist auch nicht gut möglich, daß er nach einer ermüdenden Jagd noch den weiten Ritt nach Hause macht, und nicht lieber auf dem Gute seines Freundes bleibt, der ihn eingeladen.«

Lydia gab zuletzt der Ueberredungskunst der Mutter nach und fuhr in Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe, ohne eine tief verschleierte und in einen Pelz gehüllte Dame zu bemerken, die ihr mit ängstlicher Sorgfalt auf dem Fuße folgte, und, nachdem der Zug in Potsdam angelangt war, schnell ausstieg und ohne erst zu suchen, auf eine der eleganten Equipagen zuging, welche auf dem Bahnhofe hielten. Sie pochte darauf dreimal an das herabgelassene Seitenfenster des Wagens, worauf es von Innen herabgelassen wurde.

»Ist sie da?« – fragte eine männliche Stimme.

»Ja, – aber nicht allein,« war die Antwort. »Steigen Sie schnell aus.«

»Nicht allein? doch er nicht?«

»Nein, ein altes Weib. – Ich sehe sie eben auf den Perron treten. Beeilen Sie sich!«

Der Mann war indeß ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron vorzufahren, während er selbst, sich tief in den Mantel hüllend, zu Fuß nach der Stadt eilte.

»Habe ich die Ehre zu Frau Baronin von Landsfeld zu reden?« – sagte die Verschleierte, welche selbst den Wagen bestiegen, zu Lydia, die sich nach allen Seiten umsah, um die versprochene Equipage ihrer Freundin zu suchen.

»Allerdings« – erwiederte Lydia. – »Ist dies etwa der für mich bestimmte Wagen von Frau von Rebenstock?«

»Ja wohl« – erwiederte die Erstere. »Frau von Rebenstock läßt sich entschuldigen, daß sie nicht selbst –«

»Ich weiß, sie ist unwohl.«

Arglos stieg sie mit Gertrud in den Wagen, dessen Seitenfenster indeß wieder aufgezogen waren. Die Wagenthüre wurde zugeworfen, und Lydia rollte an der Seite der Verschleierten auf dem unebenen Pflaster Potsdams rasch dahin. Anfangs war's ihr, als hätte sie die allerdings durch den Schleier unkenntlich gemachten Züge der ihr unbekannten Gesellschafterin Theresens – dafür glaubte sie sie halten zu müssen – schon einmal irgendwo gesehen. Da ihre Stimme ihr aber völlig fremd erschien, so glaubte sie, es sei eine Täuschung, deren sie sich durch eine indiskrete Frage nicht versichern wollte.

»Frau von Rebenstock bewohnt also auch im Winter ihr Sommerhaus?« fragte sie, als der Wagen vor einem einzeln stehenden ziemlich eleganten Hause außerhalb des Thores hielt.

»Sie liebt die Einsamkeit, gnädige Frau« – erwiederte die Gesellschafterin, indem sie Lydia beim Aussteigen behülflich war, ironisch, was Jener nicht entging. »Erlauben Sie, daß ich vorangehe« – fuhr sie fort, indem sie die Treppe hinauf eilte. »Wollen Sie die Güte haben, sich einen Augenblick in diesem Zimmer zu verweilen, bis ich Frau von Rebenstock Ihre Ankunft mitgetheilt.«

Sie hatten indeß ein behaglich erwärmtes und sehr geschmackvoll möblirtes Zimmer betreten, dessen Fenster auf den Garten hinauslagen, welcher jetzt in seinem winterlichen Schmuck einen melancholischen Anblick gewährte. Lydia legte die warmen Oberkleider ab und fragte nach Gertrud.

»Befehlen Sie, daß sie heraufkommen soll« – fragte die zuvorkommende Gesellschafterin, und entfernte sich nach empfangener bejahender Antwort. Bald darauf ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen. Auf Lydiens »Herein« öffnete sich die Thüre, aber statt der erwarteten Pflegemutter erschien zu ihrem größten, sprachlosen Erstaunen –– Berger.

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