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Luise Aston: Lydia - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLouise Aston
publisherVerlag von Emil Baensch
addressMagdeburg
year1848
titleLydia
created20000201
senderhille@abc.de, noname@abc.de
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Erstes Kapitel

»Das nenn' ich in der That ein eigenthümliches Spiel des Zufalls, Cornelia, daß ich Sie hier wiedertreffen muß!« – rief ein junger Mann in elegantem Reisekostüm auf der Promenade des deutschen Bades Pr---t einer nicht minder elegant, aber weniger geschmackvoll gekleideten Dame zu, deren ganze Erscheinung den Eindruck machte, als wollte sie den natürlichen Reiz der Jugend, welcher den Zügen ihres Gesichts bereits entflohen war, durch künstliche Mittel mit Gewalt an sich fesseln.

»Des Zufalls, lieber Baron? des Glücks, wollen Sie sagen. – Wahrhaftig des Glücks, für mich wenigstens« – setzte sie mit halb aufrichtiger, halb ironischer Stimme hinzu, während ein eigenthümliches Lächeln um ihren farblosen, dünnen Mund spielte.

Bekanntlich hat der Mensch vor den Thieren – den Affen etwa ausgenommen – unter vielen anderen Vorzügen hauptsächlich zwei, die ihn ganz besonders charakterisiren: das Lachen und das Weinen. Von diesen ist aber wiederum das Lachen eine Fähigkeit, die die meisten und mannichfaltigsten Modificationen besitzt, vom Grinsen des Kretins und des Affen bis zum feinen, vieldeutigen und nichtssagenden Lächeln des Diplomaten, vom einfältig ehrlichen Ausbruch der derben Fröhlichkeit des Bauernsohns bis zum huldreichen Beifallslächeln eines erhabenen Mäcen. In allen diesen verschiedenen Arten und den unzähligen dazwischen liegenden helleren oder dunkleren, zarteren oder gröberen Schattirungen zeigt sich mehr als in irgend einer andern geistigen Funktion und Seelenäußerung des Menschen das treueste und markirteste Abbild seines individuellen Gepräges, nicht blos in intellektueller, als auch in sittlicher Beziehung.

Corneliens Lachen hatte besonders das Eigenthümliche, daß die übrigen Züge außer dem Munde meistens ganz unberührt davon blieben. So zeigte sich auch jetzt auf ihrem Gesichte nicht die geringste Veränderung weder in Ausdruck noch in der Farbe.

Der Baron von Landsfeld – so hieß der junge Mann – bot ihr lachend den Arm. »Seid wie lange sind Sie aus Venedig zurück, Cornelia? Ich erinnere mich, daß Sie bei unserem letzten Zusammentreffen dort die Absicht aussprachen, nach Palermo zu gehen.« Er warf einen schnellen, aber stechenden Blick auf sie. Wirklich schien es, als ob durch die unangenehme Empfindung, welche in Cornelien durch die Worte ihres Begleiters erregt wurde, die harten steinernen Züge ihres Gesichts einen noch schärferen Ausdruck annahmen. Sie mochte dies fühlen, denn sie bemühte sich augenscheinlich, den starren Ernst ihrer Mienen, unter dem sie die Bewegung ihres Innern zu verstecken pflegte, in ihr gewöhnliches Lächeln umzuschmelzen, welches aber diesmal sich zu einer unheimlichen Grimasse verzerrte.

»Lassen wir das, Baron« – sagte sie freundlich. »Ueberhaupt möchte ich Ihnen einen Kontrakt vorschlagen für die Dauer unseres hiesigen Beisammenseins, im Falle Sie nämlich gesonnen sind, längere Zeit hier zu verweilen. Ich gebe Ihnen in voraus die Versicherung, daß für das kleine Opfer, welches Sie mir bringen müssen, Ihnen reichliche Entschädigung werden soll. Es giebt hier unglaublich viel Namen, resp. Menschen mit Eitelkeit und Pedanterie im Kopfe oder Wärme im Herzen, an denen Sie Ihr Müthchen kühlen können. Doch davon später. Was mich betrifft, so gestehe ich Ihnen offen, daß mir an Ihrer Gesellschaft viel, sehr viel gelegen ist, daß ich trotzdem aber entschlossen bin, sie zu entbehren, wenn Sie mir nicht das Versprechen geben – mich zu schonen.« –

Die letzten Worte sprach Cornelia mit einem gewissen Zögern, indem sie zugleich die Stimme etwas sinken ließ.

Der Baron ließ ihren Arm los und sah ihr mit unverkennbarem Erstaunen, aber auch mit unverhehlter Freude in's Gesicht.

»Ist's möglich, Cornelia? Sie fangen an, Empfindung zu bekommen? Sie gestehen ein, daß auch Sie der Schonung bedürftig sind, daß Sie folglich verletzt werden können? Nun wahrhaftig, wenn das kein wunderbares Naturspiel ist, dann weiß ich nicht, ob es noch etwas Anderes sein kann, als ein eben so wunderbares Meisterstück – der Kunst.«

»Sie irren sich in Beidem. Ich bin weder aufgelegt, sentimental zu werden, noch die Sentimentale zu spielen. Die einfache Thatsache ist die, daß ich einmal Vergnügen daran finde, aufrichtig zu sein – natürlich nur gegen Sie.«

»Sehr verbunden,« sagte der Baron, indem er ihren Arm wieder in den seinigen legte. »Und womit habe ich diese unschätzbare Gunst verdient, wenn die Frage gestattet ist?«

»Es ist weder eine Gunst, lieber Baron, noch wüßte ich, womit Sie sie verdient hätten, wäre es eine. Nein, nein. Sie sind in dieser Rücksicht, glaub' ich, nicht eitel genug, als daß ich Sie mit Erfolg täuschen könnte, vorausgesetzt, daß ich Zwecke durch Sie zu erreichen wünschte, deren Wichtigkeit mich für die Mühe eines solchen Täuschungsversuches entschädigte. Alles dies findet nicht statt; Sie haben also die Gewähr für meine Aufrichtigkeit. Sind Sie mit dieser Erklärung zufrieden?«

»Allerdings, in so fern ich wohl mit Recht vermuthen darf, daß Sie mich in die weiteren und positiven Zwecke Ihrer Aufrichtigkeit zu mir nicht einweihen werden.«

»Ich bewundere eben so wohl Ihren Scharfsinn, Baron, als Ihr Zartgefühl, und danke Ihnen, daß Sie mir eine abschlägige Antwort erspart haben.«

»Gut« – erwiederte Landsfeld nach einer kurzen Pause, in der er über Etwas nachzusinnen schien – »ich nehme die Bedingung an; schon deshalb, weil auch ich Ihren nähern Umgang schmerzlich vermissen würde. Aber die Entschädigung – sprachen Sie nicht davon?«

Cornelia lachte.

»Wie plump gebehrdet Ihr Männer Euch doch, so bald Ihr zu heucheln versucht. So haben Sie an meinem Umgange also doch nicht genug? Sie sind so wenig galant, dafür noch eine besondere Belohnung zu verlangen, daß ich Ihnen Gelegenheit gebe, Ihre malitieuse Natur etwas zu humanisiren, indem ich Sie zu einem rücksichtsvollen Benehmen gegen mich zwinge? – Sie zucken die Achseln? Gut denn, aber ich wasche meine Hände in Unschuld. – Hm! was würden Sie zum Beispiel zu der Nachricht sagen« – fuhr Cornelia, den Zeigefinger auf die Kinnspitze legend und mit lauerndem Blicke von unten herauf den Baron fixirend, eine Mischung von feierlicher Langsamkeit und banaler Gleichgültigkeit im Ton fort – »was würden Sie dazu sagen, daß Alice von Rosen hier ist?«

Cornelia fühlte es an dem leisen Zittern seines Arms, daß der abgeschossene Pfeil sein Ziel nicht verfehlte. In der That wäre selbst dem unbefangenen Zuschauer seine Bewegung nicht entgangen. Sein Gesicht überflog eine schnelle, fieberhafte Röthe. Doch im nächsten Augenblicke antwortete er mit großer Ruhe:

»Ich würde sagen, daß es eine abscheuliche Lüge ist.«

»Auch wenn ich Sie versichere –«

»Eben deshalb« – erwiederte er mit einer Lebhaftigkeit, die ihm von neuem das Blut in's Gesicht trieb.

»Fangen auch Sie an, Empfindung zu bekommen, Sie armer Freund« – sprach Cornelia in mitleidig ironischem Ton, während ihre Züge theils den Ausdruck tiefen Hasses, theils dämonischer Schadenfreude annahmen.

»Ich habe meine Empfindung« – entgegnete der Baron in immer größerer Aufregung, obwohl er äußerlich gefaßt in die blaue Luft hineinstarrte – »noch nie hinter einer erbärmlichen Maske von Trockenheit und Kälte zu verstecken nöthig erachtet, gnädiges Fräulein, auch nicht nöthig gehabt, da sie nicht so rein aristokratisch ist, wie die Ihrige. – Doch wozu ärgern wir einander, Cornelia? Haben Sie den Kontrakt nur vorgeschlagen, um das wohlfeile Vergnügen zu haben, ihn zuerst brechen zu können? Sagten Sie nicht, ich sollte Sie schonen? Ha, ha! Thor, der ich war, in diese Falle zu gehen.« Er fing wieder an zu lachen.

»Wir sind nun quitt, Baron, und bedürfen meines Erachtens jetzt keines Kontrakts mehr. Indeß täuschen Sie sich diesmal über meine Absicht, wie Sie sich nachher überzeugen werden. Jetzt aber will ich Ihnen erzählen, warum ich nicht nach Palermo gegangen; vielleicht wird das Ihr Blut so weit abkühlen, daß Sie im Stande sind, anderweitige und für Sie interessantere Mittheilungen anzuhören, ohne mir den Dank in Sottisen abzutragen. Seien Sie ruhig, ich schweige schon« – fügte sie beschwichtigend hinzu, als sie seine Stirn sich in drohende Falten legen sah – »und nun hören Sie:

Sie wissen, daß ich kein Hehl aus dem eigentlichen Zweck meiner italienischen Reise machte. Zwei Jahre hatte ich bereits in Berlin geweilt, wo Schattenfrei bei der französischen Gesandtschaft angestellt war, und noch immer war es mir nicht gelungen, mit ihm zusammen zu kommen, geschweige ihn an mich von Neuem zu fesseln. Seine Frau, die übrigens, wie man so sagt, ein liebenswürdiges, gutmüthiges und harmloses Ding sein soll, war mir sehr im Wege. Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf über die Auffindung eines geeigneten Mittels, das ihn veranlassen könnte, mich zu besuchen –«

»Man will wissen, daß Sie sich einmal doch im Theater trafen, ich glaube der ›Liebestrank‹ wurde gegeben« – sagte der Baron mit hervorgehobenem Accent.

Cornelia warf einen stechenden Blick auf ihren Begleiter »Schweigen Sie, bis ich zu Ende bin. –«

Der Baron lachte. »Das sind die Folgen davon, wenn man einen Kontrakt vorschlägt, und ihn zuerst bricht. Jetzt fahren Sie fort, ich werde Sie nicht mehr unterbrechen.«

Cornelia unterdrückte eine Antwort, die ihr auf der Zunge lag und erzählte weiter:

»Nach vielen vergeblichen Versuchen hatte ich mein Vorhaben fast aufgegeben, als ich zufällig in einer Gesellschaft davon reden hörte, Schattenfrei werde zur Wiederherstellung seiner Gesundheit eine Reise nach Palermo machen. Ich forschte genauer nach. Richtig, in vierzehn Tagen wollte er abreisen und zwar allein, ohne seine Frau. Mein Plan war kurz gefaßt. Ich wollte ihm zuvorkommen, ihn in Venedig, das er doch ohne Zweifel passiren würde, erwarten und empfangen. In vier Tagen war ich reisefertig, – in einer Woche war ich in Venedig. Das Abenteuer, das ich mit dem jungen schwärmerischen Menschen dort hatte, kennen Sie, es half mir wenigstens die Zeit verkürzen.

Endlich war meiner Berechnung nach der Zeitpunkt gekommen, an dem Schattenfrei eintreffen mußte. Alle Vorbereitungen waren getroffen. So bald er das Thor passiren würde, sollte ich davon benachrichtigt werden. Aber vergeblich harrte ich auf die frohe Botschaft. Zwei Tage waren schon über den Termin hinaus vergangen, da kamen Sie mit Frau von Rosen nach Venedig. Auch Sie wußten mir Nichts über den Erwarteten mitzutheilen. Meine Unruhe nahm von Stunde zu Stunde zu. Sie hielten mich und Alice damals für die innigsten Freundinnen.« –

»Und Sie waren es nicht?« – fragte der Baron erstaunt.

»Im gewissen Sinne allerdings, in so fern wir uns redlich in Rücksicht auf unsere besondern Pläne in die Hände arbeiteten. Außerdem aber haßten wir uns eben so redlich, verleumdeten uns nach Frauenweise und heuchelten einander die innigste Seelengemeinschaft vor.« –

»Und warum das?«

»Theils aus rein künstlerischem Vergnügen, theils auch, um uns in Uebung zu erhalten, damit wir uns vor Andern, besonders vor Ihnen, nicht durch ein unvorsichtiges Wort oder eine impertinente Miene kompromittirten.«

»Vor mir?«

»Freilich. Hören Sie nur weiter. Alicen lag viel daran, Sie auf eine kürzere oder längere Zeit aus Venedig zu entfernen.«

»Wahrhaftig?« – fragte der Baron ironisch – »und wozu, wenn ich bitten darf?«

»Einen Augenblick Geduld. Wie war das zu machen, ohne Ihren Verdacht zu erregen und ohne an Ihrer Weigerung zu scheitern. Alice zeigte sich also sehr bekümmert über meine Unruhe, die auf den höchsten Grad gestiegen war, als ich die Nachricht erhielt, Schattenfrei habe die Tour über Genua eingeschlagen, um von dort zur See nach Palermo zu gehen. Zugleich aber war die Nachricht zu wenig verbürgt, als daß ich auf's Gerathewohl Venedig verlassen konnte. In dieser Noth wandte sich die über meine verzweifelte Lage sehr betrübte Alice an Sie mit der Bitte, auf etwa acht Tage nach Genua zu gehen und mich, im Fall ›Schattenfrei‹ dort eintreffen sollte, sogleich davon zu benachrichtigen. Durch welche Gründe Alice Sie von der Nothwendigkeit ihres Zurückbleibens in Venedig überzeugte, weiß ich nicht.«

»Sie fühlte die sittliche Verpflichtung, in diesem Falle die Liebe auf kurze Zeit der Freundschaft zu opfern – und wollte Sie in dieser angstvollen Stimmung nicht allein lassen.«

Cornelia lachte höhnisch. – »Wie waren Sie damals blind, armer Baron. Im Grunde ihrer Seele war Alice über Nichts erfreuter, als über meine Angst, und sie hätte nicht einen Finger gerührt, mich davon zu befreien, hätte es nicht in ihrem Plan gelegen. – Sie reisten ab und kurz nach Ihnen machte Alice mit dem Herrn Berger, der ihr, unbemerkt von Ihnen, aber nicht von ihr, bis nach Venedig gefolgt war, einen Ausflug ins Tyroler Gebirge. Beim Abschiede bat sie mich, alle Briefe an Sie von Venedig aus zu befördern. So war jeder möglichen Entdeckung ihrer Entfernung vorgebeugt. Es vergingen abermals acht Tage. Schattenfrei kam immer noch nicht, Ihnen wurde in Genua die Zeit lang, Alicen wurde sie in Tyrol kurz: der Augenblick nahte, den wir zur Wiedervereinigung bestimmt hatten. Aber ich wartete vergeblich. Weder Sie, noch Alice kehrten zurück. Ueberdies erhielt ich einen Brief aus Deutschland, worin mir mitgetheilt wurde, daß Alice ›Schattenfrei‹ mit meiner Absicht, ihn in Venedig zu erwarten, bekannt gemacht und ihm den Rath gegeben, weder über Venedig noch über Genua nach Süd-Italien zu gehen, wenn er überhaupt es nicht vorzöge, anders wohin seine Schritte zu lenken, im Fall er ein Zusammentreffen mit mir vermeiden wolle. So war ich nun völlig im Unklaren. War er doch nach Palermo gegangen oder nicht? Sollte ich auf die Ungewißheit hin die weite und gefahrvolle Reise unternehmen, abgesehen davon, daß meine Kasse nicht zum Besten bestellt war? Ich faßte einen schnellen Entschluß und ging nach Deutschland zurück, mit der Absicht, ihm bei seiner Zurückkunft in den Weg zu treten. Daraus, daß Alice mir diesen hinterlistigen Streich aus Italien, oder wo es sonst sein mag, gespielt hatte, ersah ich jedoch mit einer Art von Genugthuung, daß Sie mein Leidensgefährte sein mußten, weil sie sonst in Betreff meiner mit mehr Vorsicht gehandelt hätte.« – Bei diesen Worten warf Cornelia einen forschenden Blick auf den Baron und fuhr dann fort. – »Es konnte ihr also nichts mehr daran gelegen sein, ob ich Ihnen die wahre Sachlage mittheilte; folglich mußte sie den Gedanken an eine Wiedervereinigung mit Ihnen schon aufgegeben haben, als sie an Schattenfrei schrieb. – Ich begab mich bald darauf nach Genua auf den Weg, um Sie aufzusuchen, fand Sie aber nicht mehr anwesend, da Sie zwei Tage vorher nach Venedig abgereiset waren. Wahrscheinlich hatten wir uns begegnet und ohne es zu wissen verfehlt.« Die Ironie, mit der die letzten Worte gesprochen wurden, ließen zweifeln, was der eigentliche Sinn derselben sein sollte.

Mit dem Baron war während dieser Erzählung eine große Veränderung vorgegangen. Zwar schien in diesem Augenblicke keine bestimmte Leidenschaft seine Seele erfüllt zu haben, weder Haß noch Liebe, weder Verachtung noch Hohn zeigte sich in seinen Mienen, aber eine Todtenblässe hatte seinem Gesicht einen Ausdruck gegeben, der auf ein tiefes inneres Leiden schließen ließ. Eine Art geistiger Lähmung schien sich seiner bemächtigt zu haben, als er mit tonloser Stimme sprach:

»Ich kam nach Venedig an demselben Tage, wie Schattenfrei. Ich suchte ihn auf, um ihn sogleich zu Ihnen zu führen; aber vergebens forschte ich nach Ihrer neuen Wohnung, denn ich konnte nicht auf den Gedanken gerathen, daß Sie Venedig verlassen hätten.

Schattenfrei war erfreut, Sie in Venedig zu wissen, und bedauerte es ernstlich, daß er Sie nicht finden konnte.«

»Wie Schade« – unterbrach ihn Cornelia in der früheren ironischen Weise.

»Uebrigens beruhigen Sie sich wegen des hinterlistigen Streiches Seitens Alicens. Die Sache verhält sich anders. Sie hat mir selber geschrieben, daß sie einen Ihrer beiderseitigen Bekannten in Berlin zu dieser unschuldigen Mystifikation bereden wolle, um Ihnen dann durch das wirkliche Erscheinen Schattenfrei's eine desto größere Ueberraschung zu bereiten.«

»Und Sie haben es natürlich für Wahrheit gehalten.«

»Warum nicht? – Sie sollten glauben gemacht werden, Alice hätte jenen Brief geschrieben, was aber nicht der Fall war.«

»Wäre es gewesen, wie Sie sagen, so können Sie sich darauf verlassen, daß es aus der Absicht geschehen ist, entweder mich in April zu schicken – oder aber zu einer Rückkehr nach Deutschland zu veranlassen, die ich nachher zu bereuen hätte, wenn ich die Wahrheit hörte.«

»Sie scheinen in der That den Charakter Alicens gut zu kennen« sagte der Baron mit einer tiefen Bitterkeit – »und weiter haben Sie Nichts von ihr und – ihm gehört?«

»Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, daß sie hier ist.«

»Es ist wahr!« – rief er mit zitternder Stimme, indem seine Lippen bebten.

»Wahr!«

»Und er?«

»Auch!«

Mit leuchtenden Blicken sah er umher, als suche er den Gegenstand seiner Rache. Cornelia faßte ihn beim Arm.

»Kommen Sie!« – sagte sie leise und bedeutungsvoll.

Sie führte ihn bei diesen Worten in einen schmalen Seitenweg ein, der tiefer in die Mitte des Parks hineinführte. Schweigend und schnellen Schrittes gingen sie neben einander daher, ohne auf die sie umgebenden reizenden Anlagen auch nur einen flüchtigen Blick zu werfen.

Ein klarer Bach, dessen Quelle nur einige Stunden weiter im Gebirge hinauf lag, durchströmte in mannichfachen Windungen den Park, auf beiden Ufern mit den herrlichsten Erlen- und Trauerweiden-Gruppen eingefaßt. Zuweilen schimmerten auch anmuthig geschwungene Brückenbogen mit durchbrochenem weißen Geländer durch das grüne Laubwerk, oder es klang das eintönige Rauschen einer kleinen bald natürlichen, bald künstlichen Cascade in das Ohr des einsamen Spaziergängers. Der größte Reiz aber bestand in der völligen Zwanglosigkeit und scheinbaren Unabsichtlichkeit, welche durch sämmtliche Anlagen herrschte. Unbefangenen Gemüthern, – das heißt solchen, die von der methodischen Entseelung, der wir durch die Civilisation unterworfen werden, mehr oder minder unberührt geblieben sind und die daher das Goldkorn ihrer innersten Menschenwürde noch nicht aus dem Schacht ihres Herzens heraufgeholt und nach Außen getrieben haben, damit es sich als werthloser Goldschaum um ihre Oberfläche legt, um von denen da draußen bewundert, betastet und – abgegriffen zu werden, – allen solchen unbefangenen Gemüthern muß der Anblick von Kunstanlagen, bei denen die Kunst gewöhnlich eben solchen entseelenden Einfluß ausübt, wie die Civilisation auf die Menschen, nothwendig ein peinliches, drückendes Gefühl erregen. Die abgezirkelten, mit gelbem Kies bestreuten Wege, die beschnittenen Hecken, die gespreizten Spaliere, Alles benimmt der freien Brust den Athem; denn der Geist fühlt sich gerade in der Freiheit, in der Unendlichkeit und Mannichfaltigkeit verwandt mit der Natur. Jede Beschränkung, jedes kleinliche, nach der engherzigen Anschauungsweise Zugeschnittene in ihr bedrückt auch den Menschengeist und macht den Schmerz der Natur zu seinem eigenen.

Ganz anderer Art mochten die Gedanken der beiden schweigenden Wanderer sein, deren Blicke auf einen Punkt starrten, der stets zwei Schritte von den Spitzen ihrer Füße entfernt auf dem festgetretenen Boden ihnen voraus zu eilen schien.

Der Baron von Landsfeld konnte im Sinne gewisser Frauen für einen schönen Mann gelten. Hoch und schlank gewachsen, prägte sich in seine ganze Gestalt das Bewußtsein von Mannhaftigkeit aus. Sein schöner Kopf, obwohl in diesem Augenblicke etwas gesenkt, als wenn die Gedanken drinnen durch ihre Last ihn gebeugt hätten, zeigte selbst in dieser Biegung des Nackens die Gewohnheit, ihn stolz und aufrecht zu tragen. Wenn sein Haar nicht mehr die Elasticität und Fülle der ersten Jugend besaß, so war es doch glänzend und von schöner dunkelbrauner Farbe. Dasselbe Gepräge von Energie lag auch auf der breiten hochgewölbten Stirn und auf der edel, fast zu scharf hervorspringenden Nase. Der zartgeformte und kleine Mund wurde fast ganz bedeckt von dem kräftigen und sorgfältig gepflegten Barte, unter dessen dunklen Wellen das Kinn völlig verschwand. Sein Auge war von eigenthümlichem Glanze und tiefer durchdringender Schärfe. Die Farbe war schwer zu bestimmen, da sie mit der größeren oder geringeren Stärke der augenblicklichen Empfindung zu wechseln schien. Im ruhigen Gespräch hätte man es für ein mattes aber glänzendes Grau gehalten. In solchen Augenblicken zeigte sein Gesicht einen fast gewöhnlichen Ausdruck. – Wenn dagegen in seiner Seele irgend eine Leidenschaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte – und das war meistens der Fall – so erhielten seine Züge eine so charakteristische Umgestaltung, daß man in Zweifel über die Identität der Person gerathen konnte. Die kurz aber fest zusammengezogenen Augenbrauen drückten dann eine strenge Bestimmtheit aus und der halbgeöffnete Mund mit der aufgeworfenen Oberlippe, die scheinbar noch schärfer hervorspringenden Linien der Nase und vor Allem die unter den tiefer herabgezogenen Brauen groß und dunkel hervorstrahlenden Augen gaben dem bleichen Gesichte einen Ausdruck von leidenschaftlicher Kälte und energischer Entschlossenheit, deren bloßer Anblick einem Geiste von geringerer Intensität Furcht einflößen mußte.

Der Baron trug gegenwärtig einen enganschließenden Reitüberrock von dunkelgrünem Tuch, der die muskulösen aber biegsamen Formen seines graziös gebaueten Körpers vortheilhaft hervortreten ließ. Seine weißen weiten Beinkleider fielen in natürlichen Falten bis auf den eleganten Stiefel herab, der eben so wie die eben bezeichneten Kleidungsstücke eine Abneigung gegen die Herrschaft der Mode bekundete, ohne indeß den Geschmack des Trägers irgend wie zu kompromittiren. Im Gegentheil zeigte sich auch bis in diese scheinbar unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begründete tiefe Opposition gegen jedwede Autorität, die in so fern aber ihre eigene Rechtfertigung in sich trug, als sie den Kampf gegen die Autorität nur auf Kosten des einfachen, künstlerischen Geschmacks zu führen schien. Dieser Zug seines Charakters, gegen die Willkühr der Menschensatzung, wie immer sie sich zeigte, zu opponiren und das Schöne und Natürliche dagegen geltend zu machen, stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Enthusiasmus für die Idee überhaupt und für deren Rechte, als aus der selbstgefälligen Freude, daß seine eigene Erkenntniß und Anschauungsweise über die Begriffe der gewöhnlichen verkünstelten und kleinigkeitskrämerischen Welt dadurch erhaben sei, daß sie jedes Vorurtheil abgestreift. Aus dieser selbstsüchtigen Richtung seiner idealen Erkenntniß – weil es ihm weniger um die Schönheit und Wahrheit dessen, was sie in sich schloß, als um den eigenen Besitz desselben zu thun war, erklärte sich einerseits die ironische Verachtung, welche er gegen die Menschen im Allgemeinen hegte, anderseits der Skepticismus, mit dem er jede in der Welt ideale Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete. Vielleicht könnte hieraus geschlossen werden, daß er den Respekt, welchen er allen Uebrigen versagte, auf sich selbst beschränkte, weil er allein seiner Ueberzeugung nach die richtige Erkenntniß von der Unwirklichkeit der Idealität besaß. Allein in der That schöpfte er aus der Verachtung der Uebrigen noch keinen Grund zur Achtung seiner selbst. Er fühlte wohl, daß nur in dem Streben, die Idealität in sich selbst zu verwirklichen, etwas Achtungswerthes liegen könnte. Um dies aber zu versuchen, fehlte ihm die sittliche Kraft, und daher der Glaube an die Möglichkeit dieser Verwirklichung. Er war also nur in dem egoistischen Irrthum befangen, daß er von der Ueberzeugung ausging, diese Verwirklichung sei nicht ihm allein, sondern überhaupt unmöglich.

So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt überhaupt gegenüber stand, so gab es doch einen Menschen, der mit ihm in diesem sittlichen Skepticismus sympathisirte und gerade gegen diesen fühlte er sonderbarer Weise noch größere, noch tiefere Verachtung, als gegen die gewöhnlichen Menschen. Aber diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin, daß er das, was er an sich selbst für unwürdig hielt, an Andern noch abscheulicher fand – sondern weil jener Andere ein Weib war; denn beim Weibe schließt die Verachtung der Idealität noch größere Würdelosigkeit in sich, als beim Mann. Außerdem fehlte ihr jede Spur von Enthusiasmus, der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus gewesen war. Bei ihr war es reine Freude am Bösen – hämische Zerstörungssucht, die ihm verächtlicher noch war, als Gemeinheit, Trivialität und Selbsttäuschung. Dieses Weib war Cornelia.

Cornelia von Hohenhausen hatte eine kleine, zartgebaute Gestalt. Ihre Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme, ihres Nackens und Halses doch weder eckig steif, noch kokett und manirirt, sondern so durchaus gefällig und graziös, daß man darüber bei längerm Umgange die natürlichen Unvollkommenheiten leicht vergessen konnte. Der Ausdruck in ihren Zügen war für gewöhnlich nicht besonders auffallend und charakteristisch. Es giebt jedoch eine Art von Gesichtern, deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzügen, als in scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen, die, weil sie weniger in die Augen fallen, sich auch unbewachter und gleichsam unabhängiger vom Bewußtsein des Menschen selbst entwickeln und gestalten. Hauptsächlich ist dies bei geistig begabten aber unedlen Naturen der Fall; denn edle Naturen sind zu stolz für eine solche Ueberwachung der Mienen Seitens des Bewußtseins, und einfältige Menschen haben nicht die geistige Kraft und Stärke der Reflexion dazu. So sprach sich auch die dämonische Natur Corneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des Gesichts und in den einzelnen Hauptzügen aus, die vielmehr einen Charakter von Bonhommie und gutmüthiger Freunlichkeit an sich trugen, sondern in den fein zusammengekniffenen Augenwinkeln, in dem unsichern, mattglänzenden grauen Auge und in einer schmalen, langen Furche, die sich von beiden Seiten der Nase mit einer unanmuthigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang, aber nur sichtbar wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh, wenn sich der untere Theil des Gesichts zu einem Lächeln verzog. Ihr Mund war eher klein als groß zu nennen, aber sehr dünn, farblos und ohne schönen Schnitt, während die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte. Der unangenehme Eindruck, den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts, Halses und Nackens in Jedem hervorbrachte, der an schönere Formen gewöhnt war, wurde noch durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhöht, welche vielleicht mit der Farbe des Pergaments hätte verglichen werden können, wenn das Gelb des letzteren mehr Grau und weniger Glanz enthielte. Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode absichtlich zu vermeiden, ohne indeß sowohl in Rücksicht auf die Wahl der Stoffe, als auf deren Zusammenstellung, den reinen Geschmack und den feinen Sinn für elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden, worin jener eine eben so große Zartheit als Sicherheit besaß.

Cornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrüner Seide, dessen weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit ließ, nach den Reminiscenzen früherer Fülle und Schönheit des Halses zu suchen. Ein italienischer Strohhut, mit einer Straußfeder geschmückt, – Cornelia trug nur diesen Putz – ein chinesischer Sonnenschirm und eine weiße Atlas-Mantille bildeten das übrige Kostüm.

»Treten Sie leiser auf« – sagte Cornelia zum Baron, als sie eben in eine Kreisallee eintraten, die, wie man schon aus den hier und dort zwischen den Gipfeln der Bäume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schließen konnte, einen freien Platz umgab. Nur auf einem schmalen Steige, der die eine Seite der dichten, aus jungen Buchen bestehenden Allee durchbrach, gelangte man in das Rondel selbst und überzeugte sich dann, daß das, was man für einen freien Platz gehalten hatte, ein kleiner Teich war, der von einem in seiner Mitte sich erhebenden Springbrunnen gespeist wurde. Rings um das Bassin, dessen Ufer nur mit einer niedrigen Rosenhecke eingefaßt war, lief ein schmaler Fußweg. An der äußeren Wand der Buchenhecke standen quarreeartig geordnet vier gußeiserne, grün angestrichene Ruhebänke, von denen die einander gegenübergelegenen von dem breiten pyramidalartig gebaueten Springbrunnen maskirt wurden, so daß die auf der einen Bank sitzenden Personen von denen auf dem jenseitigen Ufer befindlichen nicht gesehen werden konnten. Cornelia bog vorsichtig ein paar Zweige auseinander und warf einen forschenden Blick in das Rondel. Sie schien mit dem Resultate ihrer Beobachtungen unzufrieden, denn sie wandte sich an den Baron mit den Worten:

»Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen und geben Sie mir das Versprechen, kein Lebenszeichen von sich zu geben, was Sie auch sehen mögen.«

Der Baron nickte mit dem Kopfe. Er hatte jetzt, wo der entscheidende Moment gekommen war, seine ganze Besonnenheit wieder erlangt. Mit übereinander geschlagenen Armen stand er an einen Baum gelehnt und wartete, bis Cornelia, die sich auf die andere Seite begeben hatte, zurück kehrte.

Mit triumphirender Miene winkte sie ihm.

»Allzugroße Vorsicht ist nicht nöthig« – sagte sie. »Das Geplätscher des Springbrunnens dämpft jedes Geräusch bis zur Unhörbarkeit. Doch vorher eine Frage: Was gedenken Sie zu thun?«

»Sie werden es sehen, wenn ich gesehen habe. Haben Sie indeß keine Furcht« – setzte der Baron mit leiser Stimme hinzu. – »Sie werden doch nicht glauben, daß mein Ehrgeiz dahin geht, vor Ihnen ein romantisches Spektakelstück aufzuführen? Verlieren wir keine Zeit mit unnützen Redensarten.« – Sie waren unterdeß ein Paar Schritte fortgegangen. »Hier« – sagte Cornelia, indem sie auf eine kleine Oeffnung zwischen den Blättern wies. Der Baron beugte sich vor.

Auf der schräg gegenüber liegenden Bank saß, halb noch vom Wasserstaub des Springbrunnens verdeckt, ein junger Mann von sehr einnehmendem blühenden Aeußern, das echte Bild der jugendlichen Frische und Anmuth. Er starrte jetzt vor sich auf den Boden nieder, in dem sein Spazierstock allerlei Arabesken und Namenszüge eingrub. Neben ihm saß eine sehr bleiche, nicht mehr ganz jugendliche Dame, deren schöngeformter Kopf von einer Menge kurzer anmuthig geordneter Locken umgeben war, welche die einzelnen Züge um so weniger klar erkennen ließen, als sie sich auf ein Buch niederbeugte, aus dem sie dem jungen Manne etwas vorzulesen schien. Obgleich ihr Oberkörper in halb sitzender halb liegender Stellung bis an die Rücklehne der Bank zurückgebeugt war, konnte man doch die graziösen Formen ihrer Gestalt bemerken.

Sie ließ jetzt das Buch sinken und sah den jungen Mann, der diese Bewegung nicht zu bemerken schien, eine Weile schweigend an:

»Was phantasiren Sie da, Arthur?« – sagte sie mit sehr sanftem und wohllautenden Accent, indem sie auf seine Zeichnungen wies.

Erschreckt wie aus einem Traume fuhr er empor, dann strich er sich über die Augen.

»Ach, Alice« – entgegnete er mit einer Art von Wehmuth im Ton, »ich dachte eben darüber nach, wie so klein ich Dir erscheinen muß; wie es möglich sei, daß ich Dir, dem hochherzigen, die ganze Menschenwelt mit Liebe umfassenden Weibe mit meiner engherzigen Empfindung genügen kann. Ich fühle wohl, daß gerade in meiner Verehrung für Dich, in dem Kultus meines Herzens für Deine Größe mein größter Stolz, und in dem Bewußtsein, in Deinem schönen Körper Deine ganze schöne Seele zu umfassen, mein höchstes Glück liegen muß – und doch liegt zugleich mein größter Schmerz darin.«

»Schmerz?« fragte Alice mit demselben sanften, halb melancholischen Ton, der ihr eigen zu sein schien.

»Ja, Schmerz, rasender Schmerz« – rief der junge Mann aufspringend. »Begreifst Du nicht den Schmerz, welcher in dem Gedanken, ganz Liebe und Hingebung zu sein, in dem Gedanken, daß Du mein Gott, meine Welt, mein All bist, und Du –«

»Nun? und ich?« – sagte Alice, ebenfalls sich erhebend.

»Du bist wie ein Fürst in seinem Park, wo nur das Ganze, die Harmonie aller Einzelnen sein Wohlgefallen erregt, während er eine einzelne Blume ohne Kummer zertreten mag. Ich bin wie der Arme, der nur diese Blume hat, und sein Liebstes verliert, wenn sie ihm verloren geht. Glaube mir, Alice: dieser Gedanke verläßt mich nicht mehr. Wie eine Ahnung Deines Verlustes schwebt es gleich dem kleinen Sturmwölkchen am fernen Horizont meines Liebehimmels und selbst, wenn Du mich so innig an Dein liebeglühendes Herz drücktest, blieb jener Gedanke als bittere Hefe am Rande hängen und verbitterte mir so das schönste Glück, das Glück, Dich ganz zu besitzen.«

Sie waren indeß Beide an das Bassin getreten. Arthurs Gesicht glühte, während er sprach; und Alice fütterte die Goldfische, welche schaarenweise auf die hingeworfenen Brocken zuschwammen.

»Du bist ungenügsam, Freund« – sagte sie sanft – »und wenn ich so sagen dürfte, undankbar. Soll ich, um Dich von der Wahrheit meiner Liebe zu überzeugen, Dich an die Opfer erinnern, die ich Dir gebracht, an – –.«

»Verzeih mir, Verzeihung Alice« – rief Arthur mit Thränen in den Augen, indem er Alicens Hand heftig an die Lippen preßte und dann an die Brust drückte. »Du hast Recht. Ich bin nicht werth, von Dir geliebt zu werden. Aber nimm hier mein Versprechen! Was Du mir giebst, will ich dankbar hinnehmen, als spendete es mir eine seegenbringende Göttin. Ich will nicht klagen, selbst dann nicht, wenn Du mich – nicht mehr liebst« – setzte er mit bewegter Simme hinzu.

»O mein Geliebter« – rief plötzlich Alice, indem sie beide Arme um seinen Hals schlang und seinen Kopf an ihren Busen preßte. »Ruhig, mein Arthur, ruhig« setzte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Glühenden sanft von sich abwehrte – »wir könnten belauscht werden – gieb mir den Arm. Wir wollen in den Kursaal gehen.« Indem sie ihren Arm in den seinigen legte, traten sie in die Allee ein.

»Geben Sie mir den Arm, Cornelia,« sagte der Baron ruhig. Sie schlugen die entgegengesetzte Richtung ein, so daß sie nothwendig auf der andern Seite der Kreisallee, an dem Punkte, wo der schmale Ausgang war, zusammentreffen mußten.

»Was Teufel, Alice, Du hier? und so gut versehen. – Ich wünsche guten Appetit, mein Herr!«

Nach diesen, mit launigem Ton und unbefangenem Lachen begleiteten Worten, welche der Baron dem andern Paare schon auf sechs Schritt zurief, zog er mit ironischer Courtoisie den Hut und ging mit Cornelia gemächlich, und ohne weitere Notiz von jenen zu nehmen, voraus.

»Sie sind ein grausamer und, was mehr ist, ein gefährlicher Mensch, Baron; die arme Alice! Wie blaß wurde sie bei Ihrem Anblick. Und der junge Seladon mit seinem Liebesschmerz – – haben Sie sein Gesicht gesehen? – hatte es nicht die frappanteste Aehnlichkeit mit einem Schulknaben, der bei ungerechter Strafe zwischen seinem Ehrgefühl und der angeborenen Pietät schwankt? – – Ich bin neugierig, ob er die Sache so ruhig nehmen wird. – – – Was gedenken Sie zu thun, Baron? – Aber mein Gott, so sprechen Sie doch! Warum antworten Sie denn nicht. Sind Sie etwa gerührt? Fühlen Sie Gewissensbisse ob Ihrer Barbarei?« –

»Schweigen Sie, Cornelia, ich bitte Sie dringend. Was sollen jetzt diese Kindereien? Denken Sie daran, daß wir gehört und gesehen werden können, und daß wir schon in der nächsten Minute einer höflichen Anrede von Herrn Arthur entgegen sehen dürfen.«

»Sie haben Recht. Lassen Sie uns von gleichgültigen Dingen sprechen. Blicken Sie einmal nach dieser Richtung hin. Sehen Sie dort in der Seitenallee die junge Dame, die eine ältere am Arme führt?«

»Nun?«

»Das ist die Braut Arthurs, der beiläufig gesagt ein sehr beliebter Lieder-Componist, Namens Berger, ist. Merken Sie sich das, verehrtester Freund, für vorkommende Fälle, und nun sehen Sie einmal dies junge Mädchen genauer an. Nicht war, eine leibhaftige Hebe?«

Der Baron konnte als Kenner in dieser Beziehung gelten, und doch mußte er es sich selbst gestehen, eine so durchaus anmuthige Erscheinung war ihm noch niemals zu Gesicht gekommen. Die zarteste Weiblichkeit und gefühlstiefste und dennoch völlig ahnungslose Unschuld lag über den lieblichen Zügen dieses reizenden, halb kindlichen, halb jungfräulichen Gesichts ausgebreitet. Sie blickte, als der Baron mit Cornelia nahe gekommen war, unbefangen auf, schlug aber wie innerlich zusammenschaudernd vor dem bleichen, leidenschaftlichen Ausdruck des Ersteren schnell die Augen zu Boden, während eine tiefe Röthe ihr halbabgewandtes Gesicht und ihren Hals bedeckte.

»Sie liebt ihn, glauben Sie?« fragte der Baron.

»Wie es allgemein heißt und scheint, ja.« – erwiederte Cornelia.

»Desto besser. – Wie heißt sie? – Ich will nur den Vornamen wissen.«

»Lydia. – Warum wollen Sie nicht ihre Familie kennen lernen?«

»Weil es überflüssig ist.«

»Ueberflüssig? Ich sollte meinen, daß sie eine so anziehende Persönlichkeit hat, die schon der Annäherung werth ist?«

»Eben darum.«

»Ich verstehe Sie nicht?«

»Ich brauche ihren Familiennamen nicht zu wissen, weil sie ihn nach einem Vierteljahre doch verlieren wird.«

»Sie sprechen in Räthseln.«

»Nun, zum Teufel! Sie wird dann meine Frau sein. Ich werde sie heirathen; rede ich jetzt deutlich genug?«

Cornelia sperrte diesmal vor wirklichem Erstaunen die Augen weiter auf, als gewöhnlich. Indessen blieb ihr keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, da in demselben Augenblicke die Stimme des jungen Mannes, dessen Gespräch mit Alicen sie belauscht hatte, neben ihr sich vernehmen ließ.

»Mein Herr, ich wünschte zu wissen, ob Sie die Absicht gehabt haben, die Dame, welche in meiner Begleitung war, oder mich selbst persönlich zu beleidigen.«

»Haben Sie darin eine Beleidigung gefunden, so kann ich das weder Ihnen, noch jener Dame wehren. Uebrigens pflege ich meine Absichten für mich zu behalten.«

»Sehr wohl, mein Herr.« – »Auf Wiedersehen, mein Herr,« sagte der Baron, sich artig verbeugend, und verließ mit Cornelia den Park.

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