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Lustiges Komödienbüchlein - Sechstes Bändchen

Franz Graf von Pocci: Lustiges Komödienbüchlein - Sechstes Bändchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
authorFranz Pocci
titleLustiges Komödienbüchlein ? Sechstes Bändchen
publisherVerlag der J. J. Lentner'schen Buchhandlung
year1877
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070608
projectid0a35f611
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Die Erbschaft

Zwischenspiel in zwei Abtheilungen

Personen.

Casperl Larifari.

Grethl, seine Frau.

Frau Stritzlhuberin.

Jäger Thomerl.

Müller, Feuerwehrcompagnie-Commandant.

Stahlfeder, Notar.

Schnuffler, Polzeidiener.

Lisi, Köchin.

Julie, Ladenmädchen.

I. Abtheilung.

In Casperl's Wohnung (Zimmer mit Haupt- und Seiteneingang).

Grethl und Frau Stritzlhuber sitzen vor einer großen Caffeekanne.

Frau Stritzlhuber. Ja, wissen's Frau Casperl, das ist freilich ein Unglück, wenn Eins aus der Familie stirbt; aber es ist doch oft auch ein Glück dabei – –

Grethl. Aber die Frau Bas war halt doch gar so a brave Frau; wir hab'n zwar von ihr kein' Kreuzer g'habt und mein Mann hat oft g'sagt – tröst's Gott die Frau Bas! – sie sei als wie keine, weil sie uns ganz und gar verneglischirt; ja, und was er noch Alles g'sagt hat! Sie kennen ja mein Mann, Frau Stritzlhuberin, gelten's? wenn der amal anfangt! – –

Frau Stritzlhuber. Na! ob ich den Herrn Casperl kenn'? Da dank' ich – – –

Grethl. Kurz, daß ich's Ihnen sag'; Wir sind eigentlich gar nicht gut g'standen mit der Frau Hintermayrin; allein ich hab's doch nit ungern g'habt: Sie war eigentlich a brave Frau und man hat ihr nichts nachsagen können.

Frau Stritzlhuber. Das ist wahr und die Ehr' muß man ihr lassen. Die ganz Nachbarschaft hat ihren Tod bedauert und ihre Leich' war aber auch wunderschön! Die muß was kost' haben.

Grethl. Und ob's wos kost't hat? – Haben ja den schönen Fahnen mittragen und die Musik mit die Posaunen und nicht die Wenigen von die »Herren« im Chorrock.

Frau Stritzlhuber. Aber schön ist's, daß Ihnen was vermacht hat, wie allgemein g'sagt wird – darf ich vielleicht noch um ein Schalerl bitten? Er ist gar so gut. Ihr Caffee –

Grethl (schenkt ein). O ich bitt' recht sehr; das freut mich ungemein, daß er ihnen schmeckt! mei'm Casperl dürft' ich mit kei'm schlechten kommen! – Ja, will ich Ihnen sagen: Heut Nachmittag hat'n der Herr Notar Federspitzer holen lassen; er hätt' ihm was zu eröffnen aus der Verlassenschaft von der Frau Bas. Nun, mein Mann ist gleich 'nüber; der Herr Notar wohnt ja um's Eck 'rum. Was mein Mann aber dort erfahren hat, das weiß ich nicht, weil er noch net zu Haus kommen ist. Ich hab' ihm g'sagt, er soll sich gleich um einen Flor schauen, denn trauern müssen wir auf jeden Fall.

Jäger Thomerl (stürzt herein, etwas angetrunken). Mach' meine Gratulation, Madame Casperl, meine Gratulation! Eine Erbschaft von der Frau Bas! Werden's nur nicht stolz!

G'rad sagt mir mein Freund, der Casperl, im blauen Bock drüben, er hätt' beim Herrn Notar drüben ein' Sack voll Thaler zu erheben und könnt'n abholen, wann er wollt'.

Frau Stritzlhuber. No, hören Sie's, Madame Casperl? Wie ich vermuthet hab'! Da mach' ich gleich auch meine Gratulation. Jetzt sind Sie vielleicht schon eine reiche Frau!

Grethl. O mein Gott, wer weiß, was das für ein Bagetell ist? vielleicht nur ein Legat oder wie man's nennt. Aber ich bin doch etwas erschrocken.

Thomerl. O das geht vielleicht in die Tausend, Madame Casperl! Denn die selige Frau Hintermairin, tröst's Gott, hat Was zusammeng'scharrt.

Grethl. Hören S' auf, Herr Thomerl, mir wird ganz übel! (Fällt in Ohnmacht.)

Thomerl. Da haben wir's! So ein plötzliches Glück ist schwer zu ertragen.

Frau Stritzlhuber (springt bei). Nur ruhig, Madame Casperl, nur Fassung! Nehmen S' ein' Schluck Caffee; nacher wird die Ueblichkeit gleich vorbei sein.

Grethl (erholt sich). Ach! ich hab' halt so schwache Nerven! Wenn nur mein Mann bald nach Haus käm'!

Thomerl. Ja, der stärkt auch seine Nerven im »blauen Bock« drüben und hat schon ein paar Maß verschlungen; der kommt gewiß gestärkt nach Haus. Uns hat er alle freigehalten; und einen Mordstrauerflor hat er um seine Kappen. Jetzt geht er nur noch zum Herrn Notar hinüber, um die Erbschaftsmassa zu holen, dann kommt er gleich nach Haus. Also: mein Compliment! meine Gratulation, ich empfehl' mich gehorsamst. (ab.)

Frau Stritzlhuber. Und ich will auch nicht länger zur Last fallen und nicht unbescheiden sein. Lassen S' mich halt ferner empfohlen sein. Hab die Ehre. (Unter Reverenzen ab.)

Grethl (allein). Ich verweiß mich gar nicht! Wenn's so ist, könnten wir ja reiche Leute sein! Die gute Frau Bas! sie war halt doch eigentlich eine recht brave Frau! Das hab' ich immer gesagt, und besonders nach ihrem Tod.

No! Die ist gewiß gut aufg'hoben! – Gott tröst's!

Aber jetzt muß's bei uns anders hergeh'n! Eine Köchin müssen wir haben und einen Bedienten. Ich schaff' mir gleich eine Toilette an, nach der neu'sten Mod', hinten recht aufgepufft. Da laß' ich mir Nichts mehr nachsagen. Wenn's Geld langt, möcht' ich auch eine Equipasch, damit mir spazieren fahren können. Nun! Da werden's uns Complimenter machen, die uns bisher kaum ang'schaut haben. (lacht) Ha, ha, ha! Wir wollen uns sehen lassen! Unsereins weiß auch, was nobel ist. Und nobel muß's bei uns hergeh'n! Jetzt bin ich aber wirklich ganz schachmatt von dem Schrecken und muß mich ein wenig auf's Bett hineinlegen. Ab (durch die Nebenthüre),

Casperl. (tritt durch die Mittelthür ein, einen ungeheuer großen Trauerflor mit Masche um die Kappe; etwas benebelt fällt er hin).

Lied.

In's Haus ist mir gefall'n das Glück
D'rum bin ich's selber auch;
Das ist ja ein natürlich's G'schick,
:|: Daß ich da lieg' aus'm Bauch. :|: (rep.)
Trost' Gott die selige Frau Bas;
Vor der hab' ich Respect.
Sie liegt ganz still jetzt unter'm Gras,
:|: Bis die Posaun' sie weckt. :|: (rep.)
Mich hat sie aber gut bedacht –
Ihr Tod thut mir sehr leid –
Hat mich zum reichen Mann gemacht,
:|: Das war doch sehr gescheit. :|: (rep.)
Sechs Wochen trag' ich einen Flor
Und zeig' mich im Gewühl;
Die ganze Stadt soll seh'n, daß ich
:|: Ein Mann bin von Gefühl. :|: (rep.)

Unter ungeheurem Weinen und Schluchzen (großes weißes Schnupftuch.) Sie ist also verschieden! die gute, gute, selige Frau Bas. Oh – oh – welche Gefühle durchwühlen jetzt mein Inneres! Der schmerzerfüllte Ernst der durch das Schicksal dieses jüngsten tragischen Ereignisses gebotenen Gemüthsstimmung mit dem frohen Bewußtsein, daß die behagliche Fügung des Geldbesitzes mir die Lust des Lebensgenusses bietet und daß die drückende Last der Schulden, die mir wie ein riesiger Schatten auf meinen Pfaden folgte, von mir gewichen und ich nun auf dem Schlummerkissen meines ruhigen Gewissens mich süß in den Schlaf wiegen kann nach mühsam durchgekämpftem Tagwerke. Oh! oh!

Setzt sich auf einen Stuhl. (In gewöhnlichem Tone.) Aber heut' war's Bier wieder schlecht im »blauen Bock«. Elender Bierverkneiper! Von nun an werd' ich anders auftreten; denn ich bin ein wohlhabender Mann, so lang mir das Geld langt.

Unterdessen tritt Madame Grethl ein.

Casperl (fällt ihr in die Arme). Meine Grethl!

Grethl. Mein Casperl!!

Beide liegen sich einige Zeit schluchzend in den Armen.

Casperl. O Schicksal!

Grethl. Aber das Glück bei dem Unglück!

Casperl. Die gute Frau Bas! – (Hochtragisch) Nun heißt es stark sein, das Unerwartete zu tragen. So viel Geld hab'n wir noch nicht g'seh'n. Da schau her: lauter Thaler. Der Notar schickt's nachher 'rüber.

Grethl. Nur gleich eingesperrt, wenn's kommt, in unser Schlafkammer.

Casperl. Deine Ansicht ist auch die meinige.

Grethl. So – jetzt setzen wir uns noch a bißl daher und überlegen miteinander, was wir thun.

Casperl. Zünd' aber zuvor das Licht an; denn es wird schon dunkel und da fang' ich mich zu fürchten an – wegen dem Geld, das wir jetzt kriegen.

Grethl (macht Licht). Ei was! warum denn fürchten? Du bist doch ein kuraschirter Mann. Wer weiß denn was?

Casperl. Nur ruhig, Grethl! Sprich nicht so laut; man könnt' draußen Was hören.

(Es klopft an der Thüre)

Casperl. Wer klopft draußen?

Stimme draußen. Der Herr Notar läßt sich empfehlen und schickt einstweilen eine Abschlagszahlung am Legat.

Casperl. Da haben wir's schon. Ich laß'n gleich zur hintern Thüre 'rein gehen. Ich komm gleich hinaus. (Geht hinaus).

Grethl. Aha! Da kommt schon eine abgeschlagene Zahlung von der Erbschaft. Nur gleich in den Kasten d'rin eing'sperrt.

Man hört einigen Lärm im Nebenzimmer, dann kömmt Casperl wieder heraus.

Casperl. So, theure Grethl! Zwei Sackeln voller Thaler hat er gebracht! Ich hab's gleich eing'sperrt! Die sind gut aufg'hoben. Nachher kannst du's gleich anschauen, wenn wir in's Bett gehen.

Grethl. Ja das versteht sich. Aber morgen muß gleich das Erste sein, daß ich mir in aller Früh neue Kleider anschaffe; mit dem G'wand da kann ich mich nicht mehr sehen lassen. Das wär' eine Schand. Und um eine Köchin werd' ich mich auch gleich umschau'n. Ich rühr' dir kein Pfann'l mehr an. Nur unsern Kaffee mach' ich noch in der Fruh. Das eigentliche Kochen schickt sich nicht mehr für mich.

Casperl (mit halber Stimme). Mir ist Alles recht. Mach' was du willst. Aber ich bleib' bei meiner angebornen Lebensweis'. (Aengstlich.) Du – hast Nichts gehört? Ich mein' es hat sich da hinten Etwas gerührt. Des ist vielleicht schon ein Rauber oder wenigstens ein Dieb.

Grethl. Geh' weiter! sei doch kein solcher Hasenfuß.

Casperl. Ja, bedenk doch, daß wir zu ebener Erd' logiren. Da heißt's doppelte Vorsicht! ps! ps! nur still!

Grethl. A pah! Andere Leut' logiren auch zu ebener Erd'. Wir haben ein gutes Hausthor und gute Fensterläden.

Casperl. Jetzt weißt was, Grethl? jetzt machen wir alles gut zu und geh'n in's Bett. Meinen Nachttrunk hab' ich, und essen mag ich Nichts mehr. Die Ueberraschung hat mir allen Appetit verdorben.

Grethl. Aber nicht den Durst, wie es scheint! Mir ist's recht; ich bin auch schon schläfrig. Meine Nerven sind sehr angegriffen. So geh'n wir in die Schlafkammer.

Beide sehen nach, ob Zimmerthüre und Fenster gut geschlossen: dann ab durch die Seitenthüre.

Casperl. So – also gehen wir in's Bett! – Ich schau' schon später noch ein Mal nach. Vorsicht schadet nie, und jetzt gar – wo so viel gestohlen wird, und jetzt bei uns auch etwas zu finden wär'.

Beide ab durch die Nebenthüre. Dunkelheit. (Eine kleine Pause.)

Auf der Straße singt der

Nachtwächter.

Meine Herrn und Frauen laßt euch sagen;
Geht in's Bett, die Stund' hat geschlagen;
Es ist Zeit, begebet euch zur Ruh;
Machet jetzt den Bierkrugdeckel zu!
Was soll denn das lange Trinken nützen?
Setzet lieber auf die Schlafhaubenmützen;
Machet Reu und Buß; legt euch auf's Ohr,
Aber schließt zuvor gut Thür und Thor.

Casperl kommt aus der Schlafkammer, mit einem wollenen Nachtjanker und einer ungeheuren Schlafmütze.

Casperl (mit halb ängstlicher Stimme). Die Grethl schlaft schon wie ein Ratz. Aber mich laßt das Geld nicht ruhen und schlafen. Es gibt so viele Dieb' und Räuber, daß man nicht genug aufpassen kann. Daß ich eine Erbschaft von der Frau Bas gemacht hab', ist gewiß schon bekannt geworden – da bin ich keinen Augenblick sicher vor einem Diebstahl oder gar einem Einbruch! Auweh!

Was soll ich jetzt anfangen? Aufpassen, ob nicht ein Dieb kommt oder ein Mörder. Nachher mach' ich einen rechten Lärm und lauf' aus lauter Kurasch davon. (Man hört Schritte draußen auf der Straße.) Da geht schon Einer! Ps! Still! Da krappelt Was am Fensterladen. Die wollen mein Geld! Auweh, auweh! die Angst!

Tappt im Dunklen herum, fällt über einen Stuhl. Auweh, auweh! Da hat man mir eine Fallen gelegt! eine Mausfallen oder eine Fuchsfallen! (Seine Angst steigert sich.) Man wird jetzt gewiß gleich einbrechen! – Der Nachtwächter ist auch nimmer da! Jetzt bin ich ganz allein! Ich bin des Todes! Mein Geld, mein Geld! Da hör' ich wieder Einen ganz verdächtig auf der Gassen geh'n. (Lauscht.) Nein! ich glaub', es ist eine Katz'! Nein! Ich bin in Todesängsten: Hülfe! Hülfe! Man will mich ermorden. (Läuft voll Angst im dunklen Zimmer herum, fällt über Tisch und Stühle.) Feuer, Feuer! zu Hilfe!

Draußen rufen Leute: »Was gibts da drinnen?!«

Casperl. Zu Hülfe!

Stimmen draußen: »Brennt's da drinnen?! Aufgemacht!« (Man poltert an die Fensterladen.)

Casperl. Feuer, Feuer!

Draußen wird der Lärm immer ärger. Man hört Feuerruf. Casperl in Verzweiflung und Angst. Man hört das Feuersignalhorn. Die Hausthüre und die Fensterladen werden aufgebrochen. Müller tritt ein.

(Man hört Spritzen auffahren.)

Müller. Was gibt's da? wer hat Feuer gerufen? wo brennt's?

Casperl (stotternd). Ich – ich – ich – Räuber glaub'ich, vielleicht auch Feuer – – es kann ja wo brennen – – Auweh, auweh! Das ist ein schrecklicher Lärm.

Müller. Ah! Logiren Sie da, Herr Casperl? Ja, was machen's denn für ein' Spektakel? Feuerlärm? Für nichts und wieder nichts!

Casperl. Ich weiß von gar nichts! Ich glaub', ich hab' geträumt. Ah! Sie sind's, Herr Müller?

Müller. Sind Sie denn närrisch, Herr Casperl? Was ist das für eine Manier? Alles in Allarm zu bringen?

Grethl stürzt im Nachtcostüm zur Seitenthüre herein.

Grethl. Um's Himmelswillen! Was ist denn für ein Spektakl?

Müller. Ja. Madame. Ihr Herr Gemahl ist, glaub' ich, toll geworden; er hat von Mord und Brand geträumt und die ganze erste Compagnie Feuerwehr in Allarm gebracht.

Grethl fällt in Ohnmacht.

Müller (pfeift mit der Signalpfeife und ruft). Hören Sie auf, meine Herren! Es ist ein Irrthum!

Chor der Feuerwehrleute draußen.

Man hat ja mitten in der Nacht
Ganz närrisch hier Allarm gemacht!
Die halbe Stadt ist aufgeschreckt.
Obgleich gar Nichts dahinter steckt.

Der Kukuk weiß, was hier geschah!
Zu solchem Spaß sind wir nicht da!
Wir nicht da,
Nicht da,
Da, da, da!

Der Lärm hört auf, die Leute verlaufen sich, nur Müller bleibt.

Müller, Casperl und Grethl.

Müller. Das ist eine sehr fatale, unangenehme Affaire, Monsieur Casperl! Das kann man nicht so vorübergehen lassen. Ohne Zweifel werden Sie wegen nächtlicher Ruhestörung von der Polizei in Untersuchung gezogen werden, und die Strafe wird nicht ausbleiben.

Grethl. Ja, mein Mann hat manchmal gar so lebhafte Träum'!

Müller. Das bedaure ich; allein bei öffentlichen Angelegenheiten kann darauf keine Rücksicht genommen werden.

Casperl (in Positur). Oho! – Ich glaub', daß besonders jetzt, in unserer Zeit der deutschen Einigkeit, ein jeder Staatsbürger doch wenigstens träumen kann, was er will! Umsomehr da ich mich auch in der Lage befinde, daß es mir auf ein paar Gulden nicht ankommt! Nicht wahr, Grethl! Verstehen Sie, Herr Müller?

Grethl (zu Müller). Kann ich vielleicht mit einer Tasse Caffee aufwarten?

Müller. Ich danke recht sehr. Ich will mich jetzt entfernen und hoffe, daß Sie keine bösen Träume mehr haben. Es könnte Ihnen doch schlecht bekommen. Adieu. (Ab.)

Casperl. Ebenfalls adieu. Ich danke für Ihre vergebliche Bemühung.

Casperl, Grethl.

Grethl. Aber was hast Du jetzt für ein unnöthiges Spektakel gemacht!

Casperl (hochtragisch). Weib! – Diese Nacht war fürchterlich! Ich habe Martirstunden erlebt! Oh! – oh! – Diese Angst! diese Pein! – –

Grethl. Du bist ein Schafskopf! Solche Aengsten für Nichts! Jetzt geh'n wir wieder in's Bett. Ich will noch ein paar Stündeln schlafen. Morgen heißt's: früh auf! Denn ich will gleich in aller Früh allerhand einkaufen und anschaffen, wie sich's für uns jetzt schickt.

Casperl. Gut; aber zuvor laßt uns nach unserm Geld schau'n – und morgen: ein Fruhstuck – ein Fruhstuck! Grethl, du verstehst mich! Einfach – aber nobel: Caffee, Chocoladi, Bratwürst und was sich dazu gehört und so weiter et caetera – et, caetera – Bier, versteht sich!

Duett. Casperl und Grethl.

Casperl. O, welch ein Glück!

Grethl. O, welch ein Glück!

Beide. Nun sind wir wohl geborgen, Und haben keine Sorgen!

Grethl. Nun gibt es Rindfleisch, auch noch Braten.

Casperl. Und, wenn wir mögen, Carbonadeln.

Casperl. Ich brauche mich nicht viel zu plagen;

Grethl. Ich werd' jetzt seid'ne Kleider tragen.

Casperl. Ein Flasch'l Wein wird mich nicht mehr geniren,

Grethl. Und, wenn's uns freut, so fahren wir spazieren.

Beide.

O, welch ein Glück, o, welch ein Glück!
O, welch ein Glück, o, welch ein Glück!
Glück, Glück, Glück!
Glück, Glück, Glück!

Gehen Arm in Arm ab.

Ende der I. Abtheilung.

II. Abtheilung.

Dasselbe Zimmer. Tag.

Casperl sitzt bei einem copiosen Frühstück. Caffeekanne. Chocolade. Bierkrug. Weinflaschen Bratwürste etc. etc.

Casperl. Es ist wirklich so! Ich träume nicht; ich scheine zu wachen, denn acht Paar Bratwürsteln, Caffee dazu und Chocoladi und dazwischen d'rin zur Abkühlung und Abwechslung zwei Maß Bier – diese Gegenwart, diese Wirklichkeit spürt man auf die angenehmste Weis'! – Schicksal, ich bin mit dir zufrieden. Diese Nacht aber war theilweise unruhig. Erst beim Eintritte der Morgenröthe, die ich eigentlich nicht gesehen habe, duselte ich etwas ein. Die Feuerspritzeng'schicht hat mich ganz auseinander gebracht. Dem Herrn Müller werd' ich's aber denken. Das ist keine Manier, gleich mit einer Dampfspritzen einzuschreiten. Ueberhaupt war dieß ein voreiliger Diensteifer. Jetzt muß ich gar noch in die »Neuesten Nachrichten« eine Danksagung einrucken lassen! – Ich will mich aber a bißl ausspazieren, vielleicht zum »blauen Bock« hinüber, damit mich die Leut' in meinem schönen Trauerflor zu sehen bekommen.

Man klopft an die Thüre.

Casperl. Herein! Wer klopft?

(Mamsell Julie tritt ein; sie hat mehrere große und kleine Marchande de mode-Cartons, die sie gleich auf den Boden stellt oder fallen läßt.)

Julie. Ich wünsch' recht guten Morgen, Herr von Casperl!

Casperl. Aha, die nennt mich schon »Herr von«! Das macht die Erbschaft. Was wollen Sie denn, mein allerliebstes Fräulein?

Julie. Die Sachen da hat die Madame Grethl bei meiner Prinzipalin, der Madame Seidenfaden, gekauft und schickt's her. Auch die Rechnung dazu, und ich bitte um Bezahlung, weil die Frau Gemahlin das Geld dafür nicht bei sich gehabt hat und sich auch gleich einen neuen Trauerhut und ein schwarzes Wollkleid hat geben lassen, weil's ihr so gut g'standen ist. Darf ich bitten? 's ist schon quittirt und macht nur 100 Thaler aus.

Casperl. O, Sie Charmanterl! Nur hundert Thaler. Das ist ein guter Kauf! freilich nur ein trauriger! gehen's her; da haben Sie das Geld.

Julie. Danke höflichst im Namen der Madame Seidenfaden. Hab' die Ehre und wir recomandiren uns.

(Ab.)

Casperl (allein). Die Grethl fangt gut an, das muß ich sagen. Und die Schachteln! Ich mag's gar nit aufmachen! Was da drin Alles sein muß! (Es pocht wieder an die Thüre.) Oho, da klopft's ja schon wieder! Vielleicht wieder eine Marchande de mode. Also: Wer klopft?

Weibliche Stimme draußen: »Ich bin's«.

Casperl. Ja, wer ist denn dieser »Ich«?

Stimme: »Die neue Köchin«.

Casperl. Die neue Köchin?! – richtig! Die war ja schon auf dem Kuchenzettel von unserer neuen Wirthschaft. Nun – gehen's nur herein!

Lisi (furchtbar dicke Person, tritt ein). Ich hab' die Ehr' mich vorzustellen. Die Madame Casperl hat mich vor einer halben Stunde als Küchin aufgenommen und schickt mich zum Einstehen her.

Casperl (fällt in einen Sessel). Ah, ah! das ist ein Meisterwerk! Mir scheint, Sie kochen für sich selbst am allerbesten. Wie heißen Sie denn bei Ihrem Taufnamen?

Lisi. »Lisi« – wenn's Ihnen gefällig wär'.

Casperl. »Liserl«, das ist ein schöner Namen für so eine Figur, wie Sie sind. Wir werden schon gut auskommen mit einander. Schauen's nur gleich ein wenig in d'Kuchl hinaus.

Lisi. Das muß ich dem gnä' Herrn im voraus sagen: ohne Hausmagd oder Kuchelmagd neben mir bin ich das Dienen nicht gewohnt; das muß ich mir gleich ausbedingen, wenn die Madame nach Haus kommt; nun, sie wird nicht lang mehr ausbleiben, sie macht nur noch ein paar Gäng'.

Casperl. Ja, das ist ja herrlich! Brauchen Sie vielleicht einen Hausmeister auch noch für sich oder einen Lohnbedienten, der Ihnen den Marktkorb heimtragt?

Lisi Da braucht's gar keinen Spaß. Ueberhaupt, wie's Unsereins gewohnt ist, da werd' ich schon mit der Madame das Nähere ausmachen.

Casperl. Sie scheinen mir ja ein ganz charmanter Dienstbot' zu sein. Jetzt wissen Sie was? warten's a bißl auf meine Frau, oder kommen Sie später wieder. Ich muß jetzt ausgehen.

Lisi Wie Sie befehlen, gnä' Herr. Ich kann mich ja in der Kuchl einstweilen ein wenig umschauen.

Casperl. Schau'n Sie sich meinetwegen nach alle Seiten um. Ich geh' fort und komm' zum Essen wieder nach Haus. Kochen Sie fein was Gut's zum Einstand.

Beide ab. Grethl (in lächerlich moderner schwarzer Toilette) tritt ein. bald darauf Frau Stritzlhuberin.

Grethl. Das ist freilich ein ander's Leben! Wie mich die Leut' in meinen schönen Trauerkleidern ang'schaut haben! Den Respekt! Die Complimenter! Was das Geld nicht Alles macht! – Aber Geld hat's auch gekost't. Die Köchin draußen, die hat sich schon ganz eingericht't mit dem neuen Kuchelg'schirr. Heut muß sie uns gleich was Gutes kochen, damit der Casperl guten Humor's bleibt.

Wenn ich Alles zusammenrechn', so muß ich heut schon g'wiß so ein paar Hundert Thaler ausgegeben haben! Aber die Noblesse kost't Etwas; da kann man nicht sparen und deswegen haben, glaub' ich, die noblen Leut' oft gar so viele Schulden.

Frau Stritzlhuberin tritt unter großen Reverenzen ein.

Grethl (etwas vornehm thuend). No, das ist schön, daß Sie mir bald nachgekommen sind; freut mich ungemein. Jetzt können's gleich meine neue Kucheleinrichtung sehen und meine neue Köchin.

Stritzlhuberin. Aber die Schönheit! Die Pracht! Was Sie für eine Toilette haben! Ganz von Orleansstoff, nicht wahr? Unter zwei Gulden bekommt man die Ellen gar nicht.

Grethl. Da muß ich schon bitten; der Stoff allein kommt auf vier Gulden die Ellen. Zum Glück hab' ich Alles schon fertig gefunden. »Wie angegossen«, hat die Marchande de mode g'sagt. Und meine Figur und mein Wuchs darf sich sehen lassen, das hat sie auch g'sagt.

Stritzlhuberin. No, das will ich meinen! Was den Wuchs anbelangt – Madame Casperl – –

Grethl. Ich bitt' Sie, Frau Stritzlhuberin, nennen's mich doch nicht immer »Madame«; wir beide steh'n ja auf einem freundschaftlichen Fuß.

Stritzlhuberin. Nun, wenn Sie's erlauben, sag' ich wie allweil »Frau Casperl«, das heißt: Wenn wir unter uns allein sind.

Grethl. Heut' bleiben's aber bei uns zum Essen. Mein Mann wird gewiß den Herrn Thomerl auch einladen.

Stritzlhuberin. Mit'm größten Vergnügen, wenn Sie's erlauben. Ich geh' einstweilen ein wenig in die Kammer oder in die Kuchl 'naus, damit ich nicht genir', wenn eine Visit kommt, denn an denen wird's heut' nicht fehlen. (Ab, durch die Seitenthüre.)

Grethl. Wie's Ihnen beliebt, Frau Stritzlhuberin! ganz nach Ihrer Bequemlichkeit. Thun's nur, als ob's zu Haus wären. (Allein.) Jetzt muß ich mich recht im Spiegel schauen, eh' ich mein' Trauerhut 'runterthu'. – Ah, ah! (Stolzirt vor dem Spiegel auf und ab.) Ah! Ich denk': der Casperl könnt' mit einer solchen Frau zufrieden sein!

Wendet sich nach allen Seiten – tritt zurück gegen die Thür und stößt an den eintretenden Polizeidiener.

Polizeidiener Schnuffler. Bitt' um Verzeihung! – aber ich komm' in Amtsgeschäften. Ist der Herr Casperl nicht zu Haus?

Grethl. Was woll'n Sie von meinem Manne?

Schnuffler. Ich bin vom Herrn Polizeikommissär g'schickt.

Grethl. So? – Und was gibts denn so Wichtig's, daß man uns so mir nichts dir nichts mit der Polizei in's Haus kommt.

Schnuffler. Das wird der Herr Casperl schon erfahren, wenn er nach Haus kommt. Ich mein', ich hör'n schon draußen. (Casperl lärmt draußen.) Da ist er schon!

Casperl (benebelt). Kurz und gut! In wenigen Monumenten habe ich Viel geleistet – aber vom besten Affenthaler! Der Thomerl hat mir beigestanden. – Wer ist denn diese Figur bei der Grethl?

Schnuffler. Keine Figur, sondern Amtsperson – verstanden?

Casperl. Jedenfalls sind Sie hier sehr unnöthig, weil ich meinen Freund zu Tisch geladen habe, verstanden?

Schnuffler. Ich bin im Auftrag des Herrn Commissärs da; verstanden? Also bitt' ich um anständiges Benehmen.

Grethl geht hinaus.

Casperl (gibt ihm eine Ohrfeige). Sie haben mir kein Vernehmen vorzuschreiben. Verstanden? –

Schnuffler. Wie? wie? – Welch eine Grobheit! Das werde ich mir nicht gefallen lassen.

Casperl. Ob es Ihnen gefallt – oder nicht gefallt, das ist mir sehr einerlei. Ich bin hier Herr im Haus. Was geht das Sie an, wenn ich Jemanden eine Ohrfeige geb, verstanden?

Schnuffler. Der Jemand bin ich aber selbst. Verstanden? – Sie sind arretirt, Herr Casperl?

Casperl. Was? ich arretirt?! – Jetzt machen Sie nur gleich, daß Sie hinauskommen.

Packt ihn an. Prügelei. Beide fallen gegen die Thüre, zu welcher der Notar Stahlfeder hereintritt. Confusion. Thomerl kömmt auch herein. Furchtbarer Halloh.

Notar Stahlfeder (schreit). Ruhig, ruhig! – ein Mißverständniß! ein Irrthum!

Casperl. 'naus! 'naus!

Schnuffler. Ruhig! da bleiben, Ruhe! Im Namen der Polizei!

Casperl. Hier hat Niemand zu befehlen, als ich!

Er schlägt furchtbar um sich.

Köchin Lisi. Die Knödel werden hart! Hören's doch auf, meine Herren! – (Plötzliche Stille.)

Casperl. Ich hab' was von Knödeln gehört!

Schnuffler. Ist Sauerkraut auch dabei?

Notar Stahlfeder. Ich ersuche Sie, meine Herren – im Namen des Gesetzes!

Thomerl. Ich ersuche Sie ebenfalls – im Namen der Knödel!

Notar Stahlfeder. Wie ich gesagt habe, es war nur ein Mißverständnis. Herr Casperl, ich ersuche Sie, sich zu erklären.

Casperl. (vornehm, steigt auf den Tisch). Meine Herren! Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, wo wir vom Augenblicke des Monumentes hingerissen werden, allein der Mensch – –

(unterbrochen durch allgemeines Bravorufen – –)

Casperl. Ja, meine Herren, ja – der Mensch, der gewissermaßen im Selbstgefühle seines Bewußtseins (immer heftiger im Affecte sich steigernd) – im Bewußtsein, daß er, wie ich heute gethan, im Wirthshause seine Schulden bezahlt hat – meine Herren – –

Allgemeines »Bravorufen.«

Notar Stahlfeder. Ich bitt' um's Wort –

Geschrei: »Der Herr Notar hat das Wort.« Casperl wird vom Tisch herabpracticirt, der Notar steigt hinauf.

Allgemeines Bravo, Bravo.

Stahlfeder (auf dem Tisch oben). Meine Herren! Ich muß bemerken, daß Herr Casperl –

Schnuffler (ihn unterbrechend). daß der Herr Casperl wegen nächtlicher Ruhestörung zwanzig Thaler Strafe zu zahlen hat –

Casperl. Was, wie? ich? Das ist eine Chicanederie!

Schlägt den Polizeidiener.

Notar Stahlfeder. Ruhe! Ordnung!

Thomerl. Ich möcht' einmal zu meine Knödel kommen.

Köchin Lisi bringt an einer Gabel einen großen Knödel.

Allgemeines Geschrei: Bravo, Bravo.

Casperl (furchtbar schreiend). Ruhig, meine Herren! – Ruhe, Ruhe! Die Knödel!

Notar Stahlfeder. Zum Schlusse, zum Schlusse! – Es ist notorisch und gerichtsbekannt, daß Herr und Madame Casperl Larifari sich bereits in solche Ausgaben gestürzt haben (allgemeines Murren und Brummen), daß das Legat, welches ich aus der Erbschaftsmasse der verstorbenen Frau Hintermairin auszubezahlen habe und wovon ich über Abzug der Gerichtskosten den Rest mit 3 Gulden, hiemit überbringe, erschöpft ist. (Allgemeines Ah! Ah!) Die Wirthshausschuld im »blauen Bock,« die Einkäufe der Madame Casperl an Toilette und in's Haus – u. s. w. u. s. w. – übersteigen bereits das Capital. Dies Ihnen zu eröffnen, war die Absicht meines Erscheinens. Ich bedauere es lebhaft; allein es ist so und als Notar – –

Casperl. Hinaus mit dem Kerl; Hinaus! (Packt ihn an.)

Thomerl. Hinaus, hinaus mit dem Friedensstörer.

Allgemeines Gelchrei und Gebalge beginnt wieder, Notar und Polizeidiener werden hinausgeworfen.

Grethl. Casperl, es ist wirklich so, wir haben kein Geld mehr. Alles ist hin!

Fällt in Ohnmacht, Frau Stritzlhuberin ebenfalls.

Casperl (springt auf die Köchin Lisi, umarmt den Thomerl). Jetzt her mit die Knödel! jetzt ist der rechte Augenblick! Ich brauch' keine Erbschaft! und deßhalb weiden die letzten 3 Gulden sofort versoffen. Ich will nichts als mein' guten Humor! Vivat hoch! Ich will kein Geld.

Thomerl. Da hast recht, Freund meines Herzens! Jetzt sind wir erst kreuzfidel!

Casperl und Thomerl (mit der Köchin herumtanzend, singen).

Trala, tralala!
Trala, tralala!
O du lieber Augustin!
's Geld ist hin,
's Geld ist hin,
Alles hin!
Trala, trala!
Trala, trala!
Trala, trala!
Trala, trala!

Ein rauschender Walzer; mit welchem das Stück schließt.

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