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Lustiges Komödienbüchlein - Fünftes Bändchen

Franz Graf von Pocci: Lustiges Komödienbüchlein - Fünftes Bändchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
authorFranz Pocci
titleLustiges Komödienbüchlein ? Fünftes Bändchen
publisherVerlag der J. J. Lentner'schen Buchhandlung
year1875
firstpub1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070608
projectid06db5f6b
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Schimpanse der Darwinaffe.

Intermezzo in einem Aufzuge.

Personen.

Gerstenzucker, Professor und
berühmter Reisender.

Casperl Larifari.

Grethl, seine Frau,

Fräulein Blaustrumpf.

Bürgermeister Neurer.

Schöppler, Magistratsrath.

Thürmüller, Hausherr.

Spritzler, Magistratsdiener.

Ein Gerichtsdiener.

Schimpanse, ein Affe.

Leeres Zimmer.

Nur ein schlechter Stuhl steht in der Mitte, auf welchem Casperl sitzt und schlaft, Grethl (eintretend.)

Grethl. No! jetzt ist's Zeit zum schlafen! Casperl! Auf! auf! Hast gar Nichts zu thun, als zu schlafen? Essen, trinken und schlafen – das sind deine Gschäften, (rüttelt ihn.) Casperl (erwachend.) Oho! oho! was gibt's denn! (schnarcht.)

Grethl. Was's gibt? Der Hausherr war schon zweimal da. Unsere Meubel hat er schon auf die Gassen 'nunterstellen lassen. Auszieh'n heißt's! Fort aus'n Logie.

Casperl. Jetzt hab ich so sanft geruht und du weckst mich auf wegen dem Bagatell. (tragisch) Furchtbares Verhängniß! Ha, ich weiß es. Das schauerliche Ende eines Monats ist eingetreten. Schicksal! ich frage dich: Warum? warum, rum, rum, rum etc.?

Grethl. Warum? – darum: Weil'st schon drei Monat den Zins wieder nicht bezahlt hast. Jetzt ziehn wir heuer schon das fünfte Mal aus. Es ist ein wahre Schand!

Casperl. Dieses Aus- und Einziehen ist aber doch allweil eine gesunde Beschäftigung. Ein sogenanntes Wanderleben, eine Art Nomaderie.

Grethl. Ja – kein Mensch will uns mehr im Haus behalten wegen deiner saubern Wirthschaft.

Casperl. Was? Wer soll denn die Wirthschaft sauber halten? Wer? – das Woib, welches schon seit Adam und Eva zur Wirthschaftshalterin bustimmt ist. Was sagen Sie dazu? Madame?

Grethl. Was ich sag? – Daß du das schlechte Element im Haus bist. Ohne mich wären wir schon längst zu Grund gegangen.

Casperl. Das ist schon gar nicht wahr und nicht möglich. Es gibt nur vier Elemente: Luft, Feuer, Erde und Wasser. Ein Fünftes existirt nicht, also kann ich schon gar kein Element sein. Das heißt man Logik.

Grethl. Sei still mit dein'm Gschwätz. Schau dich lieber um ein Logie für uns um. Wir können doch nicht auf der Gassen schlafen.

Casperl. Wär' auch nicht übel. Unter Tags im Freien und Nachts im Wirthshaus. Bräucht' man nicht einz'heizen. – Aber ich bin der Mann! Und ich will es sein. Jetzt merk' auf, theures Woib: Drin auf'm Fensterbrettl ruht ein einsamer Sechser, eine jetzt noch gangbare Silbermünze. Nimm diesen Gegenstand und begib dich damit zur Basen, der Frau Schneizlhuberin. Macht's euch einen Caffé, und dort erwarte mich.

Grethl. Ein' Caffé? um ein' Sechser für zwei Personen?

Casperl. Die Schneizelhuberin soll auch einen Sechser dazulegen, nachher könnt ihr auch noch eine Bretzen dazu haben. Unterdessen werde ich in das Leben hinausstürzen und eine Logiesuchungswanderfahrt unternehmen. Also jetzt fort, fort, hinaus! (Es klopft an die Thüre) Wer kommt denn da wieder?

Thürmüller (tritt ein) Ich bin's, Herr Casperl. Heut schon zum dritten – aber letzten Mal. Machen S' nur gleich, daß aus'n Haus kommen.

Casperl. Herr Thürmüller, das ist nicht die Manier, wie man mit gebildeten Leuten und soliden Partheien sich zu benehmen hat. Ich weiß sehr gut, daß ich Ihr miserables Logie zu verlassen habe; allein der Anstand würde erhuischen, daß Sie mit der Modification zeitgemäßer Rücksicht auf ein Familienetablissement zweier allgemein respectirter kinder- und elternloser aber nicht sittenloser Personen, wie ich und meine Gemahlin, ihre nicht unbilligen Forderungen zu rectificiren belieben möchten und nicht als ein wirklicher Thürmüller einem mit der Thür in's Haus fallen.

Thürmüller. Das ist mir Alles Einerlei. Sie haben drei Monat Ihren Zins nicht bezahlt, ich hab' Ihnen aufg'sagt, also: Marsch, aus'm Haus!

Casperl. Was? wie? »Marsch.« Auf welcher Stufe von Bildung stehen Sie, daß Sie einen Ausdruck gebrauchen, den man schon vor dem neuen preußischen Reglement nur aus dem Exercirplatze gehört hat?

Thürmüller. Jetzt machens nur keine Flausen. Zahlen S' mir meine 15 Gulden und machen S' daß fort kommen. Es zieh'n andere Leut ein.

Casperl. Was die 15 Gulden anbelangt, so ist das eine Kleinigkeit, von der wir gar nicht reden wollen.

Thürmüller. Was – nicht reden? Machen Sie oder ich mach' Ernst.

Casperl (gibt ihm eine Ohrfeige.) Da haben Sie eine kleine Abschlagszahlung.

Thürmüller (schlägt ihn ebenfalls.) Und da haben S' die Quittung.

Casperl. So ist's recht! Zahlen und quittiren!

(Unter Geschrei und Balgerei alle zur Thüre hinaus ab.)

Verwandlung.

Zimmer des Professor Gerstenzucker.

Schreibpult, Karten, Globus, ausgestopfte Thiere, Retorten, Gläser. Bücher ad libitum characteristisch ausstaffirt.

Gerstenzucker sitzt in seinem Lehnstuhle am Schreibpulte. Vor ihm auf dem Boden liegt ein todter Affe.

Gerstenzucker. Er ist dahin! Mein treuer, guter Schimpanse – Erschrecklich! Dieses kostbare und unersetzliche Exemplar! Das wichtigste Resultat meiner Reise um die Welt! – Was fang' ich jetzt an? Der lebendige Beweis des Darwinismus, das evidenteste Subject für die Theorie, daß das Menschengeschlecht seinen Ursprung nur im Affen zu suchen hat; und wie weit in der Cultur war er durch meine Erziehung gebracht! Er war beinah schon ganz Mensch (es klopft) und nun ist er eine Leiche!

Jetzt gerade eine Störung. Man soll nicht wissen, daß mein Schimpanse krepirt ist.

Casperl plumpst durch die Thüre herein auf den Boden.

Casperl. Bitt' um Verzeihung, gehorsamster Diener! die Thür' muß nit recht zug'wesen sein. Bitt unterthänigst – –

Gerstenzucker. Wer sind Sie mein Herr, daß Sie so ohne Weiteres eindringen?

Casperl. Wer ich bin? Ach! ein Unglücklicher, Hoimathloser.

Gerstenzucker. Wie so? Was wollen Sie hier?

Casperl. Ich habe in einem Blattl ausgeschrieben gelesen, daß ein Herr Professor einen Budienten sucht, auf dessen Redlichkeit und Fleiß er sich verlassen könne. In dem Anfragsbureau hat man mich hieher gewiesen. Und da bin ich halt gschickterweis gleich höflich zur Thür hereingfallen.

Gerstenzucker. Sie suchen also einen Dienst? (für sich) Ein curioses Exemplar, das.

Casperl. Ja, ich suche einen Dienst, aber allein nur meiner Xalifixation angemessen und einen der Befriedigung meiner Substanz entsprechenden Aufenthalt.

Gerstenzucker. (für sich.) Der kömmt mir gelegen. Vielleicht könnte ich ihn wohl gebrauchen. (zu Casperl) Wo haben Sie Ihre Zeugnisse? Ihre Referenzen?

Casperl. Ich busitze weder Zeugnisse noch Deferenzen. Wer nicht meiner Phusionomie traut, wer (erhaben) mir nicht offen und ehrlich in mein blaues Auge schauen kann – der ist nicht mein Mann. Ich war bisher freier Staatsbürger – –

Gerstenzucker. Sie sind also wohl durch Verhältnisse genöthigt, einen Dienst zu suchen?

Casperl. O ja! sehr ja! (seufzt) die Verhältnisse, die Stricksale, die Wirren – Zwirren – – Alles, Alles – –

Gerstenzucker. Gut. Ich will es mit Ihnen versuchen, wenn Sie auf meine Bedingungen eingehen.

Casperl. O sehr, denn ich bin schon oft eingegangen.

Gerstenzucker. Sie werden gut bezahlt und gut genährt. Ich hatte die Fatalität, meinen bisherigen treuen Diener zu verlieren –

Casperl. Und nicht mehr zu finden?

Gerstenzucker. Verloren – durch den Tod! Hier ist seine Leiche.

(Casperl sieht den todten Affen, macht einen Sprung zurück.)

Casperl. Pfui Teufel! dieser Budiente hat ja einen Schwoif?

Gerstenzucker. Ich habe ihn zwar als Wilden aus Africa mitgebracht; allein er war ein treffliches Subjekt.

Casperl. Und jetzt soll ich dieses Vieh vorstellen?

Gerstenzucker. Es ist meine Livrée. Nun, also? –

Casperl. Erlauben S' nur, daß ich mich ein bißl businne, (für sich) Gut bezahlt, gut genährt. 25 fl. monatlich muß er mir geben. – Ah, auf einige Zeit kann ich's ja probiren und auf die Maskerad kommt's mir auch net an; da kennt mich kein Mensch – auch meine Grethl nicht. Das gibt einen Hauptspaß. – (zu Gerstenzucker) Mir ist's recht und ich bin dabei; aber monatlich fünf und zwanzig Gulden und Alles frei!

Gerstenzucker. Einverstanden. Folgen Sie mir in das Nebenzimmer. Nehmen Sie Ihren Vorgänger mit. (ab durch die Seitenthüre.) (Unter komischem Zögern zieht Casperl den todten Affen am Schwanze nach und folgt dem Professor.) Fräulein Blaustrumpf in extravaganter Toillete. (tritt großartig durch die Hauptthüre.)

Fräulein. Alle Thüren, offen! Freier Eintritt in das Heiligthum der Wissenschaft. Dieß ist groß! dieß ist würdig! – So denke ich mir auch den Mann. Nun soll ich ihn kennen lernen, Aug in Aug! diesen berühmten Mann. Schon dieses Zimmer, in welchem sein Geist schafft und wirkt, ist eigenthümlich reizend. All diese Objecte! Und hier auf seinem Pulte noch die kaum eingetunkte Feder! keine Stahlfeder! Nein! der alte würdige Kiel! Auch dieß ist eigentümlich und groß. – – Er kömmt!

Casperl mit Affenmaste vor dem Gesichte und hinten an der Hose ein langer beweglicher Schwanz. im Uebrigen ganz in seinem gewöhnlichen Costüme, Spitzkappe auf dem Kopf etc. tritt ein und glotzt das Fräulein an.

Fräulein. Ach! was seh ich? – Dieß ist wohl sein Schimpanse – sein Diener. Merkwürdig! (spricht ihn an) Schimpanse! Schimpanse!

Casperl macht ungeheuere Reverenzen und Sprünge.

Casperl (für sich.) Was ist denn das für eine curiose Figur?

Fräulein. Wie kann ich mich ihm wohl verständlich machen! Ist der Herr Professor zu Hause? Monsieur le Professeur, est-il chez lui?

Casperl (sehr schnell.) Ja, ja, ja, ja, oui, oui, oui, oui! (streckt den Schwanz in die Höhe.)

Fräulein. Intelligentes Wesen! – Willst du mich melden? Fräulein Blaustrumpf.

Casperl (springt auf den Tisch.) Pr, pr, pr, pr, pr!

Fräulein. Ich bin Privatgelehrtin und Touristin.

Casperl. Schnurrnurrschnurrnurristin! (lacht fürchterlich, springt mit einem Satze durch die Seitenthüre ab.)

Fräulein (allein.) Allerliebst! Da sieht man es unwiderlegbar: Darwin hat recht. Ein Affe und so intelligent, wie irgend ein menschliches Wesen – allerdings zwar auf etwas niedrigerem Culturstandpunkte; so mögen wohl die Urmenschen gewesen sein. – Er naht, der süße, holde Gerstenzucker!

Casperl ohne Affenmaske im Schlafrock.

Casperl (im Eintreten für sich.) Mein Professur schlaft, also kann ich's riskiren, den Herrn zu spielen. (zum Fräulein) Ha! Ah! Ha! habe die Oehre; also Fräulein Blaustrumpf? selbst Stiftschrellerin? Sehr erfroit, die Ehre zu haben.

Fräulein. Ja, ich bin Adalgise Blaustrumpf. Glücklich, wenn Ihnen vielleicht mein unbedeutender Name schon einmal vorgekommen!

Casperl. O sehr, sehr – budeutend! budeutend!

Fräulein. Mein sehnlichster Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich – eine Ihrer größten, begeistertsten Verehrerinen – stehe nun an dem Born der modernen Wissenschaft dem Träger des Darwin'schen Systemes!

Casperl (immer sehr Hochdeutsch.) Allerdings, Mademoisell.

Fräulein. O, wie könnte ich ihnen huldigen?

Casperl. Sie schuldigen mir gar Nichts. Apripos! Wie gefällt Ihnen mein Affe! a netter Kerl, nit wahr?

Fräulein. Der lebendige Beweis für die neue Lehre. Wie vortrefflich erläutern Sie dieß in dem 45. Hefte Ihres Journals »die Weltkugel!«

Casperl. Was? – Weltkugel? Weltkugel? Kegelkugel, Kegelkugel – ja, ja, ja, ja, ja!

Fräulein. Nicht wahr? Sie haben dieses Exemplar von Ihrer letzten Reise aus dem südlichsten Spitze Südafrica's mitgebracht?

Casperl. Ja, aus der niedlichsten Spritze von Saffrica. (für sich) Das Fragen wird mir zwider. (laut) Das Sprüchl aus'm ABC Büchl wissen Sie gwiß:

»Der Affe gar possirlich ist,
»Zumal, wenn er den Apfel frißt.«

Fräulein. Bitte, bitte: Solche Naivität bei solcher Gelehrsamkeit?

Casperl. Womit kann ich eigentlich aufwarten?

Fräulein. Herr Professor haben auf Ihren großen Reisen doch höchst interessante Momente erlebt.

Casperl. O ja, die Monumente besonders; – allein meine Monumente sind kostbar und ich bin immer sehr auf das Honorar für meine kostbare Zeit gespannt, sogenanntes douceur?

Fräulein. Sehr natürlich (etwas überrascht). Ich hätte mir so gerne die Freiheit genommen, Ihnen die ersten Bogen meiner neuesten Novelle vorzulesen –

Casperl. Forelle? blau abgsotten oder gebacken?

Fräulein. Die Novelle heißt: »Der Sieg des Geistes über die Finsterniß.«

Casperl. Ha! »Finsterniß!« da muß es sehr dunkel, sehr dunkel sein. Aber – meine Zoit ist sehr kostbar, wessen-wegen ich mir alle Visiten bezahlen lasse, wie die Doktoren, die die Leut umbringen.

Fräulein. Da will, ich nicht länger stören und werde ein andermal so frei sein – – (will fortgehen).

Casperl. Halt e bißl, das geht nicht so schnell. Zuerst fünf Gulden – nachher können S' abblitzen.

Fräulein Wie – Herr Professor? – sonderbar – in Ihrer Stellung? – – ?

Casperl. Nicht sonderbar, sondern bar. Wenn nicht – so könnte ich einige gelehrte Gewaltmittel in Anwendung zu bringen mir erlauben.

Fräulein. Es ist nicht möglich, solch ein Betragen! Sie wollten – – ?

Casperl. Ja, ich wollte – kurz, wenn Sie nicht einen Fünfguldenschein hergeben, so werden Sie dieses Zimmer auf eine etwas ungenehme Manier verlaßen – –

Fräulein. Das überschreitet Alles! Ich gehe, aber enttäuscht!

Casperl. Nur, hinaus, wenn Sie nicht zahlen.

Fräulein. Schändlich! –

Casperl stößt sie hinaus.

Professor Gerstenzucker stürzt aus dem Nebenzimmer herein.

Gerstenzucker. Was ist das für ein Lärm?

Casperl. Nur ein kleiner Wortwechsel.

Gerstenzucker. Aber was sehe ich? Wer hat Ihnen erlaubt, meinen Schlafrock anzuziehen? Welche Kühnheit!

Casperl. Glauben Sie denn, daß ich alleweil den Affen machen will? Ich bin gleich auch einmal als Professor aufgetreten. Sie können Ihren Affen bisweilen selber machen.

Gerstenzucker. Was fällt Ihnen ein? In einer solchen Weise beginnen Sie, Ihre Dienste bei mir zu leisten?

Casperl. Jetzt bin ich schon einen halben Tag bei Ihnen und hab' noch kein' Bißen zu Essen und keinen Schluck zum Trinken bekommen!

Gerstenzucker Welch ein Benehmen! Er ist der Diener, und ich bin der Herr. Schweig Er also! Das Uebrige wird sich finden.

Casperl. So also? da muß ich schon anders auftreten.

(Schlägt den Professor.)

Gerstenzucker. Schändlicher Bursche! (dringt auf Casperl ein.) (Balgerei, in welcher beide durch die Seitenthüre abgehen.)

Verwandlung.

Offene Straße in der Stadt.

Grethl, später Spritzler.

Grethl. Zwei Stunden hab' ich jetzt schon auf den Casperl gewart'. Wo steckt der wieder? Er hätt' mir schon lang die Antwort bringen können, ob er ein Logie für uns g'funden hat. Gewiß ist er wieder in einem Wirthshause hängen geblieben. Der Mensch ist unverbesserlich. Da kommt ja der Magistratsdiener; der hat's aber pressant heut!

Spritzler (eilt herein) Guten Morgen, Madame. Halten'S mich nur nit auf; ich hab' keinen Augenblick Zeit.

Grethl. Nu, was gibt's denn gar so Wichtig's?

Spritzler. Nu – denken S' Ihnen Madame Casperl: Dem Professor Gerstenzucker ist sein Aff ausgekommen. Sie kennen ihn ja?

Grethl. Freilich! Ich haben schon öfters mit seim Affen spazieren gehen sehen. Der ist aber ganz zahm; wie a Lampl ist er mit ihm gegangen.

Spritzler. Nun, das Vieh ist auf einmal rabiat worden, hat'n Herrn Professor selbst beutelt und ist ausg'sprungen.

Grethl. Das kann aber ein Unglück geben.

Spritzler. Er ist zwar ein gelehrter Aff, aber halt doch ein Aff. Er beißt und kratzt wie die Andern. Beim blauen Bockwirth ist er gleich 'neingrumpelt, hat'n Wirth, d' Wirthin, d' Kellnerin abgebeutelt, hat sich Bier und Wurst geben lassen und ist nacher zum Fenster 'nausgsprungen.

Grethl. O mein, o mein! Wenn ihm nur mein Casperl nicht in die Händ lauft –

Spritzler. Jetzt hat man ihn –

Grethl. Den Casperl? –

Spritzler. Nein – den Affen, beim Caffetier unter die Bögen hineinspringen seh'n. Ich hab' den Befehl, ihn zu fangen; aber ich muß erst einen Gerichtsdiener requiriren; denn allein trau' ich mich nicht über das wilde Thier. Adieu, Frau Casperl. Ich kann mich nimmer aufhalten. (ab.)

Grethl. No machen 'S nur, daß'n bald kriegen.

(nach der andern Seite ab.) Bürgermeister Neurer und Magistratsrath Schöppler, [letzterer ungeheuer dick und rothnasig] treten zusammen auf.

Neurer. Das ist doch wirklich eine tolle Geschichte, Herr Magistratsrath: Ein Aff bringt die halbe Stadt in Allarm.

Schöppler. Da müssen Sie halt eine Sitzung zusammenberufen, Herr Bürgermeister.

Neurer. Aber ich bitte Sie, Herr Rath! Eine Sitzung wegen eines ausgekommenen Affen.

Schöppler. Das Ereigniß ist ein novum. Da können Sie nicht ohne Magistratsbeschluß verfügen .

Neurer. Ein einfacher Polizeifall! Da muß ich mir freie Hand vorbehalten.

Schöppler. Und ich meinerseits als Rathsmitglied müßte protestiren – nach Paragraph 125 des neuen Polizeistrafgesetzes und nach Paragraph 9 der Gemeindeordnung. Das Gesetz bestimmt noch dazu öffentliche Sitzung.

Neurer. Ich bin gewiß möglichst für Collegialverfahren und öffentliche Verhandlung, allein hier liegt ein Ausnahmsfall vor, wo rasches Einschreiten angezeigt ist. Ich nehme die Verantwortung auf mich als Bürgermeister.

Schöppler. Das ist Ihre Sache, Herr Bürgermeister. Wenn Sie den Gegenstand so auffassen, kann ich Nichts dagegen haben. Ich gehe vorläufig auf einen Schoppen in's Weinhaus. Wenn Sie mich brauchen, so kann man mich dort finden.

Geschrei hinter der Scene:

Halts'n auf! fangts'n!

Andere Stimmen:

Der Aff, der Aff!

(Neurer und Schöppler fahren erschreckt auseinander.)

Neurer. Das ist kein Spaß, Herr Magistratsrath!

Schöppler. Da haben wir's. Da kommt der Aff! Hätten Sie nur gleich eine Sitzung anberaumt.

(Casperl in der Affenmaske springt herein, rumpelt Neurer und Schöppler über den Haufen, macht die tollsten Sprünge. Neurer läuft davon. Schöppler fällt auf den Bauch, Casperl prügelt ihn, Schöppler rafft sich auf und geht ab.)

Casperl. Platz, Platz! Gikeriki! Pr, pr, prrrrr. (lacht ungeheuer.) Das ist a Gspaß! Das freut mich! Alle fürchten's mich. Mein' Hausherrn hab' ich auch umgerennt! – Aber jetzt muß ich wirklich a bißl ausschnaufen. Gegessen, getrunken, was in mich hineingegangen ist – beim blauen Bockwirth, im Casfeehaus, im Schnapsladel – nacher das Springen und Laufen! – no! das eschofferirt weiter net! Potz Schlipperment! Da seh ich meine Gattin kommen. Mit der muß ich auch einen Jux haben. Ich versteck mich. (stellt sich hinter die Coulissen.)

Grethl (tritt ein.) Das ist erschrecklich, was der Aff für eine Rebellion macht. Kein Mensch traut sich mehr aus'm Haus. Ich muß nur machen, daß ich heim komm. Mein Casperl hab' ich auch nirgends gfunden!

Casperl (springt von rückwärts auf Grethl und packt sie.) Pr, pr, prrrr!

Grethl (schreit furchtbar.) Auchweh! auweh! Der Aff! Helft's mir! Ich bin verloren!

Casperl. Du, du, du – abscheulichs Weib!

Grethl. Laßen's aus, Herr Aff, ich bitt gar schön!

Casperl. Wo ist der Casperl?

Grethl. Ich weiß net, wo mein lieber Mann ist. Wolln'n Sie vielleicht was Gut's? oder einen Kaffee? Was Sie wollen, kriegen'S. Laßen'S nur aus! Sie droßeln mich ja. (Casperl brüllt und brummt.) Im Hintergrund erscheinen Spritzler und der Gerichtsdiener.

Spritzler. Da ist der Kerl!

Gerichtsdiener. Jetzt aufgepaßt! Kourasch! So krieg'n wir'n gleich. (Beide stürzen von rückwärts aus Casperl und halten ihn fest.)

Spritzler. Haben wir dich Bestie?

Casperl Oho – ho – ho, pr, pr, prrrr! (Grethl läuft davon.)

Spritzler. So, jetzt nur gleich aus'n Magistrat mit dir. Da wird man Dir's schon zeigen.

Gerichtsdiener. Ja, da wird man dir Mores lehren!

(Führen Casperl ab.)

Verwandlung.

Amtszimmer auf dem Rathshause.

Neurer. Das wäre doch des Gukuks, wenn man der Bestie nicht habhaft werden könnte! Ich habe aber alle Maßregeln getroffen. Der Professor Gerstenzucker muß jeden Augenblick hier erscheinen. Ich muß mich doch mit ihm in's Benehmen setzen und hab' ihn deßhalb eventuell citirt, damit er gegenwärtig ist, wenn man den Affen arretirt hat. (es klopft.) Herein!

Prof. Gerstenzucker mit verbundenem Kopfe tritt ein.

Neurer. Ah, Herr Professor! Freut mich, die Ehre zu haben. Aber in welch' einem Zustande?

Gerstenzucker. Ich weiß nicht, was mein sonst so zahmer Schimpanse plötzlich für einen Anfall von Wildheit gehabt, daß er mich, seinen Wohlthäter, so mißhandelt hat. Er ist eigentlich ganz sanfter Natur.

Neurer. Bedaure sehr; aber, aber: naturam expellas, tandem ...

Gerstenzucker. Ich kann nur vermuthen, daß er über die Flasche Branntwein gekommen ist, welche ich zum Experimentiren gebrauche und aus Versehen auf dem Schreibpulte stehen ließ.

Neurer. Nach Allem, was ich amtlich erhoben, scheint doch seine animalische Tendenz noch zu prävaliren; denn er hat sich unbändig benommen und große Wildheit geoffenbart. Ohne Zweifel wird er aber bald eingebracht werden. Ich habe wackere, couragirte Leute.

Gerstenzucker. Wenn man ihn bringt, zweifle ich nicht, daß er, wie er mich sieht, gleich beruhigt wird. Bisher folgte er mir wie ein Kind; ich habe ihn bereits ein Jahr bei mir und nicht das Geringste kam vor.

Neurer. Nicht wahr? Sie haben ihn aus dem uncultivirtesten Theile Afrikas?

Gerstenzucker. Allerdings: Er ist ein Schimpanse aus den antidiluvianischen Urwäldern, ein Darwinexemplar.

Neurer. Ich bin auch ganz der Ansicht, daß die Menschheit ursprünglich ein Affengeschlecht war. Das System ist so klar, so einfach, so natürlich und dem Fortschritt der modernen Wissenschaft ganz angemessen, überhaupt – – (Lärm draußen.) Aha! ich denke, man bringt ihn. (Retirirt sich hinter das Amtspult.) Spritzler und Gerichtsdiener bringen Casperl gebunden herein. Casperl macht einen ungeheuern Sprung auf den Professor.

Gerstenzucker. Toller Kerl! haben sie dich? Was machst du aber auch für Streiche? Geschah dir ganz recht. Du brauchst wohl wieder einmal die Peitsche.

(Casperl brüllt und macht pr, pr, prrrr.) Sei nur ruhig und brav.

Neurer. Wünschen Sie, daß ich den Delinquenten in amtliches Verhör nehme. Dann müßte ich Sie bitten, den Dollmetsch zu machen.

Gerstenzucker. Ich denke, es wird nicht nöthig sein.

Neurer. Jedenfalls ist der Vorfall für Sie nicht ohne Folgen. Es sind bereits Klagen auf Schadenersatz eingelaufen, actio de pauperie. Der Kerl hat viel Unheil angefangen .

Gerstenzucker. Fatal für mich, allein ich werde wohl bezahlen müßen. (Für sich.) Ich darf den Kerl nicht verrathen, sonst ist mein Ruf compromittirt.

Casperl (bei Seite zum Professor.) Jetzt müssen Sie mich schon als Affen gelten lassen, bis wir draußen sind, sonst sind Sie als Lügner und Betrüger elend blamirt. Und wenn wir zu Haus sind, bitt ich mir 50 fl. aus, damit ich's Maul halt.

Gerstenzucker. Nur still und ruhig. Wir werden uns leicht verständigen. Ein Mann ein Wort.

(zu Neurer:) Ganz und gar, wie ich Ihnen voraus sagte. Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Bürgermeister, so werde ich ihn jetzt wieder nach Haus nehmen.

Casperl. Juhe, Juhe! (Springt in die Höhe.)

Gerstenzucker. Ruhig Schimpanse! Sie sehen, wie er sich heim freut.

Neurer. In der That, ein komischer Bursche. Doch muß ich amtlich bitten, daß Herr Professor für die Zukunft Caution stellen wegen allenfallsigen ähnlichen fatalen Vorkommnissen. Was die Entschädigungsansprüche betrifft, werde ich mein Möglichstes thun, daß annehmbare Vergleiche zu Stande kommen. Es steht ganz bei Ihnen, sich jetzt zu entfernen.

Gerstenzucker. So komm mein Bürschchen. Mach hübsch deine Complimente. (Casperl macht ungeheuere Reverenzen.)

Neurer. Ei, wie liebenswürdig jetzt!

Gerstenzucker. So hab ich denn die Ehre, mich zu empfehlen.

(Ab mit Casperl.)

Neurer. Es ist doch eigentümlich, was für merkwürdige Fälle sich in einer großen Stadt ereignen können.

Schöppler fällt durch die Seitenthüre herein auf den Boden.

(Im Aufstehen.) Herr Bürgermeister, haben wir also keine Sitzung?

Neurer. Nein, Herr Magistratsrath; allein es scheint, daß während ein Affe hinaus ist, Sie den Andern herein bringen!

Der Vorhang fällt.

Ende.

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