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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Der Karneval von Dudenrode

Die Weihnachtsferien waren vorüber. Natürlich waren sie viel zu schnell den Schülern entschwunden. »Eheu! fugaces labuntur anni!« konnte sich der Primaner Quirinus Hammerschlag nicht enthalten, aus seinem Lieblingsdichter Horaz zu citieren. »Wie Räder am Wagen, Herr Posthalter, entflieht die Zeit!« übersetzte er, als er den Postwagen bestieg, welcher ihn aus seinem Heimatdorfe wieder nach der Provinzial- und Gymnasialstadt Dudenrode bringen sollte.

Das Wintersemester nahm seinen Fortgang. »Und ob alles in ewigem Wechsel kreist, es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist – und der Stundenplan von Dudenrode!« deklamierte der Sekundaner Thomas Kietz frei nach Schiller, den er mit Begeisterung den Poeten seiner Seele nannte.

Es war an einem Abend in der ersten Hälfte des Januar. In dem Spielsaale des Schülerpensionats, welches der Herr Professor Werner in Dudenrode hielt, saß nach beendigtem Silentium und Abendessen eine Schar von zwanzig Knaben und Jünglingen (»König Arthurs Tafelrunde« nannte sie der Pennälerwitz) um den großen runden Tisch, welcher vom Lichte einer dreiarmigen Hängelampe erleuchtet war. Im Ofen bullerte ein kräftiges Feuer, draußen wisperten gegen die Fensterscheiben die in dichten Geschwadern niederfallenden Schneeflocken, und der Wind heulte stoßweise durch die stillen Straßen; es war urgemütlich in dem Spielsaale. Die Knaben waren mit verschiedenen Handarbeiten beschäftigt, während der Tertianer Simeon Teupel aus einem Buche vorlas. Dieses Buch waren Andersens Märchen, und das Märchen, welches Teupel mit etwas orakelhafter Stimme seinen Kameraden zu Gemüte führte, war das »Zwölf mit der Post« betitelte. Es wird darin erzählt, wie in der Sylvesternacht, punkt zwölf Uhr, die große Postkutsche mit schallendem »Trataratra!« in die Stadt fährt und zwölf Passagiere bringt, nämlich die zwölf Monate, die recht launig vom Dichter charakterisiert werden. Der erste ist selbstverständlich der Januar, ein ganzer Mann, in einen Bärenpelz gehüllt und mit Pelzstiefeln an den Füßen, der Mann, auf welchen gar viele ihre Hoffnungen setzen u. s. w. »Darauf,« las der Tertianer Simeon Teupel, »kam der nächste; er war ein Spaßvogel, war Arrangeur von Komödien, Maskenbällen und allen nur erdenklichen Lustbarkeiten. Sein Gepäck bestand in einer großen Tonne. Die soll uns zu dem Fastelabende viel Stoff zur Heiterkeit hergeben, sagte er. Ich will andre und auch mich belustigen, denn ich habe aus der ganzen Familie die kürzeste Lebenszeit, ich werde nur achtundzwanzig. Vielleicht schaltet man noch einen Tag ein; aber das ist ebensoviel. Hurra!«

Der Vorleser rief dieses zum Texte gehörige Wort »Hurra!« so kräftig, daß seine Zuhörer sich flugs veranlaßt fühlten, dasselbe mit einem zweiten schallenden »Hurra!« zu beantworten, was Simeon Teupel einigermaßen unwirsch machte, weil er sich in seinem Vorleseramt gestört fühlte. Darum citierte der Sekundaner Thomas Kietz aus seinem Lieblingsdichter Schiller, mit Hinweis auf Teupel und sein Hurra:

»Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht' er's im Busen gern bewahren.«

»Da die Vorlesung nun einmal unterbrochen ist,« bemerkte der Primaner Friedrich Försterling, »so möchte ich en passant erwähnen, daß ich vor kurzem ein andres Sylvestermärchen, von Heinrich Seidel, las, betitelt »Die Monate«; darin wird der Narrenmonat Februar noch hübscher geschildert als bei Andersen. Im Nobiskrug, so erzählt Seidel, beugte sich hinter dem in weißen Pelz gekleideten, rotbäckigen Kraftmenschen Januar ein zweiter der zwölf Gesellen vor; der war nun ziemlich klein und der behendeste von allen. Er war auch weiß gekleidet, aber in die faltigen und bauschigen Gewänder eines Pierrots, und nur die kugelförmigen Knöpfe seines Wamses waren rot und so groß wie Apfelsinen. Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschoren, gleich dem Sammet, und trat mit einer kleinen Schneppe in die niedrige Stirn des weißgepuderten Gesichtes. Mit den Fingern trillerte er auf einer Schellentrommel, und aus schwarzen, glänzenden Augen blickte er umher. Ein lustiger Monat ist's. Man hat ihn auch darum zum kürzesten gemacht, weil die Leute sonst so viel Spaßhaftigkeit gar nicht zu ertragen vermöchten. Alle Welt macht er zu Narren, die ehrbarsten Leute verführt er zum Possenreißen und die feierlichsten Esel zum Hintenausschlagen; diesen Monat hat wohl jeder gern, denn ein herzhafter Spaß ist Geldes wert« . . .

Da der Primaner Friedrich Försterling eine Pause machte, vielleicht um sich auf das folgende zu besinnen, erhob sich plötzlich der Primaner Quirinus Hammerschlag, der Primus im Wernerschen Pensionate, und rief mit lebhaftem Gestus: »Kameraden! Freunde! Ich hab' euch eine höchst angenehme Mitteilung zu machen. Unser väterlicher Freund, Professor Werner, den ich mit meinem Lieblingsdichter Horaz begrüßen möchte mit den Worten: Maecenas atavis edite regibus, o et praesidium et dulce decus meum – unser guter Herr Professor will uns gestatten, daß wir im Faschingsmonat Februar hier in den Räumen des Spielsaales eine karnevalistische Aufführung vom Stapel lassen. Wir dürfen uns verkleiden. Nur eine Bedingung knüpft der Herr Professor an sein Zugeständnis: wir müssen uns die Kostüme selbst anfertigen; Frau Professor stellt uns die ganze Plunderkammer des Pensionats, oben auf dem Söller, wo es an alten Reisedecken, Bettspreiten, Flaggentuchen und dergleichen nicht mangelt, zur Verfügung. Ein Schneidertisch wird hier im Spielsaale aufgeschlagen, und wir selbst haben Schere und Nadel zu führen . . .«

Hier wurde der Redner unterbrochen durch den kleinen, vorlauten Sextaner Krispin Rosenau, der sich bei jeder Gelegenheit als so eine Art Lustigmacher aufzuspielen pflegte und zwar oftmals nicht ganz ohne Erfolg; auch in diesem Augenblicke konnte er sich nicht bezähmen, sich in eine recht verwunderliche Positur zu werfen und mit seinem schräpeligen Stimmchen aus den Heinzelmännchen von Kopisch unter lebhaften Gesten die Verszeilen zu deklamieren:

»Da schlüpften sie frisch
In den Schneidertisch;
Und schnitten und rückten
Und nähten und stickten,
Und faßten und paßten.
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten.
Und eh' der Fasching noch erwacht:
War der Schüler Kostüm bereits gemacht!«

Wie gelungen auch der Sextaner die Verse zum Vortrag brachte, so donnerte ihn doch der Primaner Quirinus Hammerschlag mit dem Rufe »Silentium!« an, denn er hatte noch etwas zu sagen. »Die Masken, welche wir als nötige Ergänzung unsrer Faschingskostüme brauchen, kaufen wir uns, alles übrige stellen wir uns ohne Kosten selbst her. Es könne nicht schaden, meint unser väterlicher Freund der Herr Professor, wenn wir uns in Handfertigkeiten üben; später würde es uns von Nutzen sein, z. B. im Militärdienst, wo es gut ist, wenn man selbst einen Knopf anzunähen versteht. Laßt uns also frisch ans Werk gehen,« forderte Primaner Hammerschlag mit erhobener Stimme auf. »Und da Aufschieben eine böse Sitte ist, wie der Aufsatz in unsrer Oberprima augenblicklich lautet, so schlage ich vor, daß wir morgen gleich beginnen. Unser Sekundaner Thomas Kietz – ich lese es aus seinen ernsten Mienen – mag mit seinem Freunde Schiller denken:

›Den lauten Markt mag Momus unterhalten,
Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten‹ –

ich, der Bannerträger des Horaz, rufe dagegen: Dulce est desipere in loco! Süß ist's, zu gegebener Zeit recht lustig zu sein! Dixi

»Nein, ich tue entschieden mit,« rief Thomas Kietz; »der Herr Redner deutete meine ernste Miene falsch! Ich überlegte gerade, was wir denn am besten zu Fasching vorstellen sollten.«

Ueber dieses Thema entspann sich nun an »König Arthurs Tafelrunde« ein lebhafter Meinungsaustausch, der mit manchen guten, aber auch mit manchen schlechten Witzen gewürzt war. Schließlich einigte man sich aber auf den Vorschlag des Quirinus Hammerschlag dahin, eine Reihe von Tiermasken vorzuführen und diese Vorführung also einzukleiden: ein Afrikareisender kehrt nach Dudenrode zurück, erzählt auf der Bühne in drolliger Weise seine Erlebnisse bei den Hottentotten, Zulukaffern und Niams-Niams und stellt dann eine Reihe von Tieren vor, die er im dunklen Erdteil eingefangen und gezähmt hat. Schadet nichts, wenn auch etliche Tiere dabei sind, die in Asien und Europa hausen. Ist ja Fasching!

Die Tiere machen ihre Kapriolen, führen allerlei Kunststücke aus und reden schließlich das Publikum in launiger Weise an. Eine allgemeine Tierquadrille, vom Afrikareisenden in Stallmeisteruniform kommandiert, macht den Schluß der Vorstellung.

»Oberländers komische Naturgeschichte wird uns bei diesem Faschingspaß vortreffliche Dienste leisten,« übertönte ein schräpeliges Stimmchen das Beifallsgemurmel der übrigen Knaben. Der Sextaner Krispin Rosenau war's natürlich. – »Hier einige Proben: der Vogel geht flöten; der Fuchs geht auf die Universität; die Katze hat einen Jammer; der Hase liegt im Pfeffer; der Bär wird an- und aufgebunden; der Bock wird geschossen; die Mücke wird zum Elefanten gemacht oder mit Geduld und Spucke gefangen, zuweilen auch geseiht; das Kamel wird verschluckt; die Grillen werden verscheucht; die Ente ist die Schwester der Seeschlange; der Stockfisch ist dumm; Ochs, Rindvieh und Esel sind nicht salonfähig, sondern können sich zum Kuckuck scheren; der Hahn wird aufs Dach gesetzt; der Gimpel geht auf den Leim; eine Schwalbe macht keinen Sommer –«

»Jam satis! Es ist genug! rufe ich mit Horaz,« bemerkte Quirinus Hammerschlag, »und nun laßt uns für heute unsre Vorlesung aus Andersen fortsetzen.«

So geschah es. Aber schon am folgenden Tage ging man mit Eifer an die Vorbereitungen zum »Karneval von Dudenrode,« wie man das Fest im Anklang an das bekannte Musikstück »Der Karneval von Venedig« getauft hatte.

Zunächst begab man sich zum Maskenhändler. Auf einer rot und weiß gedeckten Tafel waren da die mannigfachsten Völker- und Charaktermasken ausgestellt! schlitzäugige Chinesen, breitmäulige Lappländer, kupferrote Indianer, neugierig breite Kindergesichter, biedere Pfahlbürgergesichter mit Stirnlocke und Schläfenbüschelchen u. s. w.; zu Füßen des Tisches lag der Kopf jener Seeschlange, welche die Schwester der Zeitungsente ist, noch ein fabelhafter Kopf, einer Ananas nicht unähnlich, ferner ein langohriger Kannibalenkopf nebst der Maske der Xantippe, des Aesop, des Cicero u. s. w. Nicht jeder sieht so eine Maskenausstellung gern; auf manche wirkt die tote, starre Larve abstoßend, lähmend, nervenerschütternd; aber unsre Dudenroder Gymnasiasten hatten gesunde Nerven; sie besahen sich alles mit einem Heidenspaß und wählten dann aus diesen und andern Vorräten des Maskenverkäufers die verschiedenartigsten Tierköpfe aus, die sie in bester Laune heimtrugen auf ihren Spielsaal.

Dieser nahm nun das Aussehen einer großen Schneider- und Kunstwerkstätte an. An jedem Abend, nach beendigtem Silentium und Abendessen, und auch an manchem freien Nachmittag, wo der Schneesturm einen Spaziergang verbot, wurde geschnitten, genäht, gekleistert, gelappt und gepappt, eine Tätigkeit, die Freund Thomas Kietz, der Sekundaner und Schillerschwärmer, mit allerlei Citaten aus seinem Lieblingsdichter würzte, wie zum Beispiel:

»Froh, wie hehre
Sonnen fliegen
Durch des Himmels
prächt'gen
Plan,
Laufet Brüder, eure
Bahn,
Freudig, wie ein
Held zum Siegen!«

Da der Primaner Quirinus Hammerschlag die Rolle des Afrikareisenden übernehmen wollte, welche ihn ohnehin zum Lion der Gesellschaft machte, so hatte er die andre Löwenrolle, nämlich die Gestalt des natürlichen Löwen, dem Sekundaner Thomas Kietz überlassen, Kietz citierte sofort aus seinem Schiller »in roter Leinwand und mit'm Goldschnitt«:

»Gehorsam ist des Christen Schmuck,
Mut zeiget auch der Mameluck«

und schneiderte sich aus einer alten Reisedecke von gelbem Plüsch ein famoses Löwenfell zurecht, dessen Tatzen er mit vierzölligen Krallen (aus krummen, weißgeschabten Holzzweiglein geschnitzelt) verzierte; die Mähne richtete er aus krausen Hobelspänen her, wobei ihm die Schilderung vorschwebte, welche der Kölner Junge von einem Löwen des zoologischen Gartens entwarf: »Hu, 'ne große gelbe Katz mit nix als Hobelspän' an 'nem Kopp!« Die Löwenmaske hatte der Maskenhändler geliefert. Wirklich majestätisch sah es aus, wenn Thomas Kietz in Löwenfell und Löwenmaske auf der Chaiselongue ruhte, wobei er getreu nach Schiller verfuhr:

Er schüttelt die Mähnen
Mit langem Gähnen,
Und streckt die Glieder,
Drauf legt er sich nieder.

Die Majestät des Schreckens aber und die Gewalt, welche den König der Tiere umgibt, entfaltete Kietz, wenn er mit seinem Herrn, dem Afrikareisenden (Quirinus Hammerschlag), im Kampfe rang, wenn er die Pranken um Brust und Rücken des kühnen Tierbändigers schlang, wenn er seinen Unterkiefer auf den Nacken des Mannes legte und sein furchtbares Gebrüll vernehmen ließ. (Tertianer Robert Wiese pflegte diesen Moment mit dem bekannten Klavierstück: »Le réveil du lion« zu begleiten.) Es war in täuschender Nachahmung jenes Gebrüll, »das die Herden heulen macht, und vor dem der Beduine im fernen Zeltdorf erschrocken verstummt«. – »Gut gebrüllt, Löwe!« riefen dann die Sextaner, Quintaner und Quartaner Beifall. Einen Löwen en miniature, nämlich einen Pudelhund, hatte sich der Sextaner Krispin Rosenau zum Vorbild eines Anzuges gewählt, den er aus einer alten, mit vielen Fransen besetzten weißen Bettdecke herstellte und zwar ganz vortrefflich, wie man unisono anerkannte, was Thomas Kietz noch durch das Schillersche Citat verstärkte:

»›Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein‹,

aber im Pudelhundkostümanfertigen stehst du unerreicht da, du kleiner Rosenau:

›Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige,
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
Der reifste Sohn der Zeit!‹«

Die andern lachten – und lachten endlich krampfhaft, als nämlich der Sextaner in seinen Anzug schlüpfte und die Stellung eines aufwartenden Pudels annahm. Es war zu komisch! Durch den Beifall, den seine Maske gewann, ermutigt, öffnete der Sextaner den Mund zu folgendem Monolog: »Ein pudelnärrisch Ding, pflegt man zu sagen. Jawohl, ich Pudel bin ein närrisch Ding, so ein rechter Possenreißer. Wer ein unterhaltender Narr sein will, der muß vor allen Dingen gescheit sein, und gescheit bin ich im vollsten Maße. Aus den Mienen meines Herrn lese ich, wie seine Stimmung ist, ob freundlich, ob zornig, ob ich mit ausgehen darf oder zu Hause bleiben muß. Wie fein ist mein Geruch, mein Gehör! Nur etwas kurzsichtig, ja, das bin ich. Dafür kann ich tanzen, besser als ein andrer Hund. Ich stürze mich auf einen Wink meines Herrn ins Wasser, ich schnappe nach Vögeln, ich grabe im Boden, trage den Korb in der Schnauze und verteidige das Eigentum meines Herrn. Sogar – paßt auf – der große Dichter Goethe hat mich besungen:

›Dem Pudel, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Und es erzeigt ihm diese Ehre gar
Der Herrn Studenten trefflicher Scholar.‹

Und gut gezogen bin ich, uff Ehre: mein Herr befiehlt, und ich tanze.«

Damit begann der Pseudopudel einen so drolligen Tanz auszuführen, daß das Gelächter der Zuschauer wirklich lebensgefährlich wurde: Thomas Kietz, Arnold Blase und Philipp Hopfensack keuchten nämlich mit knallroten Gesichtern: »Wir ersticken, wir ersticken!« Da ließ sich der Pseudopudel auf alle vier Pfoten fallen und schmeichelte sich winselnd an die Füße seines Herrn heran. Ein allgemeines Bravo belohnte ihn. »Diese Nummer allein sichert den Erfolg des Karnevals von Dudenrode!« rief der Primaner Quirinus Hammerschlag.

Die Lorbeern, welche Krispin Rosenau in der Rolle des Pudels errungen hatte, ließen einen andern Sextaner von »König Arthurs Tafelrunde«, nämlich den kleinen Peter Leisegang, nicht ruhen, sich in der Rolle des Papageien vorzustellen. Den Papageienkopf hatte er beim Maskenhändler für eine bare Mark erstanden; er war so wunderbar grün, dieser Kopf, daß gekochter Spinat oder gehackte Petersilie dagegen erblaßten. Den grünen Leinenkittel nebst dito Höschen und weiten Aermeln, welch letztere die erst schwach entwickelten Flügel darstellten, hatte der junge Künstler mit allerlei Federn benäht: grünen, roten, gelben, blauen, braunen, schwarzen, weißen. Teils hatte der Hühnerhof diese Federn in Naturfarbe geliefert, teils hatte der kleine Peter weiße Hühnerfedern gefärbt. Die krallige Fußbekleidung war aus Segeltuch geschnitten und zehenartig durchsteppt; die Krallen selbst bestanden aus geschnitzelten Hölzchen. Mit komischer Grandezza wandelte der Pseudopapagei über die Bühne, die Flügel über den Rücken gelegt, wie die Hände eines Philosophen. »Wenn du einen Papagei,« sprach er, »in dem Schmucke seiner grünen, roten und gelben Federn betrachtest, kommt dir leicht der Gedanke in den Sinn: das ist ein Bewohner fremder Länder, wo die Sonne heißer scheint und auch schönere Blumen blühen als bei uns.«

»Wenn wiederum der Vogel anfängt, zornig die Augen zu rollen,« schwefelte Peter Leisegang weiter, »wenn er dazu voll Leidenschaft tobt und schreit« (der kleine Peter machte dies genau nach), »dann mahnt dich dieses fremdartige Gebaren zur Vorsicht für ein andermal, wenn du mit ihm spielst. Du streichelst ihn, und er läßt sich das gefallen; aber plötzlich überkommt ihn eine schlechte Laune, und er beißt mit seinem starken Hakenschnabel in deinen Finger ebenso heftig wie in die Rinde der Bäume und Früchte.« (Peterchen machte mit seinem Hakenschnabel einige verzweifelte Schnappbewegungen.) »Doch kann man diesen ›Affen der Vogelwelt‹, wie man uns genannt hat, nicht lange gram sein, denn bei aller Tücke sind wir doch auch possierlich und drollig, wie die wirklichen Affen. Was kein andrer Vogel vermag, das können wir Papageien: wir gähnen, wir niesen, wir räuspern uns, wir lachen, wir seufzen wie ein Mensch.« (Alle diese Lautäußerungen führte der Pseudopapagei nacheinander vor und weckte dadurch das Gelächter seiner Pensionskameraden.)

»Auch eine gute Nummer!« urteilte der Primaner Quirinus Hammerschlag, worauf »Papchen« mit so feierlich langsamer Grandezza abtrat, daß ihn ein allgemeines Händeklatschen geleitete. Seinen Kopf noch einmal aus der Kulisse steckend, rief er: »Ich weiß nicht, ob ich von Goethe besungen bin, wie der wohlgezogene Pudel, aber das weiß ich, daß ich seit alters zu einem Kinderrätsel diene: Wie heißt das Weibchen vom Papagei?«

»Mamagei! Mamagei!« schallte es ihm aus einem Dutzend Kehlen entgegen. –

»Was stoppelst du denn da für ein sonderbares Kostüm zusammen, Freund Finke?« fragte Hammerschlag den Sekundaner Jodokus Finke.

»Einen Riesenhummer,« antwortete dieser, »Seitdem ich mit meinem Onkel auf Helgoland war, schwärme ich für Hummer« . . .

»Du meinst für Hummermayonnaise,« entgegnete schalkhaft Hammerschlag.

»Nein, für Hummer in natura, obgleich ich auch den präparierten Hummer nicht verachte,« lautete die Antwort, »Monsieur Hummer führt in dem dunkeln Abgrunde des Meeres sein geheimnisvolles Leben. Da wälzen sich atmende Klumpen, schwellende Blasen und Wurzeln blind und gliederlos dahin; Fangarme greifen umher, Fühlfäden ohne Ende spannen sich aus, Stacheln starren und blitzen; das wirbelt und schießt, tastet und schnappt –«

»So daß,« fiel ihm Thomas Kietz, der Schillerfreund, ins Wort, »man wohl mit dem Dichter ausrufen mag:

– – – ›Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht,
Da unten aber ist's fürchterlich!‹«

»Ganz recht, Freund Kietz,« erwiderte Jodokus Finke. »Und unter jenem Meergesindel ist der Hummer ein großer Herr, obgleich er nicht der Kardinal der Meere ist, wie ein phrasenhafter Franzose ihn einmal genannt hat, welcher nicht wußte, daß der Hummer erst durch Kochen seine schöne rote Farbe erhält. Der Hummer ist ein Krebs im großen Stil, vom Wirbel bis zur Zehe ein Meerespotentat. Wie aus Erz gegossen blinkt seine Rüstung; man denkt an den hörnernen Siegfried, an den Eisenritter des Mittelalters, an die stahlumschienten Kämpfer von Troja, und es dürfte nicht wundernehmen, wenn ihm Vater Homer einen Ajax oder Diomedes verglichen hätte« . . .

Hier legte sich von rückwärts eine Hand auf die Schulter des begeisterten Sprechers: Professor Werner war's, der unbemerkt in den Spielsaal des Pensionats getreten war. »Bravo, Finke!« sagte er, »Deine Begeisterung für den majestätischen Kruster des Meeres gefällt mir, da ich daraus auf deine Liebe zur Naturwissenschaft schließe. Komm, ich lege dir selbst den Hummerpanzer an!« Damit nestelte der gute Professor das aus bräunlichgrünem Pappdeckel und dito Segeltuch verfertigte Hummergewand am Halse seines Schülers fest. »Aha,« sagte er dabei, »ich sehe, du hast das Gewand in zwei Teile zerlegt, Vorderteil und Rückenteil – sehr praktisch!« Als der Sekundaner Finke nun auch unter des Professors Beihilfe den Rückenpanzer angelegt hatte, und er seine Arme in die gewaltigen Hummerscheren steckte, dann damit gravitätische Gestus machte und mit seiner Baßstimme deklamierte: »Ich gehöre zu jenen Hummern von Ellengröße, von denen der Naturforscher Masius schreibt; ich gehöre zu jenen wahren Mammuts, die offenbar aus einer lange ausgestorbenen Generation in die Zeit später Nachkommen ragen und deren Haupt ernstes Moos bedeckt; ich bin jener bemooste Bursche, von dem das Studentenlied singt« – als Jodokus Finke so sprach, seine gewaltigen Scheren spielen lassend, und als er dann das Lied: »Bemooster Bursche zieh' ich aus« zu singen anfing und »mit langsam abgemeßnem Schritte« des Theaters Rund umwandelte: da belohnte ihn ein Händeklatschen und Beifallsrufen, so laut und ausgelassen, daß Thomas Kietz mit Rücksicht auf die Anwesenheit des Herrn Professors »Silentium!« kommandierte, worauf sich der Herr Professor alsbald empfahl.

Eine gelb und schwarz gestreifte, wegen Mottenfraßes ausrangierte Reisedecke gab dem Tertianer Julius Pinkepank das Material zu einem Tigerkostüm. Um aber nicht in der ganzen Greulichkeit dieses »Menschenfressers«, wie die Engländer in Indien den Tiger nennen, zu erscheinen, wand Freund Julius eine große kornblumenblaue Krawatte um seinen Hals und zog sich schwarze Stulpenstiefel mit hellgelbem Lederumschlag an die Füße – eine Ausstaffierung, welche die greuliche Maske zu einer komischen machte und dem Tiger einen Anklang an den gestiefelten Kater des Märchens gab. Thomas Kietz lobte diese Figur mit den Versen aus Schiller:

»Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.«

Der Pseudotiger nahm seinen starken, buntgeringelten Schweif elegant unter den Arm und antwortete: »Deinen Schiller hab' ich lieb zum Fressen, und dich dabei, Freund Thomas! Aber, aber: Wohltätig ist des Tigers Macht, wenn ihn der Mensch bezähmt, bewacht. Uebrigens möchte ich mein hochverehrtes Publikum in aller Bescheidenheit darauf aufmerksam machen, daß ich derjenige Tiger bin, lui-même, von welchem Schiller in seiner Glocke singt: ›Verderblich ist des Tigers Zahn‹.« Damit präsentierte der Pseudotiger dem Publikum sein glänzendweißes, scharfes Raubtiergebiß.

»Hu, der Anblick dieser Zähne macht mich so schwach,« rief der Tertianer Laurenz Lademann, »daß ich mir ein Glas Wasser zu Gemüte führen muß!« Damit ließ er sich auf einen Stuhl fallen und streckte seine Beine, welche bereits in einem Eselpiedestal (von grauem Biberzeug) steckten, weit von sich. Da Lademann die Laune gehabt hatte, von der Naturgeschichte abzuweichen (welche den Asinus den Einhufern zuweist) und seinem Esel greulich lange Affenfüße zu geben, so machte dieses ausgestreckte Gebein, in Verbindung mit dem armsdicken Schweife (der wegen besagter Dicke und wegen Mangels an Haarquaste ebenfalls stark von der Naturgeschichte abwich), einen Lachen erregenden Eindruck. Dieser Eindruck steigerte sich noch, als Lademann den Eselskopf, der neben seinem Stuhle auf den Dielen lag, sich aufstülpte, als er seine Fechthandschuhe anlegte und, auf den Quartaner Felix Hündchen losschreitend, diesen zum Boxen aufforderte. Schnell seine Fäuste in ein Paar andrer Fechthandschuhe steckend, rief Hündchen: »Was? so ein Esel will sich mit mir messen? Na, warte, ich will aus dir einen zahmgeprügelten Esel machen, wie kein besserer in der Naturgeschichte steht.«

Es entspann sich nun ein komischer Faustkampf, der indes nur zum Scheine geführt wurde, da es den Kämpfern mehr darauf ankam, die Lachlust der Zuschauer zu erregen, als sich gegenseitig schmerzhafte Püffe und Knüffe zu erteilen. Ersteres gelang ihnen auch in vollem Maße. Zum Schluß stellte sich der Esel besiegt und deklamierte nun in tragischem Tone »des Esels Trost« von Claudius:

»Hab' nichts, mich dran zu freuen,
Bin dumm und ungestalt,
Muß Stroh und Disteln käuen,
Werd' unter Säcken alt.
Ach, die Natur schuf mich im Grimme,
Sie gab mir nichts – als eine schöne Stimme.«

Und damit ließ der falsche Esel so kräftig sein »Y–a« ertönen, daß die Sextaner der Gesellschaft sofort den Spottreim zu singen anfingen:

»Y–a, Esel,
Willst du mit nach Wesel?
Willst du mit nach Rotterdam?
Kriegst ein lecker Butteram!«

Wohl die wirkungsvollste von allen Masken war die des Elefanten, welche die beiden Primaner Bartels und Försterling herzustellen unternahmen. Sie hatten sich zu diesem Zwecke zunächst graue Flanellhosen, nach unten breit und plump verlaufend und mit fünf hufumhüllten Zehen endigend, angefertigt. Ein zweiter Teil des Kostüms war der ebenfalls aus grauem Flanell genähte, mit zwei weißen Stoßzähnen (aus Holz) versehene Kopf, an den sich eine weite Hülle, Rücken und Bauch darstellend, schloß. Wenn sich Bartels nun hinter Försterling aufstellte, mit zwei Schritten Zwischenraum, wenn die beiden alsdann ferner die Hülle nebst Kopf über ihre eigenen Köpfe warfen, wenn endlich Försterling seinen rechten Arm in den Elefantenrüssel steckte und letzteren durch die Bewegungen des Armes spielen ließ, dann war der Anblick wirklich täuschend: man glaubte einen veritablen Elefanten über die Bühne schreiten zu sehen. Die mannigfachen Künste und Verrichtungen, zu denen der kluge Elephas indicus abgerichtet werden kann, wurden auch von dem Pseudo- Elephas Dudenrodiensis aufs getreueste kopiert: er entstöpselte eine Weinflasche, schellte mit der Klingel, faßte mit allen vier Füßen auf einem kleinen umgestülpten Zuber Posto, schlug mit seinem Rüssel den Takt zu einem Musikstücke und vollführte hundert andre Kapriolen.

»Ueber eine Menagerie so gelehrter Tiere verfügend,« rief der Primaner Hammerschlag, der Afrikareisende in spe, begeistert, »bangt mir nicht, daß der Karneval von Dudenrode ein sehr vergnüglicher sein wird!«

Und er wurde es in der Tat, wie wir vielleicht ein andermal berichten werden. Denn für heute beabsichtigten wir nur, unsern jungen Lesern eine Anleitung zu geben, »wie's gemacht wird«. Nur so viel wollen wir verraten, daß der Primaner Quirinus Hammerschlag, der Horazschwärmer, nach jenem Karneval von Dudenrode häufig citierte: »O quando faba simulque uncta satis pingui ponentur oluscula lardo?« was er in freier (sehr freier!) Uebersetzung zu verdeutschen beliebte: »O, wann wird uns wieder so ein Abend blühen mit Punsch und Berliner Pfannkuchen?«

 

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