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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Strand und Sand

Tagebuchblätter eines ehemaligen Oberprimaners

Herkulanum und Pompeji wurden durch einen Aschenregen des Vesuv verschüttet, Vineta sank in die Fluten der Ostsee, Alt-Skagen liegt unter dem Sande der Wanderdünen begraben: sollte Schinkenhausen, wo ich gegenwärtig das Gymnasium besuche, durch eine ähnliche Katastrophe von der Oberfläche der Erde verschwinden (zum Beispiel vom Heidekraut übersponnen werden, denn bemeldete Stadt liegt in der norddeutschen Tiefebene, wo calluna vulgaris das Zepter führt), so sollen diese meine Tagebuchblätter – vorausgesetzt, daß sie dereinst ausgegraben werden – es der fernsten Nachwelt verkünden: mein Onkel Ferdinand ist der liebste, beste, edelste, großmütigste und splendideste aller Onkel, so weit die deutsche Zunge klingt! Beweis: als ich heute mit meiner Zensur, laut welcher ich von der Unterprima in die Oberprima versetzt wurde, zum Onkel Ferdinand ging, und Onkel Ferdinand durch seine große silberne Brille (deren Gestell mich immer an eine kleine Kanonenlafette erinnert) einen langen prüfenden Blick auf die Prädikate geworfen hatte, deren keines es unter »Gut« tat, da räusperte sich der freundliche alte Herr und sagte: »Otto, um dir einen Beweis der Genugtuung zu geben, die mich beim Durchlesen dieser Zensur erfüllt, frage ich dich, ob du mich auf einer Badereise nach Norderney begleiten willst? Norderney ist, wie du wissen wirst, eine Insel in der Nordsee, wo wir wie die wilden Kaninchen im Dünensande und wie die Robben am Meeresstrande leben wollen. Für den schnöden Mammon, den selbst dieses Leben erfordert – o auri sacra fames! – werde selbstverständlich ich, ich allein, Sorge tragen. Du hast nichts mitzubringen als ein Paar Reservestiefel und ein Tagebuch, dessen erste Seite du mit dem Titel ›Strand und Sand‹ verzieren magst; denn ich liebe es, daß junge Leute deines Schlages während der Ferien sich in ihren Mußestunden, deren sie täglich vierundzwanzig haben, auch geistig etwas beschäftigen, damit die Mens sana nicht einrostet. Wir bleiben etwa vier Wochen auf Norderney – willst du mit?« Na, ob ich wollte! Es war gut, daß Onkel seinen grandiosen Vorschlag nicht in drei oder sechs Worte gekleidet, sondern etwas weitläufiger entwickelt hatte, denn so fand ich Zeit, mich in etwas von dem Freudentaumel zu erholen, der mich ganz schwindelig machte. Reisen – das Meer sehen – zu Schiffe fahren – in den Dünen herumklettern – o, es sind ebensoviel Genüsse als Worte! Und alle diese Genüsse zu kosten in der Gesellschaft eines liebenswürdigen, hochgebildeten, alten, doch nicht zu alten Herrn, der, indem er als Junggeselle durchs Leben wandert, sich ein Verständnis für das Sinnen und Trachten der jungen Leute bewahrt hat, – o, es ist der Freude zu viel!

»Onkel,« rief ich, »du bist der liebste, beste, edelste, großmütigste und splendideste aller Onkel! Du gibst mir ein Glück, von dem ich nie geahnt hätte, daß es einmal mein sein würde . . .« Wer weiß, zu welchen Ueberschwenglichkeiten ich noch gelangt wäre, wenn der Onkel nicht gleich zu Anfang lächelnd abgewehrt hätte: »Nicht so verschwenderisch sein, mein Junge, bezüglich der Ephitheta ornantia, die du auf meinen kahlen Scheitel häufst! Sie drücken empfindlich; außerdem mußt du ein paar in Reserve halten, wenn du mir nach Ablauf der vier Wochen deinen Dank abstattest. Welcher Jäger verschießt denn sofort all sein Pulver? Ich entdecke da einen bedenklichen Hang zur Verschwendung bei dir und werd' es mir noch sechsmal überlegen, ob ich dir einen Teil der Reisekasse anvertrauen soll.«

»O, Onkel, dann soll es stumm in meinem Herzen eingeschrieben sein, was ich –«

»Kennen wir!« lachte der Onkel. »Begeisterung ist ein Strohfeuer, das schnell und hoch auflodert, aber ebenso schnell zu einem Häuflein Asche zusammensinkt. Doch, was ich sagen wollte, teile deinen lieben Eltern mit, daß wir morgen mit dem Abendzuge 9 Uhr 50 reisen werden; dein guter Vater und deine gute Mutter, mit denen ich gestern gesprochen, haben gern erlaubt, daß ich dich mitnehme, und du selber schmiere deine Reservestiefel und kaufe dir ein Tagebuch!«

Zunächst habe ich den letzteren Rat befolgt: ich habe mir ein Tagebuch zugelegt, »so dick wie ein Schwartenmagen,« scherzte mein Papa, und dann hab' ich sogleich die denkwürdige Unterredung, die ich mit Onkel Ferdinand hatte, hineingeschrieben, »In deiner Aufregung wirst du Kleckse machen, daß man eine Riesenkarte des gestirnten Himmels vor sich zu sehen glaubt,« warnte der Papa. Ich hab' mich aber zusammengenommen und brauch' nun keine Nachschrift zu machen, wie jener Musketier Tübbeke, der unter seinen »gestirnten« Brief nach Hause schrieb: »Diese Kleckse habe nicht ich gemacht, das hat die Post getan.«

Onkel Ferdinand will also morgen mit dem Abendzuge, 9 Uhr 50, fahren; dann sind wir am andern Morgen in Emden. Aufrichtig gesagt – aber dies vertraue ich nur den verschwiegenen Blättern dieses Tagebuches an –- möchte ich lieber in der Morgenfrühe fahren, wenn der junge Sonnenschein die Welt vergoldet, die Gräser und Blätter von Tautropfen blinken, eine erfrischende Kühle weht, die Menschen ausgeschlafen haben und freundliche Blicke und Worte machen. So hab' ich mir immer den Anfang einer Reise geträumt. Onkel ist andrer Ansicht; er tritt seine Reisen, deren er schon viele gemacht hat, mit Vorliebe des Abends an. Der Anfang einer Reise, sagt er, führe doch nur durch bekannte Gegenden, und diese zum so und so vielten Male zu sehen, sei wenig anregend, wenn nicht ermüdend; mit dem Nachtzuge werde man schlummernd, schlafend, schnarchend (drei Schlafbetätigungen, die er Positiv, Komparativ, Superlativ nennt) durch das bekannte Land getragen, und wenn man am andern Morgen aufwache, so befinde man sich an einem fremden Orte, der sofort die Lebensgeister wecke und das Interesse errege. In medias res sei überhaupt ein Rezept, das schon der lebensweise Horaz erteile.

Onkel hat von seinem Standpunkt aus recht; was mich betrifft, so weiß ich noch nichts von bekannten, wenig anregenden oder gar ermüdenden Gegenden, ich bin noch nicht weiter als drei bis vier Wegesstunden aus Schinkenhausen fort gewesen. Der Weisheit des Horaz stelle ich die Sentenz aus Cornelius Nepos gegenüber, die da lautet: Sed ab initio est ordiendum. Gern fing' ich unsre Reise von vorn an: Schinkenhausen, Station Nabendorf, Station Birkenrode, Station Dinskede u. s. w. Aber Onkel hat in diesem Falle zu bestimmen, und ich füge mich seiner Anordnung gern! –

Zwei Tage später. Wir sind in Emden, und »morgen geht's in die wogende See!« Was hab' ich schon alles gesehen, alles erlebt! Der alte liebe Wandsbecker Bote, Ehren-Claudius, hat recht: Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Vorläufig erzähle ich es meinem Tagebuche, bis ich, nach Hause zurückgekehrt, meinen Geschwistern und Kameraden als viel umhergetriebener Odysseus imponieren kann.

Heute morgen um Sieben rollte der Zug auf den Bahnhof von Emden ein. Onkel Ferdinand hatte die Nachtfahrt mit großem Phlegma, ich mit hoher Begeisterung angetreten. Es kam mir so romantisch vor, »die bleiche Stirn dem stillen Atemzuge der Nachtluft darzubieten,« meine Haare im Winde wehen zu lassen, einen Blick hinauf zu schicken zum gestirnten Himmel und hinab zur schlummernden Erde, wo die Lichtchen in den zerstreuten Bauernhäusern aufblitzten und verschwanden, wo grüne und rote Laternen auf den Bahnhöfen wie Irrlichter vorüberhuschten, wo auf den Haltestellen geheimnisvolle fremde Menschen zu uns ins Coupé stiegen.

Während ich in dieser Romantik schwelgte, zog Onkel Ferdinand eine praktische Schlafmütze über die Ohren, lehnte sich in einen Winkel seines Polstersitzes und schlummerte, schlief, schnarchte, machte also seinen Positiv, Komparativ und Superlativ durch. Mir war diese Prosa völlig unbegreiflich, aber nur zu bald sollte ich sie begreifen lernen. Denn meine romantischen Empfindungen sanken nach und nach von ihrer geschraubten Höhe herab: ich fand der »Nachtluft stillen Atemzug« empfindlich kühl, so kühl, daß ich in meinen alten mausfarbigen Sommerüberzieher schlüpfte, den mir meine sorgliche Mutter beim Abschied über den Arm gehängt hatte; ich wurde es leid, mir die Haare im Winde wehen zu lassen, da sie mir endlich um die Zähne hingen und mich unter der Nase kitzelten wie der Strohhalm, mit dem ein Schelm von Soldat seinen schlafenden Kameraden neckt; ich wurde es müde, meinen Blick zum gestirnten Himmel hinaufzuschicken, da mir die Augäpfel bereits von dem ewigen Stieren weh taten, und was die schlummernde Erde betrifft, so sagte mir meine geographische Erinnerung aus dem großen Daniel, daß wir nur eintönige Marschen, Moore und Heiden durchflogen; die fremden, geheimnisvollen Menschen verloren allen poetischen Reiz für mich, als sie, auf ihren Plätzen gleich Mehlsäcken zusammengesunken, durch die Nase die unromantische Musik des Schnarchens ertönen ließen. Ich ertappte mich auf einem tiefen, anhaltenden Gähnen, und dann noch einmal, und dann ertappte ich mich erst am andern Morgen auf der unumstößlichen Tatsache, daß ich die ganze Nacht durch geschlafen hatte!

Ein Mark und Bein durchdringendes Bremsen hatte mich aus meinem Schlaf geweckt, gerade in dem Augenblick, als Onkel Ferdinand seine praktische Reisemütze zusammenlegte und in die Tasche steckte. »Guten Morgen, Otto,« sagte er heiter; »sieh, nun sind wir an fremdem Orte, wohl ausgeruht, und was uns noch an Frische des Körpers und Geistes fehlt, das werden wir dadurch zu gewinnen suchen, daß wir uns im Toilettenzimmer des Bahnhofs waschen und im Restaurationssaal desselben Gebäudes mit einer Tasse Kaffee versorgen. Dann halten wir frisch und munter unsern Einzug in die gute alte Stadt Emden und lassen unsre Aeuglein rund umgehn, wie's im Volksliede heißt, worauf wir das eigentliche Frühstück in unsrem Gasthaus einnehmen. Ich denke, du billigst dieses Programm?«

»O, vollkommen, Onkel!« gab ich zur Antwort, Ich kann gar nicht sagen, wie wohl mir die Waschung meines Gesichtes mit dem frischen kalten Wasser nach der durchfahrenen und durchschlafenen Nacht bekam! Ich hatte das nie so empfunden und war in diesem Augenblick vollkommen bereit, den Ausspruch des schwungvollen Griechendichters Pindar zu unterschreiben, der da lautet: »Das Beste ist das Wasser.« Dabei mußte ich herzlich lachen, und das Lachen tat nicht minder gut! Onkel plätscherte, prustete und schnaubte nämlich in seinem großen und tiefen Waschbecken (das er sich extra gefordert hatte) derartig herum, daß ich unwillkürlich an einen harpunierten Walfisch denken mußte. Onkel wollte wissen, warum ich lache, und da bekannte ich ihm meinen geheimen Gedanken; wußte ich doch, daß ich's wagen durfte, denn der gütige, gemütliche Herr nimmt derartige Vergleiche nicht übel auf, »Also wie ein harpunierter Walfisch komme ich dir vor, mein Junge? Man sieht, daß das nahe Meer schon durch deine Seele rauscht, da du ihm deine Vergleiche entlehnst. Uebrigens hatte Emden ehemals Walfischfang, der Anno 1660 schon mit 15 Schiffen ausgeführt wurde, bis die Ems, die Pulsader der Stadt, in eigensinniger Laune einen andern Weg nahm und Walfischfang, Heringsfischerei und Handel für lange Zeit ruinierte. Dein Walfischvergleich, mein Junge, ist wirklich sehr liebevoll! Gestatte, daß ich dir denselben zurückgebe: du, mein Sohn, hast dich gewaschen wie eine Bachstelze, so zierlich und zimperlich. Wenn ich's aber recht bedenke, so trägst du keine Schuld, sondern dein dummes, unpraktisches, kleines Waschbecken, das kaum größer ist als ein Vogelnäpfchen.«

Nachdem wir unsre Tasse Kaffee auf dem Bahnhof getrunken, pilgerten wir durch die angenehme Morgenfrische nach der alten Friesenstadt Emden, aus welcher ich in Schinkenhausen schon manchen Hering verzehrt hatte, ohne zu ahnen, daß ich je diese Stätte eines bedeutenden Heringsfanges betreten würde. Es war ein köstlicher Augustmorgen. Goldner Sonnenschein überflutete Land und Stadt, Onkel sagte, daß ihn das Ganze an eines jener im »sonnigen Goldton« gemalten Bilder des alten holländischen Meisters Cuyp erinnere, zumal Emden in seiner Bauart schon ganz den holländischen Charakter zur Schau trage. Es ist wahr, die Bauart und Einrichtung der meisten Häuser ist von der bei uns gebräuchlichen durchaus verschieden. Diese Emdener Häuser kehren nämlich ihre Giebel der Straße zu, sind oben oft gar wunderlich geschweift und haben Fenster, die, wenn man sie öffnen will, von unten emporgeschoben werden müssen. Dieses soll wegen der starken Seewinde sein, die einem offen stehenden Fensterflügel, wie man ihn im Innern Deutschlands findet, recht übel mitspielen würden. Alles Holzwerk ist sehr sauber angestrichen, weiß oder grün, und diese Sauberkeit ist wieder ein holländischer Zug. Was aber am meisten an Holland erinnert, das sind die vielen schiffbaren Kanäle, welche, mehrfach überbrückt, Emden durchschneiden. Der ansehnlichste ist der sogenannte Delft. Er bot uns ein Bild zum Malen, Wie gern hätte ich mein Skizzenbuch hervorgeholt und wenigstens die Umrisse festgehalten, denn ich zeichne nach der Natur – »nicht schlecht,« wie unser Zeichenlehrer in Schinkenhausen sagt. Aber Onkel meinte, das würde uns heute zu lange aufhalten, und Onkels Ansicht ist und soll für mich immer maßgebend sein. Das verlangt schon die Pflicht der Dankbarkeit, So mußte ich denn das malerische Bild allein durch die Camera obscura meiner Augen aufnehmen. Auf dem grünlichen Wasser des breiten Delft lagen schmucke Handelsschiffe vor Anker und streckten das malerische Gewirr ihrer Masten, Taue und braunroten Segel in den goldigen Sonnenschein; auf Deck sah man hier Körbe mit grünen Gemüsen, dort Stapel von schwarzen Torfstücken, anderswo Bütten mit silberfarbigen Seefischen. Am steingesäumten Ufer standen Käufer und Käuferinnen; vom Schiffe trug der Verkäufer über den schwankenden Steg einer Planke den Käufern die Waren zu. Dabei wurde gefeilscht, gestritten, sich wieder vertragen und gelacht. Nur ungern riß ich mich von diesem eigenartigen Marktbilde los; Onkel schien das zu empfinden, denn er packte mich mit sanfter Gewalt bei beiden Schultern, drehte mich um meine Achse und sagte: »Das ist das Rathaus, Anno 1576 erbaut, 62 Schritte lang, reiche Renaissance, nach Art der großen belgischen Rathäuser; der Turm nicht in der Mitte, indem der nördliche Flügel sieben, der südliche zehn Fenster hat. Wir werden übrigens dem Gebäude heute noch einen Besuch abstatten. Warum? davon später. Jetzt laß uns auch noch die ›Grote Kark‹ aufsuchen! Dann Frühstück!« Und Onkel führte mich, als wär' er hier zu Hause, nach der großen Kirche, wobei er die Shakespeareschen Verse citierte:

»Laßt unsre Neugier uns befriedigen
An den berühmten Stätten und Gebäuden,
Die diese Stadt enthält!«

Wann die »Grote Kark« erbaut wurde, ist unbekannt. In ihrem Chor bewunderten wir das prachtvolle Grabdenkmal des ehemals in Ostfriesland regierenden Grafen Enno II, Die Witwe, Gräfin Anna, ließ es errichten. Das Abbild des Entschlafenen ruht in voller Rüstung auf dem Sarkophage, alles aus weißem Marmor. Auf einer Säulenreihe davor ist in halberhabener Arbeit der Leichenzug des Grafen dargestellt, Ritterstatuen und allegorische Figuren bewachen dieses schöne Denkmal.

Sodann vertauschten wir das Halbdunkel des Gotteshauses mit dem vollen Licht der Sonne, und zwar erstens der wirklichen Sonne, die als Feuerball am Himmel glänzte, zweitens einer aus Messing oder Vergoldung nachgemachten Sonne, die als Wahrzeichen über der Haustür eines von grünen Linden umhegten Gasthauses prangte.

Es hat uns im Scheine dieser Messingsonne recht behagt. Der Wirt war sehr aufmerksam. »Tee oder Kaffee?« fragte er, als Onkel das Frühstück bestellte, Onkel sah mich von der Seite an und sagte: »Ich meine, wir nehmen Tee, Otto, das ist holländische Art, und wir sind hier in einer halb holländischen Stadt.« Nun war ich sehr überrascht, als wir den Tee aufgetragen bekamen: jeder Teetopf stand nämlich auf einem Untersatz, in welchem glühende Torfbrocken lagen. Das halte die Füße warm, scherzte Onkel. Der Tee selbst war sehr stark und schmeckte, mit blankem Kandiszucker versüßt (der in dem glühendheißen Getränk knisternd zersprang), mir bedeutend besser als das fade Getränk, das wir in Schinkenhausen an Sonntagabenden bekommen. Ich werde zu Hause als Reformator in Teesachen auftreten – Mama ist freilich sehr sparsam und hängt an ihren ehrwürdig alten Rezepten, ich sehe daher einen schweren Kampf voraus. Zu unserm Tee bekamen wir gekochte Eier, rohen Schinken und marinierten Fisch. Ich habe noch nie in meinem Leben so opulent gefrühstückt wie an diesem Morgen. Der alte Lucullus hatte es doch wohl gut. Ich möchte Lucullus sein, wenn ich nicht der Oberprimaner Otto wäre! Jenen deckt das Dunkel des Orkus, während ich noch atme im rosigen Licht – der Emdener Sonne.

»Was habt ihr denn hier in der Stadt für Merkwürdigkeiten?« fragte Onkel den gefälligen Wirt, indem er tat, als sei er noch nie in Emden gewesen.

»Erstens das Rathaus, zweitens die Waffensammlung, drittens den Emdener Käse,« antwortete der Wirt verbindlich.

»Ein kurioses Trifolium, ein unerhörter Dreiklang!« lachte der Onkel, während ich an den Spruch dachte: Tres faciunt collegium. »Aber sagen Sie, Herr Wirt,« fuhr mein Mentor fort, »Sie können uns vielleicht selbst und sofort in die eine dieser wirklich merkwürdigen Merkwürdigkeiten einführen, ich meine den Käse. Was hat er denn für besondere Kennzeichen?«

»Unser Käse,« antwortete der Wirt, »ist mit Kümmel, zerstoßenen Wacholderbeeren und kleingeschnittenen Gewürznelken versetzt, eine Mischung, die ihm einen sehr angenehm pikanten Geschmack verleiht. Die Größe unsrer Erzeugnisse auf diesem Gebiete wechselt vom einfachen Tellerumfang bis zur Wagenradgröße.«

»Wagenradgröße! Dann können wir deiner Mama nicht gut einen von diesen Emdener Käsen mitbringen, Otto,« bemerkte Onkel Ferdinand lächelnd, »es wäre denn, daß du in höchsteigener Person einen solchen Käse vor dir her rolltest, wie die Radmacher mit ihren Rädern tun. Aber dazu seid ihr Herren Primaner von heute zu stolz – die Kameraden könnten es sehen und dich auslachen! – während ich in meinen Jugendjahren, als ich in der Prima saß, mit der Oelflasche zum Krämer laufen mußte und wirklich lief, denn sonst hätte mir meine Mutter mit der Elle meine Beine beflügelt, daß selbe mit denen des Götterboten Hermes in Wettstreit hätten treten können. Vorläufig, Herr Wirt, bitte ich um eine Frühstücksprobe von eurer käsigen Berühmtheit; entspricht dieselbe unsern binnenländischen Geschmacksnerven, so werde ich mich für das Tellerformat entscheiden, zum Mitbringen für die Lieben daheim.«

Der Käse erschien. Seine grünlichgelbe Masse war mit braunen Fleckchen gesprenkelt, wie eine Wachtel; die Flecken stellten unzweifelhaft Kümmel, Wacholder und Gewürznelken in lieblicher Vereinigung dar, »Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle,« deklamierte Onkel, wohl in Erinnerung an seine Primanerzeit, wo ihn außer der Oelflasche Homer und Hexameter beschäftigten. »Hm, läßt sich essen!« äußerte der Onkel, nach einer Minute des Schmeckens. Dies ist sein Lieblingsausdruck, wenn ihm eine Sache vortrefflich mundet. Was mich betrifft, so mochte ich den Emdener Käse sehr gern, aber mir schmeckt überhaupt alles gut, da wir zu Hause gar nicht verleckert werden. »Ein künftiger Soldat und Vaterlandsverteidiger,« pflegt Papa zu sagen, wenn mein jüngerer Bruder Karl bei Rüben oder weißem Kappus lange Zähne macht, »muß alles essen lernen; wie soll es ihm sonst in den Quartieren ergehen? Ein Leckermaul macht nur den Quartierwirt verlegen oder ärgerlich.« Onkel bestellte sofort einen Emdener Käse von Tellergröße, den wir auf der Rückkehr mitnehmen wollen. Wie wird Mama sich freuen! Ich hoffe, daß die Gute etwas dickere Scheiben schneiden wird, als gewöhnlich.

Nachdem wir nun gefrühstückt hatten, nahmen wir Merkwürdigkeit 2 und 3 in Augenschein: das Rathaus und die Waffensammlung. Eigentlich hatten wir das Rathaus schon gesehen, aber da besagte Waffensammlung in seinen oberen Sälen aufgestellt ist, so mußten wir wohl oder übel es noch einmal besichtigen, was übrigens gar kein Opfer für mich war, denn das große Gebäude ist sehr reich und mannigfaltig verziert. Es waren noch mehrere Fremde da, welche die berühmte Waffensammlung, die als eine der bedeutendsten in Deutschland gilt, sehen wollten, und von einem Kastellan geleitet, dem jeder laut Taxe fünfzig Pfennig in die biedere Rechte drücken mußte, betraten wir die oberen Säle. Du lieber Himmel, welch ein Spiel von Schwertern, Hellebarden, Musketen, Radflinten, Donnerbüchsen, Sattelpistolen, Kanonen, Sturmfackeln, Richtschwertern u. s. w., wohl über 1000 Nummern! Ein dicker, gemütlicher Herr staunte, was die Menschen doch alles für Mordinstrumente erfunden hätten, um sich gegenseitig das bißchen Lebenslicht auszublasen! »Merkwürdig!« sagte mein Onkel, »diese Emdener, welche mit ihrem berühmten Käse so emsig an der Erhaltung des menschlichen Körpers arbeiten, eben diese interessieren sich so sehr für Instrumente, welche der Zerstörung des menschlichen Körpers dienen! Les extrêmes se touchent!« – »Aber wie sind diese Emdener denn, die ich immer für Heringsbändiger hielt,« fragte ein Jüngling, in großkarriertem Anzuge, »zu einer so schneidigen Waffensammlung gekommen?« – »Emden,« antwortete der Kastellan, »welches eine alte Chronik das Auge der ganzen friesischen Küste nennt, erbeutete (hier warf der Sprecher einen triumphierenden Blick nach dem großkarrierten Jüngling hinüber, der von Heringsbändigern gesprochen) diese Waffen aus einem Schiffe, auf welchem Graf Ernst von Mansfeld, der bekannte Feldherr im Dreißigjährigen Kriege, seine Trophäen nach England zu bringen gedachte. Jeder Emdener ist stolz auf diese Sammlung,« – »Und mit Recht,« fiel ein alter Herr ein, dem man, wiewohl er einen grauen Reiseanzug trug, den höheren Militär ansah, »denn so reichhaltige Sammlungen möchte es nur wenige in Deutschland geben. Besonders schön ist die Sammlung der Feuergewehre von der Zeit ihrer ersten mangelhaften Einrichtung an bis auf ihre heutige Gestalt.«

Nachdem wir die Mordwerkzeuge zur Genüge besichtigt, wurden uns zwei Automaten vorgeführt: ein trommelnder Tambour und zwei Ritter im Zweikampf. Aufrichtig gestanden, diese Figuren machten mir mehr Spaß, als alle die schauerlichen Mordinstrumente zusammen. Letztere waren eine ernste Tragödie, die Automaten eine lustige Komödie. Ich muß wohl über das ganze Gesicht gelacht haben, denn Onkel sagte vernehmlich laut: »Das ist was für dich, Otto!« Ich fühlte, wie ich rot und heiß im Gesichte wurde. Aber ich interessiere mich nun einmal für Mechanik.

Die weiteren Erlebnisse des Tages waren ein Spaziergang um die Stadt und dann das Mittagessen, wo ich zum erstenmal im Leben Bekassinen, gebratene Bekassinen, bekam. Dies sind schnepfenartige Vögel, die in Mooren und Sümpfen leben; man nennt sie auch geradezu Sumpfschnepfen. Sümpfe und Moore aber findet man in Friesland recht viel. Als die braunknusperigen Vögel mit ihrem langen Schnabel auf der Tafel erschienen, ereignete sich ein komischer Zwischenfall. Eine ätherische Dame, mit langen goldblonden Schmachtlocken, die auf ein perlgraues Reisekleid und einen breiten, schwarzen Spitzenkragen fielen, lispelte, als sie das genannte Gericht erblickte, recht schmachtend: »Ach, Himmelsziegen!« Alles lachte, obwohl es gewiß nicht passend war. Aber es lautete auch gar zu komisch: Himmelsziegen! Nur der alte militärische Herr, der die Waffensammlung gelobt hatte, blieb ernst und sagte: »Ich erlaube mir, die verehrte Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Dame eines ganz richtigen Namens bedient hat, den Sie zum Beispiel auch in Rebaus Naturgeschichte finden können. Himmelsziege heißt diese Bekassine, weil sie oft, pfeilschnell sich hoch in die Luft schwingend, oben ein weitschallendes Meckern hören läßt. Wer den Namen ›Himmelsziege‹ indes nicht benutzen will, der mag ›Heerschnepfe‹ oder ›Bruchschnepfe‹ sagen, und wer auch dieses zu gewöhnlich findet, der sage Scolopax gallinago!«

Darauf führte der alte Herr mit der größten Gemütsruhe von der Welt das braungebratene Brüstchen seiner Bekassine zum Munde. Ob wir nach dieser Zurechtweisung wohl unser Lachen einstellten? Die Dame mit den Locken machte dem alten Herrn eine Verneigung und lispelte: »Es gibt doch noch Ritter!« Uebrigens störte der Zwischenfall die Gemütlichkeit nicht; im Gegenteil, er belebte das Gespräch, indem jetzt allerlei kuriose Namen genannt wurden, die in andern Gegenden für ganz bekannte Dinge gebräuchlich sind. So hab' ich noch behalten, daß ein freundlicher Geistlicher sagte, in Jütland heiße der Teufel ›Fannen‹, was er in folgendes Gedenkverschen kleidete:

»Kennst du das Land, wo man aus Holz die Schuhe macht,
Wo man aus Morast Töpfe brennt,
Wo man den Teufel Fannen nennt?«

Ja, auf so einer Reise kann man was lernen!

Nach dem Mittagessen machte Onkel Ferdinand ein Schläfchen, während ich an diesem Tagebuch schrieb.

Vier Uhr gemeinschaftlich Kaffee getrunken, poetischer ausgedrückt, den braunen Trank Arabiens geschlürft. Dann noch ein Spaziergang auf dem Wall, der von einer dreifachen Baumreihe beschattet ist. Hübsche Anlagen, bequeme Ruhebänke, lohnende Aussichten in die Ferne. Zum Abendessen genossen wir einige Fischspeisen, denn es ist Onkels Grundsatz, auf Reisen das zu essen, was der Gegend, der Stadt, oder dem Dorfe eigentümlich ist. Auf Helgoland, sagte er zum Beispiel, werde ich mir keinen Schweizerkäse fordern, sondern Hummern und Austern. Während Onkel nach der Mahlzeit im Gastzimmer die Zeitungen las, ging ich nach oben auf mein Stübchen und vollendete meine Schreiberei. Darüber ist meine Kerze fast niedergebrannt; es wird Zeit, daß ich ins Bett steige. »Gute Nacht!« flüstere ich nach Hause hinüber, wo meine Lieben schon längst ihre Lagerstätte aufgesucht haben. –

Es hing ohne Zweifel mit Ebbe und Flut zusammen, daß wir erst heute mittag nach der Table d'hote (diesmal ohne Himmelsziegen!) zu Schiffe konnten.

Ein gelungener Sachse, der sich immer mit einem blau und grün karrierten Plaid herumschleppte, auch beim Essen, meinte zwar, das seien nur Kniffe von den Wirten. Aber der Mann mit dem Plaid war entschieden im Unrecht. Es wird den Wirten von Emden ja unzweifelhaft sehr angenehm gewesen sein, daß ihre Gäste alle zum Mittagessen bleiben mußten, aber sie trugen nicht die geringste Schuld daran.

Nämlich der Kanal, welcher Emden mit dem Dollart und also mit der Nordsee verbindet, enthält nur Wasser, wenn die Nordsee Flut hat, also das Wasser steigen macht; die Flut dauert bekanntlich sechs Stunden; zur Zeit der Ebbe, wo das Wasser zurückweicht, ist der betreffende Kanal beinahe trocken, so daß überall graue Schlammbänke ans Tageslicht treten; die Ebbe währt ebenfalls sechs Stunden. Wir konnten also nur zur Zeit der Flut ausfahren, oder wenn die Ebbe erst begann und der Kanal noch voll war. Diese Umstände bedingten den Zeitpunkt unsrer Abfahrt. Quod erat demonstrandum. Ich erörterte dies alles dem Sachsen mit dem Plaid, er aber behauptete in seiner drolligen Sprache, die ganzen Wassergeschichten (sic!) ließen sich heutzutage machen, mit Schleusen und Stauwerken, und ich sollte nur überzeugt sein, daß da in Emden Kniffe der Herren Wirte spielten, um nochmals eine volle Table d'hote herauszuschlagen. Während er von mir verlangte, ich solle überzeugt sein, ließ er sich selber nicht überzeugen, nicht durch die schlagendsten Gründe, und als ich ihm erzählte, daß Emden früher direkt an der breiten Emsmündung gelegen habe, wodurch die Emdener direkt in die Nordsee hätten fahren können, daß aber seit dem Jahre 1572 der Fluß sein altes Bett verlassen und sich mehr südlich gewandt habe, was die Emdener gezwungen hätte, einen Kanal von ihrer Stadt nach der Emsmündung beziehungsweise nach dem Dollart zu ziehen, – da sagte mein Sachse ganz großartig: »Schwindel! Nichts als Schwindel der Herren Hoteliers!« Nun gab ich meine Bekehrungsversuche auf.

Unser gefälliger Wirt zur »Sonne« ließ seine Gäste im Omnibus zur Abfahrtsstelle des Dampfschiffes befördern. »Wie er sich beeilt, uns loszuwerden, nachdem wir die Speisekarte heruntergegessen!« sagte der Sachse; »wir erfahren an unserm eigenen Fleisch und Bein die Wahrheit des Spruches: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehn!« Ich erwiderte keine Silbe darauf, denn ich ärgerte mich zu sehr über solche Unterstellungen. Vielleicht aber – und bei diesem Gedanken fühlte ich mein Blut siedendheiß in die Wangen steigen – hat der Mann mich nur ein bißchen aufziehen wollen, da er mir unter anderm das Kompliment machte, ich sei jung, sehr jung. Das »sehr« betonte er mehr, als mir gerade nötig schien.

Der Omnibus setzte seine Insassen am Kopfe des erwähnten Kanals aus. Hier wartete das Dampfschiff »Prinzeß Marie« auf uns. »Eine jungfräuliche Dame vorgerückten Alters,« scherzte Onkel, »die besser täte, sich der Häuslichkeit zu widmen, als so extravagante Touren, wie eine Seefahrt, zu unternehmen.« – »Wie, hältst du das Schiff nicht mehr für seetüchtig?« fragte ich. – »O, es wird dies eine Mal noch gehen,« antwortete Onkel, »namentlich wenn du, Otto, das Fahrzeug mit den Worten des Kolumbus anspornst: ›Nach Westen, o, nach Westen hin beflügle dich, mein Kiel!‹ Ich weiß ja ohnehin, daß dein Busen angesichts der Seefahrt mit hochromantischen Gefühlen geschwellt ist, und daß du wie eine elektrische Batterie geladen bist mit poetischen Citaten. Hab' ich recht?« – »Vollkommen recht, lieber Onkel, und ich will nur gleich den Anfang machen:

›Mich aber treibt's, ein andres Land zu suchen,
Und ein Kolumbus ist mein ahnend Herz!‹«

Währenddessen stöhnte die »Prinzeß Marie« ein wenig ärgerlich – sie schien des Wartens müde. Wir machten ihr die schuldige Reverenz, indem wir zwischen Lastträgern, Koffern, Körben, Hutschachteln und Reisetaschen hindurch über das schmale Gangbrett an Bord stolperten. Die Gäste der übrigen Hotels säumten nicht; auch sie beeilten sich, ihren Platz an Bord zu gewinnen. Schneller als ich erwartet, verschwand das Chaos der Reiseutensilien am Quai unter den Händen der Schiffsmannschaft, kräftiger Friesensöhne mit braunroten Gesichtern, schwarzen helmartigen Wachstuchhüten (sogenannten Südwestern) blauwollenen Jacken und der unvermeidlichen Dosis »Schiemannsgarn« oder Kautabak hinter der Backe. Sie trugen auf ihrem breiten Rücken gewaltige Lasten über das schmale, schwankende Laufbrett und versenkten dieselben durch eine Falltür in den Orkus des untern Schiffsraumes.

Die Schiffsglocke ertönte. Einige Nachzügler kamen noch in verzweifeltem Galopp angesprengt und retteten sich über das Laufbrett. Dann wurde dieses weggezogen, die Taue wurden von dem dicken Uferpfahle gelöst, der Schlot entsandte Rauchwolken, die Räder begannen zu arbeiten und das Schiff setzte sich in Bewegung, Aber vorerst nur langsam, denn das Fahrwasser war schmal, hoch ragten zu beiden Seiten die grasbewachsenen Deiche, welche den Kanal einfaßten. Währenddessen fanden die Passagiere Zeit, Reisetoilette zu machen. Bei den Damen kamen die buntesten Radmäntel, bei den Herren die unglaublichsten Kopfbedeckungen zum Vorschein. Wenn Onkel Ferdinand seinen hohen, steifen, grauen Filzhut mit der bewußten praktischen Schlaf- und Reisemütze vertauschte, so tat er dies sicher nur der Bequemlichkeit wegen; aber verschiedene andre Herren und Herrchen hatte ich in Verdacht, daß sie sich durch ihre Reisekappen nur ein gewisses »Relief« geben wollten, wie man das nennt. Da war zum Beispiel ein Bergassessor (ich hatte den Titel zufällig gehört), der eine schirmlose Jockeimütze von schwarzem Sammet aufstülpte, welche einen Saum von kanariengelbem Seidenbande hatte und im Nacken eine dito Schleife, an welcher mindestens zwei Meter Band verschwendet waren. Was mich betrifft, so behielt ich einfach mein graues Filzhütchen auf, das mir der gütige Onkel in Emden gekauft hatte; ich konnte mir auch gar nichts Schöneres denken, als dieses Hütchen – dem ach! ein so kurzes Dasein beschieden sein sollte. Doch davon gleich. Unter dem Schutz des ausgespannten Sonnenzeltes gruppierten sich die so merkwürdig herausgeputzten Passagiere auf kleinen Feldsesseln, und sofort war alles in der lebhaftesten Unterhaltung begriffen. Wird das schöne Wetter andauern? Werden wir glatte See haben? Wenn nur nicht die fatale Seekrankheit kommt! Weiß man kein Mittel dagegen? O doch, mindestens fünfzig – aber keines hilft! Wie lange werden wir nach Norderney fahren? Haben Sie schon ein Quartier? Kurzum, die bevorstehende Seefahrt bildete das allgemeine Fahrwasser der Unterhaltung, Wohl den meisten der Passagiere war diese Fahrt, gleich mir, etwas Neues, Großes, Gewagtes. Wir fühlten alle so etwas von einem Kolumbus in uns, der aussegelte, einen unbekannten Erdteil zu entdecken.

Endlich hatten wir den Kanal hinter uns. Das Schiff schoß durch die weitgeöffneten Tore der großen Schleuse und durchschnitt die Wogen des Dollart, die uns in krausem Gewimmel, glitzernd im Sonnenglanz, umgaben. Wir fühlten sofort den frischen Hauch des Seewindes, der ungehindert über die weite Fläche strich – und namentlich mein armer schöner Hut fühlte ihn! Ich hatte in unverzeihlicher Nachlässigkeit versäumt, das Gummikördchen an meinem Rockknopf zu befestigen, und hui! flog der Hut durch die Luft und – lag in der See. Onkel Ferdinand sagte, das Gesicht wäre »gut« gewesen, mit dem ich dem Entflohenen nachgeblickt: so müsse Jonas ausgesehen haben, da ihn der Walfisch verschluckte. Leider wurde kein Boot ausgesetzt, den Flüchtling, der wie närrisch auf den Wellen tanzte, einzuholen. Kapitän, Matrosen, Passagiere, sie alle lachten mich unbarmherzig aus, selbst der kleine Küchenjunge grinste. Onkel, der nie seine gute Laune verliert, sagte, dasselbe Malheur sei dem Dichter des »Trompeter von Säckingen«, Viktor von Scheffel, in den italienischen Gewässern passiert; Scheffel habe ein hübsches Gedicht darauf gemacht, das müsse ich mir zum Troste abschreiben. Dann holte Onkel seinen eigenen hohen, steifen, grauen Filzhut wieder aus der Hutschachtel und stülpte ihn mir mit den Worten: »Selbstverständlich darfst du diesem kühlen Seewind dein geschorenes Haupt nicht unbedeckt aussetzen,« auf den Scheitel. Nun mußte meine Erscheinung erst recht komisch sein, wie ich aus der gesteigerten Heiterkeit der Passagiere schloß. Ich tat, was das beste in diesem Falle war: ich lachte mit – und dann kettete ich den Bibi durch die Gummischnur an meine Joppe und wandte meine Blicke auf die See hinaus.

Der Dollart! Wo jetzt seine salzigen Wasser wogen, war einst festes Land, das alte Reiderland mit der Stadt Thorum und nahe an vierzig Dörfern. Fruchtfelder und Weidetriften dehnten sich aus und gaben einer kernigen, wackeren Bevölkerung ihr Bestehen. Aber die Nordsee ist eine Mordsee, und in einer dunklen Sturmnacht ward die ganze Herrlichkeit des Reiderlandes von den empörten Wogen verschlungen. Tausende von Menschen ertranken. Nur eine kleine Scholle Landes blieb übrig – wir fuhren an ihr vorbei: die Insel Nessa oder das Nesserland, eine grüne Wiese mit sechs Häusern, die auf künstlichen Erdhügeln stehen, sogenannten Warfen. Die Bewohner sind in ewigem Kampf mit der Salzflut, die mit gierigen Zähnen nach ihrem Grund und Boden schnappt.

Helios, der uns am Morgen so freundlich angelächelt, hatte sich, ehe wir uns dessen versahen, griesgrämig hinter graue Wolkengardinen zurückgezogen. Diese Gardinen hatten verdächtig schwarze Ränder, die schwer niederhingen und hier und da bis in die See tauchten. Ein lebhafter Wind pfiff und orgelte über das Wasser und wühlte dasselbe zu höheren Wellen auf, die dunkel, mit weißem Schaum gekrönt, gegen die Planken unsres Schiffes platschten und uns mit salzigen Flocken und Tropfen bespritzten. Das Schiff hob und senkte sich auf den Hügeln und Tälern der Wellen. »Prinzeß Marie will tanzen!« rief ein kleiner Bursche in braunem Sammetkittel. Mit lautem, halb gesungenem »Hohehoi!« zogen die Matrosen ein großes, vielgeflicktes Segel auf. Der Wind warf sich heulend hinein, wodurch es einen rundgeschwellten Bauch gewann; dazu arbeitete die Maschine, so daß die Räder durch kochenden Gischt zu fahren schienen. Ob wir wohl weiter kamen! Es war herrlich!

»Vorbei, vorbei an grünen Uferweiden!
Es will mich jetzt nach keinem Land gelüsten;
Das weite Meer will ich im Flug durchschneiden
Und Anker werfen an den fernsten Küsten!«

So deklamierte ich, wohlverstanden nur in der Sprache des Gedankens, denn die Passagiere, und wohl auch Onkel Ferdinand, hätten mich ausgelacht, wenn ich die Verse laut gesprochen hatte. Die Welt hat so wenig Sinn für Poesie, es ist ein Jammer. Ich will hier aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, bekennen, daß die Verse nicht von mir sind, sondern von einem Isidor Bürger, der aber ein anderer Bürger ist, als der berühmte Balladendichter; mein Isidor Bürger hat ein dünnes Bändchen »Nordseelieder« herausgegeben.

Die Fahrstraße, welche »Prinzeß Marie« (von wegen der Wassertiefe) innehalten mußte, war durch einzelne, an der Oberfläche des Wassers schwimmende Tonnen bezeichnet, welche, wie der Onkel mir erklärte, mittels Ketten an kolossalen, in das Meer versenkten Steinen befestigt sind. »In den schwarzen Tonnen wohnen die Schornsteinfeger, in den weißen die Bäcker.« Das mag Onkel kleineren Kindern aufbinden, als mir. Andre Wegweiser der Fahrstraße waren eingegrabene Birkenbüsche, die mit ihrer Spitze aus dem Wasserspiegel guckten. Jetzt sahen wir auch Möwen, diese charakteristischen Seevögel.

»Was dir der Rabe auf dem Land,
Mit Waldes Sturm und Graus bekannt,
Das ist die Möwe mir zur See,
Vertraut mit Sturmes Graus und Weh –«

deklamierte der Onkel – und ich sah niemand lächeln. Warum nicht? O, sicherlich, weil Onkel ein älterer, etwas dicker Herr ist. Hätte ich so deklamiert, so hätte man gleich gespöttelt über »jugendliche Begeisterung«, als ob die so etwas Schlimmes wäre! Bei Alexander dem Großen zum Beispiel hat sie doch große Taten ausgerichtet. Als Onkel sein Sprüchlein hergesagt, fielen mir die herrlichen Hexameter aus der Odyssee ein, wo Hermes, der Götterbote, mit dem Vogel Laros, eben der Möwe, verglichen wird – und mit doppeltem Interesse heftete ich jetzt meine Blicke auf die fluggewandten Vögel, die sich mit ihrem schneeweißen Gefieder wie Silberpunkte von dem Hintergrunde des bleifarbigen Himmels abhoben, bald in den Höhen des Aethers schwebend, bald auf die bewegte See hinabtauchend, oder der Küste zusteuernd.

Die Küste: im Süden und Westen grüßte die holländische Küste herüber; nördlich von der »Prinzeß Marie« zog sich der »goldene Ring« des Friesenlandes hin. Der goldene Ring: so bezeichnet man die kostspieligen Deiche, welche manchen Sack mit Gold verschlungen haben; aber sie sind notwendig, weil sie das tief gelegene Marschland vor dem Sturmlauf des Ozeans schützen müssen. Doch paßt der Ausdruck auch auf die große Fruchtbarkeit der friesischen Marschen. Ein Vorsprung der Küste schob sich ins Meer hinein; Onkel nannte ihn »die Knocke« und erzählte, daß hier in der Nacht ein Leuchtfeuer dem Schiffer den Weg zeige auf dem pfadlosen Elemente.

Wir passierten die Knocke. Der Wind fegte jetzt ungehemmt über die weite Meeresfläche. Unser Schiff tanzte förmlich auf den Wogen. Es drängte mich, die schwungvollen Rhythmen Heines mit der stummen Sprache des Gedankens nachzusprechen:

»Thalatta! Thalatta!
Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!
Sei mir gegrüßt zehntausendmal
Aus jauchzendem Herzen – –
Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!
Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,
Wie Träume der Kindheit seh' ich es flimmern
Auf deinem wogenden Wellengebiet!«

Die Begeisterung, welche ich in diesen Versen – eines andern – austönte, schien durch den Anblick der großartigen Scenerien auch noch in manchem andern Busen geweckt zu werden. Da war zum Beispiel der Bergassessor von vorhin, der mit der Jockeimütze und der flatternden Seidenschleife. Er hüllte sich in einen langen schwarzen Mantel von Guttapercha, zündete sich eine Zigarre an, stellte sich mit gespreizten Beinen am Bugspriet auf und kreuzte die Arme über der Brust. Sein Blick starrte in das aufgeregte Meer hinaus. Wenn ihn Schaum und Tropfen trafen, zuckte er mit keiner Wimper. Er sah überhaupt ganz großartig aus. »Fürchten Sie denn nicht, auf diesem am meisten auf und nieder tanzenden Standpunkte die leidige Seekrankheit zu bekommen?« fragte mein Onkel, der mit mir auf dem Schiffe auf und nieder spazierte. »Die Seekrankheit?« antwortete der Herr verächtlich, indem er uns mit einem kühlen Blicke streifte, »ich kenne sie nicht; ein fester Wille und allenfalls ein Schluck Cognac sind mein Palladium.« – »Großartig!« sagte mein Onkel. (Ich glaube dabei einen etwas spöttischen Zug um seine Augenwinkel gesehen zu haben.) Merkwürdig, der Herr am Bugspriet imponierte mir gar nicht; ich fühlte einen weit größeren Respekt für den Mann am Steuer. Dieser war ein Matrose von fast sechs Fuß Länge und herkulischem Körperbau. Er trug eine weite, geflickte Hose von Segeltuch und ein rauhes, dunkelblaues Wams mit weit zurückgeschlagenem Kragen, welcher den starken Hals bloß ließ; ein Südwester saß schief auf den krausen blonden Friesenhaaren, so daß die klare Stirn und das rotbraune Gesicht unbeschattet blieben. Die Züge waren stark, aber nicht unschön, wenngleich eine hinter der linken Backe verborgene Portion Kautabak die Sympathie ein wenig störte und den Gedanken an ein Zahngeschwür aufkommen ließ. Der stattliche Mann stand, anscheinend unbekümmert um die ganze Schiffsgesellschaft, am Steuer, der Winke des Kapitäns gewärtig und mit nerviger Faust die Drehscheibe regierend, als wäre sie leicht wie eine Flaumfeder.

So oft ich meine Blicke von diesem imponierenden Manne der übrigen Schiffsgesellschaft zuwandte, wollte es mir scheinen, als ob eine auffallende Blässe ihre Gesichter entfärbe. Auch war die anfangs so laute Unterhaltung fast gänzlich verstummt. Die Rufe: »Wie großartig! Wie entzückend!« wurden nicht mehr gehört. Der eine nach dem andern schloß die Augen, klammerte sich an die Schiffswand, wischte sich mit dem Taschentuche den Schweiß von der Stirn und suchte mit taumelnden Schritten das Hinterdeck oder sonst einen Platz »im Lee« (wo man vor dem Winde besser geschützt ist) zu gewinnen. Der Matrose Klaus, welchem die Natur ohnehin ein Schelmengesicht gegeben, brachte mit doppeltem Schelmengesicht eine Anzahl grünlackierter Blecheimer herbei, die er an die wunderlichen Landratten verteilte, welche die Augen verdrehten wie Schellfische auf festem Lande. Die Empfänger beugten den Kopf bald über den Behälter, bald über den Schiffsrand, als hätten sie sowohl jenem als auch da unten der Meerflut etwas anzuvertrauen. Und so war es auch – denn die Seekrankheit war an Bord der »Prinzeß Marie« ausgebrochen.

Ueberall Scenen des Jammers. Der Sachse, mein bewußter Sachse aus »Connewitz bei Leipzig«, wünschte sich mit einem ersterbenden Seufzer nach »Connewitz« zurück. Ich war gerächt, und die Wirte von Emden waren es ebenfalls!

Der großartige Herr mit dem Guttaperchamantel, der Jockeimütze und Schleife, schleuderte seine Zigarre in das Meer und knickte wie ein Taschenmesser auf einer Bank zusammen. Eine junge Dame, der man bis dahin viele Aufmerksamkeiten erzeigt hatte, lag mit schiefgedrücktem Hute in einer Ecke und stöhnte nach einem Glase Wasser – und niemand brachte es ihr. Ein Leutnant in Zivil, der bis dahin durch seine schneidige Haltung imponiert hatte, lag krumm wie ein gerollter Mantel auf einer Bank und nannte das ganze Weltmeer einen »faulen Zauber«. Und ich? Ich hatte die Seekrankheit am dicksten, davon bin ich überzeugt. Keiner konnte mehr leiden als ich. Sie ist wirklich fürchterlich, diese Krankheit! Wir sagten auf der Unterprima oft: »Ist mir alles schnuppe!« Dieses geflügelte Wort paßt vollkommen auf den Zustand, in den uns die Seekrankheit versetzt. Es wär' mir wirklich schnuppe gewesen, wenn der Kapitän seinen Matrosen den Befehl gegeben hätte, mich in den Dollart zu werfen, zur Speise der Schellfische und Makrelen. Ich würde mich mit keinem Finger gewehrt haben. Und dann dieses abscheuliche Würgen im Halse, dieses – – elegante Geister sagen in verblümter Redeweise: »dem Neptun opfern« – aber die Geschichte selbst kommt auf nichts Elegantes hinaus oder heraus.

Und Onkel Ferdinand? »Otto,« sagte er, »ich gehe in die Kajüte und esse ein Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln.«

Als ich nur das Wort »gebratene Zwiebeln« vernahm, verfiel mein Magen in eine neue Konvulsion.

»Meine Gegenwart kann dir gar nichts nützen,« fuhr der Onkel fort; »leg dich horizontal auf diese Bank, so spürst du am wenigsten die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, denen man das Unheil zuschreiben muß.«

Ich befolgte diesen Rat und spürte wirklich einige Erleichterung.

Aber Unglück kommt nicht allein, sondern, nach Shakespeare, in Bataillonen. Der Himmel überzog sich mit einer schwarzen Gewitterwolke; dieselbe kam mir vor wie ein Riesenadler, der, seine Fittiche ausbreitend, näher und näher rauscht. Da rollte auch schon ein gewaltiger Donnerschlag über den Horizont. Zugleich fegte der Wind mit gesteigerter Heiterkeit über die mächtig erregte See. Es war ganz, wie Heine sagt:

»Der Wind zieht seine Hosen an,
Die weißen Wasserhosen.«

Ein prasselnder Regen fuhr alsbald hernieder. Und wir armen Seekranken lagen so gleichgültig da, daß wir uns ruhig durchnässen ließen. Blitz zuckte auf Blitz, bald rot, bald gelb und bald blau. Der Donner machte kaum noch eine Pause. Die weißen gespenstigen Möwen waren wie toll, sie flogen wie ein Haufen Papierschnitzel, in den der Wind fährt, durcheinander und kreischten wie ein halbes Hundert Katzen. »Ein Sturm! ein Sturm!« ächzten die Damen. »Ein harmloses Gewitterchen!« beruhigte sie der Kapitän. Die Matrosen riefen sich einige Worte zu, und klatschend fiel das Segel nieder. »Wir scheitern! Wir gehen zu Grunde; Papa, Mama, laßt uns aussteigen!« zeterten ein paar Kinderstimmen. – »O Papa, ich will lieber weiter studieren!« wimmerte ein Quartaner, der sich mit dem Plan getragen hatte, Matrose zu werden.

»In die Kajüte, in die Kajüte!« mahnte der Kapitän, da der Regen das Deck zu überschwemmen drohte. Nun drängten alle, die noch Beine unter ihrem Leibe fühlten, die steile Treppe hinunter, die andern, Beinlosen (worunter auch ich mich befand), blieben in völliger Apathie auf ihren Bänken und Feldstühlen liegen und erklärten dem freundlich zuredenden Kapitän, sterben zu wollen. Jene Bänke und Feldstühle, welche von ihren bisherigen »Besitzern« verlassen waren, stürzten und polterten nun auf dem schwankenden Deck umher, bis die Matrosen sie einfingen und in Numero Sicher brachten. Aber da unten mußte es fürchterlich sein, noch fürchterlicher wie in den Abgründen des Schillerschen Tauchers, denn einer der Hinabgetauchten nach dem andern arbeitete sich wieder ans Licht, obwohl dasselbe durchaus nicht rosig war.

Auch Onkel Ferdinand fand sich ein. Das Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln sei vortrefflich gewesen, sagte er; ob ich auch eins wolle. »O, Onkel!« wehrte ich ab; »ich wollte, der Sturm begrübe mich in die Tiefe des Dollart.« – »Der Sturm?« lachte der Onkel; »nun ja, aber in Miniaturausgabe! Doch ich will das denen in Schinkenhausen nicht verraten, wenn du von haushohen Wogen und klaftertiefen Abgründen zu erzählen anfängst. Mut, mein Junge, das schlichte Gewitterchen verzieht sich so schnell, wie es gekommen. Höre, der Donner grummelt schon in der Ferne, die Wolken fliegen wie zerrissene Taschentücher der Küste zu.«

Ich richtete mich von meiner Lagerstätte empor und fühlte mich merklich besser. »Wenn das ein Sturm von Miniaturausgabe war,« sagte ich matt lächelnd, »so war wenigstens die Seekrankheit in Großfolio.« Mit den verglasten Augen die Küste suchend, sah ich einen matten Strahl der wiederkehrenden Sonne über das Wasser gleiten, das als eine Pfauenfeder grün, blau und golden schillerte. Im Lichte des Sonnenstrahls lag blaß und grau eine Kette von Hügeln.

»Norderney!« rief der Kapitän und zeigte mit dem Finger darauf, »Norderney!« pflanzte die frohe Kunde über das Deck sich weiter. Es klang wie ein Erlösungswort. Alles drängte nach vorn, denn man konnte wieder stehen und gehen, das Gespenst der Seekrankheit war mit den Gewitterwolken abgezogen. Welch eigenartiges Naturbild bot sich uns dar! Mit spitzen Gipfeln und runden Kuppen, mit sanften Abhängen und schroffen Senkungen lag das berühmte Eiland da, schimmernd in der gelbweißen Farbe des Sandes; eine graugrüne Vegetation schmiegte sich hie und da wie ein zerrissenes Bettlergewand um die höchsten Erhebungen, während ein leuchtend weißer Streif – die Brandung der See – die Basis der Hügelkette und des sanft ansteigenden Strandes bildete. Das Bild gefiel mir über die Maßen. Onkel Ferdinand, welcher meine leuchtenden Augen sehen mochte, fragte: »Na, hast du denn kein poetisches Citat zur Hand?« – »O doch, Onkel,« entgegnete ich, und unbekümmert, ob die Passagiere mich hörten, citierte ich die hübschen Verse von Ernst Hallier, der ein gelehrtes Buch über die Nordsee geschrieben hat:

»Still die Düne; schaumumkränzt
In der vielbewegten See;
Klare, grüne Flut begrenzt
Zarten Ring, so weiß wie Schnee,
Langer, schmaler Streifen Sand
Hebt vom Ring sich sanft hervor;
Grünbedeckt, mit falbem Rand,
Steigen Hügel draus empor.« –

Aber es wird Zeit, daß ich für heute meine Tagebuchaufzeichnungen schließe; Onkel Ferdinand ruft aus seinem Schlafkämmerchen des Norderneyer Fischerhauses, wo wir Quartier genommen, daß ich eine Nachteule sei und die Lampe auslöschen solle; er sieht das Licht nämlich durch die Spalte der offenstehenden Wohnstubentür. Zudem ist es gleich zehn Uhr, und im Seebade soll man zur rechten Zeit das Lager aufsuchen. Also Schluß für heute, Fortsetzung morgen. –

Sobald die Dünenkette von Norderney in Sicht der »Prinzeß Marie« war, richteten sich alle unbewaffneten und bewaffneten Augen darauf.

Fernrohre kamen zu Tage, die noch den ersten Zeiten dieser Erfindung anzugehören schienen. Ich kann mir denken: wer so ein Ding noch von Urgroßvaters Zeiten her im Hause hatte, der nahm es mit auf die Reise, um der Schiffe fernen Lauf oder der Küste blauduftiges Band damit zu erspähen.

Dieser glaubte den Kirchturm des Dorfes, jener ein Haus zu erkennen; dieser sprach von einer Schaluppe, jener von einer Menschengruppe, die am Strande stehe – falls es nicht Seehunde wären.

Dieses Wort war die Losung zu allerlei »Ulk«.

Hier glaubte jemand einen wahnsinnigen Hering zu entdecken, dort ein andrer einen invaliden Mops, welcher bade; ein dritter sah gar einen Kommabazillus am Strande spazieren gehen. Die Damen wandten sich hoheitsvoll von solchen »Witzen« ab (was ich ihnen durchaus nicht verdenke, zumal Onkel und ich uns nicht an den Possen beteiligten); sie zogen es vor, ihre zerdrückten Hüte und Kleider in Ordnung zu bringen. Schließlich folgten die Herren ihrem Beispiele, indem sie ihre fabelhaften Reisemützen in die Taschen der Sommerüberzieher versenkten, ihre »vernünftigen« Kopfbedeckungen wieder aufsetzten und Plaids und Reisedecken zusammenrollten. Ich mußte Onkel seinen hohen, steifen, grauen Filzhut wieder zurückgeben und erhielt dafür seine englische Schlaf- und Reisemütze, in welcher ich mindestens so lächerlich aussah, wie in dem Bibi. Wo mochte jetzt mein entflogenes Filzhütchen schaukeln? Oder hatte es ein altes Seegespenst bereits auf sein grünhaariges Haupt gestülpt? »Man wird dich für einen jungen englischen Lord halten!« scherzte der Onkel. Glücklicherweise nahmen die Passagiere, vollauf mit ihrem Handgepäck beschäftigt, diesmal keine Notiz von meiner seltsamen Kopfbedeckung, – und ich – ich tröstete mich mit den innerlich gemurmelten klassischen Worten: »Sed levius fit patienta, quidquid corrigere est nefas.«

Die Seekrankheit war jetzt völlig verschwunden. Es ist eigentümlich, wie schnell man sich nach derselben »wie neugeboren« fühlt! Die noch vor kurzem zu sterben verlangten, erfreuten sich jetzt an einem Cognac, den sie sich vom Kellner kredenzen ließen.

Näher und näher rückte die Insel. Wir erblickten einige stattliche Gebäude. Eine lange Reihe einstöckiger Häuser, die so niedlich und sauber aussahen, als seien sie einer Nürnberger Spielzeugschachtel entnommen, zog sich am Strand entlang, und bunte Flaggen schienen, auf ihren hohen Masten von der Brise bewegt, lustig »Willkommen« zu winken.

Ein Kommandowort des Kapitäns erschallte und der Anker rasselte nieder. Wir waren am Ziel! Doch bevor wir den Fuß auf festen Boden setzen konnten, erwarteten uns noch einige sonderbare Beförderungsmittel. Ich hatte mir gedacht, daß wir aus unserm Schiffe direkt ans Land steigen könnten, allenfalls mit Hilfe einer Leiter oder Treppe. Dem war aber nicht so. Wir ankerten in ziemlicher Entfernung von der Insel. Nun nahten der »Prinzeß Marie«, die ganz gegen den guten Ton ihre Erschöpfung durch Keuchen und Stöhnen kundgab, mehrere Schaluppen mit geblähten Segeln. Hei, wie sie auf den kurzen Wellen auf und nieder tanzten! Diejenige, welche zuerst ankam, legte sich Bord an Bord mit unserm Schiffe, nicht ohne Mühe, denn bald war sie hoch oben auf dem Kamm einer Woge, bald tief unten im Tal einer Welle. Der Führer der Schaluppe grinste uns mit einer gutmütigen Seehundsphysiognomie an und lud uns durch eine Handbewegung ein, sein Schifflein zu besteigen. Wie aber sollten wir das machen? That was the question! Wollten wir eben unsre Beine über den Bord unsres Fahrzeuges voltigieren, so war die Schaluppe wieder einige Meter tief unten und bot die schönste Gelegenheit dar, auf ihrem harten hölzernen Deck nicht allein die Beine, sondern auch den Hals zu brechen. »Springen Se man tau!« rief der Mann mit dem Seehundsgesicht. »Wer hätte gedacht, daß ich auf meine alten Tage noch mit Harras dem kühnen Springer in Konkurrenz treten müßte!« rief der Onkel und flog, sein Handgepäck fassend, über Bord, in halber Höhe von den Armen des Seehundsmannes aufgefangen. Als ich solches »Entgegenkommen« sah, faßte ich Mut und sprang gleichfalls über Bord, und auch mich verfehlten die Arme des Mannes à la Seehund nicht. Wie in dem berühmten Erntelied aus des Knaben Wunderhorn, wo die Blümlein alle dem Schnitter verfallen und in den Kranz hinein müssen, so verfielen auf unsrer »Prinzeß Marie« die Blümlein alle, nämlich alle weiblichen und männlichen Passagiere dem Mann mit dem Seehundsgesicht und seinen ausgestreckten Fangwerkzeugen, und keinen einzigen Fall konnte ich beobachten, wo er sich verschnappt hätte. Endlich stießen wir ab, und die frische Brise entfernte uns schnell vom Dampfer, während eine zweite Schaluppe unsre Koffer von der »Prinzeß Marie« in Empfang nahm. Schaluppe Numero eins steuerte auf die ins Wasser hineingebaute Landungsbrücke los, legte vor derselben an, und die Blümlein des Erntekranzes alle mußten nun eine Treppe hinaufklettern, worauf sie endlich mal wieder von ihren Gehwerkzeugen Gebrauch machen konnten. Wir schritten die unter unsern Tritten wiederhallende, von Wogen umtanzte Bohlenbrücke hinauf, um – o schmähliche Enttäuschung! – am Ende derselben kein festes Land, sondern abermals Wasser zu entdecken. Denn das Meer ging diesmal ungewöhnlich hoch, was mir das Citat aus Schiller in den Mund legte: »Es rast der See und will sein Opfer haben!« Gerade wollte ich den Onkel fragen, wie um Himmels willen wir denn eigentlich auf dieses verhexte Inselland gelangen würden, als vom besagten Inselland ein Wagen, der eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Backtrog eines Riesen hatte und mit zwei kräftigen Rossen bespannt war, ins Wasser ging und auf den Brückenkopf lossteuerte.

»Seht ihr zwei Rößlein vor dem Wagen und den muntern Postillon?« trällerte der allzeit muntere Onkel. »Nein, Onkel,« lachte ich, »man sieht die Rößlein eigentlich nicht, denn sie ragen nur mit Kopf und Rücken noch aus der Salzflut hervor. Sollten dies die flattermähnigen Rosse Poseidons sein, von denen der alte Homer so häufig fabelt?« Wir stiegen von der Brücke in den Wagen. Die Rosse Poseidons plätscherten durch die Wellen, dann knirschte der Kies hörbar unter den Hufen und Rädern und zuletzt ging es im Sturmschritt den Strand hinauf und dem Dorfe zu, das uns aus grünem Weiden- und Erlengebüsch freundlich entgegenwinkte.

In Norderney stand die Saison in voller Blüte. Das Kurhaus, die Logierhäuser, die Hotels, die Privathäuser, die Schifferhäuschen, alles war mit Gästen besetzt. Da Onkel, seinem Stern vertrauend, versäumt hatte, sich brieflich ein Quartier zu sichern, so blitzten wir mindestens an sechs Stellen mit unsrer Anfrage um Unterkommen ab, was aber unsre gute Laune durchaus nicht beeinträchtigte, vielmehr uns Gelegenheit gab, unsre bescheidene Persönlichkeit mit dem »vielumhergetriebenen« Odysseus zu vergleichen. Schließlich nahmen wir einen Dienstmann an, der auf unsre Frage nach Quartier mit einer unendlich wichtigen Denkermiene seiner Vermutung Ausdruck gab, daß bei Bent Visser oder bei Dirk Raß noch »was los« sein müsse. Aber seine Vermutungen erwiesen sich als eitel. »Alles besetzt!« tönte es uns entgegen. Nun ging Onkel mit mir in einen Restaurationsgarten, um einige Erfrischungen zu genießen, während der Dienstmann, der seine Ehre engagiert fühlte, allein auf Entdeckungen ausging. Erst nach einer ziemlich langen Pause kehrte er zurück und sagte nur das eine Wort »Gefunden«, das ein Größerer als er, nämlich Goethe, über eins seiner reizendsten Gedichte gesetzt hat. (»Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.«) Unser Mentor geleitete uns durch die Dämmerung des Abends dorthin, wo die letzten Häuser stehen, ganz nahe beim Herrenstrand, und hier fanden wir in einem sauberen Schifferhause zwei Stuben zu unsrer Aufnahme bereit: eine Wohnstube und eine Schlafstube mit zwei Betten.

»Ganz für uns geschaffen!« sagte der Onkel und belohnte den Dienstmann mit einem Trinkgeld, das sehr reich bemessen sein mußte, denn die Denkermiene verwandelte sich flugs in eine Verklärungsmiene. Die Wohnung war am Morgen noch bewohnt gewesen, aber »der vornehme Herr und sein Sohn« waren durch eine telegraphische Depesche abgerufen worden. Wir segneten diese Depesche, trotzdem sie vielleicht recht traurigen Inhalts gewesen sein mochte, – gleichwie Hölty den guten Mann segnete, »der noch den Nußbaum pflanzen tät«, trotzdem der gute Mann schon längst dem Orkus verfallen.

Während Onkel bei den freundlichen Schiffersleuten Tee nebst Zubehör bestellte (unser Wirt hieß Tienen Klein, seine Frau mit Vornamen Tatje), besichtigte ich unsre Wohnung und brachte das Handgepäck unter. Die Wohnstube ist ein quadratischer Raum mit geweißten Wänden und himmelblau gestrichenem Holzwerk; zwei Fenster gehen auf die Straße, d. h. einen ungepflasterten, sandigen Weg. Diese Fenster teilen die unartige Struktur der Emdener Fenster, – eine Struktur, die, wie Onkel versichert, auch in den Niederlanden und bei den Engländern heimisch ist. Ein solches Fenster hat keine Flügel, sondern läuft in den Fugen der Seitenbalken des Fensterrahmens und wird dadurch geöffnet, daß die untere bewegliche Hälfte hinauf über die obere geschoben wird. Will man das Fenster nur zu einem Teil öffnen, um das Zimmer nicht kalt zu machen, so strömt die frische Luft, da der Fensterrahmen sehr tief herabgeht, direkt zu den Füßen des Stubenbewohners, während sein Haupt in der dumpferen und schwüleren Atmosphäre verbleibt. Will man Lungen und Gesicht mit frischer Luft erquicken, so muß man das Fenster bis zur äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit hinaufschieben, was dann dasselbe ist, als ob man auf offener Straße wohnte. Bringt man, drittens, den Kopf unter ein solches Fallfenster hindurch nach draußen, um Luft zu schnappen oder etwas zu sehen, so läuft man Gefahr, Bekanntschaft mit einer hölzernen Guillotine zu machen: ein einziger unvorsichtiger Stoß gegen das stützende Seitenhölzchen und: ça ira, die schwere Fensterhälfte schnurrt herab . . . und wer noch Zeit dazu hat, mag sagen: »O jeh, mein Kopf!« – Von unserm Tische, unsern Stühlen ist nichts zu sagen, da sie über die allergewöhnlichste Form und Ausstattung nicht hinausgehen; dahingegen ist der Schrank von Nußbaumholz ein Prachtmöbel, d. h. nicht so sehr von außen, als von innen. Er birgt nämlich hinter seinen Glasscheiben die Raritäten des Hauses: Tassen, welche mit Goldbuchstaben zwischen Rosen und Vergißmeinnicht sprechen: Ich gratuliere; ausgeblasene Möweneier, auf denen mit roter Tinte ein Bibelspruch geschrieben steht; ein eigroßes Stück Bernstein, in dessen goldige Klarheit eine Jahrtausende alte Fliege eingeschlossen ist; ein weißes Korallenbäumchen, in dessen Zweigen ein präpariertes Regenbogenfischlein sitzt und gähnt; ein paar getrocknete Seesterne, die über das gewöhnliche Maß hinausgehen, schillernde Muscheln aus dem Indischen Ocean; ein Federkopfputz, der von einer schwarzen Majestät da hinten in Afrika zu stammen scheint; einige japanische Lacksachen, ein scheußliches chinesisches Götzenbildchen u. s. w.

Aus unsrer Wohnstube führt eine Verbindungstüre direkt in die Schlafstube. Während die Wohnstube sich den Luxus hölzerner Dielen erlaubt, hat die Schlafstube einen Boden von roten Ziegelsteinen. Die Betten scheinen mir ein wenig schmal, und ihre Matratzen sind mit getrocknetem Seegras gefüllt. Aber während in den Unterbetten die Pflanzen der Tiefe rascheln und dem Schläfer vielleicht gar liebliche Träume von den Hyänen des Meeres, den gierigen Haifischen, einflößen, prangt über dem Oberbett der farbenreichste Blütenteppich der Oberwelt in Gestalt einer Kalikosteppdecke, mit Rosen so groß wie Kohlköpfe, mit Tulpen so umfangreich wie Bauernfüße, und Schmetterlingen so riesig wie Fledermäuse. Alles ist peinlich sauber, und das ist die lobenswerteste Eigenschaft unsres Asyls.

Nachdem wir unsre Umgebung also inspiziert, tischte die Schiffersfrau Tee, Butterbrot, Eier und Käse auf. Hei, wie das mundete! Die Seekrankheit hatte nämlich in unserm Innern einen Horror vacui geschaffen, und der wollte wieder ausgefüllt sein. Nach dem Essen kramten wir noch unsern Koffer aus, den uns der Dienstmann von vorhin ins Haus brachte, und dann begaben wir uns, von den Anstrengungen und Eindrücken des Tages ermüdet, zur Ruhe,

Indem Onkel sich auf seine raschelnde Seegrasmatratze streckte, deklamierte er mit gutem Humor die Verse Scheffels:

»Es rauscht in den Schachtelhalmen,
Gespenstig leuchtet das Meer:
Da schwimmt mit Tränen im Auge
Ein Ichthyosaurus daher.«

Ich war gezwungen, einige Tage mein Tagebuch zu unterbrechen. Wir waren gar viel herumgewandert, zu Land und zu Wasser, am Strand und im Sand. Erst am Abend suchten wir unser Quartier wieder auf – wir speisen jetzt nämlich im Kurhaus – und dann war ich so sehr müde, daß ich keine Feder mehr anrühren mochte. Es ist schauderhaft, wie man hier am Meere essen und schlafen kann! Ich suche nach einem diesbezüglichen homerischen Vergleich; da ich keinen finde, so sage ich ganz trivial: ich esse wie ein Wolf und schlafe wie ein Murmeltier. Dahingegen stehen wir mit den Hühnern auf, um am Strand zu baden und zu promenieren, worauf erst das Frühstück folgt, das wir zu Hause, das heißt bei unsern guten Fischersleuten, einnehmen. Ja, sie sind gut! Sie wollten mir heute sogar ein Stück von einem getrockneten Nagelrochen aufkneten; da ich aber den höchst unschön gestalteten Fisch am Strande im Naturzustande gesehen hatte, so empfand ich Abscheu vor dem bei den Fischern so beliebten Gericht.

Als wir am ersten Morgen unsres Norderneyer Aufenthaltes uns von der raschelnden Seegrasmatratze erhoben hatten, verlangte Onkel, daß ich mich mit dem Boden, auf dem ich weile, bekannt mache, und da hab' ich, von dem Näheren zum Weiteren fortschreitend, erst das Inseldorf kreuz und quer durchstreift, dann bin ich, gleich dem großen Helden Odysseus »schweigend geschritten am Rande des weithin rauschenden Meeres«, und endlich hab' ich mich in das Labyrinth der sandigen Dünen vertieft und gefunden, daß sich auf Sand sehr leicht reimen läßt, nämlich Wand, Hand, Land, Strand, Band u. s. w.

Ich habe deshalb gleich ein Sonett gemacht (mein Mitschüler Rudolf Pieper leitet diese Dichtungsart davon her, daß sie »so nett« klinge, aber das ist ja Unsinn!), verstecke es jedoch vor den Augen des Onkels, der, so gut wie er ist, doch gerne spöttelt. Mit meinem Skizzenbuch ist es etwas ganz andres, das zeige ich Onkel, der meine »Skizzen nach der Natur« um so mehr bewundert, als ihm selber jegliches Talent zum Zeichnen mangelt – wohingegen er sich seinen »Hausbedarf an Liedern« eigenhändig machen könnte, wenn er wollte. Er hat nämlich in jungen Jahren sehr gut gedichtet (was ich mir eigentlich gar nicht von dem korpulenten Herrn vorstellen kann), und vieles in Zeitschriften drucken lassen. Ich habe schon das Dorf Norderney (Gesamtansicht), die Kirche, ein Stück Strand und einige besonders malerische Dünen gezeichnet. Heute spukt der alte Heidengott Jupiter pluvius hinter den grauen Wolkengardinen; wir bleiben zu Hause und während Onkel sein Mittagsschläfchen hält, will ich mein Tagebuch nachtragen. Der Ordnung zuliebe fang' ich mit dem Inseldorf an.

Also: Das Dorf – die Insel hat nur dieses eine – liegt im Südwesten des länglich runden, etwas sichelförmigen Eilandes und ist von etwa 1350 heimischen Bewohnern friesischen Stammes bewohnt. Ich habe sie selbstverständlich nicht gezählt, sondern nehme ihre Kopfzahl auf Treu und Glauben aus einem Buche von Doktor Riefkohl an, das Onkel Ferdinand, der allzeit gütige, mir heute in der Buchhandlung gekauft hat. Beim ersten Durchwandern erinnert das Dorf, das man ganz gut auch ein Städtchen nennen könnte, kaum an die Nähe des Meeres; freundliche, meist einstöckige Häuser von holländischer Bauart, zu unregelmäßigen, oft lückenhaften Reihen vereinigt und von kleinen Gärten umhegt, dazwischen Grasanger, Blumenanlagen und Erlengebüsch, verleihen ihm, wie Onkel sagt, mehr den Charakter einer Niederlassung in unsern norddeutschen Heidestrichen. Gegen Westen und Osten wird das Dorf – ich bleibe bei dieser Bezeichnung – durch mehrfache Reihen von Dünen, die mit fahlgrünem Sandhafer bewachsen sind, vom Meere getrennt, dessen man daher erst nach Ersteigung dieses natürlichen Schutzwalles ansichtig wird. Innerhalb des Schutzwalles liegt das Dorf, »recht wie im Nest der Vogel duckt«. (A. v. Droste-Hülshoff.)

Das erste größere Gebäude, worauf ich stieß, war die Kirche, ein alter Backsteinbau mit spitzbogigen Fenstern und hohem Dach, welches von einem eckigen, hölzernen Türmchen mit grünen Blenden überragt wird. Ein Schwan auf der Spitze zeigt die Richtung des Windes an; für ein seefahrendes Volk schien mir dieser Vogel ein besseres Symbol zu sein, als ein Gockelhahn. Das Innere des enggebauten Kirchleins zeigt einige Gedächtnistafeln und Modelle von Seeschiffen, die hier zum Andenken aufbewahrt werden. Ein mit vielen Denkmälern geschmückter Kirchhof umgibt das Gotteshaus; derselbe war fast ganz von den goldigen Blütenwedeln des Labkrautes übersponnen, die einen lieblichen Duft aushauchten.

»Wie friedlich stille! Nur das leise
Gesumm der Bienen füllt die Luft;
Wie mag sich's nach der Lebensreise
Hier selig ruhn im Blumenduft!«

Außer den Insulanern sind hier Fremde und solche, die vom Meere tot an den Strand gespült wurden, beerdigt. Wie mancher Seemann mag hier im Schoße der Erde vom Kampf mit Wind und Wellen ausruhen! »Inveni portum, Spes et Fortuna valete!«

Von der Kirche laufen sternförmig verschiedene Straßen aus, in deren eine wir aufs Geratewohl einbiegen. Ist die Bezeichnung »Straße« nicht etwas gewagt? Unsre Schinkenhauser Straßen dürften sich mit demselben Recht »Corso«, oder »Boulevard« nennen. Denn jene Norderneyer Straßen sind nichts weiter als einfache Feldwege mit tiefem sonnenheißem Sand, worin die barfüßigen Kinder des Dorfes wohlfeile Sandbäder nehmen. Unter den Rädern von Fuhrwerk wirbeln diese Straßen im eigentlichen Sinne des Wortes viel Staub auf, dafür hört man aber auch nicht das lästige Rasseln, so daß eine idyllische, wohltuende Ruhe über das Dorf gebreitet ist. Seitlich der Straße laufen Trottoirs von Ziegelsteinen hin; indes hat ein höflicher Mann nicht viel Pläsier davon, da er fortwährend vor den promenierenden Damen abspringen muß.

Die Häuser nun treten nicht unmittelbar an die Straße heran, sondern sind von derselben durch kleine Vorgärten getrennt, in denen Stockrosen, Reseda, Astern und Georginen freudig in den Herbst hineinblühen, während die Hecken häufig von afrikanischem Bocksdorn gebildet werden, einer Pflanze, die im schlechtesten Sandboden gedeiht. Jedes Haus hat außerdem an seiner Vorderseite eine Laube, die aber nicht aus poetischen Reben oder duftigen Geißblattranken geflochten, sondern aus steifen, hölzernen Latten und sackgrobem Segeltuch zusammengenagelt ist, »Eine einfache Fernanda!« scherzte Onkel. Trotzdem sind diese Norderneyer Lauben eine große Annehmlichkeit für den Norderneyer Kurgast: hier verbringt er einen großen Teil des Tages im Genusse der reinen, erquickenden Luft; hier trinkt er seinen Tee oder Kaffee; hier schreibt er seine Briefe oder liest die Kurzeitung; hier lauscht er den Klängen der Kurkapelle, welche vor dem Kurhause spielt, oder in einer benachbarten Straße einem neu angekommenen Gaste ein Ständchen bringt – notabene gegen klingende Belohnung; von hier kann er die Dorfstraße mit ihren Spaziergängern überblicken und Gespräche pflegen mit den Bekannten, die er unter den Spaziergängern entdeckt. Außer Laube und Gärtchen paradiert vor jedem Hause ein hoher Mast, an welchem, namentlich Sonntags, ein bunter Wimpel aufgezogen wird.

Die Straße, die wir eingeschlagen, führte uns einem langgestreckten Gebäude zu, in welchem wir sofort den Bazar erkannten. Eine Reihe von Schaufenstern mit ebenso schönen wie mannigfaltigen Sachen lockte viele spazierengehende Badegäste an. Hier war ein Laden mit buntwollenen Hemden, Jacken und Sportanzügen, die den schönsten Anklang an Seiltänzerkostüme boten; dort ein andrer mit herrlichen Muscheln, die wohl ein bißchen weiter herkamen als aus der Nordsee, sonst hätte ich den ganzen Tag am Strande gesucht und gesammelt; ein drittes Schaufenster war mit Wachstuchhüten für Herren und Damen ausstaffiert, Kopfbedeckungen zum Trutz und Schutz gegen Regenwetter, und für extravagante Damen waren Hütchen da, auf deren Deckel eine ausgestopfte graublaue Möwe wie in einem Neste lag; dann kam eine Buchhandlung mit der gesamten Literatur über Norderney, die gar nicht so unbedeutend ist, da fast jeder Badearzt ein Büchlein über die Insel geschrieben hat. Ferner diente eine Hofkonditorei mit den süßesten Genüssen – Ambrosia und Nektar. Wegen meines hohlen Backenzahnes wandte ich mich schnöde davon ab und dem Lager echt japanischer Sachen zu, während Onkel in einem Porzellanladen ganz entzückende Vasen und Malereien entdeckte, »Quam multa non desidero!« hat ein alter Philosoph gesagt, »Wie viele Dinge gibt es, die ich nicht begehre.« Was mich betrifft, so stehe ich leider noch nicht auf der Höhe dieses Philosophen: ich begehre recht vieles; namentlich die herrlichen Muscheln der Gebrüder Visser haben mir's angetan. Aber das ist ein Wunsch, den ich in die tiefsten Tiefen meines Herzens zurückweise und wovon der Onkel nicht mal eine blasse Ahnung haben soll. »Man muß bescheiden bleiben,« hat meine gute Mutter mir wohl hundertmal gesagt, und diese Worte will ich nie vergessen.

Vor dem Bazar erstreckt sich ein großer viereckiger Rasenplatz mit eingelassenen, roten Geraniumbeeten, was sich recht frisch ausnimmt. Rote Geranien, erzählte Onkel, seien die Lieblingsblume des berühmten englischen Humoristen Dickens gewesen, der den entzückenden David Copperfield und die drolligen Pickwicker geschrieben hat; mit roten Geranien, als Topfblumen, und Spiegeln habe Dickens mit Vorliebe seine Zimmer dekoriert. Der besagte Rasenplatz heißt der Marktplatz, da hier eine alte Aepfelfrau ihren Stand hat; sie bezieht ihre Waren vom Festlande, denn Norderney selbst zeitigt kaum andre Früchte, als die glanzlosen, blaubereiften Beeren des kriechenden Brombeers und die schwarzen Beeren der Morastheidelbeere, und beide sind mit ihrer herben Säure keine Leckereien.

Die dem Bazar gegenüberliegende Seite des Marktplatzes wird in ihrer ganzen Breite von einem zwar nicht hohen, aber durch seine Ausdehnung imponierenden Gebäude eingenommen: es ist das Kapitol der Insel, wo freilich die kapitolinischen Gänse nur im gebratenen Zustand anzutreffen sind. Wir haben nämlich das Kurhaus mit seinen eleganten Sälen zum Speisen, Tanzen, Lesen und Billardspiel vor uns. Hier kann sich auch auf offener »Fernanda« (die aber um hundert Prozent die oben erwähnten »Fernandas« an Eleganz und Komfort überbietet) der Kurgast bei Austern und Rheinwein gütlich tun, vorausgesetzt, daß er das Geld dazu hat; hier kann er nach beendigter Mittagstafel im Schatten eines Erlengebüsches seinen Kaffee schlürfen und den Klängen der Kurkapelle lauschen, vorausgesetzt, daß er kein Griesgram ist, der Wagner verachtet und Meyerbeer verwünscht.

Die Veranda liegt an der Vorderseite, das Erlengebüsch an der Rückseite des aus Parterre und Dachgeschoß bestehenden, vielfensterigen Gebäudes.

Hier, auf der Rückseite, liegen auch verschiedene Bade- und Logierhäuser so vornehmen Ranges, daß das neue Fünfmarkstück in meiner rechten Westentasche mir allen Wert zu verlieren schien und ich es für den Einkauf indischer Muscheln zu verwenden beschloß.

Der Morgen auf Norderney gehört dem »Herrenstrand«, wo wir Männer ganz unter uns sind. Wer Lust hat, badet; wer keine Lust hat, guckt zu, wie die andern baden, oder spaziert in östlicher Richtung den Strand hinauf, bis er müde am Abhang einer Düne ausruht. Je weiter man läuft, desto einsamer wird es am Strande: man kann die Gefühle eines verschlagenen Kanarienvogels nachempfinden, oder Reime auf Wasser, Luft und Sand suchen, oder zu ergründen sich bemühen, wer denn immer in dieser Einsamkeit »Tut, tut, tut« ruft, bis man endlich die angenehme Entdeckung macht, daß dies von einem Vogel herkommt, dem Strandregenpfeifer, der häufig am Strande nach Weichtieren und Würmern sucht und bei herannahendem Regenwetter seinen flötenden Ruf erschallen läßt.

Onkel und ich, wir baden, und nach dem Bade wandern mir den Strand hinauf, huldigen also zwei Beschäftigungen, bis der Magen sich wie Fausts Pudel durch lautes Knurren zu erkennen gibt und wir zum Frühstück heimkehren, das dann an seinen Bestandteilen erfahren muß, was ein Wolfshunger ist. Schon in früher Stunde erheben wir uns von unserm Seegraspfühle, steigen in einen möglichst bequemen Anzug und stiefeln mit wahren Fortschrittsbeinen unserm Ziele zu. Denn auch das ist eine Wirkung dieser köstlichen Seeluft, daß man sich leicht und elastisch in allen Gebeinen fühlt, als hätte man Springfedern in den Knieen und Flügelansätze an den Schultern. Ein nach holländischer Weise mit roten Ziegelsteinen gepflasterter Pfad führt durch die Dünenhügel, deren wild zerrissene Gipfel mit fahlgrünem Sandhafer bewachsen sind, während in den Niederungen die kriechende Dünenweide silbergraue Gewebe bildet, und etwas höher hinauf die kleine bibernellblätterige Rose ihre roten Dornenseile auswirft.

Der unablässig stäubende Dünensand knistert unter unsern Füßen, was aber nicht schlimm ist, und knistert zwischen unsern Zähnen, was sich schon unangenehmer erweist. Man rät, wie er dahin geraten, bis man sich erinnert, daß man unvorsichtigerweise gegähnt hat, wegen der frühen Morgenstunde. Sonst sagt man doch: Morgenstunde hat Gold im Munde; sollte man für Norderney dieses Sprichwort variieren müssen? Aus der Ferne weht ein honigsüßer Duft herüber: ihn spendet das gelbe Labkraut, das die Volkssage »Unsrer lieben Frauen Bettstroh« nennt, weil die Muttergottes es dem Christkindchen in die Krippe zu Bethlehem gelegt habe. Wie eine Riesenkuppel von blauem Kristall steht der Himmel über der Insel. Noch sehen wir nicht das Meer, aber durch die ringsum waltende Stille hören wir sein Branden, diese urgewaltige erhabene Stimme, die von dem Tage an, wo der Geist Gottes über den Gewässern schwebte, unablässig das Lob des Schöpfers verkündigt. Unwillkürlich beschleunigen wir unsern Schritt, was namentlich am ersten Tage unsrer Wanderung nach dem Herrenstrande der Fall war, sich aber doch an jedem Morgen wiederholt, da der Reiz, die Anziehungskraft des Meeres immer neu und unerschöpflich ist. Wir erreichen den höchsten Punkt des Pfades, eine Lücke in den Dünen tut sich auf, und da rollt zu unsern Füßen die majestätische Nordsee, das große, ewige, heilige Meer! Thalatta, Thalatta! Ein Horizont so weit, daß man ihn nicht mit den Blicken umspannen kann! Oben hell der blaue Himmel, unten dunkel die grüne, von violetten Bahnen durchschnittene See. Gleich den flattermähnigen Rossen Poseidons rennen die mit weißem Schaum gekrönten Wogen dem flachabschüssigen Strande zu; wild prallen sie gegen den gelbweißen Sand, um im nächsten Moment laut stöhnend zusammenzubrechen und in das feuchte Element, dem sie entstiegen, zurückzugleiten, aber schon stürmen neue Geschwader heran und verfallen demselben Schicksal. So geht es fort, Tag und Nacht, Monate und Jahre. Ein ewiger Wechsel und doch eine unendliche Gleichförmigkeit, ja Ruhe. Denn was wollen diese Wellenhügel auf der endlosen Fläche sagen? Sie sind nur ein schwaches Gekräusel, bis ein Sturm sie zu wilderen Wogenbergen auftürmt. »Was ist groß?« fragt der Dichter und seine Antwort lautet: »Gott, das Meer und die Sonne!« Die Wahrheit dieser Worte ging mir auf in den Dünen von Norderney. Da lag das Meer in seiner Majestät, der feurige Sonnenball strahlte darüber, und dem betrachtenden Sinne drängte sich mit sanfter Gewalt der Gedanke auf an den, von welchem die Schrift in solchen Ausdrücken redet: »Sein Weg ist im Meere und Sein Schritt durch das große Gewässer; die Stimme des Herrn ist über den Wassern, der Herr ist über den vielen Wassern . . . Ich habe dem Meer als Grenze ein Sandkorn gesetzt. Seine Wogen werden sich erheben und anschwellen, aber sie werden die von Mir gezogene Grenze nicht überschreiten.«

Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, steigen wir von unserer Dünenwarte zum Strand hinab. Wie früh wir auch zur Stelle sind, so hat sich doch bereits fast immer schon ein buntbewegtes Treiben entfaltet. Kühne Schwimmer tummeln sich in der Salzflut, erheben von Zeit zu Zeit ihr Haupt über die Fläche und reizen unsre Lachmuskeln durch die nassen Haarsträhne, die ihnen auf Stirn und Augen kleben, wofern nicht ein Scheitel zum Vorschein kommt, der kahl wie eine Kanonenkugel ist; Badende plätschern und laufen näher dem Ufer und sehen etwas weniger malerisch aus, als man sich den Taucher von Schiller vorstellt; auf der Grenze von Wasser und Land steht eine lange Reihe von Badekarren, denen die Badelustigen entsteigen; Badediener in weiten roten Hosen, Karrenschieber in dito blauen sind dazwischen geschäftig; Spaziergänger schlendern plaudernd, lachend, rauchend auf und ab. Fassen wir dies allgemeine Strandbild näher ins Auge!

Ein alter Inselfriese, den Kopf mit kleinen weißen Haarringeln gleich Lämmerflöckchen bedeckt, die Ohrläppchen mit kreisrunden, goldenen Ringen behängt, steht in blau und weiß gestreiftem Schifferhemde und bauschiger Hose von Segeltuch an einem rotbraunen Tischlein und ruft mit einer Stimme, welche derjenigen eines heiseren Seeraben Konkurrenz macht, die Nummer eines soeben frei gewordenen Badekarrens aus. Aus dem Knäuel der umstehenden Badegäste antwortet ihm der jeweilige Inhaber der mit der Wagennummer korrespondierenden Badekarte mit einem vernehmlichen: »Hier!« als gelte es einen militärischen Appell, »Immer Ordnung un Ruhe, Kinners!« krächzt der alte Friese, wenn ein Ungeduldiger zur Eile drängt, und es scheint sein erhabenes Gemüt durchaus nicht zu beunruhigen, ob er nicht mit seinem »Kinners« eine Hoheit, Durchlaucht oder Excellenz begrüßt. Aber ich meine herauszufühlen, daß selbst diese hohen Herren der Einfachheit und Natürlichkeit des schlichten Naturmenschen huldigen.

Der Besitzer der aufgerufenen Nummer empfängt seine Badewäsche in einer gleichfalls am Strande befindlichen Niederlage, – sie ist, ländlich sittlich, in einem lendenlahmen und deshalb ausrangierten Badekarren eingerichtet, – und sucht nun durch das Ameisengewimmel der Spaziergänger seinen hochräderigen Badekarren zu erreichen, den ihm ein Mitglied der sogenannten »Blauhosen« (Karrenschieber) mit erhobener Hand bemerklich macht. Indem er dieses Merkzeichen unverrückt im Auge hat, patscht er hier und da in einen Wassertümpel, den die ebbende See zurückgelassen hat, und fühlt ein angenehmes Einfließen in seine Schuhe als Vorgeschmack des Bades. Am Ziele angelangt, übergibt er der Blauhose seine Badekarte und hockt, ländlich sittlich, ohne weiteres auf den dargebotenen breiten Rücken des kernfesten Friesen, welcher seinen Reiter alsbald durch den Schwall der Brandungswogen nach dem der See zugekehrten Eingang des Badekarrens befördert.

»Ich wette eine Flasche Herkulesblut,« rief Onkel Ferdinand gestern lachend, »daß du auf diese Situation kein poetisches Citat aus deinen Klassikern bereit hast!«

»Die Wette hast du verloren, lieber Onkel,« entgegnete ich schnell, »denn gerade kommen mir die Verse aus Arion in den Sinn:

›Eh' Fluten ihn ersticken,
Beut einer ihm den Rücken
Und trägt ihn sorgsam hin zum Port.‹«

»Obgleich dein einer ein Delphin ist und kein Karrenschieber,« erwiderte Onkel, »so will ich doch die Wette verloren haben. Aber ich glaube, daß Arion auf seinem Delphin bei weitem nicht so komisch aussah, wie der bebrillte Berliner Professor dort, der auf seinem Pegasus zu thronen glaubt, oder als jener gichtische General, der auf seiner Rosinante zu paradieren meint.«

Der Badekarren hat in seinem Interieur zwei Schiebfensterchen (die mich jedesmal an die Klappen der Menageriewagen erinnern), einen kleinen Ecktisch, eine Bank, einen halb blinden Spiegel und das Fragment eines Fußteppichs. Ist der eingestiegene Badelustige nach Ablegung seiner Kleider bereit, sich der Salzflut, der ewig bewegten, zu vertrauen, so läutet er mit einer an der Rückwand des Wagens befestigten Schelle, worauf zwei rüstige Blauhosen heranpatschen und das Gefährt in die schäumenden Wellen schieben. Mehrere Badediener, kenntlich an ihren roten Hosen, patrouillieren, bis zu den Knieen oder auch Hüften im Wasser stelzend, im Vordergrund der Badekarren auf und ab, um den zaghaft auf die Treppe seines Karrens hinaustretenden Badegast mit hohem Bogenguß aus frisch gefülltem Eimer zu empfangen und ihm den ersten Gruß der Salzflut und zugleich die nötige Abkühlung zu bringen.

»Darauf ist nun ein Citat nicht schwer,« meinte der Onkel, worauf er aus der Glocke zu deklamieren anfing:

»Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer; hoch im Bogen
Spritzen Quellen, Wasserwogen.«

Die Landratte, welche zum erstenmal ihre Glieder der heilkräftigen Salzflut anvertraut, erfährt fast immer ein Malheur, welches das schadenfrohe Gelächter der am Ufer lauernden Zuschauer entfesselt. Auch ich bin diesem Malheur verfallen, da Onkel schelmenhafterweise mich nicht unterrichtet hatte, wie ich mich in der Salzflut zu verhalten habe. Der Schalk befand sich am Ufer und lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Nachdem ich nämlich den Bogenguß aus kühngeschwungenem Eimer empfangen, schritt ich, von poetischem Hochgefühle geschwellt, mit starker Heldenbrust der anrollenden Meereswoge entgegen. Aber die Woge – war stärker als meine Heldenbrust: sie schleuderte mich hintenüber, und, hoch mit den Beinen in der Luft, ward ich auf den Strand gespült, wo ich durch das Pfeifen des Windes, das Brausen der Brandung noch die Worte des spottlustigen Onkels vernahm: »Ich lache mich tot! Das hält ja keine Dreschmaschine aus!« Mit zugekniffenen Augen, von wegen des beißenden Seewassers, kroch ich wie ein Seehund ein Stück landeinwärts, richtete mich dann im seichtesten Wasser auf, überlegte, ob ich in den Badekarren flüchten oder ins Meer zurückkehren solle und entschied mich (um vom Onkel nicht als Feigling gebrandmarkt zu werden) für die »blaue Göttin« – die hinterlistige. Unfehlbar hätte ich noch einmal einen Salto mortale nach rückwärts gemacht, wenn sich eine der Rothosen nicht meiner Unerfahrenheit erbarmt hätte: sie wies mich an, daß ich der anwallenden Woge den Rücken darbieten müsse, und um festen Stand zu halten, solle ich die Hände auf die Kniee stützen. Ich tat so und hatte das Vergnügen, den heranbrausenden, sich überstürzenden Wasserschwall mir über Rücken, Schultern und Kopf gehen zu fühlen – ohne daß ich schwankte, wankte. »Bravo!« rief der Onkel vom Ufer her.

Hinter den Badekarren steht nämlich eine Reihe von Bänken am Strande. Dieselben sind immer vollauf besetzt.

Es ist auch gar zu unterhaltend, auf das Meer hinauszuschauen, über die kleinen Mißgeschicke der Badenden zu lachen, oder den Strom der Spaziergänger zu mustern, der zwischen Bank und Karren vorüberflutet, Gott! man sollte nicht glauben, daß der Homo sapiens, dazu masculini generesis, sich so herausmustern könnte! Was für unglaubliche Kopfbedeckungen, was für brutale, bunte Hemden, was für schreiende Krawatten, was für kuhkettenartige Uhrketten, was für krontalerartige Anhängsel, was für riesig karrierte Anzüge! Vanitas vanitatum! Onkel behauptet, daß er einen Anzug gesehen habe, olivengrün und rosarot, der nur 1½ Carreaus enthalten hätte; nun lasse es ihm alten Mann keine Ruhe und er müsse wandern wie der ewige Jude, bis er das andre halbe Carreau irgendwo in der Welt gefunden habe. »Zu dieser Weltreise,« sagte ich, »kannst du hier am Strande gleich deine Sprachstudien machen!« Denn eben so bunt, wie die Toiletten, ist das Gewirr der Sprachen. »Aus allen Ländern kamen sie.« Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch, Polnisch, Italienisch tönen durcheinander; dazu Sprachen, die man gar nicht unterbringen kann und die man geneigt ist, für Hindostanisch, Chinesisch oder Chaldäisch zu halten. Neulich hatten Onkel und ich einen köstlichen Spaß. Wir saßen nämlich auf der Veranda des Kurhauses und aßen ein Gericht kleiner Krebse, sogenannter Granaten (eigentlich Garneelen); dabei unterhielten wir uns in münsterländischem Plattdeutsch, der Volkssprache unsrer engeren Heimat. Ich merkte, daß an einem benachbarten Tische die sehr vornehm ausschauende Gesellschaft, deren Sprache unzweifelhaft auf Berlin deutete, hin und wieder unsrer Unterhaltung lauschte, bis eine bleiche Dame ihrer Nachbarin zulispelte: »Det muß Malaiisch sind!« So wurden wir urgermanischen Münsterländer, wir Abkommen der alten Brukterer, auf Norderney für Malaien gehalten! Braun genug dazu sind wir freilich im Gesichte – so sehr hat uns die Sonne verbrannt. Das Diktum der durchsichtigen Berlinerin amüsierte uns natürlich ganz ungeheuer.

Aber um auf die lange Strandbank zurückzukommen: das Ende vom Liede ist gewöhnlich, daß plötzlich eine Woge, höher als alle bisherigen, auf den Strand gestürzt kommt und das trockene Element weithin überschwemmt. Wie auf Kommando ziehen alle Bankbesitzer die Beine hoch, ein oftmals recht komischer Anblick. Im nächsten Moment ebbt freilich der Wasserschwall wieder zurück in den Schoß des Meeres, aber man hat den Trug des trügerischen Elementes erfahren und zieht es vor, eine Strandpromenade zu machen.

Wen habe ich hier getroffen? Davit! Das »t« in dem Namen ist kein Schreibfehler: er heißt wirklich »Davit« (nicht David), mit Spitznamen – mein Mitschüler Oswald Kiesewetter. Und das kam so: wir waren noch auf Obertertia und machten ein lateinisches Extemporale; Oswald Kiesewetter sollte das seinige vorlesen; er tat es, und gleich im ersten Satze hatte er davit statt dedit geschrieben. Dieser neue König in Israel, Namensvetter von David, entfesselte eine ungeheure Heiterkeit der Klasse, und Oswald Kiesewetter hatte seinen Spitznamen weg. Onkel Ferdinand, dem ich heute morgen beim Frühstück die Geschichte erzählte, sagte, dasselbe Mißgeschick, davit statt dedit zu sagen, sei schon früher einem Größeren passiert, als Oswald, nämlich Freiligrath, dem berühmten westfälischen Dichter, als er vor seinem »Löwenritt« noch die Bänke des Detmolder Gymnasiums gedrückt habe; ich könne die Geschichte nachlesen in den »Lebenserinnerungen des Levin Schücking«, Band I. Selbstverständlich habe ich dieses sofort meinem Freund und Mitschüler Oswald Kiesewetter erzählt; er sagte, das hätte er früher wissen sollen, dann würde er sich damit in der Klasse verteidigt haben; jetzt, wo er den Spitznamen schon so lange getragen, mache er sich nichts mehr daraus – und wer denn auch raten könne, daß derselbe am Ende mit einem »t« geschrieben würde? Jeder Uneingeweihte denke an den glorreichen König von Israel.

Aber auf welche Weise hab' ich meinen Davit hier auf Norderney getroffen?

Während Onkel Ferdinand seine Glieder der wohltuenden Salzflut anvertraute, schritt ich einsam und schweigend am Rande des weithin rauschenden Meeres, wie vor mir schon ein Größerer getan, nämlich der vielumhergetriebene Odysseus des Homer. Eine Strandpromenade ist ein köstlicher Genuß! Denn wo wanderte es sich angenehmer als hier, auf dieser unvergleichlichen Wandelbahn, welche das täglich mit der Flut überströmende Seewasser so fest und eben gewalzt hat wie den Parkettboden eines Saales? Der Fuß schreitet darüber hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wo wehte die Luft reiner und erfrischender als hier an dem herrlichen Saume der unermeßlichen Salzflut, deren Odem kein Dunst und kein Qualm der Städte beigemischt ist? Wo könnte das Auge ein erhabeneres Bild entdecken, als es die unbegrenzte Fläche des Ozeans mit ihren wechselnden Farben, ihrem Wellenspiel, ihren Seglern und fernen Dampfern darbietet? Hingerissen von diesem Bilde, machte ich Halt und ließ meine Blicke bis zum Horizont schweifen. Ich mochte dastehen wie »ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm«. Da legten sich mir von hinten plötzlich zwei Hände über die Augen, und eine verstellte Stimme sprach das eine Wort: »Rate!« Ja, du lieber Himmel, auf wen sollte ich an fremder Küste raten? Eigentliche Bekanntschaften hatte ich auf Norderney noch nicht gemacht. Um meinen geheimnisvollen Augenverschließer zufrieden zu stellen, sagte ich: »Herr Müller, Schulze, Krause?« Ich erreichte damit, daß plötzlich die Hände von meinen Sehorganen weggezogen wurden, worauf ich in das lachende Gesicht meines Davit blickte!

»O, Davit, Davit, Herzensjunge, bist du's?« rief ich in der Freude meines Herzens, einen lieben Mitschüler in dieser fremden Welt von Sand und Strand gefunden zu haben, »Welcher Wind hat dich hierher gepfiffen?«

»Ich bin als Begleiter meiner hochbejahrten Tante hier,« antwortete Davit mit der frischen, munteren Stimme, die eine seiner vielen liebenswerten Eigenschaften ist.

»Und seit wann bist du hier, Davit?« fragte ich.

»Erst seit gestern abend. Tante pflegt, von der Seefahrt angegriffen, noch des süßen Schlummers. Da hab' ich allein den Strand aufgesucht. Welch ein Glück, dich gleich hier zu treffen! Denn aufrichtig gestanden, ich kam mir in dieser grandiosen Natur bereits etwas einsam und wunderlich vor, so etwa wie ein auf den Schwanz gestellter Hornfisch.«

»Und ich habe doppelte Ursache, Davit, dieses Zusammentreffen mit dem aufrechten Hornfisch zu segnen,« erwiderte ich. »Du bist Naturfreund, kennst Pflanzen und Tiere besser als irgend einer aus der Prima. Hei, wie wollen wir auf diesem Strand und Sand beobachten und sammeln!«

»Letzteres war auch meine Absicht,« antwortete Davit. »Aber dein Kompliment muß ich zurückweisen; dieser Meeresboden ist mir quasi eine Terra incognita. Ich fühle mich halb am Nordpol, halb in der Wüste. Aber setzen wir unsre Gehwerkzeuge weiter und sehen wir, was die Welle uns vor die Füße wirft!«

Indem wir uns hier und dort nach einer besonders grasgrünen oder purpurroten Alge bückten, die wir zwischen Löschpapier zu trocknen und unserm Herbarium einzuverleiben gedachten, sahen wir auf dem feuchten Sande eine Art kleiner Taschenkrebse, auch Krabben genannt, die bei unsrer Annäherung in eiliger Flucht das Weite suchten, und zwar von der Seite laufend, weil sie wahrscheinlich aus Prinzip nicht vorwärts wollen, und sich durch etwaiges Rückwärtsgehen mit den gemeinen Landkrebsen auf eine Stufe zu stellen fürchten. Manche dieser Tiere schleppen eine Art Muscheln mit sich herum, die sich auf ihrem Rücken festgesetzt haben, und auf einigen fanden wir Seepflanzen von zwei Fuß Länge festgewachsen. Hatten die drolligen Flüchtlinge keine Aussicht, zu entrinnen, so vergruben sie sich in den Sand, wobei der eckige Hinterleib wie ein Spaten wirkte und die Scheren als Stütze dienten. Gelang auch dieses nicht, so stellten sie sich zur Wehr und kniffen tapfer die Hand, welche sie ergreifen wollte. Davit konnte mir die deutschen und lateinischen Namen von zwei Arten nennen, wohingegen ich Davit mitzuteilen wußte, daß das Fleisch dieser häßlichen Tiere, besonders das aus den Scheren, sehr wohlschmeckend sei, weshalb die Krabben von den Insulanern viel gekocht würden. Andrerseits dient die Krabbe den Schifferkindern zum Spielen, sie ist gewissermaßen ihr Maikäfer. Ich sah neulich einen kleinen Friesenjungen, der ein Viergespann von Krabben hatte; ein andres Kind hatte einem Krebs einen Faden um das Bein gebunden und schwang ihn durch die Luft, was ich als Tierquälerei aber sofort verhinderte. Eine andre Krebsart, welche dem Strande, mehr aber noch den Watten (das heißt den von der Flut verlassenen Schlickflächen zwischen Insel und Festland) eigentümlich ist, sind die kleinen Garneelen, von den Insulanern Granat genannt. Sie werden einen halben Finger lang, haben keine Scheren, aber einen langen Schnauzbart, und sehen aus wie eine transparente farblose Heuschrecke. Mit Pfeffer und Salz abgekocht, werden sie undurchsichtig (weil dichter) und rötlich; sie schmecken dann sehr gut, wie Onkel und ich uns wiederholt überzeugt haben; ich konnte Davit nur anraten, bei der Rückkehr von unsrer Promenade in der »Giftbude«, dem Strandpavillon der Gebrüder Visser, sich eine Portion davon geben zu lassen. Man fängt die Granaten in Handnetzen millionenweise, und zur Ebbezeit sieht man die Krabbenfischer, mit einem Korbe auf dem Rücken, stundenweit in die Watten hineingehen, wo sie die Tiere aus den Vertiefungen holen, in denen das Seewasser stehen geblieben.

Noch ein andres, sehr drolliges Krustentier ist der kleine, ganz wie ein Hummer gestaltete, gelblichrote Bernhardskrebs oder Einsiedler. Unähnlich den andern Krebsen, die sich begnügen, in ihren eigenen soliden Schalen zu leben, wohnt dieser Bernhardskrebs in dem leeren Gehäuse irgend einer Schnecke, zum Beispiel der Krullschnecke. Er blickt grimmig in die Welt hinein aus der offenbar unbehaglichen Tonne, dieser Diogenes der Krustaceen, und hat einen solchen Ausdruck von bewußter, aber trotziger Dieberei, als wisse er, der rechtmäßige Eigentümer des Hauses oder dessen Verwandte könnten jeden Augenblick kommen, um es wieder zu erobern, und er seinerseits dächte sich, sie sollten es nur versuchen. Der ganze Vorderleib dieses Krebses mit Einschluß der Scheren ist durch die übliche feste Krebsrüstung geschützt, aber sein Hinterleib ist weich, nur mit einer zarten Haut bedeckt. Ein so streitsüchtiger Gesell nun würde in dieser Welt des Kampfes mit seinem zarten Rücken schlecht fahren, wenn er nicht ein Mittel hätte, um das Unrecht, das ihm bei seiner Geburt widerfahren, wieder gutzumachen; er wählt sich also eine leere Muschel von entsprechender Größe, steckt seine verwundbare Partie hinein, hält sich mit dem an jeder Seite seines Schwänzchens befindlichen Haken fest, und so im Rücken gedeckt, krabbelt er durch die See, ein grotesker Räuber, aber ein Philosoph. Das Tierchen interessierte Davit in dem Grade, daß er mehrere Exemplare, in nasses Seegras gewickelt, in seine Botanisiertrommel steckte; er wolle damit Studien machen, sagte er.

»Bis du ein Resultat dieser Studien erzielt hast,« bemerkte ich, »können wir Steinchen und Strandmuscheln sammeln, wie Caligula seine Soldaten tun ließ, zum Zeichen, daß sie den Ozean gesehen.«

»Jawohl, wie hübsch doch diese von der rollenden Meeresflut völlig oval geschliffenen Steinchen sind!« rief Davit. »Ich finde weiße, gelbe, blaßrote, sehen sie nicht aus wie niedliche Vogeleier? Und die Muscheln, welche unser Fuß so gleichgültig im Wandern zertritt, wie mancher Sextaner würde sie mit ungeheurer Freude auflesen! Diese länglichen, fast keilförmigen, dunkelblauen Schalen gehören der eßbaren Mießmuschel an; ihre ungeheuren Massen werden zu Muschelkalk verbrannt, was auch der Fall ist mit diesen gerippten, weißen, mit farbigen Querstreifen gefärbten Schalen der gewöhnlichen Herzmuschel. Ebenso niedlich als zart sind die kleinen Tellmuscheln, auf der inneren Mulde entweder zartrosa wie ein Rosenblättchen oder blaßgelb gefärbt. Ein ansehnliches Gegenstück dazu ist die Trog- oder Strandmuschel, davon dicke, gelblichweiße, mit blauen oder bräunlichen Querbinden gestreifte Schalen in großer Menge den Strand umsäumen.«

Daß in der Tierstaffage unsres Strandes die Möwen nicht fehlten, versteht sich von selbst. Mit ausgebreiteten Flügeln schwebten sie über der Flutmarke dahin, bald ihr klägliches Geschrei ausstoßend, bald mit ihrem seltsamen Hohngelächter den Wanderer schreckend. Davit nannte mir die schöne Silbermöve, die Sturmmöwe, die Lachmöwe, die Heringsmöwe, die Mantelmöwe und die Raubmöwe. Dazwischen tummelten sich die kleinen zierlichen Seeschwalben, die eine Art mit roten Beinen und dito Schnabel, die andre mit schwarzen Beinen und dito Schnabel.

Obgleich wir beiden Naturforscher gut zu Fuß waren, so ermüdeten wir doch diesmal im steten Kampfe mit dem Winde, der vom Meere mit vollen Backen gegen den Strand blies.

Längst hatten wir alle übrigen Spaziergänger hinter uns gelassen. Sie zeichneten sich nur als schwarze Punkte noch von der gelbweißen Fläche des Sandes ab! Wir machten rechtsum und streckten uns wie die Seehunde in den warmen Sand der Dünenkette.

Wie behaglich, wie einsam und weltvergessen ruhte es sich hier! Das Windesflüstern in den dürren Halmen des Sandhafers, das Wispern der stäubenden Sandkörner, das einförmige Geräusch der Brandung, dies alles lullte uns in ein träumerisches Sinnen ein. Unsre Lippen verstummten. Mit dem Segel eines fernen Schiffes zog unser Gedanke in die Ferne, die Fremde hinaus, während das kleine Eiland ringsum gleichsam in der Meeresflut versank.

Davit und ich, wir hatten uns das große Ziel gesteckt, die Insel Norderney in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchwandern und zu durchforschen. Wir fühlten so etwas von jenen kühnen Entdeckern in uns, die auszogen, den dunklen Erdteil zu durchqueren. »Es wächst der Mensch mit seinen Zwecken.«

Ein dritter bat, sich uns anschließen zu dürfen, ein Jüngling aus Emden, der hier auf Norderney als Badegast unter demselben Dache mit Davit wohnt und sich selbst mit gutem Humor einen »Ritter von der Elle« nennt (weil er Commis in einem Zeugladen ist), während wir ihn »Barbarossa« tauften. Er hat nämlich auf der Oberlippe einen leichten Flaum, der, wenn die Sonne darauf scheint, rotblond schimmert, weshalb sein Besitzer meint, daß mit der Zeit ein Schnurrbart daraus werden könnte. Darauf tut er sich schon jetzt nicht wenig zu gute. Im übrigen ist er ein ganz angenehmer junger Mann, verträglich, heiter, großer Naturfreund und begeisterter Fußwanderer. Wegen dieser lobenswerten Eigenschaften und in Erwägung des lateinischen Spruches: Tres faciunt collegium, nahmen Davit und ich seine Begleitung gerne an. Onkel Ferdinand lehnte es in Anbetracht seines »wackeligen Piedestals« ab, uns zu Fuß zu begleiten; doch wollte er sich einen Platz auf dem hochräderigen Wagen sichern, der am selben Nachmittag eine kleine Gesellschaft unsrer Mittagstischgenossen den Strand hinauf nach dem östlichen Ende der Insel beförderte. »Ich werde dann mit euch ein Rendezvous auf der weißen Düne haben,« sagte er.

Unser Trifolium brach zu dem großen Werke der Erforschungsreise von der »Schanze« auf, einem wohlerhaltenen Andenken an jene Zeit, wo der korsische Eroberer auch unserm Vaterlande seinen Fuß auf den Nacken gesetzt hatte, und wo sogar das weltferne Eiland Norderney den Krieg im Umfang seiner stillen Dünen sah. Die Geschütze der Schanze waren vornehmlich gegen jene Schmuggelschiffe gerichtet worden, die von Helgoland aus die sogenannte Kontinentalsperre zu durchbrechen suchten. Der alte Erdbau, heute ein schattendes Erlengebüsch in seiner Umwallung bergend, ist ein bereits ziemlich weit in die freie Natur vorgeschobener Posten des Inseldorfes; wir brauchten nur seine Wälle zu übersteigen, um uns zwischen Sand, Gras und das Wirrsal der Dünen versetzt zu sehen. »Unsre Wanderung,« sagte Davit, einen Blick auf eine Spezialkarte von Norderney werfend, »muß eine östliche Richtung nehmen, da das Dorf ganz ans Westende der Insel gerückt ist, wo die höheren Dünen allein ihm Schutz gegen den Sturmlauf des Ozeans und die zerstörenden Winde gewähren konnten, wo zugleich im Laufe der Zeit sich etwas fruchtbarer und anbaufähiger Boden, sowie in den tiefsten Dünenkesseln süßes Wasser – wenn auch nur Regenwasser – angesammelt hatte, und wo somit hie Bedingungen der menschlichen Existenz gegeben waren. Denn, ich will euch gleich im Anfange unsrer Reise darauf aufmerksam machen, je weiter wir von diesem bewohnten und bepflanzten Westzipfel ostwärts wandern, desto dürftiger wird die Natur der Insel, desto ärmlicher der Pflanzenwuchs, bis schließlich das Ganze mit den völlig kahlen ›weißen Dünen‹ und einer weit ins Meer verlaufenden Zunge wüsten Sandes ausklingt. In dieser Rücksicht ist die Insel ein melancholisch absteigender Klimax.«

»Woher wissen Sie das alles?« fragte Barbarossa und strich sich seinen goldblonden Flaum.

»Aus Büchern, Freund, aus Büchern, die ich einsah, bevor ich meinen Fuß auf die Inselscholle setzte. Unter andern enthalten die ›Nordwestdeutschen Skizzen von Kohl‹ einen sehr belehrenden Aufsatz über Norderney.«

»Aber woher kommt dann jener melancholisch absteigende Klimax, was verursacht ihn?« fragte ich.

»Er ist unter der Einwirkung der auf der Nordsee vorherrschenden West- und Nordwestwinde entstanden,« gab Davit zur Antwort. »Besagte Winde tragen den vom Meere aufgeworfenen Sand sowie den Sand der Dünen beständig nach Osten; der Sand aber erstickt und begräbt alles Pflanzenleben unter sich.«

Nachdem Barbarossa durch eine Befragung des kleinen Kompasses, den er an der Uhrkette trug, ganz großartig die östliche Richtung festgestellt hatte, setzten wir die pedes apostolorum in Bewegung. Wir stießen zunächst auf die kleinen Draußengärtchen der Insulaner, die abweichend von den noch kleineren Hausgärtchen dem reinen Nützlichkeitsprinzip dienen: nach einer Blume wird man sich zwischen diesen Kartoffel-, Bohnen- und Kohlpflanzungen vergebens umsehen, es sei denn, daß eine vereinzelte Sonnenblume mit ihrem großen leuchtendgelben Blütenrund sich hierhin verirrte. Sie hat einen weiten Weg gemacht, die Schöne! Von Peru, dem Lande der Inkas, welche das Abbild der Sonne in dieser Blume anbeteten, bis nach Norderney, der Sandscholle im brausenden Nordmeer! Auch kein lebender grüner Zaun, sondern nur ein niedriger Erdwall umgibt jene Gemüsepflanzungen. An sie schließen sich unmittelbar einige beschränkte Flächen mit dürftigem Graswuchs an, welche den Schafen der Insulaner zum Weidegrund dienen.

Ein schwarzes turmartiges Gerüst auf hoher Dünenkuppe fesselte schon seit einiger Zeit unsre Aufmerksamkeit. Barbarossa ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, uns zu zeigen, daß auch er die Pfade der klassischen Bildung gewandert sei (er schwenkte von Obertertia ab); er deklamierte nämlich mit Pathos:

»Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken.«

Indes belehrte ihn und uns der Schafhirt, daß wir keineswegs Akrokorinth vor uns hatten; das Ding sei, sagte er, das »Schwarze Kap« und diene dem Schiffer auf dem Meere als Landmarke.

Der Dünenhügel, auf welchem dieses Schwarze Kap sich erhebt (derselbe liegt am Nordrande der Insel), bot uns eine treffliche Rundschau. Wir erkannten von hier aus die oval gestreckte Gestalt des Eilandes (ein richtiges »Ei«-Land). Wir sahen im Süden den schmalen Meeresstreifen, welcher die Insel vom Festlande trennt; zur Zeit der Ebbe weicht das Wasser fast gänzlich zurück und ein teils schwammiger, teils sandiger Untergrund wird sichtbar, das »Watt« genannt. Reiter und Wagen, bisweilen sogar Fußgänger pflegen darüber hin vom Festlande aus ihren Weg nach der Insel zu nehmen. Aber wehe dem Unvorsichtigen, den die Flut und ein plötzlich eintretender Seenebel ereilen! Die wachsenden Wogen umplätschern, umspülen ihn, sie steigen höher und höher, entreißen ihm den festen Boden unter den Füßen und lassen den Todesschrei ihres Opfers ungehört in ihrem Brausen verhallen.

Zu Füßen der Dünenkette des nördlichen Inselsaumes erblickten wir die Nordsee. Die Ebbe war seit etwa einer Stunde eingetreten und der Vogelwelt war hiermit der Tisch gedeckt. Denn das rückflutende Seewasser läßt allerlei kleines Getier am Strande zurück. Rotbeinige Austernfischer, diese echten Strandvögel, durchsuchten mit ihrem Schnabel die Seegrasknäuel oder kehrten die ausgeworfenen Austernschalen um, das darunter verborgene Gewürm aufzupicken; von dieser Beschäftigung führen sie ihren Namen, nicht von einer etwaigen Vorliebe für Austern, die sie nicht einmal zu öffnen verstehen. Einzelne Rotten von Seeregenpfeifern liefen geschäftig hin und her, der Steinwälzer hob mit Hilfe seines kräftigen Schnabels die Steinchen, Holzstücke und Seepflanzen hinweg, unter welchen er seine Beute an kleinen Krustentieren, Würmern und dergleichen findet. Die räuberischen Möwen fehlten natürlich nicht; blitzschnell fuhren sie aus den Höhen des Aethers auf den Wellensaum herab, um mit einem silbernen Fischlein, einem gelben Seestern im Schnabel kühnen Fluges wieder emporzusteigen und sich gegenseitig den Bissen abzujagen.

»Kannst du uns einen Vers darauf machen?« fragte mich Davit.

»Nein, nicht ich,« gab ich zur Antwort. »Aber ein Größerer als ich, dem ich die Schuhriemen nicht lösen darf, hat einen Vers darauf gemacht – Freiligrath, dein Kollege in do davi datum dare, hat uns dieses Strandbild mit einigen kräftigen Pinselstrichen, wie sie ihm eigen, gezeichnet:

»O, welch ein wunderbarer Grund!
Ich kann sein Treiben nicht verstehen:
Er lässet Schiffe scheitern, und
Er lässet sie vor Anker gehen.

Dem Raben ist er ewig frisch.
Und dürr des Seegewürmes Zungen;
Verschmachten lässet er den Fisch,
Und atzt' die Möw' und ihre Jungen.

Auch hab' ich einen Mann gesehn.
Der wandt' ihm satt und kalt den Rücken;
Ich aber blieb im Sande stehn
Und baute Schiffe mir und Brücken.«

»Bravo!« rief Davit; »diese Düne ist fortan geweiht durch die Recitation eines Freiligrathschen Gedichtes.«

»Der Freiligrath muß ein famoser Mann gewesen sein,« meinte Barbarossa; »ist ja wohl auf einem Löwen durch die Wüste geritten? Wenigstens hörte ich in unserm Jünglingsverein zu Emden mal von dem ›Löwenritt von Freiligrath‹ sprechen.«

»Nein, die Geschichte ist noch viel großartiger,« schnitt Davit auf; »zu unterst kam eine Giraffe, auf dieser saß der Löwe und auf dem Löwen Freiligrath; so ritten sie durch die Wüste, wobei Freiligrath das Lied sang: Wüstenkönig ist der Löwe!«

»Pyramidal!« rief Barbarossa begeistert aus.

»Pyramidal ist gut!« lachte Davit. »Giraffe, Löwe und Dichter bildeten wirklich eine Pyramide.«

»Schade,« meinte Barbarossa, »daß man so was nicht in Norderney machen kann! Sandwüste ist hier genug vorhanden, aber die wilden Tiere mangeln.«

»Sie müßten sich schon mit einem Seehund begnügen,« schlug Davit ganz ernsthaft vor.

»Danke. Diese Promenade möchte denn doch zu langsam ausfallen,« meinte Barbarossa, worauf wir den Plan fallen ließen.

Vorläufig setzten wir unsern Wüstenritt auf Schusters Rappen fort. Wir verließen unsern Aussichtspunkt, und von der weiten Rundschau auf Insel und Ozean sahen wir uns plötzlich in die Enge eines kleinen Dünentales versetzt. Einsam und still gelegen, aber vor Wind und Wogen behütet, schmückte es seine Abhänge und seinen Grund mit einem dichten Teppich von Blumen, Gräsern und kriechenden Stauden. Freilich fehlte das saftige Grün unsrer Wiesen; die kleinen Gewächse hatten alle ein auffallend mattes, bläuliches Grün. Aber stand dasselbe nicht in Harmonie mit dem bläulichen Meere, wenn es »die Zephyre leise bewegen«? Fast jedes Tälchen überraschte uns beim Weiterwandern durch neue Erscheinungen. Das eine bekleidete sich mit dreifarbigen Stiefmütterchen, das andre mit der edlen Parnassia, deren weiße Blüten so elegant auf schlankem Stengel schweben; hier siedelte sich die blaßrote Pimpinellrose an, dort das rundblättrige Wintergrün mit dem weißen, anmutig nickenden Blütenträublein. Das dichte Gewebe der Zwergweide wechselte mit den vereinzelten blutroten Ranken des Brombeers, dessen herbe Früchte auffallend bläulich bereift waren. Doch hielten sich all diese Kinder Floras ängstlich in ihrem Tälchen, keines versuchte, auf der von Wind und Wogenschwall gepeitschten Außenseite des Dünenwalles Posto zu fassen. Hier hatte nur der rauhe abgehärtete Sandhafer sein Reich; ein binsenähnliches Gras, dessen bleichgrüne runde Halme mit stachliger Spitze versehen sind. Wenn der Seewind darüber weht, bewegen sich die Halme elastisch, so daß Sturm und Wellen ihnen nicht schaden können. Dabei durchzieht der Sandhafer mit seinen weitverzweigten und starken Wurzelausläufen den Dünensand, nach allen Richtungen kreuz und quer, und umklammert, bindet mit zahllosen Wurzelfasern die Millionen Körnchen und hält dieselben in festem Netze gefangen, so daß sie so leicht nicht wieder ein Spiel der Winde und Wogen werden können. Auf diese Weise ist der Sandhafer der Erhalter der Dünen, derselben Dünen, die wiederum einen Schutzwall gegen den Sturmlauf des Ozeans bilden.

Hin und wieder rannte ein wildes Kaninchen über unsern Pfad; man sagt, daß diese Tiere, indem sie sich in den Dünen Höhlen graben und die Wurzeln des Sandhafers abnagen, sehr schädlich wirken. Deshalb sind sie für vogelfrei erklärt. Von Insekten fanden wir einige Käfer, ferner an Schmetterlingen den Admiral, den Distelfalter, den kleinen Fuchs, den kleinen Perlmutterfalter, den bräunlichen Kammgrasfalter, den Kohlweißling, sowie etwas seltener den kleinen Argus, endlich die Gammaeule. Sie gaben mir Anlaß, die Verse der Dichterin Droste-Hülshoff zu deklamieren:

»Und die kleinen Schmetterlinge,
Blau, orange, gelb und weiß,
Jagen tummelnd sich im Kreis.«

Dies gab wiederum unserm Barbarossa Anlaß, uns das große Geheimnis anzuvertrauen, daß auch er dichte. Wir ersuchten ihn sofort stürmisch um eine Probe, worauf er sein Notizbuch aus der Brusttasche zog und mit Pathos las:

»Es macht mir viel Vergnügen,
Im Wasser hier zu liegen« –

»Halt! nein, das ist nicht so gut; hier hab' ich eins, das stimmungsvoller ist:

All mein Sehnen will ich, all mein Kränken
In der Nordsee tiefe Flut versenken,
Aber meine Hoffnung nicht!«

Hier fiel Davit mit der Frage ein: »Kränken? Sollte es nicht heißen: Kränkeln?«

»Nein, durchaus nicht!« versicherte der Dichter sehr eifrig; »Kränken!«

»Das versteh' ich nun nicht. Herr, dunkel ist der Rede Sinn!« entgegnete Davit. Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht zwischen ihm und dem Dichter, weshalb ich unter Verzichtleistung auf weitere poetische Genüsse die Aufmerksamkeit auf etwas andres zu lenken suchte. Ich streckte die Hand aus und rief: »Da werden wir wahrhaftig durch ein kleines Erlengehölz überrascht! Birgt es sich mit seinen sturmzerzausten Wipfeln nicht zwischen den Dünen wie der Vogel im Neste? Es wird der sogenannte Ruppertsberger Kamp sein, das beliebte Wanderziel der Badegäste.«

»Für heute,« bemerkte Davit, »wollen wir indes nicht in dem Schatten seiner von den Nordwestwinden niedergehaltenen Bäumchen unsre Dichterstirnen kühlen, denn weiter hinaus liegt unser Ziel, und die Zeit drängt.«

Oeder, wilder wurde allmählich das Labyrinth der Dünen. Sand, überall Sand, nur hin und wieder ein struppiges Pflanzenbündel. Aber auch diese wurden immer seltener, bis zuletzt uns gänzlich kahle Sandhügel, die sogenannten weißen Dünen, entgegentraten. Wohl eine Viertelstunde weit erstreckten sich die einzelnen Rücken, in ihrem blendenden Weiß den schönen, reinen Schneefeldern der Alpen gleichend. Ein leiser Luftzug wehte, wiewohl das Wetter heiter war, beständig darüber hin, hob den lockeren Sand der Oberfläche empor und hüllte so die einzelnen Kuppen in einen feinen Staub, der sie wie ein Dunstschleier umschwebte. Die zahllosen wandernden Sandkörner aber klirrten aneinander und bewirkten jenes raschelnde Geräusch, das wie ein ewiges Gezirpe, Gewimmer und Geflüster durch die Dünen streicht, in welchem der abergläubische Insulaner bei einbrechender Nacht die jammernden Stimmen der im Schiffbruch umgekommenen Seeleute zu hören vermeint. Vom Strande aber tönt das Brausen der Meeresbrandung dumpf herüber, und wie ein Wehruf zerreißt der Schrei der »weißen, gespenstigen« Möwe die Luft.

Der Hauptgipfel der weißen Dünen, welcher sich in schön geschwungener Linie zu einer Höhe von hundert Fuß erhebt, heißt bei den Insulanern »de Dickwittdüne«, das ist die dicke, weiße Düne, während die Badegäste ihn scherzhaft den Norderneyer Montblanc zu nennen pflegen. Ich verfehlte nicht, diese Sehenswürdigkeit der Insel in mein Skizzenbuch zu zeichnen.

Gerade war ich damit fertig, als wir am Strande den mit zwei Rossen bespannten hochräderigen Wagen heranrollen sahen, welcher uns Onkel Ferdinand nebst einigen andern Kurgästen zutrug. Schnell knüpften wir unsre rotbaumwollenen Taschentücher an unsre Spazierstöcke und pflanzten diese improvisierten Fahnen zum Willkomm auf die Kuppe des Montblanc. Der Wagen hielt am Fuße des Berges. Wir schwenkten unsre Strohhüte und riefen Hurra! dann liefen wir den Berg hinunter, um der Gesellschaft beim Aussteigen behilflich zu sein. Zunächst reichte man uns vom Wagen einen Korb herab, aus welchem verschiedene Wurstzipfel und Flaschenhälse vielversprechend herausguckten. Welche Ueberraschung! Auch Davits Tante war unter den Gästen. »Ich kenne den Appetit junger Leute eures Schlages,« sagte sie, als wir sie sanft in unsern Armen auf den festen Boden gestellt hatten, »und da hab' ich die Bestandteile zu einem kleinen Picknick mitgenommen.«

»Denkt nur,« fiel der Onkel schmunzelnd ein, »Tantchen wollte euch mit kaltem Tee erquicken, ich habe aber einige Flaschen Rotwein in den Korb geschmuggelt.«

Ein dreistimmiges »Bravo!« belohnte diese erfreuliche Mitteilung. Wir lagerten uns am Fuße der Düne. Der Korb entschleierte seine Geheimnisse: Rotwein, Butterbrot, Wurst, gekochte Eier, Käse und Rauchfleisch. Wir hielten ein Göttermahl und brachten der Tante, dem Onkel und schließlich auch den andern Gästen feurige Toaste aus. Die Tante erwies sich als die sanfteste, liebenswürdigste, gutherzigste Seele von der Welt; sie hatte nur die eine Schwäche, allerlei Raritäten oder Dinge, die ihr als solche erschienen, in den großen Strickbeutel zu stecken, der ihr am Arme hing. Da suchten wir denn mit Eifer winzig kleine Seesterne (fünfstrahlig wie der Stern der französischen Ehrenlegion), zierliche Muscheln (zart gefärbt wie Rosenblättchen), eirunde Steinchen, deren milchweißer Grund von rosaroten Aederchen durchzogen war, ferner die unter dem Namen »Seemannstreu« auf Norderney geschätzte Distelpflanze, welche auf Stengeln und Blättern einen amethystblauen Anflug zeigt, und noch ein Dutzend andre Sachen und Sächelchen, die wir in die Tiefen des Strickbeutels versenkten.

Die »Seemannstreu« gab Anlaß zu mancherlei Erzählungen, auch aus dem Sagenschatze der Insulaner; wir hörten die Sagen vom »Dünenweibchen«, vom »Klabautermann«, vom »fliegenden Holländer«, bis Onkel Ferdinand uns auf den Sonnenuntergang aufmerksam machte. Da wurde es still, ganz still in unserm Kreise. Das hehre Schauspiel der Natur nahm uns ganz in seinen Zauberbann. Wie ein riesiger Glutball von geschmolzenem Kupfer sank die Sonne in die westlichen Fluten. Eine Schar von violetten, goldgesäumten Wölkchen geleitete das scheidende Tagesgestirn; aber sie blieben zögernd zurück, als dieses das Meer berührte, das sich dunkelviolett, endlos dahinbreitete. Die weißsandigen Dünen in unsrer Nähe waren von einem tiefen Goldton umflossen. Gleich dunklen Phantomen nahten kreuzende Schaluppen sich dem Inselsaum. Die Sonne sank tiefer, es war, als zögen die Wogen sie mit magnetischer Kraft in ihr feuchtes Reich. Noch ein letzter Strahl des Gestirnes zuckte glührot über die Salzflut, dann war die Sonne hinab und Dämmerung breitete sich über die Nordsee.

Wir hüllten uns dichter in unsre Plaids und Tücher und bestiegen den hochräderigen Wagen, der uns rasch den einsamen Strand entlang dem Inseldorfe zuführte, welches mit seinen blinkenden Lichtern zwischen Dünen und dunklen Erlenwipfeln den Ausflüglern freundlich entgegenwinkte, eine Illustration zu den Versen von Ernst Hallier:

»Abends aus der Mitte blinkt
Kleines Licht so traut mich an:
Wie ein Bild des Friedens winkt
Heimisch es dem fremden Mann.«

 

»Drei Worte nenn' ich euch inhaltsschwer,« sagt Schiller in einem bekannten Gedicht. Die Worte gelten auch für den Kurgast auf Norderney, doch haben sie einen andern Klang als bei Schiller; sie heißen nämlich: Baden, gute reichliche Nahrung und mäßige Bewegung. Das erste absolviert der Badegast am Morgen, das zweite vorwiegend am Mittag, das dritte in den Abendstunden von fünf bis acht. Um fünf Uhr begibt sich alles, was Odem hat, an den Strand der Insel, um hier auf und ab zu wandeln, sich zu unterhalten und den Klängen der Musik zu lauschen. Norderney hält dann seinen Korso, der freilich aus bekannten Gründen kein Blumenkorso sein kann, denn sich mit Sandhafer oder Dünenweizen oder stachliger Seemannstreu gegenseitig zu bewerfen, dürfte nicht nach jedermanns Geschmack sein.

Aber wie, wenn der Wind weht, der Regen geht und die Möwe kräht? Ja, auch dann begibt man sich auf den Strand hinaus, verzichtet aber zumeist auf die Promenade: man setzt sich in einen Badekarren, oft zu zweien, zu dreien, zu vieren, schaut durch die offene Tür auf das wogende Meer hinaus, studiert die Wolken, tauscht seine Gedanken aus, oder liest: prosaische Seelen die Zeitung, poetische die Nordseelieder von Heine. Diesen beschaulichen Stunden verdanken wohl auch die Reime ihre Entstehung, die man an den inneren Holzwänden der Badekarren mit Bleistift angeschrieben findet, zum Beispiel:

»Ach, wie schön, am Strand zu träumen,
Wenn die grünen Wogen schäumen« –

oder ergreifender:

»Hier saß ich eine Stunde lang
In tiefem, stillem Sinnen,
Und ließ ins weite, dunkle Meer
Der Sehnsucht Tränen rinnen« –

was unzweifelhaft von einem kolossalen Tränenvorrat zeugt. Der Badearzt würde sagen: Anormale Entwickelung der Tränendrüsen.

Während ich bei diesen tränenreichen Versen, als ich sie entdeckte, einen starken Verdacht auf unsern Barbarossa als Verfasser warf, stammten folgende Verse gewiß von einem sehr dicken, sehr realistischen Herrn her:

»Eine Stunde hier gesessen,
Garneelen und Krabben gegessen,
Portwein dazu getrunken,
Zuletzt in Schlummer gesunken,
Dann wieder aufgewacht
Und diese Verse gemacht.«

Doch genug! Vorwiegend haben wir schönes Wetter gehabt und konnten uns deshalb nach Herzenslust den Strand hinauf und hinab bewegen. Die brennende Glut der Sonne ist in den Abendstunden vorüber; die Strahlen des Tagesgestirnes fallen nur noch schräg auf das Eiland. Der Sand des Strandes und der Dünen schimmert in einem zarten Goldton, mit welchem das Blaugrün des Sandhafers aufs angenehmste harmoniert. Ein Gewimmel kleiner krauser Wellen furcht die weite Meeresfläche, die sich in tiefem Blau dahinbreitet, hier und da von einem weißen Lichtpunkt überzittert; das sind die Segel der Schaluppen, welche zu Vergnügungszwecken einzelne Badegäste in die See hinaustragen. Fern am Horizonte zieht sich ein langgedehnter schwarzer Dampfstreifen hin – die letzte Spur eines enteilenden Dampfers.

Wie belebt der Strand ist! Wie scharf sich die dunklen Gestalten von der hellen, fast weißen Fläche des Untergrundes abheben! In und vor der Giftbude hat sich ein europäischer Salon gebildet. Freilich fehlt der gebohnte Parkettboden: der Fuß berührt vielmehr den lockeren Dünensand; es fehlen die roten Plüschsessel: grün angestrichene, hölzerne Gartenstühle und Bänke dienen als Sitz. Aber eine glänzende Gesellschaft aus aller Herren Ländern, große Namen und vollklingende Titel, seidene Schleppkleider und bunte Ordensbändchen, gewählte Begrüßungen und gesuchte Manieren, der Duft von Eau de Cologne und Eßbouquet, das Wein und Tee spendende Buffett, alles erinnert so ganz an den Salon und, sagen wir es offen heraus, es paßte besser dorthin als hier an den Strand des erhabenen Meeres. Nicht, als ob die Badegesellschaft nicht auch ihre einfachen, bescheidenen, anspruchslosen Elemente besäße (z. B. Onkel, Davit, Davits Tante und meine Wenigkeit!); aber Norderney ist nun einmal sehr von der Aristokratie bevorzugt und diese pflegt stets ein sogenanntes Parfum de grand monde zu verbreiten.

»Wenn ich erst als Dichter anerkannt bin –« sagte Barbarossa einmal, ohne den Nachsatz hinzuzufügen. Ich glaube, derselbe würde etwa gelautet haben: »Dann werde auch ich zu dieser grand monde zählen, wenigstens wird sie mir huldigen.«

Wir verlassen die Giftbude und schreiten weiter den Strand hinauf. Sollen wir Menschenstudien machen? Hier gewahren wir einen einsamen Wanderer, der trüben Blickes und in sich gekehrt den Kranken, Leidenden verrät, der in dem Wellenschlage der Nordsee Heilung zu gewinnen hofft; dort eine Gesellschaft froher, lachender gesunder Menschen, denen der Aufenthalt am Meere nur eine Zerstreuung bringen soll; hier rauscht die bunte Seidenrobe einer großen Dame vorüber, dort verzichtet das unscheinbare, grobe Gewand einer Fischerfrau, die in einem Weidenkorbe die Holzbrocken gescheiterter Schiffe sammelt, auf jegliche Aufmerksamkeit. Hier begegnen uns vornehme, mit Pariser Flittern aufgeputzte Kinder, aber von bleichem, kränklichem Aussehen, dort in rauhes Segeltuch gekleidete Schifferkinder, aber mit Backen so prall und rot wie Borsdorfer Aepfel. Hier schauen wir einer Schar lärmender Knaben zu, die mit hölzernen Schaufeln eine Art Festung aufbauen, welche im nächsten Augenblick die Flut wegspülen wird; ja, wenn man auf Sand gebaut hat! Dort ergötzen wir uns an einem Schwarm kleiner Mädchen, die mit den Wellen »kriegen spielen«, indem sie der zurückebbenden Welle nachgehen und vor der nächsten anflutenden davonlaufen, die sich dann den Spaß erlaubt, ihnen die niedrigen Schuhe vollzugießen. Hier folgt unser Auge einem Reiter, dessen edles Roß wie ein Vogel auf der ebenen Bahn dahinfliegt, dort einem keuchenden Gespann, das nur mühsam den mit Kurgästen überladenen Omnibus zu einer Rundfahrt um die Insel weiter befördert.

Die Sandhügel rechts, mit ihren zerzausten Sandhaferbüscheln, sind der Sammelpunkt kleiner Gesellschaften, die entweder von den Gipfeln das Meer betrachten, oder sich mit mutwilligen Spielen die Zeit vertreiben, indem sie sich eingraben, oder die Abhänge hinunterkollern, oder eine kleine Erstürmung der Düppeler Schanzen aufführen.

Einmal gruben wir Jungen Onkel Ferdinand, der sich auf einem steilen Sandhügel in seinen »Westfälischen Merkur« vertieft hatte, in der größten Stille meuchlings ab, so daß er plötzlich mit seinem ganzen Sitz abwärts rutschte. Er sagte, er habe gerade gelesen: »Rumänische Eisenbahnaktien haben einen rapiden Sturz erfahren,« als die Rutschpartie erfolgt sei.

Sobald in einer bestimmten Richtung am Himmel ein schwarzer Dunststreif auftaucht, ruft man einander zu: »Der Roland kommt!« Es ist das der schlanke, stattliche Dampfer, der zwischen Geestemünde und Norderney fährt und neue Badegäste bringt. Nun strömt ein großer Bruchteil der Badegesellschaft nach der Landungsbrücke, teils um Bekannte zu begrüßen, über deren Eintreffen man brieflich unterrichtet war, teils um die Neuankommenden zu mustern, zu kritisieren und sich (o wie schlecht!) ein wenig schadenfroh zu freuen, wenn hier oder dort eine von der Seekrankheit scharf mitgenommene Persönlichkeit vorüberwankt. Die am Strande zurückgebliebenen Badegäste sehen indes vom Gipfel der Georgs- oder Marienhöhe, zweier besonders hoher Dünen, dem Untergang der Sonne zu. Die einen kritisieren denselben, als sei er ein bezahltes Schauspiel, das die Badedirektion zum Vergnügen der Kurgäste abends aufführen lasse; die andern lassen ihre Augen rollen und bleiben stumm wie der Fisch der Tiefe; die dritten kritzeln etwas in ein Notizbuch, sicherlich Reime wie: Abend – labend, Marienhöh – Untergang der Sonne seh' u. s. w.; die vierten falten die Hände und sprechen ein stummes Gebet, überwältigt von der Ahnung des Unendlichen, Raumlosen, in dem wir Menschen als Atome auf einem Staubkorn leben und doch geleitet sind von der Hand des Ewigen, dessen Rechte uns halten will, wenn wir auch an dem äußeren Ende des Meeres wohnten.


Ich schließe mein Tagebuch von Norderney. Onkel hat soeben ein Telegramm bekommen, welches ihn nach Schinkenhausen zurückruft: ein Freund, den er seit dreißig Jahren nicht gesehen, will ihn in der Heimat besuchen. Der Herr ist eigens zu diesem Zwecke von Rio de Janeiro herübergekommen. Onkel stellte mir frei, in Davits Gesellschaft noch acht Tage auf der Insel zu verbleiben. Wiewohl ich dieses Eiland, diese Poesie von Strand, Sand und Meer über alles liebgewonnen habe, so verzichte ich doch auf ein längeres Verbleiben daselbst. Nein, du lieber, guter, großmütiger Onkel Ferdinand, du sollst nicht allein reisen; mit dir bin ich gekommen, mit dir gehe ich. Wenn ich dir auf der Heimreise auch keine großen Dienste leisten kann, dir, dem erfahrenen Weltwanderer, so kann ich dir doch in hundert kleinen Dingen zur Hand sein. Wir waren drei Wochen auf Norderney; diese drei Wochen werden fortan zu den schönsten meines Lebens zählen. Du Strand, du Sand, du Meer von Norderney lebet wohl!

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