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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Erinnerungen eines Tierfreundes

Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an einen Sperling. Ich kniee als kleiner Bube in unsrer ebenerdigen Wohnstube auf einem Stuhl, dessen Lehne der Fensterbank zugekehrt ist, und blicke, den blonden Krauskopf in die Linke gestützt, gelangweilt auf die Straße hinaus. Hier plätschert der Regen auf die blanken Pflastersteine hernieder und heult der Wind in bald schwellenden, bald abnehmenden Accorden an den Häusern entlang. Die lärmenden Spiele froher Kinder sind draußen verstummt; die Straße liegt leer und einsam, nur hin und wieder arbeitet sich ein tief herabgezogener, gegen den Wind gestemmter Regenschirm vorüber, unter dem entweder zwei Stiefel mit einem Stückchen Hose oder der Saum eines Frauenkleides sichtbar werden. Ich starre und starre wie in eine fürchterliche Oede. Da wird plötzlich von einer Dachrinne oder sonst woher ein Spatz durch die Gewalt des Windes auf das Pflaster verschlagen. Wie betäubt bleibt er einige Sekunden regungslos auf den roten Granitsteinen hocken. Meine Augen – ich fühle es – treten dick aus dem Kopfe hervor, sie verschlingen den Sperling. Wie? wenn er nicht fliegen könnte? Hatte ich damals schon meinen Schiller gekannt, ich würde mit Begeisterung deklamiert haben:

Aus den Wolken muß es fallen,
Aus der Götter Schoß – das Glück!

Der Gegenstand meiner Begeisterung – mir klopfte währenddessen das Herz wie ein Lämmerschwänzchen – sperrte den Schnabel auf, bewegte die regennassen Schwingen, fuchtelte damit ein wenig umher, blieb aber – o Wonne! das heißt: o Wonne für mich! – am Pflaster kleben. Wirklich, er konnte nicht fliegen! Wie ein Blitz war ich vom Stuhle hinunter, zur Stuben- und zur Haustüre hinaus. Bei dem Geräusch meiner Tritte hopste der Sperling eine kleine Strecke weiter, aber schnell wie der Wind war ich hinterdrein, und dann warf ich mich mit dem Oberkörper über das regennasse ermattete Tier und – im nächsten Augenblicke hatte ich es in der Hand!

Welch ein seliges Gefühl! Weich schmiegte sich das braune Gefieder an meine Finger; das kleine Vogelherz fühlte ich heftig schlagen, und ein Schnabelhieb, den mir der Gefangene versetzte, machte mich lachen. Nun aber drängte es mich, mein Glück den Meinigen zu verkünden. Verschwiegenes Glück ist nur halbes Glück. Flink wie ein Wiesel schoß ich ins Haus, schon in dem Flur aus vollem Halse schreiend: »Ein Vogel! Ein Vogel! Ich hab' einen lebendigen Vogel gefangen!« Meine älteren Geschwister, welche nach der Stärke meines Geschreies urteilen mochten, daß ich einen Papagei, einen roten Kardinal oder mindestens einen Kanarienvogel erwischt hätte, kamen aus allen Stuben, Winkeln und Ecken, in Stiefeln, Pantoffeln und Holzschuhen herbeigerannt, reckten die Halse wie schreiende Gänse und fragten: »Wie? Wo? Was? Laß sehen!« Als sie das braune Köpfchen meines Gefangenen erblickten, sprachen sie in langgedehntem Tone, dem man die Enttäuschung nur zu deutlich anmerkte: »Bah, nur ein Spatz?« und lachten mich ob meiner hellen Freude weidlich aus. Aber das stimmte meine Freude keineswegs herab, zumal meine gute Mutter teilnehmend bemerkte: »Ein Spatz ist doch auch ein Vogel und ein Geschöpf Gottes. Wird er nicht in der Bibel ausdrücklich erwähnt? Wir wollen das arme Tierchen trocknen, füttern und ihm dann die Freiheit geben.«

»O, Mama!« warf ich stehend ein, »ich behielte den Vogel so gerne! Weißt du, wir haben auf dem Söller den alten Drahtkäfig stehen, da hinein täte ich meinen ›Hans‹ so gerne und fütterte ihn!«

»Nun, so magst du das tun, mein Junge!« gewährte Mama; »ich setze voraus, daß du den armen Schelm nicht quälst; auch nehme ich an, daß du der Pflege deines ›Singvogels‹ bald überdrüssig wirst und dem Tierchen die Freiheit gibst.«

Wer war glücklicher als ich? In tiefster Seele barg ich zwar den Gedanken, den reizenden Vogel, den Mama so spöttisch einen Singvogel hieß – bah! was lag mir daran, ob er singen konnte oder nicht? Sein »Schilp, Schilp, Schilp« war Musik genug für meine Ohren! – also, ich barg in tiefster Seele den Gedanken, den reizenden Vogel für immer zu behalten, bis ans Ende meiner oder seiner Tage, und ihm die Gefangenschaft durch die köstlichsten Leckerbissen zu versüßen. In der einen Hand mein Kleinod haltend, kletterte ich auf den Söller:

Auf dreimal dreißig Stufen stieg
Der Pilgrim zu der steilen Höhe –

holte hier den alten, verstaubten, krumm und schief gebogenen Drahtkäfig von einer ditto verstaubten Kiste herunter, brachte nicht ohne Mühe das verrostete Türchen des Käfigs auf und ließ meinen »Hans« hineinspazieren. Mit der dem Geschlechte der Spatzen eigenen Dreistigkeit nahm Hans Besitz von seiner luftigen Wohnung, doch zog er das untere Stockwerk dem durch Sitzstäbchen angedeuteten oberen vor. Hinter ihm schloß sich das rostige Türchen, und im Triumph trug ich mein Besitztum nach unten in die Küche, denn es galt, sogleich eine Hauptfütterung vorzunehmen. Mich nach Nahrung umsehend, hatte ich die Wahl zwischen saurem Schwarzbrot und süßem Korinthenbrot. »Am besten,« dachte ich, »vereinigst du beides,« Zufällig war niemand in der Küche anwesend, der mich auf das Unzweckmäßige dieser Nahrung aufmerksam gemacht hätte. Ich warf also Brocken jedweden Brotes in den Käfig, Hans schielte zwar mit seinen dicken Augen nach dem Bissen hin, sperrte aber nicht den Schnabel danach auf. Fünf Minuten wartete ich geduldig, ob der Vogel fressen würde. »Komm, Hans, sei artig und friß! Sieh nur, kräftiges Schwarzbrot und leckeres Korinthenbrot!« Aber prosit, Hans fraß nicht. Da wurde ich ungeduldig. Das rostige Türchen schob ich auf, und hinein in den Käfig glitt meine kleine Kinderhand, den Vogel von neuem ergreifend und ihn ans Licht zerrend. Nun pfropfte ich dem armen Geschöpf in der besten Absicht von der Welt dicke Krumen des sauren Schwarzbrotes – da ich solches für kräftiger hielt – in den Schnabel. Hans schluckte und für seine Willfährigkeit belohnte ich ihn mit einer dicken Rosine, die ich aus dem süßen Korinthenbrote herausknibbelte. Nun noch ein Schlückchen Wasser hinterdrein – das spült hinunter! – und Hans konnte es »aushalten«. Ja, er hielt es aus – bis zum folgenden Morgen, wo er verendet im Käfig lag! »Das Opfer einer Indigestion«, wie Mama sich recht schonend ausdrückte. Mit der Schilderung meiner Trauer will ich den Leser verschonen.

Man erzählt, daß der Löwe, wenn er einmal Menschenblut gekostet, doppelt grausam und blutdürstig werde, und daß er fortan kein Hindernis scheue, um sich den »ganz besonderen Saft« noch einmal zu verschaffen. Wenn es erlaubt ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, so möchte ich bemerken, daß meine kleine Person, nachdem sie einmal im Besitze eines Spatzen gewesen, doppelt begierig nach den gefiederten Bewohnern der Lüfte war; ich scheute fortan kein Hindernis, um mich in den Besitz von Staren, Krähen, Elstern u. s. w. zu setzen; ich plünderte meine Sparbüchse, um Straßenjungen, Gärtnerburschen, Milchmänner u. s. w. zu bestechen, damit sie mir Vögel mitbrächten. Meine Bemühungen hatten Erfolg, und nachdem der alte Drahtkäfig einen neuen Bewohner in der Gestalt eines flügellahmen Staren erhalten hatte, mußten die leeren Einmachtöpfe meiner Mutter als Gefängnisse für meine jungen Hausrotschwänzchen, Buchfinken, Schwalben, Stieglitze, Drosseln und dergleichen dienen. Besagte Einmachtöpfe entsprachen keineswegs den »sanitären Anforderungen«, welche man an Vogelkäfige zu machen berechtigt ist, und da ich in der Fütterung meiner gefiederten Lieblinge Mißgriffe über Mißgriffe beging, so war ein »großes Sterben« (wie die alten Chroniken bei Schilderung der Pest sich ausdrücken) in meiner Vogelkolonie die Folge. Mein kleines Schwesterchen Ida, welches den an Schwarzbrotsäure verendeten Sperling unter Blumen im Garten begraben und auch noch einem Schwälbchen eine feierliche Bestattung bereitet hatte, wurde es bald überdrüssig, den zahlreichen Opfern meiner Vogelpflege die letzte Ehre zu erweisen, und überließ mir die Sorge – die ich freilich sehr leicht nahm. Größere Sorge bereitete es mir, den Augen meiner Mutter die seltsame Verwendung ihrer Einmachtöpfe zu entziehen; den Sommer über gelang es mir wohl, als aber der Herbst ins Land kam und lieb Mütterlein sich zum Einmachen von Kronsbeeren, Gurken, Perlzwiebeln, Pflaumen und roten Rüben anschickte, stellte sie energische Nachforschungen nach ihren verschleppten Töpfen an und erhielt dieselben nicht ohne schmutzige Spuren ihrer meist verendeten Insassen zurück. Mit einer gehörigen Strafpredigt abgekanzelt, meiner »Käfige« beraubt, mußte ich meiner Liebhaberei für die gefiederten Bewohner der Lüfte vorläufig entsagen, was mir zur Stunde um so leichter wurde, als ich von unsrem Milchmann ein allerliebstes dreibuntes Kätzchen geschenkt bekommen hatte.

Ich erwärmte mich bald so sehr für das zierliche, reinliche, schmeichlerische Wesen meiner Pussy – so taufte ich meine Miez –, daß ich zum begeisterten Lobredner und Verehrer des Katzengeschlechts überhaupt wurde. Meinem Schwesterchen Ida gereichte dieses zur großen Genugtuung und sie sorgte getreulich für die süßeste Milch, den fettesten Rahm, um »Pussyken« damit zu laben. Dieses sollte meiner neuen Liebhaberei indes verhängnisvoll werden.

In einer dunklen Spätherbstnacht erhob sich im Hause plötzlich ein schrecklicher Lärm. Alles fuhr, wie wir uns später erzählten, in den Betten auf, spannte die Ohren an und lauschte. Der Lärm mußte in der Küche sein, denn man horte deutlich das Klirren und Zerbrechen von Porzellan. Es ging ganz toll dort her. Stück auf Stück ging in Trümmer. Dazwischen horte man eine rätselhafte Stimme: waren es Klagelaute oder sonst was? Sollten Diebe in der Küche sein? Aber nein, die würden solchen Lärm nicht vollführen – sie würden möglichst leise zu Werke gehen. Sollte ein Trunkener oder gar ein Wahnsinniger ins Haus gedrungen sein? Furchtbarer Gedanke! Papa, mein mutiger Papa, der zudem einen alten Kavalleriesäbel neben seinem Bette stehen hatte, war mit meinen drei älteren Brüdern leider verreist; sonst würde er unfehlbar beim ersten Geräusch in die Küche gedrungen sein. Ich war der einzige »Mann« in unsrer Wohnung, das heißt in der unteren Etage des zweistöckigen Hauses; meine Ehre verlangte es, daß ich der Ursache des nächtlichen Skandals zu Leibe ging. Ich will aufrichtig bekennen, daß ich nicht allzu großen Mut zu diesem Unternehmen fühlte. Aber, wie gesagt, meine Ehre, meine Ehre als Mann, drängte mich gebieterisch. Ich schlüpfte also aus dem Bette heraus und in die Kleider hinein, zündete eine Kerze an, welche ich in die eine Hand nahm, raffte aus meinem Werkzeugkasten eine Laubsäge, welche ich in die andre Hand nahm (kuriose Waffe, aber ich wußte in der Eile nichts andres zu finden), und marschierte in einem etwas sehr erzwungenen Heldenschritte nach der Küche. Als ich die Hand auf die Klinke legte, schmetterte drinnen gerade wieder ein Stück Porzellan in Scherben, Das Herz klopfte mir wie ein Lämmerschwänzchen, aber ich fand dennoch den Mut, die Tür aufzureißen. Und was sah ich – mußte ich sehen? Meine Pussy – welche ihren Kopf in einem Milchguß stecken hatte und diese sonderbare Kopfbedeckung nicht wieder quitt werden konnte! Im Augenblick war mir alles klar: das Tier hatte naschen wollen; es war auf den Tisch gesprungen, wo das Teegeschirr von der letzten Abendmahlzeit stand, und hatte sein Leckermäulchen in den Milchguß gebracht; der Genuß der fetten süßen Milch hatte Pussy veranlaßt, den Kopf immer tiefer in das Gefäß zu stecken, und als die Näscherin endlich genug oder den Behälter bis auf den Grund geleert hatte und den Kopf zurückziehen wollte, war letzterer eingezwängt gewesen; nun war das geblendete und geängstigte Tier auf dem Tisch herumgesprungen und hatte Tassen und Teller, Kanne und Buttertopf, Rumflasche und Zuckertopf auf die Dielen geworfen – wo die Scherben überall herumlagen. Nur der Milchguß, der verräterische Milchguß auf dem Haupte der Frevlerin war heil geblieben! Er war nämlich von Steingut, Und fortwährend noch machte Pussy die verzweifeltsten Sprünge und Kapriolen, um ihre »eiserne Maske« wieder quitt zu werden. Ich mußte darüber lachen – trotz des bangen Bewußtseins, daß meine Pussy es gewesen, welche so gründlich unter dem Porzellan der Mutter aufgeräumt hatte. In diesem Augenblick traten durch eine andre Tur meine Mutter und unsre Magd Anna, erstere mit einem Purreisen, letztere mit einem Schrubbbesen bewaffnet, in die Küche. »Die verwünschte Katze – wenn ich es nicht gedacht habe!« schrie Anna in höchster Entrüstung und ließ, ehe ich es hindern konnte, ihren Schrubbbesen auf die arme Miez herniedersausen. Der kräftig geführte Schlag zerschmetterte den Milchtopf – und Pussy war frei. Sie machte – ob aus Freude, ob aus Schmerz, ich weiß es nicht! – noch einen gewaltigen Luftsprung gegen das Glasfenster des Küchenschranks, so daß eine der großen Scheiben klirrend zu Boden fiel. Dann entwischte die Uebelthäterin durch eine der offen gebliebenen Türen.

Als die Frauen außer den Trümmern der Glasscheibe die Brocken und Scherben ihres Lieblingsporzellans am Boden liegen sahen, huben sie ein lautes Wehklagen an, welches allmählich in kräftige Verwünschungen der geschwänzten Missetäterin überging. Die Verwünschungen gipfelten in dem harten Ausspruch meiner Mutter: »Das abscheuliche Tier soll mir aus dem Hause – gleich morgen früh!«

Sehr kleinlaut zog ich mich mit meiner Laubsäge und Kerze in meine Schlafkammer zurück, und ohne Zweifel taten die erzürnten Frauen ein Gleiches.

Der neue Tag kam – wer aber nicht kam, war meine Pussy. Ich war ihr im Herzen dankbar dafür. War es Schlauheit von dem Tiere, oder hielt ein Zufall dasselbe fern? Nein, es war Schlauheit! O, Pussy, meine Pussy war so klug, so gewaltig klug! Sie hatte Menschenverstand. Sie wußte, daß sie was verbrochen hatte, und wollte erst mal die Gewitterwolken vorüberziehen lassen. Da Pussy nicht im Hause erschien, so konnte die Drohung meiner Mutter: »Sie soll mir aus dem Hause!« auch nicht vollzogen werden. Nachdem das zertrümmerte Porzellan durch neue Einkäufe erseht worden war, besänftigte sich die Stimmung der Frauen um ein Bedeutendes, zumal die Einkäufe durch anhaltendes Feilschen sehr vorteilhaft verlaufen waren. Aber noch zögerte Pussy vier bis fünf Tage, auf der Bildfläche zu erscheinen. Wo sie sich während dieser Zeit herumtrieb, mag der Himmel wissen. Ich für meine Person konnte es nicht in Erfahrung bringen, obgleich ich unaufhörlich im Keller, im Holzstall, auf dem Söller: »Pussy! Pussy! Pussy!« rief. Endlich an einem Sonntagmorgen, wo die Stimmung der Menschenkinder ohnehin eine friedliche zu sein pflegt, erschien Pussy wieder auf dem Schauplatz ihrer nächtlichen Freveltaten, aber so zaghaft, so demütig, so schmeichlerisch, daß sie mit der Begrüßung von seiten Annas: »Sieh da, du alte Hexe, bist du auch wieder hier?« davonkam, während Mutter sich einfach mit der an mich und Anna gerichteten Warnung begnügte: »Sorgt nur dafür, daß das Tier nichts zu naschen findet!« Mein Herz jubelte: Pussy, meine liebe, herzige Pussy war wieder in Gnaden aufgenommen! Sie brauchte nicht aus dem Hause, in die lieblose Welt hinein! Leider sollte meine Freude nicht von langer Dauer sein. Und daran war ich unglücklicherweise selber schuld.

Nachdem Pussy am Sonntagmorgen wieder in den Verband der Familie aufgenommen war, machte sich am Montagabend in der Küche ein Mäuschen bemerklich. Als gute Katze war Pussy sehr bemüht, des kleinen Nagetieres habhaft zu werden. Sie konnte aber keinen Erfolg erzielen, weil das Mäuschen, wie ich mit meinen großen Löffelohren bald herausgespürt hatte, nicht unten auf den Dielen, sondern oben auf einem Wandbrette sein Unwesen trieb. Auf diesem Wandbrette, das mit einem etwas erhöhten Rande umgeben war, standen mehrere buntbemalte Porzellanteller, schräg an die Wand gelehnt, so daß zwischen dieser und den Tellern eine »hohle Gasse« war. Nun wollte ich meiner Pussy ihr Amt als Mäusevertilgerin erleichtern; ich nahm sie deshalb zwischen beide Hände, hob sie hoch und ließ sie in die hohle Gasse hineinlauschen, wobei ich lockend wisperte: »Pussy, krieg's Mäuschen! Krieg's Mäuschen, Pussy!« Kaum aber hatte die aufgeregte Mäusejägerin die Nähe ihrer kleinen Todfeindin gewittert, als sie mit einem Ruck meinen Händen entwischte; wie der Blitz schoß sie durch die hohle Gasse – und wie der Blitz klirrten die zwölf buntbemalten Porzellanteller zur Erde. Selbstverständlich gingen sie in Stücke. Der Blitz hatte eingeschlagen. Aber auch der Donner ließ nicht lange auf sich warten. Mama und Anna besorgten denselben in Form einer fürchterlichen Strafpredigt, die hauptsächlich auf das Haupt der armen Pussy herniederschmetterte. Das arme Geschöpf! Es hatte nur seinem natürlichen Triebe Folge geleistet. Das Unheil hatte eigentlich ich, der kleine Homo sapiens, angerichtet – und ich ging bei der Predigt sozusagen leer aus. Es gibt nun einmal keine Gerechtigkeit in dieser schnöden Welt. Gleichwohl sollte ich aufs empfindlichste getroffen werden, denn es fiel endlich aus dem Munde meiner Mutter wieder das furchtbare Wort: »Die Katze soll mir aus dem Hause, und zwar sofort! Ich behalte sonst kein heiles Stück Porzellan im Hause.« Diesmal lautete also der Entscheid auf »sofort«; diesmal stand keine Tür offen, durch welche Pussy hätte entwischen können; diesmal war Anna so zornig, daß sie – trotz meiner flehentlichen Bitten – Pussy sofort beim Nackenfell ergriff, solche in einen Deckelkorb steckte und damit abzog. Wohin sie das unglückliche Tier gebracht, hab' ich niemals erfahren; ich war schon damals geneigt, das Schlimmste anzunehmen; denn eine Katze sucht, wenn man sie auch stundenweit weggebracht hat, doch immer ihr altes Haus wieder auf; wer aber nicht wiederkam – war Pussy!

Ich trauerte lange um mein liebes, hübsches, dreibuntes Kätzchen, und da ich in jenem Jahre anfing meine ersten Verse zu drechseln, so widmete ich Pussy sogar einen poetischen Nachruf, in welchem ich Anna ein »verruchtes Weib« nannte und ihr einen »tückischen Mordstahl« in die Hände gab. Die Schlußverse lauteten:

Wo bleichet dein Gebein,
O teure Pussy mein?

Das Gedicht kam meinem Vater zu Gesicht und er lachte, lachte darüber, daß ihm die blanken Tränen über die Wangen liefen. Ich fühlte mich in meinen heiligsten Gefühlen verletzt: lachte mein Vater über meine Verse – meine schönen, elegischen Verse – oder lachte er über meine treue Anhänglichkeit an Pussy? Höchst wahrscheinlich lachte er über beides. Nun liefen auch mir die Tränen über die Wangen – aber Tränen der Scham, des Zornes. »Junge, hör auf zu flennen!« rief mein guter Vater endlich; »du machst ein Gesicht, wie ein junges Nilpferd, das Zahnweh hat. Wenn dein Herz denn gar so gewaltig an Tieren hängt, so verspreche ich dir ein junges Hündchen. Fuhrmann Eilers in der Taubenstraße hat junge Pudelhunde, wie ich zufällig heute morgen erfuhr, und da magst du dir einen holen. Was das Tierchen kostet, zahle ich,«

Wer war glücklicher als ich? Keine Musik von Mozart oder Beethoven, von Wagner oder Mendelssohn hat mir später so entzückend in die Ohren geklungen, als damals das Wort vom Vater: »Du magst dir ein junges Hündchen von Eilers holen.« Und nun gar ein Pudelhündchen! Diese Art, die ich über alles liebte. Sofort stürmte ich nach meiner Schwester Ida, um dieser mein unermeßliches Glück mitzuteilen. Ida freute sich mit mir und alsbald berieten wir, wie das Hündchen heißen solle. Ich schlug sämtliche Helden- und Götternamen des griechischen Altertums vor: Hektor, Ajax, Achill, Kastor, Pollux u. s. w., welche jedoch Ida verwarf, da sie »zu abgedroschen« seien; Ida ihrerseits führte die Namen Molly, Lady, Moppy u. s. w. ins Feld, welche ich indes als »zu weichlich« zurückwies. Ida bewegte sich als angehende Töchterschülerin damals in den Anfängen der englischen Sprache und mit hochgelehrter Miene nannte sie mir das Wort Fellow, welches Gefährte, Begleiter, Freund bedeute. Fellow, ja, dieser Name gefiel mir, und mein Hündchen ward also getauft, bevor ich es noch besaß. Selbstverständlich säumte ich jedoch nicht, das Hündchen zu holen. Es wurde mir ohne Anstand verabfolgt, und »meinen Fellow« zärtlich in den Armen haltend, verließ ich glückstrahlend das Haus des Fuhrmanns. Das Tier war aber auch gar zu reizend! Sein Fell war voll von schwarzen Löckchen, ein dickes Schnurrbärtchen saß keck unter der Nase, und buschige Augenbrauen wuchsen über den Augen, die wie zwei schwarze Glaskugeln funkelten. Seltsamerweise wollten meine Mutter und unsre Magd Anna meine Begeisterung nicht teilen. Mutter murrte etwas von »Last« und »Schmutzigmachen«, während Anna etwas von einer »netten Bescherung« und einem »abscheulichen Vieh« knurrte. Aber ich hatte an Vater einen starken Rückhalt. Er hieß das Hündchen ein »nettes Kerlchen« und beschwichtigte die Frauen mit den Worten, mir doch einmal mein Pläsier zu lassen. Auch war Schwester Ida ganz entzückt von dem Tier; sie wurde nicht müde, Fellow zu tätscheln und anzureden: »Was für ein hübsches Hündchen du bist! Wie du uns Haus und Hof bewachen wirst! Fellow, Kerlchen, sei nicht bange, du wirst es gut bei uns haben!« Bruder Karl nannte Fellow einen »ruppigen Köter«; Bruder Ferdinand meinte, das »Geschöpf« sei »nicht ohne«; Bruder Oskar behauptete, alles hinge von der Zukunft ab – wie der Hund sich entwickeln würde – und deklamierte dabei aus Goethes Faust:

»Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.«

Dies waren die Stimmungen, welche meinem Fellow entgegengebracht wurden: freundliche, unfreundliche und abwartende.

Sofort machten Ida und ich uns daran, Fellow zu füttern, indem wir ihm eine Untertasse mit Milch vorsetzten. Als Fellow ohne Bedenken sein rotes Zünglein mit der weißen Milch in Berührung brachte, wollte unser Jubel kein Ende nehmen, Fellow blickte auf, leckte sich die von weißen Milchperlen besaete schwarze Schnauze und machte eine Grimasse, als wollte er sagen: Das laß ich mir gefallen, das hat gut geschmeckt!

In der nächsten Zeit wurde Fellow bald von mir, bald von Ida stundenlang ins Freie geführt, wobei er kräftig gedieh. Unsre Nachbarkinder lärmten und tollten fast den ganzen Tag mit ihm herum; sie liefen – und Fellow rannte hinterdrein; sie schrieen – und der Hund kläffte und belferte. Durch den Hausgarten und auf die Straße ging die wilde Jagd. Auf der Straße schlossen sich noch mehrere Kinder dem kleinen Rennverein an, was den Eifer des verfolgenden Fellow verdoppelte. Erhaschte der Hund eines der Kinder am Kleide oder an der Hose, so erhob sich ein Zetergeschrei des Gefangenen und ein Jubelgeschrei der Zuschauer. Die Nachbarn schlossen die Fenster vor dem Gekläff und Geschrei. »Ihr macht den Hund ganz bissig!« tadelte meine Mutter mich und Ida. »Laß die Kinder doch!« entgegnete mein Vater; »dadurch wird der Hund aufgeweckt und wachsam,« Jawohl, mein Fellow wurde sehr aufgeweckt: er konnte im Garten keine Krähe, keinen Spatz, keinen Frosch sehen, ohne mit wütendem Gebell darauf loszustürzen; vollends vor einem Stacheligel bellte er sich gründlich heiser. Er wurde auch sehr wachsam: kein Mensch konnte unsre Wohnung betreten, ohne daß Fellow einen Heidenlärm vollführte; namentlich haßte er die Handwerksburschen und alle Leute, die einen Sack auf der Schulter trugen, wie die Lumpensammler und Knochenhändler: solchen gegenüber war das Tier wie außer sich und sein Bellen wurde immer lauter und eifriger bis zum Ueberschnappen der Stimme. »Ein unausstehliches Vieh!« sagten Mutter und Anna. »Dem wird niemals ein weiser Mann gewogen werden!« meinte Bruder Oskar. Was aber noch schlimmer wog, auch unser Hausherr – wir wohnten nämlich zur Miete und hatten die Unterwohnung inne, während der Hausherr, Rentier Pfeifer, die obere Etage bewohnte – also auch dieser Hausherr erklärte Fellow für einen »Spektakelmacher«.

»Er ist nur wachsam!« wagte ich kleinlaut zu erwidern.

An einem der nächsten Tage legte Fellow eine neue Probe seiner Wachsamkeit ab.

Ein Postbote trat ins Haus, um dem Hausherrn einen Brief zu überbringen. Mein Fellow warf sofort den Kopf in den Nacken, empfing den Jünger Stephans mit wütendem Gebell, verfolgte ihn endlich bis an die Treppe, schnappte nach seinen Waden und – empfing einen so derben Fußtritt, daß er zu meinem größten Entsetzen einen regelrechten Salto mortale beschrieb. Fellow zog sich plötzlich verstummend zurück und der Postbote stieg die Treppe hinauf, seinen Brief abzugeben. Als er wieder herunterkam, hatte Fellow sich so weit von seinem Schrecken erholt, daß er seinen Feind mit wütendem Gebelfer verfolgen konnte, wobei er sich indes in angemessener Entfernung von den nagelbeschlagenen, doppelsohligen Rindslederstiefeln hielt. »Die feige Hundeseele!« bemerkte Anna mit Hohn. »Das kluge Tier!« behauptete ich.

Der ihm zugefügte Schimpf schien indes einen unauslöschlichen Eindruck auf Fellow gemacht zu haben; denn als das Schicksal den Postboten nach Verlauf von drei Tagen abermals in die Wohnung unsres Hausherrn führte, geriet der Hund in einen förmlichen Wutparoxysmus.

Mit kaltblütiger Ruhe stieg der Postbote die Treppe hinauf und erklärte Herrn Pfeifer, daß diesem Unfug ein Ende gemacht werden müsse, widrigenfalls er keine Briefe mehr hierher zu besorgen brauche.

Die Folge war eine ernstliche Verwarnung von seiten des Hausherrn an unsre Adresse. »Hüten Sie Ihren Kläffer von Hund,« sagte unter andrem Herr Pfeifer, »widrigenfalls ich auf seiner Entfernung aus meinem Hause bestehen muß.«

»Nächstens besteht Herr Pfeifer auf unsrer Entfernung aus dem Hause,« meinte Anna, »denn man könnte eher einer Kuh das Seiltanzen beibringen, als dem verwünschten Köter das Maul stopfen.«

Von Stunde ab war Mutter in große Unruhe versetzt. Sie jammerte Vater und mir beständig von einer nahen Kündigung vor, und daran wäre allein der garstige Fellow schuld. Wir alle wollten nicht gern aus der hübschen Wohnung ausziehen und ich legte ein feierliches Versprechen ab, meinen Hund aufs strengste zu hüten.

Dies gelang mir denn auch bezüglich des Postboten. Dafür entschädigte sich Fellow aber durch andre Streiche.

Als eines Abends Mutter von einem Spaziergange ins Haus zurückkehrte, sah sie auf der Strohmatte des Korridors den schwarzen Fellow liegen, wie er an einem Gegenstand kaute und zerrte, der sich gleich darauf als eines der Sonntagsstiefelchen von Ida entpuppte. O, diese Sonntagsstiefelchen! Sie waren noch funkelnagelneu, dazu von goldbraunem Glanzleder, mit Goldknöpfen und Gummizügen! »Das ist aber doch zu arg!« rief Mutter in entrüstetem Tone mir zu, als ich in diesem Augenblick aus dem Wohnzimmer trat, um Mama zu begrüßen. Die sonst so sanfte Frau versetzte Fellow zwei Püffe und entriß ihm das Stiefelchen. Aber ach, wie war dieses zugerichtet! Namentlich der Gummizug hatte alle Spannkraft verloren und lang und schlaff gezerrt hing er herunter. Im Bewußtsein seiner Schuld machte sich Fellow schleunigst aus dem Staube. Nun wandte sich Mama vollends an mich, um ihren Unwillen auszulassen; ich bekam Schimpfe, daß mir die Ohren dröhnten, und mein Fellow, mein hübsches, schwarzgelocktes, kluges, friedliches Tierchen, das nur seinem Instinkte gefolgt war (wie ich Mama beteuerte), wurde mit Titeln belegt, wie: garstiger Köter, abscheulicher Hund, Plagegeist des Hauses, Ruin der Familie u. s. w. »Ida hätte ihre Sonntagsstiefelchen auch nicht so herumliegen lassen sollen!« wagte ich meinen angegriffenen Liebling zu verteidigen. »Was, frech willst du auch noch werden. Junge? Das fehlte noch!« entgegnete mir die gereizte Mama und sie ließ ihren Regenschirm mit dem »modern dicken Stocke« auf meinen Rücken herniedersausen, so daß ich es für geraten fand, gleich meinem Freunde Fellow mein Heil in der Flucht zu suchen.

Der dunkle Schleier der Nacht senkte sich auf unser Städtchen hernieder. In den Häusern erloschen die Lichter, eins nach dem andern, und ein Menschenkind nach dem andern sank müde auf sein Lager und in die Arme des Traumgottes, der vom Dichter Tieck als ein alter Mann mit einem Bilderbuche dargestellt wird. Gerade zeigte er meiner Mutter, wie diese uns später erzählte, einen hübschen neuen schwarzen Tüllhut mit einem Veilchenstrauß, als dieses erfreuliche Bild durch ein dumpfes Klopfen gestört wurde. Mutter erwachte und horchte. (Ich richte mich nach ihrer eigenen Erzählung.) Wirklich, da war es wieder! Es schien in einem Nebenzimmer zu sein. Poch, poch, poch! Jetzt eine Pause. Mutter hielt den Atem an. Erneutes Klopfen: Poch, poch, poch! Die geängstigte Mutter weckte den Vater; auch dieser vernahm das Klopfen, konnte sich dasselbe aber nicht erklären. Mit angstverhaltener Stimme flüsterte Mutter endlich: »Ich habe neulich in der Zeitung einen Aufsatz über Spiritismus gelesen; sollte das Pochen nicht von Klopfgeistern herrühren?«

»Unsinn!« behauptete Vater und drehte sich auf die andre Seite, um weiter zu schlafen.

Mutter folgte seinem Beispiele, konnte aber den Schlaf nicht wieder finden, denn das dumpfe Klopfen blieb die ganze Nacht hindurch vernehmbar.

Als wir am Morgen rund um den Kaffeetisch saßen, erzählte Mutter die Erlebnisse der Nacht, wobei sie bemerkte, daß sie gerade keine große Lust verspüre, in einem Hause wohnen zu bleiben, worin es spuke; wenn jetzt Herr Pfeifer kündigen wolle, so habe sie nicht viel dagegen zu erinnern. Bei diesen Worten schoß mir, ich fühlte es, das Blut ins Gesicht und mein Kopf brannte wie Feuer. »Aha!« sagte Papa, der das bemerkt haben mußte, »sollte unser hoffnungsvolles Söhnchen Gottfried vielleicht etwas Näheres über den Klopfgeist wissen? Er verrät sich durch seine Farbe,« Ich konnte nicht anders, ich mußte folgendes bekennen: »Das Klopfen, das Mama Klopfgeistern zuschreibt, rührt von Fellow her. Weißt du, Papa, es juckt ihn in seinem krausen Pelze, und da denkt er: Wen's juckt, der kratze sich. Letzteres tut er nun seit kurzem des Nachts mit Vorliebe, und dabei klopft er mit seinem Hinterbein beständig auf die Dielen des Fußbodens.«

»So, so!« sagte Papa und brach in ein herzliches Gelächter aus. Mama hingegen blieb ernst, unheimlich ernst, und bemerkte scharf: »Immer der Hund und immer wieder dieser Hund! Es soll mich nur wundern, wie lange der noch ungestraft seinen Unfug treiben darf,«

Ich bangte für meinen Fellow und suchte ihn mehr denn je zu hüten. Bei Tage gelang es mir auch, aber des Nachts, des Nachts! Zwar schlief Fellow gewöhnlich in meiner Stube, aber auch mancher Abend kam, wo der Hund trotz allen Flötens und Lockens nicht erschien. Da fürchtete ich denn oft halbe Nächte, daß er wieder neue Streiche begehe.

In einer Nacht, als Fellow wieder mal nicht in meiner Schlafstube sich eingestellt hatte, hörte Herr Pfeifer, wie am folgenden Tage uns mitgeteilt wurde, auf seiner Treppe ein Geräusch, wie wenn jemand auf Socken oder Gummischuhen hinaufschliche. Er lauschte. Nein, er täuschte sich nicht: Schritt vor Schritt schlich es die Treppe hinauf, höher, immer höher. Jetzt war es oben auf dem Söller – ein Geräusch, wie wenn jemand zwischen den Kisten und Kasten rumorte. Nun hielt Herr Pfeifer es nicht länger aus; er weckte seinen Diener und teilte demselben im Flüstertone seine Vermutung mit, daß sich ein Dieb auf den Söller geschlichen habe. Der Diener griff nach einem alten Säbel, Herr Pfeifer nach einem Revolver. In diesem Moment ließ sich das Gebell Fellows vernehmen.

»Der Hund hat den Dieb gewittert,« flüsterte Herr Pfeifer, »und er belagert ihn oben,«

»So scheint es,« meinte der Diener; »aber wollen wir nicht hinaufgehen und den Dieb abfangen?«

Herr Pfeifer gab seine Zustimmung. Man zündete eine Laterne an und schritt mit dieser und den Waffen vorsichtig die Söllertreppe hinauf.

Aber was sollten die beiden mutigen Helden oben finden?

»Nun sehen Sie das abscheuliche Vieh!« sagte der Diener. »Ich hatte schon seit langem bemerkt, daß der Hund ab und zu nach unserm Söller streicht, um zwischen den Knochen herumzustöbern, die unsre Köchin oben in einem Korbe verwahrt; um dieses Herumstreichen und Knochenräubern zu verhindern, sagte ich der Hausmagd unten, den Köter zur Nachtzeit anzubinden. Man scheint dieser Aufforderung nachgekommen zu sein, denn Fellow trägt einen Strick um den Hals; aber der Hund hat sich frei zu machen gewußt und ist wieder auf den Söller geschlichen; und als er wieder herunter wollte, da ist der Strick unter die Söllertür geraten, und weil ein Knoten am Ende des Strickes war, so ist der Köter hängen geblieben. Da hat er zu bellen angefangen.«

»Das abscheuliche Tier jagt einem solchen Schrecken ein – schleicht auf den schwieligen Ballen seiner Pfoten wie auf Gummischuhen durchs Haus!« meinte Herr Pfeifer. »Und dann immer dieses garstige Gebell! Es verwandelt meine Wohnung in eine richtige Bell-Etage!«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, so werde ich diesem Höllenhund sein nächtliches Schleichwesen schon verleiden,« sagte der Diener und schlug, ohne die Zustimmung seines Herrn abzuwarten, mit der flachen Klinge seines Säbels auf den armen Fellow los. Na, das Geheul! Es weckte uns andere alle im Hause und verkündigte uns nichts Gutes. Als Fellow seine Tracht weg hatte, löste der grausame Diener den Strick und jagte den Hund ins untere Stockwerk hinab.

Am folgenden Morgen bekamen wir die ganze Geschichte aus dem Munde des Dieners zu hören. Herr Pfeifer ließ uns sagen, daß er den »Skandal mit dem Köter« gründlich satt habe; danach möchten wir uns gefälligst richten.

Aus dem Umstande, daß er uns diesen Bescheid nicht persönlich, sondern durch seinen Diener übermittelte, sowie aus der Stärke der Ausdrücke konnten wir schließen, daß unsre gegenseitigen Beziehungen den höchsten Grad der Spannung erreicht hatten.

So war ich denn ohne ein Tier, dem ich meine Zuneigung und Sorge zuwenden konnte, – ich, der Tierfreund par excellence!

Dieser unerträgliche Zustand dauerte acht Tage; da bot mir ein Mitschüler – ich war damals Quintaner – eine weiße Ratte an, wenn ich ihm dafür mein Erzählungsbuch mit der Indianergeschichte geben wolle. Mit Freuden und mit allen zehn Fingern griff ich zu. Aber wie und wo sollte ich das Tier unterbringen? »Den Käfig kann ich dir nicht überlassen,« sagte Fritze Eckenscheid, »da ich ein Eichhörnchen darein tun will.« In aller Eile zimmerte ich mir deshalb selber aus einer alten Kiste einen Käfig zusammen, der freilich die Spuren dieser Eile nur zu deutlich an sich trug. Als ich meine neue zoologische Erwerbung mit hochgeschwelltem Herzen meiner Familie vorstellte, war ich nicht wenig überrascht, auf allen Seiten unverblümten Ausdrücken des Abscheues zu begegnen. »Pfui, eine Ratte!« sagte Mama. – »Jawohl, aber eine weiße!« bemerkte ich mit Nachdruck. – »Daß du mir das Beest nicht in die Küche bringst!« kommandierte Anna mit der Stimme eines Dragoners. – »Ein Beest – eine weiße Ratte ein Beest?« fragte ich mit Ueberlegenheit und Mitleid ob solcher Unkenntnis. – »Ich meine gehört zu haben, daß diese Tiere einen empfindlichen Odeur um sich verbreiten,« bemerkte Papa. – »Jawohl, die schwarzen, Papa, die schwarzen – aber ganz gewiß nicht die weißen!« beteuerte ich. – »Nein, mit Ratten mag ich nichts zu tun haben!« schmollte Ida. – »Es ist ja eine weiße, ein wunderschönes Tierchen!« wendete ich ein. – »Rattenkönig! Rattenkönig!« neckten mich meine Brüder. – »Ihr beweist durch euren Spott,« erwiderte ich, »daß ihr eine weiße Ratte nicht von einer schwarzen zu unterscheiden wißt!« – »Na, poche nur nicht immer auf das Wörtchen »weiß«,« meinte schließlich die ganze Familie; »Ratte bleibt Ratte, ob weiß oder schwarz, ob grau oder braun!«

Bei dieser offenbaren Abneigung der ganzen Familie gegen meine neue naturhistorische Erwerbung sah ich mich gezwungen, meinen Liebling in einem einsamen Holzkämmerchen unterzubringen, das sich hinter unsrer Küche befand. Hier besuchte ich das Tierchen wiederholt am Tage und steckte ihm die besten Leckerbissen durch die Gitterstangen seines Käfigs zu. Ich hatte die Freude, »Blanca« – wie ich das Tierchen nannte – bald so zahm zu sehen, daß es mir die vorgehaltenen Stückchen Speck aus den Fingern nahm. Ohne Zweifel würde ich in der Folge noch mehr Pläsier an meiner zahmen »Blanca« erlebt haben, wenn – der Käfig nicht allzu deutlich Spuren der Eile, womit er zurecht gezimmert, an sich getragen hätte.

Eines Abends, als die Familie um den Teetisch versammelt saß, kam Anna plötzlich wie eine Bombe in die Wohnstube geflogen, mit dem Schreckensschrei: »Die Ratte! Die Ratte! Die Ratte ist los – sie ist in der Küche! Ich habe das Zittern in allen Gliedern. O, das fürchterliche Tier – rennt wie wahnsinnig herum und wollte sich auf mich stürzen!«

»Stell dich doch nicht so an!« erwiderte ich unwillig; »du tust ja, als ob der Löwe von Florenz los sei – es ist doch nur eine Ratte, eine weiße Ratte!«

»Weiß oder schwarz, grün oder blau, meinethalben auch rot mit gelben Punkten,« schrie das Frauenzimmer wie eine Megäre, »das soll mir ganz egal sein! Mich bringt niemand wieder in die Küche, solange das Beest dort herumtobt.«

Und Anna stemmte beide Arme in die Seiten und sah mich mit einem herausfordernden Blick an.

»So fangt das Tier doch ein!« wandte sich Mutter ärgerlich an uns Jungens.

»Hurra, die Ratte, die weiße Ratte! Frisch auf zum Kampfe contra Blancam!« schrieen meine Brüder und griffen nach Purreisen, Kohlenschaufel und Teppichbesen.

»Tut meiner Blanca nichts zuleide!« schrie ich in den höchsten Jammerlauten; »laßt mich doch selber das Tierchen wieder einfangen!«

Aber meine Bitte verhallte ungehört. Wie die wilde Jagd stoben Karl, Ferdinand und Oskar in die Küche, ich, noch immer um »Gnade! Gnade!« flehend, hinterdrein.

Der plötzliche Lärm machte Blanca vollends scheu. Wie der Blitz schoß sie unter dem Küchentisch hervor, quer durch die Küche, um sich unter den Brotschrank zu retten. Oskar holte mit seinem Teppichbesen aus und – traf einen Korb mit rohen Eiern, der auf einem Stuhle stand, daß er einen Meter weit durch die Luft flog und dann seinen Inhalt in tausend Brocken auf die Erde schüttete. Eine nette Bescherung! Die gehetzte Ratte bog von ihrer ursprünglichen Fluchtlinie ab und wagte einen verzweifelten Sprung, der sie in einen – Wassereimer plumpsen ließ. Karl schlug mit seinem Purreisen zu, so gewaltig, daß die hölzernen Reifen des Eimers sprangen, worauf die zwölf Brettchen des Gefäßes sich sternförmig auseinanderlegten, einem mächtigen Wasserschwalle freie Bahn gebend. Das Wasser vermischte sich mit den Eidottern – eine nette Suppe! »Schlagt meine arme Blanca nicht tot!« schrie ich unablässig. »Da ist sie! Haut sie!« heulten Karl und Oskar, wie Indianer auf dem Kriegspfade, indem sie auf das arme Tier deuteten, das dem Wasserbade entronnen, mit zusammengeklebten Haaren und höchst erbärmlich anzuschauen, durch die Küche schoß. Ferdinand holte mit seiner Kohlenschaufel aus und brachte das Instrument so weit nach rückwärts, daß dasselbe in die Glasscheiben des Brotschrankes fuhr. Klirrend fielen die Scherben zu Boden. »Schont Blanca! Habt Erbarmen!« schrie ich verzweifelt. »Du verwünschtes Tier, wir kriegen dich doch!« schrieen die grausamen Verfolger. Kreuz und quer schoß die geängstigte Ratte durch den Raum – überall, wo sie einen Schlupfwinkel zu finden geglaubt, wieder aufgestöbert. Oskar schlug abermals mit seinem Besen los – und diesmal traf er ein Wandbrett, auf welchem Gläser mit Eingemachtem standen, so genau, daß diese sechs Gläser mit Gurken, Perlzwiebeln, Kronsbeeren, roten Rüben, Pflaumen und Hagebutten in einem Zuge durch die Luft – und dann auf die Dielen flogen, wo sie in tausend Brocken gingen. »Fruchtsuppe!« lachte Karl und schlug mit seinem Purreisen, als gerade die Ratte wieder vorüberhuschte, mir auf die Zehen, daß ich ein Geheul anstimmte, wie ein geprügelter junger Jagdhund.

»Habt ihr sie? Habt ihr sie?« fragte in diesem Augenblick unser Papa, seinen Kopf durch die Küchentür steckend.

Um letzteres Manöver vollführen zu können, mußte Papa selbstverständlich vorher die Tür geöffnet haben – und diesen Augenblick benutzte die schlaue Blanca, um schnell wie der Wind durch die Oeffnung zu fahren. Am Ende der Hausflur aber stand die Haustür offen – Anna hatte sie offen gelassen, indem sie den Leuten auf der Straße verkündigte, daß ein »rasendes Tier« in der Küche sei – und Blanca war gerettet! Freilich, sie war dahin auf Nimmerwiedersehen.

Nachdem die Kunde von Blancas Entwischen in die Wohnstube und auf die Straße gelangt war, wagten sich Mutter, Ida und Anna wieder in die Küche. Der Anblick der dort herrschenden Zerstörung machte die Frauen anfangs stumm, vollkommen stumm, dann aber entfesselte er ihre Redegabe in doppeltem, dreifachem, nein zehnfachem Maße. Ich, die Ratte, Bruder Karl, Bruder Ferdinand, Bruder Oskar – wir alle wurden abwechselnd mit den härtesten Vorwürfen überschüttet. Die Ratte freilich hörte nichts mehr davon – sie war am glücklichsten daran; sie trocknete vielleicht in diesem Augenblick ihren nassen Pelz in irgend einem Kellerloch; wir »Bengels« aber vernahmen die Vorwürfe nur zu gut, zumal sie mit erhobenen Stimmen vorgetragen wurden. Aber die Frauen hatten recht, doppelt, dreifach, nein zehnfach recht, weshalb wir kein Wort der Widerrede wagten. Und diese stumme Ergebung beschwichtigte endlich den lauten Sturm, der dann in dumpfem Grollen, wie ein abziehendes Gewitter, noch eine Zeitlang durchs Haus ging. Als am folgenden Tage die älteren Brüder wieder Mut geschöpft hatten, da stellten sie freilich mich als den eigentlichen Urheber des ganzen Malheurs hin, hatte ich doch die Ratte ins Haus gebracht.

Daß es eine weiße gewesen sei, wagte ich diesmal nicht vorzubringen. So kleinlaut war der arme Tierfreund geworden!

Vater aber mußte tief in die Taschen greifen, um der Mutter den Schaden in der Küche zu ersetzen.

Vorläufig wagte ich nicht, ein neues Tier ins Haus zu bringen; ich fühlte es, daß ich erst Gras über meine Rattengeschichte wachsen lassen müsse. Es war eine unangenehme Erfahrung. Als ich mein Leid einmal einem Mitschüler, dem Sohne eines Metzgers, klagte, erzählte mir dieser, daß er jeden Nachmittag nach der Schule den Gaul seines Vaters nach dem Weidegrunde vor der Stadt reite; falls ich Vergnügen daran fände, könnte ich auch mal aufsitzen. Wie Musik klang mir dieser Vorschlag. Ich hatte eine Ratte eingebüßt – und konnte mich jetzt aufs hohe Pferd setzen! »Bitte, bitte, nimm mich mit, gleich heute!« bestürmte ich den dicken, runden, rotwangigen Peter Hesselbrink. »Das kann geschehen!« antwortete der gutmütige Peter; »erwarte mich nur am Nordertore – halb fünfe nachmittags, aber du mußt pünktlich sein!«

Diese Verabredung war an einem Morgen getroffen. Zunächst den ganzen Vormittag dachte ich nur an das bevorstehende Vergnügen, mit einem solchen Eifer, daß ich dreimal in der Schule abbrannte; ich konnte dem Herrn Professor nicht einmal sagen, wovon die Rede gewesen war. Zu Hause beim Mittagessen war ich so zerstreut, daß ich mir Pfeffer in die Milchsuppe tat und dann mit einem Löffel Senf meinen Irrtum wieder gut zu machen suchte. Nach dem Essen holte ich meine Naturgeschichte her und versenkte mich in den Abschnitt über das Pferd. »Das Pferd scheint,« so hieß es dort, »aus den Steppen Asiens zu stammen; doch weiß man nicht, wann es zuerst in den Dienst des Menschen kam. (Hesselbrinks hatten ihren Gaul vor sieben Jahren in den Dienst genommen, wie Peter mir mitgeteilt hatte.) Schon die alten Aegypter besaßen Pferde. Man nimmt an, daß die zahmen Pferde von den wilden asiatischen Steppenpferden, Tarpans genannt, abstammen. (Hoffentlich hatte Hesselbrinks Gaul alle Spuren seiner wilden Abstammung abgelegt!) Diese Wildpferde sind nicht zu verwechseln mit den verwilderten Pferden, welche, von zahmen Pferden abstammend, in den großen Ebenen Asiens und Amerikas frei in großen Herden herumziehen. (Hm! da kann man ja leicht zu einem Pferde kommen! Sollte ich einmal auswandern, dann wüßte ich jetzt, wohin.) Die amerikanischen Wildlinge heißen in den Laplata-Staaten Cimmarones. Hingegen sind die freilich ebenfalls das ganze Jahr hindurch im Freien lebenden Mustangs in Paraguay zahme Pferde. Die einzelnen Herden gehören zu einer Meierei. Die Besitzer der südamerikanischen Pferdeherden, Gauchos genannt, fangen die Pferde, welche sie zum Gebrauch ersehen haben, mit dem Lasso ein. (Es wäre nicht dumm, wenn ich mich in dieser Kunst beizeiten einübte!) Der Lasso ist eine lange Wurfleine, welche der gut berittene Gaucho mit sich führt. Das untere Ende derselben ist am Sattel des Reiters befestigt, das obere freie endet in eine Schlinge. Ist dem Gaucho nach vielen Reitkünsten (diese wollen jedenfalls geübt sein!) es gelungen, das auserlesene Pferd von seiner Herde zu trennen, so schleudert er blitzschnell dem verfolgten, fortrennenden Pferde die Schlinge aus weiter Entfernung um den Hals, und mit geschicktem, kräftigem Ruck wird der Flüchtling zu Boden geworfen. (Ob Peter Hesselbrink wohl seinen Gaul zu diesem Experimente hergäbe?) Dann ist es eine Aufgabe des Gaucho (ich wollte mir fortan den Spitznamen ›Gaucho‹ in der Klasse beilegen!), das eingefangene Tier sofort zu besteigen und trotz aller Anstrengungen desselben, den Reiter abzuwerfen, das wilde, schäumende, wutschnaubende Tier zu bändigen (die Geschichte scheint denn doch nicht so einfach zu sein!). Ermattet und abgehetzt ergibt sich dasselbe endlich in sein Geschick (was jedenfalls das klügste ist!) und lernt dem Sporn und dem Zügel gehorchen. – Man unterscheidet die zahmen Pferde zunächst nach ihrer Farbe als Braune, die am gewöhnlichsten sind, als Rappen, Schimmel (wenn ich nicht irrte, war Hesselbrinks Gaul ein Schimmel!), Apfelschimmel, Falbe und Schecken. Unter den zahlreichen Rassen –«

»Willst du denn heute nachmittag nicht zur Schule gehen?« erschallte in meine Lektüre und Betrachtungen hinein die Stimme des Vaters. Sofort raffte ich meine Bücher zusammen, blickte nach der Uhr – es war drei Minuten vor zwei – und »keilte« nach der Schule, wo ich noch gerade vor Erscheinen des Lehrers eine Minute Zeit fand, um feierlich zu proklamieren, daß ich von jetzt an mit dem Spitznamen »Gaucho« genannt sein wollte. »Gaucho! Gaucho!« schallte es in einem dreißigstimmigen Chore durch den Klassenraum, als der Lehrer eintrat. Da er mich als den Mittelpunkt des Lärms erkannte, so nahm er den »Gaucho« zunächst an die Lektion, und der »Gaucho« hatte das Malheur, lichterloh abzubrennen, wofür ihm eine Vier angebohrt wurde. Ich ergab mich in mein Schicksal, mit dem Gedanken, daß ich ja ohnehin die ganze Wissenschaft bald an den Nagel hängen würde, um nach Südamerika auszuwandern und Gaucho zu werden. Sehr langsam flossen mir indes die Nachmittagsstunden von zwei bis vier dahin. Aber endlich war die Schule aus.

Noch vor dem festgesetzten Termin fand ich mich am Nordertor ein, unruhig auf und ab schreitend und so ausschließlich mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich gegen eine dicke Bauernfrau anrannte, welche mich dafür einen Lotterbuben schimpfte. Endlich ertönten die Hufschläge eines Pferdes auf dem Pflaster. Wahrhaftig, es war Peter Hesselbrink auf einem Schimmel! Als Peter mich eingeholt hatte, glitt er flink wie ein Eichhörnchen von seinem erhabenen Sitze herunter, worauf er den Gaucho einlud, nunmehr den Schimmel zu besteigen. »Ich kann aber gar nicht reiten!« äußerte ich, ein wenig in meiner Lust herabgestimmt. »O, das macht nichts!« behauptete Peter; »du setzest dich darauf, und für das weitere sorge ich.« – »Ich habe noch nie auf einem Pferde gesessen,« bemerkte ich. – »Schadet nichts,« versicherte Peter; »der Schimmel ist so fromm, daß ein Wickelkind darauf reiten kann.« Obgleich mir nun im Augenblick nicht klar war, wie ein Wickelkind es anstellen müsse, um auf einem Pferde zu reiten, so kletterte ich doch mit Hilfe meines Freundes auf das Tier. Es schien mir sehr hoch, auffallend hoch zu sein, und der Gedanke an das trojanische Pferd schoß mir durch den Kopf. Endlich gelang es mir nach verzweifelten Bemühungen, das Bein überzuschlagen – ich saß! Nicht im Sattel, denn einen solchen hatte der Schimmel nicht. Ich saß auf dem blanken Rückgrat, welches die Natur dem Tiere gegeben. Aber ich saß doch – hoch auf einem Rosse! Einen Augenblick fühlte ich so etwas von einem Alexander, der auf seinem Bucephal saß – man sieht, ich machte ein schnelles Avancement vom Gaucho bis zum macedonischen Königssohn! – im nächsten Moment ließ Peter mit der Zunge einen Schnalzlaut hören, worauf sich der Schimmel in Trab setzte.

Ei, das Reiten war doch schwieriger, als ich mir's gedacht hatte! Wie ein schaukelndes, lavierendes Schiff auf empörten Meereswogen, so flog ich hin und her, von der Linken zur Rechten. Peter, der hinter dem Gaule her rannte, spornte diesen mit dem Rufe »Hüh!« und »Hott!« zu immer flotterem Ausreißen an. »He, da reitet der Gottfried, der Gaucho!« schrieen ein paar Mitschüler, die mir entgegen kamen. Sofort schlossen sie sich Peter an, um auch ihrerseits durch: »Hüh!« und »Hott!« dem Gaule eine flottere Gangart beizubringen. Dieses gelang ihnen so gut, daß ich nach der Mähne des trabenden Tieres greifen mußte, um mich festzuhalten – die Zügel gewährten mir nicht hinreichenden Halt. Mit dem Gesichte fast auf dem Nacken des Schimmels liegend, flog ich die Landstraße hinauf:

Daß Kies und Funken stoben,
Und Roß und Reiter schnoben.

»Hört auf! Hört auf!« schrie ich meinen Mitschülern zu, die noch immer, wenn auch in größerer Entfernung, hinter dem Schimmel her lärmten und sich über meine Reitkunst krank lachen wollten. »Hüh, hott! Hoppla hopp! Hoppla hopp, hopp, hopp!« schrie Peter. »Hüh, hott! Hoppla hopp! Hoppla hopp, hopp, hopp!« wiederholten die andern Mitschüler. Da verfiel der Schimmel in einen gestreckten Galopp. Bäume, Häuser, Menschen flogen an mir vorüber – oder flog ich an ihnen vorüber? Die Sache war mir nicht mehr ganz klar. Die Menschen sprangen vor dem wilden Jäger entsetzt zur Seite. Da sah ich zu meinem Schrecken unsern Herrn Gymnasialdirektor nebst zweien der Herren Oberlehrer kommen, die zusammen spazieren gingen. Sie blickten mich höchst verwundert durch ihre Brillengläser an. Ich zog die Mütze – und flog, den Kopf voraus, in ein dickes Brombeergestrüpp, wo ich die Beine gen Himmel streckte. Der Schimmel raste weiter, seinem bekannten Weidegrunde zu. Den verunglückten Gaucho fanden seine Mitschüler und befreiten ihn aus seiner unglücklichen Lage. Gesicht und Hände waren mir tüchtig von den Dornen der Brombeerranken zerkratzt, die Kleider waren an mehreren Stellen zerrissen, im übrigen hatte ich glücklicherweise keinen Schaden genommen. Letzteres war Peter und den andern Hetzern denn doch sehr lieb, und nun fanden sie, die anfangs über meinen Sturz sehr bestürzt gewesen waren, den Mut wieder, mich weidlich auszulachen. Ich konnte es nicht hindern, obgleich ich mich über die Schändlichkeit ihres Betragens höchst ausführlich verbreitete. Sie versicherten, es sei ein »famoser Ulk« gewesen und ob ich nicht noch einmal eine Vorstellung als Gaucho geben wolle, »Nie wieder!« stieß ich wütend hervor; »ich werde auch nie wieder ein Pferd besteigen; Peter mag seinen tollen Schimmel selbst zur Weide reiten!«

Mit steifen, schmerzenden Gliedern, mit zerkratzten Händen und Wangen, mit zerrissenen Kleidern schlich ich mich auf Nebenwegen zur Stadt zurück und nach Hause, woselbst ich meinen Eltern und Geschwistern die Schlechtigkeit meiner Mitschüler in den schwärzesten Farben ausmalte. Dies rettete mich freilich nicht vor dem Vorwurf: »Was hattest du auch auf einem Metzgergaul zu reiten?«

Dieselbe Frage richtete am folgenden Tage mein Ordinarius an mich, worauf ich stumm blieb – während die ganze Klasse brüllte: »Er will ein Gaucho werden!«

Na, den Spitznamen hatte ich richtig weg – und hab' ihn bis zum Abiturientenexamen behalten. –

Acht Tage mochten nach meinem unglücklichen Ritt verflossen sein – und ich hatte noch keinem neuen Tiere meine Zuneigung zugewandt, als sich mir wieder der Versucher in der Gestalt eines Mitschülers, mit Namen Jodokus Knüppelmeyer, näherte.

»Du, Gottfried,« sagte er, indem er mir einen freundschaftlichen Rippenstoß mit seinem rechten Ellbogen versetzte, »ich habe eine Lachtaube zu vertauschen; wenn du mir dein Taschenmesser, deinen Kompaß und sechs dicke Aepfel dafür gibst, so kannst du sie haben!«

»Eine Lachtaube?« fragte ich und machte Augen so groß wie ein Teller. »O, die hätt' ich schrecklich gern, aber ich weiß nicht, ob ich nach der unglücklichen Rattengeschichte wieder ein Tier ins Haus bringen darf.«

»Wie? Eine Lachtaube, da werden sie doch nichts dagegen haben, denn eine Lachtaube ist ein ganz friedliches Geschöpf!«

»Ich hab' auch keinen Käfig dafür,«

»Na, den will ich dir leihen, wenn du mir noch deine Krawattennadel, weißt du, die mit dem Tigerauge, gibst.«

»Also mein Taschenmesser, meinen Kompaß, die Krawattennadel und ein halb Dutzend dicke Aepfel willst du haben. Hör', Jodokus, das ist eigentlich etwas viel! Und die Aepfel – die andern Sachen gehören wohl mir, da ich sie von meinem eigenen Taschengelde gekauft habe, und ich darf sie deshalb auch wohl verschenken; aber die Aepfel, Jodokus, die müßte ich unsrer Magd Anna, – na, daß ich es gerade heraussage – wegstibitzen – und das will ich nicht.«

»O, sie gibt sie dir auch wohl so, wenn du sie darum bittest.«

»Na, die und sich bitten lassen! Und seit der Rattengeschichte ist mir Anna erst recht nicht grün.«

»Nun gut, dann wollen wir es so machen, Gottfried: du brauchst mir die Aepfel nicht auf einmal zu geben; wenn du mal einen oder zwei hast, so kannst du deine Schuld abtragen – bis die Zahl voll ist.«

»Ja, darauf will ich wohl eingehen. Wann kann ich die Lachtaube haben? Das heißt, ich will doch erst lieber zu Hause fragen, ob ich das Tierchen mitbringen darf.«

»Ich wette, daß sie nichts dagegen haben!« behauptete Jodokus Knüppelmeyer; »im Gegenteil, sie werden das reizende Tierchen gerne haben wollen.«

Und sie hatten wirklich nichts dagegen! Als ich während des Abendessens zögernd und stammelnd der versammelten Familie und ihrem Oberhaupte mitteilte, daß ich für mein altes Federmesser, für den »rappeligen« Kompaß und die »dumme« Krawattennadel eine »reizende« Lachtaube bekommen könnte, und als ich hierauf fragend den lieben, guten Papa anblickte, da lachte er und sagte: »Na, wenn die Mutter nichts dagegen hat, so will ich auch nichts dagegen haben.« Und Mutter bemerkte: »Eine Lachtaube? Wenn nun einmal absolut ein Tier im Hause sein muß, so meine ich, eine Lachtaube wäre noch am friedlichsten; das heißt, ich will sie hier nicht frei in der Stube herumfliegen haben, daß sie mir die Vasen von den Konsolen stößt.«

»O nein, Mama,« erwiderte ich eifrig, »ich bekomme einen Käfig dazu geliehen und ich will das Tierchen aufs beste hüten.«

»Ich möchte wetten,« stieß Bruder Ferdinand mit seiner groben Stimme hervor, »daß auch diese Lachtaube ein Unheil anrichten wird. Alle Tiere, die Gottfried noch ins Haus gebracht hat, haben nichts wie Unheil angestiftet.«

Ich schleuderte dem Bruder einen grimmigen Blick zu und sagte: »Du scheinst, obwohl du ein Oberprimaner bist, noch blutwenig von der Geschichte der Lachtaube zu kennen, sonst würdest du wissen, daß dieser Vogel der friedlichste der Welt ist.«

»Spare dir deine naturwissenschaftlichen Belehrungen!« erwiderte die grobe Stimme. »Ich weiß ebenso gut wie du, daß die Lachtaube ein harmloses Wesen ist, – ja, ich weiß auch, daß sie ein semmelbräunliches, falbes Gefieder hat, nebst einem schmalen, schwarzen Halsringe; ferner, daß sie aus Afrika stammt, item, daß ihre Stimme beinahe wie das Lachen eines Menschen lautet – aber ich weiß auch, Musjö Gottfried« (hier wurde die grobe Stimme ganz unverschämt laut und polternd), »daß du ein höchst unglücklicher junger Tierbändiger bist! Ich erinnere dich an den Metzgergaul, an die weiße Ratte, an das Beest von Katze –«

»Stille, stille!« kommandierte Papa und zog seine Stirne leicht in Falten, »Ich will nicht, daß ihr euch zankt! Es ist wahr, daß Gottfried mit seinen Tieren schon manches Unheil angestiftet hat; aber du, Ferdinand, hast du mit deinen chemischen Experimenten nicht schon häufig unsre Wohnung auf eine ganz unleidliche Weise durchstänkert? Die alte Geschichte vom Splitter und Balken.«

Der Besitzer der groben Stimme war zum Schweigen gebracht – und doch sollte er mit seinen Befürchtungen recht bekommen!

Die Lachtaube war kaum zwei Tage in den Verband der Familie aufgenommen – worüber sie sehr lachte –, als eine auswärtige Tante sich bei uns zum Besuch anmeldete. Tante Rieka war erstens schon in hohen Jahren, weshalb die Eltern uns einschärften, ihr die dem Alter gebührende Ehrfurcht im vollsten Maße zu teil werden zu lassen; Tante Rieka war zweitens von der Natur etwas stiefmütterlich behandelt: sie hatte – nun, wie soll ich mich ausdrücken? – einigermaßen hohe Schultern, womit einigermaßen eine Verbildung des Rückgrates verbunden war, weshalb die Eltern uns dringend empfahlen, kein Wort von körperlichen Gebrechen andrer verlauten zu lassen, da Tantchen hierdurch an ihr eigenes Mißgeschick erinnert werden könnte; und drittens war Tante Rieka sehr reich, unsre nächste Verwandte – weshalb – na, kurzum, wir sollten es in keinem Punkte an einem äußerst rücksichtsvollen Betragen fehlen lassen. Es hätte kaum der Ermahnungen der Eltern in dieser Beziehung bedurft; wir waren, Gott sei Dank, so wohl erzogen, daß wir wußten, was wir unsrer Tante Rieka schuldig waren – die Gefahr kam von einer ganz andern Seite!

Tante Rieka hatte, ermüdet von der angestrengten Reise, auf dem Sofa der besten Stube Platz genommen. Mit glatt gekämmten, regelrecht gescheitelten Haaren saßen wir Kinder zur Rechten und zur Linken auf Stühlen um den Tisch herum, welcher eine mächtige Kanne mit erquickendem Mokka, dem Tantchen mit Leidenschaft zugetan war, nebst Zubehör trug; Papa und Mama saßen der Tante gegenüber und gaben der guten Dame auf alle Fragen ausführlichen Bescheid. Solche Fragen waren: Ob wir in den letzten Jahren auch recht artig gewesen seien? Was wir Jungens werden wollten? Ob wir wohl jeder einen Goldfuchs Taschengeld gebrauchen könnten? (Wir Jungens schrieen aus vollem Halse »ja!«, aber Papa versicherte, daß viel Geld den Jungens durchaus nicht gut tue.) Ob Ida der Mama auch schon in der Küche zur Hand gehe? u. s. w.

In diese friedliche Unterhaltung hinein ertönte plötzlich die Stimme der Lachtaube: »Kukrruuh, kukrruuh!«

»Was ist das?« fragte Tante aufhorchend, mit seltsam veränderter Stimme.

»Eine Lachtaube, Tante!« beeilte sich Papa zu antworten; »eine Lachtaube, die sich unser Gottfried, der Tierliebhaber, beigelegt hat; sie befindet sich in der Nebenstube.«

»Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte die Stimme wieder herüber.

»So, eine Lachtaube?« erwiderte Tante Rieka scharf. »Ja, ich höre, daß sie lacht, diese Taube – daß sie höchst wahrscheinlich andre Leute auslacht!«

»Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte es weiter.

»Doch nicht, liebe Tante,« entgegnete Papa mit der sanftesten Stimme von der Welt. »Vom Auslachen kann hier keine Rede sein, allen Lachtauben ohne Unterschied ist diese Stimme eigentümlich; sie ist ihnen vom Schöpfer selbst gegeben; man kann dieselbe sogar höchst freundlich deuten; sie ruft nämlich: Kumm, Fru! Kumm, Fru! das ist: Komm, Frau! was also eine Begrüßung unsrer lieben Tante Rieka wäre,«

»Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte es abermals aus der Nebenstube.

»Und ich,« erwiderte Tante, indem sie die gelbseidenen Bänder ihrer Haube fester band, »und ich höre einen ganz andern Gruß heraus: Buckl herut! Buckl herut! Will man hier auf ein körperliches Gebrechen anspielen, so tue man es; ich aber –«

»Um des Himmels willen, liebe Tante!« riefen Papa und Mama wie aus einem Munde, »mach dir doch nicht derartige Gedanken!«

»Man hat Fälle,« fuhr Tantchen unbeirrt fort, »daß ungezogene Knaben ihre Tiere zu allerlei bösen Redensarten abrichteten –«

»Nein Tante, das ist mir im Traum nicht eingefallen,« heulte ich. »Die Stimme, die du hörst, ist die natürliche Stimme einer Lachtaube.«

»Man hat Fälle,« fuhr Tante fort, ohne die Schärfe ihrer Stimme zu mildern, »wo Leute ein Vergnügen daran fanden, ihren Mitmenschen einen Schabernack zu spielen – und wenn das in diesem Hause geschieht, so will ich das Haus lieber verlassen.«

»Nein, nein, Tante, das sollst du nicht, das darfst du nicht!« beteuerten die Eltern. »Damit dir die mißliebige Stimme der Lachtaube nicht länger in die Ohren klinge,« setzte Vater hinzu, »soll das Tier sofort aus dem Hause. Ich muß gestehen, daß mir dieses fortgesetzte Lachen auch schon recht langweilig geworden ist. Gottfried, bringe den Stein des Anstoßes sofort zu seinem früheren Besitzer zurück!«

Wie ein Donnerschlag traf mich dieser Bescheid. Aber was sollte ich dagegen machen? Stumm ergab ich mich in mein Schicksal. Ich stand vom Kaffeetische auf und trug meine Lachtaube – nicht länger die meine! – zu Jodokus Knüppelmeyer zurück. Dieser machte große Augen und kratzte sich verdrießlich den rothaarigen Kopf. Messer, Kompaß und Krawattennadel, sagte er, wolle er mir wiedergeben, aber die drei Aepfel, die er auf Abschlag bekommen, hätte er schon aufgegessen!

Um den Preis der Lachtaube war der Friede mit Tante Rieka wiederhergestellt. Sie verweilte alle vierzehn Tage in unsrer Familie, sah mich bisweilen mit dem sieghaften Blick einer Viktoria an und versicherte uns beim Abschiede, sie habe uns alle recht in ihr Herz geschlossen.

»Gottfrieds Lachtaube,« meinte eine gewisse grobe Stimme, nachdem die Tante abgereist war, »hätte uns auf ein Haar um die Gunst der guten Tante gebracht!« Dabei klimperte der Besitzer der groben Stimme höchst unverschämt mit ein paar Goldstücken, die ihm Tantchen »vorläufig« für sein gutes Abiturientenzeugnis geschenkt hatte.

Ich schwieg, duldete, und – weinte in der Einsamkeit meiner verlorenen Lachtaube eine Träne nach.

So war es denn vom Schicksal beschlossen, daß ich mich an keinem Tiere lang erfreuen sollte; hatte ich kaum ein zweibeiniges oder vierbeiniges Wesen lieb gewonnen, so trat irgend eine fatale Geschichte ein, die das Wesen von mir trennte; ja, selbst der grimme Tod hatte kein Bedenken getragen, seine Knochenhand nach meinen Lieblingen auszustrecken; ich erinnere den teilnehmenden Leser an den unglücklichen »Fellow«, der in der Blüte seiner Jahre unter den Rädern eines Frachtwagens enden mußte. Da ich in diesen Tagen eine Erzählung las, deren Titel lautete: »Weder Glück noch Stern«, so beschloß ich, diese Worte zur Devise meines Daseins zu machen; und da ich fast zur selben Zeit in der Schule etwas von Stoikern vernahm, so war ich sofort gewillt, mir eine stoische Gesinnung anzueignen. Drei Tage lang schritt ich auch mit einem höchst ernsthaften, regungslosen, ja starren Gesichte im Haus und auf der Straße umher, saß ich mit dito Mienen auf der Schulbank – als ein kleines, neues Begegnis plötzlich meine ganze Resignation über den Haufen warf.

Ich hatte mir die Stiefelabsätze schief gelaufen (Papa scherzte, das käme von der Kugelgestalt der Erde) und wurde, um Abhilfe dafür zu suchen, von Mama zu unserm Schuster, dem Meister Brahmeier, geschickt. Ich war lange nicht dort gewesen, indem unsre Magd Anna in den letzten Monaten die Vermittlerin zwischen meinen defekten Stiefeln und der Kunstfertigkeit des Meisters gespielt hatte; diesmal ging ich selbst. Wie war ich überrascht, als mir beim Eintritt in die kleine, nach Pech, Leder und Kochdünsten duftende Stube aus heller Vogelkehle eine muntere Melodie entgegentönte.

Meine Augen suchten sofort den gefiederten Sänger und sie entdeckten ihn in der Gestalt eines hübschen, rotbrüstigen Blutfinken oder Gimpels, welcher in einem länglich viereckigen, oben bedeckten, grünen Käfig saß. Letzterer aber hing an dem Mauerpfeiler zwischen den beiden Fenstern.

»Ach, Meister Brahmeier,« rief ich voller Entzückung aus, »was haben Sie da für einen reizenden Vogel!«

»Gefällt er Ihnen, junger Herr?« meinte der Schuster. »Jawohl, mein Hänschen macht seine Sache gut. Ich habe mich aber auch redlich plagen müssen, ihn so weit abzurichten.«

»Wie? So haben Sie selbst den Vogel gelehrt, das Liedchen zu flöten?«

»Kein andrer als ich. Sie müssen nämlich wissen, junger Herr, daß ich aus der Gegend von Fulda bin: da beschäftigen sich die sogenannten kleinen Leute viel mit der Dressur von Gimpeln. Man hat einen Handelsgegenstand aus den abgerichteten Vögeln gemacht, und von Fulda aus gehen die Tierchen nach vielen Städten Deutschlands, Hollands, Englands und selbst Frankreichs. Man kann die Gimpel dressieren, auf das Geklingel einer kleinen Schelle herbeizufliegen und sich selbst das Futter zu holen; man kann sie ferner dressieren, sich auf den Finger ihres Herrn zu setzen und von den Lippen des Herrn ein Tröpfchen Wasser zu nehmen –«

»O, das muß ja ganz entzückend sein!« rief ich voll Begeisterung aus.

»Am angenehmsten,« fuhr Meister Brahmeier fort, »ist es jedoch, die jungen Gimpel zu lehren, Lieder und kurze Melodien nachzupfeifen. Kein andrer Singvogel kommt den Gimpeln in der Reinheit, Rundung und Fülle des flötenden Tones gleich, wobei aber zu bemerken ist, daß dabei viel auf den Vortrag des Lehrenden ankommt. Die Vögel mit einer kleinen Drehorgel zu unterrichten, ist nicht ratsam, denn deren Ton ist viel zu grell für ihre zarten Organe; auch sind die besagten Leierkasten oft schlecht gestimmt, und da die jungen Gimpel den gehörten Ton genau nachpfeifen, so kommt alsdann nichts Liebliches zu Tage. Besser geht das Abrichten mit einer Flöte oder einem Flageolet; am besten aber ist das gewöhnliche Flöten mit dem Munde, zumal wenn man den Ton der Lockstimme der Alten, das bekannte ›diü‹ trifft –«

»Diü, diü, diü,« konnte ich nicht umhin zu flöten.

»So ziemlich treffen Sie es schon, junger Herr!« meinte Meister Brahmeier schalkhaft lächelnd. »Diesen Ton ›diü‹ fassen die jungen Gimpel am leichtesten auf« (ich hätte mich durch diese Aeußerung beleidigt fühlen können, wenn ich nicht von der vollkommenen Harmlosigkeit des Meisters überzeugt gewesen wäre) »und tragen ihn auch viel reiner und angenehmer vor. Bei der Wahl einer Melodie geht man am sichersten, wenn man nur eine einzige lehrt, denn nicht immer faßt der Vogel zweie auf, sondern wirft die Sätze durcheinander, so daß man kaum noch erkennen kann, was es sein soll. Die Dauer der Lehrzeit ist oft ziemlich lang: vom ersten Tage an, wo man die Jungen aus dem Neste holte, bis nach etwa acht Monaten muß man sie fleißig üben; man muß ihnen immer aus der gleichen Tonart vorpfeifen –«

»Diü, diü, diü!« versuchte ich noch einmal zu pfeifen.

»Und immer ist dasselbe Tempo beizubehalten; auch während der Mauserzeit, wo die Vögel einige Zeit verstummen, muß man beständig mit dem Unterrichte fortfahren. Die Zeit, welche man zum Vorpfeifen wählt, ist beliebig; jedoch gleich nachdem sie gefressen haben, sind die Gimpel stets am aufmerksamsten, zuweilen weckt man sie des Nachts und pfeift ihnen das betreffende Stückchen vor; aber auch früh in der Morgendämmerung, wenn sie noch ruhig sind, kann der Unterricht mit Erfolg beginnen. Je mehr man sie übt, desto fester und sicherer lernen sie. Man muß sie an einem Platze erziehen, wo sie keine andre Musik, kein Hahnengeschrei, kein Spatzengezwitscher, kein Türenknarren und dergleichen hören, denn all dieses fassen sie ebenso leicht auf und sind dann im stande, ein Kikeriki oder sonst etwas Unpassendes in das netteste Liedchen einzuflechten, was selbstverständlich den ganzen Text verdirbt. Gut abgerichtete Gimpel werden sehr teuer bezahlt und finden auch immer ihre Liebhaber, die sie nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten mit 10 bis 100 Mark bezahlen.«

Wenn ich bis dahin im stillen gehofft hatte, den herrlichen Sänger des »Alles neu – macht der Mai« vom Meister Brahmeier für ein bescheidenes Stück Geld erwerben zu können, so machte das Nennen einer Summe von 10 bis 100 Mark meinen Hoffnungen ein jähes Ende. »Wie, Meister,« stammelte ich, »10 bis 100 Mark für einen einzigen Vogel?«

»Jawohl,« erwiderte der Schuster kaltblütig, »10 bis 100 Mark. Wenn Sie mich nicht verraten wollen, so will ich Ihnen gestehen, daß ich vorhin die Unwahrheit sagte, als ich versicherte, ich selber hatte meinen Gimpel abgerichtet; ich verstehe mich zwar recht gut darauf, weil ich es in meiner Fuldaischen Heimat von Jugend auf geübt habe; diesen Gimpel aber« (hier dämpfte Meister Brahmeier seine Stimme bis zum Flüstertone) »habe ich mit baren 25 Mark bezahlt. Meine Frau darf es nicht wissen, es gäbe einen Mordspektakel. Aber jeder Mensch hat nun einmal sein Steckenpferd; das meine sind die Gimpel. Wenn ich den ganzen Tag so auf meinem Schusterstühlchen sitze, fleißig über meine Arbeit gebeugt, so gießt mir der Gesang meines Vögelchens himmlischen Trost und Frieden ins Herz. Mein Hänschen hat, wie gesagt, 25 Mark gekostet – ich gäb' es aber für 50 nicht wieder fort.«

»Spes et fortuna valete!« sprach ich zu mir selbst, als ich von 50 Mark hörte. »Ich hätte schrecklich gern,« sagte ich dann laut zu Meister Brahmeier, »auch so einen Gimpel, aber wenn er 10, 25, 50, 100 Mark kostet, so kann ich nicht daran denken. Das sind für mich unerschwingliche Summen.«

Die Ergebung, welche in meiner Stimme lag, mochte den Meister rühren. »Es ist auch nicht nötig,« sagte er, »daß Sie sich einen schon abgerichteten Gimpel kaufen; erstehen Sie ein junges Tier und bringen sie selbst ihm ein Liedchen bei! Das ›diü‹ verstehen Sie ja schon ganz famos zu flöten – wie ein alter Gimpel! Ich meine, das Dressieren müßte Ihnen Spaß machen – und ihr Studenten habt ja Zeit genug zu solchen Geschichten,«

»Jawohl– aber woher einen jungen Gimpel kriegen?«

»o, da kann ich Ihnen unter die Arme greifen,« erwiderte Meister Brahmeier, »Ein Kollege von mir hat neulich in der Heide und zwar in einem Wacholderbusch ein Blutfinkennest gefunden mit fünf lebendigen Jungen, Er füttert dieselben mit geriebenem Milchbrot und hartgesottenen Eiern auf, wobei sie recht gut gedeihen. Ich bin überzeugt, daß Ihnen Meister Barfuß für eine Mark gern ein junges Männchen überläßt.«

»O, die eine Mark würde ich mit Vergnügen berappen,«

»Nun, dann will ich selbst zum Kollegen Barfuß gehen und den Handel perfekt machen. Wenn Sie morgen bei mir vorsprechen wollen, so werden Sie den jungen Vogel hier antreffen.«

»Erst morgen?«

»Wenn Ihnen die Zeit bis dahin zu lang fällt, so kann es auch heute abend nach sieben Uhr sein.«

»Schön, schön! Heute abend nach sieben! Hier ist die Mark.«

Ich zahlte die Mark – zu meiner Beschämung in lauter Zwei- und Fünfpfennigstücken – dem guten Meister auf seinen Schustertisch und verließ mit freudig verklärter Miene, unendliche Wonne im Herzen, die kleine Bude.

Auf allerlei Umwegen brachte ich meinen Angehörigen das Ereignis des Tages bei.

»Wir werden also,«bemerkte eine gewisse grobe Stimme, »fortan das ergötzliche Schauspiel erleben, unsern Gottfried als Lehrer eines Gimpels zu sehen.«

»Der Gimpel ist,« erwiderte ich mit gereizter Stimme, »ein stiller, harmloser, friedliebender Vogel; es gibt aber Menschen, welche –«

Mein Papa, welcher ahnen mochte, worauf dieser Satz hinauslief, fiel beschwichtigend ein: »Na, na, keine Streitigkeiten! Ich will Frieden und Verträglichkeit in unserm Kreise haben.«

Fünf Minuten nach sieben Uhr abends war ich im Besitze meines Vogels. Mein Gesicht glänzte, »als wäre es mit Butter eingerieben« – wie der Inhaber der groben Stimme sich auszudrücken beliebte. Der alte verstaubte Drahtkäfig, in dem schon so viele meiner Vögel das Zeitliche gesegnet hatten, wurde wieder einmal vom Söller geholt und zum Aufenthalte des jungen Gimpels hergerichtet. Für Futter und Wasser wurde aufs beste gesorgt. Dann ließ ich meinen Vogel durch das Fallgitter des Türchens in die luftige Behausung hineinspazieren. Hänschen fügte sich allem mit erfreulicher Bereitwilligkeit. Ich wälzte meinen Liedervorrat im Kopfe herum und beschloß nach reiflichem Ueberlegen, das muntere Liedchen: »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« zum Thema meines Unterrichts zu machen, Meister Brahmeier hatte gesagt, man könne den Vogel auch in der Nacht wecken, um ihm das Stückchen vorzupfeifen, O, wie gern hätte ich schon in der Nacht meinen Unterricht begonnen, aber ich fürchtete die Vorwürfe der Familie von wegen der Ruhestörung, So beschloß ich denn, am Tage jeden freien Augenblick zum Unterrichte zu benutzen. Ich hing den Käfig auf meiner Schlafstube zwischen die Fenstergardinen und stellte ein altes ausrangiertes Tischlein davor; denn ich wollte, um dem Käfig während des Unterrichts recht nahe zu sein, auf diesen Tisch steigen, dort niederhocken und direkt in das Drahtgitter der Vogelbehausung hineinpfeifen. Die Ungeduld, den Unterricht zu beginnen, ließ mich kaum in der Nacht den Schlummer finden; ich träumte, daß mein Gimpel nach einmaligem Vorpfeifen die Melodie: »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« ganz wundervoll nachflöten konnte; dann bekam mein Gimpel plötzlich das Aussehen eines Hahnes mit rotem Kamm und grünem Schweif, und während er eine Polka im Käsig tanzte, flötete er: »Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus!« Er schloß diesen Gesang mit einem lauten Kikeriki, was alle Zuhörer zum Lachen brachte; der Hahn kratzte sich mit einer Pfote hinter dem Ohr und verwandelte sich darauf in den Schuster Brahmeier, der auf einer Drehorgel das Lied vortrug: »Freut euch des Lebens!« Dabei wuchsen dem guten Schuster Federn und Flügel, und als ein Fischreiher erhob er sich in die Lüfte. Aber o weh, dieser Fischreiher trug in seinem langen Schnabel den alten Drahtkäfig mit meinem jungen Gimpel! Ich wollte dem Räuber nachspringen, fiel auf die Nase – und wachte auf. Die Morgendämmerung schimmerte durch die Gardinen. O Freude, mein Gimpel war noch da! Der ganze Traum war ein Unsinn gewesen. Flugs sprang ich aus dem Bette und legte die notwendigsten Kleidungsstücke an; dann stieg ich auf das Tischlein, kniete nieder und brachte die gespitzten Lippen in die unmittelbare Nahe des Drahtgitters und begann zu pfeifen.

Plötzlich wurde mein Pfeifen durch ein unvorhergesehenes Ereignis unterbrochen. Das alte abgedankte Tischlein unter mir, das, wie ich nicht beachtet hatte, ganz von Holzwürmern wie ein Sieb durchlöchert war, krachte unversehens zusammen. Ich fühlte die Katastrophe einen Moment vorher und griff, um einen Halt zu gewinnen, nach dem einzigen in meiner Nahe befindlichen Gegenstand, dem Vogelkäfig. Kaum hatte ich denselben gefaßt, als sich der Tisch in seine verschiedenen Bestandteile auflöste. Ich flog – zunächst vornüber, zugleich aber flog mein Vogelkorb gegen die Fensterscheiben, worauf diese in Scherben auf die Straße flogen; hierauf flog ich weiter, – mit der Nase auf die Fensterbank, fühlte einen kolossalen Schmerz in meinem Gesicht, spürte einen warmen Blutstrom und lag mit zerschundenen Knieen und Händen auf den harten Zimmerdielen zwischen den Brocken des alten, treulosen Tisches. Der Lärm, welchen mein Sturz verursacht hatte, machte die ganze Familie lebendig. Da ich vor Schmerzen vorläufig nicht fähig war, mich zu erheben, so erblickte mich die ganze Familie in der tiefsten Erniedrigung. Man erriet sofort den Zusammenhang. Was mich vor allem fatal berührte, war eine gewisse grobe Stimme, welche sich nicht enthalten konnte zu rufen: »Ha, ha, ha! Der Gimpel und sein Lehrer! Man weiß nur nicht, welcher von beiden der größte Gimpel ist!« Und doch sollte noch etwas Härteres an mein Ohr schlagen. »Das arme Vögelchen ist tot!« bemerkte mein Vater, indem er den Käfig von den Dielen aufhob; »Gottfried, Gottfried,wie viel Piepmätze hast du schon auf dem Gewissen!« – »Jetzt ist keine Zeit,« meinte Mama sehr vernünftig, »dem Jungen das vorzuhalten; seht ihr denn nicht, daß er sich allein nicht erheben kann und wie er aus der Nase blutet?« Man trug mich auf das Bett, das ich zehn Minuten vorher mit so froher Hoffnung verlassen hatte, und ließ mir die nötige Pflege angedeihen. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich zwar – den Schmerz an den geschundenen Knieen und Händen abgerechnet – so ziemlich wieder erholt, aber der innere Jammer über den Tod des Vogels und über meine zerstörten Hoffnungen ließ mich fürs erste nicht wieder froh werden.

»Der Tisch, der Tisch, dieser verwünschte Tisch! Wenn der nicht gewesen wäre,« meinte ich zu Meister Brahmeier, »so könnte mein Hans jetzt ebenso gut flöten wie der Eurige.«

»Ein Märtyrer seiner Sache, junger Herr,« erwiderte Meister Brahmeier, mit Ernst und Hoheit, »ein Märtyrer seiner Sache, ja, das wird unsereins, der die Tiere so lieb hat, nicht selten!« Dabei vertraute er mir mit flüsternder Stimme an, daß seine Frau die Geschichte mit den 25 Mark, die er für seinen Gimpel bezahlte, erfahren hätte, und daß es eine fürchterliche Gardinenpredigt abgesetzt habe. »Ja, wenn Sie es nicht weiter erzählen wollen, junger Herr, gehauen hat sie mich auch!« Dabei faßte sich Meister Brahmeier nach der linken Schulter, als ob ihn die Stelle noch schmerze.

Nach den vielen unangenehmen Erfahrungen, die ich mit meinen Tieren gemacht hatte, ließ ich diesmal eine lange Sedisvakanz eintreten, ich glaube, ein ganzes Jahr war ich ohne Tier. Dann bekamen wir in der Schule Unterricht in der Insektenkunde, und ich warf mich mit Begeisterung auf das Sammeln von Schmetterlingen, womit naturgemäß die Aufzucht von Raupen verbunden war. Aber die Raupen – es waren darunter 24 Stück fingerlange, langhaarige Bärenraupen – brachen in einer Nacht aus ihrem Zwinger aus und krochen im ganzen Hause herum, wobei sie in die Milchtöpfe, zwischen den Salat (der mit zweien ihres Geschlechtes auf dem Tische erschien), in die Betten, in den Backtrog, zwischen das Mehl u. s. w. gerieten. Dadurch bekam ich diesen Zweig der Schmetterlingszucht gründlich satt.

Im nächsten Jahre ward ich der Besitzer eines jungen Hasen. Unsre Milchfrau brachte ihn mir in einem Korbe. »Lampe« bekam an einem roten Bändchen ein silbernes Glöckchen um den Hals und wurde mit den zartesten Kohlblättern, mit Klee und andern Leckerbissen zu einem großen Hasen herangefüttert. Er wurde so zahm, daß er mir aus der Hand fraß. Selbstverständlich prahlte ich mit diesem Wunder meinen Mitschülern gegenüber. Rudolf Pieper, Florentin Bartels und Johann Käsmacher baten mich dringend, ihnen doch einmal den zahmen Lampen zu zeigen. Ich führte sie in den Pferdestall hinter unserm Hause, wo Lampe seinen Aufenthalt hatte. »Mach doch die Tür zu!« bemerkte Johann Käsmacher, als ich die Pforte offen ließ. »O, das ist nicht nötig,« erwiderte ich im stolzen Vertrauen auf die Erfolge meiner Dressur. Lampe kam auf meinen Ruf herangesprungen und gar lustig tönte das Glöckchen an seinem Halse; er nahm mir ein Kohlblatt aus der Hand und schielte dabei nach der offenen Tür. Plötzlich mußte in dem Tiere der Wildnis der Trieb nach Freiheit übermächtig werden: Lampe schoß wie ein Blitz zur Tür hinaus – weiter durch die Nachbargärten ins freie Feld – und ich blickte ihm mit langem Halse und mit Tränen in den Augen nach. Das Triumvirat Piper, Bartels, Käsmacher meinte spöttisch: »O, der kommt wohl wieder, – der ist ja so zahm, daß man die Türen nicht hinter ihm zu schließen braucht!« Lampe kam nicht wieder; wohl aber stand einige Tage später im Stadtanzeiger, daß vom Jäger Rabener in der Feldmark ein Hase geschossen sei, der seltsamerweise an einem roten Bändchen ein silbernes Glöckchen um den Hals gehabt habe. Das Glöckchen bekam ich wieder – ich holte es mir einfach von dem grausamen Schützen; von meinem Lampe selbst aber sah ich nichts wieder, als die abgenagten Knochen, Er hätte famos geschmeckt und wäre ein kolossal dicker Bengel gewesen, meinte der Jäger, wobei er sich den struppigen roten Schnurrbart strich.

Die Hasengeschichte gab mir den Rest. Ich entsagte mit einem heroischen Entschlusse meiner Liebhaberei für Tiere und wandte mich der Botanik, dieser scientia amabilis zu. In der Anlage eines Herbariums suchte und fand ich Trost und hinreichende Beschäftigung in meinen Mußestunden.

Noch heute bin ich mit ganzer Seele ein Freund der Botanik, dieser friedlichsten aller Wissenschaften.

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