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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Junge Düppelstürmer

Das war eine Geschichtsstunde gewesen! Professor Weber hatte seinen Quartanern die Eroberung der Düppeler Schanzen erzählt, so anschaulich, so lebhaft, so begeistert, wie er noch nie gesprochen, und das kam daher, weil er am 18. April 1864 in eigener Person »mit dabei gewesen war«, als Reserveleutnant im westfälischen Infanterieregiment Nr. 53. Er hatte zur Sturmkolonne gehört, welcher speziell die Schanze Nr. 4, der Schlüssel der aus zehn furchtbaren Schanzen bestehenden dänischen Düppelstellung, zugewiesen war. Unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches brachen die gesamten Sturmkolonnen punkt zehn Uhr morgens aus den Parallelen hervor und stürmten das Hügelgelände – die Sundewitter Höhen – hinauf, das von den Düppeler Schanzen gekrönt wurde. Mit einem mörderischen Feuer empfingen die Dänen die Sturmkolonnen. Diese aber ließen sich nicht aufhalten; jeder wollte der erste, keiner der letzte sein, und im Nu waren die Schanzen erreicht. Die Sandsäcke, welche als Schild und Schirm dienen sollten, wurden von den waghalsigen Stürmern fortgeschleudert; keiner dachte daran, sich zu schützen, jeder wollte sich im Kampfe hervortun, jede Kolonne zuerst die Fahne auf die eroberte Schanze pflanzen. Aber wie groß auch das Ungestüm war, mit welchem die Truppen vorwärtsstürmten, wie edel der Wetteifer auch gewesen, der sie beseelte, starre Palissadenwände, Wolfsgruben, spanische Reiter, Sensen und Eggen versperrten ihnen den Weg und zwangen sie, mitten im Siegeslaufe inne zu halten. Die Dänen hatten die augenblickliche Pause meisterhaft benutzt; ihre Bataillone rückten im Laufschritt in ihre gefährdeten Schanzen und gaben ihr verheerendes Feuer auf die dichtgeschlossenen Massen der Preußen ab. Schnell sprangen die Pioniere vor und hieben mit gewaltigen Streichen eine Lücke in die Palissadenwand; durch diese drängten die Preußen, den Graben hinunter, die Böschung hinauf, empfangen von den Kugeln der Dänen. Die Leichen lagen auf dem schmalen Pfade, den die Nachstürmenden betreten mußten, aufeinander getürmt; die Dänen feuerten mit rasender Schnelligkeit Salve auf Salve; aber wie groß auch der Verlust der Stürmer war, wie tapfer die Dänen sich auch schlugen, die Preußen drangen unaufhaltsam vor und stießen alles nieder, was sich nicht durch eilige Flucht zu retten wußte. Leutnant Löbbecke pflanzte die erste preußische Fahne auf Schanze Nr. 4. Die Nacht, welche dem Düppeler Schanzensturm folgte, verbrachten die Preußen auf dem Schlachtfelde, unter Blut und Leichen, unter demolierten Geschützen und zersplitterten Balken, gefüllten

Sprenggeschossen und fortgeworfenen dänischen Waffen, während die blutrote Scheibe des Mondes das Leichenfeld beleuchtete.

»O, diese Nacht des Kriegs vergeß ich nie!« citierte Professor Weber, und mit stockendem Atem, mit großen, leuchtenden Augen, lauschten die vierzig Quartaner. Diesmal erklang ihnen viel zu früh das Glöckchen des Pedellen, welches den Schluß der Geschichtsstunde wie überhaupt des vormittägigen Unterrichts verkündete.

Professor Weber nahm Hut und Mantel und verließ, wie es seiner Würde zukam, als der erste das Klassenzimmer. Die Schüler, noch unter dem Eindruck des soeben Gehörten stehend, traten diesmal viel ruhiger als sonst aus ihren Bänken und gingen in Gruppen den Korridor und die Treppen hinab, in Gruppen, welche ihrer Empfindung Luft machten in Worten, wie: »Das war famos!« – »Wenn so alle Geschichtsstunden waren, dann könnte man es noch aushalten!« – »Aber der unglückliche Lykurg mit seiner Verfassung«, – »na, der ist der reine Waisenknabe gegen diesen Leutnant Löbbecke!« – »Professor Weber hat sich heute selbst übertroffen!« – »O, diesen Tag vergeß ich nie!«

Eine dieser Gruppen, die jetzt aus dem Portal des Gymnasialgebäudes auf die Straße hinaustraten, hatte sich um einen kleinen, aber äußerst lebhaft dareinschauenden Knaben gesammelt, der in seinem flatternden Kaisermantel, seinem Käppi und seinem strammen Schritt etwas Militärisches an sich hatte. In der Tat war Viktor von Hartmann der Sohn eines höheren Offiziers, wollte selbst Soldat werden, spielte mittlerweile gern Soldaten und führte den Spitznamen »Lützow«, weil er sich aus seinen Mitschülern eine »verwegene Schar« gebildet hatte, die seinem Spiele dienen mußte.

»Wißt ihr was?« fragte Lützow die ihn begleitenden Mitschüler. »Die Geschichte mit den Düppeler Schanzen müssen wir nachmachen, Exempla trahunt, und zwar noch heute, da ja freier Nachmittag ist. Ihr kennt unsre Hohenhorster Berge, eine halbe Stunde draußen vor der Stadt. Freilich, Hügel sind sie nur, aber sie können famos die Sundewitter Höhen vorstellen. Oben darauf bauen wir die Düppeler Schanzen, von diesem reinen, weißen Schnee, der heute fuderweise die Erde bedeckt. Dann teilen wir uns in zwei Armeen, Preußen und Dänen: Die Dänen setzen sich in den Schanzen fest, die Preußen stürmen, ganz so, wie's Professor Weber erzählt hat. Ich nehme von Hause meine Fahne, meine Trommel, meinen Säbel mit, und wenn ihr wollt, bin ich Prinz Friedrich Karl, der Feldherr der Preußen,«

»Aber Prinz Friedrich Karl trug doch keine Trommel?« warf der schalkhafte Georg Prümer ein.

Lützow warf Prümer einen vernichtenden Blick zu und sagte: »Die Trommel sollst du tragen, Prümer, ich ernenne dich hiermit zum Regimentstambour!«

»Zu Befehl!« antwortete Prümer nun soldatisch und gutgelaunt.

»Ich bin also Prinz Friedrich Karl,« fuhr Lützow fort, »und unser Arnold Wischebrink soll der dänische Kapitän Lundbye sein, der in der Schanze Nr. 4 kommandierte. Arnold sieht mit seinen wasserblauen Augen und seinen strohgelben Haaren auch so recht dänisch aus.«

Arnold Wischebrink, alias Lundbye, wendete bescheiden ein, daß er gar kein militärisches Genie besitze.

»Stimmt! stimmt!« rief ein halbes Dutzend Stimmen, worauf die eine Stimme des Rudolf Fischer lachend erzählte, daß Wischebrink in allem Ernste neulich gefragt habe, ob der große Dichter Friedrich von Schiller die Schillerhäuser – die Schilderhäuser meinte Wischebrink – erfunden habe.

»Na, das weitere wird sich finden,« erwiderte Lützow kurz; »sorgt nur, daß ihr zwei Uhr am Ostertore seid, zum Abmarsch nach den Hohenhorster Bergen, punkt zwei Uhr, ich bitte mir militärische Pünktlichkeit aus. Der Säumige bekommt drei Tage Mittelarrest,«

Die Knaben trennten sich, je nach den verschiedenen Wegen, die sie einzuschlagen hatten. Zu Hause wollten ihre Eltern bemerken, daß sie mit aufgeregten Fieberwangen und seltsam funkelnden Augen ihre Suppe, ihr Gemüse und Fleisch verzehrten, und auf die Frage dieses oder jenes besorgten Vaters antwortete Viktor oder Fritz oder Jodokus: »O, wir stürmen heute nachmittag die Düppeler Schanzen mit Schneebällen.« – »Na, dann dreht die Bälle nur nicht zu fest und zielt nicht auf das Gesicht eurer Kameraden, damit ihr kein Unheil anrichtet!« lautete die väterliche Antwort.

Der kleine Lützow hatte keine Unpünktlichkeit seiner Truppen zu bestrafen; schon zehn Minuten vor zwei stand die Armee am Ostertore versammelt, und nachdem dieselbe rangiert war, konnte der Abmarsch angetreten werden. Georg Prümer marschierte mit der dicken Trommel voraus, Kaspar Pfannenschmied trug die Fahne, und Lützow – nein, Prinz Friedrich Karl hieß er heute – kommandierte: »In Reihen gesetzt, rechtsum! Ohne Tritt, marsch!« Hell und scharf schallte das Kommando durch die klare Winterluft, und die Truppen setzten sich in Bewegung.

Allerlei lustige Scherze gingen nach echter Soldatenart durch die Reihen. »Wenn wir nur in keinen Gorillakrieg verwickelt werden,« sagte Heinrich Usedom, absichtlich das Wort Guerillakrieg korrumpierend. »Wie? ein Gorillakrieg?« nahm Arthur Lehmann den Witz auf; »man möchte sich gleich die Nase abbeißen und uf'n Helm stecken; da sollte man ja mit der Erdkugel Kegel schieben.« – »Der Emil Puffke marschiert wie 'n kranker Gänserich!« rief Jodokus Bäumer, worauf Peter Krummholz das Lied anstimmte:

»Das Marschieren das nimmt heute gar kein End:
Das macht, weil der Hauptmann die Landkart' nicht kennt.«

Aber Georg Prümer übertönte die einzelnen Stimmen, die einfallen wollten, durch rasenden Trommelwirbel, worauf sich alle Stimmen des marschierenden Corps zu dem Liede zusammenrafften:

»Kleener Tambour, strapezier' doch die Trommel nicht zu sehr,
Alleweil sind die Kalbfell' so wohlfeil nicht mehr!
Immer langsam voran, immer langsam voran,
Daß die müde Kompanie nur mitkommen kann!«

Unter diesen und ähnlichen Scherzen langte die Armee vor den Hohenhorster Bergen, alias den Sundewitter Höhen, an, wo der Feldherr »Halt!« kommandierte. Ganz nach großem Muster hielt er eine Ansprache an seine Truppen, worin er seiner Erwartung Ausdruck verlieh, daß die Soldaten unter allen Umständen ihre Schuldigkeit tun würden; dann befahl er seinen Pionieren, Musketieren und Füselieren, am Fuße der Sundewitter Höhen dicke Schneekugeln zu formen, dieselben einen bestimmten Hügelhang hinaufzuwälzen und oben, auf der Krone des Hügels, das also gewonnene Baumaterial zu einer Schanze zu ordnen. »Abtreten, an die Arbeit!«

Mit militärischem Gehorsam und freudigem Mute machten sich die Soldaten an das bezeichnete Werk. Unter den mit Fausthandschuhen bewehrten Händen entstanden bald gewaltige Schneekugeln, welche eine nach der andern ihren Aufstieg auf die Höhe begannen. In die erste, welche den Gipfel erreichte, wurde die Fahne gepflanzt; mit ihren bunten Farben hob sie sich frisch und lebhaft vom weißen Schnee ab. Neben derselben faßte der kleine Feldherr Posto, in flatterndem Mantel, mit einer Trompete – in Ermangelung eines Feldmarschallstabes – die Bewegungen seiner Pioniere dirigierend. Wohl geschah es, daß zuweilen eine der dicken Schneekugeln, wenn man glaubte, sie glücklich oben zu haben, in tückischer Laune den Händen entwischte und den Berg wieder hinabpolterte, aber das störte die gute Stimmung nicht, sondern gab zu dem klassischen Citate Anlaß:

»Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor,«

Nach einer Stunde emsigen Schaffens hatte die Armee und ihr Feldherr die freudige Genugtuung, die furchtbare Schanze Nr. 4 auf der Krone des Hügels fertiggestellt zu sehen.

»Nun kommen wir zum zweiten Teil unsrer Aufgabe,« redete der Feldherr seine Truppen an. »Der Schleswigholsteinsche Krieg beginnt. Die ersten Kanonenschüsse sind bei Missunde gefallen, ›donnernd gen Missunde fiel der erste Schlag‹, wie's im Liede heißt. Die Schlei ist von den Preußen überschritten. Die Dänen räumen das Danewerk vor den Oesterreichern und den Preußen, indem die letzteren ihnen in den Rücken zu fallen drohen. Die dänische Armee flieht durch Flensburg und wirft sich in die Düppeler Schanzen; ihr Nachtrab kämpft bei Oeversee mit den Oesterreichern. Die Preußen eilen den Dänen nach, gegen die Schanzen hin, während die Oesterreicher gegen Jütland steuern. Vom 9. Februar bis zum 18. April wird Düppel belagert; Laufgräben und drei Parallelen werden ausgehoben, Batterien werden errichtet. Furchtbar schlagen die preußischen Geschosse in die Schanzen ein, endlich kommt die Stunde des Sturmes. Soldaten, ihr werdet auf verschanzte Stellungen, auf breite Eisflächen stoßen. Aber um so herrlicher wird sich eure Unerschrockenheit und euer Eifer zeigen. Wir werden jedes Hindernis zu überwinden wissen, und keines wird uns länger aufhalten, als sich gebührt.«

Hierauf sonderte der kleine Lützow die Preußen von den Dänen. Letztere hatten die Schanze zu besetzen; Arnold Wischebrink wurde richtig zum Kapitän Lundbye ernannt. Die Preußen blieben am Fuße der Sundewitter Höhen.

Beide Parteien versorgten sich nun zunächst mit Wurfgeschossen, nämlich mit Schneebällen. »Nicht zu feste drehen!« befahl der Feldherr, eingedenk der väterlichen Mahnung. »Und nicht auf die Gesichter zielen!« Als man auf beiden Seiten genug der Granaten, Haubitzen und Schrapnells u. s. w. zu haben glaubte, sah der Feldherr nach seiner Uhr. »Der Moment ist da!« rief er. Dann zog er seinen Degen, setzte sich an die Spitze seiner Preußen und führte sie mit dem Rufe: »Vorwärts, für König und Vaterland!« die Sundewitter Höhen hinan. Tambour Prümer schlug den Sturmmarsch. Hornist Strohmenger entlockte der Trompete eine Reihe schauerlicher Töne, welche die Melodie »Ich bin ein Preuße« vorstellen sollten. Mit einem Hurra, daß die Krähen erschreckt aus den alten Föhrenbäumen stoben, ging es auf die Schanze los. Von dort begrüßte ein furchtbares »Feuer« die Stürmer. Die Granaten und Haubitzen, die Schrapnells und Flintenkugeln sausten ihnen um die Köpfe, rissen dem dicken Melchior Bumsidel die Mütze vom Kopfe, streiften die Rippen des Roderich Rodewald und pfiffen über das Haupt des Feldherrn. Dieser nahm sein Käppi vom Kopfe, zeigte mit der einen Hand, welche das Käppi hielt, und mit der andern, welche den gezückten Degen führte, nach der Schanze und rief: »Vorwärts, Jungens!« Seine Haltung in diesem Moment war bewunderungswert, einfach großartig, ein Feldherr von der Stirnlocke bis zur großen Zehe! Im selben Augenblick flatterte schon die preußische Fahne auf der Schanze: ein Teil der Preußen war nach links vorgestoßen und hatte die Schanze erklettert. Aber noch ergaben die Dänen sich nicht. Kapitän Lundbye riß seine wasserblauen Augen auf, sträubte mit beiden Händen seine strohgelben Haare und schrie: »Jungens, wehrt euch!« Ein Handgemenge entspann sich, und mancher Preuße purzelte »hurtig mit Donnergepolter« von der Höhe der Schanze in den Schnee. Aber die andern Preußen rückten nach, und endlich war die Schanze in ihren Händen. Auf ein Zeichen des Feldherrn blies Hornist Strohmenger »Hahn in Ruh'!«

Nach den aufregenden Momenten des Düppelsturmes war den erschöpften Soldaten dieses Signal ein sehr willkommener Befehl. Sofort erstarb der Kampf; nach Atem ringend, setzten sich die Kämpfer auf die Trümmer der Schanze, Preußen und Dänen, Freunde und Feinde durcheinander. Der Feldherr schlug vor, man wolle für eine Viertelstunde Waffenstillstand halten. Nun ließ die jugendliche Phantasie, welche in dem Schneehaufen eine wirkliche Düppelschanze, und in den Schneebällen Haubitzen und Granaten gesehen hatte, ihre Fittiche sinken, und man ergötzte sich eine Zeitlang an einem ganz realen Geplauder.

»Wo blieben denn die Wolfsgruben, von denen Professor Weber gesprochen hat?« fragte Crispinus Reuter. »Ich habe keine vor unserer Schanze gesehen.«

»Was sind überhaupt Wolfsgruben?« fragte der kleine Paul Hülsmeier.

»Das will ich dir sagen,« antwortete der schalkhafte Georg Prümer, auf seiner Trommel sitzend; »vor den Schanzen waren Löcher gegraben, spitz wie'n Trichter, eines neben dem andern, und in jedem Loche saßen drei dicke Wölfe mit grimmigen Zähnen und stützten die Vorderpfoten auf den Rand des Loches und sahen mit feurigen Augen nach allen drei Himmelsgegenden. Eigentlich sollten es vier Wölfe sein, weil es vier Himmelsgegenden gibt; aber die Dänen konnten nicht mehr anlegen, weißt du, weil sie'n Kleinstaat sind.«

Der kleine Paul Hülsmeier machte große Augen, aber Lützow rief: »Prümer, setz dem Kleinen keinen Unsinn in den Kopf! Wolfsgruben, mein unschuldiger Paul, sind einfache Erdgruben, welche die Sturmkolonnen aufhalten, oder worein sie bei einem nächtlichen Angriff fallen sollen.«

»Was sind denn spanische Reiter, die Professor Weber ebenfalls erwähnt hat?« fragte Anton Avenarius.

»Spanische Reiter,« antwortete der unverwüstliche Georg Prümer, »sind gleichfalls Erdlöcher, aber größer und tiefer als eine Wolfsgrube, dabei viereckig wie 'ne Pfefferkuchenkiste, und in jedem Loche hält ein Reiter zu Pferde. Man nennt die Reiter spanische, weil sie mit ihren Schwertern den Soldaten, welche die Schanzen stürmen möchten, einen spanischen Schrecken einjagen.«

»Unsinn über Unsinn!« rief Lützow. »Laß dir nichts aufbinden, Anton! Spanische Reiter, so hat mir mein Vater die Sache erklärt, sind kurze Schwertklingen, welche in Form eines Andreaskreuzes (x) in einem liegenden Wellbaum befestigt sind. So waren sie wenigstens bei den Düppeler Schanzen. Wer sich bei dunkler Nacht daran aufspießt, hat freilich genug.«

»Allerdings,« meinte nun Georg Prümer trocken, »so ein Aufgespießter mag nur denken, daß er reif für eine Käfersammlung ist.«

»Jungens!« rief Johann Wilms und hauchte sich in die roten Hände, »wie findet ihr die Temperatur? Da lernt man in der Schule, daß wir in der gemäßigten Zone wohnten, ne nette gemäßigte Zone, wenn einem die Nase aus'm Gesicht friert! Ne gemäßigte Zone bei zehn Grad Kälte! Danke für die gemäßigte Zone! Es soll mich nicht wundern, wenn gleich die Eisbären gelaufen kommen und uns nach Losung und Feldgeschrei fragen.«

»Da mir die Gesundheit meiner Truppen anvertraut ist,« erwiderte der kleine Feldherr, »so schlage ich vor, daß wir diesen trägen Waffenstillstand brechen und wieder zur Aktion übergehen.«

Ein allgemeines »Hurra« war die Antwort.

»Meine Disposition,« fuhr Lützow, leicht salutierend, fort, »ist folgende: die geschlagenen Dänen ziehen sich aus ihrer Schanze über das Eis des Alsensundes zurück. Es widerspricht dies zwar der geschichtlichen Tatsache, denn der Alsensund war am 18. April 1864 nicht gefroren; er flutete vielmehr in lieblicher Bläue. Aber wir, Nachahmer tapferer Truppen, müssen der heutigen Tatsache Rechnung tragen: hinter unsrer Schanze vier, wie überhaupt hinter unsern Hohenhorster Bergen, breiten die überschwemmten und gefrorenen Wiesen der Aa sich aus. Also, über diese Eisfläche zieht der geschlagene Feind sich zurück. Wir hinterdrein. Meinethalben könnt ihr dabei an die Beresina denken, über welche Anno 1812 die Franzosen retirierten, verfolgt von den Russen.«

Ein abermaliges vielstimmiges »Hurra!« begrüßte diese Proposition.

Lützow formierte nun sofort die Dänen und die Preußen, stellte sich dann an die Spitze seiner Truppen, zog seinen Degen und gab das Zeichen zum Angriff mit dem alten Blücherrufe: »Vorwärts!«

Die Preußen griffen in den Schnee, drehten Bälle und schleuderten diese auf die Dänen, die sich langsam zurückzogen, nicht ohne bisweilen Halt zu machen und, angefeuert von ihrem Kapitän Lundbye, ihre Bälle unter die Preußen zu schmettern. Einmal gingen sie sogar wieder zur Offensive über. Die preußischen Reihen schwankten. Da zückte Lützow seinen Degen hoch in die Luft, und mit dem Rufe: »Mir nach, Kameraden!« stürzte er sich auf die Feinde. Erbitterter wurde der Kampf, man geriet in ein förmliches Handgemenge, die Preußen stießen und drängten die Dänen auf das Eis. Als nun eine preußische Abteilung dem Feinde in die Flanke zu fallen drohte, wendete sich dieser zur Flucht. Allen voran Magnus Klaverkamp, die feige Seele. Aber wie's bei Busch, dem famosen Bilderbogenzeichner, heißt:

»Ganz schwindlig wird der Brave,
Paßt auf! jetzt kommt die Strave –«

so geschah's auch hier: ein furchtbarer Krach, und Magnus Klaverkamp saß bis unter die Arme im eiskalten Wasser!

Furchtbar vernichtend wirkte dieser Zwischenfall auf die lärmende Knabenschar. Sofort verstummte das Schlachtgeschrei, und mit schreckensbleichen Gesichtern standen die Jungen, angewurzelt, wie gelähmt. In diesem kritischen Augenblick bewies der kleine Lützow, daß wirklich etwas von einer großen, kühnen Seele in ihm wohnte. Er war der erste, der dem Verunglückten zu Hilfe kam. Das Käppi von sich werfend, lief er auf die Eisfläche hinaus, und zwar im Bogen um die Unglücksstelle herum, damit das Eis nicht weiter bräche. Dann warf er sich in die Front des armen, im eiskalten Wasser zappelnden und jämmerlich schreienden Magnus Klaverkamp nieder, platt auf das Eis, und hielt jenem die Scheide seines Degens entgegen. Mit begierigen Händen griff Magnus danach, konnte sie aber nicht erreichen; sofort rutschte Lützow näher heran, und nun packte Magnus den rettenden Anker. »Halt fest!« kommandierte Lützow, so hell und scharf, als wäre er auf dem Exerzierplatze. Magnus machte seine Hände zu Schraubstöcken, sie packten fest. Nun zog der tapfere, kleine Lützow, langsam rückwärts rutschend, den Kameraden aus dem Loche, richtete den triefenden, pudelnassen, zähneklappernden Eingebrochenen auf und führte ihn, unter den jauchzenden Bravorufen der am Ufer versammelten Kameraden aufs feste Land.

Aber damit waren die Umsicht und die Energie des wackern kleinen Feldherrn noch nicht erschöpft. »Jungens,« sagte er, »das Spiel ist aus; jetzt heißt es, mit der Wirklichkeit zu rechnen. Magnus Klaverkamp darf in diesen triefenden Kleidern nicht dem Froste ausgesetzt bleiben, es könnte seiner Gesundheit arg schaden. Ich führe ihn in das nächste Bauernhaus, dessen Giebel ich dort zwischen den dunkelgrünen Föhrenbäumen aufragen sehe. Zu meiner Unterstützung gehen zwei Mann mit: du, Prümer, und du, Wischebrink. Ihr übrigen marschiert nach Hause und haltet reinen Mund. Wenn Magnus seine nassen Kleider am flammenden Herdfeuer der ländlichen Behausung getrocknet hat, marschieren wir nach.«

Und so geschah es. Lützow, Prümer und Wischebrink führten ihren Schutzbefohlenen nach dem Bauernhause, die andern zogen ab. Sie hatten nun schon insoweit ihren Mut wiedergefunden, daß sie ein erheiterndes Marschlied anstimmten. Wie Lützow vorausgesehen, flammte bei dieser scharfen Winterkälte auf dem gemauerten Herde der ländlichen Küche ein mächtiges Holzfeuer, »groß wie ein altgermanischer Opferbrand«, wagte Prümer wieder zu scherzen. Die Bauernfrau, ein getreues Abbild der Ovidschen Baucis, war ganz Sorge und Teilnahme, als Lützow ihr den Unglücksfall geschildert hatte. Sie rückte Stühle (freilich so steiflehnig, daß man wie eine ägyptische Memnonsfigur darauf sitzen mußte!) an das Feuer, führte diesem noch einen Holzbrocken, groß wie ein Fleischerklotz, zu, und drehte dann die Kaffeemühle zu einem Getränke, das »auch von innen einheizen soll«, wie sie sich lächelnd ausdrückte. Des Herdes traute Flamme verbreitete eine fühlbare Glut, in welcher Magnus Klaverkamp zu dampfen anfing wie eine Lokomotive. Mit Wohlgefallen sahen's die drei andern Knaben, und Lützow konnte seinen Feldherrncharakter so wenig verleugnen, daß er, als der Kaffee fertig und in die Tassen geschenkt war, schneidig kommandierte: »Trink, Magnus!« Dabei hielt er diesem die Tasse an die Lippen, Magnus spitzte dieselben wie eine Spitzmaus, zog sie aber schnell zurück, in die Worte ausbrechend: »Da hätt' ich mir bald die Zunge verbrannt! Es geht mir wie dem armen Störchlein in Andersens Märchen: Erst gehängt, dann gesengt!«

»Hurra, er macht schon wieder Witze!« rief Prümer. »Das ist ein gutes Zeichen, daß die Gefahr vorüber ist.«

Und so war es wirklich. Der Unfall hatte so wenig ernste Folgen, daß Magnus Klaverkamp am andern Tage, wie gewohnt, in der Quarta erscheinen konnte. Des kleinen Lützow Ansehen aber stand seit jenem Abenteuer unter den Eingeweihten höher denn je, »Ein Knabe – ein Mann,« sagte Prümer, der diesmal ernst sprach.

 

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