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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Albrecht der Bär

Das Glöckchen des Pedells hatte schon geläutet. Der Nachmittagsunterricht auf dem Gymnasium Robertinum zu Tatenhausen sollte beginnen. Im Vestibül, wo die Herren Professoren zu wandeln pflegten, präsentierte der Herr Direktor aus silberner Dose die letzte Prise. Gleichwohl war in der Obersekunda noch keine Ruhe eingetreten; die meisten Schüler befanden sich nicht einmal auf ihren Plätzen, sie füllten den breiten Raum, der sich wie die Straße von Gibraltar zwischen der vordersten Bankreihe und dem Katheder hinzog. In einem Kreise mit holperiger Peripherie umstanden sie lachend und jauchzend ihren Mitschüler Gausepohl, der allerdings ein ganz unerhörtes Kunststück zum besten gab. Gausepohl, eine Hüne von Gestalt und Kräften, der Riese unter sämtlichen Schülern des Gymnasiums, hatte den kleinen, zarten Elias Veilchenfeld gepackt, auf den Arm genommen wie ein Kindlein, und drehte sich nun mit seiner Bürde auf dem linken Stiefelabsatze wie ein Wirbelwind herum. Der Kleine schrie und zappelte, da ihm schwindlig wurde, der Große lächelte mit Backen so dick und rot wie Pfingstrosen, und mit Augen so schwarz und blitzend wie Steinkohlen, und die Mitschüler lachten und jauchzten wie wiehernde Füllen auf der Weide.

»Einen solchen Brummkreisel kann man sich schon gefallen lassen!« rief Arnold Krusemeier und klatschte vor Pläsier in die Hände.

»Elias Veilchenfeld überschaut die Sekunda aus der Vogelperspektive,« rief Heinrich Rauhpeter und streckte beide Arme wie Flügel gen Himmel.

»Wenn das so fortgeht,« jauchzte Cyrillus Hühnchen, »dann weiß Elias in einer Minute nicht mehr, ob er einen Kopf oder eine Windmühle auf dem Rumpfe sitzen hat.«

»Die Umdrehung des Jupiter um das Sonnensystem!« schrie Robert Hengefeld, der auch gern einen Witz machen wollte.

Aber plötzlich fuhr ein Schreck unter die lustige Gesellschaft.

Die Tür des Klassenzimmers hatte sich geöffnet, und Professor Röder, der hochverehrte Lehrer der Weltgeschichte, richtete seine großen, von schweren Goldreifen umrahmten Brillengläser auf die ungeordnete, ausgelassene Schar seiner Zöglinge. Sofort erfüllte sich das Dichterwort:

»Und wie vom Sturm zerstoben,
Ist all der Hörer Schwarm.«

Wunderbar war's, mit welcher Geschwindigkeit die Schüler auf ihren Plätzen saßen! Nur der Hüne Gausepohl mit seinem kleinen Elias – Riese und Zwerg! – konnte den wirbelnden Umschwung seines mächtigen Körpers auf der Kante seines linken Stiefelabsatzes nicht sofort zum Stillstand bringen – der Jupiter war eben im Zug! – und die Klasse erlebte das unerhörte Schauspiel, daß auf der leeren Bühne, zwischen der vordersten Bankreihe und dem Katheder, drüben ein Herr Professor stand, welcher halb entsetzt, halb zornig zurückprallte, hüben ein Mitschülerpaar wie ein Kreisel sich drehte! Endlich gelang es unserm Gausepohl, den Umschwung seines Körpers zu hemmen, worauf er sofort den kleinen Elias aus seinen Armen auf die Erde gleiten ließ. Elias torkelte ganz betäubt nach seinem Platze, Gausepohl blieb stehen und senkte beschämt das gerötete Antlitz, durch diese Haltung andeutend, daß er gewillt sei, eine Strafrede des Herrn Professors über sein schuldiges Haupt ergehen zu lassen. Aber Professor Röder, ein milder, nachsichtiger Herr, begnügte sich damit, sarkastisch zu äußern: »Das sind mir rechte Bärenkünste!« Dann bestieg er kopfschüttelnd den Katheder.

Das Wort »Bärenkünste« war wie ein geheimer elektrischer Schlag durch die Klasse gegangen: der Spitzname für Gausepohl war gefunden! Als die Geschichtsstunde zu Ende war, hieß Gausepohl »der Bär«. Und als auch die darauffolgende französische Stunde in das Meer aller französischen Stunden versunken war, hatte Elias Veilchenfeld sich ausgedacht, daß man Gausepohls Studierstube oder Bude den »Bärenzwinger« taufen wolle, was mit allgemeiner Acclamation angenommen wurde (obgleich besagte Bude drei Treppen hoch im Giebel thronte!). Und als die Nacht mit ihrem sternbesäten Schleier über die Erde gegangen war, und die rosenfingrige Eos eines neuen Tages heraufstieg und unsre Sekundaner wieder in dem Tempel der Weisheit vereinigte, da verkündigte Martin Blumenkemper, daß Gausepohl mit Vornamen Albrecht hieße und daß also der Spitzname »Albrecht der Bär« für ihn passe, als sei er ihm auf den Leib geschneidert. Allgemeiner Beifall und gutmütiges Lachen des Hünen.

Albrecht Gausepohl, genannt Albrecht der Bär, war kein Schüler, der allein in wüsten Körperkunststücken seine Force suchte, nein, er lernte auch fleißig, war begabt und gehörte zu den besseren Schülern der Obersekunda; aber hin und wieder packte ihn doch eine unwiderstehliche Lust, die »Kraft der Fäuste« zu prüfen. Dann war's, als ob ein Strom seines gesunden Blutes ihm in den Kopf schösse und sein vernünftiges Denken verwirrte.

Eine Woche war's nach dem oben erzählten Ereignis, und wieder war Geschichtsstunde. Da gewahrte Herr Professor Röder von seinem ragenden Kathedersitze aus, daß der Sekundaner Wilhelm Hofen sein weißes Taschentuch gegen das Gesicht preßte, um ein plötzliches Nasenbluten zu stillen; dabei erblaßte das Gesicht des Schülers und eine Ohnmacht schien im Anzuge zu sein. Der besorgte Herr Professor sagte deshalb zu Gausepohl, als dem Stärksten der Klasse: »Gausepohl, trag den Hofen hinaus!« Gausepohl sprang mit der Schnelligkeit einer Springfeder auf, stürzte nach dem Ofen (einem schlanken Säulenofen), packte ihn um die Taille (er war nicht geheizt, man stand mitten im Sommer), nahm ihn unter den Arm und schritt mit Grenadierschritten durch die Klasse. Die Mitschüler brachen in ein homerisches Gelächter aus, der Professor streckte beschwörend beide Arme vor. »Den Hofen, den Wilhelm Hofen meine ich!« erscholl es vom Katheder. Albert der Bär sah sich so naiv verwundert nach seinem Mitschüler Hofen um, daß man wirklich an ein Mißverständnis seinerseits glauben mußte. (Er beteuerte dieses später auch ausdrücklich.) Den Ofen auf seinen Platz zurückbringen, den wirklich ohnmächtig gewordenen Hofen auf beiden Armen wie ein Kindlein heraustragen, war für Albrecht den Bären das Werk weniger Sekunden.

Als die Geschichtsstunde zu Ende war, sagte der Herr Professor ernst: »Albrecht Gausepohl, als denkender Mensch mußtest du wissen, daß ich einen so törichten Auftrag, wie den Ofen herauszutragen, nicht geben kann. Zur Strafe kommst du am heutigen freien Nachmittag punkt zwei Uhr in die Klasse, und auch deine Mitschüler haben sich einzustellen zur Strafe für ihr ungebührliches Betragen. Dixi.«

Es wagte keiner zu fehlen, punkt zwei Uhr waren die Obersekundaner im Klassenzimmer versammelt. Professor Röder erschien und legte ihnen eine schriftliche Strafarbeit auf; man sollte sofort beginnen, er selbst habe noch einen nötigen Besuch in der Stadt zu machen.

Kaum hatte der Herr Professor die Straße betreten, als die meisten Schüler (so sind die jungen Herren ja leider!) ans Fenster stürzten, um ihm nachzublicken. Ja, da sah man die friedliche Rückseite des blauen Ueberziehers – und jetzt lavierte dieselbe in die Kreuzgasse ein. Albrecht der Bär warf, um dieses herrlichen Anblickes nicht verlustig zu gehen, seinen mächtigen Körper über den Rücken des vor ihm im Fenster lagernden kleinen Elias Veilchenfeld. Dem schwachen Elias wurde die Last auf die Dauer unerträglich, er suchte dieselbe durch krampfhafte Schulterbewegungen abzuschütteln. Gutmütig, wie Albrecht der Bär war, richtete er sich auf und – hob mit seinem breiten Rücken die mittlere Partie des dreiteiligen Fensterflügels aus, worauf diese Partie auf die Dielen stürzte und sämtliche Scheiben mit greulichem Klirren einbüßte. Entsetzen lähmte einen Augenblick die Glieder des Riesen und seiner Genossen; es schlotterten ihnen, um mit Homer zu reden, die Kniee. Dann fuhren (sehr unhomerisch!) verschiedene Hände in die braunen oder blonden Haare und kratzten verzweifelt die Schädelhaut. Was beginnen? Man richtete vorläufig den Fensterflügel von den Dielen auf, zerschnitt sich aber jämmerlich in den Scherben die Finger. Es floß das rote Blut der Nibelungenhelden, wovon man jüngst in der deutschen Stunde vorgelesen. Die hellen Sommerjoppen, die weißen Taschentücher, die eleganten Manschetten und Stehkragen, alles trug bald, bei dem Bemühen, das Blut zu stillen, rosenrote Spuren. Endlich fand Elias Veilchenfeld das lösende Wort: »Schnell zum Glaser, eh' der Herr Professor zurückkehrt!« Albrecht der Bär und drei wackere Gehilfen faßten den Fensterflügel an und trugen ihn zum Klassenzimmer hinaus. Doch mit des Geschickes Mächten u. s. w. Mitten auf der Treppe stieß die heilige Schar von Leuktra auf den Herrn Professor Röder.

Der Fensterflügel und seine Träger mußten in das Klassenzimmer zurückkehren. Die Schüler saßen in den Bänken, der Herr Professor bestieg mit gerunzelter Stirn den Katheder. »Gausepohl, vortreten!« rief er, denn ein Vorgefühl sagte ihm, daß hier wieder der Hüne seine Hand im Spiele gehabt habe. Gausepohl trat vor und – senkte das Haupt. In diesem Moment – hatte sich denn heute alles verschworen? – rasselte, von selbst, das große Fensterrouleau herunter; es war von schwarzem, kohlpechrabenschwarzem Stoffe, und eine unheimliche Dämmerung verbreitete sich sofort durch die Klasse. In diesem Halbdunkel schimmelten die Gesichter der angstvoll gespannten Schüler geisterhaft bleich. Es war ein grausiger Moment. Aber Professor Röder ließ sich nicht stören: in die Unterweltsbeleuchtung hinein erdröhnte sein Strafgericht.

Ein Wort vor allen hatte den zerknirschten Gausepohl getroffen. »Ich weiß,« hatte der Professor gesagt, »daß dich deine Mitschüler ›Albrecht den Bären‹ nennen; der aber war ein gar wackerer Herr, der seine Kraft auf richtigem Gebiete verwertete. Großes tat er und Gutes und Segensreiches – aber du . . .«

Dieses »aber du« hatte unserm Albrecht den Stachel ins Herz gedrückt. Er sagte sich, daß bei ihm »rohe Kräfte sinnlos walteten«, und daß »sich kein Gebild gestalten« könne, welches ihm zur Ehre gereiche. Er nahm sich fortan zusammen, dabei im geheimen hungernd und durstend nach einer großen, guten Tat.

Drei Wochen später. Albrecht der Bär streifte an einem freien Nachmittag botanisierend mit einigen Kameraden durch die umhegten Weidekämpe von Tatenhausen, Da tönt ein furchtbarer Schrei an sein Ohr. Albrecht hebt, zusammenzuckend, das Haupt. Dort kommt er herangestürmt, den Kopf hoch, schnaubend, stampfend.

»Der Stier!« tönt ein neuer Schrei, »Hilfe, Hilfe!« Und ein schwacher Knabe sucht laufend dem furchtbaren Feinde zu entrinnen.

Schon ist Albrecht nicht mehr an der Seite seiner Kameraden, die sich über Hecken und Zäune retten. Er zieht seinen Rock aus, im Laufschritt eilt er dem wildgewordenen Stier und seinem Opfer entgegen. Da hat er die beiden erreicht. Mit starkem Arm schleudert er den bleichen, zitternden Knaben seitwärts und stürzt, den Rock vor sich haltend, dem Stier entgegen. Blindlings wühlt das Tier den gesenkten Kopf in das dunkle Getuch; geblendet sucht es sich umsonst zu befreien. Aber nur mit großer Kraftanstrengung gelingt es Albrecht, das wütende Tier zu bändigen. Seine Hände erlahmen, es flimmert ihm vor den Augen, der Schweiß rinnt in hellen Tropfen von der Stirn; nicht lange mehr, und seine Kraft ist dahin.

Aber jetzt nahen Männerschritte. Die Knechte stiegen vom Acker auf den Notschrei nach dem Kamp; sie kennen den Unhold von Stier. Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Todesmatt hat Albrecht sich gerungen. Da lösen andre Hände ihn ab. Die Knechte geleiten die schnaubende Bestie in den Stall.

Tief aufatmend lehnt sich Albrecht an den Stamm einer Eiche. Sein Rock ist zerrissen, aber er schlüpft mechanisch hinein. Dann begibt er sich keuchend nach dem Knaben, der in den Ranken und Zweigen der Hecke liegt. Der Junge lacht schon wieder und streckt seinem Retter beide Arme entgegen.

»Wer bist du?« fragt Albrecht; »ich meine, ich sollte dich kennen; Gymnasiast?«

»Jawohl, ich bin auf der Quinta,« lautet die Antwort; »ich heiße Rudolf und bin der Sohn des Professors Röder.«

Ein Jubellaut entsteigt der Brust seines Retters. »Röder!« jauchzt er, »o, nun ist Albrecht der Bär wiederhergestellt in der Achtung des guten, verehrten Herrn Professors!«

Ja, er ist wiederhergestellt. »Albrecht,« sagte ihm am Abend desselben Tages der Herr Professor, der es sich nicht hat nehmen lassen, selbst in den »Bärenzwinger« zu steigen, »du hast meinem Kinde das Leben gerettet. Der heiße Dank der Eltern . . .« Aber hier versagt dem guten Herrn die Stimme; helle Tränen stehen in seinen Augen. Dann, sich gewaltsam zur Heiterkeit zwingend, fährt er fort: »Sieh, jetzt trägst du deinen Beinamen mit Ehren, du bist auch ein gar braver, wackerer Mensch. Jener Fürst war ein großer Slavenbändiger, und du . . .«

Hier erstickte wieder das Augenwasser die Worte des glücklichen Vaters.

 

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