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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Der Schein trügt

Wirklich, eine sehr gemütliche Bude war es, die unser Mitschüler, der Sekundaner Ludolfus Leimers, bewohnte! Wir nannten sie nicht anders als das »Zelt der Samojeden«, da sie, eine Dachstube, an zwei Seiten, oben, abgeschrägt war und dadurch eine zeltartige Decke hatte. Warum aber gerade die Samojeden ihren Namen für dieses Bauwerk hergegeben hatten, das ist für mich mit dem Dunkel des Orkus verhüllt. Niemand von uns konnte sich einer näheren Bekanntschaft mit den Samojeden rühmen, wir wußten höchstens, daß sie »da oben herum« ein Nomadenleben führten; gewiß kannte auch niemand von uns die Bauart ihrer Zelte, ob dieselben rund, viereckig, bienenkorbartig, spitz oder platt seien – und doch war der Name da, so daß ich zu seiner Erklärung nur das Wort des Dichters citieren kann: »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort!«

Des Ludolfi Leimers »Zelt der Samojeden« hatte zwei helle Fenster, die auf Gärten und Hintergebäude hinausgingen – sehr malerisch; es besaß ein dreibeiniges eisernes Oefchen, das in Wintertagen mit seiner Kohlenglut im Leibe schnurrte wie ein fern dahinrollender Eisenbahnzug; es war beklebt mit einer Tapete, welche auf grauem Grunde blaue Rosen so groß wie Kohlköpfe und braune Blätter so groß wie Männerfüße zeigte; es hatte ein altes schwarzes Damastsofa, dessen durcheinander geratene Sprungfedern beim Niedersitzen eine energische Harfenmusik anstimmten; es war geschmückt mit alten schwarzgerahmten Kupferstichen, Scenen aus der französischen Revolution darstellend, bei deren Anblick man sich jedesmal freute, daß man den Kopf noch auf den Schultern hatte; es war – – aber was soll ich seine ferneren Reize und Vorzüge des langen und breiten aufzählen, da in ihnen doch nicht der Begriff der »Gemütlichkeit« steckt? Dieser lag wo anders: wenn an freien Nachmittagen draußen ein Wetter herrschte, daß man keinen Hund vor die Haustür jagen mochte, wenn der Regen in dichten schweren Tropfen gegen die Scheiben klatschte, die Wipfel der Bäume in den Gärten hin und her schwankten und der Wind im Schornstein heulte und unter den Dachziegeln pfiff, wenn wir dann unser sechs oder acht, Mitschüler und Freunde des Ludolfi Leimers, um den großen runden Tisch inmitten des Zeltes der Samojeden saßen und uns was erzählten oder vorlasen, oder ein Bilderwerk besahen, seht! dann war die Bude urgemütlich. Oder wenn an dämmerigen Winterabenden die Erde weit und breit verschneit lag, die Sterne am Himmel glitzerten und flimmerten und eine »hundekalte« Nacht versprachen, wenn im dreibeinigen Oefchen die Kohlen knisterten und pufften und die Flammen, vom Luftzug emporgezogen, im Ofenrohr ihre Musik machten, wenn die Petroleumlampe auf dem runden Tisch ihre »gesellige Flamme« leuchten ließ und von der Ofenplatte her der Duft bratender Aepfel die Bude lieblich durchwürzte, wenn wir dann rund um den Tisch saßen und z. B. die Nordpolfahrt des tapfern, edlen Kane vorlasen, dann, ja dann war die Bude urgemütlich!

Ich meine sie noch vor mir zu sehen, die guten Kameraden und Jugendgenossen, wie sie, lauschend den Schrecknissen und Wundern der Polarwelt, entweder träumerisch in die Flamme der Lampe starrten, oder ihre Blicke der roten Glut zuwandten, die aus der unteren Oeffnung des Oefchens leuchtete und ein phantastisches Spiel von roten Lichtern auf die Dielen und Wände der Bude warf. Da ist als Hauptperson unser Ludolfus Leimers, ein hochgeschossener Jüngling mit langem Blondhaar, blauen Augen und frischrosiger Gesichtsfarbe – ein echter Teutone! Er hat etwas Schwärmerisches im Blick – und wirklich, Ludolf schwärmt! Er schwärmt für Entdeckungsreisen, ist fest entschlossen, nach Absolvierung des Gymnasiums ein Entdeckungsreisender zu werden, natürlich ein berühmter, bereitet sich in jeder Weise durch Abhärtung, Fußwanderungen, Studium der Botanik und Zoologie u. s. w. für seinen künftigen Beruf vor und ist nur noch nicht mit sich einig, ob er nach dem Nordpol oder dem Feuerlande, nach dem Innern von Afrika oder nach irgend einer unbewohnten Insel des Ozeans gehen soll. Wenn man davon absieht, daß Ludolfus durch seine Schwärmerei bisweilen etwas »langstielig« werden kann, so ist er ein ganz lieber, guter, netter Kerl.

Da ist als zweite Respektsperson »Heraklit der Dunkle« – selbstverständlich ist dies nur ein Spitzname, in Wirklichkeit heißt unser Kamerad Albert Corvey; den Namen des Dunklen führt er aus verschiedenen Gründen: von seinem schwarzen Haupthaar, seinen schwarzen Augen, seiner gebräunten Gesichtsfarbe, und vor allem von seinem ernsten, zurückhaltenden Wesen. Albert Corvey ist kein lustiger Kamerad, aber ein anziehender; man spürt in seiner Gesellschaft stets den Reiz, dieses ernste, zurückhaltende Wesen zu ergründen. Und dann ist Heraklit der Dunkle auch ein tüchtiger Junge: er gehört zu den Besten der Sekunda und wir zahlen ihm deshalb gern den Zoll unsrer Hochachtung. Was ihn aber für uns am interessantesten macht, das ist sein Sammeleifer, ja seine »Wut«, alles zu sammeln, was einem Jüngling erreichbar ist: Schmetterlinge, Käfer, Pflanzen, Steine, Münzen, Briefmarken, Siegel, Autographen, Altertümchen und wer weiß was alles; und von all diesen Dingen hat Heraklit der Dunkle die besten Kenntnisse, und hat man ihn einmal zum Sprechen gebracht, so weiß er so anziehend zu erzählen, so belebt und geistreich seine schwarzen Augen rollen zu lassen, daß man wie unter einem Zauberbanne steht. Er scheut kein Opfer, um seine Sammlungen täglich zu vergrößern; er versagt sich auf einem Ausfluge ein Glas Bier, wenn er für den Groschen einen alten verschimmelten Heller eintauschen kann, den ein Bauer beim Pflügen gefunden hat. Selbstredend huldigen auch wir andern diesem oder jenem Sammelsport, der eine in Schmetterlingen, der andere in Briefmarken, der dritte in Münzen, und da wenden wir uns in zweifelhaften Fällen, wenn wir nicht wissen, »was das ist«, an unsern Heraklit den Dunklen, der dieselbe Weisheit besitzt wie jener griechische Philosoph, der ihm den Spitznamen gegeben.

Ich will die andern Genossen unsrer Tafelrunde nicht näher schildern, da sie in meiner Erzählung mehr eine untergeordnete Rolle spielen.

An einem Winterabend – draußen schwärmten die weißen Bienen in der Dunkelheit, drinnen im Zelte der Samojeden war es wohlig warm und hell – also an einem Winterabend zeigte uns Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., einen zierlichen Kompaß, den er von seiner Uhrkette löste; er hatte ihn von einem Pariser Vetter geschickt bekommen, der den Entdeckungseifer seines Verwandten kannte und mit dem Geschenk eine scherzhafte Anspielung darauf machen wollte. Das Ding sei von echtem Golde und ebenso reizend als genau gearbeitet, bemerkte Stanley II.; so was bekäme man nur in Paris. Der Kompaß funkelte im Lichte der Lampe; kleine Goldkügelchen, so groß wie Hirsekörner, umgaben seinen Rand; auf der glatt polierten Rückseite war ein Schiff graviert, das durch den Ozean steuert; die obere Seite zeigte in schwarzen und roten Linien die Richtungen der Windrose und in Goldbuchstaben die vier Weltgegenden. Unterhalb der Magnetnadel stand eine Inschrift, aber so winzig klein, daß man sie mit bloßen Augen nicht entziffern konnte. Walter Rodewald zog eine Lupe aus der Westentasche und bat sich den Kompaß aus. »Es ist der Name einer französischen Firma, ich meine »Charles Parmentier« zu lesen,« sagte er. Fritze Kuhlmann, der ihm gegenüber saß, bat, den Kompaß besichtigen zu dürfen, und von ihm ging der nette, zierliche Gegenstand weiter, von Hand zu Hand. Seltsamerweise gelangte er nicht zu seinem Eigentümer zurück, er war plötzlich »verduftet«. Jeder versicherte, er habe ihn weiter gegeben. Wo war er denn?

Selbstverständlich rief das eine lebhafte Unruhe in unserm Kreise hervor. Alle standen auf und suchten mit Sperberaugen auf und unter dem Tische, von einem Ende des Zeltes der Samojeden bis zum andern. Aber der Kompaß kam nicht zum Vorschein. Sein Eigentümer war inzwischen aufgeregt geworden – sein Gesicht näherte sich bedenklich der Röte eines gesottenen Krebses – und eine unangenehme Scene folgte. Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., deutete ziemlich unverblümt an, daß jemand den Kompaß eingesteckt haben müsse, worauf sofort die meisten von uns ebenfalls krebsrote Gesichter kriegten und vorschlugen, wenn Leimers einen solchen Verdacht hege, so sollten alle Anwesenden die Taschen umkehren.

Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, allerdings mit dem Vorbehalt, »daß uns so was noch niemals vorgekommen sei«. Wir setzten uns wieder und nahmen ein eiliges Auskramen unsrer Taschen vor. Bei jeder andern Gelegenheit wär' es »ein Ulk« gewesen, diese verschiedenartigen Dinge, die da zum Vorschein kamen, zu beaugenscheinigen (was in aller Welt tat z. B. der kleine Anton Piepers mit einer regelrechten Schnupftabaksdose?), aber unter den gemeldeten Umständen verzog sich keine Miene zum Lachen. Messer, Schlüssel, Streichholzdosen, Luntenfeuerzeuge, Taschentücher, Notizbücher u. s. w, kamen zum Vorschein, aber kein Kompaß. Zum Erstaunen aller weigerte sich Albert Corvey, vulgo Heraklit der Dunkle, ruhig, den Inhalt seiner Taschen auszukramen,

»Aber es ist ja nur eine Form,« sagte der kleine Anton Piepers, der als Primus der Sekunda ein großes Ansehen unter uns genoß, »bitte, Heraklit, tue, was wir alle taten!«

Heraklit der Dunkle wiederholte seine Weigerung, ruhig, aber noch bestimmter als vorher.

Ein peinliches Stillschweigen folgte. Heraklit der Dunkle lehnte sich in seinen Stuhl zurück; er sah, trotz seiner Bronzefarbe, bleich aus, bleich und ärgerlich. Einige von uns lächelten bedeutsam, andre starrten ohne nur eine Miene zu verziehen, vor sich hin.

Ludolfus Leimers, vulgo Stanley II., ließ sich von seiner Aufregung hinreißen: »Darf ich fragen, Corvey,« stieß er schroff hervor, »warum du nicht tun willst, was alle andern hier auf meiner Bude getan haben?«

»Jawohl, Leimers,« lautete die kurze, nicht minder schroffe Antwort. »Du darfst fragen.«

»Nun, warum willst du das Bewußte nicht tun?«

»Weil ich einen ganz besonderen Grund dazu habe,« erwiderte Corvey, wobei er sich zwang, seine Stimme ruhig erscheinen zu lassen.

»Und welchen Grund?«

»Bedaure, ihn nicht nennen zu können,« entgegnete Corvey ruhig, aber mit einem unheimlichen Aufflammen seiner schwarzen Augen.

»Weißt du,« sagte Leimers mit auffälliger Langsamkeit und Betonung, »daß deine Weigerung einen großen Flecken –«

Wir verstanden alle, was Leimers sagen wollte, was er im Sinn hatte, aber indem wir vor dem Ungeheuerlichen zurückschraken, riefen wir warnend: »Leimers, Leimers, vergiß dich nicht!«

Natürlich verstand auch Corvey, was Leimers im Sinne hatte – und auf unsre Warnung nicht völlig aussprach: »Was man von mir denkt, ist mir völlig gleichgültig,« antwortete Corvey kalt wie ein Gletscher, aber die Art und Weise, wie er mit den Fingern seiner Rechten seine Uhrkette zusammendrehte, verriet seine innere Erregung,

»Einer muß meinen Kompaß genommen haben!« stieß Leimers hervor.

»Ludolfus Leimers, sei ruhig, ich bitte dich, du hast zu solchen Anschuldigungen kein Recht!« mahnte der kleine Anton Piepers.

Albert Corvey, welcher fahl wie Konzeptpapier geworden war, erhob sich von seinem Stuhl.

»Ich bedaure, daß du eine solche Meinung von mir hegst, Leimers,« sagte er. »Ich nehme an, du hast sie in deiner Aufregung hervorgestoßen; aber wage nicht, sie zu wiederholen! Meine Faust ballt sich unwillkürlich und mein Arm ist stark, wie du vom Turnplatz her wissen wirst . . . Mein Verkehr mit dir ist hiermit abgebrochen.«

Dann verließ er, ohne auch uns eines Grußes zu würdigen, das Zelt der Samojeden, ging die Treppe hinunter und machte die Haustür hinter sich zu.

Seit diesem Abend erfuhr Heraklit der Dunkle eine deutliche Veränderung im Benehmen seiner Freunde. Wir hatten uns allerdings im Zelte der Samojeden das Wort gegeben, keine Silbe über das fatale Ereignis vor unsern übrigen Mitschülern verlauten zu lassen, und dieses Wort hielten wir unverbrüchlich; aber das hinderte nicht, daß Leimers Heraklit nicht mehr grüßte, sei es in der Klasse, sei es auf dem Nachhausewege; daß Felix Köster sofort an Heraklit einige Bücher zurückschickte, die er von ihm entliehen hatte; daß Walter Rodewald seine Spaziergänge einstellte, die er bisher an jedem freien Nachmittage in Heraklits Gesellschaft gemacht hatte. Gerhard Kronau äußerte zu mir, daß Corvey mit Recht »der Dunkle« heiße, denn sein Verhalten an jenem fatalen Abend sei wirklich ein dunkles, rätselhaftes, geheimnisvolles gewesen.

Und ich? Ich schwieg und hing meinen eigenen Gedanken nach.

Scheinbar machte sich Heraklit der Dunkle nichts daraus, daß er von seinen früheren Freunden in den Bann getan war; wenn er uns begegnete, legte er sein dunkles Haupt ein wenig in den Nacken und blickte mit seinen schwarzen Augen geradeaus, als ob wir Luft gewesen wären. Aus dem Umstand, daß der kleine Anton Piepers sich an jenem fatalen Abend seiner einigermaßen angenommen hatte, mochte Heraklit der Dunkle ein gewisses Vertrauen zu dem Kleinen schöpfen. Einmal, als sie sich in einer engen Gasse, die den ominösen Namen »Wankelgasse« führte, begegneten, blieb Heraklit stehen und sagte mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick, Kleiner! Ich möchte dich fragen, warum du mich in den letzten Tagen so beharrlich gemieden hast? Du hattest mir z. B. versprochen, meine amerikanischen Schmetterlinge zu besehen, die ich von meinem Onkel, dem Missionar in Brasilien, geschickt bekommen habe.«

»Habe ich – dich – gemieden?« stammelte Anton Piepers verlegen. »O – durchaus nicht. Aber – aber –«

»Aber, aber?« wiederholte der Dunkle, stieß ein kurzes, bitteres Gelächter aus und setzte seinen Weg fort.

Anton Piepers erzählte uns das Begegnis und wie er dabei heiß wie ein Backofen geworden wäre. Leimers, Köster, Rodewald und die andern zuckten die Achseln. »Er soll sich rechtfertigen, wenn er kann,« sagte jemand schroff.

Ich glaube, wäre Albert Corvey der Sohn vornehmer und reicher Eltern gewesen, so hätten sich seine früheren Freunde nicht so hart und schroff gegen ihn gezeigt; man hätte dem Verdacht nicht Raum gegeben; so aber war Albert einfach der Sohn eines unbemittelten Schmiedes und hatte nur sein ernstes, zurückhaltendes Wesen, seine schönen Augen, seine Kenntnisse zur Empfehlung; seine Kleidung war etwas fadenscheinig und durchaus nicht nach modernem Schnitt; der Rock glich einer halbverklungenen Sage, und das Beinkleid sah aus, als ob es über ein dickes Ofenrohr gespannt und so zusammengenäht sei – von elegantem Fall keine Spur. Folglich war der Verlust seiner Freundschaft, – wenn man will, seiner Bekanntschaft, nicht zu bedauern. Alle früheren Genossen aus dem Zelte der Samojeden dachten so – mit einer einzigen Ausnahme.

Der Winter verfloß, es wurde Frühling, voller Frühling.

Als ich an einem freien Nachmittage allein auf einem schmalen Waldweg dahinschlenderte, mit dem Anschauen einer Orchidee beschäftigt, die ich kurz vorher gepflückt hatte, stand ich, aufblickend, plötzlich vor Albert Corvey,

»Sieh, guten Tag, Heraklit!« sagte ich.

Heraklit, welcher, in die Betrachtung eines Käfers versenkt, mich nicht gesehen zu haben schien, schrak zusammen, blickte auf und fragte: »Ah, Tuck (dies war mein Spitzname), was sagtest du?«

»Ich sagte nur guten Tag,« antwortete ich und blickte lachend in seine schwarzen Augen. »Da stiefeln,« fuhr ich fort, »zwei unsrer größten deutschen Naturforscher durch den Wald, der eine in die Betrachtung einer Blume, der andre in das Studium eines Käfers versenkt, bis sie gegeneinander prallen wie zwei Lokomotiven! O diese zerstreuten deutschen Gelehrten! Und dabei ist meine Betrachtung noch nutzlos gewesen: ich kann die Art nicht bestimmen. Sag du mir, Heraklit, dem alle Dinge kund sind, was ich hier für eine Orchis attrappiert habe!«

»Das ist die Orchis fusca,« erwiderte Heraklit der Dunkle. »Ich gratuliere zu diesem Fund, Tuck, denn Orchis fusca gehört zu den seltenen Arten, wenigstens in unsrer Gegend.«

Darauf kamen wir in eine angenehme Unterhaltung über die Orchideen, wobei Heraklit der Dunkle so viel Anziehendes bezüglich dieser rätselhaften Blumen vorzubringen wußte, daß ich mit Entzücken lauschte und nur ab und zu ein Wort dazwischen warf, um die Unterhaltung in Fluß zu halten. Wir unterhielten uns den ganzen Rückweg, wir unterhielten uns in den Straßen der Stadt, bis wir vor der bescheidenen Wohnung des Dunklen standen. Heraklit hatte im Laufe des Gesprächs erwähnt, daß er einen Standort von Orchis militaris wisse, und da die Pflanze meinem Herbarium fehlte, so hatte ich ihn gebeten, mich hinzuführen,

»Also bis zum nächsten freien Nachmittag,« sagte Heraklit, als wir uns vor seiner Wohnung verabschiedeten,

»Ja wohl, bis Donnerstag Nachmittag,« antwortete ich. »Darf ich dich abholen?«

»Wenn du willst,« erwiderte Heraklit, und ich glaubte zu bemerken, wie über seine bis dahin freundlichen Mienen ein düsterer Schatten flog.

»Ich komme,« sagte ich, und dann schieden wir.

Als Heraklit der Dunkle allein war, ärgerte er sich ohne Zweifel über seine Freundlichkeit, sein vieles Sprechen, seinen Spaziergang mit mir und sein Versprechen, diesen Spaziergang zu wiederholen. Ich stellte mir das vor und: »Ach was!« sprach ich zu mir selber, »ich werde doch hingehen!«

Und ich ging hin, als der nächste freie Nachmittag gekommen war. Ich ging auf Heraklits Bude und holte den Dunklen ab. Und wir suchten und fanden den Standort von Orchis militaris, fanden auch das köstlich gelbe Narthecium, und unterhielten uns aufs beste.

Meine Freunde, d. h. die vom Zelt der Samojeden, schalten mich »charakterlos«, als sie mich mit Heraklit verkehren sahen. Ich zuckte die Achseln und verweigerte jegliche Antwort.

Heraklit und ich wiederholten von da ab unsre Ausflüge; wir sammelten Käfer, fingen Schmetterlinge, suchten Blumen, und ich hatte dabei Gelegenheit, das reiche Wissen Heraklits zu bewundern.

Einmal saßen wir auf einem mächtigen Findlingsblock, der mitten in der purpurn blühenden Heide lagerte, Heraklit hatte mich auf die Schönheit der kleinen blauen Himmelfalter aufmerksam gemacht, hatte von der Güte und Weisheit des Schöpfers, die sich auch im Kleinsten sichtbar mache, gesprochen – und dann waren wir beide verstummt. Träumerisch starrten wir auf die scheinbar endlose Heide hinaus – wie echte Westfalen es zu tun lieben.

»Corvey,« hub ich nach einer Weile an, »wir sind gute Freunde geworden. Dies gibt mir Mut, eine Frage an dich zu richten, die ich sonst nicht wagen würde.«

»Und wie lautet diese Frage?« sagte Corvey und blickte zu mir – der ich niedriger saß, herab.

»Du wirst es mir nicht übel nehmen?« fragte ich.

»Nein, Tuck!« antwortete er. »Du kannst mir sagen, was du willst!«

Seine dunklen Augen ruhten mit ungewohnter Freundlichkeit auf mir.

»Corvey, ich möchte fragen, warum du unsre Bekannten – ich meine die vom Zelt der Samojeden – glauben läßt, nun, was sie von dir glauben.«

»Ich bin,« sagte Corvey hart und bitter, wobei seine Augen wieder düster brannten, »für die Meinung meiner früheren Bekannten nicht verantwortlich. Außerdem mag das, was sie glauben, wahr sein.«

»Nein, nie und nimmer!« stieß ich lebhaft hervor.

»Wie kannst du das behaupten, Tuck?« fragte Corvey.

»Ich bin von deiner Unschuld überzeugt, Heraklit,« antwortete ich; »ich habe keinen Augenblick den Glauben der andern geteilt. Du mußt das auch bemerkt haben: ich habe dich nach wie vor gegrüßt, ich habe mich bemüht, in deine Nähe zu kommen, dich anzusprechen – aber du – du bist mir aus dem Weg gegangen.«

»Du kannst von meiner Unschuld keineswegs überzeugt sein,« entgegnete Heraklit, nunmehr ruhig, obgleich das Heidekrautzweiglein, das er zwischen den Fingern hielt, bebte; »alles spricht gegen mich. Warum willst du, du allein, für mich sein?« Dabei starrten seine dunklen Augen das Heidekräutchen an,

»Warum?« erwiderte ich; »nun darum, weil ich dich kenne.«

Da wandte mir Heraklit seine dunklen Augen wieder zu und sagte mit fast antiker Ruhe: »Dein Vertrauen, Tuck, freut mich; ich werde dir das nie vergessen – nie – – aber lassen wir diese unglückliche Geschichte ruhen. Gib mir dein Wort, daß du niemals wieder daran rühren willst!«

Ich gab mein Wort. – – –

Spät am Abend dieses Tages saß Albert Corvey auf seinem mit Sammlungen aller Art vollgestopften Dachstübchen und starrte mit seinen schwarzen Augen auf einen blinkenden Gegenstand, den er beim Licht einer kleinen Kuppellampe in der Handfläche hielt. Dieser Gegenstand war ein kleiner goldener Kompaß. – – –

Am nächsten Sonntagmorgen war große Sensation unter den Genossen aus dem Zelt der Samojeden.

»Weißt du schon, Tuck,« fragte mich stürmisch der kleine Anton Piepers, als wir aus der Kirche kamen, »daß Ludolfus Leimers seinen Kompaß wieder hat?«

»Was du sagst!« erwiderte ich, wobei mir fast der Atem stockte, so betroffen war ich von dieser Wendung der Geschichte.

»Da kommt Ludolfus Leimers selber,« sagte Piepers, »der kann dir das Nähere erzählen.«

»Ludolf, erzähle!« stieß ich hastig hervor.

»Ich habe den Kompaß wieder,« sagte Ludolf, »sieh her! er hängt wieder an meiner Uhrkette. Gestern Samstagnachmittag, war großes Reinemachen auf meiner Bude. Als die Magd das Sofa abbürsten will, findet sie den Kompaß, zwischen Sitz und Lehne eingeklemmt. Da sie nicht wußte, was für eine fatale Geschichte sich an das kleine Ding knüpfte, so händigte sie es mir, als ich von meinem Spaziergang zurückkehrte, mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein. Ich war ganz hin – mopperle perdutto, wie der Italiener sagt; ich glaube, ich habe an allen Gliedern gezittert. Der Kompaß muß damals, als wir ihn zur Besichtigung um den Tisch gehen ließen, auf das Sofa gefallen und auf dem glatten Damastbezug in die Falte zwischen Sitz und Lehne geglitscht sein. Wir haben dem armen Heraklit doch bitter unrecht getan. Natürlich fühle ich die tiefste Reue. Wenn ich nur wüßte, wie ich die Sache wieder gut machen soll.«

Mittlerweile waren die andern, Rodewald, Kronau, Küster u. s. w. hinzugekommen. Sie zeigten sich sehr kleinlaut, da ihnen ihr Benehmen gegen Heraklit leid tat und sie nicht wußten, wie sie die Sache wieder ins reine bringen sollten. »Er wird uns nie verzeihen,« sagte Kronau.

»Tuck muß die Sache arrangieren,« sagte endlich der kleine Piepers mit gewohnter Entschiedenheit. »Tuck ist der einzige, der auch nach dem fatalen Abend mit Heraklit verkehrte – wie ich jetzt wohl einsehe, weil er von seiner Unschuld überzeugt war. Wenn Tuck Heraklit bittet, recht inständig bittet, heute abend im Zelt der Samojeden zu erscheinen, so wird Heraklit es tun. Wir wollen ihm dann feierliche Abbitte leisten.«

»Ja, das ist das beste – so geht es!« versicherten die andern.

Ich versprach, mir alle Mühe geben zu wollen. Sogleich begab ich mich nach Heraklits Bude, wo ich den armen Verfemten heiter im Anblick seiner Schmetterlingssammlung traf, und richtete meinen Auftrag aus. Heraklit zeigte weder Freude noch irgend eine Erregtheit, daß der Kompaß wiedergefunden sei; er schimpfte auch kein Sterbenswörtlein auf seine früheren Freunde, daß sie ihn mit einem so schmählichen Verdachte belastet hätten, sondern sagte einfach zu, daß er heute abend Punkt acht Uhr im Zelt der Samojeden sein werde. Dann ging er sofort auf einen Apolloschmetterling über, dieses Kleinod der Alpen, dessen herrlichen Farbenschmuck – blutrote Augenflecke und schwarze Zeichnungen auf milchweißem Grunde – er lebhaft bewunderte.

Der Tag erschien uns andern viel zu lang, obgleich es ein herrlicher Sonntag war. Schon weit vor acht Uhr abends waren wir im Zelt der Samojeden um den runden Tisch versammelt. Punkt acht Uhr trat Albert Corvey ein. Er grüßte mit einem stummen Kopfnicken, nahm Platz auf dem leeren Stuhle und durchflog mit seinen schwarzen Augen unsern Kreis. Mir allein nickte er freundlich zu: »Guten Abend, Tuck!«

»Guten Abend, Heraklit!« antwortete ich, wobei ich mein Herz bis in die Kehle pochen fühlte.

Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., suchte nach Worten; die Zunge klebte an seinem Gaumen.

Heraklit der Dunkle sah es. »Da Ludolfus Leimers,« sagte er mit klarer, lauter Stimme, »jetzt hoffentlich überzeugt ist, daß ich seinen Kompaß nicht gestohlen habe, so will ich erklären, weshalb ich mich damals weigerte, meine Taschen umzukehren. Ich besitze einen Kompaß, welcher dem des Ludolfus Leimers völlig gleich ist. Er muß von derselben Pariser Firma stammen – also Fabrikware –, ist aber in Berlin gekauft, von wo ich ihn von meiner Tante zu Weihnachten bekommen habe. An jenem Abend, der kurz nach Weihnachten fiel, hatte ich meinen Kompaß in der Tasche. Hätte ich die Tasche umgekehrt, so würde jeder von euch überzeugt gewesen sein, daß ich das Eigentum eines andern eingesteckt hätte. Es steht euch allen frei, meinen Kompaß mit demjenigen von Leimers zu vergleichen.«

Damit legte er seinen Kompaß mitten auf den Tisch. Jeder zögerte, das Ding in die Hand zunehmen. Ich wußte, daß ich es tun durfte; mit einem unaussprechlichen Gefühl inneren Triumphes, den Freund gerechtfertigt zu sehen, bat ich mir von Leimers seinen Kompaß aus, um beide zu vergleichen. Sie glichen sich völlig – auch kein Pünktchen, worin sie von einander abgewichen wären; nur hatte der Kompaß von Leimers eine kleine Schramme auf dem hintern Deckel, die wohl durch das Tragen an der Uhrkette erzeugt war.

Zuerst stummes Erstaunen, dann ein wirres Durcheinander erregter Stimmen, Entschuldigungen, Beteuerungen.

Heraklit der Dunkle verhielt sich währenddessen völlig passiv. Als das Durcheinander der Stimmen sich beruhigt hatte, sagte er mit ruhiger, klarer Stimme: »Der Schein trügt!«

Dann wandte er sich mir zu und unterhielt sich mit mir in ungezwungener, ja munterer Weise. Ich stand ihm – mit etwas erzwungenem Humor – Rede und Antwort. Allmählich wurde das Gespräch allgemein, und ich atmete innerlich erleichtert auf, als Heraklit der Dunkle auch an Leimers, Piepers, Rodewald, kurz an alle seine Fragen und Antworten richtete – als wäre nichts gewesen, als wäre nichts geschehen. Der Abend verlief ganz heiter, ganz wie in früherer Weise. Im Zelt der Samojeden war es einmal wieder urgemütlich,

In der Folge wurde die Geschichte nie wieder berührt, Ludolfus Leimers nahm seinen Kompaß von der Uhrkette und legte ihn in den tiefsten Winkel seiner Kommode. Heraklit der Dunkle blieb uns ein guter Freund – mir der beste, und ich bin überzeugt, daß ich ihn als solchen mein Leben lang behalten werde.

 

Ein Ferienabenteuer

Ferien – schönstes Wort im Sprachschatze der studierenden Jugend!

Weihnachtsferien, Osterferien, Pfingstferien, o wonnevolle Zeiten! Die Krone aber tragen die Herbstferien, schon weil sie an vielen Schulen doppelt, dreifach, ja vierfach so lang sind, als die übrigen. Und dann der eigentümliche Zauber dieser Jahreszeit!

Wenn die körnerschweren, reifen Garben auf hochbeladenen Erntewagen dem ländlichen Dache zuschwanken, wenn die ersten Wandervögel, von den kühlen Morgennebeln gescheucht, dem Süden zusteuern, wenn die Wanderspinne ihre silbernen Fäden über die Stoppeläcker zieht, wenn Apfel und Birne in den Baumkronen sich mit purpurnen und goldenen Farben schmücken und die Pflaume sich mit blauem Dufte pudert, wenn die Natur sich anschickt, in lange traumhafte Ruhe zu versinken: dann ist es dem studierenden Jüngling vergönnt, Horaz und Homer, Thukydides und Tacitus zuzuklappen, die Logarithmentafeln in die entfernteste Ecke des Bücherbrettes zu verbannen, nach dem Wanderstabe zu greifen und die süße Ruhe und Freiheit der köstlichen Herbstferien zu genießen. Der eine eilt dem fernen heimatlichen Dorfe zu, um in die Arme der Eltern und Geschwister zu sinken, der andre sucht werte Verwandte oder einen teuern Freund auf, der dritte fliegt einem schönen Fleckchen Erde zu, sei es auf hochragendem Berge, sei es am flachen Strande der See. Im Herzen aller aber klingen die Verse des Dichters wieder:

»Wonnig ist's, in Herbstestagen
Nach dem Wanderstab zu greifen,
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchstreifen.«

Für den Obersekundaner Arnold Bunse war dies Wandern eine doppelte Lust, eine doppelte, weil – nun ja, wir müssen den Grund nennen, der zwar recht absonderlich lautet, aber genau der Wahrheit entspricht – also, weil besagter Arnold Bunse doppelt so lange Beine hatte, als seine sämtlichen Mitschüler, ja, als sämtliche Schüler des Gymnasiums von Dudenrode. Wir erklären uns sogleich noch etwas genauer. Bunse (von seinen Mitschülern »Gigas«, das ist »Riese«, geheißen) war überhaupt ein Jüngling von sechs Fuß Körperlänge, so daß, wenn ein Mitschüler in der Klasse die »Kraniche des Ibykus« deklamierte und an die Stelle kam:

»Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Weit über Menschliches hinaus« –

daß dann aller Blicke sich schalkhaft dem langen Arnold Bunse zuwandten. Namentlich aber waren bei Gigas die Gehwerkzeuge entwickelt; wenn es nicht gar zu hippologisch klänge, so möchten wir sagen: er war ein hochbeiniger Renner. Nun war das Gymnasium zu Dudenrode uralt, es hatte bereits sein dreihundertjähriges Stiftungsfest gefeiert, und kaum minder alt waren die Bänke: alt, altertümlich, furchtbar steif und enge. Der arme, langbeinige Gigas konnte in seiner Bank durchaus nicht die Beine ausstrecken, er mußte steif und aufrecht sitzen, wie das Steinbild eines alten ägyptischen Königs. Und dies wochen- und monatelang – es war eine Qual für den armen Gigas! Wenn er nun endlich, endlich – nach Empfang einer guten Zensur, denn fleißig und aufgeweckt war er – mit einem Wanderstabe auf einer guten Landstraße dahinschreiten und die langen Beine so recht nach Herzenslust strecken und recken konnte, dann muß es jedem mitfühlenden Menschen begreiflich erscheinen, daß für Arnold Bunse, genannt Gigas, das Wandern eine doppelte Lust war. Quod erat demonstrandum.

Seht, da schreitet er, die schwarze Wachstuchtasche mit grünem Bande an der linken Seite, einen kräftigen Stock (»Deutschlands Eiche«) in der Rechten, den leichten Strohhut mit einem grünen Zweige geschmückt, auf der Landstraße dahin, welche durch die Talsohle eines mitteldeutschen Gebirgslandes führt. Hei, wie er die langen Beine wirft und schlenkert, als wollte er sie aus den Gelenken schleudern! Frohsinn und Behagen leuchten aus seinen braunen Augen; ab und zu trällert er die Strophe eines Wanderliedes vor sich hin, am häufigsten das schöne: »O Wandern, o Wandern, du frohe Burschenlust!«

Dieser Sang ist sein Begleiter, sein einziger, denn er wandert allein! Er will nämlich einen ältern Bruder besuchen, der droben in einem freundlichen Gebirgsstädtchen eine Beamtenstelle bekleidet, und zu diesem brüderlichen Zusammentreffen und mehrwöchentlichen Zusammensein konnte er nicht gut einen Freund mitnehmen. Aber heute wird Gigas das freundliche Bergstädtchen nicht mehr erreichen; er muß in einem ihm wohlbekannten Dorfe übernachten. Schon fallen die Schatten des Abends lang und schmal auf den Goldgrund der Wiesen, welche der vertiefte Scheidestrahl der Sonne küßt; schon steuert die Holztaube dem bergenden Dickicht des Waldes zu; schon schließen die roten, weißen und gelben Blumen, welche die Waldwiese schmücken, ihre Kelche. Da leuchtet der goldene Gockelhahn auf, welcher das schieferblaue Kirchtürmchen von Steinhausen schmückt, und Gigas bewillkommnet diesen ersten Gruß seines Ruhequartiers mit freudigem »Ah!« Bald marschiert er durch die holperigen Straßen des Dorfes und schaut links und rechts nach dem Bild des »halben Mondes« aus, welcher das Wirtshaus des Herrn Nepomuk Vogel schmückt. Ach, da winkt der goldene halbe Mond! »Guter Mond, du gehst so stille!« Herr Nepomuk steht vor der Tür und begrüßt seinen Gast mit biederm Händedruck und einer so tiefen Verbeugung, als es seine gewaltige Körperfülle zuläßt. Gigas bestellt sich Eierkuchen, Schinken, Salat und einen Humpen des trefflichen Bieres, das eine Spezialität von Steinhausen ist. Nicht lange, und alles steht auf dem Tische; Gigas tafelt königlich. Dann plaudert er noch ein Stündchen mit dem Wirt und der Wirtin, und endlich spricht er den Wunsch nach seiner Schlafkammer aus.

Er wird auf ein sauberes, wenn auch nur geweißtes Stübchen geführt, wo ein eisernes Bettgestell, so eine Art Soldatenbett, mit blitzblanker Wäsche an der Wand steht. »Ah, vortrefflich!« sagt Gigas, bei der Vorstellung, daß er sich in dieser Art Bett zur Genüge recken und strecken könne. Nun ist er allein. Schnell die Kleider ab und dann aufs Lager. »Ah!« Diesem ersten Ausruf des Behagens folgt nur zu bald ein »Oh!« als Ausdruck des Bedauerns. Und dies Bedauern gilt dem Umstand, daß das Fußende des Bettes so dicht an die Mauer – es ist die Vorderwand des Hauses – gerückt ist, daß Arnold Bunse denn doch nicht seine langen Rennbeine nach Herzenslust ausstrecken kann. Aber an solche Zwangslage ist Gigas gewöhnt und ohne sich weiter zu ärgern, schläft er, von den Strapazen des Tages ermüdet, ein. Aber Decke und Matratze sind vortrefflich, ein Geruch von Sauberkeit steigt erfrischend von ihnen auf, und Gigas fühlt dies noch in seinem Traume, und sein Traum ist gar erquicklich, ja köstlich. Er steht auf einer rosigen Abendwolke, die ihn sanft in den Aether trägt, immer höher und immer weiter, über runde Bergkuppen und dunkle Wälder, über blumige Wiesen und silbernblinkende Bächlein, über phantastische Felszacken und sanftgeneigte Matten, auf denen muntere Ziegen mit ihren Halsglöckchen weiden, über – aber da ist ja wieder der kläffende weiße Spitz, der ihn gestern Nachmittag auf der Landstraße zwischen Hollingen und Waltershausen so wütend und beharrlich verfolgte. Wie kommt denn der in diese luftige Region? Jetzt ist der Kläffer ihm ganz nah, und jetzt will er seine spitzen weißen Zähne in Arnolds neue, mausegraue Hose schlagen. Da zieht Arnold sein langes rechtes Bein an, schnellt es dann mit deutscher Burschenkraft vorwärts und versetzt dem zudringlichen Spitz einen so derben Tritt, daß er um und um den Berg hinunterkollert. »Rrrrbumbum!« Gigas hört halb im Traum und halb im Wachen ein lautes Gepolter. Was ist? Aber bevor er noch die Ursache erforscht hat, ist er schon wieder vom Schlafgott Morpheus bezwungen. Der schöne Traum indes, der Traum mit der rosenroten Wolke und dem seligen Fluge durch die Luft, ist zerstoben, und Gigas schläft – nun traumlos und tief – bis, ja bis ihn ein lautes Getöse weckt. Es kommt von der Straße. Lachen und Sprechen, dann ein vielstimmiges »Hurra!« Und nun wieder ein schallendes Gelächter, untermischt mit dem Rufe: »Famos! Nee, so was hat man noch nicht in Steinhausen erlebt!« Was mag sich da unten zutragen? Aber noch ist Gigas zu träge, um aufzustehen und aus dem Fenster nachzuforschen.

Da poltert es die Treppe herauf, die zu seiner Schlafkammer führt; die Tür dieser Kammer, die er nicht abgeschlossen hat – denn in Steinhausen gibt's nur ehrliche und friedliche Leute – tut sich auf und in der Oeffnung, dieselbe ganz ausfüllend, erscheint der ungeheuer dicke Wirt vom »halben Mond« und ruft: »Ziehen Sie um Gottes willen die Füße an sich, Herr Student, es gibt 'nen Volksauflauf, 'ne Revolution in Steinhausen!«

Mechanisch zieht Gigas die Füße an sich und starrt mit blöden, weil noch schlaftrunkenen Augen nach der Stelle hin, wo sein Piedestal geruht hat. Was muß er sehen!

Er hat mit seinem rechtsseitigen Riesenbein, als dies dem kläffenden Spitz eins versetzen wollte, ein Loch in die alte, zweihundertjährige, dünne Fachwerkmauer des Hauses getreten. Daher das Gepolter in der Nacht: es waren die auf die Straße fallenden Lehmziegel, Dann hat sich Gigas im Schlafe behaglich ausgestreckt, und da seinen langen Beinen nun kein Hindernis mehr entgegenstand, so hat er die Füße, ohne es zu wissen, durch das Loch gesteckt. Da ragten sie nun in beschaulicher Ruhe auf die Straße hinaus. In der Morgenstunde sind Leute vorübergegangen und haben zunächst das Häuflein Ziegel auf der Straße liegen sehen; das Häuflein hat ihre Blicke hinaufgelenkt, und da ist ihnen ein lächerlicher, nie gesehener Anblick zu teil geworden. Der eine hat den andern herbeigerufen zum Genuß dieses Schauspiels. Zuletzt war die vielköpfige, aufgeregte Menge da, die ihrem Staunen und ihrer Lust in dem Rufe »Hurra!« Luft machte.

Dies war's, was sich Arnold Bunse, vulgo Gigas, mit Blitzesschnelle in seinem Kopfe zurechtlegte, und was der dicke Wirt Nepomuk Vogel in keuchenden Worten bestätigend verlauten ließ.

Als Gigas alles wußte, mußte er laut und herzlich lachen: »Jetzt kann ich es mir auch erklären,« rief er, »weshalb ich in der letzten Stunde von den Eisfeldern des Nordpols zu träumen anfing – meine Füße waren einfach in der Nachtluft kalt geworden!«

Den dicken Wirt zum »halben Mond« beschäftigte aber ein ganz andrer Gedanke: »Das Loch, das Loch,« stotterte er, »wer wird mir das wieder zumachen? Es sitzt gerade über meinem schön gemalten Schild zum ›halben Mond‹, und es war ein meschanter Anblick, Herr Student, als Ihre beiden Füße da herausguckten!«

»Das Loch,« erwidert Arnold Bunse, noch immer lachend, »wird natürlich auf meine Kosten wieder zugemacht, und der Mann, der dies besorgt, ist von Profession ein Maurer. Nun wissen Sie's, mein lieber Herr Wirt, und werden sich hoffentlich beruhigen. Wenn Sie aber hinfüro mal einen Gast unterhalten müssen beim abendlichen Schoppen, dann erzählen Sie ihm das Ferienabenteuer des Obersekundaners! Ich überlasse es Ihnen gratis – und wette, ihr Gast wird lachen!«

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