Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Berthold >

Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
Schließen

Navigation:

Friedrich der Weise

Wohl jeder von uns reitet sein kleines Steckenpferd. Der Quartaner Felix Schröder jagt den bunten Schmetterlingen der Wiesen nach und fühlt seine Wonne darin, die aufgespannten Falter nach Familien und Arten seinem Sammelkasten einzureihen; der Tertianer Georg Bruns ist auf Briefmarken erpicht und erlebt eine glückliche Viertelstunde, wenn er mit irgend einem seltenen Stück endlich die klaffende Lücke seines Albums überkleben kann; der Sekundaner Heinrich Hagedorn würde Uhrmacher geworden sein, wenn er nicht nach seiner Eltern Wunsch studieren sollte: seine freien Stunden verbringt er mit Vorliebe bei einem ihm bekannten Uhrmacher, und seine höchste Freude ist es, wenn ihm dieser eine hundertjährige silberne »Rübe« zum Auseinandernehmen und Ineinandersetzen überläßt. Wir haben einen steinreichen Privatmann gekannt, welcher sein Dasein und seine Geldmittel fast ganz auf das Sammeln von alten Schuhen verwandte, für die er vom »kulturhistorischen Standpunkte« aus schwärmte. Ein andrer sammelte altes Porzellan, ein dritter hatte all sein Sinnen und Trachten schönen Meerschaumköpfen zugewandt, und so weiter in infinitum.

Auch der Sekundaner Friedrich Schlüter, bei seinen Mitschülern »Friedrich der Weise« tituliert, hatte sein Steckenpferd und, wie wir anerkennen müssen, ein sehr hübsches: er übte die Blumengärtnerei in dem kleinen Hausgarten, welcher sich hinter der Wohnung seiner Eltern befindet. Friedrichs Mama hatte von diesem Gärtchen nur zwei Rabatten für ihre Küchenkräuter, als Petersilie, Sellerie, Kerbel, Majoran, Bohnenkraut und Thymian, mit Beschlag belegt; den übrigen Raum überließ sie ihrem Sohne Friedrich für seine Schneeglöckchen, Maiglöckchen, Rosen, Nelken, Balsaminen und Astern.

Leute, welche Steckenpferde reiten, müssen sich leicht die Neckerei ihrer lieben Mitmenschen gefallen lassen. Also hatte auch Friedrich der Weise den Scherz seines älteren Bruders, des Oberprimaners Engelbert, zu ertragen, und er ertrug ihn als ein Weiser, das heißt mit Gelassenheit. »Friedrichs Garten,« sagte Engelbert z. B., »wird bald mit dem Jardin des Plantes der Pariser wetteifern. Man kann dabei auch an die Elysäischen Gefilde der alten Griechen denken. Wie wunderschön doch diese Beete abgezirkelt sind, gerade so, als wären sie nach einem alten Tonnenreifen abgestochen! Und dieses alte Regenschirmgestell mit den daran rankenden Feuerbohnen ist geradezu eine geniale Idee, auf welche jedes Patentbureau unzweifelhaft gern ein Patent verschaffen würde. Ich erblicke in unserm Friedrich schon den Regenerator der Gärten von Versailles und Kensington –«

»Was jedenfalls interessanter wäre,« fiel Friedrich der Weise gelassen ein, »als sich mit deinen widerlichen Skeletten von Fröschen, Mäusen und Ratten zu befassen, die du so großartig deine ›anatomischen Präparate‹ nennst!«

»Nur mit dem Unterschiede,« entgegnete Engelbert, »daß meine anatomischen Präparate wohlgelungen sind, während es deine Rosenzucht nur auf eine halb von Würmern zerfressene Rose und eine Knospe gebracht hat, die gar nicht aus der Knospe heraus will.«

Friedrich der Weise hielt es für das beste, zu schweigen. –

Eines seiner Beete hatte er mit einer Prise Blumensamen besäet, den ihm einst ein Gärtnerbursche als etwas ganz Rares verkaufte. Täglich wartete Friedrich auf das Aufgehen dieses Samens, wobei er gern die freundlichen Verse Goethes vor sich hin deklamierte:

»Das Beet, schon lockert
Sich's in die Höh',
Da wanken Glöckchen
So weiß wie Schnee;
Safran entfaltet
Gewaltige Glut,
Smaragden keimt es
Und keimt wie Blut.«

Ja, endlich keimte es, aber was da keimte, erschien Friedrich so seltsam, daß er betroffen den Kopf schüttelte. Zwei, drei Tage harrte er ungeduldig; als aber die Entwickelung dieser seltsamen Keime gar nicht voranschreiten wollte, da hob er einen Keim vorsichtig aus der Erde und erkannte einen – Heringskopf. »Engelbert,« rief er, »das ist dein Werk!« Trotzdem glückte dem schalkhaften Primaner noch einmal sein Spaß, als er – nunmehr Heringsschwänze hervorkeimen ließ.

Diese brüderlichen Neckereien ertrug der große Blumenliebhaber Friedrich mit Geduld und der ihm eigenen Weisheit; viel ärgerlicher war eine andre Geschichte, die ihm von drüben, vom Nachbargarten erblühte.

»Friedrich,« rief es eines Tages über den Lattenzaun, »sieh mal, was ich hier habe!«

Friedrich erhob sich von dem Nelkenbeete, auf welchem er die köstlich duftenden roten, weißen und fleischfarbigen Blüten an Stöckchen gebunden hatte und schritt nach dem Lattenzaun.

»Ich habe mir ein Hühnerställchen angelegt,« sagte sein junger Nachbar und Mitschüler Laurenz Rabeling. »Ein schneeweißer Hahn und sechs weiße Hennen, ist das nicht nett? Und legen tun die Hennen – ich sag' dir, Friedrich, seit gestern hab' ich fünf Eier aus dem Neste geholt. Das bringt was andres ein, als deine Blumenzucht; aber schließlich hält jeder sein Steckenpferd für das beste.«

»Das ist alles gut und wohl,« erwiderte Friedrich der Weise; »aber ich möchte dich bitten, deine Hühner für die Sommerzeit nett eingeschlossen zu halten, sonst kriechen sie durch den Zaun und zerkratzen mir meine Beete.«

Mit Entsetzen dachte Friedrich daran, daß in dem alten niederdeutschen Tier-Epos von Reineke dem Vos die Henne »Frau Kratzefuß« genannt wird. Schon sah er im Geiste die sechs Weißen seines Nachbars auf seinen Blumenbeeten kratzen, und in der nächsten Nacht erblickte er im Traum die weißen Hennen mit Kratzefüßen bewaffnet, so groß und fürchterlich wie Orang-Utanghände. Höchst verdrießlich wachte er auf und trat ans Fenster, das nach dem Garten schaute. Noch ging alles gut, kein Huhn war zu sehen.

Aber an einem der nächsten Morgen sollte er ein Trifolium von weißen Hennen auf seinem Asternbeete erblicken. Wütend rannte er in den Garten und verscheuchte durch ein Bombardement mit Kartoffeln und Rüben, die gerade zur Hand lagen, die frechen Eindringlinge und Kratzefüße.

»Laß doch den alten Zaun dicht machen!« schrie er dem jungen Herrn der Hühner gereizt zu. »Es ist euer Zaun, und wenn du deine dummen Tiere frei herumlaufen lassen willst, so hast du auch für eine ordentliche Absperrung zu sorgen, das ist deine Pflicht.«

Der Herr der Hühner, Laurenz Rabeling, lachte, ja lachte dem Herrn der Blumen ins Gesicht (was durchaus nicht nett war) und schrie zurück: »Ja, ja!«

Aber ein »Nein, nein!« wäre aufrichtiger gewesen; der Zaun wurde nämlich nicht gemacht, und Rabelings Hühner fuhren fort, in Friedrichs Gärtchen wirklich unliebsame Verwüstungen anzurichten.

Es war eines Abends, und Friedrich maß mit großen Schritten, aus denen seine Erregung sprach, die Dielen seiner Bude. Er sagte einen Monolog, gleich Schillers Tell, vor sich hin:

»Des Zaunes hohle Gasse ist die Pforte,
Wodurch Verwüstung schleichet in mein Reich,
Mein kleines Reich von Rosen, Lilien, Nelken.
Ich lebte still und harmlos mit des Feldes Lilien
Und fand mein Glück in ihrem Wachsen, Blühn;
Des Taues Tropfen in dem Kelch der Rose,
Er schien mir köstlicher als Diamant,
Der in der Krone funkelt eines Kaisers.
Da hat mir Drachengift ins Herz gegossen
Der Nachbar, der die Schar der Hühner
Nicht in Gesetzes Schranken weiß zu halten.
Wie rett' ich mich vor ihm, wie helf' ich mir?«

»He, du sprichst ja in Versen!« rief in diesem Augenblick höchst naseweis Friedrichs jüngster Bruder, der Sextaner Arthur, der die Bude mit ihm teilte.

»Ja, Arthur,« antwortete Friedrich mit einer Stimme, aus der die Erregung zitterte, »ich sinne über ein Mittel nach, durch welches ich die bösen Hühner aus meinem Garten vertreiben kann. Wenn mir das tragische Empfinden meiner Seele Verse in den Mund gelegt hat, ich weiß es nicht. Ein Mittel, ein Mittel, ein Königreich für ein Mittel! Laurenz muß den Zaun machen lassen, es ist sein Zaun, und ich bestehe auf meinem Recht. Einen Prozeß darf ich nicht anfangen, dazu bin ich zu jung, und die Eltern würden es nicht leiden. Aber ein andres Mittel, wo find' ich es?«

Sinnend durchmaß er die Stube. Plötzlich rief er: »Heureka! Ich hab's gefunden! Arthur, geh mal zum nächsten Krämer und hol ein Dutzend Eier!«

Der Sextaner Arthur zog die Stirn über der Nase kraus und plärrte: »Das mag ich nicht tun! Es ist ein Elend, der Jüngste in der Familie zu sein. Mama schickt mich mit der Oelkanne los; ich krieg' die alten Röcke und Hosen, die ihr abgelegt habt; in alle Läden muß ich laufen, oft mit Körben und Strohtaschen, und die Jungens lachen mich aus.«

»Komm, Bruderherz,« sagte Friedrich der Weise schmeichelnd, »tu mir den Gefallen. Du kannst ja deine grüne Botanisiertrommel umhängen, dann sieht die Sache ja ganz anständig aus.«

Dieser Vorschlag leuchtete dem Sextaner ein und er verstand sich dazu, ein Dutzend Eier von dem nächsten Krämer zu holen. Ein Stück Gerstenzucker, das ihm der gutmütige Verkäufer hatte zugeben wollen, wies Arthur entrüstet zurück. »Sieh, so was muß man sich gefallen lassen!« rief er seinem Bruder entgegen, als er mit den Eiern zurückkehrte. »Ich, ein Sextaner des königlichen Gymnasiums, und Gerstenzucker! Es ist einfach empörend. Wenn das die Sexta erführe!«

Friedrich der Weise beruhigte den Kleinen und versprach ihm, auch treu seine lateinischen Exerzitien nachzusehen, wenn er ihm noch einen Gefallen tun wolle. »Trag diese vier Eier zu Laurenz Rabeling hinüber,« sagte er, »und bestell ihm, daß seine Hühner diese Eier in den Buchsbaum meines Gartens verlegt hätten.«

Arthur ließ sich willig finden, in Aussicht auf die Hilfe bei den lateinischen Exerzitien.

Am zweiten Tage mußte derselbe kleine Bote drei Eier hinübertragen, mit derselben Bestellung; am dritten Tage zwei Eier und am vierten Tag den Rest von drei Eiern.

Am fünften Tage hatte Friedrich der Weise nicht nötig, neue Eier zu kaufen und zum Nachbar hinüberzuschicken, denn er sah, wie Laurenz Rabeling durch einen Zimmermann den Zaun so dicht machen ließ, daß keines seiner Hühner mehr ein Ei verlegen könne.

Friedrich der Weise rieb sich die Hände und sprach vergnügt zu sich selber: »Nein, kein Huhn wird mehr ein Ei verlegen, keines wird aber auch mehr in meinen Blumengarten schlüpfen und mir die Beete zerkratzen. So ist also der Zaun durch meinen überaus klugen Einfall ohne Klage, ohne Prozeß, ohne Gift und Mord hergestellt und kostet nur ein Dutzend Eier, die der Spaß reichlich wert ist. Aber sonderbar, daß ich diesen Monolog nicht in Versen spreche, wie damals in meinem Ingrimm?«

Bevor er sich noch Rechenschaft ablegen konnte, woher das komme, rief die helle Stimme des Sextaners aus dem Fenster: »Friedrich, bitte, sieh mir mein lateinisches Exerzitium nach!«

»Ich komme,« rief Friedrich der Weise zurück, entschlossen, seinen Vertrag treu zu halten.

 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.