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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Corvus Corax

Sämtliche hundertfünfundsiebzig Schüler des Progymnasiums zu Winkelhausen kannten den »Corvus Corax«, das heißt den zahmen Raben des Sekundaners Arnold Hoppensack. Er, der Rabe, empfing Besuche, wie ein großer Herr. Die Sextaner, die Quintaner, die Quartaner, Tertianer und Sekundaner machten ihm der Reihe nach ihre Aufwartung und belegten ihn mit Ehrentiteln wie »kapitaler Kerl«, »famoser Junge«, »gediegener Bursche«, »ein Vogelgenie«, »ein würdiger Nachfolger der Raben Wodans« u. s. w. Besonders gutmütige Seelen brachten ihm auch ein Stückchen Rindfleisch mit, das Corvus Corax mit seinem starken, scharfen Schnabel so durchzubeißen verstand, als sei es mit einer Schere durchschnitten. »Schneidiger Kerl« hieß er dann. Und in der Tat verdiente Corvus Corax all diese Ehrentitel. Er war ein Prachtexemplar seiner Gattung: kohlschwarz das Gefieder, mit stahlblauem, violettem und grünem Schimmer; der Schnabel, glänzend schwarz, stark gewölbt, von oben allmählich heruntergebogen, an der Spitze gezahnt; die Augen schwarzbraun; die stämmigen, grob geschilderten Füße schwarz, die Krallen stark und scharf. Mit dieser Prachtgestalt verband er verschiedene Tugenden: er war sehr zahm, lief auf dem Hoppensackschen Hofe umher, folgte seinem jungen Herrn aufs Feld, wo er auf Mäuse lauerte und sich gegen Hunde und Katzen verteidigte. Die Krone aller Vorzüge aber war: Corvus Corax konnte sprechen! Ja, mit tiefer Baßstimme konnte er sprechen wie ein Mensch: jung aufgezogen, hatte er sich von Arnold Hoppensack dazu abrichten lassen. Sein Lehrmeister hatte ihm in deutlicher Aussprache und täglich vielfacher Wiederholung monatelang einige Wörter vorgesprochen. Welche Wonne für Arnold, als der Rabe sie endlich deutlich nachsprach! Wie lauteten aber die Worte, die der geduldige Lehrmeister gewählt hatte? Ja, er hatte sie gewählt, nach reiflicher Ueberlegung: da Corvus Corax viel von den Angriffen heimtückischer Katzen und täppischer Hunde zu leiden hatte, so wollte Arnold ihm eine Parole in den Mund, das heißt in den Schnabel legen, welche diese vierfüßigen Gegner einschüchtern mußte. »Wart, ich will dich kriegen!« das waren die Worte, die Arnold dem Vogel einpaukte, und welche dieser endlich deutlich nachsprach.

War Corvus Corax in der Laune, seinen Besuchern, den Herren Sextanern, Quintanern, Quartanern, Tertianern und Sekundanern, die Worte entgegenzuschmettern: »Wart, ich will dich kriegen!« so durfte er gewiß sein, dafür den lautesten Applaus, die größte Bewunderung zu ernten.

Also war der Rabe des Sekundaners Arnold Hoppensack der erklärte Liebling aller Schüler des Progymnasiums zu Winkelhausen, der Stolz seines Besitzers. Es lief sogar unter den Schülern das Gerücht um, daß der Obertertianer Calixtus Täppken, der im geheimen dichtete, den Corvus Corax »ganz famos« besungen habe; das Gedicht begänne mit dem altgermanischen Göttervater Wodan und seinen beiden Raben Hugin und Wunin, die ihm auf den Schultern säßen und ihm alles, was in der Welt geschähe, ins Ohr flüsterten; was im Gedicht dann käme, könne man nicht recht verstehen, aber Calixtus Täppken behauptete, das müsse so sein, da es eine Nebeldämmerung schildern solle; am Schlusse, wo Corvus Corax auftrete, sei es wieder ganz schön. So erzählten sich die Schüler untereinander, und manch einer hatte in seinem Ovid oder Cäsar zwischen den Seiten eine schwarze Feder liegen, die dem Gefieder des bewunderten und geliebten Raben entstammte.

Man kann sich daher die allgemeine Bestürzung am Progymnasium zu Winkelhausen denken, als Arnold Hoppensack eines Morgens mit trauriger Miene verkündigte: »Mein Rabe ist mir entflohen!«

»Was? entflohen? Corvus Corax? Er war doch so zahm!« klang es sprudelnd von einem Dutzend Lippen.

»Ja, er war so zahm,« wiederholte Arnold, Wehmut in der Stimme, »Ich hätte es auch niemals gedacht, daß mir der Vogel entwischen würde. O, diese schnöde Untreue!«

»Wie kam denn die Geschichte?« fragten verschiedene Stimmen.

»O, er flog auf den dürren Apfelbaum, welcher in unserm Hofe steht. Das hatte er freilich schon öfters getan; aber diesmal war die Scheune des Nachbars abgebrochen und man konnte den Schmalohrwald sehen: Corvus Corax reckte den Hals, ein Gedanke von Freiheit mochte sein Hirn durchzucken, und wutsch! war er weg.«

»Tröste dich, Arnold, dann suchen wir ihn alle im Schmalohrwald; vielleicht kriegst du ihn wieder.«

Am nächsten freien Nachmittag zog fast das ganze Winkelhausener Progymnasium in den Wald, um den Raben zu suchen, zu locken. Vor dem Lärm stoben die Krähen nach allen Himmelsrichtungen auseinander, aber Corvus Corax war nicht darunter.

An einem nächsten freien Nachmittage durchstreifte man einen andern Wald. Vergebens. Der Förster beschwerte sich beim Herrn Gymnasialdirektor über den Spektakel, den die Jungen vollführten; es sei die reine Treibjagd, und sämtliche Hasen seines Herrn Grafen seien ausgerissen auf Nimmerwiedersehen. Da wurden die Waldpartieen vom Herrn Direktor verboten.

»Ein zahmer Rabe entflogen! Dem Wiederbringer eine gute Belohnung. Näheres in der Expedition dieses Blattes,« So las man am folgenden Tage in dem dreimal wöchentlich erscheinenden »Winkelhausener Volksblatt«, Organ für Wahrheit, Freiheit und Recht. Aber obgleich die Annonce auf dem Kopf stand, um mehr Aufsehen zu erregen, so war ihr Erfolg gleich Null.

Der große Dichter Calixtus Täppken dichtete eine »Elegie auf einen entflohenen Raben«, und Arnold Hoppensack ging in trüber Stimmung einher und sagte mit Salomo, alles in der Welt sei eitel.

Wo war der entwischte Vogel geblieben?

Corvus Corax hatte, vom Freiheitsdrang ergriffen – warum hatten ihm die Sextaner auch so oft vorgesungen: »Freiheit, die ich meine!« – seine erste Station wirklich im Schmalohrwalde genommen; noch am selben Tage aber hatte er seinen breiten Flügelschlag weiter gerichtet und in einem zwei Stunden entfernten Landhause, das wegen eines Prozesses leer stand, sein Standquartier aufgeschlagen. Sein gewöhnlicher Aufenthalt war ein offener Kamin, in welchem er mit Gemächlichkeit aus und ein flog. Die nahen Wälder, Felder und Wiesen boten Nahrung in Fülle, wie nur der verwöhnteste Rabenschnabel sie verlangen kann: Häschen, Waldhühner, Rebhühner, Mäuse, Maulwürfe, Käfer, Larven, Insekten, Regenwürmer, tote Fische, Frösche, Schnecken, junges Geflügel und als Dessert Vogeleier. Einmal hatte der Flüchtling, in dem Wipfel einer Eiche verborgen, einige Gymnasiasten locken und rufen hören: »Corvus Corax, wo bist du?« Er hatte es aber gemacht wie der Rabe in Webers Dreizehnlinden:

»Doch der Rabe schloß die Augen,
Wiegte seinen Kopf bedächtlich,
Stellte breiter seine Füße,
Kröpfte sich – und schwieg verächtlich.«

Die Freiheit war doch süßer als die Bewunderung der Herren Sextaner und Quintaner, die vom Pedellen noch was mit der Rute auf die Finger kriegten. Und der Kamin war doch ein komfortableres Quartier als der alte muffige Holzkasten auf dem Hoppensackschen Hofe!

Bald darauf wurde der Prozeß über das Eigentumsrecht des Landhauses entschieden, und der neue Besitzer, auf den die Redensart »mehr Glück als Verstand« vollkommen paßte, traf nun Anstalten, die notwendigen Ausbesserungen an der Villa vornehmen zu lassen. Da auch der Kamin, in welchem es unserm Corvus Corax so wohl gefiel, schadhaft war – wie die heruntergefallenen Backsteine bewiesen –, so schickte der neue Villenbesitzer einen Schornsteinfeger hinein, um ihn zu untersuchen. Dieser ließ prüfend seine aus dem schwarzen Ruß des Gesichts weiß hervorleuchtenden Augen hin und her rollen und stieg, ein Liedchen zwischen den Zähnen summend, in den oberirdischen Schacht hinauf; fast aber wäre er vor Schrecken heruntergepurzelt, als ihm plötzlich mit rauher Stimme die Worte ins Ohr gerufen wurden: »Wart, ich will dich kriegen!«

Die Handwerksleute, welche die Dielen der Zimmer ausbesserten, hörten von Zeit zu Zeit denselben drohenden Ruf, und da man, allen Spürens ungeachtet, nicht entdecken konnte, woher er rührte, so hieß es bald, daß es in der »Lappenburg« – so wurde das Landhaus nach seinem ersten Besitzer Lappe in der Umgegend genannt – spuke. Selbstverständlich wurden zu der geheimnisvollen Stimme noch glühende Augen, klirrende Eisenketten, unsichtbare eiskalte Hände, jämmerliche Klagelaute, tanzende Lichter und dergleichen Zutaten von Gespenstergeschichten hinzugefabelt – und zuletzt wollte niemand mehr in der »verwunschenen Lappenburg« arbeiten.

Dem Besitzer, der sich mächtig auf seine Villa gefreut hatte, war die Geschichte höchst fatal, und kurz darauf stand in dem dreimal wöchentlich erscheinenden »Winkelhausener Volksblatt«, dem »größten Blatte der Umgegend«, genau an derselben Stelle, wo einst die Raben-Annonce geprangt hatte, eine Bekanntmachung, welche demjenigen eine Belohnung von hundert Mark versprach, der den geheimnisvollen Eindringling ausfindig machen und vertreiben würde.

Als der Sekundaner Arnold Hoppensack diese Anzeige las, wußte er sogleich, daß sein herumvagabundierender Corvus Corax der Übeltäter sei. Auch einige Mitschüler kamen gelaufen und sagten atemlos: »Das bist du!« – »Nein,« antwortete Arnold mit guter Laune, »ich bin es nicht, wohl aber mein Rabe.«

Mit einem starken Sack versehen, um den Possenreißer darin unterzubringen, begab sich Arnold Hoppensack am andern Nachmittag, der glücklicherweise ein schulfreier war, nach dem verwunschenen Landhause. Als er dort mit Hilfe einer Leiter in den Kamin stieg – derselbe war nach Art alter Häuser recht weit –, wurde er mit demselben drohenden Rufe! »Wart ich will dich kriegen!« begrüßt.

»Ja, ich glaube,« antwortete kaltblütig unser Freund, »ich werde dich zuerst kriegen, mein Junge!«

Sobald der Rabe die Stimme seines jungen Herrn hörte, kam er, von alter Anhänglichkeit ergriffen, heruntergeflattert, einen Regen von Ruß mit sich führend, und es war Arnold ein Leichtes, ihn zu fassen und in den Orkus des Sackes zu versenken.

Draußen warteten voll Spannung einige Mitschüler. »Hast du ihn?« schrieen sie ihrem Freund entgegen. – »Hat ihm schon!« erwiderte Arnold fröhlich, den zugedrehten Sack über der Schulter.

Nunmehr stiefelte die Gesellschaft mit wahren Fortschrittsbeinen nach dem eine halbe Stunde entfernten Hofe des Landhausbesitzers. Die Mitschüler warteten wieder, treu wie eine Leibgarde, vor der Tür, während Arnold mit selbstbewußten Schritten eintrat.

Der Hausherr war, wie oben angedeutet, ein etwas einfältiger Mann; aber er war doch gescheit genug, daß er die Frage stellte: »Ja, wie kann ich aber wissen, daß du die Ursache aller dieser Unruhen wirklich entdeckt und beseitigt hast?«

»Bitte, stecken Sie die Hand in diesen Sack, wenn Sie mir nicht glauben,« antwortete der Sekundaner, indem er die Mündung seines leinenen Behälters ein wenig öffnete, ohne jedoch sehen zu lassen, was darin war. Der Hofbesitzer steckte seine Hand hinein, zog sie aber sogleich wieder zurück, als ihm die zornigen Worte: »Wart, ich will dich kriegen!« entgegenschallten.

Froh, die Ursache so vieler Unruhen, so fatalen Geschwätzes los zu werden und den guten Ruf der Villa gerettet zu sehen, zahlte er sehr gern die ausgesetzte Belohnung.

Arnold Hoppensack aber machte von den hundert Mark einen sehr edlen Gebrauch. Er übergab dieselben dem Herrn Direktor des Progymnasiums, damit dieser sie einem Fonds für arme, aber talentvolle Schüler, der an der Anstalt bestand, hinzufüge. Wenn Arnold auch selbst der Sohn reicher Eltern war, so hatte ihn seine glückliche Lage doch nicht verhärtet gegen das trübe Los ärmerer Mitmenschen.

Corvus Corax wurde in Winkelhausen »und Umgegend« noch berühmter, als er schon gewesen. Allerdings wurden ihm die Flügel ein wenig beschnitten, damit er nicht wieder den Ausreißer und den Spukgeist spiele. Calixtus Täppken aber brachte die ganze Geschichte in schöne Verse, die nur hie und da einen Fuß zu viel hatten.

 

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