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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Hochmut kommt vorm Fall

In jeder Gymnasialklasse befinden sich leider einige Schüler, welche gegen ihre Mitschüler eine gewisse Ueberhebung zeigen. Unter sich halten sie zusammen, besuchen sich auf ihren »Buden«, machen gemeinschaftliche Ausflüge, von denen sie später in der Klasse allerlei geheimnisvolle Andeutungen fallen lassen; sie bestreben sich, den Noblen zu spielen in Haltung und Kleidung und müssen immer was voraus haben vor ihren Mitschülern, gegen die sie abgeschlossen und hochnäsig sind. Meistens sind diese »Strunzmichel« der Klasse, wie man diese eingebildeten Burschen bei mir zu Hause nennt, oder wenn man will, diese principes scholae, nicht die besten, fleißigsten, talentvollsten Schüler; vielmehr sind sie in der Regel höchst mittelmäßige, ja oft sogar sehr beschränkte Köpfe, welche (der gütige Leser verzeihe mir meine Derbheit!) die Wahrheit des Sprichworts erhärten: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Der Rang, die gesellschaftliche Stellung oder der Reichtum ihrer Eltern ist nicht selten der Grund, worauf die Strunzmichel ihre Ueberhebung bauen. Tüchtige, hervorragende, fleißige Schüler finden sich aber ebenso oder öfter noch unter den Söhnen unbemittelter Eltern; bei allen Erfolgen, die sie erringen, bleiben solche Schüler bescheiden. Auch auf unsrer Sekunda des Gymnasiums zu Dingsda fehlten die genannten Strunzmichel nicht, ja, wir waren sogar sehr reich damit gesegnet. Ich will ihre Namen nicht nennen, sondern nur ihre Spitznamen anführen: Tarquinius Superbus, Albrecht der Weise, Großmogul, Stolzenfels, Junker Eitel, Lord Schwalbenschwanz, Spiritus asper. Unter diesen Namen sollen sie in meiner Geschichte spielen – einer wahren Geschichte, welche zeigt, wie diejenigen Schüler, welche immer was vorab haben wollen, auch einmal gründlich hereinfallen können. Uebrigens schreibe ich diese Geschichte sine ira et studio, ohne Gereiztheit und Voreingenommenheit, wie Tacitus sagt, denn Jahre sind bereits darüber verflossen und – ich lache so leicht und gern!

Unsre Sekunda machte im Sommer einen Klassenausflug. Ziel desselben war »Mußmanns Busch«, ein herrlicher Wald mit uralten Eichen und Buchen, und durchduftet von einer Fülle von Maiglöckchen, Geißblatt und andern Waldblumen. Da der Mensch, am allerwenigsten ein junger, nun aber nicht allein vom Anschauen des Eichengrüns und vom Einatmen des Blumenduftes lebt, so war ein Bauer, dessen Gehöft breit und stattlich am Saum des Waldes lag, so vernünftig gewesen, für diejenigen Sterblichen, die sich nach Speise und Trank sehnten, eine solide Wirtschaft in seinem Hause und Garten zu errichten, und ich muß zum Nachteil der Menschenwürde leider bekennen, daß sich die meisten Exemplare des Homo sapiens lieber und länger hinter den Kaffeekannen und Bierkrügen aufhielten, als beim Baumgrün und Blumenduft des Waldes.

Auch unsere Sekunda stürmte, nachdem sie den Wald mit einem kurzen Liede begrüßt und einer tausendjährigen Eiche eine flüchtige Huldigung dargebracht, wie ein Regiment, das zur Attacke geht, das Haus und den Garten des biederen Landmannes, der von seinen Vorfahren den Namen Mußmann ererbt und in der Taufe den Vornamen Christoph empfangen hatte. Christoph Mußmann hatte sich auf diesen Angriff vorbereitet – waren wir doch so vorsichtig gewesen, am Tage vorher ihm einen Eilboten zu senden, welcher unser Erscheinen verkündigt und von großem Mäusefraß und Raupenschaden gewitzelt hatte. So konnte es denn nicht fehlen, daß bald überall auf den Tischen die weißen Kaffeekännchen leuchteten, die dunklen Bierflaschen Schattenstriche dazwischen zogen, die Pfropfen knallten, die Gläser schäumend überliefen, – daß geschäftige Mägde mit riesigen Schüsseln voll Schinkenstullen rannten und die Hennen mit Angstgeschrei herumflatterten, weil sie ihre Nesteier bis auf das letzte hergeben mußten. Man konnte es recht gut beim Bauer Mußmann aushalten, für alle Ansprüche war bestens gesorgt, und hätte Vater Homer zwischen uns gesessen, er hätte ganz gewiß geschmunzelt:

»Nun erhebet die Hände zum lecker bereiteten Mahle!
Esset vom Marke der Männer, dem kräftigen Brote des Landmanns,
Das ihr vorher bestrichen mit nußkernsüßlicher Butter
Und mit Schinken belegt vom weißgezähneten Eber!«

Aber sieben waren unter unsrer Schar, welche in ihrem erhabenem Gemüte beschlossen hatten, Mußmanns Landbrot, Butter, Schinken, Kaffee und Homer links liegen zu lassen; sie wollten was voraus haben, sich heimlich »drücken«, auf Schleichwegen nach dem Dörfchen Erlenrode marschieren und daselbst im Wirtshaus »Zum goldenen Hecht« einen kleinen Privatkommers feiern. Diese Sieben waren: Tarquinius Superbus, Albrecht der Weise, Großmogul, Stolzenfels, Junker Eitel, Lord Schwalbenschwanz, Spiritus asper.

Gedacht, getan. Bald waren die Sieben aus unsrer Mitte verschwunden, ohne daß wir sie sonderlich vermißt hätten. Auch der uns begleitende Professor, ein guter alter Herr, dachte nichts Arges, sintemal Spiritus asper auf des Professors Frage: »Wohin, mein Bursch?« kühn behauptet hatte: »Botanisieren, Herr Professor!«

Während wir Dii minorum gentium uns an den Opferaltären Mußmanns vergnügten, stiefelten also die sieben jungen Hauptgötter durch Wald und Busch, über Wiesen und Hecken dem Dörfchen Erlenrode zu, dessen spitzes Schiefertürmchen ihnen als Wegweiser diente. Bald war das Ziel erreicht. In der tiefen Nachmittagsruhe eines sonnenheißen Tages lag das Dörfchen still, wie ausgestorben da.

»Bevor wir in der kühlen Stube des ›goldenen Hechtes‹ dem Gambrinus opfern,« sagte Tarquinius Superbus, »laßt uns die Sehenswürdigkeiten von Erlenrode in Augenschein nehmen; ich meine, man muß jede Gelegenheit ergreifen, sein Wissen zu bereichern.«

»Außer der Kirche und dem sogenannten Tiergarten,« warf Junker Eitel ein, »wüßte ich nichts, was Erlenrode bieten könnte – ihr müßtet denn die Kohlgärten für botanische Gärten und den Trödelladen von Meister Piepenbrink für ein Museum erklären. Dazu führt der Tiergarten seinen Namen, wie der bekannte Lucus a non lucendo, von dem Umstande, daß er keine Tiere enthält, außer ein paar vagabundierende Katzen und Bauernköter.«

»Gleichviel,« entgegnete Tarquinius Superbus mit Entschiedenheit, »wir nehmen die Sehenswürdigkeiten von Erlenrode in Augenschein. Wer mir folgen will, der folge!«

Sie folgten ihm alle, denn die Menschen sind nur zu geneigt, sich der Tyrannis zu fügen. Zunächst wurde die kleine Kirche besichtigt, die, wie Albrecht der Weise (der in Berlin Baufach studieren wollte) mit hochwohlweiser Miene versicherte, ein alter romanischer Bau aus dem zwölften Jahrhundert sein sollte. Der Fußboden war mit Leichensteinen gedeckt, auf denen Ritterbilder und Inschriften ausgemeißelt standen. Man suchte einiges zu entziffern, hielt sich ziemlich lange dabei auf und brachte doch nichts heraus. Darauf durchstreifte man den Tiergarten, jagte eine der vagabundierenden Katzen in einen hohen Eichbaum und lieferte ein paar kläffenden Bauernkötern ein kleines Bombardement mit Erdklumpen.

»Nun laßt uns endlich den ›goldenen Hecht‹ aufsuchen!« mahnte Stolzenfels gereizt; »die Zunge klebt mir am Gaumen; ich glaube, ich könnte das ganze Atlantische Meer austrinken.«

Bald saß man in der kühlen Stube des ländlichen Wirtshauses. Das Bier war vortrefflich. Heute durfte man's schon wagen – die da drüben, bei dem »dummen« Bauern, saßen ja auch beim Bier, sub auspiciis Professorum. Dieses Räuber- und Gendarmspielen, dieses Wannenspringen und andre Lustbarkeiten, welche die da drüben auf der großen Kuhweide anstellten, waren doch eigentlich recht kindisch und albern, ungeziemend für Sekundaner! Da war es entschieden studentischer und männlicher, in der kühlen, stillen Stube des »goldenen Hechtes« zu sitzen und – etwas Kommers zu üben . . .

Und doch – und doch sollte unsern Sieben ihre Secessio in montem sacrum (wie Lord Schwalbenschwanz ihre Abzweigung von der ganzen Klasse nannte) recht übel bekommen. Sie sollten wirklich etwas »vorab haben«.

Als sie nämlich gegen sechs Uhr nachmittags von Erlenrode aufgebrochen waren, um sich den übrigen Mitschülern bei Mußmanns wieder anzuschließen (es war doch gar zu verlockend, dort ein wenig mit ihrer Secessio zu prahlen), hörten sie unterwegs ein lautes Hallo und Schreien hinter sich. Sie blickten sich um und gewahrten einen Haufen von Bauern, die mit Mistgabeln, Dreschflegeln und andern landwirtschaftlichen Geräten bewaffnet waren.

»Das kann doch unmöglich uns gelten!« sagte der Großmogul.

»Lächerlich!« behauptete Tarquinius Superbus; »wir haben ja nichts getan, das diesen Bauernaufstand rechtfertigen könnte.«

»Sicherer ist sicherer,« meinte der kleine Stolzenfels; »ich glaube, wir täten gut, aus strategischen Rücksichten retrograde Bewegungen zu machen.«

»Nein, auf keinen Fall!« herrschte Tarquinius Superbus die Kameraden an; »wir sind es unsrer Ehre schuldig, hier Posto zu fassen, die biederen Landleute zu erwarten und sie zu fragen, was sie wünschen.«

Diese Ansicht gab den Ausschlag. Man erwartete festen Fußes den anstürmenden Haufen.

»Was wünschen . . .?« weiter kam Tarquinius Superbus nicht, als auch schon die Sieben von den aufgeregten Bauern umringt und angeschrieen waren.

»Sie hätten in der Kirche gestohlen,« schrie ein junger Bauer mit fuchsrotem Vollbart. »Ja, vier silberne Leuchter und sonst noch was,« schimpfte ein alter Mann mit schnurrbartdicken weißen Augenbrauen und setzte Albrecht dem Weisen seine Mistgabel auf die Brust. »Die Tür von Sakristei und Kirche hätten sie offen gelassen und sich dadurch verraten,« setzte ein kleiner, schwarzhaariger, quittengelber Mann hämisch hinzu. »Im Tiergarten hätten sie das gestohlene Gut vergraben – man hätte sie wohl durch die Büsche streichen sehen,« donnerte ein baumlanger Bauer sie an und schwang drohend seinen Dreschflegel über den Häuptern der Sieben. Und im »goldenen Hecht« hätten sie ihre Räuberlieder gesungen, versicherte ein Kerlchen mit einem Buckel; ja, auf der Straße hätten die Leute es deutlich gehört, wie sie drinnen in der Stube gesungen:

»Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voll der Wonne!
Der Wald ist unser Nachtquartier –«

und was das denn anders sei als ein Räuberlied! »Mit dem freien Leben,« schrie ein blaubekittelter Mann mit semmelblonden Haaren und zahllosen Sommersprossen im bartlosen Gesicht, mit dem freien Leben sei es fürs erste vorbei; arretiert, gefangen seien sie, sie müßten sofort mit nach Erlenrode zurück, vor den Bürgermeister, und von da nach der Amtsstadt, wo ihnen die gebührende Strafe blühen würde.

Was half's, daß unsre Sieben protestierten und sich wehrten, daß sie ihre ganze Würde und Hoheit ausspielten? Sie wurden von der rohen Gewalt in die Mitte genommen und zurück nach Erlenrode eskortiert.

Das ganze Dorf war auf den Beinen, als die »Kirchenräuber« eintrafen. Mütter hoben ihre Kinder empor, um ihnen die »bösen Menschen« zu zeigen. »Pfui, pfui!« rief ihnen ein altes Frauchen zu und schüttelte über die Verderbtheit der jungen Leute ihr greises Haupt. Hunde hefteten sich an ihre Fersen und verfolgten sie mit wütendem Gekläff. Bursche des Dorfes bedrohten sie mit geballten Fäusten, Mägdlein des Dorfes verhüllten ihr Gesicht – bis an die Augen – scheu mit der Schürze, als diese jungen Kirchenräuber bestaubt, zerzaust vorübergeführt wurden.

Der Bürgermeister Hornnickel sei noch nicht da, hieß es; er sei auf dem Felde, doch werde er in einer halben Stunde zurück sein.

»Ins Spritzenhaus mit den Verbrechern!« kommandierte eine brüllende Stimme – man wußte nicht, woher sie kam.

Wenige Augenblicke später öffneten sich die Flügeltüren des Spritzenhauses vor den Sieben; sie wurden mit Droh- und Schimpfworten hineingestoßen; dann schlossen sich die Türen wieder, ein Schlüssel knarrte einmal, zweimal im Schlosse – und die Sieben sahen sich zwischen rostigen Brandspritzen allein in dem dämmerigen Raum. Gott sei Dank, allein!

Jedwede Großhansigkeit war ihnen bei der Behandlung, die ihnen zu teil geworden, bei dem Verdachte, der auf ihnen lastete, entschwunden. Wie, wenn sie diese Nacht im Spritzenhause bleiben mußten? Wenn sie heute abend nicht nach Hause, morgen früh nicht nach der Schule kamen? Was sollten die Eltern, was die Lehrer denken? Man würde ein Unglück vermuten, Boten würden ausgesandt werden, die Zeitungen würden sich der Sache bemächtigen: Rätselhaftes Verschwinden von sieben jungen Leuten u. s. w. Fatale Geschichten! Diese und andre Gedanken tauschten die Sieben ziemlich kleinlaut untereinander aus.

Uebrigens wäre der Aufenthalt im Spritzenhause gar nicht so übel gewesen – besser als der Transport nach Erlenrode und durch das Dorf –, wenn nicht fortwährend die Dorfjungen an den vergitterten Fenstern emporgeklettert wären, um »die Kirchenspitzbuben« anzugaffen. Dieses ging übrigens nicht so einfach, denn die Fenster lagen hoch und jeder der Dorfjungen wollte die Inhaftierten zuerst sehen. Einer stellte sich auf den gekrümmten Rücken des andern, und wenn der eine eben seine schmutzige Stumpfnase an das Gitter gedrückt hatte, dann riß ihn ein dritter herunter, weil er selbst an die Reihe kommen wollte. Zuletzt entwickelte sich unter den Schaulustigen eine regelrechte Keilerei, die ob des damit verbundenen Geheules für die da drinnen widerlich anzuhören war. Endlich knarrte wiederum der Schlüssel im Türschloß: ein Mann mit »schnurrigbärt'ger Miene« und einer Polizeimütze auf dem dicken Haupte erschien und stieß barsch nur die zwei Worte hervor: »Zum Bürgermeister!«

Der strenge Herrscher des Dorfes war vom Felde gerufen worden, wo er Kohl gepflanzt hatte. Daher die Verzögerung. Zur Feier des Tages – oder vielmehr des Abends – hatte er sich die erdigen Hände gewaschen und sich in seinen altväterlichen schwarzen Tuchrock geworfen; nun konnte das wichtige Amt des Untersuchungsrichters beginnen. Lange dauerte das Verhör, und obgleich die Sieben wiederholt ihre Unschuld beteuerten, erklärte der Gestrenge mit der erbarmungslosen Miene eines Alba, die Frevler müßten nach dem Amtsgericht in Rumpolzhausen geschafft werden. Die Beweise seien gravierend: »Der Küster Hasenkämper hat Sie von seinem Hause aus beobachtet, wie Sie in die Kirche gingen; Ihr langes Verweilen daselbst ist ihm aufgefallen; er hat endlich gesehen, wie Sie ziemlich eilfertig die Kirche verließen und sich nach dem Tiergarten wandten. Anfangs hat er zwar noch keinen Verdacht gehabt; als er aber nach einer halben Stunde, seiner inneren Unruhe nachgebend, die Kirche betrat, fand er die Sakristeitür offen stehend – fand er einen Schrank in der Sakristei selbst geöffnet; dann gewahrte er zu seinem Entsetzen, daß mehrere kostbare Geräte fehlten. Von der Kirche sind Sie nach dem Tiergarten gegangen, offenbar um dort die Beute zu vergraben. Im Tiergarten haben Sie die Hunde, die auf Ihrer Fährte waren, mit Erdklumpen verscheucht. Wo haben Sie diese Erdklumpen hergenommen, he? Entschieden aus der Grube, die Sie zur Aufnahme der Schätze wählten! Im ›goldenen Hecht‹ haben Sie, froh des gelungenen Raubes, ein Gelage gefeiert. Die Wirtin, eine über allen Zweifel erhabene Person, hat wiederholt gehört, wie Sie sich bei Ihren Gaunernamen angeredet haben: Großmogul, Spiritus, Stolzenfels, Junker Eitel u. s. w. So heißen keine ehrlichen Christenmenschen! Und dann die schändlichen Räuberlieder, die Sie gebrüllt haben – man hat es bis auf die Straße gehört. Schneider Finkenbrink und Schuhmacher Brahmeier sind Zeugen, ›Ein freies Leben führen wir, ein Leben voll der Wonne‹ – ist doch kein Kirchenlied! Und aus einem Liede wie dieses: ›Steh' ich in finstrer Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht‹ – kann man mit Händen den Helfershelfer der Spitzbuben greifen, der Schmiere steht, wie man das so nennt, während seine Kollegen den Einbruch verüben. Kurzum, die Beweise sind derart, daß ich es vor meiner hohen Behörde nicht verantworten kann, wenn ich Ihnen das Amtsgericht zu Rumpolzhausen erspare.«

Das Schicksal der Sieben war besiegelt. Auf einem rüttelnden, schüttelnden Leiterwagen wurden sie durch sieben handfeste Männer zu dem eine Stunde von Erlenrode gelegenen Sitze des Amtsgerichtes geschafft. Bei dieser Fahrt auf dem Leiterwagen in dämmeriger Abendstunde überkam die Sieben eine gelinde Verzweiflung; aller Humor war ihnen ausgegangen und in dumpfem Hinbrüten saßen sie neben ihren tyrannischen Wächtern, welche ihnen aus kurzen Pfeifen den Dampf eines ganz greulichen Tabaks um die Nase jagten.

Endlich langte das Fuhrwerk im Amtsstädtchen an. Das Gerücht von der Einlieferung einer »Bande Kirchenräuber« hatte sich bereits – der Himmel weiß, wie – in Rumpolzhausen verbreitet. Daher war die Menschenmenge auf den Straßen keine geringe, nur daß sie aus Furcht, unter die Räder des Leiterwagens zu geraten, nicht so dicht heran drängte wie in Erlenrode. Aber dafür hagelten desto dichter die Schimpfwörter auf die Häupter der armen Sieben.

Alle Fenster waren geöffnet, alle Zimmer dahinter erleuchtet, und in allen Fenstern lagen Leute, welche der Einlieferung der jungen Verbrecher zuschauten.

Nachdem der Leiterwagen lange auf dem holperigen Pflaster von Rumpolzhausen hin und her geschwankt war, wie ein lavierendes Schiff inmitten der Wogenberge, hielt er vor dem Gefängnisse, das den klassischen Namen »Zum Pittermann« führte. (Im Pittermann zu sitzen, war den Rumpolzhäusern der Gipfel der Schmach!) In dem düsteren Gebäude war bereits alles zur Aufnahme der Verbrecher bereit. Dieses »alles« war freilich nur ein Strohlager auf den Dielen und ein Krug Wasser. Aber für den Augenblick war es den armen Sieben ein und alles, da sich ihre gerüttelten, geschüttelten Glieder nach Ruhe sehnten, ihre trockene Kehle nach einem frischen Schluck verlangte. Also tranken sie und streckten sich dann schweigend auf das primitive Lager; hier suchten sie bei dem bekannten Tröster aller Unglücklichen, dem Schlafe, Trost. Es mochte gegen die zehnte Abendstunde sein, als plötzlich die Tür des Arrestlokals geöffnet wurde, der Lichtschein einer Laterne hineinfiel und eine Stimme sagte: »Meine jungen Herren, Sie möchten ins Amtsgebäude kommen, der Herr Amtsrichter wünscht Sie heute abend noch zu sprechen, da eine günstige Wendung in Ihrer Angelegenheit eingetreten ist.«

Jauchzend sprangen die Sieben von ihrem Strohlager auf, der plötzliche Wechsel vom tiefsten Leid zur höchsten Freude machte sie förmlich wild; sie sanken sich einander in die Arme, weinten und lachten zu gleicher Zeit. Dann folgten sie dem Polizeidiener, der sie in das Bureau des Herrn Amtsrichters führte.

Neben dem Amtsrichter, einem würdigen Herrn im mittleren Lebensalter, saß ein alter silberhaariger Pfarrer, dessen Gesicht von Gutmütigkeit und Jovialität glänzte.

»Meine jungen Herren,« sagte der Amtsrichter freundlich, »Ihre Angelegenheit hat sich völlig aufgeklärt, jedweder Verdacht ist von Ihnen genommen. Schon Ihre Namen – ich meine Ihre elterlichen Namen, nicht Ihre burschikosen Spitznamen – geben mir Bürgschaft, daß Sie des Verbrechens, dessen man Sie beschuldigt, nicht fähig sind; ich kenne die Eltern von Ihnen allen seit langen Jahren, stehe sogar mit den meisten in freundschaftlichem Verkehr. Dieser Herr hier ist der Pfarrer von Erlenrode. Da derselbe heute nachmittag eine unerwartete Dienstreise antreten mußte, so begab sich Hochwürden vorher noch schnell in die Erlenroder Kirche, beziehungsweise die Sakristei, und brachte einige wertvolle Gegenstände behufs größerer Sicherheit in seine Wohnung. Da es in Eile geschah, so ließ Hochwürden unglücklicherweise sowohl die Tür des Schrankes als die der Sakristei offen stehen. Es muß kurz vor oder nach Ihrem Besuche der Kirche gewesen sein. Der Küster hat von dem Gange seines Vorgesetzten nach der Kirche nichts gewußt. Als er nun später die beiden Türen offen fand und die wertvollen Gegenstände vermißte, machte er im Dorfe Alarm, das heißt zuvor begab er sich auf das Feld hinaus, den Bürgermeister von Erlenrode zu benachrichtigen. Dadurch gewannen Sie Zeit, Ihren Kommers zu feiern, bei dem Sie Ihre vermeintlichen Räuberlieder sangen. Was wissen unsre guten Erlenroder auch von Schiller und Eichendorff? Was folgte, wissen Sie. Ich traf den Herrn Pfarrer von Erlenrode auf einem kleinen Abstecher, den ich heute nach dem Flecken Meisenheim unternahm, und Hochwürden waren so freundlich, meine Einladung nach Rumpolzhausen auf Abendessen und Nachtquartier anzunehmen. Sehen Sie, so hat sich alles aufs beste für Sie gefügt. Als wir vor einer halben Stunde hier eintrafen, wurde uns die Liste der eingelieferten Missetäter vorgelegt. Alles klärte sich auf. Sie sind frei! Ich habe bereits einen Wagen bestellt, der Sie nach Ihrer Stadt zurückfahren soll. Hoffentlich sind Sie noch vor Mitternacht da, was Ihren Eltern und Lehrern große Sorge ersparen würde. Und nun ziehen Sie eine Lehre aus dieser Geschichte, eine Lehre, die ihnen ein älterer, wohlmeinender Freund gibt! Halten Sie nächstens zu Ihrer Klasse, wenn Sie mal wieder einen Ausflug machen; streben Sie nicht, etwas vorab haben zu wollen, es sei denn in litteris; glauben Sie nicht, daß Sie besser seien als andre; schließen Sie sich der Gemeinschaft, der Allgemeinheit an und seien Sie Ihren Mitschülern gute, aufrichtige, treue Kameraden!«

Die Sieben fühlten, daß sie diese Standrede verdient hatten. Ziemlich kleinlaut ließen sie die Köpfe hängen, bis Tarquinius Superbus sich ein Herz faßte und dem Herrn Amtsrichter und Seiner Hochwürden in wohlgesetzten Worten seinen und seiner Kameraden besten Dank für die Befreiung und alles Wohlwollen abstattete.

Und dann rasselte draußen ein Wagen vor das Haus. Die Sieben kletterten in das Fuhrwerk (es war nicht der fürchterliche Leiterwagen, sondern ein leichtes Jagdgefährt) und sie fuhren mit erleichtertem Herzen und guten Vorsätzen der Stadt zu, wo sich die Stätte ihrer Bildung befand.

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