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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Meine eigene Stube

»In der neuen Wohnung, die wir am 1. Juli beziehen,« sagte meine Mutter während des Mittagessens, »soll unser Theodor auch eine eigene Stube bekommen.«

»Das kann mir gefallen,« bemerkte mein Vater; »denn, aufrichtig gestanden, liebe Frau, es ist recht störend für unsern Untersekundaner, wenn er, wie bisher, in Gegenwart von Linchen und Minchen, von Hänschen und Fränzchen, von Rosalie und Amalie studieren muß. Die Anforderungen der Schule werden immer größer, und der Lärm der jüngeren Geschwister wird immer lauter.«

»Eine eigene Stube!« jauchzte ich und legte die Gabel mit dem Kartoffelkloß (mein Leibgericht!) wieder auf den Teller; »eine eigene Stube – o, lieber Vater, liebe Mutter, wie freu' ich mich darauf! Eine größere Freude hättet ihr mir wirklich nicht machen können! Von Herzen bin ich euch dankbar, und ihr sollt sehen, wie fleißig ich auf meiner eigenen Bude ochsen – ich wollte sagen, auf meiner eigenen Stube studieren werde! Es geht auch gar nicht mehr in der Wohnstube, bei den kleinen Kindern. Noch gestern hat Hänschen einen Maikäfer ins Tintenfaß gesteckt, ohne daß ich es bemerkte; das arme Tier hat sich dann wieder herausgekrabbelt und ist mit seinem tintennassen spitzen Hinterteil und seinen sechs triefenden Beinen über mein griechisches Pensum gekrochen, das zum Trocknen auf dem Tische lag. Ihr hättet sehen sollen, wie die schöne Reinschrift zugerichtet war! Kreuz und quer zog sich die schwarze Marschroute des unglücklichen Käfers über meine feine Schreiberei. Ich habe natürlich das Blatt herausreißen und alles von neuem machen müssen. Aber während ich damit beschäftigt war, zankten sich Linchen und Minchen um den Besitz eines blanken Messingknopfes; sie griffen sich in die Haare, rissen und bissen sich, schrieen und spieen – es war schier zum Verzweifeln für mich. Ich hab' die Kröten zwar auseinander getrieben, aber da kamen Rosalie und Amalie vom Hofe herein, und Rosalie und Amalie, Linchen und Minchen verbündeten sich und warfen mich fortwährend mit Papierkugeln. Und dabei soll man griechische Arbeiten machen! Ich glaube, kein Untersekundaner auf sämtlichen Gymnasien des Deutschen Reichs hat unter solch ungünstigen Bedingungen zu studieren – –«

»Na, na,« beschwichtigte mein guter Vater meinen unwillkürlich zu Tage tretenden Ingrimm; »alle diese Verdrießlichkeiten und Störungen werden ja aufhören, sobald du deine eigene Stube beziehst.«

Die Worte »eigene Stube« legten sich sofort wie ein lindernder Balsam auf meine Reizbarkeit; ich nahm sogar die Gabel mit dem aufgespießten Kartoffelkloße wieder in die Hand, um die Mahlzeit fortzusetzen.

»Aber stell dir nur nicht zu viel von deiner eigenen Stube vor, Theodor!« bemerkte meine Mutter; »ich kann dir in der neuen Wohnung nichts andres einräumen, als eine Dachstube.«

»O, das macht nichts!« erwiderte ich aus aufrichtigem Herzen. »Dachstuben können auch recht gemütlich sein. Da hat z. B. der Bruder Tuck, ich wollte sagen unser Mitschüler Ewald Spitzer, eine Bude unter den Pfannen, die mir immer ganz ausnehmend gefallen hat. O, da oben kann man sich in die unsterblichen Geisteswerke der Hellenen und Römer versenken – da oben, wo man über den Lärm der Straße, über das Platte, Gemeine, Alltägliche des Lebens hoch emporgehoben ist, hinauf in die reineren Lüfte! Weihestunden, sagt Bruder Tuck, hätte er auf seiner Dachstube genossen. Es geht freilich etwas hoch hinauf, aber der fidele Tuck weiß sich darüber mit den Worten des Dichters zu trösten:

›Auf dreimal dreißig Stufen steigt
Der Pilgrim zu der steilen Höhe.‹

Und heiß ist es auch da oben unter den Pfannen zur Sommerzeit; aber Tuck sagt, da werde man die tropische Hitze, die afrikanische Kamerun-Temperatur gewohnt, so daß man später eine Stelle in den deutschen Kolonien annehmen könne. Als im Winter die Temperatur auf der Dachstube ins Gegenteil umgeschlagen war, so daß uns die Nase zusammenfror, wenn wir Luft dadurch einzogen, da wußte Tuck sich auch zu trösten: das sei die richtige Temperatur für einen jungen Mann, bemerkte er lachend, der später an einer Nordpolexpedition teilnehmen wolle. Und ob die verschneiten Dächer und Giebel der Nachbarhäuser, die man aus seinem Fenster übersähe, nicht an eine herrliche Nordpollandschaft erinnerten? Am schönsten finden wir's da oben zur Frühlingszeit: dann herrscht auf der Bude eine angenehme Luft; dann hat Bruder Tuck auf der Fensterbank einen Kasten mit buntblühenden Erbsenranken stehen; dann singt er mit jodelnder Stimme: »Unterm Dache, unterm Dache hat der Sperling seine Jungen«; er genießt in den lauen Nächten ein entzückendes Konzert, wenn nämlich »ein Schwarm geschwänzter Gäste von den nächsten Dächern steigt«. Zu allen Jahreszeiten aber wallen ins Dachstübchen hinauf die Fettdämpfe, welche den Oelpfannkuchen und den Kalbsbraten der Frau Bolte, der Hauswirtin Tucks, entströmen; Tuck sagt dann lachend, diese Fettdämpfe erinnerten ihn lebhaft an die Hekatomben der alten Griechen – und seine Dachstube wär' eigentlich ein famoser Platz für den olympischen Zeus gewesen, der ja immer Fettdämpfe als Opfer hätte schnobbern müssen . . . Eins muß ich euch noch erzählen, liebe Eltern; wenn Bruder Tuck ein Krüglein Bier nach oben haben will, dann schlägt er bloß mit einem Holzscheit draußen an das Treppengeländer: ›Bum, bum!‹ worauf die Hauswirtin die dreimal dreißig Stufen hinaufklimmt und das Krüglein auf den Tisch stellt. ›Moses,‹ so pflegt Bruder Tuck zu sagen, ›schlug mit dem Stabe Wasser aus dem Felsen; ich schlage mit einem Holzscheit Bier aus dem Treppengeländer.‹«

»Dein Bruder Tuck,« erwiderte mein Vater lachend, »scheint mir ja ein recht fideler Junge zu sein; er versteht es wirklich, seiner Dachstube die heitersten Seiten abzugewinnen. Ich lobe mir eine derartige humoristische Auffassung beschränkter Verhältnisse – eine Auffassung, die von Genügsamkeit und innerer Zufriedenheit zeugt. Dein Bruder Tuck hat das Dichterwort wahr gemacht:

›Allem läßt sich abgewinnen
Eine Seite, wo es glänzt;
Und was kein Verstand aussinnen
Kann, hat Phantasie ergänzt.‹«

»Nur das Manöver mit dem Holzscheit,« warf meine Mutter lächelnd ein, »will mir nicht zusagen; wenigstens braucht's unser Theodor nicht nachzumachen. Er würde sich vergebens bemühen, Bier aus dem Treppengeländer zu klopfen – denn ich würde auf das »Bum, bum!« die dreimal dreißig Stufen wahrhaftig nicht hinaufklimmen.«

»Ich werde dir das auch nicht zumuten, lieb' Mütterchen,« entgegnete ich; »die Stube, die eigene Stube ist mir die Hauptsache, und die macht mich, ich will's dir sagen, ganz glücklich. Ich sehe mich im Geiste schon dort oben thronen, wie den glücklichen Polykrates:

›Er stand auf seines Daches Zinnen
Und schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.‹«

Alle lachten über das Pathos, womit ich diese Verse vortrug. Vater bemerkte heiter:

»Na, du scheinst deinem Bruder Tuck in der humoristischen Auffassung von Dachstuben Konkurrenz machen zu wollen . . . Aber nun laßt uns das Dankgebet sprechen, denn ich sehe, daß wir alle abgespeist haben.«

Fränzchen sprach mit lauter Stimme das Dankgebet – und so endigte diese denkwürdige, mir so erfreuliche Mittagssitzung. –

Drei Monate trennten uns noch von dem Umzug in die neue Wohnung – trennten mich noch von dem Besitz einer eigenen Stube. Die Zeit schlich mir, wenn ich an diese Stube dachte, recht langsam dahin. Andrerseits war es mir nicht unangenehm, von dieser Stube zu träumen – wie ich sie einrichten würde, wie ich die Wände mit Bildern schmücken, die Fensterbank mit einem Blumenkasten versehen wollte. Ob ich nicht über der Stubentüre ein Schild anbringen sollte mit dem »Salve« der Römer? Halt! auf die Dielen vor der Türe konnte ich mit Oelfarbe die römische Warnung malen: »Cave canem! Nimm dich in acht vor dem Hunde!« Denn unser Pollo, das stand fest, sollte mir dort oben Gesellschaft leisten. Wie wär's, wenn ich die ganze Bude mit pompejanischem Rot anpinselte? Und auf dem Rot weiße Gipsmedaillons befestigte? Aber Rot ist nicht angenehm für die Augen – nicht so angenehm als Blau, namentlich Ultramarinblau. Mein Mitschüler Anton Laufkötter, zubenannt der »Heuschreck« wegen seiner langen Beine und Arme, hatte eine Bude ganz in Blau – aber da ulkten die Mitschüler immer darüber, indem sie die Bude, »die blaue Grotte von Capri« nannten. Also nicht blau! Am besten war' noch eine graue Tapete, und da drauf die Schmetterlingskasten mit den Glasdeckeln. Die bunten Schmetterlinge mußten sich prächtig von der grauen Tapete abheben. Ach ja! Und auf ein Postamentchen müßte ich einen Blumentopf mit Epheu setzen, und der Epheu müßte sich um die Schmetterlingskasten ranken. Ja, ja! Das würde sich herrlich machen und ein Stückchen Natur ins Zimmer bannen . . . So träumte ich – ohne zu bedenken, daß der Stand meiner Kasse sich nur auf siebzig Pfennige belief! Man sieht, die zukünftige Dachstube hatte in meinem Kopfe bereits eine bedenkliche Ähnlichkeit mit einem Luftschlosse angenommen!

Endlich waren die drei Monate um, endlich führte die rosenfingerige Eos den 1. Juli herauf. Schon um sechs Uhr früh begann unser Umzug. Ach, wie gerne hätte ich mitgeholfen! Aber ich mußte zur Schule – und obendrein sollten wir eine Klassenarbeit in Mathematik machen – – in Mathematik, worin ich, offen gestanden, herzlich schwach war. Ich suchte meinen trüben Sinn durch ein klassisches Citat zu stählen, und dieses Citat war das Herdersche: »Was die Schickung schickt, ertrage! Wer ausharret, wird gekrönt.« Und in der Tat wurde ich gekrönt, wie weiland Placitus, ein edler Feldherr – nur etwas anders: die mathematische Aufgabe war diesmal so leicht, daß ich sie lösen konnte; und als ich mittags nach Hause kam, fand ich in der neuen Wohnung, oder vielmehr hoch über derselben, eine wirklich allerliebste Dachstube – meine eigene Stube! Sie war hinreichend geräumig und hell, mit einer hübschen hellgrünen Tapete beklebt – meine Schmetterlingskasten und der Epheu würden sich gut auf dieser Tapete machen, dachte ich sofort; die beiden Seitenwände waren allerdings nach oben etwas abgeschrägt – aber sah das nicht aus wie ein Ansatz zum gotischen Baustil? Das einzige Fenster gewährte die Aussicht auf ein Chaos von Giebeln, Dächern und Schornsteinen – wahrhaftig, wenn das alles erst mit Schnee überzogen war, dann war es die reinste Alpenlandschaft: hier das Dach mußte den Montblanc, dort der Giebel die Jungfrau, weiter der Schornstein das Schreckhorn vorstellen! O, es war eine allerliebste, trauliche, urgemütliche, hochpoetische Bude!

Da wir am Nachmittag keine Schule hatten, so begann ich sofort mit der Aufstellung meiner Sachen. Zunächst schleppte ich mit Hilfe eines Schreinerlehrlings den Bücherschrank und die Bücher die Treppe hinauf, welche glücklicherweise etwas weniger als dreimal dreißig Stufen hatte. Dann folgten ein Tisch und vier Stühle; hierauf das Bett, endlich meine Schmetterlingskasten. Der Schreinerlehrling, ein aufgeweckter, fuchsroter Junge mit Stülpnase und zahllosen Sommersprossen, der den ganzen Nachmittag bald sang, bald flötete: »Sonst spielt' ich mit Scepter, mit Kron' und mit Stern« – rückte, klopfte, hämmerte, schob, paßte, stellte alles so nett und einsichtsvoll, daß ich ihm das Kompliment machte, es wäre gut, daß er nicht mehr mit Scepter und Krone zu spielen hätte, daß er vielmehr ein flinker, tüchtiger Schreinerlehrling geworden sei. Und als er nun gar meine Schmetterlingskasten und Bilder recht hübsch an der Wand geordnet hatte, da fühlte ich ein so dankbares Aufwallen in meinem Busen, daß ich dem Burschen mein letztes Fünfzigpfennigstück als Trinkgeld schenkte. Zum Dank dafür schlug der Junge dreimal Rad auf meiner Stube, woraus man ungefähr die Größenverhältnisse der letzteren ermessen kann.

Am Abend war die Bude vollständig eingerichtet. Vater und Mutter, Linchen und Minchen, Hänschen und Fränzchen, Rosalie und Amalie, endlich die Magd Lisette, alle kamen nach oben und äußerten ihre Ueberraschung über die nette Stube.

Ich hatte also eine eigene Stube, endlich! Wer war froher als ich? Abends lag ich fast bis Mitternacht in dem offenen Fenster, blickte zur Mondsichel auf und ließ mir die kühle Nachtluft um die Stirne streichen; süße Träume erfüllten mein Herz: hier in der traulichen Einsamkeit und Stille wollte ich fleißig, recht fleißig sein, so daß meine Eltern Freude an mir hätten; hier wollte ich mich in Schillers herrliche Dramen, in Stifters hochpoetische »Studien« versenken; hier wollte ich auch selbst den Pegasus besteigen . . . Als die Glocke vom uralten Liebfrauenturme Mitternacht verkündigte, legte ich mich gerade als der hoffnungsseligste Jüngling des Deutschen Reichs zu Bett.

Meine eigene Stube blieb acht Tage lang meine Wonne, meine Seligkeit, da bereitete sie mir den ersten Verdruß, die erste Enttäuschung.

Als ich nämlich am neunten Tage, mittags, nach Hause kam und singend meine Stube betrat, sah ich den halben Fußboden mit – Zwiebeln bedeckt. »Was bedeutet denn das?« sprach ich unwillig zu mir selbst. Ich stellte meine Bücher ins Büchergestell, schleuderte verdrießlich ein halbes Dutzend Zwiebeln, das mir im Wege lag, mit der Spitze des Stiefels bis hinten unter das Bettgestell und begab mich mit gerunzelter Stirn hinab in die Wohnstube. Hier saß die Familie bereits um den Mittagstisch versammelt.

»Mutter, was bedeutet denn das,« platzte ich sofort in gereiztem Tone los, »daß auf meiner eigenen Stube der ganze Fußboden mit Zwiebeln belegt ist?«

»Wie du übertreiben kannst, Theodor!« entgegnete meine Mutter äußerst gelassen; »der ganze Fußboden ist es nicht, sondern nur ein bescheidenes Eckchen.«

»Ein nettes, bescheidenes Eckchen! Jedenfalls sieht die Stelle aus wie eine richtige Zwiebelrabatte. Wer hat die Dinger auf meine Stube geschleppt – und was sollen sie da?«

»Die Zwiebeln hat Lisette dorthin gelegt – und sie sollen da nachtrocknen.«

»Lisette?« fragte ich mit gedehnter Stimme,

»Jawohl, Lisette – aber auf meinen Befehl,« erwiderte Mutter in strengem Tone.

»Ist denn auf dem Söller nicht Platz genug zum Nachtrocknen dieser Knollengewächse?« wendete ich ärgerlich ein.

»Platz wohl,« antwortete Mutter, »aber es sind auch Mäuse dort, welche uns die Zwiebeln auffressen. Und da Vater sie nun so gern ißt, z. B. am Hammelbraten –«

Damit war mein Vater, die erste Autorität der Familie, in die Debatte gezogen. Mutter hatte sich einer Kriegslist bedient. Vater räusperte sich denn auch alsbald und bemerkte, zu mir gewandt:

»Ich begreife nicht, Theodor, wie du dich über die paar Zwiebeln so ereifern kannst! Man muß doch einen Platz zum Trocknen derselben haben! In die beste Stube, auf den Brüsseler Teppich, können wir sie doch nicht legen! Auf dem Söller werden sie, wie du hörst, von Mäusen gefressen; da lag es doch nahe, daß Mutter deine Stube in Anspruch nahm. Uebrigens dauert das Trocknen der Zwiebeln ja auch nur wenige Wochen.«

»Und während derselben,« entgegnete ich weinerlich, »kann ich niemand von meinen Freunden auf meine Stube führen. Sie hieß bis jetzt bei meinen Mitschülern das grüne Gewölbe; den Namen ließ ich mir noch gefallen, weil er der berühmten Dresdener Schatzkammer entlehnt ist; aber fortan, das weiß ich schon, würde meine Stube die Zwiebelbude heißen, und das paßte mir wahrhaftig nicht!«

»Mein lieber Junge,« bemerkte Vater in neckischem Tone, »wenn deine Freunde deiner Stube wirklich einen derartigen Namen beilegen sollten, so beschäme diese Freunde dadurch, daß du sie belehrst, die Zwiebel sei eine höchst klassische Pflanze. Die alten Griechen, die Perser, die Israeliten hätten die Zwiebel sehr geschätzt; namentlich aber sei sie den Aegyptern eine höchst wichtige Speise gewesen; so wären beim Bau der Cheops-Pyramide allein 1600 Talente, d. i. 720000 Mark, für Zwiebeln, Rettiche und Knoblauch verausgabt worden . . . Wenn deine Freunde das hören, so werden sie staunen –«

»Und mir den Spitznamen »Zwiebelfresser« geben,« fiel ich ärgerlich ein.

Da Vater merkte, daß ich seine humoristische Auffassung der Zwiebeleinquartierung auf meiner Bude nicht teilte, wurde er wieder ernst und sagte mit Nachdruck: »Basta, die Zwiebeln bleiben auf deiner Stube, bis sie trocken sind!«

Nun wußte ich, daß ich kein Wort mehr über die Sache äußern durfte. Schweigend würgte ich mein Essen hinunter. In übelster Laune zog ich mich nach Beendigung der Mahlzeit sofort auf meine Stube zurück, wo meine Stiefelspitzen wiederum ein paar vorwitzige Zwiebeln in die fernste Ecke schleuderten.

Man gewöhnt sich an alles, namentlich wenn man muß. So gewöhnte ich mich denn auch an die Gegenwart von Zwiebeln auf meiner eigenen Stube. Nur hütete ich mich, Freunde mit nach Hause zu bringen und diese die Entweihung des grünen Gewölbes sehen zu lassen. Dem Rudolf Brune, der einmal durchaus mit wollte, sagte ich, meine Bude würde geschruppt; dem Anton Schwertfeger, der sich ein Buch von mir leihen wollte, bemerkte ich, meine Bude würde geweißt; dem Gerhard Lehmkuhl, der meine Schmetterlinge sehen wollte, flunkerte ich vor, das halbe Dach sei abgedeckt: so wurde ich gar zum Lügner durch die dummen Zwiebeln. »Ach, wenn sie doch endlich trocken wären!« seufzte ich im quälenden Bewußtsein meiner Erbärmlichkeit.

»Lisette, sind die Zwiebeln denn noch nicht trocken?« fragte ich eines Nachmittags, als ich um vier Uhr aus der Schule nach Hause kam und die Magd in der Küche um den Kaffee ersuchte.

»Nee,« antwortete Lisette und grinste dazu.

»Was haben Sie denn zu lachen, Lisette?« fragte ich unwirsch.

»Na, der junge Herr wird's schon erfahren, wenn er nach oben kommt,« antwortete die Magd und grinste noch verletzender.

Von banger Ahnung getrieben, eilte ich, ohne den Kaffee abzuwarten, nach oben. Mit raschem Handgriff warf ich die Tür meiner Bude auf – oder wollte sie vielmehr aufwerfen, denn als dieselbe in rechtem Winkel stand, ging sie nicht weiter: ein Hemmnis mußte sich hinter der Tür befinden. Ich guckte um die Tür herum und gewahrte – eine mächtige eisenbeschlagene Kiste hinter der Tür, gerade den Raum zwischen dieser und der einen Längswand ausfüllend. Auf der andern Seite lagen die Zwiebeln, die immer noch nicht trocken waren. Das Blut, ich fühlte es, stieg mir in die Wangen vor Grimm. »Das nennt sich nun meine eigene Stube!« knirschte ich und warf meine Schulbücher auf den Tisch. Dann maß ich die eisenbeschlagene Kiste noch einmal mit wütenden Blicken. Hierauf näherte ich mich derselben, riß mit zitternden Händen den Deckel auf und blickte hinein: Wäsche, schmutzige Wasche war darin? »Hahaha!« lachte ich höhnisch; »eine nette Gesellschaft für Cäsar und Livius, für Ovid und Virgil, für Schiller und Goethe!« Krachend fiel der schwere Deckel zu. »Ein prachtvolles Möbel, diese Kiste,« sprach ich spöttisch, »höchst bequem als Sofa zu benutzen!«

Dann verließ ich die Stube und polterte die Treppe hinunter – hinein in die Wohnstube, wo die arme Mutter allein an ihrem Nähtische saß, emsig nähend.

»Was ist denn das für eine Wirtschaft,« schimpfte ich, »mir eine Kiste mit schmutziger Wäsche auf die Bude zu stellen? Soll das Ungeheuer da stehen bleiben?«

»Theodor,« erwiderte Mutter, von ihrer Näharbeit mit leicht gerunzelter Stirne aufblickend, »ich bitte mir aus, daß du einen etwas ehrerbietigeren Ton mir gegenüber anschlägst. Es geziemt sich nicht für Kinder, so mit ihren Eltern zu sprechen. Um dir eine kurze und bündige Antwort auf deine Frage zu geben, bemerke ich, daß die Kiste jetzt dort stehen bleibt, wo sie steht.«

»Und weshalb, Mutter?« fragte ich ein wenig kleinlauter.

»Die Kiste,« sagte Mutter, »hat bisher auf dem Söller gestanden; auf dem Söller aber sind Mäuse, wie du wissen wirst. Die Mäuse haben sich nun kürzlich Zugang in die Kiste verschafft und verschiedene Wäschestücke zernagt – unter anderm auch deine neuen Faltenhemden.«

Ich hielt dies mit den Faltenhemden für eine weibliche Kriegslist und erwiderte: »Ich will gern auf alle Faltenhemden verzichten – laß die Mäuse sie fressen! – wenn ich nur die Kiste, die fürchterliche Kiste nicht auf der Bude zu haben brauche.«

»Theodor,« bemerkte Mutter in höchst verwundertem Tone, »wie kann eine leblose Kiste dir so unangenehm auf deiner Stube sein?«

»Ach, Mutter, das verstehst du nicht,« entgegnete ich mit jammernder Stimme; »wenn man dichtet, wenn man ein Trauerspiel in fünf Akten unter der Feder hat – Cato von Utika – – – und wenn man gerade bei dem großen Monologe Catos steht – und dann eine Kiste mit schmutziger Wäsche auf die Bude bekommt – – – dann ist es mit aller Poesie auf einmal aus!«

»Aber früher mußtest du doch im Beisein von Linchen und Minchen, von Hänschen und Fränzchen, von Rosalie und Amalie arbeiten,« warf Mutter ein, »und die Kinder machten doch wohl Spektakel; aber eine Kiste mit Wäsche, die sagt doch nichts und tut doch nichts und fängt auch keinen Streit an; ich begreife nicht, Theodor, aufrichtig gestanden, wie du über eine Kiste so erregt sein kannst!«

»Aber wenn diese Kiste mir die ganze Stube verdirbt!«

»Die ganze Stube! Da übertreibst du nun wieder. Im Uebertreiben bist du überhaupt sehr stark, Theodor! Ein bescheidenes Eckchen nimmt die Kiste weg; und es sind noch dazu deine Faltenhemden, die in der Kiste stecken.«

»Meinetwegen mögen die Mäuse –«

»Ich weiß schon, was du sagen willst,« erwiderte Mutter; »du hast es schon mal gesagt: die Mäuse möchten sie fressen. Damit bin ich aber nicht einverstanden – Hemden, von denen das Stück sechs Mark kostet! – und da ich keinen andern Platz für die Wäschekiste habe, so muß sie schon auf deiner Stube bleiben.«

»Aber mein Cato von Utika!« jammerte ich.

»Ich glaube nicht,« entgegnete Mutter herbe, »daß unsre Theaterdirektion darauf wartet.«

»O Mutter!« stieß ich vorwurfsvoll hervor. Dann schwieg ich, bis ins innerste Herz getroffen.

Die Kiste blieb auf meiner Bude. Auch die Zwiebeln setzten ihren dortigen Aufenthalt fort, Cato von Utika aber fand keine Fortsetzung – sein großer Monolog blieb ungesprochen.

Ich barg die Enttäuschung, welche mir meine eigene Stube bereitete, in den tiefsten Tiefen des Herzens. Kein Wort mehr ließ ich fallen über die Zwiebeln, über die Wäschekiste; nur innerlich sprach ich die Worte des Dichters nach:

»O, dieser Mund ist viel zu stolz,
Er kann nur lachen und scherzen –
Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort,
Während ich stürbe vor Schmerzen.«

Mein Schweigen schien die Mutter für Zustimmung zu halten. Mutter wurde kühner – und eines Tages fand ich die ganzen Wände meiner Stube mit grünen Bohnen garniert, welche, auf Fäden gereiht, dort unzweifelhaft trocknen sollten. Ich hatte nur noch ein schmerzliches Lächeln für diesen Anblick. Auf dem Fuße war mir die Mutter gefolgt.

»Lieber Theodor,« sagte sie in herzlichem Tone, »sei nicht böse über diesen kleinen Eingriff in deine Stubenrechte. Es sind Salatböhnchen, die der Vater im Winter so gerne ißt. Ich konnte sie nirgendwo im Hause trocken bekommen, da dachte ich an deine luftige Stube. In spätestens vierzehn Tagen werden die Dinger trocken sein, und du machst dich um den guten Papa verdient, wenn du diesen Wandschmuck duldest.«

»Gewiß, liebe Mutter, werde ich ihn dulden. Der Wandschmuck paßt ja vortrefflich zu den Zwiebeln – beides erinnert so hübsch an eine landwirtschaftliche Ausstellung. Uebrigens ist die Stube ja auch deine eigene Stube,«

»Das sagst du nun wieder so sonderbar,« erwiderte Mutter betrübt, »daß ich an deiner Aufrichtigkeit zweifle. Lieber Sohn, du solltest bedenken, daß, wenn man zur Miete wohnt – und ein beschränktes Einkommen hat – und sieben lebendige Kinder zu ernähren hat . . .«

Hier wischte sich die Mutter die Augen mit dem Zipfel ihrer Schürze.

»Mutter, liebe Mutter,« bat ich nun aus aufrichtigem Herzen, »weine nicht! Ich will dir ja gern gestatten, hier aufzustellen und aufzuhängen, was dir beliebt.«

»Wolltest du das, Theodor?« fragte Mutter, rasch getröstet. »Ja, du bist im Grunde doch ein guter Junge, ich weiß es. Sieh, Theodor, ich habe da noch einige Weißkohlköpfe, die ich gern für den Winter aufbewahren möchte; nun hat mir die Frau Katasterkontrolleur Robowolski gesagt, man müsse dieselben am Stengel frei schwebend aufhängen, dann hielten sie sich bis in den März hinein, ohne ein faules Fleckchen zu zeigen. Wenn du nun nichts dagegen hast, Theodor, dann hänge ich am Plafond deiner Stube die Weißkohlköpfe auf – es sind nur etwa vierundzwanzig Stück.«

»Tu es, liebe Mutter,« antwortete ich mit der Ruhe eines Stoikers, denn um alles in der Welt hätte ich meiner Mutter nicht wieder Tränen in die Augen treiben mögen.

Als ich am nächsten Mittag aus der Schule nach Hause kam, baumelten vierundzwanzig Weißkohlköpfe vom Plafond meiner Stube herab. »Wenn's noch Citronen wären!« seufzte ich, »dann könnte ich wenigstens mit Goethe deklamieren: ›Kennst du das Land, wo die Citronen blühn?‹ Aber Weißkohlköpfe –!«

Um nicht Gefahr zu laufen, einen meiner Mitschüler mit auf meine Bude – eine solche Bude! – bringen zu müssen, zog ich mich von allem Umgang, von aller Kameradschaft zurück. Dafür erntete ich von meinen verletzten Mitschülern den Spitznamen »der Einsiedler auf der Sankt Thomasklippe« – nach dem Titel eines damals landläufigen Romans.

Von jetzt an beschleunigte das Verhängnis seine Schritte.

Durch die Guirlanden von grünen Bohnen, welche die Wände meiner Stube kränzten, – durch die Weißkohlköpfe, deren jeder mir wie ein Schwert des Damokles über dem Haupte hing, war mir wenigstens kein Raum auf der Stube geraubt worden; anders war es freilich mit den Zwiebeln und der Wäschekiste: diese beanspruchten schon eine nette Bodenfläche für sich; aber es war mir immer noch ein hinreichender Raum zu freier Bewegung auf meiner eigenen Stube geblieben.

Auch dieser Raum ward mir genommen, denn eines Mittags fand ich auf meiner Stube eine – Wäschemange!

Eine funkelnagelneue Wäschemange von den riesigsten Dimensionen!

Trotz meines Stoicismus war ich starr vor Ueberraschung.

Mein Bett war, um dem neuen Eindringling, diesem vierschrötigen Ungeheuer, Platz zu machen, höher hinauf gerückt worden, bis hart an die Fensterwand. Dieses Bett und die Mange nahmen die eine Längsseite der Stube ein; die andre Längsseite beanspruchten der Bücherschrank, der Tisch und die Stühle: so blieb mir nur in der Mitte der Stube ein ganz schmaler Gang, der auf das Fenster zu führte. Unter ingrimmigem Lachen deklamierte ich, auf diesem Gange auf und ab schreitend:

»Durch diese hohle Gasse muß er kommen,
Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht.«

Noch einmal überblickte ich meine eigene Stube – durchforschte mit Argusaugen jeden Winkel. Ein gewisser Humor regte sich in meinem Innern; ja, ich wurde sogar lustig bei dem Gedanken: »So, jetzt ist jeder Raum auf meiner eigenen Stube von andern ausgenutzt; jetzt können sie mit dem besten Willen hier nichts mehr unterbringen; jetzt wird diese Stube endlich meine eigene Stube sein!«

Aber wie bitter sollte ich mich getäuscht haben!

Drei Tage später waren durch die ganze Stube kreuz und quer Stricke gezogen, und auf diesen Stricken baumelten feuchte Hemden und Unterhosen, Kragen und Manschetten, Taschentücher und Strümpfe – zum Trocknen. Bei diesem Anblick entfloh dem Gehege meiner Zähne, wie Vater Homer sagt, ein fürchterlicher Schrei; ich lachte wie ein Verrückter und deklamierte mit hohler Stimme:

»Fahr hin, lammherzige Gelassenheit!
Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!«

Dann packte ich meinen Tisch und einen Stuhl bei den Beinen und schleppte sie aus der Stube hinaus auf den Söller, »Lieber hier zwischen Mäusen sitzen,« schrie ich, »als in so einer Bude, die der reinste Hohn auf eine eigene Stube ist!«

Unter mir mußte man mein Toben gehört haben. Die ganze Familie kam nach oben gelaufen. »Was ist? Was gibt's?« fragten Vater und Mutter erschrocken durcheinander. Ich machte eine Handbewegung wie Peter der Große auf dem bekannten Denkmal in Petersburg, das heißt ich streckte den rechten Arm gebieterisch aus; die Richtung meines Armes zeigte nach meiner verlassenen Stube, deren Tür offenstand. Vater blickte hinein, und humoristisch angelegt, wie er war, brach er in ein herzhaftes Gelächter aus, als er die Stricke, die nassen Wäschestücke, die Mange, die Bohnenguirlanden, die schwebenden Weißkohlköpfe, die Wäschekiste und die Zwiebeln in dem kleinen Raum erblickte.

»Armer Junge,« sagte er lachend, »was haben sie aus deiner eigenen Stube gemacht! Frauchen, Frauchen, ich war des Glaubens, daß du nur die Zwiebeln hier untergebracht hättest! Von den andern Dingen hast du mir nichts gesagt. Was zu viel ist, ist zu viel. Man muß gerecht sein: in solcher Umgebung kann Theodor nicht studieren – es bleibt ihm ja nicht mal die nötige Lebenslust in diesem Dunst von Zwiebeln, Weißkohlköpfen, Bohnen, nasser und trockener, reiner und schmutziger Wäsche. Das wirst du doch einsehen, Frau?«

»Verschwört euch nur gegen mich!« jammerte Mutter. »Ihr Männer haltet ja immer zusammen! Ich bin es gewohnt, daß meine häuslichen Arrangements niemals gebilligt werden . . .«

»Nicht so, nicht so, liebe Johanna!« beschwichtigte Vater, »Du hast in allen Dingen recht, immer und jedesmal – nur dieses einzige Mal nicht hinsichtlich der Stube von Theodor. Wir wollen, daß der Junge gute Zeugnisse mit nach Hause bringe – folglich müssen wir ihm auch ein Plätzchen zu ungestörtem Studieren gönnen. Denk an das schöne Osterzeugnis, Mutter!«

»Und wo soll ich denn mit meiner Wäsche und meiner Mange und meinem Wäschekasten bleiben?« lenkte Mutter ein.

»Sieh, da weiß ich Rat, liebe Frau!« antwortete Vater. »Unser Hausherr hat mir heute morgen – welch wunderbares Zusammentreffen! – im Hinterhause noch zwei geräumige Kammern angeboten; die miete ich dir, Mutter, und die sollst du ganz allein für dich behalten: für deine Zwiebeln und Kohlköpfe, für deine Wäschestücke und Bohnen, für deine Mange und Wäschekiste. Bist du's so zufrieden?«

Da lachte Mutter mit dem ganzen Gesichte und sie reichte versöhnt dem Vater die Hand.

Um andern Tage war ich wirklich im Besitz einer eigenen Stube – und was die Hauptsache war, ich blieb in diesem Besitz.

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