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Lustige Gymnasialgeschichten

Theodor Berthold: Lustige Gymnasialgeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorTh. Berthold
titleLustige Gymnasialgeschichten
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
printrun37. Auflage
year
isbn
firstpub
illustrator
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100315
projectid669bc033
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Th. Berthold

Lustige Gymnasialgeschichten

Pipin der Kleine

Da wird wohl viel gesagt und gesungen von der schönen Jugendzeit. Wir wollen es gelten lassen, daß sie bald einem Frühling mit Blumen, Schmetterlingen und wolkenlosem Himmel, bald einem Morgen mit Sonnenglanz und Nachtigallensang verglichen wird. Aber ein altes Volkslied sagt auch: »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein.« Diese Worte erinnern mich immer an die mancherlei kleinen Leiden und Schmerzen, denen auch die Jugendzeit ausgesetzt ist – die sich wie ein Reif auf ihre schönsten Blüten legen. Namentlich der Knabe weiß von diesen Leiden und Schmerzen zu erzählen, wenn er das Reifenspiel und den Papierdrachen mit der lateinischen und griechischen Grammatik, den Baukasten mit der Algebra und Geometrie, die Bleisoldaten mit den punischen und persischen Kriegen vertauscht hat, kurz, wenn er auf den Bänken des Gymnasiums sitzt und in die klassische Bildung eingeführt wird. Der Weg zu dieser klassischen Bildung ist für manchen mit Dornen bestreut, mit spitzen, stechenden Dornen.

Da sitzt z. B. in der zweiten Bank der Untertertia – es ist eine alte, furchtbar zerschnittene und tintenbekleckste Bank, an der schon Generationen von Schülern »geschwitzt« haben – der kleine dicke Gottfried Hellermann; in Latein und Griechisch ist er ganz fix, auch einen guten deutschen Aufsatz schreibt er; aber Mathematik, Mathematik, die ist seine schwache Seite, seine verwundbare Achillesferse! Weder die Kongruenz der Dreiecke noch die Buchstabenrechnung will ihm ihn den Kopf. Wird er an die Tafel gerufen, um eine mathematische Aufgabe zu lösen, so merkt man ihm die Verlegenheit und innere Verwirrung schon am Gesichte an. Er räuspert sich, er dreht die Kreide zwischen den Fingern, er macht ein paar Striche, schreibt ein paar a und b und c, stottert, kann nicht weiter und »brennt kolossal ab«, wie's in der Schulsprache heißt. Mit flammendrotem Kopfe und gesenkten Augen kehrt er in seine alte Bank zurück – und im Taschenbüchlein des strengen und ernsten Mathematiklehrers steht neben dem Namen Gottfried Hellermann eine schlechte Note. Gottfried ist unglücklich darüber, daß ihm die Mathematik nicht in den Kopf will. Tränen, helle Tränen hat er schon über ein Dreieck oder eine Gleichung vergossen. Die Mathematik oder Mathese, wie er grollend sagt, verdirbt ihm mit ihrem »ungenügend« jedesmal die ganze Zensur. Er sieht's voraus, daß er nie durchs Gymnasium kommen wird, daß nie die bunte Mütze des Abiturienten sein Haupt zieren soll. Wenn seine Eltern es nur erlaubten, er ginge nach Afrika, um Strauße zu jagen, oder nach Amerika, um als Trapper durch die Urwälder zu streifen.

»Nach Westen, o, nach Westen hin
Beflügle dich, mein Kiel!«

so seufzt er in seinen melancholischen Stunden nicht selten mit Luise Brachmanns Kolumbus.

Da sitzt ferner in der dritten Bank der noble Hans von Schralenburg. Die Mathematik erklärt er für ein Kinderspiel, und er ist wirklich der beste Mathematiker der Klasse. Im Nu hat er bei Kompositionen oder Klassenarbeiten die schwerste Aufgabe gelöst, und stets ist er der erste, der seinen Bogen an den Herrn Professor abgibt. Manche schöne freie Stunde hat er dadurch schon gewonnen. An der Tafel fährt er mit dem Kreidestückchen nur so spielend hin und her, um die kongruenten Dreiecke auseinanderzuwerfen, »daß es klappert«, und seine Zensur zeigt in der Mathematik immer das Prädikat »vorzüglich«. Aber auch Hans hat seine Dornen auf dem Pfade der klassischen Bildung, seinen Reif auf der Jugendblüte. Er steht mit der Rechtschreibung auf dem gespanntesten Fuße! Jeder seiner deutschen Aufsätze wimmelt von Fehlern, so daß der Herr Ordinarius den Kopf schüttelt und von seinem Katheder herunter seufzt: »Hans, Hans, daß dich färbt die rote Tinte!« Oft sind die Fehler recht komisch und erregen das mitleidlose Gelächter der Klasse. So z. B. bei dem Aufsatze: »Rede Hannibals an seine Soldaten vor dem Uebergange über die Alpen.« Hans von Schralenburg ließ seinen Hannibal fortwährend von dem Ruhme sprechen, den sich die Krieger jenseits der Alpen holen könnten, aber hartnäckig hatte der arme Hans »Rum« statt »Ruhm« geschrieben. Bei unserer heutigen Rechtschreibung wäre das nun freilich nicht so schlimm, aber damals war es ein arger »Bock«, der die drolligsten Sätze ergab. »Soldaten, schaut auf den herrlichen Rum, der euch jenseits dieser eisigen Berge winkt! Erwärmt euch an diesem Rum, begeistert euch an diesem Rum, und ihr werdet siegreich Eis und Schnee, Felsenwände und Abgründe überwinden! In der Geschichte unserer Vater ist auf jeder Seite das Wort Rum geschrieben,« u. s. w. Der Herr Ordinarins las diese Sätze vor, die Schule lachte, und Hans, der stolze Hans von Schralenburg stand da in seiner braunen Sammetjoppe, mit bleichem Gesichte, mit zusammengebissenen Lippen und gesenkten Augen, und ein Büschel seiner langen schwarzen Haare hing ihm über die marmorbleiche Stirn. Was für Gedanken mochten durch den Kopf des armen Jungen ziehen? Hans war zu stolz, um später etwas davon zu sagen, aber ich glaube, er hat in jenen Augenblicken, wo er zum Gelächter der Klasse diente, schwer gelitten und sich einen Krieg und Schlachtentod herbeigewünscht, denn er wollte Offizier werden.

Was mich, den Erzähler dieser wahrhaftigen Erinnerungen aus der Gymnasialzeit, betrifft, so hatte auch ich in meines Lebens Lenze ein schweres Leid zu tragen. In den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft freilich »konnte ich wohl was«, wie's in der Schulsprache heißt. Da lag's also nicht. Die Ursache meines Leidens steckte vielmehr in meinem Körper: ich war klein, allzu klein für meine vierzehn Jahre:

Ein Männchen, das dem Zwerggeschlechte
Kaum um drei Zoll entwachsen war –

wie's in einem Gedichte unseres Lesebuches hieß, und wegen dieses kleinen Formats hatte ich manches Ungemach in der Klasse zu erdulden. Manchen Seufzer hab' ich ausgestoßen, manche Träne ist mir ins Auge getreten, und tausendmal hab' ich zum lieben Gott gebetet: »Ach, du guter Gott, laß mich doch wachsen! Setz meinem Körper doch nur einige Spannen zu!«

Mein Vater war als preußischer Beamter aus Ostpreußen nach der Hauptstadt Westfalens versetzt worden. Auf dem Gymnasium zu Rastenburg hatte es mehr so kleiner Knirpse gegeben, als ich war, denn der ostpreußische Menschenschlag ist im allgemeinen weniger stattlich. Das Volk der Westfalen aber ist, wie schon der alte Kosmograph Münsterus sagt: »gesund und stark von Leib«. Als ich nun, kraft meines guten Zeugnisses, in die Obertertia des Gymnasiums zu Münster aufgenommen wurde, staunte ich über die großen Burschen, die dort auf den Bänken hockten und kaum ihre langen Beine unter den Bücherkästchen unterbringen konnten. Aber diese langen westfälischen Recken staunten ihrerseits auch, als sie mich in ihrer Obertertia gewahrten. »Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an!« singt der Schweizerbube; und: »Zu Münster auf der Schul, da ging mein Jammer an!« darf ich wohl singen. Ich hatte mich mit meinem Bücherpacke bescheiden in die letzte Bank der Obertertia gesetzt. Die eintretenden Mitschüler blickten verwundert zu mir herüber, stießen sich mit den Ellenbogen an, flüsterten und lachten untereinander. Endlich trat ein großer und vierschrötiger Schlacks auf mich zu und sagte mit einer tiefen Baßstimme: »Kleiner, du hast dich verlaufen, du gehörst in die Sexta,«

»Ich weiß, daß ich hierher gehöre,« antwortete ich; »glücklicherweise hab' ich ein Paar Augen im Kopf, um auf der Tür des Klassenzimmers die Aufschrift ›Obertertia‹ lesen zu können – und ich gehöre laut Bestimmung des Herrn Direktors in die Obertertia.«

»Alle Wetter!« sagte der Große, den seine Mitschüler »Büffel« nannten; »hat der Knirps ein Mundwerk! Er scheint sich die homerischen Helden mit ihren selbstbewußten Reden zum Muster genommen zu haben. Aber, Kleiner, wenn du nun einmal in die Obertertia zu gehören glaubst, so rat ich dir, künftig deine Kinderwärterin und die Milchflasche mitzunehmen, denn die lateinischen und griechischen Stunden könnten dir doch arg lang werden.«

Die anderen Mitschüler lachten, und ich fühlte die flammende Röte der Scham auf meinen Wangen brennen.

»Es ist nicht recht,« stammelte ich, »daß ihr mich wegen meiner Körperverhältnisse, an denen ich keine Schuld trage, verspottet!«

»Spricht die kleine Kröte von Verspotten!« witzelte der Große; »und es ist doch nur herzliches Mitgefühl, das wir normale Menschen mit dem Liliputaner haben. Komm, Männchen, setz dich auf dieses dicke Lexikon von Scheller, damit du dich wenigstens etwas ›gehoben‹ in der Mitte der Obertertianer fühlst!«

Ich mochte mich sträuben, wie ich wollte, ein altes, dickes, braunledernes und von Mäusen furchtbar zerfressenes Lexikon wurde mir untergeschoben.

»Aber nun baumeln die Beinchen in der Luft,« bemerkte mein Peiniger bedauerlich; »Jungens, ist da nicht noch ein Gegenstand, den wir dem Däumling als Schemel unter die Füßchen stellen könnten?«

Ein willfähriger Mitschüler mit häßlichen roten Haaren und verschmitzten grünen Augen schleppte einen leeren Holzkasten herbei, und dieser wurde mir mit lautem Gelächter und Hallo unter die Füße geschoben. Ein dritter Mitschüler mit kurzen, flachsweißen Haaren und einer auffallend langen Nase hatte währenddessen von seinem rotbaumwollenen Taschentuche ein Püppchen gedreht, das er mir in den Arm legte, und ein vierter sang: »Heira poppeira, schlags Küchelchen tot!« Bittere Tränen standen mir in den Augen, und ich wünschte, tief in den Kartoffelkeller des Pedellen zu versinken. Da trat plötzlich der Lehrer ein, und:

Wie vom Blitz zerstoben
War all der Spötter Schwarm.

Sie verfügten sich hurtig auf ihre Plätze, und nachdem der Herr Professor seinen Hut an den Pflock gehängt und den Katheder bestiegen hatte, begann der Unterricht.

Es war Geschichtsstunde, ich weiß es noch wie heute. Professor Weber sprach in höchst anziehender Weise über das Zeitalter der Karolinger; er erzählte, wie die austrasischen Herzöge, die immer den Fähigsten und Streitbarsten zum Haupt der Familie erklärten, sich durch ihre Kriegstaten das Vertrauen der Nation, durch ihren Eifer um die Verbreitung des Christentums sich die Gunst der Geistlichkeit erworben hätten; er sprach von Karl Martell und seinen Söhnen, die sich nach des Vaters Tod in die Großhofmeisterwürde geteilt u. s. w., und als der Professor eine halbe Stunde vorgetragen hatte, putzte er seine Brille mit einem gelbseidenen Taschentuche und rief einen der Schüler auf, den Vortrag zu wiederholen. Der Aufgerufene war kein anderer als »Büffel«, jener große vierschrötige Schlacks, der mich vor Beginn der Stunde so bitter verhöhnt hatte. Aber wenn er auch »gesund und stark von Leib« war (wie der alte Münsterus sagt), so bewies doch sein Vortrag schon nach wenigen Minuten, daß sein ingenium keineswegs für die Wissenschaften geeignet war (ganz im Gegensätze zu den Worten Janssons, der das ingenium der Westfalen als tauglich ad literas, disciplinam, virtutem, doctrinam et alias honestas artes rühmt). »Büffel« sprach in abgebrochenen Sätzen, stotterte, räusperte sich, warf Namen und Geschichten durcheinander und gebärdete sich, als er die Söhne Karl Martells aufführen sollte, als ob ihm die Namen auf der Zunge lägen und nur augenblicklich nicht darüber wollten.

Der Herr Professor ließ, ohne mit einem Worte nachzuhelfen, den unglücklichen »Büffel« sich einige Minuten fruchtlos abzappeln, dann sagte er kurz und streng: »Setz dich, Anton Haverkamp, du hast mal wieder nicht acht gegeben!« Und er bohrte dem Niedergeschmetterten eine schlechte Note ins Notizbuch.

Dann richtete Professor Weber seine bebrillten Augen auf mich und sagte: »Du Neuer da hinten, willst du mal in dem Vortrage fortfahren?«

Ich stand auf und sah, wie ein feines Lächeln über die ernsten Züge des Geschichtslehrers glitt: mein kleines Figürchen mochte ihm komisch erscheinen.

Doch ließ ich mich nicht stören, und da ich aufmerksam acht gegeben hatte, auch die Geschichte der Karolinger schon kannte, so trug ich in einer Weise vor, die mir wiederholt ein zustimmendes Kopfnicken des Herrn Professors einbrachte. Als ich, durch dieses stumme Lob angespornt, nun klar und fließend erzählte, daß von den beiden Söhnen Karl Martells, die sich nach des Vaters Tod in die Großhofmeisterwürde geteilt, der älteste, Karlmann, sich in das Kloster Monte Casino zurückgezogen habe, der jüngere, Pipin der Kleine, hingegen von einer nach Soissons entbotenen Reichsversammlung weltlicher und geistlicher Großen als König anerkannt worden sei: da ging, bei Nennung des Namens Pipin der Kleine, ein allgemeines Lachen durch die Klasse und aller Gesichter wandten sich nach mir um. Selbst der Herr Professor suchte vergebens ein Schmunzeln hinter seinem gelbseidenen Taschentuche zu verbergen. In diesem Momente wußte ich, daß ich fortan, für immer, auf dem Gymnasium den Spitznamen »Pipin der Kleine« führen würde. Ich hatte vor Beginn der Stunde schon gehört, daß sich unter meinen Mitschülern ein »Hektor«, ein »Plato«, ein »Bruder Tuck«, ein »Schiller«, ein »Schwarzer Kasper«, ein »Puttke«, ein »Hannibal«, ein »Pomadetopf«, eine »Maus«, ja selbst eine »Tante« befand; jetzt war die Zahl der Spitznamen um einen »Pipin der Kleine« vermehrt! Vorläufig hatte ich die Genugtuung, daß der Herr Professor meinen Vortrag, nachdem ich denselben beendigt, als »sehr gut« bezeichnete, daß er mir eine Primanote ins Notizbuch schrieb, und daß er mich endlich dem »abgebrannten« großen Haverkamp als Muster vorstellte. Das war mir eine süße Genugtuung für die vorhin erlittene Pein.

Als die Geschichtsstunde beendigt war, und der Herr Professor das Klassenzimmer verlassen hatte, wurde ich in der Zwischenpause von allen Seiten als »Pipin der Kleine« begrüßt. Es hagelte förmlich von Pipins auf mein armes Haupt. Doch konnte ich merken, daß meine Geschichtskenntnisse meinen Mitschülern imponiert hatten. Sie ließen es bei der Anrede mit dem Spitznamen bewenden und boten mir ferner keine Lexica und Holzkasten zum Unterlegen an.

Von dem rechten Pipin heißt es in der Geschichte: »Die unfolgsamen Großen bändigte er durch die Ueberlegenheit seines Geistes und durch die Stärke seines Armes. Die Sachsen in Westfalen wurden zur Entrichtung eines Tributs gezwungen . . .« Ach, wie so ganz anders erging es mir, dem kleinen Namensvetter des Karolingerkönigs! Da war von einem Bändigen, von einer Stärke des Armes, von einem Tribut der Westfalen (scilicet meiner westfälischen Mitschüler) keine Rede. Im Gegenteil mußte ich mich unterwerfen, den Arm anderer fühlen und Tribut zahlen (wenn derselbe auch nur in den Aepfeln und Nüssen bestand, die man mir aus den Taschen stibitzte). Ja, seit jenem denkwürdigen Morgen, wo mir der Name »Pipin der Kleine« zu teil ward, habe ich mehrere Jahre hindurch viel gelitten – und alles infolge meiner kleinen Statur! Sie war der Reif, der sich auf meine Jugendblüte legte. »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein!«

Teilnehmenden Jünglingsherzen will ich einige meiner Leiden enthüllen. Vielleicht widmen sie Pipin dem Kleinen eine Träne des Mitleids. Seht, wenn ich mit meinen Mitschülern an schulfreien Nachmittagen einen Ausflug ins Freie machte, um Pflanzen zu sammeln oder Schmetterlinge zu fangen, so konnte ich mit den langen Beinen meiner Genossen nicht Schritt halten und trödelte immer allein hinterher. Das war langweilig, aber auch – gefährlich. Denn wenn unsere Schar an einem Bauernhofe lachend und singend vorüberzog, so wurden dort alle Hunde lebendig. Der schwarze Hofhund wütete wie ein Cerberus an seiner Kette, und der weiße Spitzhund fegte ventre a terre durch den Garten und die Weißdornhecke. Und regelmäßig bekam er mich zu packen, weil ich der letzte war. Mit seinen spitzen weißen Zähnen hatte mich der grimme Köter an der Hose. Ich schrie Zeter und Mordio – und meine Kameraden lachten. Ich schlug mit dem Schmetterlingsnetze dem Köter auf die Schnauze; der aber happte zu und hatte – o Jammer und Graus! – den ganzen Gazebeutel im Maule. Meine Kameraden wollten sich totlachen. Während der Hund sich mit dem Gazebeutel herumschlug, nahm ich Reißaus und kam mit einem Biß in der Wade, einem Riß in der Hose und mit einem leeren Drahtreif am Schmetterlingsnetze bei meinen Freunden (schönen Freunden!) an, die sich die Seiten vor Lachen hielten. »Pipin der Kleine,« hieß es dann, »warum trödelst du auch immer hinterher? Ein Karolinger muß eigentlich immer an der Spitze des Zuges sein! Aber so geht's, wenn man zu kurze Beinchen hat. Armer Kleiner, tut dir dein Beinchen weh? Und was wird Mütterchen zu der zerrissenen Hose sagen? Und mit diesem Schmetterlingsnetze kannst du Luft fangen und weiter nichts!« So neckte man mich den ganzen Weg, daß ich am liebsten wieder umgekehrt wäre.

Sahen meine Kameraden auf einer von Hecken umhegten Wiese eine schöne Blume, etwa eine seltene Orchidee, so hieß es: »Pipin der Kleine muß durch die Hecke kriechen und uns die Blume holen!« Ich mochte mich sträuben, wie ich wollte, ich mußte durch die Hecke. Der eine hatte gar schnell ein Loch gefunden, der andere duckte mich zur Erde, der dritte faßte meine Beine, als ob es die Handgriffe eines Schiebkarrens wären, und schob mich nolens volens durch die Hecke. Wie ein Dieb mußte ich das fremde Eigentum betreten und die Blume holen. Freilich war es nur eine wilde Blume, die der liebe Gott für alle hat wachsen lassen; aber ich zertrat dabei doch das Gras, das der Eigentümer durch eine Hecke hatte schirmen wollen. Und was war der Dank von Seiten meiner Kameraden? »Pipin der Kleine,« sagten sie, »du eignest dich famos zu einem kleinen Spitzbuben und Einbrecher! Wie ein Mäuschen kannst du durch alle Löcher kriechen!«

Hatten uns die schönen, gelb und schwarz gegitterten Segelfalter und Schwalbenschwänze allzuweit auf eine Blumenwiese gelockt, dann erschien plötzlich mitten in unserem Jubelgeschrei ob gefangener Schmetterlinge der einäugige Flurschütz oder Knüppelschütz, wie wir ihn nannten, der einen kolossalen Eichenknüttel in seiner Rechten schwang, von Graszertrampeln und Malefizbuben schrie und uns den Garaus zu machen drohte. Sauve qui peut! lautete dann unsere Parole. Wie ein Schwarm von Kranichen oder langhalsigen Schwänen (diesen Vergleich gebraucht bekanntlich Vater Homeros) stoben wir durch das Wiesengras dem bergenden Walde zu. Allen voran der große »Büffel« mit seinen langen Beinen, dann kam der schnellfüßige »Hektor«, dann »Achill«, weiter »Bruder Tuck« und »Puttke«, und der letzte war natürlich »Pipin der Kleine«. Meine Angst könnt ihr euch denken, als ich den wütenden Wächter der Wiesen und Saaten hinter mir hörte, als der Zwischenraum zwischen dem Verfolgten und dem Verfolger immer kürzer wurde, als die greulichen Schimpf- und Fluchworte des dem Trunke ergebenen Mannes an mein Ohr klangen, als ich schon den Eichenknüttel durch die Luft sausen hörte. Wäre der wütende Mensch nicht im letzten Augenblicke über eine Baumwurzel gestürzt, wodurch ich einen Vorsprung und den bergenden Wald gewann, mehercule, der Knüttel des Flurschützen hatte Pipin den Kleinen ohne Respekt und Gnade niedergeschlagen.

Kehrten wir auf unseren Ausflügen in einem Schulzenhofe ein, um für ein paar zusammengelegte Groschen einige Gläser frischer Milch zu trinken, so war Pipin der Kleine, obschon er zwei Groschen beigesteuert, immer der letzte, der zu trinken bekam. »Die Kleinen müssen bitten, warten und danken lernen,« hieß es schnöde, wenn ich mich vordrängte, und erbarmungslos wurde ich von meinen größeren Kameraden mit den Ellenbogen beiseite geschoben. Nicht selten hatte ich auch das leere Nachsehen und mußte mich, statt mit Milch, mit einem Trunke Brunnenwassers begnügen, das nach dem Moosbewuchs der Brunnensteine ganz abscheulich schmeckte. Noch heute fühle ich das Blut in meine Wangen steigen, wenn ich daran denke, wie die dicke Bäuerin sagte, als sie gewahrte, daß meine Kameraden mir die Milch vor der Nase weggetrunken hatten: »Ihr großen Schlingel, laßt doch dem kleinen Kinde auch ein Tröpfchen zukommen!« Ich ein kleines Kind! Ich, der fünfzehnjährige Untersekundaner, der zu Ostern Numero Eins und überhaupt die beste Zensur der Klasse davongetragen hatte! Es war schmachvoll, sich von einer dicken Bäuerin als »kleines Kind« titulieren lassen zu müssen! Ich verbat mir deshalb ganz energisch diesen Titel bei der Bäuerin. Da stemmte sie beide Hände in die Seiten, sah mich mit dicken runden Augen an und lachte, ja lachte, daß sie zitterte wie ein Gallertpudding. »Nun hör doch mal einer die kleine Kröte!« rief sie ihrer fuchsigen Magd zu, die pflichtschuldigst mitlachte! Ich rannte wütend aus dem Hause und verwünschte alle Bäuerinnen der Welt.

Doch wozu die Erinnerungen an die Leidensjahre Pipin des Kleinen noch weiter erneuern? Die Jahre sind, Gott sei Dank, vorüber, und es ist für jeden Menschen gut, gelitten zu haben. Wie sagt doch das Sprüchlein? »Es ist einem Manne ein köstlich Ding, daß er sein Joch trage in der Jugend.« Durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Sieg, per aspera ad astra. Diese alte tröstliche Wahrheit erfüllte sich auch an mir. Wohl hatte ich noch einen schweren Weg zu gehen, ehe mir das Licht tagte, ehe ich den Sieg errang, ehe ich mit meinem Scheitel die Gestirne berührte – den Weg der Krankheit! Ich bekam das kalte Fieber. Acht Wochen lang schüttelte und rüttelte dasselbe meinen Körper grausam durcheinander; aber als ich mich endlich genesen von meinem Lager erhob, da staunten alle, die mich sahen: ich war um mindestens einen Fuß gewachsen! Mit innigem Danke gegen Gott betrachtete ich mein verändertes Bild im Spiegel, und triumphierend betrat ich die Obersekunda, in die ich mittlerweile vorgerückt war. Wohl streckten sich meine Hände und Füße allzuweit aus den zu kurz gewordenen Kleidungsstücken, aber das genierte mich nicht. Ich war nicht mehr der Kleinste der Klasse! O Wonne, o Glück! Der Name »Pipin der Kleine« ging laut einstimmigem Beschluß meiner Mitschüler auf den kleinen Felix Pieper über, und ich wurde feierlich als »Karl der Große« proklamiert.

 

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