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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 75
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drei Stücklein des Spiegelschwaben.

I. Im Blauen Bock zu Konstanz.

Nachdem die sieben Schwaben ihre Heldentat vollführt und das Untier am Bodensee erlegt hatten, Siehe Band I. der W. Volksbücher, Sagen und Geschichten trennten sie sich. Nur der Algäuer und der Spiegelschwab' blieben beisammen; denn der Spiegelschwab sagte: »Lieber zu des Teufels Großmutter, als heim zu meinem Weib!« – »Wir gehen in meine Heimat, dem Bodensee nach,« sagte der Algäuer, dann kommen wir ans Gebirg, und dann können wir nimmer fehlen.« – »Horch, Brüderle, was ich dir sagen will,« sagte drauf der Spiegelschwab; »was meinst, wollen wir nicht vorerst noch ein bißle auf und über das deutsche Meer? Die Gelegenheit ist gar geschickt, und wir haben sie nicht alle Tag. Auch sagt der Seehas, es liege dort jenseits eine Stadt, die heiße Kostnitz, da dürfe man nur fragen: Maul, was willst? so habe man's wie im Schlaraffenland, und was die Hauptsache sei, sagte er: es kost nits, wovon eben die Stadt den Namen habe.« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »recht wär's schon, wenn's nur auch wahr wär.« – »Probieren können wir's ja,« versetzte der Spiegelschwab, »das Probieren kost nits.« – Also fuhren sie mit dem Marktschiffe über den Bodensee nach Kostnitz; und das erste Wirtshaus, das ihnen in die Augen fiel, war der Blaue Bock, und siehe da! auf dem Schilde stand geschrieben: Morgen ist alles zechfrei. »Bygost!« sagte der Algäuer, »diesmal hat der Seehas nicht gelogen.« – »'s ist nur schad,« sagte der Spiegelschwab, »daß wir um einen Tag zu früh gekommen.« Also kehrten sie beim Blauen Bock ein. Abends, als sie die kleine Zeche bezahlten, fragte der Spiegelschwab den Wirt: »Mit den Worten auf Eurem Schild hat's doch seine Richtigkeit?« – »Ja,« sagte der Wirt, »ein Mann, ein Wort!« So saßen sie denn wie angepicht den ganzen folgenden Tag und zechten bis in die Nacht hinein, der Worte eingedenk, die auf dem Schilde zu lesen waren. Und der Wirt und die Wirtin gingen fleißig zu und von und hatten ihre Freude an den Zechbrüdern und zumal auch an des Spiegelschwaben Schnaken und Schnurren. Des andern Tags in der Früh, nachdem sie noch ein paar Seideln zu Gemüt genommen, schickten sie sich endlich zum Aufbruch an, und sie sagten zum Wirt: »Schönen Dank für die höfliche Bewirtung!« – »Ist meine Schuldigkeit gewesen,« sagte der Wirt. »Aber, mit Verlaub!« setzte er hinzu, »laßt nun sehen, was eure Schuldigkeit sei.« Und er ging zur Schreibtafel und rechnete. »He!« rief der Spiegelschwab, »was wär' denn dies? Was steht denn auf Eurem Schild?« – »Ein Bock,« sagte der Wirt lachend, »der die Leute blau anlaufen laßt.« – »Aber die Worte drunter?« – »Ich steh' zu meinen Worten: Morgen ist alles zechfrei – aber nicht heute, nicht nächten und vornächten. Verstanden?« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »merkst du nun, was die Kreide gilt?« Der Spiegelschwab aber dachte sich: Schalk muß mit Schalk gefangen werden, und er hatte alsbald seinen Einfall, den er dem Algäuer ins Ohr raunte. Beide nahmen sofort ruhig ihre Beutel heraus und klapperten damit, als hatten sie was; und der Spiegelschwab sagte zum Algäuer: »Laß! ich will schon bezahlen.« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »die Ehre laß ich mir nicht nehmen – ich will bezahlen.« So stritten sie eine Weile miteinander. Da sagte endlich der Spiegelschwab zum Wirt, der ihnen die Schuldtafel wies: »Ihr seht schon, wir beide können uns nicht vertragen, allein von wegen der Ehre; da wird's nun schon besser sein, daß das Los entscheide. Wißt Ihr was? Um zum Kehraus noch einen Jux zu haben, wollen wir blinde Mäusle spielen, wen Ihr ertappt, der zahlt – damit Punktum!« Der Wirt ließ sich den Spaß gefallen und die Augen verbinden. Die beiden zogen ihre Schlarfen aus, und nun ging's in der Stube husch auf und ab, 'rum und 'num. Bald war der Algäuer zur offenen Tür' hinaus, und der Spiegelschwab, nachdem er noch ein und den andern Schuß getan, schlich ihm nach, lugte aber noch zum Guckerle hinein, um zu sehen, welche Sprüng' und Griff' der blaue Bock mache. Indem trat die Wirtin zur Tür' herein. Der Wirt rannte auf sie zu und rief: »Du mußt bezahlen!« – Der Schwabenstreich ward nun kundbar. Der Wirt wollte den Strolchen nach, aber die Wirtin sagte: »Laß die hungrigen Schwaben laufen! Haben sie uns doch von dem Hasen befreit, dem Untier, das zuletzt noch unsere Kinder und Rinder aufgefressen hätte.« So kamen beide ohne Kosten aus Kostnitz und fuhren mit dem Marktschiff wohlgemut nach Lindau über.

II. Der Lindauer Fuchsschwanz.

Lindau heißt das deutsche Venedig. Stadt und Wasser sind zwar um vieles kleiner als die welschen; aber lieblich ist's doch dorten, und schön und groß. Absonderlich wenn man am Hafen steht, da wimmelt's von Menschen, und es kommen hier Leute zusammen aus allen Weltgegenden, sogar aus der Schweiz. Da dachte der Spiegelschwab: Hier wäre gut sein, wenn man nur Geld hätte! – Not macht erfinderisch, und so kam ihm der Einfall, einen Wurmdoktor zu spielen, um Geld zu verdienen. Der Algäuer, dem er seinen Plan anvertraute, schüttelte zwar den Kopf und meinte, man könnte sie ertappen auf dem Betrug. Jener aber sagte: »Dafür solle er nur ihn sorgen lassen; und kurzum: Die Welt will betrogen sein,« sagte er; »glaub's mir nur, Algäuer!« – »Ich muß wohl,« sagte der Algäuer, indem er in seinem leeren Täschle herumstierte. Also sammelten sie auf der Straße fleißig, was sie da geeignet zu Pillen und Pulver fanden, und verteilten es in kleine Paketlein. Des andern Tages wurde dann die Bühne auf dem Hafendamm aufgeschlagen. Der Spiegelschwab zeigte sich als ein Doktor in Mantel und Barett und mit einem Knebelbart geziert, den er einem schwarzen Bock ausgerauft hatte. Der Algäuer aber, der den Hanswurst spielte, war mit einem groben Kotzen angetan wie ein Fätschenkind und sah schier aus wie der steinerne Steffel von Ulm. So bestiegen sie beide die Bühne, und der Hanswurst schrie aus: »Allhier sind zu haben allerlei wunderbarliche Mittel!« und sagte dann eine ganze Litanei von Wehtagen und Lahmtagen her, die der Doktor, sein Herr, heilen könne. Und die Leute kamen herbei und kauften, und wenn sie ihn fragten wofür? so antwortete er: für alles, nur könne er nicht aus alten Weibern junge machen; sonst, sagte er, wäre er freilich ein steinreicher Mann. »Dumm sind die Leute genug,« dachte sich der Spiegelschwab, »also kann man's schon weiter treiben mit ihnen.« Er rief also aus, daß er auch wahrsagen und einem die Planeten stellen könne. Der muß aber wissen, daß er dies Handwerk schon längst getrieben hatte und zwar mit dem besten Erfolg, er hatte einen ganz einfachen Kunstgriff dabei: er prophezeite nichts Gutes. Wenn nun das Böse eintraf, so war's richtig; traf es aber nicht ein, so war's um so mehr recht. Und also setzte er sich weit und breit in den Ruf des besten Wahrsagers, und man ging zwar mit Zittern und Zagen hin, aber man kam doch. Die Lindauer, wie sie denn neugierige Leute sind, ließen sich auch hierin zum besten haben, und wie sie sahen, daß einer um den andern mit einem bedenklichen Gesicht wegging und den Kopf hängen ließ, so wurden sie immer mehr und mehr in der Meinung bestärkt, daß er's auf ein Haar treffe. Und nach und nach kamen alle Lindauer und brachten ihm ihre Bärenbatzen. Endlich dauerte es ihm zu lange – denn sein Säckle war gefüllt – und er stand auf und sagte zu der Menge, die umherstand: »Eigentlich, liebe Leute, nutzt euch all mein Wahrsagen nichts; denn binnen heut und drei Tagen geht ohnehin die ganze Stadt Lindau zugrund mit Mann und Maus. Wollt ihr ein Zeichen haben? Das will ich euch geben. Ihr sollt's am Himmel sehen, und kein gewöhnliches; nicht etwa Feuer und Schwert, sondern, liebe Leute, einen leibhaftigen Fuchsschwanz.« Die Lindauer rissen Augen und Ohren auf und wußten nicht, was sie denken sollten. »Kommt nur,« sagte der Doktor, indem er von der Bühne herabstieg, »ihr sollt Wunder sehen.« Sie folgten ihm nach. Er blieb vor dem Hause eines Kürschners stehen, der einen Fuchsschwanz statt eines Schildes aushängen hatte. »Jetzt schaut,« sagte er zu den Umstehenden, »seht ihr nicht den Fuchsschwanz am Himmel?« Die Umstehenden schauten; es drängten sich andere nach, immer mehr und mehr, und sie sahen alle – daß sie gefoppt seien, und lachten einander aus. Inzwischen hatten sich der Spiegelschwab und der Algäuer fein weggeschlichen und aus dem Staube gemacht. – Die Lindauer aber sehen noch heutigen Tags den Fuchsschwanz am Himmel und halten für gewiß, daß ihre Stadt einmal zugrunde gehen wird.

III. Drei Vögel.

Auf seiner Wanderung durchs Bayerland kehrte der Spiegelschwab einmal in einem Wirtshause ein. Da traf er den Tiroler, der mit Theriak und Schneeberger durchs Land handelte. Nachdem sie sich begrüßt und nach dem Woher und Wohin befragt hatten, ging das Hänseln an, wie's denn gute Gesellen zu tun pflegen. Indessen trat der Wirt herein, ein grober, dickleibiger Bayer, der, sobald er den Schwaben witterte, sogleich anschlug wie ein Jagdhund. Beim Spiegelschwaben hatte es aber keine Not, denn der blieb keine Rede schuldig und auch keine Grobheit. Der Wirt, nach der Gewohnheit der Bayern, fing gleich an den Schwaben aufzuziehen von wegen der »Sprauch«. Da sagte der Spiegelschwab: »Wißt ihr was? Weil ihr Euch so proglet mit Eurer Sprach', so soll's eine Wette gelten um die doppelte Zeche; wer drei Vögel am geschwindesten nennt, der soll gewinnen, der langsamste muß bezahlen. Der Tiroler da soll den Ausspruch tun, und kann umsonst mittrinken.« Der Tiroler sagte, er tue selbst mit, vermeinend er werde gewinnen. Also wurden sie der Wette eins. Und der Schwab fing an und sagte so geschwind er konnte: »Zeisle, Meisle, Fink.« Darauf sagte der Tiroler, bedächtig und langsam: »Eppermal ein Alster, eppermal ein Amsel, eppermal ein Nachtigall.« Der Wirt sagte: »Tiroler, du mußt bezahlen.« Darauf der Tiroler: »Ich muß echterst hören, was du noch vorbringst.« Der Wirt fing an und sagte: »Ein Da'l, ein Sta'l. Dohle, Star. Da fiel ihm aber der dritte Vogel nicht ein, und er besann sich lange; endlich sagte er: »und ein' Spansau.« Darob lachten die beiden andern Gesellen, und der Tiroler sagte, der Wirt müsse bezahlen, als der am langsamsten gewesen sei. Und der Schwab fragte ihn, ob denn die Bayern die Spansau zum Federvieh zählten. Der Wirt aber stand auf, ärgerlich, und sagte auf gut Hochdeutsch: »Küßt mich am Buckel!« – Und also zechten die drei wacker miteinander, und der Spiegelschwab war nicht der letzte zum Krug. Als sie alle drei satt hatten, obwohl noch lange nicht genug, fragte der Wirt nach der Zech und zahlte sie dem Spiegelschwaben aus, und der strich sie ein, als wäre er der Wirt und der andere der Gast. Und er sagte: »Dank für die Bezahlung.« Drauf, als er Abschied nahm, sagte er zum Wirt, er wolle ihm noch ein Rätsel zum besten geben, damit er sich bei andern die doppelte Zeche wieder abverdienen könne. Das war dem Wirt recht, und der Spiegelschwab sagte: »Was ist das für ein Ding: Es hat keine Augen und sieht doch; es hat keine Ohren und hört doch; es hat keine Nase und riecht doch; es hat keinen Mund und ißt doch; es hat keine Hände und greift doch; es hat keine Füße und geht doch? Jetzt ratet!« Der Wirt wußte es nicht und gab sich gefangen. Der Spiegelschwab sagte, es sei dies ein Bayer. Denn die Bayern hätten keine Augen sondern »Göckel«; sie hätten keine Ohren sondern »Loser«; sie hätten keine Nase sondern »Schmecker«; sie hätten keinen Mund sondern eine »Goschen«; sie hätten keine Hände und Füße sondern »Bratzen und Haxen«. – Es war ein Glück für den Spiegelschwaben, daß er die Türschnalle schon in der Hand hatte und hinauswitschte. Er hätte sonst einen tüchtigen Guß mit auf den Weg bekommen.

(L. Aurbacher, Volksbüchlein.)

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