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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 65
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Hexenbannen zu Langenau.

Zu Langenau im Schwabenland saß ein Bauer, Klaus Ott genannt, der ungemein abergläubisch war und den alten Hexen zumaß, was ihm an Unglück auf Erden begegnete. Wurde ihm etwa ein Pferd hinkend oder gab eine Kuh weniger Milch, so schob er die Schuld den Hexen zu, und er war ihnen so herzensfeind, daß er sich an ihnen rächen wollte, hätte er nur gewußt, welche es wäre. Darum wollte er sie gerne kennen. Eines Tages spät, an einem Donnerstag, trat ein fahrender Schüler zu ihm ein, wie sie denn vor Jahren umgingen und lauter Bauernbetrüger waren. Der sagte große Wunderwerke her, wie er ein Meister der schwarzen Kunst wäre, und machte dem Bauern einen blauen Dunst vor. Der fing nun an, über die Hexen zu klagen, wie er ihnen so feind wäre, und sagte, er wollte sich gern an ihnen rächen. Da sprach der fahrende Schüler: »Mein Freund, ich kann dich gar wohl lehren, wie du alle Hexen im ganzen Lande zu bannen und zu beschwören vermagst, so daß sie alle zusammenkommen und du sie sehen und zählen kannst.« – »Einen Gulden gebe ich dir zum Lohn,« erwiderte der Bauer, »wenn du mich lehrst, sie zusammenzubannen auf einen Platz.« – »Ja, ich will dich's lehren,« sprach der Schüler, »doch es ist kein Kinderspiel, und wenn dir die Sache mißlingt, so darfst du mir keine Schuld geben. Es ist mit den Hexen gefährlich.« – Der Bauer sprach: »Ich will vorsichtig damit umgehen. Fang nur die Kunst an!« – Da begann der Student: »So nimm zwei Mann mit dir und geh' mit ihnen hinaus vor den Wald, wo im Feld die alte Eiche steht, gleich bei der dreifachen Wegscheide. Jeder von euch dreien halte ein bloßes Schwert in der Hand, damit macht auf der Erde einen Kreis um die Eiche, etwa auf dreißig Klafter weit. Sodann schürt in dem Kreis ein großes Feuer an, lauft dreimal rings um dasselbe und werft in die Flammen das Herz des Kalbes, das du neulich geschlachtet hast. Auch sprich diesen Segen dazu:

Venite, ihr Unhuldibus
Bringt Bengel her uns stultibus/,
die semper mit uns pentibus
sub capite et lentibus!

Sieh, wenn ihr das dreimal gesprochen habt, so kommen die Hexen mit großem Geschrei aus dem Walde und laufen um den Kreis, so daß ihr sie ansehen könnt. Dann sprecht den Segen wiederum, damit kein Ungewitter über euch komme. Doch wenn ihr an dem Segen ein einziges Wort fehlt, so wird der Teufel feurige Kohlen auf euch werfen, und die Hexen werden ohne Scheu ein Ungewitter über euch machen. Auch bleibt alle drei in dem Kreis; denn wenn einer sich herausbegibt, so wird es ihn sein Leben kosten. Das sag' ich dir vor allem; darum magst du es tun oder lassen.« – Der Bauer sprach: »Ich wag's; hab' ich's doch früher oft mit drei Mann aufgenommen. Sag mir noch, um welche Zeit muß ich heute mit den andern zwei hinausgehen?« – »Gleich um Mitternacht,« antwortete der Schüler.

Der Bauer war überaus froh; der fahrende Schüler aber besann sich, wie er diesen Bauersmann äffen könne. Abends ging er im Dorf in die Rockenstube, bestellte neun Roßbuben und sagte ihnen, was sie tun sollten. Nachdem diese Frauenkleider angelegt hatten, als wären sie alte Hexen, führte er sie mit sich hinaus in den Wald, dort hieb sich jeder drei Prügel, um dann auf den Bescheid des Schülers zu warten. Dieser schlich sich von ihnen weg zur Wegscheide, setzte sich oben auf die Eiche, damit er alles sehen könnte, und hatte einen Hafen mit glühenden Kohlen bei sich. Um Mitternacht kam nun der Bauer mit zwei Nachbarn. Sie machten mit bloßen Schwertern den Kreis um die Eiche, der wohl dreißig Klafter reichte; dann schürten sie mitten im Kreis ein großes Feuer an; hierauf liefen die dummen dauern dreimal um das Feuer und warfen das Kalbsherz hinein. Sie konnten jedoch den Segen kaum halb sprechen; denn als die Roßbuben das große Feuer sahen, das ihr Zeichen und ihre Losung war, schlichen sie sogleich aus dem Walde und tanzten unter lautem Geschrei und schrecklichen Gebärden mit Spinnrocken, Gabeln, Besen, Schaufeln, Rechen und Ofenbänken um den Kreis herum. Die drei Bauern waren zu Tode erschrocken, vergaßen ihren Segen und zitterten an allen Gliedern. Jetzt nahm der Schüler seinen Kohlenhafen und warf ihn herab unter die drei Bauern. Da wurden diese erst recht furchtsam; sie meinten, der Teufel hätte die Kohlen herabgeworfen und würde sie alle holen. Als nun die Kohlen emporsprühten, fingen die Hexen an, ein Ungewitter zu machen und mit Prügeln in den Kreis zu werfen, so daß den dreien der Angstschweiß ausbrach. Die Hexen trafen sie oft, bald an den Beinen und Lenden, bald an den Köpfen, und doch wagte sich keiner aus dem Kreis. Als nun die Hexen ihre Prügel verworfen hatten, zerstreuten sie sich nach allen Seiten in den Wald. Darüber waren die drei alten Bauern froh; sie trotteten aus dem Kreis heraus und kamen hinkend heim, mit Beulen und blauen und schwarzen Flecken. Und es durfte keiner klagen und in drei Tagen darüber reden; aber sie schworen, fortan nie mehr Hexen zu bannen. – Doch zu dem Schaden mußten sie auch noch den Spott leiden; denn die Roßbuben sagten allen Leuten, wie die Sache verlaufen sei, und so wurde ihre Schande offenbar. Der fahrende Schüler aber hatte schon des Morgens früh seinen Lohn genommen und war davongezogen.

(Nach Hans Sachs.)

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