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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 53
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das schwierige Rätsel.

Herzog Karl von Württemberg ritt einst durch die Stadt Calw und kam an dem Hause eines Rotgerbers vorbei. Der ehrsame Meister arbeitete eben in seinen Gruben. Der Herzog sah ihm eine Weile zu und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Im Laufe desselben fragte er ihn, ob er es denn so nötig habe, bei dieser Kälte – es war im Januar – im Freien und dazu noch im kalten Wasser zu arbeiten. Der als Witzbold bekannte Meister antwortete: »Jawohl, Durchlaucht, zwanzig könnten es wohl verleiden, wenn zweiunddreißig nicht wären.« Der Herzog, erstaunt über diese Antwort, fragte den Meister, welchen Sinn diese Worte eigentlich hätten. Nach einigem Zögern löste ihm der Meister das Rätsel folgendermaßen: »Jeder normale Mensch hat an seinen Händen 10 Finger und an den Füßen 10 Zehen, sind zusammen 20. Dazu kommen noch 32 Zähne. Die zwanzig Finger und Zehen, d. h. die Hände und Füße, ließen oft nur zu gerne das Arbeiten sein, wenn die 32 Zähne zur Erhaltung des Körpers nichts zu nagen und zu beißen fordern würden.« Höchst erfreut, für seine Hofgesellschaft eine harte Nuß zum Knacken zu haben, bat der Herzog den Gerber, keiner Seele eher etwas von dieser Unterredung mitzuteilen, als bis er ihn – den Herzog – 101 mal gesehen habe. Dies versprach ihm der Gerber gerne.

Nach kurzer Zeit gab der Herzog bei guter Laune seiner Hofgesellschaft dieses Rätsel auf, und trotzdem er einen hohen Preis für die richtige Lösung aussetzte, fand niemand die Antwort. Der Herzog gab deshalb seinen Edelleuten nochmals eine Frist von acht Tagen. Sie benutzte einer der Herren, um nachzuforschen, wo und bei wem der Herzog sich in der letzten Zeit aufgehalten habe. Auf diese Weise gedachte er, des Rätsels Lösung zu erfahren. Nach langem Suchen fand er den besagten Gerbermeister und bat ihn um Mitteilung der zwischen dem Herzog und ihm gewechselten Worte. Der Meister antwortete aber dem Edelmann, er habe dem Herzog sein Wort gegeben und sei desselben erst entbunden, wenn er den Herzog 101 mal gesehen habe. Der Edelmann ließ sich nicht beirren. Er zog seinen hirschledernen Zugbeutel hervor und zählte dem Gerber 100 Guldenstücke, mit dem Bildnis des Herzogs Karl versehen, auf den Tisch. »So, den Herzog hat Er einmal in Person und nun 100 mal auf den Gulden, also 101 mal gesehen,« sagte er pfiffig, »und jetzt wird Er also wohl seines Wortes entbunden sein.« Der Gerber strich schmunzelnd die 100 Gulden ein und löste dem Edelmann das Rätsel. Befriedigt zog dieser heimwärts.

Der Herzog war nicht wenig erstaunt, als ihm der Edelmann das schwierige Rätsel bei der nächsten Hoftafel löste, und er mußte ihm auch den ausgesetzten Preis, welcher 100 Gulden weit überstieg, ausbezahlen lassen. Erbost über den wortbrüchigen Gerber beschied er ihn in die Residenz. Unerschrocken trat aber der Gerber seinem Herzog gegenüber und erzählte ihm treuherzig, welche Weise ihn der Edelmann seines Wortes entbunden habe. Der Herzog lachte und sagte: »Hiergegen läßt sich allerdings nichts machen. Geh' heim, wackerer Mann, und trage das Bild deines Herzogs ebenso gerne im Herzen, wie du es in deinem Geldbeutel auf den Guldenstücken zu tragen liebst.«

(Mündlich v. August Nestle.)

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