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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 5
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Jokele, sperr!

Bevor die Eisenbahn den Verkehr an sich zog, kamen auf dem Neckarflusse vom Schwarzwald her große Flöße geschwommen, die aus mächtigen Tannen zusammengefügt waren und von kräftigen Flößern geleitet wurden. In langen Stiefeln, die bis an die Hüften reichten, die lange Flößerstange in der Hand, standen sie auf den langsam dahingleitenden Stämmen, von Zeit zu Zeit einander mit heller Stimme rufend, zu sperren oder zu schieben, je nachdem die Strömung des Flusses es erforderte.

Den Studenten in Tübingen war es immer ein großes Vergnügen, von der Brücke aus den Flößern zuzusehen und sich mit ihnen zu necken. »Jokele, sperr!« riefen sie – »sperrr ...« Und die Flößer blieben ihnen nichts schuldig. »Tätet ihr nur studieren, ihr Faulenzer!« war ihre stehende Antwort, der sie aber noch eine Reihe von Schimpfworten anfügten, die ich hier nicht wiedergeben kann. Je derber diese Schimpfworte ausfielen, desto größer war das Vergnügen der Studenten, die sich darüber vor Lachen oft ausschütten wollten.

Auch die Studierenden im evangelischen Stift beteiligten sich gerne an dieser Neckerei. Sie hatten dazu auch eine besonders günstige Gelegenheit, denn verschiedene Fenster des Stifts gehen auf den Neckar hinaus. Der Vorstand des Stifts, ein alter, frommer Professor, war mit diesem Ulk gar nicht zufrieden. Ihm deuchte es für zukünftige Geistliche unpassend, an einem solch unfrommen Treiben Anteil zu nehmen, und er verbot es ihnen des öfteren. Die Stiftler entschuldigten aber jedesmal ihr Tun damit, daß sie sagten, die Flößer seien es, die zuerst anfingen und sie mit groben Redensarten bedienten, sobald sich nur ein Kopf am Fenster sehen lasse. Der Herr Professor wollte dies nicht glauben. »Wenn ihr die Flößer in Ruhe lasset, so halten sie auch Frieden mit euch,« sagte er. Um ihnen das auch zu beweisen, kam er eines Tages, als eben ein Floß in Sicht war, in das Arbeitszimmer einiger Studenten und stellte sich vor das geöffnete Fenster. Damals trugen aber die Professoren noch große Haarperücken auf dem Kopfe, so daß sie gar wundersam aussahen. Der Floß kam näher, und wirklich schienen die Flößer diesmal keine Lust zu haben, sich mit dem Stift zu necken. Der Professor triumphierte schon in seinem Herzen und gedachte, den Studenten eine ernstliche Strafrede ihrer unwahren Angabe wegen zu halten. Da hob hinter ihm ein Student einen langen Kanonenstiefel in die Höhe, ohne daß der Professor es merkte. Und die Flößer, als ob sie nur auf dieses Zeichen gewartet hätten, fingen nun an zum Fenster hinauf zu schimpfen, was sie vermochten. »Und seht doch,« rief einer, »das alte Schaf muß sein' dummen Grind au no zum Fenster raus g'streckt habe'!« Der Herr Professor hatte an dieser Probe genug. Er wandte sich entrüstet vom Fenster weg und sagte zu den Studenten, die einstweilen wieder die harmloseste Miene aufgesetzt hatten: »Sie haben recht, meine Herren, mit diesen Leuten kann auch der Frömmste nicht im Frieden leben!« Also durften die Stiftler ihre Neckereien fortsetzen, und die Flößer, die daran auch ihre Freude hatten, waren des zufrieden.

(Mündlich. K. Rommel-R.)

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