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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 49
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Röhrle von Häfner-Neuhausen.

1. Wer der Röhrle war, und wie er berühmt wurde.

Wenn in Schwaben einer sich rühmt, daß er dies oder das fertig gebracht habe – etwas mehr, als man ihm eigentlich zutraut – so sagt man wohl zu ihm: » Du bist halt ein Röhrle.« Diese Redensart bezieht sich auf einen schwäbischen Bürgersmann, Gottlieb Rohr von Neuenhaus O/A. Nürtingen, allgemein der Röhrle von Häfner-Neuhausen genannt. Er hat als württembergischer Soldat die Feldzüge unter Napoleon I. mitgemacht, und als er nach Beendigung derselben wieder nach Hause kam, da wußte er gar vieles zu erzählen von den großen Heldentaten, die er in aller Herren Länder vollführt hatte. Man hörte ihm gerne zu, wenn es auch noch so bunt wurde, und manche seiner Erzählungen gingen noch lange nach seinem Tode von Mund zu Mund.

Erst 17 Jahre alt, zeigte sich Gottlieb Rohr schon als ein tapferer und schlauer Bursche. Im Schönbuch hauste damals ein Räuber, der Lutzenhans genannt, mit seinem Weibe und 2 Kindern. Er war der Schrecken der ganzen Gegend, und trotz aller Anstrengung gelang es nicht, ihn zu fangen und unschädlich zu machen, bis der junge Rohr der Not ein Ende machte. Er fuhr eines Tages mit seinem Fuhrwerk in den Wald hinaus und traf glücklicherweise die Frau des Räubers allein an. Er war äußerst freundlich gegen sie und erkundigte sich namentlich auch nach ihren Kindern. Als sie ihm aber diese vorstellte, packte er schnell die Kleinen, setzte sie auf seinen Wagen und fuhr davon. Die Frau sprang hinten drein, und durch ihr Geschrei herbeigelockt, kam auch der Räuber und setzte dem Fuhrwerk nach. Rohr fuhr immer nur so schnell, daß die beiden noch hoffen konnten, ihn einzufangen. Die Liebe zu ihren Kindern ließ die Räubereheleute alle Gefahr vergessen, und so rannten sie auch noch nach, als das Fuhrwerk nun nach Neuhausen hineinfuhr. Rohr lenkte in des Schultheißen Hof ein, und als die Verfolger auch drin waren, schloß der Schultheiß das Tor zu, und die ganze Räuberfamilie war gefangen. Durch diese Tat wurde Gottlieb in der ganzen Gegend bekannt und bekam von da an den Ehrennamen »Röhrle«.

2. Wie Röhrle in den Krieg zieht.

Natürlich konnte diese Heldentat auch dem damaligen Kurfürsten Friedrich von Württemberg nicht verborgen bleiben. Er ließ den Röhrle zu sich kommen, und da gerade wieder Krieg war, so wollte er ihn sogleich zum General machen. Röhrle aber hatte trotz seiner großen Berühmtheit auch die Bescheidenheit noch nicht verlernt und trug die untertänigste Bitte vor, man möchte von einer solch hohen Ehre zunächst absehen, er möchte den Krieg am liebsten als Marketender mitmachen, was ihm auch der Kurfürst gnädigst gewährte.

3. Wie Röhrle zum Stab Napoleons kommt.

Seine Bescheidenheit sollte den Röhrle nicht reuen, denn bald kam er zu noch größerer Würde. In der Schlacht bei Austerlitz hatte er sich mit seinem Marketenderzelt ganz in der Nähe Napoleons aufgestellt. Als nun die Schlacht im schönsten Gange war, bekam plötzlich Napoleon dermaßen das Grimmen, daß es ihm nicht mehr möglich war, die Schlacht zu leiten. Es war nahe daran, daß sein Heer in große Unordnung gekommen und die Schlacht verloren gegangen wäre. Da reichte Röhrle dem Kaiser ein Gläschen Heidelbeergeist, einen feinen, den er aus Schwaben mitgebracht hatte. Im Nu war das Grimmen vergangen, und Napoleon konnte das Kommando wieder übernehmen.

Natürlich war er sehr freundlich gegen Röhrle und ließ ihn sogar durch sein Fernglas schauen, weil Röhrle nie ein solches gesehen hatte. Da sah Röhrle, wie gerade die Russen über einen See gingen, der gefroren war. Er gab Napoleon den Rat, einfach durch Artillerie das Eis zusammenschießen zu lassen. Auf diese Weise kamen 3000 Russen ums Leben, und das trug nicht wenig dazu bei, daß Napoleon der Sieg zufiel. Zum Dank nahm Napoleon den Röhrle in seinen Generalstab auf und verlieh ihm eine prächtige Uniform.

4. Wie durch Röhrle Württemberg ein Königreich wird, und wie er die Schlacht bei Jena entscheidet.

Als Napoleon den Feldzug gegen Preußen unternehmen wollte, bat er Röhrle, er möchte ihm doch wieder mit seinem Rate beistehen. Röhrle wollte es tun unter der Bedingung, daß Napoleon sein Vaterland Württemberg zu einem Königreich mache. Napoleon ging gerne auf diese Bedingung ein, und es sollte ihn nicht reuen. Die Schlacht bei Jena gewann Napoleon durchaus nicht so leicht, wie es gewöhnlich in der Weltgeschichte dargestellt wird. Wenn Röhrle nicht gewesen wäre, wäre es sogar höchst wahrscheinlich schief gegangen. Die kaiserlichen Soldaten fingen schon an verschiedenen Stellen an zu weichen. Da bemerkte Röhrle durch sein Fernglas bei den Preußen einen mit sechs Pferden bespannten Galawagen. Er wußte wohl, daß die Preußen in diesem Wagen den Krückstock Friedrichs des Großen als Palladium mit sich führten, und daß nichts sie mehr in Bestürzung bringen würde, als wenn man ihnen diesen Krückstock abnehme. Er bat sich von Napoleon eine Schwadron Husaren aus, stürmte los und eroberte richtig den Stock. Nach diesem Verlust flohen die Preußen sogleich in großer Verwirrung. So wurde nicht bloß die Schlacht bei Jena gewonnen, sondern auch in der gleichzeitig stattfindenden Schlacht bei Auerstedt wurde das Mißgeschick der Preußen bekannt und der Sieg zu ihren Ungunsten entschieden.

5. Wie Röhrle noch andere Schlachten entscheidet.

In der Schlacht bei Eylau kämpften Napoleons Krieger gegen die Russen. Die Russen rückten an; aber auf einmal stand das ganze Heer still, es entstand eine Verwirrung, und die russischen Soldaten kehrten um. Was hatte Röhrle getan? Er hatte querüber auf das Feld das Insektenpulver »Laustod« gestreut. Als nun die Russen an diese Linie kamen, da ergriff ihre Läuse Todesschrecken, sie wollten durchaus nicht darüber weg, und so groß war ihre Zahl und ihre Gewalt, daß sie das ganze russische Heer zurückrissen.

Die Schlacht an der Moskwa war eine der blutigsten, die je gekämpft wurde. An allen Punkten waren die Franzosen und ihre Verbündeten Sieger, nur auf einem Flügel wollten die Russen durchaus nicht weichen. Dort befehligte die Franzosen des Kaisers Stiefsohn, der Herzog von Leuchtenberg. Als der Röhrle die Schwierigkeiten merkte, sprach er: »Da helfen nur noch Schwabenstreiche!« Er ritt los und wütete derartig, daß die Köpfe der Russen, Arme und Beine nur so in der Luft herumflogen. Natürlich verging den Russen die Lust zu weiterem Widerstand. Nach dieser Schlacht ist es gewesen, daß Napoleon den siegreichen Röhrle mit den Worten empfing: »Röhrle, bitt Er sich eine Gnade aus!« Da hat sich Röhrle stramm hingestellt und geantwortet: »Keine Gnade, Majestät, es war meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.« Über diese Antwort war der große Napoleon so erstaunt, daß er ausrief: »Röhrle, Röhrle, Er ist ein Himmelsakermenter!« – Napoleon sah wohl ein, daß er solchen Verdiensten gegenüber nicht mit kalten Orden kommen dürfe. Deshalb bot er dem Röhrle das brüderliche Du an. Mit verschränkten Armen tranken sie ein Glas Bier und nannten sich fortan Du.

Natürlich war Röhrle auch der erste, der den Brand von Moskau roch, und nur ihm hatte es Napoleon zu danken, daß er mit heiler Haut herauskam.

6. Wie Röhrle ins Zivil zurückkehrt.

In der Schlacht bei Leipzig wurde Napoleon gemeldet, die Schwaben seien nicht mehr zuverlässig. Da rief der Kaiser im Zorn aus: »Erschießt mir die Kerle!« Dieses unbedachte Wort sollte ihm schlecht bekommen. Der Röhrle konnte sich das nicht gefallen lassen, daß man von seinen Landsleuten per Kerle sprach. Er warf seinem Freund Napoleon den Säbel vor die Füße, setzte sich an die Spitze der Schwaben und kämpfte gegen die Franzosen. Mit Napoleons Macht ging es an diesem Tag zu Ende.

Nun hatte aber Röhrle das Kriegsleben satt und begab sich der Heimat zu. Sein Einzug in Schwaben glich einem Triumphzug. Der König ließ ihn sogleich vor sich kommen. Er wußte schon, daß er den Röhrle nicht mit Orden und Ehrenzeichen belohnen dürfe. Deshalb hatte er ihm eine ganz besondere Ehre zugedacht: die Universität Tübingen sollte ihm den Doktorstitel verleihen. Allein Röhrle verzichtete auch auf diese Ehrung und ersuchte den König nur, ihm eine Wirtschaftsgerechtigkeit zu verleihen. Dies wurde ihm auch gewährt. So fing er denn in seiner Heimat eine Wirtschaft an. Von überall her kamen die Leute in das Wirtshaus »Zum Freund Napoleon« in Häfner-Neuhausen. Der Röhrle erzählte seinen Gästen die großen Taten Napoleons und seine eigenen, wie sie hier aufgeschrieben sind, aber auch noch viele andere, die leider nicht alle auf unsere Tage gekommen sind.

(Nach Geßler von R. Haußmann.)

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