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Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil - Kapitel 20
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von einem anderen Aufschneider.

Heinrich Bebel, der schwäbische Humanist und Poet (1500), berichtet von einem schwäbischen Dorfpfarrer, der im Wirtshaus die Bauern mit seinen Spässen zu unterhalten wußte. Einmal, so erzählte der Pfarrer den Bauern, ging ich aufs Weidwerk. Ich wollte Reiher jagen und hatte bei mir einen Falken, der auf diese Jagd abgerichtet war. Wie ich nun an den Fluß kam, stieg alsbald ein Reiher mit lautem Geschrei auf. Ich nahm schnell meinem Falken die Kappe ab und ließ ihn steigen. Er hatte in hoher Luft bald den Reiher überholt, stieß auf ihn herab und ließ ihn nicht mehr los, so sehr er sich auch sträubte. Endlich fielen beide Vögel zusammen auf den Boden. In demselben Augenblick kam ein riesiges Wildschwein aus dem Walde gelaufen. Das war nicht faul und verschlang beide, den Reiher mitsamt dem Falken in einem Nu, ohne daß ich es hindern konnte. Ich war darob aufs heftigste erbost, nahm meinen Spieß, lief das Schwein an und stach es nieder. Als ich ihm aber daheim den Bauch aufschnitt, war ich nicht wenig erstaunt, als plötzlich der Falke unversehrt herausflog. Er hielt noch den Reiher in seinen Klauen, so daß mir jetzt nicht nur das Schwein, sondern auch der Reiher als gute Beute zufielen.

Ein andermal, als die Bauern den Pfarrer fragten, wohin wohl im Herbst die Störche zögen, und woher sie im Lenz wiederum kämen, erzählte er ihnen folgende Geschichte. Ihr wißt, liebe Freunde, daß mich mein Vater Studierens halber in fremde Länder schickte. Auf meiner Fahrt kam ich auch nach Italien, nach Rom, Padua und Venedig. Als ich dort das Meer sah, erwachte die Begier in mir, noch mehr Neues zu sehen und fremde Länder und Nationen kennen zu lernen. Ich trat also in ein Schiff, gab Fährgeld und fuhr hinaus in das weite Meer. Nach etlichen Monaten landete ich an einer Insel im äußersten Indien, allwo eine sehr berühmte hohe Schule errichtet war. Als ich nun dort in das gemeine Bad ging, um mich nach der schweren Fahrt zu reinigen, begrüßten und bewillkommten mich verschiedentliche Bürger, wie wenn ich der beste Bekannte von ihnen wäre. Ich verwunderte mich darüber sehr, dankte ihnen aufs freundlichste, konnte mir aber nicht erklären, wie das also käme. Ich nahm mir aber ein Herz und fragte sie, woher sie mich denn kenneten, da ich doch fremd und erst seit kurzem aus fernen Landen Hieher gekommen sei. Da antwortete einer von ihnen: »Von Euren Eltern her, lieber Herr Johannes, seid Ihr uns wohl bekannt; haben sie mir und meinem Geschlecht doch seit langer Zeit viel Gutes erwiesen. Denn wisset, alljährlich im Frühling fängt hier auf unserer Insel eine gar große Kälte an. Alsdann werden wir unserer Natur nach in Störche verwandelt, damit wir uns aufmachen und ins Land Europa fliegen können, allwo es zu dieser Zeit wärmer zu werden anfängt. Sobald es dort aber wieder kalt wird, fliegen wir in unsere Heimat zurück und werden allhie wieder zu Menschen. Nun habe ich den Sommer über schon seit dreißig Jahren mein Nest auf dem Dache Eurer lieben Eltern; und so oft ich im Frühling anrücke, freut es mich sehr, daß sie das Nest geschont und nicht zerstört haben. Mit ein paar Rütlein und anderem Geäst ist es jedesmal bald wieder ausgebessert, und ich kann den ganzen Sommer über im Frieden und in guter Ruh darin leben. Daher ist es auch nur billig, wenn ich Euren Eltern Lob und Dank zolle und mich auch gegen Euch freundschaftlich und liebreich erweise.« – Die Bauern verwunderten sich sehr über diese Geschichte. Sie gelobten auch, in Zukunft den Störchen weniger Hindernis in den Weg zu legen, denn, sagten sie: Es ist nicht gleichgültig, was die Störche über einen denken; denn man weiß nicht, wohin man noch in seinem Leben kommen kann.

(Nach Bebel und Wendunmut [1550] von R.)

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