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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 9
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Des Helden Fläschlein zu Justingen

Vor alten Zeiten gab es allerlei Landfahrer und Gauner, die den Leuten auf alle mögliche Weise das Geld aus der Tasche zu holen wußten. Zu dieser Sorte gehörten auch die sogenannten fahrenden Schüler, die sich für Studenten ausgaben und den Leuten weismachten, sie hätten im Venusberg die sieben freien Künste erlernt und vermöchten deshalb mehr als Brot essen. Eines Abends kam zu dem Bauern Held in Justingen auf der Alb auch solch ein fahrender Schüler, grüßte ihn freundlich und bat ihn um eine Nachtherberge. Der Bauer bewilligte sie ihm und führte ihn in die Stube, die so niedrig über dem Erdboden gelegen war, daß man von außen bequem mit der Hand durch's Fenster langen konnte. In der Stube brannte schon der Kienspan, und gleich darauf stellte die Magd die dampfende Schüssel auf den Tisch. Der Bauer lud den Fremden zum Nachtessen ein, und alles setzte sich zu Tische. Wahrend des Essens griff der Schüler in die Tasche, holte eine volle Weinflasche heraus und ließ daraus den Bauern und das Gesinde trinken. Er ermunterte sie auch, nur tüchtig zuzugreifen; denn seiner Kunst sei es ein leichtes, ihnen Wein genug zu verschaffen. Die Leute ließen sich das nicht zweimal sagen, und bald war die Flasche leergetrunken. Der Schüler nahm sie, hielt sie zum Fenster hinaus und stellte sie gleich darauf wieder gefüllt auf den Tisch. Denn draußen vor dem Fenster hatte sich einstweilen sein Geselle eingefunden; der nahm die leere Flasche in Empfang und stellte dafür eine gefüllte auf den Fenstersims. Der Bauer und das Gesinde merkten davon aber nichts, und als der Vorgang sich einigemal wiederholte, waren sie alle voll Staunens über das Wunder. Sie fragten den Schüler, wie es denn zugehe, daß die Flasche sich immer wieder fülle, sa oft er sie vor das Fenster stelle. Der Schüler antwortete: »Liebe Freunde, merket wohl auf, was ich euch sage! Diese Flasche, die ihr hier vor euch sehet, ist die wunderbare Flasche des heiligen Ottmar, die er von Gott durch sein heiliges Leben und anhaltendes Gebet erworben hat. Wer sie besitzt, dem mangelt es nie an köstlichem Wein. Denn so oft sie leer ist und er hält sie hinaus unter das Himmelszelt, so füllt sie sich von neuem, wie der Weinstock sich alle Jahre wieder mit köstlichem Saft füllet.« Der Bauer und sein Gesinde sperrten Maul und Augen auf und bezeigten den sehnlichen Wunsch, auch eine solche Flasche zu besitzen. Der Schüler sagte: »Ich bin nicht abgeneigt, die Flasche zu verkaufen, vorausgesetzt, daß mir ein ordentliches Gebot gemacht wird; denn ich bin des ewigen Weintrinkens satt und brauche das Geld zu nötigeren Dingen.« Der Bauer, ein wohlhabender Mann, war froh, als er das hörte, und fragte den Schüler, was er für seine Flasche wolle. Dieser forderte hundert Gulden. Nach langem Feilschen und Handeln wurden sie endlich einig: der Schüler bekam 20 Gulden in bar; den Rest sollte der Bauer zu gelegentlicher Zeit entrichten. Ehe der Hahn krähte, machte sich am andern Morgen der Schüler auf und davon, um am ausgemachten Ort mit seinem Gesellen zusammenzutreffen und mit ihm die Beute zu teilen. Der Bauer Held aber hatte das Nachsehen. Denn als er beim Mittagessen die Flasche probierte, war sie bald leer, und alles Warten, sie möchte sich wieder füllen, war vergeblich. In seiner Not wandte er sich an die Nachbarn um Rat. Sie lachten ihn aber aus, als sie die Geschichte erfuhren, und so hatte er zum Schaden auch noch den Spott. Wie der schwäbische Poet Bebel (ums Jahr 1500) erzählt, entstand darüber zu Justingen ein Sprichwort. Denn so im Keller ein Fäßlein länger Wein gab, als man angenommen hatte, sagte man: Ich glaub', es ist des Helden Fläschlein.«

(Nach Bebel u. Wendunmut [1563] von K. Rommel.)

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