Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/antholog/schwab1/schwab1.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120411
projectid98ea94b2
Schließen

Navigation:

Ulmer Geschichten

I. Der Ulmer Spatz

So ein Spatz kann manches, was wir Menschen noch nicht können. Das muß wahr sein, und die lieben Ulmer haben diese Tatsache schon vor vielen hundert Jahren einmal herausbekommen. Dabei ist es aber so zugegangen. Vor Zeiten, als man in Ulm zu Ehren des lieben Gottes ein Münster bauen wollte, da sandte der Rat der Stadt viele Holzhacker aus. Die mußten hingehen in den Albecker Wald, mußten Eichen fällen und sie zurichten zu Balken, auf daß man baue das Haus des Herrn. Und die Holzhacker gingen hin und taten, was ihnen befohlen war. Eines Tages führten sie dann den ersten Balken zur Stadt hinab. Sie hatten ihn aber quer auf den Wagen geladen, so daß er auf beiden Seiten weit über den Wagen hinaus und in den Weg hinein ragte. So kam das Fuhrwerk an das Tor am Gaisberg, und o weh, hier wollte nun der Wagen nicht durch das Tor gehen, weil der Balken hüben und drüben an die Mauer stieß. Als sich der Fuhrmann gar nimmer zu helfen wußte, da ließ er sein Fuhrwerk stehen, wie es stand, und lief spornstreichs aufs Rathaus, wo zum Glück gerade der Rat versammelt war. Und die Herren stunden alle eilends auf und liefen mit dem Fuhrmann nach dem Tor am Gaisberg. Sie besahen sich die Sachen von vorn und von hinten und von allen Seiten und hatten viel Sorge. Aber sie fanden keinen Rat und keinen Weg, bis endlich einer sagte: »Ich schätz', da ist bald geholfen; der Balken ist eben zu lang, und wir müssen ihn halt absägen.« Da sprach aber Herr v. Besserer, welcher zu dieser Zeit Ulmer Bürgermeister war: »Absägen? Wo denkt Ihr hin? Da würde der Balken ja für das Münster zu kurz.« »Jaso!« gab der andere zu und schlug sich an den Kopf, »an das habe ich nicht gedacht.« Und die anderen Ratsherren sagten: »'s ist währle wahr: da würde er zu kurz.« Und wer nichts sagte, der nickte, also daß man es gleich sah, daß die Ratsherren in diesem Stücke alle einig seien: abgesägt darf der Balken nicht werden. Nachdem sie sich wieder eine Weile besonnen hatten, sagte ein Ratsherr: »Diesmal bleibt uns, meiner Seel, nichts übrig als das Tor zu erweitern.« Auf dies hin nickten wieder alle vom Rat und sagten nichts bis auf einen, welcher meinte: »Wenn wir das Tor erweitern, dann fällt ja der Turm ein!« »Halt!« rief auf dies hin der Bürgermeister, »das darf nicht vorkommen. Da würde die Bürgerschaft nicht übel schelten. Aber ich weiß einen andern Rat. Wir lassen den Torturm einfach durch Maurer abtragen, dann kann er nicht einfallen. Hernach erweitern wir das Tor, und dann fahren wir mit dem Balken in die Stadt hinein, richten ihn auf und bauen das Münster. Holet also fürs erste Maurer herbei!« Und etliche vom Rat gingen, die Maurer zu holen.

Indes die andern nun am Gaisbergtor warteten, sah einer von ihnen wehmütig an dem schönen Turm hinauf, der nun abgetragen werden sollte, und bemerkte zufällig unterm Torbogen ein ärmliches, kleines Nest. Und wie er so hinsah, flog ein Spätzlein herzu, das trug einen ellenlangen Strohhalm im Schnabel. Es wollte damit sein kleines Haus bessern. Das Spätzlein trug den Strohhalm aber der Länge nach, nicht der Breite nach durch den Torbogen. Da stupfte der Ratsherr, der alles beobachtet hatte, seinen Nebenmann, und dieser stupfte den seinigen und so fort bis zum Bürgermeister, und alle sahen nun dem Spätzlein zu. »Sapperlot!« rief da auf einmal der Bürgermeister aus und patschte in die Hände; »jetzt hab' ich etwas gelernt. So muß es gehen! Der Nase nach, nicht quer hinein!« Und sie drehten nun eilends den Balken, also daß er hinten zum Wagen hinaussah. Dann riefen sie hist! und wollten gerne sehen, wie es ginge. Die Gäule zogen an, und siehe da, das Fuhrwerk kam glücklich mitsamt dem Balken durchs Tor, und hinterdrein jubelten die Ulmer Ratsherren und sagten: »Das haben wir aber einmal fein fertig gebracht!« Und als sie dann den Maurern begegneten, die eben ans Tor eilen wollten, hießen sie die wieder umkehren. So blieb das Gaisbergtor stehen, und auch der Turm wurde nicht abgetragen.

In der nächsten Ratssitzung aber erhob sich der Bürgermeister und hielt zu Ehren des rettenden Vogels eine ergreifende Rede. Und dieweil die Ulmer zu allen Zeiten dankbaren Gemüts waren und noch sind, so ließen sie den Spatzen in Stein aushauen, und hernach stellten sie ihn, den Strohhalm im Schnabel, auf das Münsterdach, wo er noch heute zu sehen ist. Seit der Zeit aber, da die Geschichte mit dem Balken passiert ist, müssen sich die Ulmer »die Spatzen« heißen lassen bis auf den heutigen Tag.

(C. Schnerring.)

Schlußvignette

II. Die Ulmer Heringe

Zu Kaiser Friedrichs III. Zeiten brachte ein Kaufmann die ersten Heringe nach Ulm. Die lobte er gar sehr, wie sie eine so gute Fastenspeise und gar leicht und ohn' alle Unkosten zu bereiten seien; denn, wenn sie nur das Feuer gesehen hätten, wären sie schon gekocht. Man führte nun die ganze Tonne hinaus aufs Feld, um eine Probe damit zu machen. Der weise Herr Bürgermeister nahm einen Hering heraus und hielt ihn ans Feuer. Aber er entschlüpfte ihm aus der Hand, dieweil er schlüpfrig war. Der Bürgermeister, nicht langsam, greift ins Gras, um ihn zu fassen, erwischt aber einen Frosch und drückt ihn, daß er schreit: »Kwäck! Kwäck!« Der Bürgermeister läßt sich darob nicht aus der Fassung bringen. »Kwäck hin, kwäck her!« sagt er, »du hast das Feuer gesehen« und wischt damit ins Maul. »Von der Zeit pflegt man die Schwaben und besonders die von Ulm mit Frosch' zuo fatzen« (necken).

(Aus einer Augsburger Handschrift des 15. Jahrh.)

Schlußvignette

III. Der Ulmer Kuhhirte.

Die Ulmer hatten einmal einen Kuhhirten, welcher sein Amt dergestalt lässig und liederlich versah, daß der Stadtrat beschloß, ihn abzusetzen. Während nun dieser Beschluß gefaßt wurde, horchte der Ulmer Kuhhirt an der Türe des Sitzungssaals, und als er nun hörte, was ihm bevorstand, trat er rasch entschlossen vor die Ratsherren und verlangte, um seiner Absetzung zuvorzukommen, einfach seinen Abschied.   Seitdem soll sich die Geschichte im lieben Schwabenland und draußen im Reich schon öfters wiederholt haben, daß ein Beamter abdankt »wie der Ulmer Kuhhirt.«

(Nach Meier.)

Schlußvignette

IV. Der Schneider von Ulm

In der Donaustadt Ulm lebte vor 100 Jahren der Schneider Ludwig Albrecht Berblinger. Er war ein spintisierender Kopf, der alles andere gerne trieb, nur sein Handwerk nicht. Einstmals konstruierte er einen Flugapparat. Damit gedachte er's den Vögeln gleich zu tun und durch die Luft zu streichen. Und es gelang ihm auch, eine Maschine zuwege zu bringen, welche einen Menschen, zumal einen so federleichten, wie der Schneider einer war, eine Zeitlang in der Luft schwebend halten konnte. Da träumte sich der ehrsame Meister der Nadel schon in allen Höhen, und er lud auch auf den 31. Mai 1811 die Bürger der Stadt Ulm zu einer öffentlichen Schaustellung ein. An der schönen blauen Donau von einem Gerüste aus wollte der Tausendsassa seinen ersten Flug in die Welt tun. Seine Flügel sollten ihn über die Donau und also über alle Schlagbäume und Grenzpfähle hinweg vom Württembergischen ins Bayrische führen. In kurzer Zeit von einem Königreich in ein anderes zu kommen und so die Welt buchstäblich im Flug zu nehmen: mehr konnte man billigerweise von niemand, auch vom ehrsamen Ulmer Schneidermeister Ludwig Albrecht Berblinger nicht erwarten. Darum war die Stadt Ulm, das halbe Bayerland und das Schwäbische an diesem Tag in fieberhafter Aufregung, sollte sich doch die größte Frage des 19. Jahrhunderts entscheiden, die Frage, ob der Mensch auch König der Lüfte werden solle oder nicht. Schon am Vormittag dieses Tages kam das Landvolk aus den benachbarten Dörfern nach Ulm; und auch aus weiter Ferne, aus Günzburg, Donauwörth, Elchingen, Ehingen, Geislingen kamen sie, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß, und alle wollten den berühmten Schneidermeister Berblinger durch das Luftrevier segeln sehen. Aus Stuttgart aber war König Friedrich gekommen. Auf der Adlerbastei an der Donau war ein Holzturm errichtet worden. Von der Plattform desselben wollte Meister Berblinger den Flug wagen. Schon eine Stunde vor der bestimmten Zeit stand die Volksmenge Kopf an Kopf am jenseitigen Ufer der Donau, von wo aus man die Adlerbastei und den Holzturm vor sich hatte. Um fünf Uhr abends erschien der Held des Tages auf der Plattform des Turmes. Zwei Stadtknechte waren ihm beigegeben, und die halfen ihm nun, als er mit den Armen in die Ringe der Flügel schlüpfte; sie legten ihm die Riemen über Brust und Rücken, und an den Füßen befestigten sie etliche Zugbänder, mittels deren der Meister durch das Anziehen und Strecken der Beine das Heben der Flügel unterstützen konnte. Dann trat Berblinger an die Brüstung des Holzturms. Ein erwartungsvolles, fast banges Schweigen, wie es entscheidungsvollen Stunden eigen zu sein pflegt, trat ein, und die Menge stund mit verhaltenem Atem. »Die Fahne hoch!« rief kühn der Meister Berblinger, nahm einen Anlauf und flog hinaus. Und jetzt hing er im freien Reich der Lüfte, aber nur für die Länge eines Pulsschlags. Tapfer und brav und hastig schlugen die Flügel die Luft; aber dann krachte mit einem Mal etwas, und nun ging die Reise des Schneiders rettungslos nach unten. Im nächsten Augenblick war die Freude der Leute, war der ehrsame Schneider und war die Flugmaschine ins Wasser gefallen, und im wirbelnden Spiel der Donauwellen ging's flußabwärts, bis einige Fischer herzuruderten und den so jäh aus allen Himmeln gefallenen Schneider barmherzig aus dem Wasser zogen. Und dieweil derjenige, der den Schaden hat, für den Spott nie zu sorgen braucht, so haben unverständige Landsleute des Schneiderleins folgenden spottschlechten Vers über ihn verbrochen:

»Der Schneider von Ulm hat 's Fliegen probiert,
Da hat ihn der Teufel in d' Donau nei g'führt.«

Andere aber waren verständiger und bedauerten den Mann, dieweil ihm das Erfinderschicksal so unhold gewesen war. Und König Friedrich ließ dem verunglückten Vogelmenschen aus seiner Privatschatulle zwanzig Friedrichsdor senden, weil dessen Courage die allerhöchste Anerkennung verdiene. Diese königliche Huld konnte freilich dem Meister Berblinger nicht übermittelt werden, da er nach dem Unglückstag aus der Stadt Ulm verschwunden war und lange auch verschollen blieb. Seine Tat aber wird nie vergessen werden. So lange es ein Ulm gibt, wird man ihr gedenken und vom Schneider von Ulm erzählen, der das Fliegen probiert hat.

(C. Schnerring.)

Schlußvignette
 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.