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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 68
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Advokat und der Schneider.

Fast jeder Mensch hat eine kitzliche Seite. Auch der Ludwigsburger Advokat Wölfle hatte eine solche und dazu noch ein gar wunderliches Tuch an seinem Rock. In seinem Zimmer durfte man lärmen, poltern und pfeifen   er schrieb fort, als ob er taub wäre. Allein hörte er von außen einen Laut, so mußte er die Arbeit augenblicklich aufstecken: er konnte nimmer denken, nimmer lesen und schreiben. Daher gefiel es ihm auch in keiner Wohnung lange; denn jede hatte etwas an sich, das ihm mißfiel. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in der Stadt suchte er sich das sechzehnte Logis zur Miete und glaubte auch das rechte diesmal gefunden zu haben; denn der Hauseigentümer, der ihm die Wohnung zeigte, wußte sie ins hellste Licht zu setzen, »Sehen Sie, Herr Doktor,« sagte er zu ihm, »gegen die Straße heraus wohnen und schlafen Sie, von den beiden Hinteren Zimmern mit der Aussicht auf den Garten wählen Sie das kleinere zur Bibliothek, das größere zu Ihrem Arbeitszimmer. Hier werden Sie von niemand gestört. Im andern Haus hat der Stadtrat Fingerhut, Schneiderzunftobermeister, seine Butike; es ist ein stilles Gewerbe, und der Herr Stadtrat hält viel auf Ordnung in seinem Hause. Da auf der rechten Seite logieren zwei alte Jungfern, die nur hie und da stille Besuche annehmen. Und sehen Sie, dort hinter dem Garten wohnt der Geldmakler, der seine Kunden in aller Stille über den Löffel zu barbieren weiß.« Diese Beschreibung leuchtete unserem Advokaten wohl ein. Der Mietvertrag wurde abgeschlossen, und der Einzug geschah Punkt Lichtmeß. Wirklich fand er auch die ersehnte Stille um sein Arbeitszimmer, und es war ihm recht wohl, den rechten Fleck einmal gefunden zu haben. Mit jedem Tag fühlte er sich glücklicher, bis auf einmal ein warmer Maitag seine Hausfreuden unbarmherzig über den Haufen warf.

Der Herr Stadtrat Fingerhut nämlich war ein großer Vogelliebhaber. Da ihm zehn Kinder immer in den ersten Monaten des Lebens weggestorben waren, so entschädigte er sich dafür und umgab sich mit zehn Kanarienvögeln, die als lebendige Denkmäler sein Kinderglück vorstellen sollten. Und nun war es seine höchste Wonne, wenn die lieben Vögelein, während er mit Meßband und Schere arbeitete, lauten Beifall sangen, daß ihm die Ohren gellten. Dafür war er auch in ihrer Pflege äußerst sorgfältig; im Winter durfte das Zimmer nie kalt werden, und als der Frühling ins Land kam, so gönnte er ihnen auch frische Luft und die freundliche Aussicht in den Garten: er pflanzte die Käfige vor die Fenster. Und so war es auch, als unser Advokat, Herr Wölfle, in seiner stillen Wohnung im Mai das erstemal von seinem Schreibpult sich aufjagen ließ. Er konnte sich kaum fassen über die Unterbrechung seines bisherigen Wohlseins in dem stillen Stüblein. Nachdem sich aber der erste Kummer gelegt hatte, sann er auf Mittel und Wege, um sich die Ruhestörer vom Halse zu schaffen. Er entschließt sich zu einer Aufwartung bei dem Herrn Stadtrat und läßt sich bei ihm erkundigen, ob und wann es dem Herrn Stadtrat gefällig wäre, einen Besuch anzunehmen. Und Herr Fingerhut läßt alsbald vermelden, es sei ihm eine große Ehre, seine werte Person zu jeder Stunde zu empfangen, wenn sich der Herr Doktor das Vergnügen machen wolle.

Nach kurzer Zeit klopft der angekündigte Besuch schon an der Türe. Auf das gravitätische »Herein!« tritt der Herr Doktor ins Zimmer des Herrn Stadtrats. »Guten Tag, Herr Stadtrat! muß doch auch nach Ihnen sehen. Wie befinden Sie sich? wie ich sehe, wohl. Als Nachbarn hätten wir schon längst zusammenkommen sollen, konnte mich in der Tat nicht länger enthalten, weil ich so gerne in Ihrer Nachbarschaft wohne.«   »Ist mir eine große Ehre, Herr Doktor, wäre auch schon längst meine Schuldigkeit gewesen; allein Sie wissen wohl, die vielen Amtsgeschäfte   der gemeine Bürger hat gar kein Einsehen nicht, wie er unsereinen überladet mit Anfragen und Aufträgen..«

Advokat Wölfle: Und Ihr bedeutendes Gewerbe, das nimmt Sie doch auch in Anspruch?

Stadtrat Fingerhut: Gott behüte, das ist das Wenigste, ich besorge nur die Buchführung, und mein meisterhafter Obergeselle, direkt aus Paris, direktiert die Butike. Sonst könnte es nicht sein, wenn ich oft ganze Tage auf dem Rathaus funktiere. Habe selten Zeit, nach meinen Assistenten zu sehen, was mir oft für den Inzipienten sehr leid tut.

Wölfle: Sie haben auch Vogelliebhaber unter Ihren Gesellen?

Fingerhut: Nein, Herr Doktor, das ist meine Liebhaberei; muß so etwas zu meiner Aufheiterung haben.

Wölfle: Dann nimmt mich's aber wunder, daß Sie die Vögel nicht in Ihrem Wohn- oder Schlafzimmer anbringen.

Fingerhut: Ganz nach Ihrem Belieben, bin nach meiner vollen Überzeugung damit einverstanden; aber meine Frau kann eben das Geschrei der Vögel nicht aushalten, sie hat gar reizende Hörnerven und ist sehr oft mit dem zweischläfrigen Kopfweh behaftet.

Wölfle: Da werden Sie wohl geneigt sein, einem freundlichen Nachbar ein Opfer zu bringen, wenn es darauf ankommt, ein Hindernis seiner Geschäftsruhe zu entfernen. Ich spreche nämlich hier in eigener Sache, Ihre Vögel, die heute zum erstenmal außerhalb des Zimmers Laut geben, stören mich so gewaltig, daß ich zu jeder Arbeit unfähig bin.

Fingerhut (wirft sich in die Brust, erhebt sich auf die Zehenspitzen, den Advokaten unterbrechend): Herr Doktor, alle Ehr und Regard vor Ihnen, nehmen Sie mir nicht übel, Sie greifen an mein Herz: ich habe zehn Kinder auf dem Kirchhof und zehn Vögel im Käfig, sind meine Kinder. Die soll ich einsperren im Frühling, im Sommer? oder gar abtun? Das, wollen Sie mir zumuten in meinem eigenen Hause? und Sie sind nicht einmal Hausbesitzer, sind nur Mietling! Der Henker noch einmal, wenn Sie nichts Gescheiteres wissen     (Wölfle nimmt den Hut zur Hand und geht mit einer stummen Verbeugung zur Türe hinaus.)

Drüben in seiner Wohnung in einer Zimmerecke auf dem Sessel ruht er von seinem schweren Gange aus, dumpf vor sich hinbrütend. Bald ärgert er sich über das grobe Benehmen des Stadtrats, bald lacht er über die possierliche Stellung des Schneiders   sehr ähnlich einem stößigen Bocke. Halt! denkt er, dies Tier ist ihm das widerwärtigste; da findet sich noch Rat. Hurtig springt er auf, nimmt Hut und Stock und eilt aus dem Hause.

In der darauffolgenden Nacht, als schon die ganze Nachbarschaft in der Ruhe lag, wurde in aller Stille ein Verschlag herbeigetragen, auf zwei Leitern am Hause des Doktors sanft emporgehoben, von diesem am Fenster erwartet und mittelst Haften an den Ladenkloben rechts und links befestigt. Der bretterne Verschlag ist 4 Fuß lang, 3 Fuß hoch und 2 Fuß breit. An der Seitenwand, dem Fingerhut zugekehrt, ist oben eine Öffnung eingeschnitten. Die Handwerksleute gehen leise fort, und der Doktor geht zur Ruhe in Erwartung der Dinge, die am nächsten Morgen kommen sollen.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne leuchten durch das einzige Fenster im Fingerhut'schen Schlafgemache. Altes und junges Volk jubelt vor dem Hause. Susanna, die Schneidersgattin, erwacht und horcht und staunt; endlich entschließt sie sich, ihren Mann zu wecken. »Hör', Daniel, es meckert ein Bock vor dem Hause, und die gottlosen Leute meckern nach. Hast du ein scharfes Wort gesprochen auf dem Rathaus?«

Fingerhut erhebt sich vom Bette, wirft sich in den Schlafrock und nähert sich dem Fenster. »Weiß nichts, stimme ja immer zuletzt und jedesmal mit der Mehrheit. (Er öffnet das Fenster): Ihr Leute, was gibt's? warum stört ihr mich?«

Die Jungen meckern, der Haufe lacht. Er reckt sich zum Fenster weiter hinaus, um zu zanken. Aber o weh!   er sieht den Kasten, aus dem ein Bock hervorguckt, der ihm ein dreifaches Mäh zum Morgengruße zuruft. Wie vom leibhaftigen Höllenbocke erschreckt, zieht er sich zurück und schlägt das Fenster hastig zu.

Der Volkshaufe, dem es nur darum zu tun war mit anzusehen, wie diese Morgengabe den Herrn Stadtrat überraschen werde, verlief sich nach und nach, obgleich das geängstigte Tier unaufhörlich nach Hilfe meckerte. Der Stadtrat sitzt stumm im Lehnsessel und faltet die Hände. Die besorgte Susanna stellt sich vor ihn hin mit stierem Blick. In diesem Augenblick stürzt ein Freund des Hauses, Herr Schneckenfizer, herein. Ihm vertraut das betrübte Ehepaar seinen Schmerz, und auch der Besuch des Doktors am vorigen Tag wird nicht vergessen. Mit klarem Blick überschaut Schneckenfizer den Zusammenhang und entfernt sich mit der Beruhigung: »Da weiß ich schon Rat.«

Herr Wölfle sitzt wohlgemut bei einer Tasse Kaffee und liest die Zeitung. Es klopft an; »herein!« Schneckenfizer tritt ein. Nach langer und breiter Einleitung kommt er auf das Herzeleid der Fingerhut'schen Eheleute zu sprechen; er habe es übernommen, den Herrn Doktor um Abwendung des Jammers angelegentlichst zu bitten.

Wölfle: Schon lange habe ich eine große Freude an der Possierlichkeit der Böcke; erst gestern ist sie wieder in mir rege geworden, und zum guten Glück habe ich Gelegenheit gefunden, ein überaus nettes Böcklein zu kaufen. Vorerst behelfe ich mich mit diesem plumpen Bretterverschlag, in wenigen Tagen werde ich aber einen hübschen Käfig bekommen, der für eine Zierde des Hauses gelten könnte. Übrigens bin ich als guter Nachbar gerne geneigt, auf das Vergnügen zu verzichten, sobald der Herr Stadtrat Fingerhut die Gewogenheit haben wird, mir einen Gegenbesuch abzustatten, um die Sache mit mir selber näher besprechen zu können.

Damit konnte Schneckenfizer wieder zurückkehren, von wannen er gekommen war. Der Herr Doktor aber rieb sich höchst entzückt die Hände und schrieb flugs eine Übereinkunft, wonach der Herr Stadtrat versprach, die Vögel im Zimmer zu behalten, überhaupt jede Störung des Advokaten zu verhüten, solange dieser in der Nachbarschaft wohne...

Die Antwort, welche Schneckenfizer zurückbrachte, war eine Hiobspost für Daniel und Susanna, Nachdem aber jener auseinandergesetzt hatte, daß der Herr Wölfle, was seine Bocksliebhaberei betrifft, so gut in seinem Rechte sei als der Herr Stadtrat mit seinen Vögelein, stand dieser auf und sprach: »In Gottesnamen! der Gescheitere gibt nach,« und begab sich hinüber zu seinem Nachbarn.

Als man die Mittagsglocke läutete, saßen die beiden Herren immer noch vertraulich beisammen auf dem Sofa, vor sich eine leere und eine halbvolle Burgunderflasche. Herr Wölfle hielt in der linken Hand einen bereits von Herrn Fingerhut unterzeichneten Vertrag, und mit der andern ergriff er sein volles Glas und stieß mit dem Herrn Fingerhut an: »Herr Stadtrat, auf eine glückliche Fortdauer unserer guten Nachbarschaft!« Alsdann verabschiedeten sie sich, und nach einer Viertelstunde waren an beiden Häusern weder Vögel noch ein Bock mehr zu sehen.

(Nach J. Refflens Schwab, Feierabend von A. H.)

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