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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 66
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Schieferdecker Baur und Schubart im Adler zu Stuttgart

In den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts versammelte sich allabendlich im Gasthaus zum Adler in Stuttgart eine lustige Tafelrunde. Die beiden Hauptpersonen in der fröhlichen Gesellschaft waren der Schieferdecker Baur und der Dichter Schubart. Baur war ein Originalmensch, von dem man in Stuttgart noch lange erzählte. Sein Äußeres wird folgendermaßen geschildert: »Wie ein Fleischberg war er anzusehen. Sein Domherrnkopf ruht auf einer Körperlast von mehr als dritthalb Zentnern; seine krummgebogene Adlersnase ist mit Rubinen geschmückt, seine hochaufspringende Stirn ganz mit Perlen besäet; ein freundlich, vergnüglich Auge lächelt oder blitzt unter den Augenwimpern hervor; sein Mund ist zwei Felsen gleich, welche den schönsten Hafen bilden, um an den Schiffen des Weins das Recht des Stapels zu üben. Das doppelte Kinn senkt sich, einem Talgklumpen gleich, am Halse herab; und die wie ein Damm aufgeworfene Brust ist mit dem hallenden Donner der Stimme gestählt. Dann in fürchterlicher Rundung erhebt sich der Bauch, dem Heidelberger Faß vergleichbar, diese kolossale Stube des Gottes der Reben.« Denn der Wein war sein Element und das Trinken seine liebste Beschäftigung. Schon zum Frühstücke genoß er eine gute Portion Mannheimer Wasser, auch zum Zuspitzen noch etwas Cyperwein, den er kistenweise von fernher zu verschreiben pflegte, um 10 Uhr etliche Schoppen des besten Neckarweins, zu Tisch ein paar Flaschen Rhein- und Moselwein, nach der Tafel in einem benachbarten Orte ein ordentliches Quantum von anderem Gewächs, abends zu Stuttgart in dem Adler eine erstaunliche Menge des besten, den der Keller zu bieten hatte, und zuletzt als Schlaftrunk eine oder auch einige Flaschen Champagner. Einer, der Wasser trank, erschien ihm als der ärgste Verbrecher. »Das Wasser,« sagte er, »macht dumm, es ist nur für Fische, Gänse und   Dummköpfe.« Als einmal neben ihm einer Wasser in seinen Wein schüttete, war ihm das ein unerträglicher Anblick. Er schrie: »Kellner, schnell etliche Bouteillen Rheinwein auf meine Rechnung. Fort mit dem Wasser, fort mit dem Wasser, ich kann und will's nicht sehen!« Schubart dichtete folgendes Verslein auf ihn:

Wenn Baur ein Walfisch wäre,
Und alle Meere Wein,
So trockneten die Meere
Von seinem Schlucken ein.

Um zu verhindern, daß ihn der Wirt beim Zahlen betrüge   denn er selbst konnte um diese Zeit nicht mehr rechnen   hatte er sich angewöhnt, die Pfropfen von den ausgetrunkenen Weinflaschen in die Tasche zu stecken. Am andern Morgen war dann sein erstes Geschäft, aus der Zahl der Pfröpfe und dem Stand seines Geldbeutels die Zeche zu berechnen.

Baur war Junggeselle und hatte sich in seinem Beruf ein großes Vermögen erworben. Dieses reichte nicht nur hin, um seinen üppigen Lebenswandel zu bestreiten, sondern er konnte auch noch vieles für die Armen tun   und dies ist die gute Seite seiner Persönlichkeit. Wie viel er in dieser Beziehung tat, erfuhr man erst aus den Dankschreiben, die man in seinen hinterlassenen Papieren fand; denn er ließ seine linke Hand nicht wissen, was die rechte tat.

In seinen Ausdrücken war der Schieferdecker überaus derb. Man könnte nur die verhältnismäßig feinsten von seinen Redensarten allenfalls hieherschreiben. Ein Lieblingsausdruck von ihm war »Lalle«. Je nach ihrem Beruf nannte er seine Freunde Wirtslalle, Schullalle, Postlalle usw. Natürlich blieben ihm diese nichts schuldig. Einer derselben, der ihm zu seinem Geburtstag ein Gedicht überreichte, redete ihn also an:

Allen, die sich Zecher nennen,
Sei zwar dieses Lied gezollt,
Doch mit laut gestimmt'rem Schalle
Tönt es dir, erhabener Lalle,
Deinem Namen, Leopold.

Wie man ihm nirgends etwas übel nahm, wo man ihn kannte   und wo kannte man ihn nicht!   so ließ er sich auch alles sagen, namentlich wenn wirklich Witz darin lag. Eines Tages traf er einen Juden namens Hirsch, den er zuvor nicht gekannt hatte. Da er gegen alle Juden einen besonderen Widerwillen hatte, so redete er ihn an: »Na, mit was schacherst, Hebräer? Wohl mit alten Lumpen? Kaufst keine Schweine?«   »Es ist ein Glück für Sie,« erwiderte der Jude, »sonst ging es Ihnen übel.« »Flegel,« donnerte ihn Baur an, »küß mich im Buckel!« »Ich habe Ihnen schon gesagt,« war die Antwort, »daß mir mein Gesetz verbietet, Schweinefleisch zu genießen.« Von da an war der Jude bei Baur wohl gelitten. Auf ähnliche Weise wurde der Theaterdirektor Schlotterbeck sein Freund. Als derselbe zum erstenmal bei Baur am Wirtstisch saß, hielt ihn dieser für einen Juden und schrie fortwährend: »Zum Teufel mit dem Juden! Hol' die Pest alle Juden! Ich will bei keinem Juden sitzen!« Schlotterbeck sagte ganz ruhig: »Ich will Euch tatsächlich beweisen, Meister Schieferdecker, daß ich kein Jude bin, indem ich neben ein Schwein mich setze.« Zugleich setzte er sich auf einen Stuhl, der neben Baur stand. Dem Schieferdecker gefiel die schnelle Besonnenheit des jungen Mannes so sehr, daß er alsbald Brüderschaft mit ihm trank. Schlotterbeck wurde eines der »hervorragendsten« Mitglieder der Tischgesellschaft im Adler.

Trotz seiner Derbheit war Baur sehr kirchlich. Er verrichtete regelmäßig seine Andachten, ging täglich in die Messe (er war nämlich Katholik) und erklärte alle Lutheraner für Lalle. Daher wollte er auch nicht in Stuttgart begraben sein, sondern in Hofen bei seinen Glaubensgenossen. Von seinem Freund Schubart läßt sich dasselbe rühmen wie von Baur, daß er nämlich äußerst wohltätig gegen die Notleidenden war. Er hatte selber schlimme Zeiten mitgemacht. Nachdem er aber nun in besseren Verhältnissen war, gab er oft den letzten Pfennig her, um andere zu unterstützen.

War Baur wegen seiner Derbheit und seines originellen Wesens als Gesellschafter sehr beliebt, so war es Schubart hauptsächlich wegen seiner witzigen Einfälle und seiner Kunst, aus dem Stegreif zu dichten. Zu Heslach in der Traube wollten einmal zwei bereits betrunkene Weingärtner von Schubart einen Reim aus dem Stegreif haben. Schubart fragte sie nach ihrem Namen: der eine hieß Klumpp, der andere Fesel. Ohne sich lang zu besinnen, fing Schubart an:

Nimm 's K hinweg von Klumpp,
Und 's F hinweg von Fesel,
So ist der ein' ein Lump,
Der andere ein Esel.

Als Schubart noch seinen Aufenthalt in Ulm hatte, lud der dortige Baumstark-Wirt Becker, der in seinem Hause einen neuen Saal gebaut hatte, zur Einweihung desselben eine Abendgesellschaft ein. Auf den im Saale stehenden Ofen hatte Becker von einem Kunsthafner eine Schubart vorstellende Büste, in der Hand einen Schinken haltend, setzen lassen. Schubart erkannte sich beim Eintreten in den Saal sogleich in diesem Bilde und sagte folgenden Reim aus dem Stegreif:

»Das ist Schubart, der Schlecker,
Frißt ein Stück vom Baumstarkwirt Becker.«

Bei einem Mittagessen erhob sich einmal eine Dame, nahm ganz zimpferlich ihr Gläslein und sprach mit zarter Stimme:

»Schubart, Schubart, dir zu Ehren
Will ich dieses Gläschen leeren.«

Schubart ergriff sogleich sein Glas und erwiderte mit seiner Baßstimme:

»Ach, das freut mich königlich,
Daß die Dame säuft wie ich.«

Einst war Schubart zu einem Weinbergbesitzer namens Landauer zur Weinlese eingeladen worden. Schubart war unglücklicherweise nicht bei Laune. Der Weinbergbesitzer setzte ihm aber zu, die übrigen Gäste doch aufzuheitern, und ließ so ziemlich merken, daß er ihn nur deshalb eingeladen habe. Schubart, der vielen Aufforderungen endlich müde, ergriff sein Glas und brachte vor der ganzen Tischgesellschaft folgenden Trinkspruch aus:

»Hoch lebe Herr Landauer
Und auch sein ganzes Haus:
Der Kerl wird immer grauer,
Der Esel muß heraus.«

Schubart leistete im Trinken auch Erkleckliches; aber seinen Freund Baur erreichte er doch bei weitem nicht.

Man kann sich wohl denken, daß es gar lustig zugegangen sein muß, wenn diese beiden Männer abends zusammenkamen, und wenn noch einige andere trinkfeste und witzige Leute sich dazu gesellten. »Nichts Ergötzlicheres ließ sich denken, als eine Abendgesellschaft dieser lustigen Gesellen. Der Adler in Stuttgart war ihr liebstes Quartier, und es sammelte sich alles, was einen gesunden Sinn und Füße hatte, wenn man wußte, daß Schubart und der dicke Baur zu treffen seien. Das ganze Haus war mit Gästen gefüllt; an den entferntesten Tischen der Wirtsstube saßen Perückenmacher, Stallknechte, Bediente, Schreiner und andere Handwerker; um die Helden des Hauses saßen herum: Offiziere, Advokaten, Schreiber, Kammerdiener, Künstler, Schulmänner, Ärzte, Feldscherer, Kanzlisten, Sekretäre, Kammerräte, Buchhalter, Kaufleute, Studenten, Blaser und Geiger, Springer und Tänzer, Engländer, Franzosen, Italiener und Deutsche   alle in einem Zimmer beisammen, alle beschäftigt, die Sorgen des Lebens im Wein zu ertränken. Unter allen aber leuchtete der Schieferdecker hervor, strahlend wie eine kugelige Sonne.« Einer, der auch gerne hinging, sagt: »Nein, es ist nicht zu beschreiben; nur wer's selbst gesehen hat, kann sich einen Begriff von diesen lustigen Brüdern machen. Das Wort ist viel zu arm, um diesen komischen Anblick zu beschreiben. Der Baur war ein ungeheures Stück Zunder, auf den man nur tupfen durfte, um ihm den köstlichsten Stoff zu einem schallenden Gelächter zu entlocken. Jetzt sog dieser Turm von Fleisch und Speck die Weinflaschen aus, einem Elefanten nicht ungleich, der ein Fuder von Bouteillen mit dem Rüssel sich zu Gemüt führt; jetzt scholl ihm das Gelächter wie das Echo aus Felsengeklüft aus der Brust herauf; jetzt schien ihm vor Freude über irgendein Stichwort seines Freundes Schubart der Gürtel zu platzen; jetzt schien er lächelnd und besänftigt wie ein schlafender Vulkan; jetzt entströmten gleich dichtgesätem Hagel in Eiergröße ganze Quadersteine von Schimpfwörtern seinen wolkigen Lippen.«

Es war eine Lieblingsbeschäftigung der Gesellschaft, Wörter, auf die sich in der gewöhnlichen Sprache kein Reim finden läßt, doch künstlich in Verse zu bringen. Schubart war darin Meister. Als nun einmal auch über diese Kunstfertigkeit Schubarts, der noch nicht anwesend war, Verse aus dem Stegreif zu machen, gesprochen wurde, sagte der Oberst Ramsler, er habe auf seinen Namen noch keinen passenden Reim finden können und bezweifle daher, daß Schubart einen finden werde. Sogleich setzte der Schieferdecker sechs Kronentaler dafür, der Oberst mit noch einigen der Gesellschaft sechs dagegen. Die Summe wurde auf einen Teller gelegt. Schubart kam, und mit einigen Worten von der Wette in Kenntnis gesetzt, fing er also an:

»Auf Ramsler soll ich reimen was  
Sechs Kronentaler gilt der Spaß,
Drum kauf' ich mir ein neues Wams,
Dann hab' ich schon die Silbe Rams;
Jetzt fehlt mir noch die Silbe ler,
Gebt eure Kronentaler her!«

Damit schob er das Geld ein.   Dem Postmeister Reinöhl von Cannstatt, der Schubart auch zu einem Reim auf seinen Namen aufforderte, sagte er:

»O du mit deiner fetten Wange,
Von Reinöhl,
In deiner Geisteslampe
Ist kein Öl.«

Damit soll es genug sein von den lustigen Zechbrüdern. Baur starb im Frühjahr 1791 im Alter von 59 Jahren, und Schubart folgte ihm im Herbst desselben Jahres im Tode nach, erst 52 Jahre alt. Wir wollen nur noch hören, was ein Zeitgenosse über die beiden sagt: »Was sollen wir von diesen lustigen Brüdern denken? Ich für meinen Teil muß gestehen, daß sie mir lieber sind, als alle jene Modejäger, die keine andere Beschäftigung haben als frisieren, putzen, tändeln, effen, schwatzen, lachen, nachäffen, plappern, spielen, tanzen, spazieren, lügen, lästern, kriechen; die unter uns umlaufen, als wären sie von der Natur nur im Vorbeigehen zum Haß gemacht worden; die, wenn sie zusammenkommen, von nichts als Hunden, Gäulen, Komödiantinnen zu reden wissen; deren Gedanken förmlich im Kopfe umschwimmen wie Eulenspiegels Linse im Topf; denen kein Hut gehört, weil sie keinen Kopf haben, und die darum ganz recht daran tun, daß sie, wenn sie in Gesellschaft erscheinen, chapeaubas (hutlos) sind.«

(Nach zwei anonymen Schriften [1792 u. 1845) von R. Haußmann.)

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