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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 56
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120411
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Der Pfeffer von Stetten.

1. Norddeutschland hat seinen Eulenspiegel, Schwaben seinen Pfeffer von Stetten. Über die Streiche dieses Spaßvogels und Schwankhelden lachte vor hundert Jahren jung und alt. Schon als Knabe zeichnete er sich durch seine Findigkeit und durch seinen Mutterwitz aus. Einmal belustigten sich die Knaben am Brunnen. Eine Nachbarsfrau hatte dort einen Zuber mit Wasser stehen, der ausgetrocknet war und nun durch Aufquellen wieder brauchbar werden sollte. Dieser Zuber bot den Knaben ein erwünschtes Spielzeug dar. Mit einem Stein lockerten sie den Zapfen, und in kräftigem Strahl sprang das eingeschlossene Wasser zur großen Freude der Knaben heraus. Unter dem leeren Behälter fanden alsbald Pfeffer und ein weiterer Knabe einen Unterschlupf, während die anderen den Holzboden als Trommel benützten. Eine solche Behandlung konnte aber der ausgetrocknete Zuber nicht ertragen; er brach zusammen. David teilte den Schrecken der andern nicht, die feige davonlaufen wollten. Er gab die Anweisung, die Dauben schön geordnet an den nächsten Gartenzaun zu stellen. Ehe sie aber das Geschäft beendigt hatten, eilte die Eigentümerin herbei und fing weidlich an zu schimpfen. Der kleine Pfeffer suchte sich jedoch zu rechtfertigen und meinte: »Die Bretter waren ganz naß, und so wollten wir sie in der Sonne trocknen.«

2. In der Schule erregte Pfeffer durch seine witzigen Antworten öfters Heiterkeit. Einmal sollten die Schüler bei einer Prüfung durch den Dekan die eigentümliche Frage beantworten: »Welches ist der kleinste Fluß in Württemberg?« Würde ein solches Ansinnen heutzutage gestellt, so dürften sich wohl ebensowenig Hände erheben als damals bei der Schulprüfung in Stetten. David aber, der an seine kleinen Vesperbrote und kärglichen Mahlzeiten denken mochte, blieb die Antwort nicht schuldig. Mit lauter Stimme sagte er: »Der Überfluß!« Die allgemeine Heiterkeit, die diesen Worten folgte, machte ihn für den Augenblick etwas stutzig. Er sah den visitierenden Dekan und den Lehrer erstaunt an und   lachte auch mit. Als dann die zu einer Prüfung nötige Ruhe wieder hergestellt war, meinte der Visitator: »So ganz unrecht wirst du nicht haben, kleiner Schelm; bei vielen Leuten ist das Einkommen ein recht kleiner Fluß.«

3. Mit 14 Jahren kam David nach Waiblingen zu einem Schuhmacher in die Lehre. Die Abwechslung gefiel ihm, zumal der Meister nicht allzustreng war. Als aber Klagen über ihn einliefen, da wurden die Saiten (in diesem Falle der Knieriemen) etwas straffer gespannt. Pfeffer mußte sich wohl oder übel daran gewöhnen, den raschen Gedankenflug etwas zu zügeln. An den Stirnfalten des Meisters hatte er das beste Barometer. Stand Sturm angeschrieben, so ruhte die Zunge, bis die Luft wieder ruhig war. Dann aber war er wieder der alte Schelm. Über den Ratsschreiber in Waiblingen war ihm schon allerlei zu Ohren gekommen. Niemand mochte den alten, mürrischen Mann leiden, der sich auf dem Rathause und außerhalb des Dienstes gleich unfreundlich zeigte. »Wer diesem einen Streich spielt,« hörte Pfeffer zuweilen sagen, »dem wissen es die Einwohner zu danken.« Für unsern Pfeffer eröffnete sich da eine günstige Aussicht; denn an dem Wohlwollen der Leute hatte er bis jetzt noch nicht schwer zu tragen gehabt. Pfeffer wußte, daß der Ratschreiber jeden Mittag einen Gang vor die Stadt hinaus machte. Bei den letzten Häusern, die landwirtschaftlichen Betrieb verrieten, wurde der einsame Spaziergänger eines Tages durch die freundliche Anrede: »Herr Ratsschreiber!« aufgehalten. Er kehrte sich um, und vor ihm stand Pfeffer, das abgenommene Käppchen scheinbar verlegen mit den Fingern drehend. »Herr Ratsschreiber,« wiederholte er, »ich möchte Sie etwas fragen.« »Nun was denn?« gab dieser mürrisch zurück. »Wissen Sie vielleicht, wie man einen Esel mit List fängt?« Der Angeredete stutzte. Er nahm rasch den Burschen am Arm und verlangte gebieterisch eine nähere Erklärung von ihm. »Gerne will ich die geben,« lächelte Pfeffer, »wenn der Herr Ratschreiber durch einen Handschlag bekräftigt, mir nichts zu tun.« »Von mir hast du nichts zu befürchten,« sagte dieser und bot dem Lehrling die Hand. Pfeffer griff herzhaft zu und sagte: »So jetzt habe ich schon einen gefangen.« Das unsanfte Zurückziehen der Hand gab dem jungen Schuster die Gewißheit, daß nichts Gutes bevorstand. Ehe sie aber in Tätigkeit treten konnte, hatte der Missetäter schon einen Ausweg über die nahe Dungstätte gefunden, wobei er mit Leichtigkeit eine offene Grube übersprang. Der erzürnte Ratsschreiber wollte ihn verfolgen; denn einen solchen Schimpf konnte er als Beamter nicht ungerächt hinnehmen. Infolge seiner Kurzsichtigkeit bemerkte er aber die Grube nicht und fiel hinein. Auf sein Jammergeschrei eilten einige Männer herbei, die ihn auch glücklich aus der braunen Flüssigkeit heraus und wieder aufs Trockene brachten, nicht ohne sich im Innern zu freuen über den Unfall, den der unbeliebte Ratsschreiber erlitten hatte. Der Ratsschreiber ging nach Hause mit dem Bewußtsein, daß, wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. Er tauschte seine übelriechenden Kleider und begab sich dann wutschnaubend aufs Rathaus, wo er den Vorfall in den dunkelsten Farben schilderte. Die Ratsherren, die sich zwar eines schadenfrohen Lächelns nicht erwehren konnten, mußten ihm recht geben. »Für eine solche Bosheit kann nur die Schandbühne die angemessene Bestrafung sein. Und da in der Erziehung des Knaben gewiß große Fehler begangen worden sind, so ist es ganz billig, daß auch der Vater an den Pranger gestellt wird.« Also sprachen die Richter, und ihr Urteil wurde ausgeführt. Am nächsten Sonntag mußten Vater und Sohn die kleine, verrufene Tribüne auf dem Waiblinger Marktplatz besteigen. Der alte Pfeffer war untröstlich und weinte laut. David aber nahm die Sache auf die leichte Achsel und suchte den Vater zu trösten. »Laß doch das Weinen sein, ich muß mich ja neben dir schämen,« sagte er. Den zahlreichen Zuschauern machte der heitere Einfall viel Spaß.

4. Mit der Zeit wurde Pfeffer ein stattlicher Mensch. In seinem bäuerlichen Sonntagsstaat, der aus einem breitrandigen Filzhut, einem langen bläulichen Tuchrock, einer roten Weste, gelben kurzen Lederhosen und bis an die Kniee reichenden Rohrstiefeln bestand, nahm sich die schlanke Gestalt trefflich aus. Er maß sechs Schuh, nach unserem Maß 1,70 Meter. Gerne rühmte er sich dieser Länge. Lobte nun jemand seinen Heimatort, so entgegnete Pfeffer: »Das ist noch lange nichts. Stetten ist eine ganz andere Gegend; dort wächst der Pfeffer sechs Schuh lang.«

5. Eine solch schön gewachsene Pflanze konnte man natürlich auch beim Militär brauchen. Pfeffer mußte also auf einige Jahre die Bauerntracht ablegen und den bunten Rock tragen. Für viele ist die Soldatenzeit eine recht gute Schule. Sie beseitigt manche Untugend und lehrt ohne Widerrede gehorchen. Pfeffer machte diese Wandlung nicht mit; auch in die Kaserne verpflanzte er sein schalkhaftes Wesen. Die auffallenden Bewegungen, Mienenspiele und Schimpfworte der Vorgesetzten konnte er viel schneller nachmachen als die Exerzierübungen, so daß ihm die Soldaten in der Freizeit gerne zuhörten und zusahen. So stand eines Mittags fast die ganze Kompanie auf dem Kasernenhof um ihn herum und freute sich über seine Spässe. Niemand beachtete das Herannahen des Majors. Zornig ritt dieser auf Pfeffer zu und schrie ihn an: »Pfeffer, ich glaube gar, du hältst dich für den Major!« Ganz ruhig erwiderte der Schalk: »Nein, so ein Rindvieh bin ich nicht.« Der Major hielt es für das beste, in das schallende Gelächter miteinzustimmen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

6. Sein Major scheint überhaupt kein strenger Herr gewesen zu sein. In der Instruktionsstunde hatten die Soldaten die verschiedenen Rangstufen beim Militär kennen gelernt. Der Major fühlte ihnen eines Tags auf den Zahn und stellte dabei allerlei Fragen, endlich auch die: »Pfeffer, wer befiehlt denn mir?« Mit der unschuldigsten Miene antwortete der Gefragte: »Die Frau Major.« Auch hier konnte der Vorgesetzte nichts anderes tun, als aus vollem Halse lachen und bekennen: »Du hast recht, Pfeffer, die steht über mir.«

7. Ein andermal wäre freilich die Strafe wohl am Platze gewesen. Doch brachte er auch da seine Haut in Sicherheit. Mittags zwischen 11 und 12 Uhr stand der stattliche Grenadier in Stuttgart vor der Akademie auf dem Hafenmarkt am Eberhardsplatz auf Posten. Dem regen Geiste kam das langsame Auf- und Abschreiten höchst langweilig vor. Auf einmal blitzten aber seine Augen. Ein Eselstreiber trat nämlich zu ihm heran und bat ihn, ob er sein Tier nicht auf kurze Zeit an den nahen Zaun binden dürfe. Pfeffer hatte nichts dagegen, und der Eigentümer des Esels entfernte sich, um in der Nähe Frucht zu fassen. Kaum war der Soldat mit dem Esel allein, so dachte er: »Ein Esel ist ein besonderes Tier. Selten läßt er sich aus seiner Ruhe bringen. Wie greife ich es nur an, daß er rasch in Wut gerät? Ich hab's!« Schnell lehnte er das Gewehr an das Schilderhaus und holte ein Stück Zunder, einen Feuerstein und Stahl aus der Tasche hervor. Wenige Schläge, und dem Schwamm entstieg ein bläulicher Rauch. Schon im nächsten Augenblick hatte der Esel den brennenden Zunder in einem seiner langen Ohren, und es stand nicht lange an, so machte das gequälte Tier die wunderlichsten Sprünge, riß das Seil ab, mit dem es angebunden war, und rannte davon, mitten zwischen die Wachparade hinein, die eben aufzog. Während nun einige handfeste Männer nach dem Langohr griffen, um ihn zu bändigen, stellte sich auch der Eigentümer ein. Der Hauptmann, welcher das Kommando hatte, fluchte über ihn hinein und rief: »Kerl, binde deinen Esel an!« Ganz erschrocken entgegnete der Eselstreiber: »Er war gut angebunden, aber der Soldat, der da draußen steht, muß ihn verhext haben.« »Wer ist denn auf dem Posten vor der Akademie?« forschte der Hauptmann. »David Pfeffer steht dort, Herr Hauptmann,« berichtete der Feldwebel. »Ja, freilich, das ist der Rechte!« meinte der Hauptmann und befahl die Schildwache herbeizuholen. David erschien vor dem Gestrengen. Dieser herrschte ihn an: »Pfeffer, was hast du mit dem Esel gemacht?« »Herr Hauptmann,« entgegnete Pfeffer mit dem unschuldigsten Gesicht, »ich habe ihm bloß ins Ohr geblasen, sein Vetter über dem Rhein drüben habe heute Hochzeit, und darüber ist das Luder so lustig geworden.« Diese drollige Antwort brachte alle, auch den gestrengen Hauptmann zum Lachen. Eine Strafe erfolgte nicht, obwohl man den abgebrannten Zunder in dem Ohr des Esels entdeckte und Pfeffer eine Strafe auch wohl verdient gehabt hätte.

8. Höchst unangenehm berührte es Pfeffer, als die Nachricht in Stuttgart eintraf, die Württemberger müßten mit anderen deutschen Bundestruppen an den Rhein, um den Franzosen den Übergang zu wehren. Vom Pulvergeruch und den blauen Bohnen, wie er die Bleikugeln nannte, war er durchaus kein Freund. »Die Welschen sollen zu Hause bleiben,« meinte er, »wie wir, dann wird die Freundschaft nicht gestört.« Doch half der weise Rat nichts. Er mußte auf einige Zeit sein Schwabenland verlassen und dem Feinde gegenübertreten. Aber auch da vergaß er seine mutwilligen Streiche nicht. Eines Abends eröffneten die Franzosen ein scharfes Feuer gegen die Deutschen. Voll Angst schrie Pfeffer, so laut er konnte, über den Fluß hinüber: »Ihr Franzosen, hört doch mit dem Schießen auf; es könnte ja das größte Unglück geben!«

Aber die Franzosen hörten nicht auf Pfeffer, oder sie verstanden nicht deutsch, kurz: sie schossen lustig weiter. Da war es mit Pfeffers Standhaftigkeit aus: er packte auf und lief davon und gerade seinem Hauptmann in die Hände. »Kerl,« fuhr ihn dieser an, »wo willst du so eilig hinlaufen?«   »Herr Hauptmann, i will hoim, d' Franzose schiaßet jo mit Fleiß nach oim,« antwortete Pfeffer. »Was, feiger Hund, du laufst von deinem Posten fort?« donnerte der Hauptmann.   »Noa, noa, Herr Hauptmann,« entgegnete Pfeffer, 's send no drei andere auf em Posta, aber mir send z' wenig zu deam Streit; jetzt will i bloß gschwend hoim und mein Vatter hola.«

9. Die Kriegstüchtigkeit zeigte David Pfeffer auch auf andere Weise. Sein Hauptmann ritt einen Schimmel, der den Feinden ein sicheres Ziel hätte geben können. Als er nun diese Befürchtung einmal äußerte und in Pfeffers Gegenwart hinzufügte: »Meinen Schimmel würde ich gerne gegen einen Rappen umtauschen,« meinte David: »Da ist bald geholfen. Geben Sie mir den Gaul eine Zeitlang; ich werde in Bälde den schönsten Rappen dafür herbeischaffen.« In der Nähe betrieb ein Kienrußbrenner sein schwarzes Geschäft. Pfeffer brachte den Schimmel vor die Hütte, ließ sich eine Schachtel Ruß geben und bearbeitete das Pferd so lange, bis kein weißes Härchen mehr an ihm zu sehen war. Der Frage des Hauptmanns: »Woher hast du denn das schöne Pferd?« folgte die prompte Antwort: »Beim Kienrußbrenner, der dort drüben am Waldsaume wohnt, habe ich es eingetauscht.« Als dann freilich der Hauptmann seinen gefärbten Handschuh betrachtete, mit dem er den Rappen vor dem Aufsteigen geliebkost hatte, da verstand er die Worte des Schalks.

10. Der Wunsch, möglichst bald wieder in die Heimat zurückkehren zu dürfen, ging für Pfeffer in Erfüllung. Von den vielen Soldaten, die an den Rhein hatten ziehen müssen, wurde ein Teil zurückgeschickt. Zu ihnen gehörte auch der Spaßmacher von Stetten.   Unter dem Befehl eines Hauptmanns, der am Kriegsleben ebenfalls wenig Gefallen fand, erfolgte der Rückmarsch »der Tapferen«. Der Marsch ging über den Schwarzwald. Von einer militärischen Ordnung war wenig mehr zu sehen, besonders als der eigentliche Gebirgskamm zwischen Oppenau und Kniebis erklommen werden mußte. »Woher geht's denn heute schon?« fragte ein Holzmacher, dem der sechs Schuh lange Pfeffer gewaltigen Respekt eingeflößt hatte. »Von Davonspringen,« gab Pfeffer zurück. »So, so, das muß ein kleiner Ort im Badischen sein,« erwiderte der Waldarbeiter, »da oben kennt man den Namen nicht.« Der Hauptmann aber sah Pfeffer vorwurfsvoll an und strafte ihn mit den Worten: »Schäme dich!«   »Sie sind ja auch mit uns gegangen,« spottete Pfeffer. Und was konnte der Vorgesetzte dagegen sagen? So ganz unrecht hatte der Schalk nicht, wenn auch Zeit und Ort zu solch einer Bemerkung schlecht gewählt waren.

11. »Warte,« dachte der Hauptmann im stillen, »ich werde dir in Stuttgart deinen Lohn schon zukommen lassen, wenn dein vorlautes Maul nicht zum Schweigen kommt.« Schweigen konnte aber Pfeffer nicht. Von anderen über die baldige Rückkehr aus dem Feldzug befragt, sagte er: »Wenn ich am Rhein geblieben wäre, so hätte es noch ein großes Blutvergießen gegeben; auch wollten wir unseren Hauptmann nicht so allein den weiten Weg nach Stuttgart machen lassen.« Für diese Bemerkung erhielt er eine Strafe von 25 Stockschlägen zudiktiert. Pfeffer sollte also seinen sechs Schuh langen Körper auf eine Schranne legen und Bekanntschaft mit dem berüchtigten Haselstock machen. Als es ernst wurde, strich er die Hosen an der gefährdeten Stelle auf und ab und bemerkte dann wie zufällig: »Darf ich hinliegen, wie ich will?« Die Frage kam dem aufsichtsführenden Hauptmann etwas seltsam vor; doch trug er kein Bedenken, Pfeffers Bitte zu erfüllen. Auch der Mann mit dem Stock in der Hand meinte: »Es ist am Ende gleich, ob die Schläge etwas weiter oben oder weiter unten aufgemessen werden.« Der Verurteilte gab nun seinem Gesicht den freundlichsten Ausdruck, legte sich schleunigst mit dem Bauch auf den Boden und brachte die umgekehrte Bank in eine solche Lage, daß seiner Rückseite in keiner Weise beizukommen war. Dann rief er unter der Schranne hervor: »Schlaget nur zu; ich bin bereit!« Das kräftige Lachen, das an Pfeffers Ohr drang, ließ auf eine Sinnesänderung der Vorgesetzten schließen. Seine Geistesgegenwart hatte die Strafe nicht bloß aufgeschoben, sondern auch aufgehoben.

12. Trotz des heiteren Soldatenlebens verließ Pfeffer die Kaserne gerne. Im Remstal war es doch angenehmer als am Nesenbach. Statt sich aber in erster Linie den Feldgeschäften und dem Handwerk zu widmen, griff jetzt Pfeffer zu seiner Geige, die ihm und andern schon früher Unterhaltung verschafft hatte. Die ländlichen Tanzweisen waren ihm längst geläufig. Wo eine Hochzeit in Stetten oder in der Umgegend war, da durfte »der Geiger-David« nicht fehlen. Der Musik paßte er zuweilen selbstgemachte Verse an, die in der fröhlichen Gesellschaft großen Anklang fanden und seinem Beutel manches Geldstück eintrugen. Wenn Pfeffer die Geigenstriche mit dem Reim begleitete:

»I mag halt nemme geige,
Die Grosche bleibet aus.
Mei Fiedel lass' i schweige
Und bring se schnell nach Haus,«

so wußte jeder Tänzer, was er zu tun hatte und was dem Teller, den David immer vor sich stehen hatte, fehlte. Wollten die Tänzer trotz wiederholter Mahnung vom Zahlen nichts wissen, so spielte er nur noch eine Tanzweise, welcher er den schlauen Vers unterlegte:

»Dreizeh Tänzle, dreizeh Stückle
Spiel i, wenn i lustig be.
Zwölfe bleibe heut im Säckle,
Bis i wieder Sechser seh.«

13. Einem guten Tropfen in heiterer Gesellschaft war Pfeffer nie abgeneigt. Selbst bei federleichter Tasche schmeckte ihm der Wein. Die Wirtsschulden nahm er auf die leichte Achsel, zumal die Gesetze jener Zeit dem faulen Gast mehr Spielraum ließen als jetzt. Einmal kam er mit leerem Geldbeutel und großem Durst nach Rotenberg und wählte dort eine Wirtschaft, aus der eine Witfrau mit einigen Kindern ihr Auskommen suchte. Pfeffer fand, was er suchte, heitere Gesellen und vortrefflichen Neckarwein. Öfters mußte die Wirtin zur Kreide greifen und die Zahl der geleerten Flaschen auf dem schwarzen Brett anmerken. Während aber Pfeffers Zechgenossen ihre weißen Striche vor dem Weggehen wieder austilgen ließen, zeigte er hiezu keinerlei Neigung. Mit freundlichen Worten verabschiedete er sich zuerst von der Wirtin und auf der Straße unten von seinen Gesellschaftern und wanderte gut gelaunt der Heimat zu. Bald nachher führte ihn sein Weg wieder an der genannten Wirtschaft vorbei. Ans Einkehren schien er diesmal nicht zu denken. Ohne aufzublicken wollte er vorübergehen. Die Wirtin jedoch, die zufällig am Fenster war, bemerkte ihn und rief ihm zu: »Pfeffer, Pfeffer!« David zeigte aber keine Lust, ein Gespräch anzuknüpfen und erwiderte: »Ich habe große Eile; man erwartet mich in Fellbach zum Aufspielen. « »Aufhalten will ich dich nicht,« sagte die Wirtin, »doch möchte ich dich an die drei Flaschen Wein erinnern, die seit deinem letzten Hiersein noch stehen.« »Schütte den Wein nur in das Essigfäßchen!« rief Pfeffer lachend, »der ist seither ja doch sauer geworden.« Diese Kaltblütigkeit war der Wirtin doch zu stark, und ziemlich gereizt schickte sie dem Davonschreitenden die bissigen Worte nach: »So kann es nur der schlechte Pfeffer von Stetten machen!«   »Das ist mein Name,« gab dieser zurück und endete das ihm unliebsame Zwiegespräch mit dem Rat: »Lasset das Weinschenken bleiben, dann hört das Borgen auf!« Das Zuschlagen des Fensterflügels gab Pfeffer die Gewißheit, daß seinem weisen Vorschlag nicht zugestimmt wurde.

14. Um eine andere Wirtsschuld los zu werden, benützte Pfeffer einst einen gar seltsamen Weg. Sein Freund, ein Fuhrmann in Stetten, mußte zuweilen Selbstmörder in einer eigens zu diesem Zwecke bestimmten Kiste in die Anatomie nach Tübingen überführen. Das Gefährt kannte man in der ganzen Gegend. Als nun wieder ein Transport aus dem Oberamt nach der Universitätsstadt bevorstand und der Fuhrmann »die Leiche« abholen wollte, traf Pfeffer wie zufällig vor Stetten draußen mit ihm zusammen. Die Fahrt ging durch die Ortschaft, in welcher David vor nicht langer Zeit auf Kosten des Wirts gezecht hatte. Diesem galt heute Peffers Anschlag. Im Einverständnis mit dem Rosselenker legte er sich in die verrufene Truhe, und fort ging's im Trab. Vor der bekannten Wirtschaft hielt der Wagen an, und alsbald tauchte auch der Wirt am geöffneten Fenster mit der Frage auf: »Wen hast du denn wieder in deinem Kasten?« »Ach Gott,« seufzte der Fuhrmann, »diesmal ist die Reihe an den Pfeffer von Stetten gekommen!« »Mach' keine schlechten Witze!« kam es von oben; »für den wäre es ja jammerschade. Auf zehn Stunden hat keiner so zum Tanz aufspielen können wie er. Fünf Gulden ist er mir auch noch schuldig; aber ich schenk's ihm gerne. Ich würde, sogar gleich zwei Flaschen Wein und einen Braten auftischen, wenn er noch am Leben wäre.« Eine solch liebliche Musik raubte Pfeffer die Ruhe. Schnell stieß er den Deckel empor, richtete sich auf und rief lachend: »Es freut mich recht, daß du mir etwas schenkst, und den Wein und Braten wollen wir gleich mitnehmen.« Als sich der Wirt von seinem Schrecken erholt hatte, stimmte er in das Gelächter ein und fügte etwas kleinlaut hinzu: »So, du schlechter Kerl, du lebst noch! Aber es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Nur mußt du uns ein wenig aufspielen.« Gerne kam Pfeffer dieser Aufforderung nach und ließ sich dabei Wein und Braten gut schmecken.

15. Den Wert seiner Geige zeigte Pfeffer einst in recht heiterer Weise. An einem trüben Novembersonntag saß er in seiner Junggesellenstube. Er war noch nicht mit sich eins, wie er den Nachmittag zubringen sollte. Schwere Tritte auf der Treppe zeigten ihm an, daß Gesellschaft nahe. Ein Zechgenosse wollte auch nicht zu Hause bleiben und suchte deshalb Pfeffer auf. Die frostige Stube entlockte ihm den Ausruf: »Bei dir ist es aber kalt! Geh' doch hinaus und lege Holz in deinen großen Kachelofen!« Nach kurzer Zeit kam David aus der Küche zurück und sagte lächelnd: »So, jetzt ist Holz und Feuer drinnen.«   »Dann wird's wohl bald warm sein,« meinte der Besuch, »'s ist möglich,« gab Pfeffer trocken zurück und plauderte über andere Dinge. Als aber der Ofen so kalt wie zuvor blieb und Pfeffer zum zweitenmal aufgefordert wurde, für ein warmes Zimmer zu sorgen, entgegnete er: »Du machst mich noch zum armen Mann; eben habe ich für 10 Kronentaler Holz in den Ofen gelegt. Du kannst dich selbst davon überzeugen, wenn du es nicht glauben willst.« »Einen solchen Bären lasse ich mir nicht aufbinden,« brummte der Angeredete und ging zur Türe hinaus. Was mußte er aber sehen? Der Schalk hatte seine Geige und daneben eine brennende Kerze in den Kachelofen gestellt.

16. Kurze Zeit nachher kehrte Pfeffer von einer Hochzeit heim. Der Weg führte ihn durch Ludwigsburg. Die Geige unter dem Arm betrachtete er die schönen Gebäude der zweiten Residenz und die mit weißen Vorhängen geschmückten Fenster. Auf einmal entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Ein reicher Privatier besah sich die Straße von oben. Der Geiger war um eine Anrede nicht verlegen und begann: »Wohin guckst du denn, Christian?« Dieser kannte seinen Mann und sagte mürrisch: »Du bist ein Schlingel, geh' deines Wegs!«   »Große Eile,« lachte Pfeffer, »habe ich heute nicht; nach Stetten reicht es mir schon noch. Übrigens wüßte ich dir ein Geschäft, mit dem du 10 000 Gulden verdienen könntest.« Mit diesen Worten war die richtige Saite bei dem geizigen Mann angeschlagen, und rasch erwiderte er: »Pfeffer, komm' zu mir herauf; im Zimmer läßt sich eine solche Sache besser besprechen!« »Christian geht auf den Leim!« frohlockte David in seinem Innern und folgte der Einladung. Schon unter der Türe wurde er mit den Worten empfangen: »Was ist denn das für ein Geschäft, das einen solchen Nutzen abwirft?« »Laß mich nur erst zu Atem kommen!« wehrte der Eintretende pfiffig ab; »vor allem will ich wissen, was mein Lohn sein wird.«   »Du darfst verlangen, was du willst,« sagte Christian wohlwollend und legte seine Rechte vertraulich auf Pfeffers Schulter, »wenn's mit den 10 000 Gulden seine Richtigkeit hat.«   »So wahr ich der Pfeffer von Stetten bin,« beteuerte dieser; »es ist so, wie ich sagte. Und das Geheimnis will ich dir gegen einen Schinken und drei Flaschen Rotwein verraten. Diese Kleinigkeit wirst du doch aufwenden können.« »Gerne!« rief der Privatier, und eilte mit frohem Herzen davon, um das Gewünschte herbeizuholen. »So, hier nimm deinen Lohn,« fuhr Christian fort und stellte drei verkorkte Flaschen und einen schön geräucherten Schinken auf den Tisch, »und nun laß hören, was du weißt.« »Was ich weiß?« begann Pfeffer geheimnisvoll und machte einen Schritt vorwärts, »ist auch dir nicht unbekannt. Dein Bärbele ist jetzt 24 Jahre alt und würde, wie ich gestern bei der Hochzeit hörte, nicht ungern heiraten,«   »Möglich wär's schon,« antwortete etwas enttäuscht Christian; »aber was hat meine Tochter mit deinem Vorschlag zu tun?«   »Sehr viel,« flüsterte David jenem ins Ohr. »Sage mir ehrlich, wie viel gibst du denn der Barbara mit?«   »Zum Geschäft gehört dieses nicht,« brauste Christian auf, »doch kann ich auch deinem Wunsche entsprechen; meine Tochter erhält 80 000 Gulden bar. Damit wird sie und ihr künftiger Mann zufrieden sein können.« »Gewiß, gewiß!« schmunzelte Pfeffer, »und jetzt ist das Geschäft schon gemacht. Ich gehe gegenwärtig auf Freiersfüßen und nehme dein Bärbele mit 70 000 Gulden; dann bleiben 10 000 Gulden in deiner Tasche. Gib mir deine Hand darauf und deinen Segen!«   »So weit sind wir noch nicht!« schrie der Privatier rot vor Wut. »Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, so will ich vor allem den Wein und den Schinken wieder an ihren Platz bringen.«   »Sie kommen schon an ihren Platz,« höhnte Pfeffer, der flinker als Christian gewesen war, zur Türe herein, um gleich darauf zu verduften.

17. Ähnlich erging's in Waiblingen einem alten Geizhals, der durch Wucher reich geworden war. Unter dem Namen »Goldhannes« kannte ihn jung und alt. Pfeffer traf ihn eines Tags, als er gerade vor seinem Hause im Schatten eines Apfelbaumes saß, und nahm, ohne lange zu fragen, neben ihm Platz. Auf die wenig einladende Frage: »Was treibt denn der faule Spielmann hier?« entgegnete Pfeffer zutraulich: »Goldhannes, ich weiß dir eine ganz leichte Arbeit, an welcher du gerade 100 Prozent Reingewinn hast. Wenn ich morgen nicht bei einer Hochzeit aufspielen müßte, so würde ich mir den Gewinn nicht entgehen lassen.«   »So warte bis übermorgen,« setzte Goldhannes hinzu; »was ein lockerer Vogel ausschlägt, will ich nicht.«   »Wie du meinst,« antwortete gleichmütig Pfeffer und schickte sich zum Gehen an; »dein Nachbar drüben wird mit beiden Händen zugreifen.« Dem Bäckermeister, der das Haus nebenan bewohnte, gönnte der Wucherer aber nicht einmal den freundlichen Sonnenschein, und deshalb kam es schneller als sonst zwischen seinen Lippen hervor: »Sei doch nicht kindisch! Wenn du wirklich etwas Rechtes weißt, so soll es dein Schaden nicht sein. Setze dich nur wieder zu mir auf die Bank!«   »Nun, meinetwegen,« lenkte Pfeffer scheinbar zögernd ein; »unter uns gesagt, dir gönne ich die einträgliche Arbeit viel eher als deinem Nachbar, der ohnedies schon leichte Arbeit genug macht. Seine Wecken könnten ja die Spatzen forttragen.«   »Du hast ganz meine Meinung,« fuhr Goldhannes innerlich erleichtert fort. »Laß mich dein Geheimnis wissen! Ein bißchen arbeiten kann ich schon noch. Was deinen Lohn betrifft, so wirst du mit mir zufrieden sein.«   »Ich halte dich billig,« erklärte Pfeffer schmunzelnd, »ein Stück Rauchfleisch aus deinem Kamin und zwei Flaschen Fellbacher vom vorigen Jahrgang ist alles, was ich will.« Das gerauchte Fleisch war alsbald zur Stelle, und Pfeffer ließ es in seiner inneren Wamstasche verschwinden. »Den Wein,« erklärte Goldhannes, »müssen wir drüben beim Kronenwirt trinken.«   »Was in der Wirtschaft getrunken wird,« fügte Pfeffer hinzu, »ist ein Fall für sich; der Fellbacher gehört zum Rauchfleisch und wird erst in Stetten getrunken.« Goldhannes, dem der große Gewinn vor Augen schwebte, nahm auch die weitere Bedingung an, und bald perlte der Wein in den Gläsern. Pfeffer lobte den Roten in allen Tonarten und leerte ein Glas ums andere. Endlich, als der Inhalt der Flasche fast ganz auf eine Seite geflossen war und Goldhannes wiederholt die gewünschte Antwort verlangt hatte, rückte Pfeffer mit seinem Rat heraus: »Goldhannes, passe jetzt genau auf, was ich dir sage! Nimm das schärfste Messer, das in deinem Besitze ist, und spalte Zündhölzer der Länge nach, dann sind es immer 200 statt 100, und du hast genau 100 Prozent verdient.« Den Eindruck seiner Rede wartete David nicht ab. Die leere Weinflasche hatte für ihn keinen Reiz mehr, und der Fellbacher befand sich schon vorher in den beiden Seitentaschen in Sicherheit. So konnte er den Abschied kurz machen und dem Wucherer die Gründung seines neuen Geschäftes allein überlassen. Die Andeutungen bei einem Glase Wein in Stetten, daß man jetzt bald die Zündhölzer aus einer Waiblinger Fabrik beziehen könne, verstand man erst, als der Goldhannes in seinem Ärger aus der Schule geplaudert hatte.

18. Pfeffers spaßhafte Bemerkungen und vorwitzige Fragen erregten zuweilen ein unfreundliches Echo. Am wenigsten Anklang fand er, sobald er sich auf das Gebiet der Ortsneckereien begab. Nicht gar weit von Stetten ist eine Ortschaft, deren Bewohner »die weichgesottenen Eier« heißen. Und wie sind sie zu diesem Zunamen gekommen? Bei einer im Kochen noch wenig bewanderten Wirtin bestellte ein Fremder weichgesottene Eier und einen Schoppen Wein. Der letztere war alsbald zur Stelle; über die Eier aber erhielt der Gast nach einiger Zeit die Auskunft, daß die Schale trotz des stärksten Feuers noch nicht weich geworden sei. Will nun jemand die Leute jenes Dorfes ärgern, so darf er nur nach weichgesottenen Eiern fragen. Pfeffer von Stetten hatte einst bei einer Hochzeit aufgespielt und kam gegen Abend ziemlich angeheitert durch das Eierdorf. Ein stämmiger Bauer kehrte eben, die Haue auf der Achsel, vom Feld heim. An ihn wandte sich der Schalk: »Kann man hier weichgesottene Eier haben? Ich mußte den ganzen Tag aufspielen und bin nun hungrig.«   »Solche wird's nicht geben,« entgegnete gelassen der Gefragte; »aber hartgesottene kannst du haben, soviel du willst.« Dabei nahm er die Haue in die Hand und ließ den Stiel kräftig auf dem Rücken des Spielmanns tanzen. Die Folge davon war, daß Pfeffer noch schneller lief als der Takt geschlagen wurde.

19. Ein anderer Ort des Remstals soll sich der Erwürgung eines Hummels (Farren) schuldig gemacht haben. Als nämlich ein großes Sterben unter dem Vieh war, beschlossen die Bewohner desselben, einen Farren lebendig zu begraben, um durch dieses Opfer der Seuche Einhalt zu tun. Pfeffer ging eines Tages durch diesen Ort, als eben ein Farre durch die Dorfstraße getrieben wurde. Er konnte den Mund nicht halten und erlaubte sich die anzügliche Frage: »Ist dies der nächste Weg zum Hummelsgalgen?«   »Jawohl, der Hummel wird dir den Weg zeigen!« rief der Führer und ließ den Strick aus der Hand gleiten. Und richtig, das unvernünftige Tier schien die Worte zu befolgen. Es wählte den Weg, den auch Pfeffer einschlagen wollte. Statt aber die Führerrolle zu übernehmen, ging der Farre zum Angriff über; denn die rote Weste Davids war nicht nach seinem Geschmack. Von einem Zweikampf wollte Pfeffer aber nichts wissen, und so lief er davon und rechtfertigte sich den schadenfrohen Zuschauern gegenüber mit dem ängstlichen Ruf: »Der Gescheiteste gibt nach! Der Gescheiteste gibt nach!«

20. Zu Hause hielt sich Pfeffer nicht gerne auf. Selbst seine Verheiratung machte ihm das Heim nicht angenehmer. Die Frau verstand auch in vielen Stücken ihren Mann nicht. Scherzhafte Bemerkungen, die er auch ihr gegenüber nicht lassen konnte, führten zu heftigen Auftritten. In der Regel verließ er dann »die Drachenhöhle« und suchte die Kneipe auf. Hinter dem Wirtstisch, im Kreise froher Zecher, verschwand der Ärger rasch, und die drohenden Gesichtsfalten machten einem freundlichen Sonnenschein Platz. Daß dann mehr als ein Glas über den Durst getrunken wurde, ist leicht zu erraten. Selten verließ er die Wirtschaft mit klarem Kopfe, sondern meist in einer Verfassung, für die der Schwabe gar viele Ausdrücke hat. Daheim fehlte es daher oft am Nötigsten, und des öftern mußte ihn die Frau erinnern, seine Pflicht als Hausvater nicht ganz zu vergessen. So war einst weder Brot noch Mehl vorhanden; trotzdem schickte sich Pfeffer an, mit seiner Geige dem Hause den Rücken zu kehren. Da warf ihm sein Weib das leere Mehlsäckchen vor die Füße mit der wenig schmeichelhaften Bemerkung: »So, von jetzt an kannst du kochen und backen. Ich werde mir mein Auskommen als Dienstmagd suchen.« Pfeffer steckte das Säckchen, ohne etwas zu erwidern, in die Tasche und ging davon. Diesmal lenkte er seine Schritte Cannstatt zu, wo er in den nächsten Tagen einen Verdienst durch Aufspielen zu erwarten hatte. Bei einem bekannten Bäcker ließ er sich 1/8 Zentner Mehl geben und suchte dann das Gasthaus auf, in dem ihm das Geschäft winkte. Hier stillte er seinen Durst gründlich. Endlich dachte er an den Heimweg, sein Mehl in einem vom Wirt entlehnten Tragkorb auf dem Rücken. Mit ziemlich unsichern Schritten ging's über das holperige Pflaster der Neckarbrücke zu. »Auf der steinernen Brüstung muß ich etwas abstellen und den verflixten Tragriemen kürzer machen,« brummte er vor sich hin; »der Korb hängt so tief wie der Butten des Weingärtners.« Ohne viel Mühe gelang die Kürzung eines Tragbandes; beim andern aber wollte die eingerostete Schnalle nicht nachgeben. Plötzlich kam der Tragkorb ins Wanken und   plumps   lag er mit dem Mehl im Wasser. »O weh, mein Mehl!« rief Pfeffer, als er das Säcklein im Wasser sah. Schlecht gelaunt wanderte diesmal Pfeffer von Untertürkheim die Steige zum Rotenberg empor und von da durch den frischen Laubwald nach Stetten. Immer mußte er an den empfindlichen Verlust denken. Der Empfang zu Hause: »So, nichtsnutziger Mensch, kommst wieder ohne Mehl!« besserte seine Stimmung nicht, sondern entlockte ihm nur die beißende Spottrede: »Ich habe einen Sack voll Mehl gekauft, aber in Cannstatt gleich Teig daraus gemacht. Dabei beging ich den Fehler, zu viel Wasser zu nehmen.« Am andern Tag schaffte er aber doch Mehl ins Haus.

21. Dieser kleine Vorgang zeigt, daß Pfeffer zu Hause kaum durch einen Leckerbissen überrascht wurde. Aus diesem Grunde standen Braten, Schinken und Rauchfleisch bei ihm um so höher im Ansehen, je billiger sie waren und je unverhoffter er in ihren Besitz kam. Einen Blick in seinen gewöhnlichen Küchenzettel durfte einst der Herzog Karl tun, den die Jagd ins Remstal führte. Pfeffer hatte mit noch vielen andern nach damaliger Sitte unentgeltlich Treiberdienste zu leisten. Die Schützen zogen die Jagd in die Länge, und der Magen Pfeffers knurrte bedenklich. Endlich wurde Halt geblasen. Jäger und Treiber sammelten sich um den Herzog, den die Jagd in die beste Laune versetzt hatte. Mehrere Rehe, 2 Wildschweine und eine große Zahl Hasen lagen schön geordnet umher. Voller Freundlichkeit wandte sich Herzog Karl an den ihm zunächst stehenden Treiber, es war Pfeffer, mit der Frage: »Wie lebt er denn?« Pfeffer ließ einen vielsagenden Blick über das geschossene Wild gleiten und erwiderte rasch: »Genau wie die Schweine! Den einen Tag gibt's Erdbirnen und Milch und den andern Milch und Erdbirnen. Dabei muß man oft lange warten, bis die Mahlzeit beginnt.« »Seinem Aussehen nach gedeiht er dabei nicht schlecht,« meinte der Herzog trocken und schritt davon. Über diesen kurzen Abschied war Pfeffer wenig erbaut. Der Braten, den er durch seine schlaue Antwort zu ergattern hoffte, blieb aus. Das erlegte Wild mußte bis auf den kleinsten Hasen hinaus in die Hofküche abgeliefert werden.

Enttäuschungen gab es übrigens auch später noch hin und wieder. Mancher Wirt, der Pfeffers schwache Seite erkannt hatte, wies ihm, wenn er ohne Geld zechen wollte, die Türe. Zudem halfen die lustigen Schwänke und die heitere Musik nicht immer über den Ernst des Lebens hinweg. Die Tage, die weniger gefallen, sah auch Pfeffer kommen. So wurde der Spaßmacher von Stetten zu der Überzeugung gebracht, daß der Schein trügt, und daß die Ehrlichkeit am längsten währt.

(Nach verschiedenen Quellen von G. A. Volz.)

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