Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/antholog/schwab1/schwab1.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120411
projectid98ea94b2
Schließen

Navigation:

Der Jäger Nast vom Heilbronner Wartberg

Vor mehr als 100 Jahren lebte auf dem Wartberg bei Heilbronn ein Jäger namens Nast. Von ihm wird erzählt, daß ihn die Langweile zu absonderlichen Dingen getrieben habe. Als großer Freund des Waldes und seiner Bewohner hielt er in einem gut umzäunten Garten nicht nur einige Rehe, sondern auch einen Hirsch. Die Tiere hatten sich, weil jung eingefangen, ganz an den Jäger gewöhnt. Auf seinen Ruf eilten sie herbei und nahmen Leckerbissen gerne in Empfang. Auch gegen die vielen Besucher des Wartbergs waren sie zutraulich. Die gleiche Geschicklichkeit im Abrichten der Tiere zeigte der Jäger bei einem Hasen und einem Esel. Er lehrte den Hasen das Trommeln auf einer kleinen Trommel und den Esel das Wahrsagen. Je nachdem der Jäger fragte, schüttelte oder neigte der Langohr den Kopf oder scharrte mit dem rechten oder linken Vorderfuß. Mancher Heilbronner wanderte damals dem Wartberg zu, um die drei berühmten Tiere zu sehen und sich an ihren Künsten zu erfreuen.

An einem schönen Junitag begegnete Nast einem Bauersmann, der einen gänzlich haarlosen Gaul auf der Straße von Weinsberg nach Heilbronn führte. Auf Anfragen erfuhr der Weidmann, daß der Gaul im letzten Winter einen bösartigen Schnupfen, Strengel genannt, gehabt habe und endlich nach verschiedenen erfolglosen Kuren vom Scharfrichter in Steinfurt bei Öhringen durch einen starken Trank aus Sevenbaumzweigen geheilt worden sei. Das Pferd habe durch den Trank nicht bloß den Strengel, sondern auch alle Haare einschließlich der Augenwimpern und des Schweifes verloren. Über das Gesicht des Jägers zog ein verschmitztes Lächeln. Er machte dem Eigentümer den Vorschlag, mit ihm zur Messe nach Frankfurt zu ziehen, wo der Gaul und seine drei abgerichteten Tiere ein gutes Geschäft erwarten ließen. Von der Einnahme wurde dem Besitzer des Pferdes ein Drittel zugesichert; dagegen sollte er das Versprechen geben, tiefes Stillschweigen über die Herkunft des haarlosen Tieres zu bewahren und selbst den Gelehrten gegenüber die Behauptung aufrecht erhalten, man habe es mit einer ganz neuen Tiergattung aus einem fremden Weltteil zu tun. Der Bauer hatte allerlei Bedenken; Nast jedoch wußte so viele Vorteile anzuführen, daß er endlich einwilligte und schon am folgenden Tage gemeinschaftlich mit dem Jäger die Reise nach Frankfurt antrat. Dort zögerte Nast nicht, seine Menagerie zu empfehlen. Sein Hirsch leistete ihm dabei die besten Dienste. Auf ihm ritt er in den Straßen der alten Reichsstadt umher und machte bekannt, daß er neben einem Hasen als Künstler auf der Trommel und einem wahrsagenden Esel ein lebendiges »amerikanisches Nilpferd« zeige, wie solches bisher in Europa noch nie gesehen worden sei. Die sonderbare Ankündigung hatte trotz des großen Widerspruchs, der in dem Namen »amerikanisches Nilpferd« lag, großen Erfolg. Viele Leute strömten nach der kleinen Menagerie, und die Einnahmen flossen reichlich. Die ganze Stadt sprach von dem Nilpferd, und selbst in Gelehrtenkreisen erregte es Aufmerksamkeit. Nach der Behauptung des Jägers hielt der Gelehrte Blumenbach in Frankfurt eine Vorlesung über den Gaul und erklärte ihn für eine seither nicht bekannte Tiergattung. Auch andere Naturforscher sollen sich die Köpfe über das sonderbare Tier zerbrochen haben. Nast schmunzelte über die Weisheit der Gelehrten, ermahnte von Zeit zu Zeit den Bauern, den er als seinen Knecht ausgab, zum Stillschweigen und strich das Geld wohlgefällig ein.

Die Freundschaft zwischen den beiden Männern, dem Jäger und dem Bauern, hielt jedoch nicht lange stand. Zu dem Mißtrauen, das sich bei dem Bauersmann wegen des Drittels der Einnahme einstellte, kam noch ein anderer Zwischenfall. Nast fühlte sich so sehr als Herr, daß er eines Tages seinem »Knecht« einige derbe Hiebe mit dem Hirschfänger versetzte, weil er dem »weisen« Esel einen Fußtritt gegeben hatte. Eine derartige Behandlung ging dem Bauern wider den Strich. Sofort eilte er zu einem Löwen- und Elefantenbändiger, der schon längst mit scheelen Augen die guten Einnahmen des Jägers verfolgte, und verkaufte ihm seinen Gaul um eine beträchtliche Summe.

Das »amerikanische Nilpferd« brachte auch dem neuen Besitzer reichen Gewinn. Es wanderte später für schweres Geld nach Berlin und soll noch lange in verschiedenen Menagerien gezeigt worden sein. Wenn Nast in späterer Zeit unter seinen Gästen auf dem Wartberg saß, erregte er immer die größte Heiterkeit, wenn er von seinen Abenteuern auf der Frankfurter Messe erzählte.

(G. A. Volz, Heilbronn.)

Schlußvignette
 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.