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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 44
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120411
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Eppelein von Gailingen, der adelige Till Eulenspiegel des Frankenlandes.

I.

Einen Erzschlingel ohnegleichen hat das Frankenland aufzuweisen. Es ist Eppelein von Gailingen, einst Herr auf Tramaysl(Dramâus) und Strauchritter von Beruf. Er vollführte viele lose Streiche, foppte die Welt, zumal die Reichsstädter, und ließ den Reichen, vor allem den reisenden Kaufleuten, schrecklich zu Ader. Einmal lagen zu Nürnberg 10 000 Goldgulden, die nach Hall in Schwaben gebracht werden sollten. Man getraute sich's aber nicht, dieweil der Eppelein hatte verlauten lassen, er werde denen Nürnbergern ihre Goldfüchslein diesmal sicher fahen, sobald sie sich nur aus der Höhle hervorwagen sollten. Deshalb war der ehrsame Rat der Stadt Nürnberg nun sehr besorgt und sagte: Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Schrieb auch an die Haller einen gar artigen Brief, daß es besser wäre, das Geld bliebe bis auf unbestimmte Zeit noch zu Nürnberg, um erst später, wenn sich's der Eppelein nimmer versehe, unauffällig nach Hall gebracht zu werden. Und die Kaller lobten solche Vorsicht und willigten ein. Davon erhielt der Eppelein Kunde, schlug sich verdutzt vor den Kopf und sann nun Nacht und Tag: Wie mach ich's nur, daß die Nürnberger das schöne Geld zu ihren Toren herauslassen?   Und einsmals kam ihm ein rettender Gedanke. Er sandte seine Diener aus in die Städtchen und Dörfer und Burgen des fränkischen Landes und ließ zu sich entbieten alle weisen Männer und Frauen, so heimliche Sprüche sagen und Gesundheitstränklein brauen konnten; denn der Eppelein sei auf den Tod krank und bitte um gotteswillen alle christlichen Leute um Hilfe. Aber niemand konnte ihm helfen, und die Krankheit schien eher zu- als abzunehmen. Da entbot Eppelein einen seiner Getreuen zu sich und befahl ihm, er solle flugs nach Nürnberg zum dortigen Rat reiten und bitten, daß man doch nach Tramaysl senden möge den Doktor Pihlmann, welcher war der berühmteste Chirurg der freien Stadt. Und siehe, der Rat Nürnbergs ließ es zu, daß Herr Doktor Pihlmann hin nach Tramaysl zum Eppelein ritt. Zuvor aber hatten die Ratsherren dem Doktor einiges ins Ohr geflüstert und gesagt, ein Arzt sei auch dazu da, solch einen Schwerkranken, wie der Eppelein einer sei, nicht unnötig lange in den Schmerzen liegen zu lassen, ihn vielmehr bald und sicher von seiner Krankheit zu erlösen, und zwar für immer und ewig. Und der Doktor ging und fand den Eppelein fiebernd, phantasierend und auf den Tod erkrankt. Da sagte er: Mit dem ist's aus und gar, schüttelte den Kopf und ritt wieder heim gen Nürnberg. »Keine zwölf Stunden und der Eppelein ist dahin,« sagte er dort, und die Nürnberger frohlockten, dieweil sie nun diesen Erzschelm, den Eppelein, vom Hals bekommen sollten. Nach Hall aber sandten sie einen Boten und ließen sagen, daß nun das Geld bald gesandt werden würde. Und als die Nürnberger Boten auf ihrem Weg nach Hall an Tramaysl vorüberritten, da sahen sie von den Zinnen der Burg die Trauerfahnen wehen, und sie sahen die Diener und Angehörigen Eppeleins in schwarzen Kleidern gehen. Auch einen eichenen Sarg sahen sie aus der Burg Tramaysl tragen. Und um sich zu versichern, was das zu bedeuten habe, schlossen sie sich dem Leichenzuge an und hörten einen Priester an der Gruft die Leichenrede halten und dabei sagen: »Ja, ja, der Eppelein hat viel Übles getan in seinem Leben und ist somit zu besorgen, ob ihm der hl. Petrus die Himmelstür aufschleußt, sintemal der Eppelein auch den heiligen Dienern der christlichen Kirche nicht wohl gewogen war, was eine Sünde ist, unverzeihlich wie die Sünde wider den heiligen Geist. Amen.«   Und die Leute gingen heim, und die Nürnberger Boten gingen auch heim, solches alles dem Rat ihrer Stadt anzusagen. Da jubelten die Nürnberger abermals, dieweil nun der Eppelein tot und also nicht mehr zu fürchten sei. Sie beschlossen auch, jetzt allsofort den Hallern die 10 000 Goldgulden zustellen zu lassen. Und am folgenden Tag ritt ein reisiger Zug aus Nürnbergs Toren und geleitete den Schatzmeister der freien Stadt auf seinem Wege gen Hall. Sie versahen sich dabei nichts Schlimmes und zogen sorglos dahin. Da mit einem Mal brach's hinter ihnen aus dem Dickicht eines Waldes hervor, und einer, ein verwegener Gauch, stürzte daher und schrie: »He, Nürnberger, der Eppelein ist von den Toten auferstanden! Kennt ihr ihn?« Und hageldicht fielen die Streiche auf die Nürnberger hernieder, also daß sie sich schleunigst zur Flucht wandten und Geld und Geldkiste schmählich im Stiche ließen. Die Kiste nahm der Eppelein, leerte sie und segnete die Nürnberger, die sie so wohl gefüllt hatten. Und weil er bei aller Verderbtheit seines Herzens doch ein höflicher Mann war, so sandte er dem Rat zu Nürnberg einen gar artigen Brief, welcher ungefähr also lautete: Wohlweise, hochgelahrte und ehrenfeste Herren, meine lieben Freund' und Gönner im Rat zu Nürnberg! Daß kein Unkraut nicht verdirbt, denn es kommt allemal wieder ein Regelein darauf, das habt Ihr, denk' ich, wohl genugsam schon an Euch selber erfahren. Und obwohl sie mich zu Tramaysl schön ehrsam begraben und gar sehr beweint haben   mit alleiniger Ausnahme eines Priesters, welchen ich mir noch kaufen werde   so hab' ich doch wollen niemand in solch bitt'rem Herzeleid lassen, sondern habe mich vielmehr wieder, wie schicklich, vom Grab in die liebe, schöne Zeitlichkeit zurückbegeben. Denn Sterben ist niemandes Gewinn als allein der Herren Doktores. Bei mir aber heißt es: Leben ist mein Gewinn und sterben lassen. Und damit Euch doch ja nicht allzuviel Sorge um irdisch' Gut entstehe, hab' ich zu mir genommen Eure schwergefüllte Geldkatz, wie Ihr das nun ja wohl wißt. Euern Landsmann, den Hans Fürbringer aber, welchen meine Knechte ehegestern beim Überfall haben gefangen genommen, will ich gerne wieder christlich los haben und freigeben. Weil nun aber eine Ehr' die andre wert ist, so denke ich, es möcht' für einen so hochweisen, fürtrefflichen Herrn und Bürger der freien Stadt Nürnberg sehr mäßiglich berechnet sein, wenn ich für ihn fünftausend güldene Gulden echter Währung ansetze, da doch, wie Ihr selber zugebet, ein jeder Reichsstädter, Kind und Kegel, er sei, wer er wolle, mehr als das Dreifache wert ist. Somit hinterlegt für den Hans Fürbringer 5000 Goldgulden am Kreuzweg bei Tramaysl von heut auf den dritten Tag. Ihr könnt damit beweisen, daß Ihr die schäbigen, geizigen und geldgierigen Krämerseelen nicht seid, als welche böse Zungen Euch schelten. Und daß Ihr solches zeigen könnet, das habt Ihr niemand anders als dem Eppelein zu danken, welcher Euch hiemit die Gelegenheit dazu gibt. Gedenket's wohl und haltet mir's zum besten, so wie ich Euch zum besten halt' und Eurer auch fürderhin in Treuen gedenke. Und daß ich's nicht vergeß': auch eine höfliche Meldung an den Herrn Doktor Pihlmann; denselbigen will ich niemals mehr begehren, vielmehr ihn Euch belassen, damit er fleißig wie bisher Euch Eure Leut zu Tod kurier'. Ihr aber bedenkt: Von heut überm dritten Tag erwart ich Geld von Euch am Kreuzweg zu Tramaysl!

Der Eppelein.

Schlußvignette

II.

Als Eppelein auch diese 5000 Goldgulden von den Nürnbergern bekommen hatte und also bei Geld war, da kam ihn das Heiraten an. Nun hatte einer seiner Spießgesellen eine Schwester, die war lustig und schön. Aber soviel auch Eppelein um sie in Minne warb, so ward er doch nicht erhört, und die Holde sagte, daß sie solange nicht seine Frau werden wolle, solange er nicht sein Raubwesen aufgebe; da müßte sie ja immer in Angst und Sorge um ihn leben, und wenn es ihm einsmals schlimm erginge, so würde sie gar zur Witwe werden. Das verdroß den Eppelein sehr, und er sann darauf, den Sinn der Schönen zu wenden; aber vergeblich. Sie sagte: Bevor du mit den Nürnbergern nicht Frieden gemacht hast, ist keine Rede davon, daß wir zusammenkommen können. Da lachte der Eppelein hellauf und sagte: »Nichts leichter als das! Was gilt's? Die Nürnberger stiften mir, wenn ich's haben will, sogar ein Hochzeichtsgeschenk für dich und mich; wenn nicht, dann bist du deines Wortes quitt, und ich muß dann eben als einsamer Ritter sterben.«   Am dritten Tag darnach ritt einer um die Vesperzeit in die Stadt Nürnberg ein, hinter einem Karren daher, gleich als ob er ein gewöhnlicher Soldknecht und kein Ritter wäre. Niemand erkannte Eppelein. Beim Schmied in der Fischgasse ließ er sein Rößlein beschlagen, und dann ritt er gemächlich bis zum großen Wechselhaus am Markt, wo das berühmte silberne Vogelhaus der Nürnberger hing. In diesem hatten die Nürnberger Goldschmiede und Silberkünstler ihre Waren zur Schau ausgelegt, und das Volk stand davor und bewunderte das viele kostbare Geschmeide. Eppelein wartete, bis er ganz nahe an das Vogelhaus herankommen konnte. Dann riß er mit eins das Vogelhaus mit allen Inlagen vom Haken und sprengte mit dem Ruf: »Platz da für den Eppelein!« sein Schwert schwingend, durch die Menge, die erschrocken auswich. Der Rat ließ die Glocken stürmen, ließ trompeten, daß es ein Graus war, und zu allen Toren der Stadt sprengten die Reisigen haufenweise hinaus. Doch der Eppelein war fort und das Vogelhaus auch. Zu Tramaysl aber führte nun Eppelein die Braut heim. Später erzählte er seiner Erwählten, wie er zu dem Vogelhaus gekommen war, worauf er die Antwort erhielt: »Du lieber Schelm, das wußt' ich wohl, daß du das Vogelhaus nicht als Brautgeschenk bekommen hast; aber deshalb nun keine Feindschaft. Ich hasse, wen du hassest, und wir haben nun einmal einander.« Da freute sich Eppelein eines solchen Weibes, und die Nürnberger hatten eine Zeitlang Ruhe vor ihm; denn er blieb daheim bei ihr. Das Vogelhaus aber kam erst nach 200 Jahren wieder in den Besitz der Stadt Nürnberg. Als nämlich der Schwäbische Bund im Jahr 1525 die Raubschlösser in Schwaben und Franken zerstörte, fand man das Vogelhaus auf dem Schloß Absberg hinter Schwabach gelegen; 1542 wurde es den Nürnbergern wieder zurückgegeben.

III.

Als im Jahres 1348 die Universität zu Prag errichtet worden war, sandten viele vornehme Nürnberger ihre Söhne als Studenten dorthin. Eppelein setzte sich eines Tages hin und schrieb dem Rat der Stadt, er sei auch gesonnen, nach Prag zu gehen, ob nicht die Stadt die Studienkosten für ihn aufbringen wolle, es käme sie das sicherlich billiger, als wenn er daheim bleibe. Eines freilich wisse er noch nicht, nämlich ob er als Student oder als Professor nach Prag gehen solle.   Der Nürnberger Rat gab zur Antwort, daß in Prag weder Hexerei, noch Raub, noch Mord gelehrt werde, Eppelein tauge also weder zum Professor noch zum Studenten. Wolle er sich aber wieder einmal nach Nürnberg bemühen, so werde er bald klug und gescheit sein; denn sie hätten einen mächtig großen Trichter, mit welchem sie jedem Vernunft beibringen könnten.   Als Eppelein das vernommen hatte, gab er zur Antwort: er danke für die Auskunft und werde gelegentlich nach Nürnberg kommen. Sie würden dann aber sehen, daß er für einen Studenten zu viel wisse und für einen Professor zu wenig.   Bald nach diesem Briefwechsel war Palmsonntag, wo in Nürnberg der Palmesel in feierlicher Prozession durch die Stadt geführt wurde. In der Nacht vorher aber durfte der Esel im Gotteshaus übernachten. Wie nun der Tag da war und die Prozession beginnen sollte, da erfand sich's, daß der Palmesel einen Trichter auf dem Kopf hatte; und um den Hals trug er einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »Der den Trichter trägt, ist Euer Professor, Ihr werdet zu tun haben, seine Gelehrsamkeit zu erlangen. Bin bei Euch gewesen.

Der Eppelein.«

Schlußvignette

IV.

Ein Nürnberger Priester predigte im Jahr 1353 scharf gegen die »Raub- und Schnapphähne« im allgemeinen und gegen den Eppelein im besonderen. Eppelein hörte davon; und auch das ward ihm angesagt, daß der Pfarrer geäußert habe, es müsse alles Geheime an den Tag kommen. Flugs setzte er sich hin und schrieb dem Nürnberger Priester einen Zettel, auf welchem stand: Weil der Pfarrer zu St. Lorenz sage, es komme alles an die Sonne, so wolle er ihm seiner Zeit schon den Mund schließen und das Gegenteil beweisen.   Da zerbrach man sich in Nürnberg den Kopf, welch' losen Streich wohl der Eppelein wieder im Schilde führe. Am nächsten Abend, als der Priester im Beichtstuhl saß, kam ganz zuletzt ein altes Männlein in die Kirche gehumpelt. Das kniete nieder und beichtete. Und es beichtete arge Sünden. Und ganz zuletzt sagte es ganz zerknirscht: »Eine Schuld drückt mich noch, die ich aber nicht sagen kann, denn ich fürchte mich, sie möchte bekannt werden, und dann wehe mir!« Der Priester sprach: »Mein Sohn, was du mir im Beichtstuhl anvertraust, das bleibt vor Menschen verschwiegen immer und ewig, und ich würde eher sterben, als ein Beichtgeheimnis verraten.« Das freute den Beichtenden, und er gestand nun, wie er schon geraubt und gemordet und die Leute gottlos gefoppt habe. Des entsetzte sich der Priester, und er fragte: »Ja hör', Mann, wer bist du denn?« Sprach der Mann: »Das will ich Euch als Beichtgeheimnis wohl anvertrauen: Ich bin der Eppelein. Was Ihr neulich gesagt habt, daß alles Geheime an den Tag kommen solle, das ist nicht wahr; denn meinen Namen, den ich Euch im Beichtstuhl gesagt habe, dürft Ihr ja niemand nennen. Hab' Euch somit widerlegt und den Mund fein geschlossen.« Damit ging Eppelein zur Türe hinaus. Der Priester aber schwieg pflichtgemäß, und Eppelein entkam ungeschoren aus Nürnberg. Draußen aber erzählte er's allerorten, wie er den Pfarrer von St. Lorenz gefangen hatte.

(C. Schnerring.)

Schlußvignette
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