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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 39
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120411
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Bopfinger Streiche

1. Als die Bopfinger anfingen, ihre Stadt zu bauen, brauchten sie viel Bauholz. Sie gingen in den Wald, hieben Bäume um und schleppten die Stämme über den Ipfberg herbei. Schon hatten sie im Schweiß ihres Angesichts eine große Anzahl über den Berg hinabgezogen, da entschlüpfte zufällig einem von ihnen ein Stamm und rugelte den Berg hinab. Verwundert standen sie still und schauten das Wunder an. »Ei, sind wir aber dumm,« sagten sie, »daß wir uns so geplagt haben; die Stämme rugeln ja von selbst den Berg hinunter.«   Um die Sache nun besser zu machen, holten sie die Baumstämme wieder herauf und ließen sie von selbst den Berg hinabspringen.

2. Auch eine Kirche bauten sie in ihre neue Stadt. Doch vergaßen sie Fenster darein zu machen. Als nun die Kirche eingeweiht werden sollte und der Festzug zur Kirche kam, war es darin so Nacht wie in einer Kuh. Da war guter Rat teuer. Die Bopfinger Ratsherren hatten aber einen glücklichen Einfall. Sie befahlen jedem Bürger, mit einem Sack vor der Kirche zu erscheinen. Hier fingen die Ratsherren das Tageslicht mit Maus- und Rattenfallen ein, und die Bürger mußten es in den Säcken in die Kirche tragen. Ob's geholfen hat, weiß ich nicht; doch ist die Kirche zu Bopfingen jetzt hell.

3. Beim Bau des Rathauses wurden die Türen vergessen. Deshalb mußte der ehrsame Rat seine Sitzungen auf dem Marktplatz abhalten. Das war bei Regenwetter sehr unangenehm. Um dem Übel abzuhelfen, ließen die Bopfinger ein Seil mit einem Rad ans Rathaus machen. So oft nun eine Sitzung war, wurden die Ratsherren mit dem Seil am Rathaus hinaufgezogen, so daß sie durch das Fenster in den Ratssaal gelangen konnten. Unter den Ratsherren war einer, der den Beruf eines Scherenschleifers hatte. Dieser bekam, als man die Herren das erstemal am Rathaus hinaufzog, das Übergewicht; denn er trug seinen Schleifstein auf dem Rücken mit. Er stürzte herab auf die Straße, daß man meinte, er habe Hals und Bein gebrochen. Es tat ihm aber weiter nichts; nur verlor er bei dem Sturz, wie er sagte, seine Rede, die er zur Feier des Tages auf dem Rathaus hatte halten wollen. Eifrig suchte man nach dem Kleinod, fand es aber nicht, obgleich auch das Pflaster aufgegraben wurde. Da der Scherenschleifer seine Rede nicht auswendig konnte und ein anderer Redner nicht zur Hand war, so mußte die Sitzung für dieses Mal unterbleiben.

4. Um die Stadt herum wurde ein Graben gezogen und darein Wasser aus der Sechta geleitet. Der Graben wimmelte bald von einem Heer von Fröschen, die in den Frühlings- und Sommernächten ein Geschrei erhoben, daß einem darüber Hören und Sehen verging. Der Rat beschloß diesem Unfug zu wehren und schickte den Büttel mit einem Schreiben zu den Fröschen hinaus. Gewichtig trat dieser an den Stadtgraben, schlug mit seinem Stock ins Wasser und gebot den Fröschen Ruhe. Als sie schwiegen, zog er sein Schriftstück heraus und las ihnen vor, daß ein ehrsamer Rat beschlossen habe, den Fröschen künftighin den Stadtgraben zu verweisen, sofern sie bei Nacht nicht ruhig wären. Die Frösche ließen sich aber durch des Rats Gebot nicht stören, und da der Rat sie nicht einsperren lassen konnte, so mußte er sie eben, wohl oder übel, gewähren lassen.

5. Als die Stadt endlich fertig war, wußte man nicht, wie man sie heißen sollte. Die Stadträte kamen aufs Rathaus und berieten sich über den Namen der neuen großen Stadt hin und her. Da sie sich aber nicht einigen konnten, beschlossen sie, die Entscheidung dem Schicksal zu überlassen. Sie rollten ein Faß auf den Ipf hinauf, steckten den Schultheißen hinein und ließen nun das Faß den Berg hinabrollen. Einige liefen nebenher und gaben sorgfältig acht, welche Worte der Schultheiß bei dieser Bergfahrt ausstoßen würde; denn darnach wollten sie die Stadt benennen. So oft nun das rollende Faß über einen Rain hüpfte oder an einen Stein stieß, deren es am Ipfberg die Menge hat, schrie der Schultheiß mit jammervoller Stimme: »Bopf! Bapf! Bopf! Bapf!« Daher hat die Stadt den Namen »Bopfingen« bekommen.

6. Als der erste Heuwagen zum Tore hereinfahren wollte, konnte er nicht; denn der Wiesbaum war schräg über den Wagen gelegt. Die ganze Stadt kam vor's Tor gelaufen und gab Rat, was zu machen sei. Aber alles Mühen war umsonst: der Wagen kam nicht vorwärts wegen dem Baum. Endlich wurde beschlossen, das Tor abzureißen und ein weiteres zu bauen; denn der Wagen   das war sicher   mußte in die Stadt gebracht werden. Im Stadtgraben bei den Fröschen tummelten sich Gänse. Sie schauten auch dem Ding zu. Plötzlich erhob eine Gans ihre Stimme und rief: »Gigag! Gigag!« Die Bopfinger meinten, sie schreie: Säg ab! Säg ab! Da ging ihnen ein Licht auf. Schnell holten sie eine Säge und sägten den Wiesbaum ab. So konnte der Wagen glücklich durchs Tor in die Stadt gebracht werden.

7. Um Raum zu gewinnen, da der Marktplatz zu klein ausgefallen war, beschlossen die Bopfinger das Rathaus weiter fortzurücken. Alle Bürger mußten sich darum am Rathaus aufstellen und schieben. Der Schultheiß legte seinen Mantel hin, bis wohin das Rathaus geschoben werden sollte. Während nun die Bürger aus Leibeskräften am Rathaus schoben und die Ratsherren sie durch allerlei Zuspruch ermunterten, kam ein Schalk daher und stahl des Bürgermeisters Mantel. Als man nach einiger Zeit nachschaute, wie weit das Rathaus schon geschoben sei, wurde der Mantel nicht mehr gefunden. Alles meinte nun, das Rathaus sei über den Mantel hinweg und also schon zu weit geschoben worden.

8. Das Wappen der Stadt soll eine »Schlafe« oder »Schlaufe« sein. Wie die Bopfinger dazu gekommen sind, erzählt folgende Geschichte. Einstmals wurde ein neuer Kaiser gekrönt, und die Bopfinger wurden, da ihre Stadt eine Reichsstadt war, zum Krönungsfeste geladen. Der Rat ordnete zwei Herren dazu ab, die nach langer Reise abends spät in der Krönungsstadt ankamen und daher am andern Morgen, dem Krönungstage, verschliefen. Die Kanonen krachten, die Glocken läuteten, die Musik spielte, und die Menge des Volkes jauchzte und lärmte. Die Bopfinger aber ließen sich durch nichts daraus bringen und schliefen in ihrem Quartier wie Murmeltiere. Und als sie endlich aufwachten, blieben sie doch liegen; denn alles um sie her war stockdunkel, und die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen. Das kam aber daher: in dem Schlafzimmer waren die Läden geschlossen und das Tageslicht konnte deshalb nicht eindringen. Endlich wollte ihnen die Nacht doch zu lange dauern, und einer stand auf, um zu schauen, ob's nicht bald tage. Statt des Fensterladens machte er aber einen Kasten auf, der im Zimmer stand, und in dem der Wirt allerlei Speisevorräte verwahrte. »Bruder,« sagte er, als er hineinguckte, »bleib' nur ruhig liegen, 's ist draußen noch Kuhnacht, und 's Wetter schmeckt nach Backsteinkäs  « und er legte sich ebenfalls wieder nieder und schlief weiter. So ging die Krönung vorbei, ohne daß die Reichsstadt Bopfingen dabei vertreten gewesen wäre. Endlich, als die fremden Gäste sich gar nicht sehen ließen, wurde der Wirt besorgt. Er ging zu ihrer Tür und klopfte an. Sie machten auf und waren sehr verwundert, daß es schon so spät war. Der Kaiser aber lachte nicht wenig, als er das Abenteuer der guten Bopfinger vernahm. Und um ihnen seine Gunst zu bezeigen, verlieh er ihnen die »Schlafe« ins Wappen.

9. Da sich das Bedürfnis herausstellte, daß die Beschlüsse des Rats auch aufgezeichnet werden sollten, wurde ein Ratsschreiber gewählt. Der hochweise Rat versammelte sich zu diesem feierlichen Akt auf dem Rathaus. Es waren mehrere Bewerber da; aber die Stimmen fielen auf einen, der sich nicht gemeldet hatte, jedoch mit den vornehmsten Ratsherren verschwistert und verschwägert war. Nachdem die Wahl vorbei war, wurde der Mann vorgefordert und über seine Befähigung zur Ausrichtung dieses Amtes befragt. Da stellte es sich heraus, daß er weder lesen noch schreiben konnte. »Tut nichts zur Sache,« sagte er, »ich habe ein gutes Gedächtnis.« Die Ratsherren konnten dagegen nichts einwenden, und so wurde er als Ratsschreiber bestätigt.

10. Als die Bopfinger einst die jährliche Abgabe, die in Eiern bestand, an den Kaiser entrichten mußten, beluden sie damit einen Krättenwagen, wie man sie im Ries und anderswo hat. Die Eier gingen aber nicht alle in den Wagenkorb, und die Bopfinger wußten nicht, was sie anfangen sollten. Jedoch der Bürgermeister fand Rat. Er schickte einige Männer auf den Wagen und ließ die Eier mit den Füßen eintreten, um so Raum für die übrigen zu schaffen. Das gab nun eine schöne Bescherung; denn bis an die Knie herauf spritzte den Eierlädern der gelbe Dotter. Die Bopfinger haben davon den Namen Gelbfüßler bekommen.

11. Einmal waren die Bopfinger in großer Verlegenheit, weil die Salzträger ausgeblieben waren und niemand mehr Salz hatte. Um diesem Übelstand in Zukunft vorzubeugen, gedachten sie selber Salz zu pflanzen. Sie schrieben aus, wer Salzsamen habe, solle sich melden, sie bezahlen solchen gut. Lange wollte sich kein Verkäufer finden. Endlich aber kam einer und brachte viele Säcke voll mit. Die Bopfinger waren froh und kauften ihm den Salzsamen ab. Auf dem Breitwang ging's nun an ein Ackern und Säen; denn der teure Samen sollte eine reiche Ernte bringen. Nach einiger Zeit ging der hochweise Rat hinaus, um nach der Salzsaat zu sehen. Die stand so dick wie ein Wald, daß allen das Herz im Leibe lachte. Der Bürgermeister wollte die Saat begehen, um sich auch im Innern von ihrem Stand zu überzeugen, befürchtete aber Schaden zu tun. Die Ratsherren kamen daher überein, es sollten ihn vier hindurchtragen. Damit sie keinen Schaden anrichteten, zogen sie die Stiefel aus und gingen barfuß. Die Salzpflanzen waren aber nichts anderes denn Brennessel; sie brannten die vier gewaltig an die Füße, so daß sie rieben und kratzten und auf den Bürgermeister, den sie auf dem Rücken trugen, nicht mehr acht gaben. Plumps! lag dieser in den Nesseln. Über und über mit »Blattern« bedeckt kamen die Herren vom Felde heim und konnten nicht genug sagen von der Schärfe des Salzkrautes, das auf dem Breitwang wachse. Die Geschichte mit dem Salzkraut hat aber den Bopfingern den Namen »Blôtere« eingetragen.

12. Als im September 1634 das schwedische Heer unter Bernhard von Weimar bei Nördlingen geschlagen wurde, wälzte sich der Strom der Flüchtlinge durchs Ries herab, Bopfingen zu. Die Bopfinger schlossen ihre Tore und harrten voll banger Sorge der Dinge, die da kommen sollten. Es stand nicht lange an, so kamen schon die ersten schwedischen Reiter dahergesprengt, neun Mann auf keuchenden Rossen, das Gesicht schwarz von Pulverdampf. Als sie das Tor verschlossen fanden, klopften sie ungestüm mit ihren Säbeln und Pistolen daran. Die Bopfinger fragten von der Mauer aus, was sie wollten. »Einlaß!« riefen die Schweden, »oder wir brennen das ganze Nest an!« Da befiel die Bopfinger eine so große Angst, daß sie sich nicht mehr getrauten das Tor aufzumachen. Sie warfen darum die Torschlüssel den Schweden über die Mauer hinab und baten sie, das Tor selber zu öffnen.

(Nach Birlinger u. Buck u. a. von K. Rommel.)

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