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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geschichten von Buchhorn am Bodensee.

I. Der Besuch des Kaisers.

Als Kaiser Sigismund aus Anlaß des großen Konzils (1414-1418) in Konstanz weilte, beschloß er, auch seine Stadt Buchhorn (das heutige Friedrichshafen) durch seinen Besuch zu erfreuen. Er tat diese seine Absicht den Buchhornern durch einen Boten kund. Darob gerieten der Bürgermeister und sein Rat in nicht geringe Bewegung; denn sie gedachten der Schwierigkeiten, die es haben werde, bei den geringen Einkünften des kleinen Städtchens die Kaiserliche Majestät gebührend zu ehren. Vornehmlich schien es ihnen ganz und gar unmöglich, die vielen roten Tücher zu beschaffen, mit denen der Weg belegt zu werden pflegte, wenn der Kaiser zur Kirche schritt. Nach langem Hin- und Herberaten kam ein Ratsherr auf den Einfall, nur zwei solche Tücher anzuschaffen. Und wenn dann Kaiserliche Majestät über das erste Tuch geschritten und auf das zweite getreten sei, so sollten vier Ratsherren geschwind das hintere Tuch aufheben und es wieder vorn ausbreiten. Alles war mit diesem Vorschlag einverstanden; nur der bedenkliche Bürgermeister meinte: »Ja, wir werden die Sau aufheben.« Er wollte damit sagen, daß sie Unglück bei der Sache haben würden. Als der Kaiser mit dem Schiff gefahren kam, wurden schnell die Tücher am Landungssteg ausgebreitet. Es ging auch alles ganz gut, bis durch allzugroßen Eifer eines jungen Ratsherren das hintere Tuch einmal aufgenommen wurde, ehe des Kaisers Füße es verlassen hatten. Plumps! lag die Majestät der Länge nach am Boden. Der Bürgermeister sprang eiligst zur Hilfeleistung herbei, und während er den Kaiser am Arm in die Höhe zerrte, schrie er die verdutzt dastehenden Ratsherren an: »Hab' ich's nit g'sagt, daß wir bei der G'schicht eine S.. aufheben müßten!«

II. Das Festmahl.

Im Rathaussaal hatten die Buchhorner dem Kaiser das Mittagsmahl zubereitet. Dabei hatte wohl jeder der Gäste seinen besonderen Löffel, aber keiner einen Teller; denn man aß nach guter alter Sitte gemeinsam aus einer großen Schüssel. Der Schüssel zunächst saß der Kaiser, und vor ihm schwammen lauter große Brocken weißen Brotes, während für die übrigen Gäste rauhes Schwarzbrot in die Suppe gebrockt war. Da geriet nun der Kaiser mit dem Löffel einmal über seine Grenze hinaus und erwischte einen Brocken Schwarzbrot. Gar höflich klopfte ihm der Bürgermeister von Buchhorn auf die Finger und sagte: »Nit da, nit da! Das ist für Bürgermeister und Rat.«

III. Der Wetterprophet.

Der witzigste von den Ratsherren war ausersehen, dem Kaiser die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten zu zeigen und ihn überhaupt zu unterhalten. Nachdem nun die Mahlzeit beendet war, schob der Kaiser ein Fenster des Saales zurück und sah hinaus, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Sofort stürzte der Ratsherr auf das benachbarte Fenster und streckte seinen Kopf auch hinaus, und nach einigem Besinnen und Nasenrümpfen rief er zum Kaiser hinüber: »Wir kumment schlecht Wetter über: d' Hüsle riechent so!«

IV. Die geborgenen Glocken.

Im 30jährigen Krieg kamen die Schweden auch nach Oberschwaben und erfüllten Stadt und Land mit Mord, Raub und Brand. Als nun in Buchhorn von Ravensburg her die Nachricht vom Anrücken der Feinde eintraf, wurde sofort der Rat zusammenberufen, um zu beschließen, was zu tun sei. Da meinte ein Ratsherr: »Wir lassen den Schweden nit herein. Vom See her kann er nit in die Stadt; die Ravensburger Straß wird gesperrt und das Betreten der Felder ist ja verboten.« Indes glaubten nicht alle, daß die Schweden sich um das Verbot viel kümmern würden, und so dachte man daran, wie die Habe der Stadt gerettet werden könnte. Es war nun bekannt, daß es die Feinde namentlich auf die Kirchenglocken abgesehen hatten, weil daraus Kanonen gegossen werden konnten. Es ward also beratschlagt, wie man die Glocken vor den Schweden verbergen könnte. Am besten fand man den Vorschlag eines Ratsherrn, die Glocken im See zu versenken. Gesagt, getan! Man ruderte die Glocken hinaus, und bald verbarg die blaue Tiefe das teure Gut jedem habsüchtigen Blick. Schon wollte man zurückfahren, da erhob sich Zweifel, ob man die Stelle, wo die Glocken liegen, auch wieder finden werde. Aber auch hier war der Ratsherr nicht verlegen. Schnell zog er sein Messer aus der Tasche, machte einen Schnitt in die blaue, glatte Fläche des Wassers, einen zweiten in die Wand des Schiffes und sagte: »Da, wo die beiden Schnitte aufeinander passen, da liegen die Glocken.«

V. Die merkwürdige Inschrift.

Einmal war ein so strenger und kalter Winter, daß der ganze Bodensee zufror. Weil aber dies kaum alle hundert Jahre einmal vorkommt, so wollten die Buchhorner das merkwürdige Ereignis für ewige Zeiten dem Andenken der Nachwelt erhalten, gingen mit Stemmeisen hinaus auf die glatte Eisfläche und meißelten in großen, weithin lesbaren Ziffern die Jahreszahl im Eise ein. Wie waren sie aber erstaunt, als im Frühjahr eines Tages die Inschrift mitsamt der Eisdecke verschwunden war! Zum Glück hatte man andernorts das Ereignis besser aufgezeichnet, an das aber die Buchhorner nicht mehr erinnert werden mögen.

(Nach verschiedenen Quellen von P. B.)

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