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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 21
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Reutlinger Geschichten

I. Wie die Reutlinger den Nürnberger Trichter holten

Die Nürnberger waren einst die gescheitesten Leute weitum im Heiligen Römischen Reiche deutscher Nation, und besonders ihre Bürgermeister. Das kam aber daher, daß sie einen großen blechernen Trichter hatten, mit welchem jedem Menschen Weisheit eingegossen werden konnte. Diesen Trichter hatte ein Hexenmeister gemacht. Wenn nun ein junger Nürnberger zu Jahren kam, daß er studieren und verständig werden sollte, so wurde der Bader geholt. Dieser machte ein kleines rundes Loch in den Kopf des Jungen, setzte den Trichter an und blies nun alle Weisheit dieser Erde hinein. Wer solchermaßen getrichtert war, dem war für sein Lebtag geholfen. Er machte die gescheitesten Streiche und ließ andere kaum einmal etwas Dummes tun. So bekamen die Nürnberger die allerpfiffigsten und gelehrtesten Bürgermeister im ganzen Reich, und ihre Stadt wurde groß und reich und mächtig. Und als die Nürnberger das merkten, da verbrannten sie den Hexenmeister, damit er nicht auch anderen Städten solche Weisheitstrichter machen könne; ihren Trichter aber hoben sie sorgfältig auf.

Nun hatten um jene Zeit auch die Memminger einen neuen Bürgermeister gewählt, und weil sie auch gerne so reich und so berühmt gewesen wären wie die Nürnberger und auch so gescheit, so sandten sie um den Trichter bittweise hin nach Nürnberg, damit sie auch ihren neuen Bürgermeister trichtern könnten. Aber die Nürnberger schüttelten ablehnend die Köpfe und sagten: »Mag euer Bürgermeister so dumm sein, als er will und das Gesetz es erlaubt   unsern Trichter geben wir nicht her.« Dieses gottlose Wort beleidigte nun die Memminger sehr, und sie ließen in ihrer Stadt trompeten und blasen, daß es ein Graus war, und boten allenthalben auf zum Kriegszug wider die Nürnberger. Als den Nürnbergern dies angesagt war, da zeigten sie sich auch nicht faul, sie boten ihre Bürger alle, Schneider und Gießer und andere ehrbare Leute auf auszuziehen und sich der Memminger zu erwehren. Der Nürnberger Bürgermeister aber, ein kluger Mann, dieweil er seiner Zeit getrichtert worden war, kam auf einen guten Gedanken. Er ging ganz in aller Stille hin zu seinem Gevattersmann, der ein ehrsamer Blechschmied war, besprach sich insgeheim mit ihm und führte ihn hehlingen an den Ort, wo der Nürnberger Trichter aufbewahrt wurde. »Einen solchen Trichter mache mir,« sagte er zu seinem Gevatter, »und bis morgen, ehe wir ausziehen, muß er fertig sein.« Und der Gevatter Blechschmied machte einen blechernen Trichter, wie der echte Nürnberger einer war. Und nun zogen die Nürnberger wider die Memminger aus. Bald stunden sich beide Parteien auf dem Lechfeld gegenüber, nicht weit von Ingolstadt. Als nun die Memminger die Nürnberger sahen, da machten sie Halt, und als die Nürnberger die Memminger sahen, da machten sie auch Halt. Und nun sandte der Hauptmann der Nürnberger zum Hauptmann der Memminger und ließ ihm sagen: »Komm' doch ein wenig herüber zu uns zu freundlichem Zwiegespräch: denn eh' daß Blut fließt, soll nach altem Kriegsgebrauch beim fröhlichen Mahl ein guter Trunk fließen.« Des ließ sich der Memminger nicht zweimal bitten und ging hinüber ins Nürnberger Lager. Und wie nun die beiden Hauptleute beisammen waren, gab der Nürnberger dem Memminger insgeheim den falschen Trichter, den der Gevatter Blechschmied gemacht hatte. Da frohlockten die Memminger, brachen die Zelte ab und zogen heim. Die Nürnberger aber, die nicht wußten, warum und wieso, sahen ihnen betrübt nach; denn sie hatten sich schon so sehr auf eine große Schlacht gefreut. In Memmingen aber wurde nun der Bürgermeister auch getrichtert, blieb jedoch so dumm als wie zuvor, dieweil es ja der falsche Trichter gewesen war. Die Memminger aber meinten, der Trichter habe geholfen, und sie hielten nun ihren Bürgermeister für sehr gescheit. Sie sagten es auch überall herum.

Als nun die Reutlinger hörten, daß der Memminger Bürgermeister schier so gescheit sei wie der Nürnberger, da ließ es ihnen keine Ruhe mehr. Sie dingten ganz heimlich etliche schlaue Schlingel aus Tübingen, dieweil es in Reutlingen selber keine gab, und die sandten sie hin nach Memmingen. Sie kamen auch bald wieder zurück und brachten als Beute den Memminger Trichter mit. Das war ein Jubel in Reutlingen! Es wurde mit allen Glocken geläutet, und man hätte gerne ein Dankfest abgehalten, wenn der Herr Stadtpfarrer mitgetan hätte; doch der litt es nicht von wegen des Diebstahls. Am andern Tag aber trichterte man dann den Bürgermeister feierlich auf dem Rathaus. Und alsobald zeigte sich die wunderbare Wirkung des Trichters; denn der getrichterte Bürgermeister wurde gleich so gescheit, daß er herging und rings um die Stadt Reutlingen Weinberge pflanzte. Die Reutlinger merkten es nicht, daß sie einen falschen Trichter hatten. Wenn aber fremde Leute den Reutlinger Wein versuchen, so merken sie es gleich, daß die Nürnberger damals ihren echten Trichter behalten haben, und wer nach Nürnberg kommt, merkt es erst recht; denn noch heutzutage sind die Bürgermeister von Nürnberg pfiffiger als alle anderen nördlich und südlich vom Main.

(C. Schnerring-Crailsheim. Aus dem Nürnberger Kreisarchiv.)

Schlußvignette

II. Ein Kaiserbesuch in Reutlingen

(Auch von Tuttlingen, Überlingen und Bopfingen erzählt.)

Als Kaiser Friedrich III. (1440 1493) einst durch Schwaben reiste, wollte er mit seinem Gefolge in der Reichsstadt Reutlingen übernachten. Aber die Reutlinger waren über den Besuch nicht sehr erfreut; denn sie fürchteten die großen Kosten und auch, daß der Kaiser, der oft in Geldverlegenheit war, sie anpumpen möchte. Daher sandten sie ihm den Bürgermeister und etliche vom Rat entgegen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Die Reutlinger Gesandtschaft erwies Kaiserlicher Majestät alle Ehr' und Reverenz und stellte ihr vor, daß Reutlingen gar klein und von schlechten, unzierlichen Häusern gebaut und daher unvermögend sei, den Kaiser und sein großes Gefolge nach Gebühr zu bewirten.

Der Kaiser wurde jedoch von dieser Bitte nicht angefochten, sondern ritt fürbaß Reutlingen zu. Wie er nun in das Städtlein kam, fand er das Pflaster versunken und die Straße derart mit Schmutz bedeckt, daß die Pferde bis an die Knie darin waten mußten. Da lachte der Kaiser und sagte zu seinen Dienern: »Die Reutlinger sind doch fromme und treue Leute! Sie wollten uns nicht in ihre Stadt lassen; denn sie waren besorgt, wir könnten in den tiefen Gassen im Dreck ersaufen.«

(Nach Kirchhofs Wendunmut [1563] von K. Rommel.)

Schlußvignette

III. Wie sich die Reutlinger Stadtgarde zu helfen wußte

Als im Mai 1847 Kronprinz Karl von Württemberg mit seiner Gemahlin Olga die »gute« Stadt Reutlingen besuchte, wollte auch die Reutlinger Stadtgarde den hohen Herrschaften ihre Aufwartung machen. Diese Stadtgarde bestand aus lauter ehrsamen Bürgern, die, angetan mit laubgrünen Uniformen und ausgerüstet mit alten Musketen, bei festlichen Gelegenheiten als Paradetruppe auszurücken pflegte. Die Reutlinger hatten einen großen Stolz auf dieses Korps, und der Kommandant desselben dünkte sich nicht weniger zu sein als ein General. Leider war aber die Schar nur klein, und der brave Kommandant dachte hin und her, wie er sein Heer vergrößern könnte, um bei einer solchen Feierlichkeit, wie sie der Besuch des kronprinzlichen Paares nun einmal war, mit Ehren bestehen zu können. Ein kluger Mann findet immer Rat, und unser Kommandant war ein kluger Mann. Als der festliche Tag kam, führte er seine kleine Armee zum unteren Tor, wo eine prächtige Ehrenpforte errichtet war, und wo die Spitzen der Behörden das hohe Paar begrüßen sollten. Hier am Ehrenbogen stellte der Kommandant seine Stadtgardisten in schnurgeraden Reihen auf. Und als bald darauf die Böller krachten, die Glocken läuteten und die Stadtmusik anfing zu blasen: Heil dir im Siegerkranz! da zog der Kommandant seinen langen Säbel und kommandierte mit schallender Stimme: »Präsentiert das Gewehr!« Und als der Kronprinz und die Kronprinzessin durchs Tor fuhren, stand die Bürgergarde stolz und stramm da wie eine Mauer, so daß der Kronprinz seine helle Freude an ihr hatte und dem Kommandanten und den Mannen freundlich zuwinkte. Großer Stolz schwellte da die Herzen der braven Gardisten. Kaum hatten die königlichen Wagen den letzten Mann passiert und waren eingebogen in die mit Blumen und Fahnen geschmückte Wilhelmstraße, wo eine jubelnde Menge Kopf an Kopf stand, so sagte der Kommandant zu seinen Leuten: »Auf, liebe Freunde, wir wollen unserem guten Kronprinzen am oberen Tor auch Spalier bilden, damit er vor uns Reutlingern Respekt bekommt!« Und nun ging's marsch, marsch! hinter der Stadt den Hundsgraben hinauf zum oberen Tor, daß die Tschakos und die Bäuche der guten Stadtgardisten wackelten und der Schweiß aus allen Poren floß. Keuchend, aber noch zu rechter Zeit langten sie am oberen Tor an. Und als die Wagen kamen, war die Stadtgarde schon wieder in Reihen gerichtet und präsentierte das Gewehr so gut, wie sie's am untern Tor getan hatte. Der Kronprinz war über die stattliche Militärmacht Reutlingens nicht wenig erstaunt. Er bot mit Lächeln dem wackeren Kommandanten die Hand aus dem Wagen und soll sich auch nachher noch dem Stadtschultheißen gegenüber voll Rühmens über die Bürgergarde der guten Stadt Reutlingen geäußert haben.

(Nach K. Bames' Chronika von K. Rommel.)

Schlußvignette

IV. Vom Reutlinger Wein

Über den Reutlinger Wein ist schon oft und viel gespottet worden, obgleich er nicht zu den schlechtesten Marken unseres Landes gehört. Schon die Römer müssen ihn nicht ungern getrunken haben; denn eine alte Sage erzählt, daß der Kaiser Probus an der Achalm bei Reutlingen habe Weinberge anlegen lassen. Auch die Tübinger Pfalzgrafen hatten Weingärten an der Achalm, woher es kommt, daß heute noch die sonnigste Halde an diesem Berg »der Pfalzgraf« genannt wird. Die Weine aus diesen Lagen sind noch immer gut. Als man aber anfing, auch in geringeren Lagen Reben zu pflanzen und dabei mehr auf reichtragende als auf gute Sorten sah, kam der Reutlinger Wein in Verruf. In schlechten Jahrgängen wurde ein Wein erzeugt, der wegen seiner Säure kaum genießbar war. Diese geringen Weine gaben den Anlaß zu den Neckereien, von denen, da sie nicht ohne Humor sind, nachfolgende wiedergegeben werden sollen. Sie werden zum Teil auch von anderen Weinorten erzählt.

1. Die Reutlinger Trauben sind zum Versenden besonders geeignet, da es ohne Gefahr des Zerdrückens in Säcken geschehen kann. Einst fiel mitten in der Stadt ein solcher Traubensack von einem Frachtfuhrwagen herab, und das Rad ging über ihn weg. Erschrocken hob ihn der Fuhrmann wieder auf, rief aber, als er ihn genau besichtigt hatte, frohlockend aus: »Gottlob, koi Beerle ist verdruckt!«

2. Im Jahr 1843 geriet der Wein besonders schlecht. Die Trauben blieben so hart, daß man daran zweifelte, ob sie auf die gewöhnliche Weise zertreten werden könnten. Man wußte nicht, was tun. Da kam Hilfe in der Not. Während der Traubenlese nämlich kam nach Reutlingen der große Elefant, der damals auch sonst im Schwabenland gezeigt wurde. Sofort beschloß man, sich seiner Hilfe zu bedienen. Man mietete ihn auf vier Wochen, erbaute eine große Bütte, in der er sich im Ring drehen konnte, und stellte ihn hinein. Als nun die Trauben in die Bütte geschüttet wurden und der Elefant sich im Ring drehte, soll der Wein in Strömen geflossen sein. Der Wein bekam den Namen »Elefantenwein«.

3. Auf einer Halde am nördlichen Abhang der Achalm   sie soll die Essighalde genannt werden   wächst der Dreimännerwein. Er hat seinen Namen daher, daß man ihn nicht allein trinken kann. Da er aber doch getrunken werden muß, so tun sich immer drei Männer zusammen, gehen miteinander zu dem Weingärtner, der ihn schenkt, und machen sich hier an die Arbeit. Einer um den andern greift zum Glase, und während er trinkt, müssen ihn die beiden anderen halten, da ihn sonst der Wein krumm ziehen würde.

4. Damit in geringeren Jahrgängen dieser Wein keinen Schaden anrichtet, wird um Mitternacht eine besondere Glocke angezogen. Da müssen dann die Weiber ihren Männern einen Rippenstoß geben, daß sie sich auf die andere Seite legen; denn sonst würde ihnen der neue Wein den Magen durchfressen.

5. Nicht lang nach Beendigung seines türkischen Feldzuges machte Prinz Eugen, der Sieger von Belgrad, eine Reise durch Süddeutschland. Bei dieser Gelegenheit soll er auch durch Reutlingen gekommen sein. Bürgermeister und Rat zogen ihm feierlich entgegen, um seine glorreichen Verdienste zu ehren, und boten ihm einen silbernen Becher voll Weins zum Willkomm dar. Prinz Eugen nahm einen guten Schluck davon, machte aber ein saures Gesicht, als er ihn zurückgab. Die Ratsherren wollten den Becher wieder füllen; er aber sagte: »Lieber will ich Belgrad noch einmal erobern, als einen zweiten Becher von diesem Wein austrinken!«

(Nach H. Kurz u. a. von R.)

Schlußvignette
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