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Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil

: Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil - Kapitel 16
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleLustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil
publisherVerlag von Holland & Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
volume
printrun2. Auflage. 9. 12. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie ein Rottenburger bayerisch sprach

Zu Rottenburg am Neckar lebte der ehrsame Schuhmachermeister Ergenzinger. Der hatte einen Sohn, der seines Vaters Hantierung erlernte, und nachdem er Geselle geworden war, in die Fremde ging. Mit dem Wanderstab in der Hand schritt der Bursche schweren Herzens zu den Toren der alten Neckarstadt hinaus, erstieg das Albgebirge und kam nach Ulm, des Heiligen Römischen Reiches freier Stadt am Donaustrom. Bei einem alten Meister der Zunft fand er Arbeit. Doch da befiel ihn das Heimweh, und er sehnte sich nach Vater und Mutter und nach dem schönen Neckarstrande zurück. Freilich, was wird der Vater sagen, wenn er nach so kurzer Zeit schon wieder heimkehrt? dieser Gedanke machte dem jungen Burschen ein wenig Sorge. Nachdem er's aber 6 Wochen ausgehalten hat, denkt er: »Nur kein Bangen! Habe ich doch in Ulm so herrlich viel gelernt, ganz besonders die schöne bayerische Sprache; wie sollten da Vater und Mutter und die Rottenburger nicht staunen, wenn sie mich hören!« So packte er sein Bündel wieder und kehrte heim in die Vaterstadt. Aber dort angekommen hat er doch nicht den Mut, sogleich vor den Vater zu treten. Also geht er mit seiner schönen bayerischen Sprache erst in ein Wirtshaus in der Vorstadt, wo man ihn wohl kannte. Da fragt er den Hausknecht: »Mein Freund, kennet Ihr nicht einen Handwerksmann von hier, heißt Ergenzinger und ist halt mein Vater. Wollt's mir ihn rufen, daß er herauskomme?« Der Hausknecht mußte lachen über die seltsame Sprache des »Guggele«, ging zu dem Vater des Burschen und sagte ihm, wie sein Sohn gekommen sei und in so kurzer Zeit eine andere Sprache gelernt habe. Der gute alte Ergenzinger war nicht wenig verdrossen über diese Nachricht, nahm schnell einen guten Stecken unter den Arm, zog den Rock an und ging ins Wirtshaus. Wie der Vater in die Stube tritt, findet er den Sohn vor einer Kanne Weins am Tische sitzen. Als er seinen Vater erblickt, bleibt er ruhig sitzen und sagt in seiner bayerischen Sprache: »Seid Ihr's, Ergenzinger? So seid Ihr halt mein Vater! Wie lebt's halt unsre olte Kotzen?« Als Antwort nahm der Alte rasch den Stecken unter dem Rock herfür, und er schlägt den Burschen weidlich über das Hirn und über den Rücken, wohin er nur trifft, und sagt: »Wart', Bürschlein, ich will dich die alte Herberge suchen und deinen Vater kennen lernen!« Solchen Empfangs hatte sich der Sohn nicht versehen; er hatte gedacht, seine bayerische Sprache werde ihm über alles weghelfen. Unter solchen Umständen zog er es vor, Reißaus zu nehmen und bei der Mutter Schutz zu suchen, hinter ihm her lief der Vater mit dem Stecken, und es war sehr ergötzlich zu schauen, wie sie durch die Straßen rannten und in die Pfützen tappten und der Sohn bisweilen einen scharfen Treffer von hinten erwischte, bis er das Elternhaus erreichte. Von der Zeit an ist der junge Ergenzinger sein Lebtag mit seiner bayerischen Sprache geneckt worden.

(Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.)

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