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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Clonarion, Leaena.[Dieser von Wieland nicht übersetzte Dialog erscheint hier in einer deutschen Version von Paul Hansmann.]

Clonarion. Man redet merkwürdige Dinge über dich, liebe Leaena: Megilla, das reiche, von Lesbos stammende Weib, liebe dich, wie wenn sie Mann sey. Und ihr paartet euch, indem ihr, was weiß ich nicht, miteinander treibt. Was ist daran? Du wirst rot? Ist's wahr?

Leaena. Wahr ist es, liebe Clonarion, aber ich schäme mich dessen, so ganz und gar unnatürlich ist's.

Clonarion. Doch, bei Aphrodite, was soll das heißen? Was will das Weib? Was thut ihr, wenn ihr bey einander lagert? Nun wahrlich, du liebst mich nicht, anders würdest du mir nichts verheimlichen.

Leaena. Mehr denn ein ander Weib hab' ich dich lieb, o Clonarion. Das Weib jedoch ist seltsam männlich.

Clonarion. Ich verstehe nicht, was du sagen willst. Sollte deine Freundin eine Tribade sein, deren es, wie es heißt, viele auf Lesbos giebt? Eines der Weiber, die sich weigern, mit Männern des Umgangs zu pflegen, und selber sich der Weiber erfreuen, wie wenn sie Männer wären?

Leaena. So etwas ist es.

Clonarion. Erzähle mir, meine liebe kleine Leaena, wie sie dir ihre Liebe eingestanden hat, wie du dich hast überreden lassen und all das übrige.

Leaena. Einen Abendschmaus hatte sie veranstaltet mit der Korinthierin Demonassa, welche gleich ihr in Reichtum lebt und derselben Kunst wie Megilla obliegt. Und holen ließen sie mich, um zu singen und während des Mahles die Leyer zu schlagen. Nachdem ich gesungen, war es spät geworden, und es war an der Zeit schlafen zu gehen; sie aber hatten wacker gezecht und Megilla sprach also zu mir: Komm, meine liebe kleine Leaena, es ist höchste Zeit zu Bett zu gehen, du sollst hier schlafen, zwischen uns beiden!

Clonarion. Und du hast dich niedergelegt? Was ist dann geschehen?

Leaena. Anfangs küßten sie mich, wie es Männer getan haben würden, nicht nur mit Lippendruck, sondern indem sie auch den Mund um ein weniges aufmachten und sich der Zunge bedienten, umarmten mich und drückten meine Brüste. Demonassa biß mich gar bey der Umarmung. Ich für mein Teil begriff noch nicht, wo hinaus sie wollten. Schließlich nimmt Megilla, welche schon sehr erhitzt war, einen gar wohl nachgemachten und vollkommen passenden falschen Haarschopf vom Haupte und stellte sich fast geschoren dar wie die männlichen Athleten. Bey solchem Anblick erschrack ich sehr. Sprach sie aber zu mir: Hast du, meine liebe kleine Leaena, schon einen so schönen Jüngling gesehen? – Ich sehe hier aber keinen Jüngling, Megilla. – Mache kein Weib aus mir, fuhr sie fort, ich heiße Megillus und habe vor langem Demonassa geheuratet, sie aber ist meine Frau! Ich hub an zu lachen, liebe Clonarion. Also wärest du, sprach ich, ein Mann, o Megilla, und wir wüßten es nicht? So, wie man von Achilleus erzählt, der inmitten der Jungfrauen in Purpurgewändern verborgen geblieben? Besitzest du, was die Männer auszeichnet? Thust du mit Demonassa, wie Männer thun? – Wahrlich, liebe Leaena, antwortete sie mir, ich habe das Ding nicht, bedarf seiner aber auch nicht sonderlich. Sehen sollst du, daß ich mich auf eine merkwürdige Weise mit dir paare, welche noch viel wollüstiger als die gewöhnliche ist. – Bist du denn ein Hermaphrodit? Viele soll es deren geben, wie man erzählt, welche die Merkmale beider Geschlechter besitzen. In Wahrheit, meine liebe Clonarion, wußt' ich noch immer nicht, was sie wollte. Nein, antwortete sie mir, ich bin vollkommen Mann. Darauf erwiederte ich: Ich habe von einer boeotischen Flötenspielerin, Ismenodora heißt sie, sagen hören, daß zu Theben ein Weib Mann und ein sehr berühmter Seher geworden sey mit Nahmen Teiresias, glaube ich. Ist es dir etwa auch so ergangen? – Nichts dergleichen, meine liebe Leaena; wie ihr anderen alle bin auch ich auf die Welt gekommen, mein Sinn jedoch, meine Begierden, alles in mir ist männlich. – Genügt dir denn die bloße Begierde? sprach ich. – Gieb dich mir, liebe Leaena, war ihre Antwort, wenn du kein Vertrauen zu dem hast, was ich dir sage; und du sollst sehen, daß ich den Männern in nichts nachstehe. Thatsächlich habe ich anstelle der männlichen Waffen etwas, das ihr gleich gilt; doch komm nur, du sollst sehen! – Ich habe mich hin gegeben, liebe Clonarion, sie bat mich so schön! Und dann hat sie mir auch einen köstlichen Halsschmuck geschenkt, und spinnwebefeine Oberkleider. Darauf umarmte ich sie wie einen Mann: sie aber liebkoste mich, küßte mich und ihr Atem ging schwerer; sie schien mir einen wonniglichen Genuß zu haben.

Clonarion. Aber was hat sie gemacht? Und wie hat sie's gemacht? Das vor allen Dingen mußt du mir sagen, meine liebe Leaena.

Leaena. Stelle keine so unschicklichen Fragen an mich. Das waren schändliche Sachen. Nein, bei der göttlichen Aphrodite, ich werde dir nichts weiter sagen.

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